Kalte Blicke - Klaus Stickelbroeck - E-Book
  • Herausgeber: KBV
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2012
Beschreibung

Ganz übersichtlicher Überwachungsauftrag... ganz simpel. Hartmann, Privatdetektiv und ehemaliger Fußballprofi, übernimmt den Fall und liegt... ganz falsch! Er soll sich um den alten Corneli kümmern, den einzigen Anwohner einer Häuserzeile in Flingern, der sein Eigentum noch nicht an den skrupellosen Investor verkauft hat. Dann wird jemand erschossen. Aber es ist nicht Corneli. Der Alte ist nämlich gar nicht so hilflos wie vermutet und pflegt ab und zu mit einer doppelläufigen Flinte auf Privatdetektive zu zielen. Seine Ermittlungen führen Hartmann quer durch Düsseldorf. Ihm zur Seite stehen bei dieser wahnwitzig schrägen Mörderhatz natürlich wieder sein drogensüchtiger Kumpel Angie, der einarmige Wirt Krake, Regenrinnen-Rita, die einzige Prostituierte Düsseldorfs über zwei Meter und erstmals auch sein Nachbar Jonny, der Taxi fahrende Medizinstudent aus Ghana. Und trotzdem wird es wieder verdammt eng für Hartmann.

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Seitenzahl:333

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Klaus Stickelbroeck

Kalte Blicke

Vom Autor bisher bei KBV erschienen:

»Fieses Foul«

»Kalte Blicke«

»Fischfutter«

»Auf die harte Tour«

Klaus Stickelbroeck wurde 1963 in Anrath geboren. Er lebt in Kerken am Niederrhein und arbeitet als Polizeibeamter in Düsseldorf. Seinen ersten Kurzkrimi veröffentlichte er im Jahr 2000. Zuletzt erschienen zwei seiner Kurzkrimis in Tatort Eifel 3 und in Schicht im Schacht (beide KBV).

Sein Kriminalroman Fischfutter (2010) wurde für den Friedrich-Glauser-Preis als bester Kriminalroman des Jahres nominiert. Stickelbroeck ist einer der fünf »Krimi-Cops«, deren drei Kriminalromane Stückwerk und Teufelshaken sowie Umgelegt ebenfalls bei KBV erschienen sind.

Klaus Stickelbroeck

Kalte Blicke

1. Auflage 2008

2. Auflage 2012

© KBV Verlags- und Mediengesellschaft mbH, Hillesheim

www.kbv-verlag.de

E-Mail: info@kbv-verlag.de

Telefon: 0 65 93 - 998 96-0

Fax: 0 65 93 - 998 96-20

Umschlagillustration: Ralf Kramp

Redaktion, Satz: Volker Maria Neumann, Köln

Druck: Aalexx Buchproduktion GmbH, Großburgwedel

Printed in Germany

Print-ISBN 978-3-940077-37-0

E-Book-ISBN 978-3-95441-087-3

für Alfred

Prolog

Da! Sie trat auf den Balkon. Langsam. Und stützte sich auf dem Geländer ab.

»Unter Tausenden.«

Selbst von hier aus, selbst im trüben Halbdunkel des endenden Abends. Sie ahnte nicht, dass jemand von hier, vom gegenüberliegenden Parkdeck aus, in ihre Wohnung, auf ihren Balkon sehen konnte. Und es tat. Im Schatten stehend. Abend für Abend, Nacht für Nacht. Sie beobachtete. Auf sie wartete.

Ihre Figur. Wie sie sich bewegte ...

»Unter Tausenden.«

Sie war allein? Sollte heute der Tag sein? Eine Hand glitt in die Tasche der Sommerjacke und zitterte ein Mobiltelefon heraus. Das Display schnippte auf. Ein Finger hetzte gierig über die Tastatur. Und stach zu. Zahlen mit zittriger Stimme gemurmelt.

»Vier, drei, null, eins ...«

Nein! Eine zweite Person trat neben sie ans Geländer. Das Handy schnappte zusammen. Nicht allein! Heute war nicht der Tag.

Das Handy glitt zurück in die Jacke und klackte kalt, als es dort gegen einen zweiten, metallenen Gegenstand schlug.

Vielleicht morgen.

1. Kapitel

Hartmann seufzte, senkte die unabhängige, überparteiliche Tageszeitung und schüttelte genervt den Kopf. Katastrophen, Katastrophen, Katastrophen. Alleine auf der ersten Seite des Blatts hatten sich fünf fanatische Selbstmordattentäter quer über die Welt verteilt in die Luft gejagt. Dazu kamen die Horrormeldungen zur fürchterlichen Klimasituation und die Nachricht, dass das Heizöl noch teurer werden sollte. Okay. Das war jetzt, Anfang September, nicht ganz so schlimm, aber Hartmann fragte sich, ob so eine furchtbare Nachrichtenlage nicht für den ganzen Tag ein schlechtes Omen sein musste.

Er knisterte sich weiter auf die dritte Seite.

Hamster frisst Ohrläppchen.

Fett gedruckt und rot unterstrichen. Hartmann murmelte kopfschüttelnd: »London: July (23) fiel frühmorgens nach durchfeierter Nacht ins Bett. Als sie aufwachte, schmerzte ihr Ohr. Es dauerte eine Weile, da bemerkte sie, dass ihr linkes Ohrläppchen fehlte. Auf ihrer blutüberströmten Bettdecke saß ihr Hamster Harry ... Meine Güte!«

Hartmann flüchtete hastig in den Sportteil. Dann doch lieber die neuesten Weisheiten von Oliver Kahn, der sich zum Ende seiner großartigen Torwartkarriere bei Bayern München nahezu täglich zu allen Themen der wilden Fußballerwelt äußerte. Sollte er doch. Gerne auch in Großbuchstaben und rot unterstrichen. Hauptsache ohne Blut.

»Morgen, Hartmann!« Nicole stieß die Tür zu Hartmanns Büro auf.

Der zuckte zusammen und verraschelte erschreckt die Zeitung. Nicole trug einen dunkelblauen Seidenkimono, der mit glitzernden, goldfarbenen Monden und Sternchen bedruckt war. Er war zwei Nummern zu klein, und deshalb war der dünne, ebenfalls dunkelblaue Gürtel, der vorne alles zusammenhalten sollte – und das war bei Nicole eine Menge –, hoffnungslos überfordert. An ihren Füßen trug sie farblich perfekt abgestimmte, halboffene Fransenschlüffchen mit Bommel.

»Morgen, Nicole, schicke Schuhe.«

»Ja? Findest du?« Sie glitt an Hartmanns Bürotisch, grinste kurz und zog ihre Augenbrauen zusammen. »Ich habe einen Job für dich.«

»Oha«, kombinierte Hartmann scharf und knisterte die Zeitung zusammen. »Suchst du den Dieb deines BHs?«

Nicole verdrehte die Augen und zupfte den Kimono vorne enger zusammen, der daraufhin allerdings unten ein wenig knapp wurde. »Ich bin bei der Arbeit und da trage ich keinen BH, weißt du doch.«

Hartmann nickte, stand auf und ging rüber an den Kaffeeautomaten. Nicole betrieb zusammen mit ihrer schwarzhaarigen Freundin Petra in der Etage unter ihm einen kleinen, feinen Herrensalon. Medizinische Entspannungsmassagen. Wenig Medizin, viel Entspannung. Wurde gesagt! Hartmann selbst hatte ihre Dienste noch nicht in Anspruch genommen. Kein Sex mit Nachbarn! Gibt nur Ärger.

»Auch einen Kaffee?«

»Nee, danke, aber hast du vielleicht ein Glas Wasser für mich? Ich hatte da gerade einen Kunden und hab jetzt einen ganz komischen Geschmack im ...«

»Klar hab ich Wasser«, unterbrach Hartmann hastig. Nie mehr Informationen als unbedingt nötig! Noch so eine Regel. Er glitt ins Nebenzimmer an die kleine Küchenzeile, riss den dicken Weißen auf und wurde links in der Ablage fündig. Glas, so, fertig. Hartmann ging zurück, klemmte sich wieder hinter den Schreibtisch und nippte am weißen Kaffeebecher mit rotem Fortuna-Emblem.

Nicoles Blick fiel auf das blaue Trikot der italienischen Fußballnationalmannschaft mit der Nummer 10, das über dem Sofa an der Wand hing. »Wo ist eigentlich deine Freundin? Die hab ich seit ein paar Tagen nicht mehr gesehen.«

»Gina ist für ein paar Wochen bei ihren Eltern in Italien. Ein paar Dinge regeln.«

»Ach?«, fragte Nicole interessiert.

»Ja, genau. Was soll ich also für dich tun?«

»Nichts. Ich meine, nichts für mich. Du weißt doch, dass ich gelernte Friseurin bin und nebenbei noch ein bisschen Haare schneide. Also, nebenbei von dem, was ich sonst noch so nebenbei mache.«

Hartmann nickte. Diese Dienste hatte er schon mal in Anspruch genommen, nachdem es bei einem seiner letzten Fälle unglückliche Umstände dringend erforderlich gemacht hatten, sein Äußeres schnell und drastisch zu verändern. Nicole hatte ihm eine Glatze geschnitten oder rasiert oder wie man das auch immer nannte. Jedenfalls hatte er nachher keine Haare mehr auf dem Kopf gehabt.

»Auf jeden Fall schneide ich auch der Anke Fehringer die Haare. Kennst du die? Nicht? Mit der habe ich mal eine Zeitlang zusammengearbeitet, in Frankfurt, ist ewig her. Die macht aber schon lange nichts mehr, du weißt schon.«

Aha. Hartmann nippte am Kaffee und schielte nach rechts in seine Zeitung. Die Nürnberger hatten Hans Meyer entlassen. Hm, wenn das mal kein grober Fehler war. Einen besseren als den lustigen Grantler aus Leipzig würden die nicht bekommen. Und in die zweite Bundesliga ging es für den Club sowieso.

»Hör mir zu, und lies nicht, wenn ich mit dir rede«, ermahnte ihn Nicole.

Hartmann zuckte zusammen und schlabberte Kaffee über den Sportteil. »‘tschuldigung, war nur der Hans Meyer.«

»Also: Ich hab ihr mal erzählt, dass ich einen Nachbarn habe, der Privatdetektiv ist, und gestern hat sie mich gefragt, ob du ihr bei einer Überwachungssache helfen würdest. Für Geld natürlich.«

Oha. Einen Job konnte Hartmann tatsächlich ganz gut gebrauchen. Seine Auftragslage in den letzten Wochen war nämlich mehr als übersichtlich gewesen. Man hatte ihm nicht nur die Bude nicht eingerannt, keine Sau hatte sich in sein Büro verirrt. »Zeit hätte ich schon. Um was geht es denn genau?«

Nicole grinste zufrieden. »Prima! Ich habe ihr schon fast fest zugesagt, weil ich ja mitgekriegt habe, dass bei dir seit ein paar Wochen nichts los ist. Keine Ahnung, um was es geht. Ich ruf sie an, und sie ruft dich an. So richtig wollte sie mir gegenüber mit der Sache nicht raus. Muss ja auch nicht. Du bist schließlich der Detektiv!«

»Genau! Ich bin der Detektiv: Ermittlungen aller Art, und bei mir ist immer was los. Übrigens: Dein Kimono steht offen.«

Sie grinste ihn an. »Das macht dich nervös?«

»Vor dem Frühstück schon«, grinste Hartmann zurück.

Nicole warf lachend den Kopf nach hinten. Ein zum Kimono passender Halbmond in ihrem linken Ohr baumelte heftig vor und zurück.

»Du hast keinen Hamster, oder?«

Nicole blinzelte.

»Hä?«

»Wäre echt schade. Du hast hübsche Ohren, du weißt schon ... äh, die am Kopf. Okay, die Anke soll sich melden, ich bin bereit.«

Nicole beugte sich über den Tisch. »Bereit? Na ja, das wäre ja mal was, wenn du endlich mal bereit und nicht so fürchterlich verklemmt wärst.«

»Ich bin nicht verklemmt. Ich bin dein Nachbar.«

»Aha, das erklärt natürlich alles«, schmollte Nicole, warf ihre lange, blonde Mähne in den Nacken und brachte den Halbmond wieder zum Wippen.

Hartmann wischte beim Aufstehen die Zeitung mit all ihren Hamstern, Klimakatastrophen und Kahns vom Schreibtisch. Das Blatt segelte vor Nicole zu Boden.

»Hab schon«, flötete sie, beugte sich blitzschnell nach vorne und fing das Blatt auf. Wobei allerdings der dunkelblaue Gürtel mit einem Ruck nunmehr gänzlich seinen Dienst auf- und einiges an Sehenswertem freigab. Nicole trug auch unten herum Berufskleidung. Hartmann verschlug es die Sprache.

Seiner Nachbarin aus der Etage direkt über ihm, der über achtzigjährigen Heidi Grütesaaper, verschlug es sie allerdings nicht. »Guten Morgen, zusammen! Ich störe ungern, aber die Tür stand offen.«

Hartmann zuckte zusammen und verschlabberte den letzten Rest Kaffee.

Nicole versuchte hastig zusammenzuraffen, was sich nicht zusammenraffen ließ.

»Frau, äh ... Guten Morgen, auch«, stotterte Hartmann.

»Hallo! Ich bin auch schon wieder weg«, flötete Nicole und reckte Hartmann beim Rausgehen einen aufgestreckten Daumen entgegen. »Super, Hartmann!«

Heidi Grütesaaper zog eine Augenbraue hoch. Hinter ihrer kleinen Lesebrille blinzelte es heftig. Mit dann aber wieder ausdruckslosem Gesicht fragte sie: »Super, Hartmann?«

»Äh, ja. Ich helfe ihr bei einem Job.«

»Aha. Bei einem ihrer Jobs oder bei einem Ihrer Jobs?«

Hartmann strich sich eine Strähne hinters Ohr.

Heidi winkte ab. »Ist ja auch egal, geht mich ja nichts an.«

Womit sie ja eigentlich recht hatte. Außerdem war Heidi hart im Nehmen. Die konnte so leicht nichts schocken. Sie hatte mehrere Weltkriege überlebt. Und im letzten Sommer sogar einen Mordversuch. Da würde sie doch gegen lieb gemeinte Zwischenmenschlichkeiten unter Nachbarn nichts haben. Hartmann erklärte trotzdem: »Nicole hat eine Freundin. Und die braucht einen Mann. Also, so jemanden wie mich, äh ... einen Privatdetektiv. Ich soll jemanden überwachen. Für die Freundin.« Oh Gott. Hartmann spürte, wie ihm eine nachpubertäre Röte ins Gesicht schoss.

»Wie auch immer, Herr Hartmann«, verkürzte sie sein Gestammel und schob sich an ihm vorbei auf den Besucherhocker. »Ich habe da nämlich auch noch eine kleine Bitte an Sie.«

»Immer raus damit.«

»Sie sind ja so nett und passen auf meine Wohnung auf, wenn ich ab Donnerstag mit der Gerda Giesen diese dreiwöchige Busfahrt nach Oberschlesien mache. Jetzt hat die Gerda ja einen Neffen, der sich um ihre Wohnung kümmern wollte. Mit dem hat sie sich aber vergangene Woche übel überworfen. Das ist aber auch wirklich ein komischer Kerl, ich hab den mal kennengelernt. Sicher: die Gerda ist manchmal auch nicht ohne, aber ... Na ja. Auf jeden Fall hat sie für die Wohnung jemanden gefunden, aber es müsste sich auch noch jemand um den Alfred kümmern.«

»Alfred?«

»Ja.«

Hartmanns Alarmglocken im Schädel schrillten. Bei Alfred dürfte es sich vermutlich um Gerdas nicht reisefähigen Ehemann oder Lebensgefährten handeln, somit um eine Person, die praktisch eher was für die geriatrische Abteilung war. Er sah sich schon Windeln wechseln und Brei verfüttern.

Heidi fuhr fort: »Alfred ist eigentlich ganz lieb, aber er ist manchmal etwas schwierig.«

Ha, bei Hartmann fiel der Groschen. »Alfred ist ein Kater? Oder ein Hund?«

»Nein, Alfred ist ein Papagei.«

»Ein Papagei? Alfred?«

Heidi nickte. »Komischer Name für ein Federvieh, finde ich auch. Gerdas Wilhelm hat ihn damals angeschafft und ist im Sommer drauf bei einer Fahrt mit dem Klingenden Rheinländer bei Bitburg einfach tot umgekippt. Weil Gerdas Wilhelm doch so ein leidenschaftlicher Hobbykoch war, hat er seinen Papagei Alfred getauft.«

Hartmann runzelte ihr ein Fragezeichen entgegen.

»Wilhelm hat immer die Sachen von Alfred Biolek nachgekocht.«

»Ach so. Klar.«

»Tja, und da hatte ich direkt an Sie gedacht, wo Sie sich ja schon so nett um meine Wohnung und um meine Blümchen kümmern.«

Stimmt, dachte Hartmann. Auf einen Papagei mehr oder weniger kam es da auch nicht mehr an. Ein gemeines Süßwasserkrokodil wäre möglicherweise problematischer gewesen. Oder ein Hamster.

Hartmann spurtete das Treppenhaus runter und reihte sich nebenan in Renates gut sortierter Brötchenbude in eine Schlange Ausgehungerter ein. »Ein Halbes mit feiner Leberwurst und ein Halbes mit Brie, bitte«, bestellte Hartmann, nachdem er sich bis an den Tresen herangestaut hatte. »Und einen großen Pott Kaffee dazu.«

»Den Kaffee bring ich dir an den Tisch, Chrissie«, flötete Renate aufgeräumt und kniff ihm – warum auch immer – verwegen ein Äuglein.

Hartmann nickte irritiert und verzog sich mit seinen Brötchen an einen Stehtisch mit Bahnhofsvorplatzblick. Er blinzelte durch die großen Fensterscheiben nach draußen in den warmen Septembermorgen und checkte die ortsüblichen Junkies. Vermutlich hatte einer von ihnen vergangene Woche sein rotes Rennrad aus dem Hausflur geklaut, und Hartmann hoffte, den Täter irgendwann beim Verticken des Rades zu erwischen.

Da er momentan nach einem Alkohol- und Polizeizwischenfall keinen Führerschein mehr hatte, war er ohne Rad auf Bus und Bahnen angewiesen, was bei Temperaturen jenseits der zur Zeit üblichen fünfundzwanzig Grad eine ziemlich üble, schweißtreibende Art der Fortbewegung war.

Er biss in den Käse.

Renate schob sich an seinen Tisch und stellte den Becher ab. »Hast du die Zeitung gelesen? Ist das nicht furchtbar?«

»Diese Selbstmordattentate überall in der Welt? Furchtbar! Ich frage mich manchmal ...«

»Ach nein, nicht das! Die Sache mit dem Hamster.«

Hartmann nickte. »Ich sag ja immer: Vorsicht mit Hamstern!«

»Ach? Die sehen doch so niedlich aus.«

Hartmann nippte am Becher und erklärte: »Hamster unterscheiden sich ja praktisch nur durch ein lächerliches Gen von der gemeinen Ratte.«

»Was?«

»Ja. Dass ein Hamster ein Hamster ist, ist quasi nur ein ganz seltener Zufall, ein Irrtum der Natur. Neun von zehn deutschen Hamstern sind praktisch Ratten. Der Rest verstellt sich im Grunde genommen nur. Mich wundert da nichts. Wenn die gefährlichen Nager dann nicht regelmäßig was zu fressen kriegen, garantiere ich persönlich für nichts! Da nehmen die Viecher, was sie kriegen können!«

Renate schlug entsetzt die Hände vor ihre üppige Brust. »Das ist ja schrecklich! Das hab ich gar nicht gewusst!«

Hartmann nickte nach draußen und murmelte mit zusammengekniffenen Augen: »Das ist eine verdammt grausame Welt da draußen, Renate-Baby.«

Sie nickte. »Woher du aber auch so Sachen alles weißt ...«

»Ich lese sehr viel.«

Renate huschte wieder davon, und Hartmann verputzte nunmehr in Ruhe sein Frühstück. Das rote Rennrad tauchte draußen nicht auf. Hartmann warf Renate beim Rausgehen ein freches Nagerlächeln zu. Zufrieden blinzelte er in den wolkenlosen Septemberhimmel: Das schien – allen Katastrophenmeldungen zum Trotz – ja doch ein sehr guter Tag zu werden!

Er presste sich durch ein ortsübliches Drogengeschäft und verschwand wieder im Hauseingang Konrad-Adenauer-Platz 12. Mehrere große Plakate verkündeten reißerisch, dass im lange leer stehenden Erdgeschoss des Hauses demnächst Düsseldorfs größter An- und Verkauf von Elektrobedarf eröffnen würde. Hartmann bezweifelte, dass der Laden seine Lebens- und Wohnqualität nachhaltig anheben können würde. Im Geiste sah er Junkies geklaute HiFi-Geräte in Bargeld umtauschen. Allerdings konnte er selbst auch einen neuen CD-Player gebrauchen. Oder eine Kamera.

Oben öffnete er seine Wohnungstür, durchquerte den kleinen, fensterlosen Flur und stieß die Tür zum Büro auf.

Er seufzte. Sein schickes Loft in Derendorf hatte Hartmann aufgeben müssen. Kurzfristig war er mit seinem ganzen Krempel in sein Büro am Hauptbahnhof gezogen, aber aus dem kurzfristig waren jetzt schon anderthalb Jahre geworden. Das Büro war sein Wohnzimmer, das Bad zu klein und sein Schlafzimmer zu hell. Seine Küche bestand in der Hauptsache aus zwei Kochplatten und einem großen, weißen Kühlschrank; beides hatte er praktischerweise gleich neben seinem Bett zwischen Nachttisch und Schrank aufgebaut.

Um ein paar Dinge in seinem Leben musste er sich wirklich ganz dringend kümmern. Das stand fest. Und mit einer neuen Wohnung könnte er demnächst ja mal anfangen.

Aber erst mal blinkte der Anrufbeantworter seiner Telefonanlage, die ihm sein drogensüchtiger Mitarbeiter Angie auf dem Trödelmarkt am Aachener Platz günstig besorgt hatte. Nachdem Hartmann die Gerätenummer rausgekratzt hatte, war sie praktisch wie neu. Er drückte ein paar Tasten.

»Guten Tag, mein Name ist Anke Fehringer. Nicole hat mich gerade angerufen und gesagt, dass Sie gegebenenfalls einen Fall für mich übernehmen können. Wenn es Ihnen recht ist, dann kommen Sie doch heute Mittag gegen 14 Uhr bei mir vorbei, dann besprechen wir alles Weitere. Meine Adresse lautet: Mörsenbroicher Straße 25.«

Eine coole, dunkle Stimme. Es war Hartmann recht.

Auf der Lenaustraße Ecke Mörsenbroicher Straße sprang Hartmann erleichtert aus der mit lärmenden Schulkindern überfüllten Straßenbahn in die Freiheit.

»Puh!«

Mörsenbroicher Straße 25. Hartmann blickte an einem hohen, rot verklinkerten Appartementhaus empor, fand kurz darauf ein übersichtliches Klingelbrett mit circa vierhundert Namensschildern, von denen zwei angesengt waren und vierzig komplett fehlten. A. Fehringer hatte eine unangesengte Klingel auf der Aluleiste ganz oben. Unterm Dach. Hartmann presste einen Daumen.

»Bitte?«, fragte die Klingelanlage schnarrend.

»Hartmann«, schnarrte Hartmann zurück.

Ein Summer summte. Im Hausflur befand sich ein Aufzug. Wenig später stand Hartmann auf dem obersten Absatz. Ihn erwartete in der sechsten Etage aber keine Anke Fehringer, sondern ein kräftiger Kleiderschrank mit dem Brustkorb eines bulgarischen Gewichthebers, der ihm die Tür offen hielt. Auf dem Brustkorb pfropfte ein runder Kopf ohne Haare.

Der Mund im Kopf fragte: »Hartmann?«

»Anke?«

»Komiker?«

»Privatdetektiv.«

Beide verzogen keine Miene. Mit einem Kopfnicken winkte der Glatzkopf Hartmann in die Wohnung und deutete quer durch das sonnendurchflutete Appartement mit Schrägdach auf eine riesige Sonnenterasse.

Dort erhob sich eine schlanke, etwa vierzig Jahre alte Anke Fehringer aus einem Sessel, schob eine gesichtseinnehmende Sonnenbrille nach oben in die Haare und streckte ihm eine Hand entgegen. »Herr Hartmann? Ich freue mich, dass Sie gekommen sind. Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?«

»Gerne, ja, ein Glas Wasser wäre gut. Ich hatte gerade so einen komischen Kunden.«

»Bernie?«

Bernie stand schon am Kühlschrank. Sie deutete auf eine Sitzgruppe draußen auf der Terrasse. Hartmann folgte ihrem Zeigefinger und ließ sich in einen hellen Rattansessel fallen. Wurden die alten Staubfänger aus den Achtzigern wieder modern?

»Sie sind Nicoles Nachbar? Sie hat mir schon viel von Ihnen erzählt.«

»Ich hoffe, nur Gutes.«

»Größtenteils. Immerhin so viel, dass ich mich gerne in einer heiklen Sache an Sie wenden möchte. Sie sehen gar nicht aus wie ein Privatdetektiv. Diese langen Haare. Sie sehen eher aus wie der Sänger dieser britischen Rockband. Wie heißen die doch gleich? Das ist so ein Brüderpaar ...«

»Oasis.«

»Genau, wie der Sänger.«

»Na ja, ich hab mal ‘ne Glatze probiert, aber sie steht mir nicht.«

»Glatze ist auch oft eine Charakterfrage«, zischte Bernie und klebte Hartmann ein Glas mit Wasser auf den Tisch.

Hartmann fragte sich, ob Bernie heimlich reingespuckt hatte. Sah aber nicht so aus, und er nahm einen kräftigen Schluck. Bernie verschwand nach drinnen. Hartmann legte die Beine übereinander und lehnte sich im Sessel zurück, damit eine ausfahrbare Markise das tun konnte, wofür wahrscheinlich Bernie sie an die Häuserwand geschraubt hatte.

»Herr Hartmann, ich bin Vorsitzende einer kleinen Bürgerinitiative«, kam Anke Fehringer angenehm zügig zur Sache. »Wir setzen uns für einen kleinen Straßenzug in Flingern ein, den Kiefernweg. Kennen Sie die kleine Straße und die dazugehörige Schrebergartenanlage?«

»Ja, ich bin fußballmäßig in Düsseldorf viel rumgekommen. Der Sportplatz des TUS Flingern ist gleich um die Ecke.«

»Gut. Thomas Heppner nennt sich Immobilienmakler. Im Grunde ist er ein rücksichtsloser Spekulant. Er spekuliert mit dem Geld seiner vor drei Jahren bei einem Verkehrsunfall verstorbenen Eltern, die ihm eine ziemlich hohe Summe vererbt haben. Heppner hat in den vergangenen Jahren mehrere Firmen seiner Eltern verkauft und ist dabei, den ganzen Straßenzug samt Schrebergärten und Sportplatz nach und nach aufzukaufen.«

Ein in Düsseldorf durchaus übliches, ganz normales Geschäftsgebaren, dachte Hartmann und nippte am Glas.

»Tatsächlich gehört ihm inzwischen der gesamte Straßenzug bis auf ein einziges, altes Häuschen. Dort wohnt ein Rentner, der nicht verkaufen will, obwohl Heppner ihm schon Unsummen geboten haben soll.«

»Hm«, brummte Hartmann, der seinen Einsatzbereich immer noch nicht erkennen konnte.

»Ich habe erfahren, dass Heppner erheblichen Druck auf den alten Mann ausübt. Telefonterror, Belästigungen aller Art. Bisher ohne Erfolg. Ich befürchte, dass er seinen Druck erhöhen wird.«

Aha! »Schlägertrupps?«

»Zum Beispiel. Es geht für Thomas Heppner um viel Geld. Er hat mächtig investieren müssen. Einzeln, als nicht zusammenhängende Flächen, sind die anderen Häuser samt Grundstück nur ein Bruchteil dessen Wert, was sie als Ganzes bringen könnten, wenn ...« Sie machte eine kleine Pause. »Wenn er dort ein Bürogebäude einrichten könnte.«

Hartmann faltete gedanklich einen Stadtplan auseinander. Das ergab Sinn. Der Kiefernweg lag in der Nähe eines neu erschlossenen Büroparks mit Anbindung an U- und S-Bahnen. Würde man den Kiefernweg mit einbeziehen, wäre das so gesehen eine sinnvolle Erweiterung der bestehenden Büroanlage nach Süden. Hartmann konnte sich vorstellen, wo das Problem lag.

»Die Lage spitzt sich nunmehr zu«, fuhr Fehringer fort. »Am Freitag der kommenden Woche findet eine Sitzung des Bauausschusses statt. Die Sache mit dem Bürokomplex hat nämlich einen für Thomas Heppner sehr dicken, gefährlichen Haken. Der Kiefernweg ist im Bebauungsplan der Stadt Düsseldorf als reines Wohngebiet ausgewiesen. Um dort ein oder mehrere Bürogebäude errichten zu können, muss dieser Bereich umgewidmet werden. So was ist nur möglich in einer Sitzung des Bauausschusses. Der tagt nur dreimal im Jahr. Sollte Heppner nicht das gesamte Gelände Kiefernweg sein Eigen nennen, sind die Aussichten, dass es eine Umwidmung gibt, eher gering.«

Hartmann verstand. »Das würde bedeuten, dass er die anderen Häuser und Grundstücke umsonst gekauft hat. Zumindest könnten dort vorerst keine Bürogebäude errichtet werden. Er müsste die Wohnungen möglicherweise als Wohnungen verkaufen oder vermieten.«

»Richtig. Und der Wohnungsmarkt liegt am Boden.«

»Die ganze Aktion wäre eine ziemliche Fehlinvestition.«

Fehringer nippte am Champagnerglas. »Die zeitliche Brisanz kommt dadurch zustande, dass die nächste Sitzung des Bauausschusses erst in knapp vier Monaten wäre. Vorher könnte der ganze Bereich nicht umgewidmet werden.«

»Das klingt wie ein ernstes Problem.«

»Das wäre mehr als das. Heppner müsste diese vier Monate zwischenfinanzieren. Das kann er nicht. Er hätte mit einem Schlag sein ganzes, geerbtes Geld in den Sand gesetzt und wäre pleite.«

Hartmann schob sich eine Strähne hinters Ohr. Da konnte man schon mal über die Anwendung körperlicher Gewalt und das Einsetzen von Schlägertrupps nachdenken. Fehringer beugte sich zu ihm rüber und Hartmanns riesiger, empfindlicher Zinken erschnüffelte teures Parfüm.

»Ich möchte, dass Sie ein achtsames Auge auf Corneli werfen.«

Hartmann blinzelte fragend.

»Heinrich Corneli ist der Besitzer des besagten kleinen Häuschens samt Garten in der Mitte des Kiefernwegs, der sich hartnäckig weigert zu verkaufen. Ich befürchte, dass dem Guten bis kommenden Freitag etwas zustößt.«

Hartmann nickte. »Okay, das habe ich verstanden. Ich habe noch eine ganz andere Frage: Was bringt Sie dazu, eine Bürgerinitiative zu gründen und sich um den Kiefernweg zu kümmern? Wir sind hier in Mörsenbroich. Kiefernweg und Flingern sind weit weg.«

Sie lehnte sich zurück und nippte am Glas. Ihr langes, schwarzes Haar glänzte im Sonnenlicht. Eine Klassefrau, stellte Hartmann fest. Endlich hielt die Stimme auf seinem Anrufbeantworter mal, was sie ihm und seiner Fantasie versprochen hatte.

»Das will ich Ihnen gerne sagen. Fahren Sie doch mal in diesen Büropark am Moskauer Platz. Der größte Teil der dortigen Büros steht seit Monaten leer. Das sind reine Spekulanteninteressen, die da zum Zuge kommen. Der Büroraum nimmt Wohnraum, die Mieten werden teurer und die Häuser für kleine Leute unbezahlbar. Spekulantentum passt nach Flingern wie Eismaschinen in die Antarktis.«

»Ideelle Gründe?«, fragte Hartmann misstrauisch. Idealisten machten ihn immer misstrauisch. Sie führten meistens nichts Gescheites im Schilde. Mahatma Ghandi und Mutter Theresa mal ausgenommen.

»Ich habe meinen Vater nicht gekannt«, erklärte Anke Fehringer. »Er hat meine Mutter vor meiner Geburt verlassen. Meine Mutter konnte sich nicht um mich kümmern. Sie hat getrunken und ist sehr früh gestorben. Ich bin in verschiedenen Wohnheimen und in glücklicheren Phasen bei meiner Großmutter im Kiefernweg aufgewachsen. Ich schlendere noch heute manchmal abends durch die kleine Straße und erinnere mich an meine ersten Meter auf einem klapprigen Kinderrad, an Gummitwist und an Seilchenspringen auf dem kleinen Spielplatz. Ich habe sonst keinen anderen Ort, der mir diese Erinnerungen zurückbringen kann.«

Hartmann nickte, nahm das mal so hin und sah sich verstohlen um. Wer in diesem angenehmen Ambiente lebte, brauchte seiner Meinung nach nicht unbedingt einen Ort in Flingern, der ihn an Kinderbrei und aufgeschlagene Knie erinnerte. Aber da mochte jeder Mensch anders sein. Die Ausführungen zu Mahatma Ghandi und Mutter Theresa ließ er dennoch nicht außer Acht. »Sie stellen sich also eine Rundum-die-Uhr-Bewachung vor?«

»Richtig. Bis nach der Sitzung in der kommenden Woche. Dann müsste die Sache durch sein. So oder so.«

Hartmann überlegte. »Dann brauche ich einen zweiten Mann, das ist Ihnen klar?«

Sie machte eine terrasseneinnehmende Geste. »Wenn Sie sich umschauen: Auch ich habe geerbt. Mein Mann ist früh gestorben und hat mir ein wenig Geld hinterlassen. Geld, das können Sie mir glauben, spielt für mich in dieser Angelegenheit eine eher nebensächliche Rolle.«

»Was bei Thomas Heppner eindeutig nicht der Fall ist.«

»Exakt. Ich habe noch eine kleine Bedingung«, erklärte Fehringer und senkte ihre dunkle Stimme. »Ich möchte nicht, dass Heinrich Corneli erfährt, dass ich ihn bewachen lasse und ich möchte auch nicht, dass dieser Auftrag in der Öffentlichkeit bekannt wird.«

Hartmann stutzte. »Wieso?«

»Ich denke, was für Heinrich Corneli gilt, würde auch für mich gelten. Ich traue Heppner einiges zu. Auch, dass er mich angeht. Je weniger ich in dieser zugespitzten Phase der ganzen Angelegenheit in Erscheinung trete, desto besser. Ich habe zwar Bernie, auf den ich mich sicher verlassen kann, aber ich brauche hier keine Schlägertrupps.«

»Wer braucht die schon? Okay, ich nehme 250 Euro am Tag plus Spesen.«

Sie stand auf, öffnete die Schublade einer Weichholzkommode und drückte Hartmann einen dicken Briefumschlag in die Hand.

»Das sind 2500 Euro. Ich denke, das sollte die ersten Unkosten begleichen. Sollten Sie mehr brauchen, melden Sie sich!«

Ein hübsches Schlusswort, fand Hartmann. Solche Auftraggeberinnen wünscht man sich doch! Hartmann leerte sein Glas und stand auf. Bernie wartete schon im Terrassenrahmen und begleitete Hartmann in den Hausflur. Der Aufzug rauschte ran.

»Das Wasser war spitze«, lobte Hartmann.

»Ich hab reingespuckt.«

»So mag ich es am liebsten.«

»Das dachte ich mir.«

Hartmann verschwand im Aufzug und stürzte sich in die Tiefe.

Hartmann bezeichnete Angie gerne als seinen besten freien Mitarbeiter. Für andere war Angie ein abgefuckter Junkie, der sich mehrmals täglich giftiges Zeug in die Venen jagte. Beides stimmte.

Hartmann warf einen Blick aufs Zeiteisen: 15.30 Uhr. Angie hockte, wie immer um diese Zeit, auf einem beschmierten Stromkasten in der Nähe des Carlsplatzes, umringt von einem halben Dutzend Personen. Gestalten, denen man im Dunkeln lieber nicht begegnen wollte. Oder sollte. Angie trug seine zeitlose, irgendwie dunkelbraune Lederhose und ein fleckiges Tote-Hosen-T-Shirt.

»Tag, Angie, saubere Blutwerte?«

»Was willst du denn hier?«

»Ich wollte mir ein Pferderennen angucken.«

Angie grinste schief und strich sich eine schwarze Strähne hinters Ohr. »Kümmere du dich um deine eigenen Blutwerte. Du wirst immer fetter.«

»Kann dir ja nicht passieren: Heroin macht schlank!«

»Geh mir nicht auf die Eier! Was willst du?«

»Ich hab einen Job für dich.«

Angie glitt vom Stromkasten, klemmte sich eine prallgefüllte Tragetasche unter die Achsel, schob Hartmann einige Meter beiseite, nickte hinter sich und zischte: »Nicht vor denen da.«

Hartmann schob die Augenbrauen unters Dach. »Wieso das denn nicht?«

»Macht meinen Ruf kaputt.«

Hartmanns irritierter Blick glitt über die muntere Runde hinter Angie, die sich schweigend eine Zweiliterflasche Lambrusco teilte. Einer stand ein wenig abseits und erbrach sich gerade lautstark in einen Mülleimer. Ein guter Ruf war hier offenbar mit anderen Maßstäben zu betrachten. Was war rufschädigend daran, einem Privatdetektiv helfend unter die Arme zu greifen?

»Als du noch Fußball gespielt hast, warst du ganz brauchbarer Umgang, aber heute ... Für die Jungs ist ein Privatdetektiv irgendwie das Gleiche wie ein Bulle«, erklärte Angie. »Nicht unbedingt das, was angesagt ist. Die Bullen sind hier beliebt wie Seife im Auge.«

»Okay, ich werde es mir merken und mich demnächst als Glücksmann von der Lottozentrale ausgeben.«

Angie nickte. »Schon besser. Was liegt also an?«

»Ein Kinderspiel.«

Angie verzog sein Gesicht. »Das klingt schlecht. Deine Kinderspiele führen immer dazu, dass ich am Ende mit gebrochenen Knochen im Krankenhaus liege.«

Hartmann seufzte. Am Stromkasten brach wildes Getöse los, denn die Flasche Wein war alle. Hartmann erklärte Angie in kurzen Sätzen, was Sache war. »Jeder zwölf Stunden. Die Tante hat Geld, springt also richtig was dabei raus.«

Angie strich sich durchs fettige, schwarze Haar.

»Okay. Ich bin ein Nachtmensch, ich mach die Nachtschicht. Von neun bis neun, okay? Sag mir, wo ich dich ablösen soll. Hast du meine Handynummer?«

»Du hast ein eigenes Handy?«

»Wieso eigenes Handy? Ich hab ein Handy.« Angie diktierte Hartmann die Nummer in dessen Handy.

Der seufzte. »Angie, mein Freund, du siehst noch ein bisschen schlechter aus als sonst. Du hast mehr Ringe unter den Augen als bei René Kern in der Auslage liegen. Was ist los?«

»Danke gleichfalls. Ich hab meine Bude verloren. Die letzten drei Nächte hab ich bei Regenrinnen-Rita gepennt, aber deren Macker macht dauernd Stress und bringt lichtscheues Gesindel mit nach Hause. Die saufen den ganzen Tag durch. Fast schon asozial. Ich hab kaum ein Auge zugemacht, und du weißt: ich brauche meinen Schlaf, also tagsüber. Wird Zeit, dass ich was Neues finde.«

Hartmann wechselte hastig das Thema. Er hatte Angie häufiger bei sich untergebracht, aber das lief immer auf jede Menge Dope, Spritzen und Stress heraus. Außerdem wirkte ein halb totgespritzter Junkie auf der Besuchercouch auf potenzielle Kunden – und seien sie auch noch so selten – eher geschäftsschädigend. Hartmann deutete auf die Tragetasche unter Angies Achsel. »Was hast du da drin?«

»Nichts.«

»Sag schon!«

»Vier Wäschetrockner, einen gelben Schaufelradbagger, einen indischen Scheinasylanten und vierzehn Fahrräder.«

»Fahrräder? Ich könnte eines gebrauchen.«

Angie seufzte. »Digitalkameras. Gute Ware, Auslaufmodelle. Vierzig Euro das Stück. Originalverpackt mit Benutzerhandbuch. Und die Speicherkarte gibt’s gratis dazu.«

»Zeig mal! Garantiekarte im Karton?«

»Kann sein. Aber mein Wort ist Garantie genug.«

»Ist es nicht.« Hartmann zückte sein Portemonnaie. »Ich nehme eine. Wir sehen uns um neun.«

Am Stromkasten brach wieder wildes Getöse los. Ein Typ mit langem, verfilztem Haar und nur einem Bein humpelte auf Krücken eine Zweiliterflasche Nachschub heran. Er schien sehr beliebt zu sein, denn alle fielen ihm um den Hals.

»Um im Menüfeld den Szenemodus (im Beiheft, Seite 8ff.) einzustellen«, murmelte Hartmann verzweifelt, »wählen Sie den Standardmodus und beachten Sie den Switch-Assist (Anlage 4/3.1, Seite 44) oder drücken und halten Sie die Taste FUNC./Set (Nr. 5) ...«

Hartmann runzelte die Stirn. Wie sollte das denn gehen? Mit nur einer Hand?

»Farbwechsel beachten, wenn Blitz!«

Hartmann drückte einen grünen Knopf, woraufhin sich das Display plötzlich verdunkelte und das runde Teil, das vorne rauskam, summend wieder im Gehäuse verschwand. Au Mann: Einen Freistoß aus dreißig Metern mit links an einer Sechs-Mann-Mauer vorbei in den Winkel zu ballern war einfacher, als so ein Teil zu bedienen ... Genervt schob er sich das Metallteil vorne rechts ins dunkelblaue Ben-Sherman-Hemd. Für ein paar Fotos ohne irgendwelche Extras sollte das Ding schon reichen.

Hartmann rutschte nach rechts und wechselte die Pobacke. Bevor er sich auf dem Steinmäuerchen niedergelassen hatte, das den kleinen Spielplatz mit Fußballtor umrahmte und er sich scheinbar den letzten, frühabendlichen Sonnenstrahlen widmete, war er zweimal langsam durch den Kiefernweg geschlendert.

Trostlos. Keine Menschenseele hatte er gesehen. Leblose Fenster aus von ihren Bewohnern verlassenen, verstaubten Häusern hatten ihm vorwurfsvoll und traurig hinterhergeblickt. Die meisten der dumpfen Löcher im Erdgeschoss hatte irgendwer von innen mit Sperrholz vernagelt. Die Scheiben in den oberen Etagen der Häuser waren teilweise eingeworfen, und selbst die sonst in der Stadt allgegenwärtigen Sprayer hatten jegliches Interesse an den grauen Häuserwänden des Kiefernwegs verloren und sich andere Objekte gesucht.

Eine Gegend wie gemacht für eine prächtige, ausgereifte Depression. Es fehlte nur noch, dass der schwülwarme Septemberwind ein rundes Strauchknäuel durch die Straße geweht hätte, wie er es in verlassenen Westernstädtchen zu tun pflegt. Und dass im Hintergrund jemand Mundharmonika spielt.

Heppner hatte ganze Arbeit geleistet und eine ganze Straße gemeuchelt. Tja, und jetzt wollte er ja wohl auch noch dem letzten Bewohner dieser toten Straße an den Kragen.

Direkt gegenüber Cornelis Hausnummer 34 lag zwischen der 37 und der 41 ein von allen Kindern verlassener Spielplatz, auf dessen besagtes Mäuerchen Hartmann sich gesetzt hatte. Hier machte er seine neue Digicam schussfertig.

Nun ja, er versuchte es.

»Knipsen kann ich hier nicht, das würde auffallen«, stellte er murmelnd fest. »Hier knipst sonst keiner was.«

Okay. Er reckte sich aufrecht und schlenderte von der Straße weg über den Spielplatz. Er passierte eine mit alten Klinkern geformte Feuerstelle. Mehrere Einwegspritzen erklärten, wer hier nachts die Abenteuerromantik suchte.

Hartmann kletterte durch ein paar Brennnesseln, stand an der Rückseite des Hauses Kiefernweg 37 und rappelte an ein paar mit Holzplatten zugenagelten Fenstern. Eine der Spanplatten ließ sich zur Seite wegdrücken. Dahinter befand sich ein bereits aufgehebeltes Fenster, das sich problemlos nach innen drücken ließ. Kurzer Blick nach links und rechts, aber wer sollte ihn schon beobachten?

Ein bisschen Schwung, und Hartmann sprang in den Rahmen und von da aus ins Gebäude hinein. Er wirbelte uralten Staub auf und flüchtete aus einer prächtigen Wolke ins halbdunkle Gebäudeinnere. Es roch muffig. Durch die zugenagelten Fenster glitten schwache Lichtfinger ins Innere. Seine Augen gewöhnten sich ans gedämpfte Licht. Vorsichtig knarrte er eine baufällige, ausgetretene Holztreppe rauf und betrat in der ersten Etage ein Zimmer zum Kiefernweg hin. Auch hier hatte der letzte Bewohner seine Fenster mit alten Spanplatten zugenagelt, aber mehrere der Holzplatten waren inzwischen runtergefallen, und durch die vergilbten, zugestaubten Scheiben hatte Hartmann freie Sicht – und freien Schuss – auf Cornelis Haus auf der gegenüberliegenden Seite, das scheinbar genau wie alle anderen Häuser der Straße verlassen vor sich hinschlief.

»Aha«, murmelte Hartmann und zückte seine Kamera.

Der Unterschied lag im Detail. Zu Cornelis Hütte gehörte der einzige unversehrte Briefkasten der ganzen Straße, und – na klar – der Rasen im Vorgarten war frisch gemäht.

Hartmann zuckte zusammen. Hinter ihm bewegte sich was. Sollte ...? Er fuhr herum und entdeckte eine Ratte, die blitzartig aus dem Raum schoss. Hartmann atmete heftig ein und saugte dabei ein halbes Kilo Staub in die Lunge. Vielleicht war es ja nur ein Hamster ...

Seine Armbanduhr zeigte 20 Uhr und ein paar Zerquetschte. Er seufzte und stellte zum x-ten Mal fest, dass Observationen total langweilig und das Allerletzte sind. Privatdetektivischer Bodensatz, spannend wie eine Langspielplatte von James Blunt. Und sie machten müde. Hartmann riss seinen Schlund auf, gähnte und pumpte ein weiteres halbes Kilo Staub in seinen Körper.

Er zückte seinen Fotoapparat, porkelte so lange an den Knöpfen rum, bis im Display Normalstatus erschien und machte ein paar Übersichtsfotos vom Haus gegenüber. Da ließen sich sogar Details ranzoomen.

Hartmann fotografierte den Briefkasten und kontrollierte sein Werk in der Wiedergabefunktion (Seite 4, unten ff.).

Plötzlich wurde das linke Tor einer Doppelgarage, die Cornelis Haus mit der Haunummer 32 verband, röhrend geöffnet. Hastig klickte Hartmann die Kamera wieder scharf und riss sie hoch.

Corneli schob eine Mülltonne nach draußen an den Fahrbahnrand. Heinrich Corneli sah aus wie die fast achtzig Jahre, die er war, machte einen vitalen Eindruck, ging aufrecht und mit festem Schritt. Er hatte graues Haar, trug ein graublaues Flanellhemd und hatte beigefarbene Puschen an den Füßen. Hartmann machte keinen Bauchansatz aus. Corneli trug seine Haare einen Tick zu lang.

Aber das tat Hartmann schließlich auch.

Er klickte und bekam ein paar ganz gute Aufnahmen hin. Der Zoom taugte was! So einen Apparat hatte er sich früher immer am Unterbacher See gewünscht, am Südstrand, da wo die Mädels immer ... Hartmann schüttelte den Kopf und knipste.

»Yeah, Baby, die Kamera liebt dich!«

Zwei Minuten später verschwand Corneli wieder in der Garage und zog das Tor hinter sich zu.

Na ja, Corneli war auf jeden Fall am Leben. Und so ganz furchtbar hilflos kam ihm dieser graue Panther eigentlich nicht vor. Okay, gegen eine Truppe semi-professioneller Schläger mit Motorradketten und Baseballschlägern konnte man auch als rüstiger End-Siebzigjähriger mit Weltkriegserfahrung schlecht aussehen.

»Fertig!«

Hartmann schob die Kamera wieder zurück ins Hemd und holte das Handy heraus. Es meldete sich Ja.

»Ja?«

»Angie?«

»Vielleicht.«

»Direkt neben der Hausnummer 37 ist ein Spielplatz. Geh hintenrum, ganz rechts steht ein Fenster offen. Ich bin in einem Zimmer in der ersten Etage, wenn du die Treppe hochgehst schräg rechts.«

Hartmann drückte Off. Unten glitt ein dunkelblauer 3er BMW mit mehreren Jugendlichen und einem lautstarken Rapper durch die Straße. Hartmann verstand nur »Yo Man«. Morgen früh würde er einen Disk-Player mitbringen und sich zwölf Stunden lang quer durch seine CD-Sammlung soulen!

Wieder raschelte es. Keine Ratte! Schritte! Hartmann drehte sich um und fuhr zusammen.

»Hallo!« Angie schob sich durch den Türrahmen.

»Was machst du denn schon hier?«, zischte Hartmann.

»Ich war gerade in der Nähe. Die Hütte hier kenne ich. Kumpels und ich haben letzte Woche auf dem Spielplatz nebenan ein bisschen gegrillt. Ich wollte noch mal fragen, wegen du weißt schon, wegen einem Vorschuss. Ich habe Hunger, und die Nacht wird lang.«

Hartmann rückte einen Fuffi raus. Sein Pulsschlag beruhigte sich. »Warum schleichst du dich an?«

»Ich bin nicht geschlichen. So gehe ich nun mal. Liegt an meinem Job. Ich gehe eben immer sehr langsam durchs Haus oder leise die Treppen hoch.«

Angie verschwand wieder.

Hartmann grübelte ein wenig über den sehr unterschiedlichen sozialen Status seines Bekanntenkreises, kam zu keinem Ergebnis, schlief fast ein und ließ sich pünktlich um neun von Angie ein zweites Mal erschrecken, der ihn mit einer Riesenschachtel Currywurst doppelt Pommes und Majo ablöste. Außerdem hatte er einen Klappstuhl dabei, und um seinen Hals baumelte ein Satz Kopfhörer. Hartmann seufzte. Sogar ein Junkie war irgendwie besser organisiert als er.

»Wo ist denn die Toilette?«, fragte Angie.

Hartmann nickte in den Flur und knurrte: »Links rum, durchs Billardzimmer, quer durch den Kerzensaal, rechte Hand direkt hinter dem Nass- und Saunabereich und vor dem Heimkino ist eine Rezeption. Frag da noch mal nach!«

Hartmann deutete durchs graue Fenster nach draußen, zeigte Angie das Bild von Corneli im Display der Kamera und ging.

Curtis Mayfield gab alles. The pusherman. Diese Stimme. Diese Gitarre. Einmalig! Hartmann räumte im Bürowohnzimmer seine Magnetpinnwand frei und klackte drei Fotos dran. Der Langzeitstudent im Copyshop mit 24-Stundenrund-um-die-Uhr-Service auf der Graf-Adolf-Straße hatte von Corneli eine ganz brauchbare Ausschnittsvergrößerung hingekriegt. Ein netter, älterer Herr. Das zweite Foto zeigte sein Häuschen Kiefernweg 34 (mit Briefkasten, unversehrt), das dritte zeigte Corneli, wie er die graue Mülltonne aus der Doppelgarage heraus an den Straßenrand schob.

Hartmann beschriftete die Fotos (Corneli, Kiefernweg 34 und Corneli mit Mülltonne), trat einen Schritt zurück und war mit seinem Gesamtkunstwerk zufrieden.

Diesem Fall – und sollte er auch noch so übersichtlich sein – würde er sich strukturiert und professionell widmen. Schon allein aus Übungszwecken.

Apropos professionell: Der Tag war lang, Hartmann müde, und ihm stand danach, sich unter einer heißen Dusche den Staub vom Kiefernweg 37 aus der Lunge zu husten, um anschließend frisch geschrubbt eine Runde zu knacken.

Super Plan!

Die heiße Dusche machte Hartmann noch müder als vorher, und kurz überlegte er, sich die Nachricht auf seinem Anrufbeantworter, die während seiner Dusche eingegangen war, gar nicht mehr anzuhören. Sein Blick fiel auf die Zeitung vom Vormittag mit den ganzen Katastrophen drin. Von wegen »schlechtes Omen«. Der Tag war doch ganz nett geworden. Vielleicht sollte er den Anruf einfach ignorieren.

Er hörte ihn sich an.

Nachher ist man immer schlauer!

»Hartmann, ich bin es, Nicole. Ruf mich zurück. Oder besser: Komm vorbei!« Sie nannte ihre Adresse. »Jemand hat Anke Fehringer erschossen.«

Eine knappe halbe Stunde später fiel Nicole ihm um den Hals. Hartmann drückte sie vorsichtig in eine Couch und entdeckte eine dampfende Tasse Kaffee. »Hast du für mich auch noch eine?«

Nicole verschwand in die Küche, kam mit einem Becher zurück und setzte sich neben Hartmann auf die Couch.

»Dann erzähl mal«, forderte Hartmann sie auf.

»Viel weiß ich auch nicht. Bernie hat mich angerufen. Der ist vollkommen fertig.« Sie schüttelte den Kopf. »Als Bernie heute Abend vom Einkaufen nach Hause kam, standen mehrere Streifenwagen vor dem Haus. Bernie dachte sich nichts, aber oben im Treppenhaus hielt ihn ein Grüner auf. Während er einkaufen war, hat jemand Anke erschossen, mein Gott.«

Sie sackte zusammen.

Hartmann nahm sie in den Arm. Kacke! In seinem Schädel ratterte es.

Er drückte Nicole, die schluchzend fortfuhr. »Nachbarn haben Schüsse gehört, nachgesehen und Anke blutend in ihrer Wohnung gefunden. Die Wohnungstür stand offen. Sie haben sofort die Polizei und einen Krankenwagen gerufen, aber Anke war tot.«

Hartmann strich sich durchs Haar.

»Haben sie den Täter gesehen?«

»Der Aufzug war auf dem Weg nach unten. Sie haben niemanden gesehen. Ich weiß aber nicht, ob die Polizisten überhaupt nach Zeugen gesucht und gründlich nachgefragt haben.«

»Wieso sollten die nicht vernünftig nachfragen?«