Haken dran! - Klaus Stickelbroeck - E-Book
Beschreibung

Ende der Diskussion! Wenn einfach kein gemeinsamer Nenner in Sicht ist, gilt es einen flotten, finalen Schlussstrich zu ziehen. "Haken dran!", meint Klaus Stickelbroeck. In seinen schräg-spannenden Kurzkrimis werden hartnäckige Konflikte unter anderem mit Piranhas, Killerviren und ausrangierten Waschmaschinen gelöst. Heiß geht es zu, wenn der Postmann zweimal fummelt, wenn in der Sauna gekillt, auf Borkum gefesselt und auf dem Hochsitz scharf geschossen wird. Auf dem Campingplatz in der Eifel kommt man sich näher, es geht hoch her auf dem Nebelhorn, und auch der Mallorcatrip entwickelt sich ganz anders als geplant.   In vier brandneuen Geschichten zeigt Stickelbroeck außerdem, dass sein Serienheld, Ex-Fußballprofi und Privatdetektiv Hartmann, den tödlichen Pass beherrscht.

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Seitenzahl:263

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Vom Autor bisher bei KBV erschienen:

Fieses FoulKalte BlickeFischfutterAuf die harte TourSchnell erledigtSchrottBlindgänger

Klaus Stickelbroeck wurde 1963 in Anrath geboren. Er lebt in Kerken am Niederrhein und arbeitet als Polizeibeamter in Düsseldorf. Seinen ersten Kurzkrimi veröffentlichte er im Jahr 2000. Der erste Kriminalroman Fieses Foul erschien 2007. Fischfutter (2010) wurde für den Friedrich-Glauser-Preis als bester Kriminalroman des Jahres nominiert.

Sein Serienermittler ist der Ex-Profifußballer und Privatdetektiv Hartmann. Stickelbroeck ist zudem einer der fünf »Krimi-Cops«, deren fünf Kriminalromane, zuletzt Knock Out (2015), ebenfalls bei KBV erschienen sind.

www.klausstickelbroeck.de · www.krimi-cops.de

Klaus Stickelbroeck

Haken dran!

Kurzkrimis mit und ohne Hartmann

Originalausgabe© 2017 KBV Verlags- und Mediengesellschaft mbH, Hillesheimwww.kbv-verlag.deE-Mail: info@kbv-verlag.deTelefon: 0 65 93 - 998 96-0Fax: 0 65 93 - 998 96-20Umschlagillustration: Ralf KrampPrint-ISBN 978-3-95441-392-8E-Book-ISBN 978-3-95441-403-1

Inhaltsangabe

Killer-Aufguss

Shades of Ray

Neulich am Nebelhorn

Kitty

Chaos im Keller

Der Camperkönig vom Pulvermaar

Ski Heil

Stille Wasser sind tödlich

Made in China

Nummer Fünf

Waidmannsheil in Untereyll

Malheur auf Mallorca

Haken dran!

Alles Mist!

Ästhetische Herren und zarte Gefühle

Hartmann und der Kolibri

Bleibachs Handicap

Blau schillernder Feuerfalter

Feine Spitze

Fünftausendvierhundertzweiundzwanzig Pflastersteine

Die schrecklichen Hunde von Barrymore Castle

Tödliches Kochduell

Ein Päckchen Tod

Der große Beschiss

Killer-Aufguss

Zwanzig Minuten«, stöhnte Siegbert Wankum und rutschte unruhig auf dem Bürostuhl vor und zurück. »Nur zwanzig Minuten wollte ich. Mann, ist das unangenehm.«

Er fühlte sich nicht wohl. Hier im Vernehmungszimmer auf der Polizeiwache in Geldern.

»Herr Kommissar, ich weiß, das ist alles ein bisschen … unglücklich, aber ich kann doch nicht dafür.«

Kriminalhauptkommissar Pit van Arcen blätterte in seinen Unterlagen. Sein Blick fiel auf die Fotos. »Wenn ich mir hier die Bilder ansehe, dann möchte ich allerdings schon ganz genau wissen, was da passiert ist.«

Siegbert Wankum räusperte sich. »Gut. Ich … brauche hin und wieder ein bisschen Zeit für mich. Momente der Muße, kleine, friedliche Oasen. Ich war noch nicht oft in der Sauna. Also, da in Wachtendonk. Ich war ein paar Mal in Kamperbrück, aber das war mir zu groß und zu rüselig. Davor war ich ein paar Mal in Holland, irgendwo bei Velden. Aber da waren mir zu viele Holländer.«

Van Arcen nickte. »Holländer in der holländischen Sauna. Da hätte man vielleicht mit rechnen müssen.«

»Ja. Irgendwie schon. Ich war aber dann richtig froh, als in Wachtendonk dieses neue Dings aufgemacht hat. Art Spa. Erst hab ich gedacht, das ist ein Druckfehler. Die haben in den Niederrhein Nachrichten vergessen, das Wort zu Ende zu schreiben. Art Spaß vielleicht. Ich sag es Ihnen, Herr Kommissar, die ersten beiden Male war ich begeistert. Auch wegen der Bilder. In dem Art Spa hängt ja ständig etwas Neues an den Wänden. Bilder, Fotos. Sogar Kunst.«

Van Arcen ließ die Schultern fallen und flüsterte. »Sogar Kunst … Mein Gott.«

»Aber heute, Herr Kommissar, heute … lief alles krumm. Ich zieh mich also um und begebe mich unter die Dusche. Ich bin da gründlich.

Auch zwischen den Zehen. Und gehe danach zügig in die Sauna. Ich mach die Tür auf, da sehe ich das Unheil schon sitzen. Also, im übertragenen Sinne. Die Frau halt, die da ganz rechts saß. Ich habe sofort gesehen: das ist eine Glitsche!«

»Eine Glitsche?«

»Ja. Die Glitsche liegt ausgestreckt über gleich drei Bankreihen. Rücken durchgedrückt, Arme und Beine weit von sich gestreckt. Vier Glitschen und die für fünfzehn Mann ausgelegte Sauna ist voll. Ich guck genauer hin: ja, alle Muskeln sind angespannt. Knackig, gesunde Haut, kein Fett! Glitschen haben so was Dynamisches, ich bekomm sofort ein schlechtes Gewissen. Wann war ich das letzte Mal joggen? Wo sind meine Bauchmuskeln? Wie wäre es mal mit Weight Watchers? Glitschen ziehen einen runter. Unangenehm.

Geht aber noch schlimmer!

Denn plötzlich richtet sich die Glitsche mit entschlossenem Ruck auf.

Jetzt Achtung, Herr Kommissar. Alarmstufe Rot!

Denn jetzt glitscht sie mit schwungvollem Strich schmatzend die dicken, klebrigen Schweißperlen vom Körper.

Es spritzt im hohen Bogen. Aufs Holz. Oder auf die Nachbarn. Zum Beispiel auf mich. Aber ich war ja gewarnt. Ich kenne ja die Glitschen!«

»Aha«, murmelte Van Arcen und verzieht sein Gesicht. »Klebrige Schweißperlen? Nicht schön!«

»Ne. Deshalb setz ich mich nach ganz links. Zweite Reihe. Da saß schon einer. Mittig. Ein Stiller. Das sind die Verklemmten. Machen kein Geräusch. Atmen die ganze Zeit nicht. Zu laut. Und haben die Beine übereinandergeschlagen. Die ganze Zeit. Versuchen Sie das Mal, Herr Kommissar. Zwanzig Minuten lang.

Na ja. Ansonsten sind die friedlich, die Stillen. Setz ich mich also daneben. Links der Stille, ganz rechts: glitsch, glitsch. Aber weit genug entfernt.

Ich drehe eine Sanduhr, die an der Holzwand hängt. Zwanzig Minuten soll meine Einheit dauern. Zwanzig Minuten Rast vom Alltag. Ruhe.

Dann öffnet sich die Tür. Rein kommt: der Lehrer.«

»Der Lehrer?«

»Genau. Gymnasium, Oberstufe. Sozialwissenschaften und Geographie. Blasse Haut, dünne Beinchen. Die Knie sind dicker als die Oberschenkel. Ich guck genauer hin. Und ja, abends Gitarrenkurs bei der VHS. Das erkennt man an der Druckstelle auf seinem dünnen, rechten Oberschenkel. Da wo die Gitarre immer aufliegt. Mir fällt sofort die Mundorgel ein!

Der Lehrer kommt ganz zögerlich rein. Guckt zuerst, sondiert. Ist jemand aus dem Kurs da? Oder die neue Referendarin? Er blickt ernst. Er grüßt ernst. Sauna ist ein ernstes Thema.

Guten Tag, allerseits.

Automatisch grüßen alle zurück. Wie in der Schule. Außer der Stille.

Dann steht er erst mal da. Mitten in der Sauna. Und zählt durch. In Gedanken. Kann man aber sehen, die Lippen bewegen sich. Warum, Herr Kommissar? Ich weiß es nicht. Das dauert, ehe der sitzt. Lehrer machen mich nervös. Ich guck nicht hin, aber ich weiß, da steht einer rum.

Ist hier noch frei, fragt er und deutet auf einen … freien Platz.

Na klar, will ich schreien, da sitzt ja keiner! Aber ich reiß mich zusammen, ich will mich ja entspannen.

Und dann geht das mit dem Saunalaken los. Es wird nicht hingelegt, sondern ausgebreitet. Faltenlos. Es wird gezippelt und gezuppelt. Ein bisschen nach links, ein bisschen nach oben. Dann hängt das Saunatuch zu weit durch. Noch mal neu.

Ich werd bekloppt!

Er setzt sich hin. Steht noch mal kurz auf. Ruckelt am Laken. Setzt sich … fast. Lüftet noch mal das Gesäß, ruckelt … Irgendwann reicht die Muskelkraft in seinen dünnen, zitternden Oberschenkeln nicht mehr aus. Und endlich sitzt er.

Stille. Glitsch, glitsch. Ruckel, ruckel …

Es öffnet sich sofort wieder die Tür und es kommt …

Hallöchen!

Mitte vierzig, Anfang fünfzig. Die Indianerin. Guter Allgemeinzustand, nur leichte Lackschäden. Ein paar Beulen, aber täglich gepflegt.

Sie ist komplett geschminkt. Anfangs. Fünf Minuten später nicht mehr. Aber anfangs schillert es in der Sauna in allen Farben. Sie trägt mehr Farbe im Gesicht, als die Komantschen, wenn die mit der kompletten Truppe drei Wochen lang aufm Kriegspfad waren.

Im Bauch ein Piercing, ums Fußgelenk ein Goldkettchen. Mit Anhänger. Ein Anker. Herr Kommissar, Schmuck in der Sauna? Das wird doch heiß! Das tut doch weh!

Aber egal!

Die Indianerin macht keine Probleme. Sie setzt sich hin und schwitzt. Sie hinterlässt nur ein paar Farbflecken. Wenn die Schminke übers Holz zerläuft und auf die Kacheln tröpfelt.

Herr Kommissar, bis hierhin, nicht wirklich ein Problem.

Stille, glitsch, glitsch, ruckel, ruckel, tropf, tropf.

Kein Problem. Ich will mich ja entspannen!

Aber das Problem … das geht schon seit einigen Minuten vor der Sauna auf und ab. Kann ich durch die Glastür sehen. Das Problem ist männlich. Und er geht. Er schreitet. Er zeigt sich. In voller Pracht. Es ist der Muskelmann.

Er ist gut gebaut. Auch unten rum.

Deshalb braucht er weder Handtuch noch Bademantel, der Muskelmann. Er schreitet. Und es baumelt. Und bevor er in die Sauna eintritt, haben es alle gesehen.

Baumel, baumel.

Er zögert seinen Auftritt hinaus. Doch dann … stößt er die Saunatür auf. Sie dellert innen gegen den steinernen Kasten, wo der Aufguss gemacht wird.

Baumel, baumel.

Hoppla, ruft er.

Und guckt erst mal. Wer ist da? Lohnt es überhaupt, sich zu präsentieren? Dann sieht er sie. Die Indianerin. Die Bauchmuskeln werden angespannt. Ja, Mädchen, guck hin, ich bin es: der Muskelmann.

Baumel, baumel.

Herr Kommissar: ein Neandertaler. Aber so ein richtiger! Kein Hals, flache Stirn, breite Überaugenwülste, kräftiger Kiefer, üppig behaart.

Ich wette, was in dessen DNA steckt, hat seit der Steinzeit das Neandertal nicht verlassen! Und da is nichts Neues dazu gekommen!

Muskelmann geht natürlich direkt auf die oberste Bank, klar. Das hat er noch von damals, aus der Tierwelt. Der Affenberg. Der größte Affe sitzt immer ganz oben!

Ich Tarzan, du Jane.

Ganz nah an mir vorbei steigt er die Bretter hoch. Er nimmt zwei Bankreihen auf einmal, weiter Schritt. Ganz nah an mir vorbei? Herr Kommissar? Baumel, baumel. Sie verstehen? Bei mir vorm Gesicht? Wäre ich ein Schäferhund – ich hätte zugeschnappt.

Ich spür aber nur so einen Luftzug. Wuschschschschsch.

Er nimmt nicht Platz, nein, er knallt seinen Hintern auf das Badelaken. Natürlich ohne vorher zu zippeln und zu zuppeln!

Die ganze, schräge Bankwand wackelt, Holz knirscht. Dem Lehrer verrutscht es vor Schreck das Badetuch. Die Indianerin lächelt und verwischt vor Aufregung den grellen Kajalstift, der Anker am Fußgelenk schaukelt.

Stille, glitsch, glitsch, ruckel, ruckel, tropf, tropf, boller, boller.

Geht aber noch heißer, donnert der Muskelmann und ruckelt mit ordnendem Griff seine Weichteile in eine bequeme Position.«

Siegbert Wankum machte mit festem Zupack und geschürzten Lippen vor, wie Pit van Arcen sich das Ordnen vorzustellen hatte.

»So, Herr Kommissar, so!«

»Is gut!«

»So!«

Der Ermittler nickte hastig.

»Noch ehe er sitzt, quetschen sich zwei junge Frauen herein. Sie sind sehr schlank. Sie sind sehr blond.

Und? Was hat die Sara Jacqueline ihm gesagt?

Sie hat ihm gesagt, dass sie schwanger ist.

Nein!

Doch!

Toll!

Und dass es Zwillinge sind.

Nein!

Doch!

Super. Zwillinge. Und wie viele?

Zwei.

Suuuuper. Und was werden es?

Geschwister!

Klasse. Und wer ist der Vater?

Beim ersten der Jeremy. Beim zweiten weiß sie es nicht …

Das, Herr Kommissar, war der Moment, wo ich ein bisschen unruhig wurde. Aber ich hatte noch knapp fünf Minuten. Und ich wollte das durchziehen, ich wollte mich entspannen, verdammt!

Stille, glitsch, glitsch, ruckel, ruckel, tropf, tropf, boller, boller. Und: schnatter, schnatter, schnatter.

Herr Kommissar, die beiden Mädchen konnte der Muskelmann natürlich nicht ignorieren. Er musste ihnen seinen Körper präsentieren. Ich wusste, was jetzt kommt.

Hat jemand was dagegen, wenn ich ein bisschen Aufguss nachlege?

Ich hätte mich fast gemeldet. Hab ich aber gelassen. Jetzt keine Diskussion. Ich will mich ja entspannen …

Stille, glitsch, glitsch, ruckel, ruckel, tropf, tropf, boller, boller, schnatter, schnatter, schnatter. Erdbeben.

Denn Muskelmann stampft die Bretter runter.

Dann steht er mitten in der Sauna und … bückt sich nach der Schöpfkelle.«

Siegbert Wankum blickt van Arcen mit hochgezogenen Augenbrauen an.

»Herr Kommissar, Sie verstehen? Mitten in der Sauna. Bücken? So ganz weit runter. Nackt. Mit dem Rücken genau vor mir. Also, mit dem Rücken und … Herr Kommissar, wie soll ich es sagen? Hintern ist Hintern. Hat zwei Hälften und ein … Sie wissen schon. Ich konnte gucken … Meilenweit konnte ich gucken. Wenn ich gerufen hätte, hätte es ein Echo gegeben.

Die Indianerin fächelt sich Luft zu. Der Lehrer ruckelt an seinem Laken. Die Glitsche glitscht, die Mädchen schnattern, der Stille stillt … Äh, der Stille sagt nichts.

Dann greift der Muskelmann sich die Kelle.

Killer-Aufguss, blökt er.

Zisch, brutzel und der Aufguss legt alles unter einen feucht-grauen Nebelschleier. Und wie der Muskelmann die Schöpfkelle wieder in den Eimer zurücklegen will, sagt der:

Hoppla.

Muskelmann rutscht auf den nebelfeuchten Fliesen aus, die Kelle wirbelt durch die Saunaluft. Und trifft den Stillen an der Schläfe. Ich sehe noch, wie der sich entsetzt in die Höhe schraubt. Aber er hat ja die Beine übereinander verknotet und kriegt sie so schnell nicht auseinander. So stürzt er kopfüber von der Bank. Auf die beiden Mädchen, die sofort losschreien.

Der Stille kullert bis ganz nach unten. Ich glaub, da war der schon tot. Wegen der Kelle.

Muskelmann windmühlt mit seinen Armen nach Halt, klatscht aber der Länge nach auf die Kante der mittleren Bank. Im Fallen reißt der die Indianerin nach vorne. Er selbst fällt … unglücklich. Ein fieses Geräusch, wenn so ein Genick bricht.

Der Muskelmann hatte ja aber auch die Indianerin im Stürzen noch nach vorne gerissen.

Und ich frage jetzt mal so: Muss ein Aufgussbecken eigentlich immer aus Stein gemauert sein? Ich meine, wenn es jetzt zum Beispiel aus Holz gewesen wäre, hätte die Indianerin ja vielleicht überlebt.

So nicht. Denn der Glutstein haut ihr eine tiefe Macke in die Stirn. Blut spritzt, die war sofort tot.

Die beiden Mädchen haben da ja noch gelebt.

Aber als der Muskelmann so mit Schmackes auf die Saunatreppe stürzt, haut er da praktisch eine Schneise in die Lattenkonstruktion. Links und rechts schlagen die Holzenden splitternd nach oben und stehen wie Speere in der Luft. Wie in einer afrikanischen Löwenfalle sah das aus. Und das hat ja quasi auch so funktioniert. Als die beiden Mädchen schwankend nach vorne taumeln, in die Holzpfähle fallen und sich aufspießen. Einmal komplett durch. Da haben die auch nicht mehr geschrien.

Geschrien hat da ja aber noch die Glitsche. So kehlig, so ein heiseres Krächzen. Weil eines der Bretter aus der gesplitterten Lattenkonstruktion ihr ganz … also, ganz unglücklich direkt vor den Kehlkopf geschlagen ist. Vielleicht drei- oder viermal hat die Glitsche noch japsend geröchelt, aber dann … Ich sag mal: ausgeglitscht.

Der Lehrer war auch plötzlich ruhig. Der hat – glaube ich – einen Herzinfarkt bekommen, denn der saß dort mit blauem Kopf sehr verkrampft. Und hielt sich das Herz.

In diesem Moment, Herr Kommissar, war es in der Sauna zum ersten Mal richtig ruhig.

Kein Glitsch, kein Tropf, kein Boller.

Ruhe.

Jetzt … Jetzt hätte ich mich richtig entspannen können. Aber ich guck auf die Sanduhr: meine zwanzig Minuten waren um.«

Shades of Ray

Sonntagnachmittag. Herrlich! Ich liege im Wohnzimmer auf der Couch. Tiefenentspannt. Locker und schlaff döse ich vor mich hin, als meine Frau, die Rita, sich plötzlich neben das Sofa stellt und mir mit spitzem Finger in die Seite stupst.

»Hase, hör mal, ich hab da eine ganz verrückte Idee.«

»Hm?«, murmele ich, drehe meinen Kopf und merke sofort, dass irgendetwas nicht stimmt. Meine Frau hat so was im Blick, so was Verwegenes. Verhuscht. Und ich denke gleich, Klaus, das hat mit ihrem Hobby zu tun.

Ich selbst lese ja nicht viel. Wenn überhaupt, dann Fernsehzeitungen. Meine Frau ist da anders, die liest Romane. Das sind meistens Krimis. Beim Lesen blüht sie auf, da geht sie mit. Sie kriecht förmlich in die Bücher rein. Hat die einen Autor für sich entdeckt, dann liest die alles von dem. Zum Beispiel die Sachen mit diesem unrasierten Kommissar aus Schweden, der immer so depressiv daherkommt. Wenig Sonne, kein Schlaf, um ihn rum sterben immer alle. Tragisch. Wenn die was von dem liest, braucht meine Frau selbst einen Therapeuten. Zwei Schwedenkrimis hintereinander und meine Frau ist ernsthaft suizidgefährdet.

Oder der italienische Kommissar aus diesen Kriminalromanen von Madonna. Wenn meine Frau da eine Nacht durchgelesen hat, dann, – also, find ich –, dann riecht die morgens sogar ein bisschen nach Venedig. Diese leicht faulige Nuance. Vom Brackwasser, in den Lagunen.

Rita rückt jetzt ein wenig näher und haucht. »Hase, ich würde gerne mal etwas Neues ausprobieren.«

Ich ruckle mich besorgt im Sofa hoch. Aufpassen! Das letzte Mal, als meine Frau was Neues ausprobieren wollte, haben wir das Badezimmer neu gefliest.

»Was denn, Schatz?«

Sie legt ganz zärtlich einen Arm sanft um meinen Hals und ich erkenne verwirrt, dass ihre Wangen rot glühen. Sie klimpert mit den Augenlidern und ihr Atem ist heiß. Und mit einem Mal weiß ich Bescheid. Ihre letzte Lektüre war kein Krimi.

Meine Frau hat Shades of Ray gelesen …

Jetzt beißt sie verführerisch auf ihre Unterlippe und gurrt. »Vielleicht sollten wir ausgetretene Wege verlassen und ein bisschen Schwung in unsere Beziehung bringen.«

»Ein bisschen Schwung?«, frage ich entsetzt.

Mit dem Schwung ist das bei mir nämlich so eine Sache. Ich bin ja jetzt nicht mehr der Allerjüngste. Ich kann mit trübem Blick am Horizont des Lebens schon schemenhaft die Zielgerade meines Daseins erkennen. Die will ich aber auch erreichen. Mein Schwung ist da vollkommen ausreichend. Ich kümmere mich um den Garten. Hier mal was gepflanzt, da mal was gezupft, den ein und den anderen Vogel mit der Flinte aus dem Kirschbaum geballert. So was. Auf jeden Fall: Schwung satt!

»An was hast du denn gedacht?«, frage ich vorsichtig.

»Du bist der Mann, schlag du doch was vor, Hase!«

Aber Hase will nichts vorschlagen. Hase will seine Ruhe haben. Im Grunde genommen habe ich mich nämlich ganz anders orientiert. Eher so: der Garten, die Fernsehzeitungen. Oder Skat spielen mit den Jungs.

Die Finger ihrer rechten Hand spazieren neckisch über meine Brust.

»Ich dachte da an was … Härteres.«

Sie zwickt mich.

»Aua!«

»Was hältst du denn von ein bisschen Lack und Leder?«

Alles zu seiner Zeit, hätte ich flüstern mögen, aber ein erneutes, kräftiges Zwicken lässt mich schmerzhaft laut aufheulen.

Ich hätte es ahnen müssen. Natürlich hat sie sich emotional auf diesen erotischen Gassenhauer genauso eingelassen, wie sie es bei ihren Kriminalromanen immer tut. Nicht auszumalen, was das jetzt für die nähere Zukunft bedeutet, wo das hinführen mag. Das geht gar nicht! Gibt es zu Shades of Ray eigentlich einen zweiten Teil? Gibt es Überlebende? Die Geschichte der O. fällt mir ein. Und wie heißt dieser sadistische Marquis aus Frankreich?

»Das kommt sehr plötzlich, Schatz.«

»Sei doch mal ein wenig spontan.«

Spontan rutsche ich sicherheitshalber auf der Couch ein wenig zur Seite. »Ich glaube, das ist nichts für mich.«

»Ach, lass es uns doch wenigstens einmal ausprobieren«, summt meine bessere Hälfte, langt mit einer Hand nach unten und zieht einen Gegenstand hinter dem Sofa hervor. »Na, Hase, wie gefällt dir das?«

Ich reibe mir entsetzt die Augen. In der rechten Hand meiner Gattin entdecke ich eine Peitsche.

Bei mir zieht sich alles zusammen.

Ein kräftiger Ruck und die Peitsche sirrt durch die Luft. »Ungeahnte Möglichkeiten, Hase.«

Ja. Und genau vor diesen ungeahnten Möglichkeiten hat Hase gerade mal aber so richtig Angst. Ein dicker Kloß robbt zäh mit stumpfen Ellenbogen meine Speiseröhre rauf und runter. Lack und Leder? Eine große Tube Massageöl würde es doch auch tun. Oder frische Bettwäsche …

»Das ist ganz bestimmt nichts für mich, Schatz!«

»Das weißt du doch gar nicht. Und nenn mich nicht Schatz. Sondern Meisterin.«

Die langen, schwarzen Ledertroddeln ihrer Peitsche streifen über meine Brust. Ich rücke auf der Couch noch ein Stück zur Seite.

»Hase, mein böser Tiger, werde locker!«

»Na gut«, flüstere ich.

Meisterin will mir nicht richtig über die Lippen kommen. Ich sehe mich auch noch nicht als böser Tiger, aber da ist sowieso nichts zu machen. Da hilft jetzt nur die Flucht nach vorn. Dann hätte ich nachher wenigstens meine Ruhe.

»Aber nicht hier, Rita, nicht hier bei uns in der Wohnung. Wenn das die Nachbarn mitkriegen.«

Tatsächlich lässt sie von mir ab. »Na gut, überleg dir was! Suche uns was Freches aus!«

Wieder zischt das Lederteil.

»Ja«, flüstere ich. »Mach ich.«

Abends bei Anita in der Kneipe versuche ich mich abzulenken. Donnerstags, wenn auch der Männergesangsverein probt, kloppen wir dort am runden Stammtisch immer Skat. Der Hacki, Günther, der Bernd und ich. Geber setzt aus. Anfangs Pils, später Cola Korn.

»Wer ist dran mit austeilen?«, fragt Hacki.

»Immer der, der fragt«, antwortet Günther genervt.

»Also ich?«, fragt Hacki mit hochgezogenen, buschigen Augenbrauen.

»Wer hat denn gefragt?«, knurrt Günther.

Hacki blickt ausdruckslos, aber Bernd drückt ihm stumm die Karten in die Finger. Hacki ist nicht die hellste Kerze auf der Torte. Er fängt aber jetzt doch an, die Karten langsam neu ineinanderzuschieben. Sein Tempo dabei ist beeindruckend. Wenn Hacki mischt, setzen die Kreuze Rost an!

Flapp, flapp, flapp.

Ich kratz mir den Kopf und überlege, ob es vielleicht doch keine so gute Idee war, unseren Kegelverein in einen Skatclub umzufunktionieren.

Welcher Skatclub heißt auch schon »In die Vollen«?

Als aber kurz hintereinander der Schorsch und der Hermann für immer von uns gegangen sind, sie also – quasi –, die letzte Kugel geworfen haben, wurde es auf der Kegelbahn doch sehr übersichtlich. Und als Günther wegen seiner neuen Hüfte beim Werfen nicht mehr richtig tief runter kam, erschien uns das als eine ziemlich sinnvolle Idee.

Bernd winkt der Anita. Richtig, wenn Hacki mit seinen haarigen Fingern die Karten neu übereinanderlegt, ist immer Zeit für eine bequeme Zwischenrunde. Hacki hat einen Schwager auf der Baesdonk, der soll sich totgemischt haben.

Günther beugt sich zu mir rüber. »Klaus, was ist los? Du gefällst mir heute Abend überhaupt nicht. Du bist nicht bei der Sache. Einmal falsch bedient, Trumpf falsch gezählt und einmal haste vergessen, den Stock zu drücken.«

»Geht schon«, knurre ich.

Meine Kumpels und ich, wir sind hier am Tisch schon ziemlich locker, reden über fast alles, aber Lack, Leder und devote Fesselspiele würden die Jungs dann doch überfordern. Andererseits …

»Hör mal, Günther, hast du nicht ein Wochenendhaus? Irgendwo in der Nordsee?«

»Ja, auf Borkum.«

»Ist da demnächst noch was frei?«, frag ich nach.

»Sicher. Willst du da hin?«

»Ist das da abgelegen, so ein bisschen einsam?«

»Da wo das Häuschen steht, da hat der Fuchs noch nicht mal einen Hasen, dem er gute Nacht sagen kann.«

Klingt gut, denk ich.

Flapp, flapp, flapp.

»Planst du mit der Rita ein frivoles Liebeswochenende?«, gibbelt Bernd von der anderen Seite. »Dann pass auf deinen Blutdruck auf!«

Günther lacht, ich sag mal nichts. Hacki mischt immer noch. Flapp, flapp, flapp.

Anita gleitet heran und klebt uns das frische Bier auf die Pappdeckel.

»Kopf in den Nacken!«

»Hau weg, das Zeug!«

Flapp, flapp, flapp.

»Mensch, Hacki, mach voran!«, keift Bernd.

Hacki lässt vor Schreck die Karten fallen. Günther und Bernd verdrehen die Augen. Ich nippe am Bier und habe noch vor der nächsten Bockrunde eine Idee. Bis zum Ramsch reift die Idee zum Plan.

»Günther, dann reservier mir nächsten Monat mal ein verlängertes Wochenende.«

So ganz genau hab ich gar nicht gewusst, wo Borkum liegt. Hab ich aber nachgeschlagen, ist die westlichste und größte der sieben bewohnten Ostfriesischen Inseln. Alles klar. Also Borkum. Wir sind dann noch gar nicht losgefahren, da habe ich schon den Kaffee auf.

»Mann!«

Fluchend und mit hochrotem Kopf versuche ich Ritas buntes Kofferensemble in unseren Kleinwagen zu quetschen. Ich werd bekloppt.

»Verlängertes Wochenende.«

Wozu braucht die dann den halben Hausstand? Für mich hat doch auch eine Sporttasche gereicht. Vier, fünf Tage? Da packe ich doch nicht mal eine zweite Unterhose ein.

»Passt die Sporttasche noch irgendwo hin?«

»Ja, sicher, Schatz. Das Handschuhfach ist noch frei. Und ich kann auch noch die Lichtmaschine ausbauen.«

Sie lacht neckisch und pikt mir in den Bauch. »Da sind ganz viele, aufregende Spielsachen drin, Hase.«

Sie öffnet flink den Reißverschluss, mir stockt der Atem. An ihrem Zeigefinger baumelt eine Handschelle.

»Ich will ja nicht, dass du mir auf der Insel abhandenkommst«, flüstert sie lüstern.

Losfahren tun wir dann auch irgendwann. Weil wir aber nicht – wie von mir geplant – schön zeitig aufbrechen, stehen wir schon gleich beim Autobahnkreuz Moers im Stau. Zehn Kilometer weiter muss sie das erste Mal auf die Toilette, dringend. Ich biege auf den nächsten Rastplatz. Einen Moment lang überlege ich, einfach weiter zu fahren und sie dort auszusetzen. Mach ich dann doch nicht. Wäre vielleicht besser gewesen.

Die Sonne knallt, über 30 Grad. Kurz hinter Duisburg fällt die Klimaanlage aus.

»Bist du auch so aufgeregt?«, fragt Rita kurz vor Ahaus.

»Ja, bin ich«, kann ich wahrheitsgemäß antworten.

Kurz vorher hab ich nämlich im engen Baustellenbereich einen holländischen PKW mit Dachgepäckträger und Wohnwagen überholt. Auf der Autobahn ist den Holländern echt alles zuzutrauen …

Bis Nordhorn stehen wir dann noch vier Mal im Stau.

»Der Sicherheitsgurt nervt«, mault sie.

»Das kann ich ändern«, behaupte ich und habe sie in Gedanken bis kurz vor Eemshaven schon dreimal mit dem Gurt erwürgt. Dann würde der auch nicht mehr nerven, der Gurt.

Sie auch nicht.

Wäre ja auch irgendwie eine Art Fesselspiel gewesen …

Schließlich kommen wir doch noch auf der Insel an und Günthers Häuschen ist schnell gefunden. Eine schöne Hütte. Rustikal, Reetdach, kleiner Vorgarten, viel Holz, Kamin, offene Balkenlage. Richtig gemütlich.

Eine halbe Stunde später habe ich Ritas Kofferpotpourri und meine Reisetasche ins Haus verfrachtet. Erschöpft lasse ich mich in den erstbesten Sessel fallen. Ich bin so fertig wie der schwedische Kommissar aus Ritas Krimis immer aussieht und rieche schlimmer als Venedig. Ächzend stemme ich mich hoch und schleppe mich kraftlos nach oben ins Schlafzimmer.

Dort wartet … Rita.

Ich muss zweimal hinsehen. Rita steht vor mir und trägt schwarze Reizwäsche. So was vorne Zugeschnürtes, oben, mit Schleifchen … und auch unten. Da ohne Schleifchen … Leder. Teuer können die Kleidungsstücke nicht gewesen sein, denn sie sind sehr löchrig. An ihrem mit Nieten besetzten Hüftgürtel baumelt funkelnd das glänzende Paar Handschellen. Auf dem Bett liegen rote Seidenschals und weiche Bänder aus schwarzem Samt. Im CD-Player dreht sich eine Scheibe und ich erkenne Prince.

»Na? Gefällt dir, was du siehst?«

Ich schnappe nach Luft und stammele: »Ja, Meisterin.«

Es gefällt mir wirklich.

»Fessele mich!«, befiehlt sie.

Ich nicke ergeben, löse behutsam die Handschellen vom Gürtel und lege sie vorsichtig um ihre feinen Gelenke. Genussvoll lässt sie sich führen. Sanft befestige ich die frivolen Eisen mit einem der schwarzen Samtbänder links und rechts oben am Holzbalken der rustikalen Deckenkonstruktion. Rita schnurrt wohlig, windet sich lustvoll. Ich bin wirklich zärtlich, als ich sanft den roten Knebelball zwischen ihre Lippen schiebe.

Jetzt sitze ich wieder mit meinen Jungs beim Skat. Wir sind schon beim Cola Korn.

»18«, knurrt Günther.

»Ja«, behaupte ich.

»20.«

»Hab ich.«

»Zwo«, bellt Günther ein bisschen lauter.

»Sicher«, schreie ich zurück.

Ich habe ein super Blatt. Mit Dreien, gespielt Vier, Schneider. Mindestens. Wenn es gut läuft: Schneider schwarz.

Schwarz ist auch ein gutes Stichwort.

Borkum. Ich habe die Insel vorige Woche mit der letzten Fähre Richtung Festland wieder verlassen. Ich. Rita nicht. Rita müsste immer noch dort hängen.

Neulich am Nebelhorn

Ich laufe mal hinten, ich laufe mal vorn.Ich besteige mit meiner Frau das Nebelhorn.

Und spüre, mit jedem Höhenmeter,werde ich wütender. Auf meine Frau und auf Peter.

Der ist ja mein Nachbar, den fand ich eigentlich ganz nett.Jetzt hör ich, der geht mit meiner Frau ins Bett.

Das ist nicht gut, das ist nicht schön.Das kann so auch nicht weitergehn.

Der Nebel ist inzwischen dichter als dicht.Wenn jetzt einer stürzt, dann sieht man das nicht …

Und wie meine Frau da so an der Kante steht – schwupps,da gebe ich ihr einen kräftigen Schubs.

Sie stürzt Richtung Tal, sie schreit.Ihre Stimme ist laut, sie ist voll.Ich lausche. Oh Mann, ist das Echo hier toll.

Kitty

Dimitri wuchtete schwungvoll einen Karton in den Kofferraum seines Lieferwagens. Der Grieche war Hartmanns Nachbar und hatte bis vor kurzem im Erdgeschoss einen Secondhand-Laden betrieben. Exklusives Sortiment, sehr gute Preise, die Ware manchmal sogar original verpackt.

Hartmann nippte am Kaffeebecher. »Du ziehst also tatsächlich aus?«

Dimitri strich mit dem Hemdsärmel Schweiß von der Stirn. »Scheiße, Malaka, die Bullen rücken mir immer mehr auf die Pelle. Nur wegen der Handgranaten. Und den paar Maschinenpistolen. Ich werde umziehen und mich ganz neu aufstellen.«

»Ehrliche Arbeit?«

»Was? Nein! Ich spiele mit dem Gedanken, ein griechisches Restaurant aufzumachen.«

Hartmann nahm einen Schluck und fragte sich, warum bei Dimitri ehrliche Arbeit und griechisches Restaurant nicht zusammengingen.

»Ich hab sogar schon einen Namen. Spukt mir seit Tagen im Kopf rum. Akropolis.«

Hartmann nickte anerkennend. »Super Name. Originell. Mal was anderes.«

Dimitri strahlte und stemmte Hartmann einen Karton entgegen. »Ist ein Computerturm drin. Superspezialteil. Überlass ich dir für einen Fuffi, weil du es bist.«

»Ich hab schon ein …«, versuchte Hartmann.

»Aber nicht so ein Hammerteil, mein Freund. Ich hab einen rumänischen Superspezialkumpel, der hat es voll drauf. Der hat sogar schon mal fürs Landeskriminalamt gearbeitet.« Dimitri stutzte. »Oder gegen die? Ich weiß es jetzt nicht genau. Auf jeden Fall hat der den PC richtig fett aufgepimpt. Das Teil hat jetzt dermaßen Power, da kannst du von hier aus den Satellit, der für RTL 2 zuständig ist, ein- und ausschalten.«

»Gut, das wäre hin und wieder reizvoll, aber …«

In Hartmanns Hemd lärmte sein Handy. »Moment mal eben.« Hartmann trat einen Schritt zur Seite. »Privatdetektiv Hartmann, Ermittlungen aller …«

»Ja, ja, is gut. Komm her, ich brauch deine Hilfe!«

Hartmann ruckte seine Augenbrauen hoch, denn er hatte die Stimme erkannt. Sein Lieblingszuhälter: Huren-Heinz.

»In den Geisten 58«, fuhr der mit knapper Stimme fort. »Bei Babsi. Beeil dich!«

»Worum geht es denn überhaupt?«, bellte Hartmann, ehe Huren-Heinz auflegen konnte.

»Nicht am Telefon.«

»Gib mir ein Stichwort!«

»Geiselnahme. Oder Entführung. Such dir was aus!«

Huren-Heinz kappte die Leitung.

Zwölf Euro dreißig verlangte die Taxifahrerin, Hartmann gab fünfzehn. Die 58 war ein unscheinbares Reihenhaus, dezent dunkelgrün gestrichen, zwei Steinstufen hoch bis zur Haustür. Babsi hatte die Klingel ganz oben rechts. Vielleicht hieß sie mit Nachnamen Herz, denn hinter dem Wörtchen Babsi zierte ein grellrotes Herzchen die Klingeltaste.

Gleich nach dem ersten Bimmeln wurde aufgesummt, drei Treppen später nickte Huren-Heinz ihn in die Appartementwohnung. »Ein paar Sätze vorab.«

»Find ich gut«, entgegnete Hartmann, der sich ganz sicher in nichts Gefährliches reinziehen lassen würde.

Babsis Arbeitsplatz war hell, sauber, eine ganz normale, schick eingerichtete Appartementwohnung. Es roch allerdings schwülwarm nach Räucherstäbchen, fruchtig nach Tee, durchzogen von einem Hauch Massageöl. Kokos, tippte Hartmann.

Huren-Heinz ließ sich in einen Stuhl fallen. »Babsi ist ne richtig Gute. Eine meiner besten Angestellten. Aufrechter Charakter, gute Titten.« Huren-Heinz stöhnte, seine breite Goldkette vibrierte im Brusthaar. »Aber jetzt, jetzt geht alles den Bach runter.«

»Wie jetzt?«

»Ihr Lover ist weg.«

»Entführt?«

»Ne. Einen Tritt in den Arsch hat er bekommen, der Blindgänger! Aber Babsis Katze hat er mitgenommen.«

»Babsis Katze?«

»Kitty.«

»Kitty?«

»Genau. So heißt das Vieh. Babsi ist total am Ende. Flennt nur noch rum. Gestern der Gipfel. Fragt der Freier, – ein Stammkunde –, ob er jetzt endlich mal Babsis Muschi sehen kann. Da fängt die an zu heulen und kriegt sich nicht mehr ein.«

»Oh …«

»So geht das nicht weiter! Da muss was passieren. Wir brauchen Kitty zurück!«

Hartmann klappte der Mund auf. Er schloss ihn wieder.

Huren-Heinz schnaufte. »Den Rest erzählt dir Babsi am besten selbst.«

Babsi wartete im … Arbeitszimmer. Durch rote Lamellen warf die Sonne helle Streifen auf ein überdimensioniertes, rundes, rotes Bett in der Mitte des Raumes. Überdimensioniert war vielleicht der falsche Ausdruck, korrigierte sich Hartmann schnell, denn das Bett war schließlich Babsis Kernarbeitsplatz. Hartmann schluckte, als er diverse Peitschen an den Wänden entdeckte, und die am Bettpfosten baumelnden Handschellen machten ihn nervös. Ein talentierter Fotograf hatte Babsis Brüste in kunstvollem Schwarz-Weiß abgelichtet. Sie hingen großformatig gerahmt an der gegenüberliegenden Zimmerwand. Also, das Bild hing. Die Brüste nicht. Huren-Heinz hatte ja schon angemerkt, dass sie … nun ja.

Babsi, die auf einem schicken, roten Ledersofa gesessen hatte, sprang auf. »Du bist meine letzte Hoffnung.«

»Äh …«

Sie deutete auf einen Laptop, der auf dem Nachttisch lag. »Das ist das Scheißding, das er haben möchte.«

Hartmann drückte sie behutsam zurück in den Sessel. »Ganz ruhig, der Reihe nach. Was ist passiert?«

»Das Schwein!«

»Ja. Aber was genau ist passiert?«

»Bertold und ich waren seit knapp einem Jahr zusammen …«

»Berthold?«

»Berthold Krings. Der Sohn von diesem Bäcker. Du kennst doch die Filialen, die Brötchenkette.«

Hartmann nickte. Er kannte die kleinen Backshops mit den grün-gelben Markisen, die in Düsseldorf an jeder Straßenecke wie Pilze aus dem Boden schossen. Und er hatte neulich noch was gelesen … Genau, der Berthold, der Erbe in spe, war das ölig gegelte Enfant terrible der Familie.