Blutbuchen - Ein Altmarkkrimi - Heike Schroll - E-Book

Blutbuchen - Ein Altmarkkrimi E-Book

Heike Schroll

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Beschreibung

Goldbunter Herbst in der Altmark. Laura Perch freut sich auf entspannte Urlaubstage im Dorf ihrer Großeltern. Anstelle der erhofften Begrüßung erwartet sie jedoch ein blutiger Mord. Als Archivarin kann sie Hauptkommissarin Brunner bei den Ermittlungen helfen, denn ein Geheimnis der Vergangenheit zerstört die Idylle in Waldau. Weitere Opfer werden gefunden. Was mit einer ominösen Schatzsuche beginnt, weitet sich zu einer verhängnisvollen Kette von tödlichen Missverständnissen und abgrundtiefer Bosheit aus.

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Seitenzahl: 476

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Heike Schroll

Blutbuchen – Ein Altmarkkrimi

Judith Brunners erster Fall

Kriminalroman

eBook

alto-Verlag Berlin

Die vorliegende Kriminalerzählung ist frei erfunden. Jede Übereinstimmung von Personen und Örtlichkeiten wäre rein zufällig.

Besuchen Sie bitte auch den

Autorenblog: http://www.heikeschroll.com

Impressum

Schroll, Heike

»Blutbuchen – Ein Altmarkkrimi«

Judith Brunners erster Fall

Kriminalroman

eBook-Version: (14.01) Jan 2014

Copyright © dieser Ausgabe by alto-Verlag Berlin

Copyright © 2009 by Heike Schroll

Umschlaggestaltung: Bernd Schroll

unter Verwendung eines Fotos von Bernd Garbe

Alle Rechte vorbehalten

© alto-Verlag Berlin 2013

ISBN 13: 978-3-944468-04-4 (epub)

ISBN 10: 3-944468-04-X (epub)

Identische Taschenbuchausgabe:

alto-Verlag Berlin 2013

ISBN 13: 978-3-944468-00-6

ISBN 10: 3-944468-00-7

ISBN-A: 10.978.3944468/006

http://dx.doi.org/10.978.3944468/006

www.heikeschroll.com

www.alto-verlag.com

fon: +49.(0)30.654 977 32

fax: +49.(0)30.654 977 33

[email protected]

Donnerstag

Altmark,

im Herbst 1985

~ 1 ~

Laura Perch freute sich auf die kommenden Wochen, schon seit die letzten Sommertage so kühl zu Ende gegangen waren. Im Augenblickwar sie ein wenig in melancholischer Stimmung. Die Kleinbahn, in die sie in Magdeburg zugestiegen war, bummelte durch leuchtend rotbunte Laubwälder, die sich in der Sonne wärmten. Hier in der Altmark musste der goldene Oktober erfunden worden sein. Die Felder waren entweder abgeerntet und zeigten ihre tiefbraunen, fruchtbaren Böden, oder sie waren mit sattgrünem Wintergetreide bestellt, was der Farbigkeit der Landschaft zu einer unwahrscheinlichen Pracht verhalf.

Im langsamen Vorbeifahren hatte Laura sich immer wieder an den Kirchen der Dörfer erfreuen können. Die Altmark verfügte über eine beeindruckende Zahl davon, viele romanischen Ursprungs. Die meisten Gotteshäuser waren als Feldsteinkirchen gebaut, doch auch mehrere Fachwerkkirchen schmückten die kleinen Dörfer, die mit ihren herausgeputzten Häusern genau in diesen Landstrich gehörten.

Laura genoss die Zugfahrt. Urlaub, Ruhe, keine Pläne. Sie war gern mal raus aus der Großstadt, zumindest für eine gewisse Zeit.

So in Gedanken vertieft, bemerkte sie nicht, dass der Zug in Kloster Neuendorf gehalten hatte. Erst als zwei ältere Damen um Erlaubnis baten, sich zu ihr ins Abteil setzen zu dürfen, wurde ihr bewusst, wie nah sie ihrem Reiseziel bereits gekommen war. Schon an der nächsten Station, in Gardelegen, würde sie erwartet werden. Ihre Freundin Astrid hatte ihr versichert, jemanden mit dem Wagen zu schicken, damit sie nicht den langsameren Bus nach Waldau nehmen müsste.

Die neuen Mitreisenden setzten sich, ohne ihre Mäntel abzulegen, und musterten Laura Perch interessiert. Sie versuchten, die junge Frau mit den glatten schulterlangen Haaren irgendwie einzuordnen; nicht Ortsansässige fuhren wochentags nämlich nur selten mit dem Bummelzug, zumal am Vormittag. Da dies den zugestiegenen Frauen aber nicht gelang, gaben sie ihre Erkennungsversuche rasch wieder auf. Kurz nach der Abfahrt des Zuges begannen sie ungeniert, sich über ihren bisherigen Tag und das Verhalten ihrer Mitmenschen auszutauschen. Sie wähnten sich sicher, keine Zuhörerin zu haben, die ihr Gespräch deuten konnte.

Laura amüsierte sich im Stillen, denn ihr waren Waldau und seine Bewohner durchaus vertraut, schließlich hatten ihre Großeltern dort gelebt, und sie hatte als Kind viel Zeit bei ihnen verbracht. Laura konnte sich sofort an die beiden Frauen erinnern: Anne und Emily Winter wohnten am anderen Ende des Ortes, in dem wohlhabenderen Oberdorf. Sie waren, wie man sich im Dorf erzählte, nach dem Krieg nach Waldau gekommen und hatten ohne große Erklärungen ein seit Längerem leer stehendes Haus bezogen. An über das notwendige Maß hinausgehenden Kontakten zu den Dorfbewohnern schien ihnen wenig gelegen, die Waldauer Kinder mieden sie, und sie erhielten auch keine der sonst üblichen Nachbarschaftsbesuche. Immerhin boten sie stets Gesprächsstoff für die anderen Frauen im Dorf, die das Verhalten der beiden fantasievollen Deutungen unterziehen konnten.

Heute wirkte das Geschwisterpaar etwas fahrig. Auf den Plätzen hin und her rutschend, hielten sie ihre kleinen ledernen Reisetaschen fest an sich gepresst. Anne Winter wandte sich mit besorgter Miene ihrer Schwester zu: »Hoffentlich haben wir an alles gedacht, was zu erledigen war, Emily.«

»Aber ja doch, jetzt haben wir wieder für eine Weile Ruhe.«

»Wenn du meinst.« Ganz überzeugt war Anne Winter nicht. Sie versuchte sich abzulenken. »Wenn wir nachher zu Hause sind, lesen wir erst mal die Zeitung und sehen die Post durch. Ich koche uns einen schönen Kaffee dazu, ja?«

»Hoffentlich ist die Post überhaupt schon da. Es ist doch unerhört, dass Lucie Merker die Zeitungen in diesem Monat bereits vier Mal zu spät ausgetragen hat. Ich möchte wissen, wieso es so schwierig ist, pünktlich um elf den Briefkasten zu füllen.«

»Du weißt, Emily, dass die jüngeren Leute heutzutage immer unzuverlässiger werden. Sicher hat sie wieder herumtelefoniert und die Zeit für ihre Runde vergessen.«

»Ja, auch heute früh beim Friseur musste ich über zehn Minuten warten, bis ich bedient wurde, obwohl ich den ersten Termin hatte! Die Farbe geriet außerdem etwas zu dunkel, findest du nicht?«

»Hast du dafür etwa noch Trinkgeld gegeben?«, fragte Anne mit echter Empörung.

»Tja leider, das gehört sich doch so?! Trotzdem weiß es heutzutage kaum noch jemand zu schätzen. Der Junge, der dort als Ladenhilfe rumläuft, hat sich nur grinsend den Groschen geschnappt. Ich frage mich ernstlich, was denen heute noch in der Schule beigebracht wird.«

»Genau. Aber was erwartest du? Denk bitte nur an die Lehrer, meist viel zu jung, um ordentlich erziehen zu können.«

Laura zählte sich mit ihren Anfang dreißig ganz bestimmt noch zu den jungen Leuten und teilte diese Auffassungen keineswegs, dennoch wusste sie, dass das Getratsche der Leute in den allermeisten Fällen nicht böswillig war. Wahrscheinlich rührte es aus archaischen Zeiten dörflicher Gemeinschaften her, als die Information übereinander oft genug die Voraussetzung für gegenseitige Hilfe und Gefahrenabwendung war. Für Städter blieb dieser Dorftratsch zumeist unverständlich und war Gegenstand spöttischer Bemerkungen. Allerdings hatte Laura einen Großteil ihrer Kindheit in der Altmark verbracht und wusste diese Informationsquelle ebenfalls zu schätzen.

Emily Winter nickte ihrer Schwester ermutigend zu und betonte: »Lass uns erst mal nach Hause kommen und etwas ausruhen. Es müsste auch noch ein Stück vom Schokoladenkuchen da sein.«

Laura erinnerte sich sogleich an die Geburtstage ihrer Großmutter, bei denen solch ein Schokoladenkuchen stets das köstlichste Geschenk von Großmutters Freundin und Nachbarin Edeltraud Weber war: Sie kam meist ganz früh »vor der Arbeit« – noch im Dunklen zum Gratulieren; ein großes Kuchenblech unter dem Arm in die Seite gestemmt. Großmutter hatte sich stets so gefreut. Die Frauen drückten sich und sprachen sich Mut und Gesundheit zu. Den ganzen Vormittag genoss Laura den Duft des Kuchens und die Vorfreude auf die Kaffeerunde am Nachmittag. Dann würde es die Leckerei aus Biskuitteig, Schattenmorellen und einer dicken Schokoladenglasur geben und sie konnte naschen, bis alles aufgegessen war – was sie aber nie geschafft hatte.

Je näher der Zug der Heimat ihrer Vorfahren kam, desto wärmer wurde Laura ums Herz. Sie freute sich auf das kleine Haus, welches sie schon vor Jahren von ihren Großeltern geerbt hatte; auf Spaziergänge durch bunte, pilzduftende Herbstwälder, Nachmittage auf dem Sofa mit einem Schmöker aus Großvaters Bücherschrank, die gute altmärkische Küche und die Besuche bei ihren Freunden aus glücklichen Kindheitstagen.

Als stünde nichts bevor ...

~ 2 ~

Außer Laura waren nur wenige Reisende in Gardelegen aus dem Zug gestiegen. Die Bahnhofsuhr zeigte auf drei viertel zwölf und die Mitreisenden, die nicht abgeholt wurden, beeilten sich, um den Überlandbus zu erreichen, der auf dem Bahnhofsvorplatz wartete.

Auch Lauras Abteilgefährtinnen nutzten diese preiswerte Möglichkeit, nach Waldau zu gelangen, nicht ohne sich nochmals nach Laura umgesehen zu haben. Vielleicht hatten sie sich doch dunkel an sie erinnert und hofften nun, durch ihr Reiseziel Aufschluss über ihre Person zu erhalten.

In Erwartung des Chauffeurs vom Gut ließ Laura jedoch den Bus abfahren und geduldete sich.

Eine andere Frau schien, wie Laura, verwundert, dass niemand zu ihrer Begrüßung gekommen war. Sie war ungefähr im selben Alter und bequem, aber anspruchsvoll gekleidet. Sie gehörte zu den Frauen, die mit kürzer geschnittenen Haaren wunderbar elegant aussahen. Die dunkelblonden Wellen passten zu dem offenen Gesicht, das man nicht so leicht vergaß. Der bordeauxrote Hosenanzug stand ihr hervorragend, die Schuhe und die Handtasche waren von guter Qualität. Wegen des wärmenden Sonnenscheins hatte die Frau ihren Mantel ausgezogen und sorgsam auf ihre kleine Reisetasche gelegt. Das Gepäck deutete nicht auf einen längeren Aufenthalt hin, wohingegen Laura sich Kleidung für alle Wetter- und Einladungsumstände eingepackt hatte.

Sie warteten nun beide auf dem kurzen Bahnsteig, jede auf einer anderen Bank sitzend, und lächelten einander ab und zu mitfühlend an. Das gleiche Schicksal wirkte verbindend und die Sonnenstrahlen machten das Warten erträglich.

Das Bahnhofsgebäude war recht hübsch. Der rote Backsteinbau verfügte neben der Schalterhalle und den Diensträumen auch über eine kleine Bahnhofswirtschaft mit einem gläsernen Pavillon. Die zahlreichen Geranien, die in Töpfe, Kästen oder Schalen gepflanzt um das Gebäude und auf dem Bahnsteig verteilt waren, der weiß gestrichene Zaun und der uniformierte Bahnbeamte gaben dem Ganzen eine kitschige Note. Sogar Vögel zwitscherten.

Nach ein paar Minuten begann Laura, umherzulaufen. Ihr Gepäck ließ sie im Vertrauen auf die Ehrlichkeit ihrer Schicksalsgenossin unter deren Aufsicht stehen und betrat durch eine kleine Pforte im Zaun den Bahnhofsvorplatz. Alles war ruhig, kein Mensch und – leider – auch kein Auto störten die träge Vormittagsstimmung.

Gerade als sie überlegte, ob sie den Fahrkartenverkäufer bitten sollte, ihr ein Taxi zu rufen, entdeckte sie, dass abseits vom Bahnhofsgebäude, an der Mauer im Schatten einer Hecke, ein auf Hochglanz poliertes Auto stand. Sie erkannte den Wagen vom Gut.

Laura winkte dem darin wartenden Mann rasch zu und eilte auf den Bahnsteig zurück, um ihr Gepäck zu holen. Sie wunderte sich zwar, dass Laurenz Heitmann sich nicht am Zug eingefunden hatte, doch ging sie ganz selbstverständlich davon aus, dass es sich um den von Astrid geschickten Wagen handelte. Na ja, wahrscheinlich machte der Fahrer ein Nickerchen und hatte die Ankunft des Zuges verträumt. Heitmann war nicht mehr der Jüngste.

Als Laura sich mit ihrem Gepäck dem Wagen näherte, stieg er immer noch nicht aus, um ihr die Tür oder den Kofferraum zu öffnen. Sie stellte ihre Koffer ab und klopfte geräuschvoll an die Scheibe. Sie wollte ihn wecken, doch er schien fest zu schlafen. Erst als sie energisch die Fahrertür öffnete, wurde ihr klar, dass ihre Bemühungen umsonst sein würden.

Der Mann war offensichtlich tot.

Nicht nur das! Seine Bekleidung wies dunkelrote, feucht glänzende Flecken auf Brust und Schoß auf. Mehr konnte Laura vorerst nicht wahrnehmen. Sie fühlte ihr Herz vor Schreck bis zum Hals schlagen und konnte keinen klaren Gedanken fassen. Sie stolperte rückwärts über einen ihrer Koffer und wäre fast gestürzt. Dann rannte sie ins verwaiste Bahnhofsgebäude zurück und rief dem Schalterbeamten durch die Glasscheibe zu: »Hallo! Schnell! Wir brauchen ein Telefon!«

Der schien Lauras Aufregung nicht begreifen zu können.

»Ein Toter! Schnell! Die Polizei!«, drängte sie.

»Wie bitte? Das kann nicht sein. Sind Sie sicher?«

»Da draußen sitzt ein toter Mann im Auto. Er ist voller Blut. Nun machen Sie schon und rufen Sie die Polizei!«, verlangte Laura inzwischen energischer. Von der Begriffsstutzigkeit des Fahrkartenverkäufers zum Handeln gezwungen, stürmte Laura schwungvoll in sein Büro und bemächtigte sich selbst des Telefons. Sie wählte die 110. Die Verbindung war wie immer schlecht und Laura musste sich bemühen, langsam und deutlich zu sprechen: »Hier ist der Bahnhof. Ja, hier in Gardelegen. Auf dem Parkplatz draußen steht ein Auto mit einem toten Mann. Ja, er ist ganz blutverschmiert. Was? Wer ich bin? Mein Name ist Laura Perch und ich bin gerade mit dem Zug angekommen. Ja, nun beeilen Sie sich.«

Der Bahnbeamte schaute sie an, als sei sie verrückt geworden und unternahm überhaupt nichts, außer dass er sich auf den nächstbesten Stuhl fallen ließ. Laura fürchtete einen Moment, der Stuhl würde unter dem recht korpulenten Mann zusammenbrechen, doch die filigrane Konstruktion des Möbels erwies sich als äußerst stabil.

Durch ihren Disput und das lautstarke Telefongespräch war die andere Frau auf dem Bahnsteig aufmerksam geworden und kam interessiert heran. »Was ist denn passiert? Kann ich helfen?«

»Ich habe den für mich geschickten Wagen entdeckt und dachte der Fahrer wäre nur eingeschlafen. Aber er ist tot!«, sagte Laura, nun schon etwas ruhiger.

»Tot? Sie meinen ... tot?«

»Ja! Augenscheinlich hat er irgendwo vorn eine große Wunde. Er hat stark geblutet«, berichtete sie.

Ohne ihr weitere Fragen zu stellen, rannte die fremde Frau los und spurtete zum Auto.

Laura war einigermaßen überrascht. Sie war heilfroh, dem Anblick des toten Mannes entronnen zu sein, und diese Frau hatte nichts Eiligeres zu tun, als zum Ort des Verbrechens zu rennen! Dass Leute begierig sind, Katastrophen anzusehen, hatte man ja schon gehört. Doch dass jemand so rasant zum Ort des Geschehens stürzte, hätte sie nicht für möglich gehalten. Eigentlich hatte die Frau doch ganz normal ausgesehen.

Laura setzte sich neben den Bahnbeamten und wollte nun nichts mehr tun, als zu warten, bis die Polizei eintreffen würde. Ihr Urlaub hatte entsetzlich schockierend begonnen.

~ 3 ~

Nach ein paar Minuten kam die Frau zurück und fragte ruhig, aber bestimmt: »Sie haben eben die Polizei gerufen?«

»Ja«, gab Laura Perch zurück.

»Gut. Ich fürchte, wir beide müssen hier nun noch länger verweilen, als wir uns vorgestellt hatten. Kannten Sie den Toten?«

Laura staunte über das rationale Verhalten, mit dem die Frau auf den unverhofften Tod reagierte.

Diese bemerkte Lauras Verwunderung und sagte: »Oh, entschuldigen Sie bitte, ich muss Ihnen ja seltsam vorkommen. Doch ich habe mit einem Mord gerechnet.«

»Wie bitte?«, gelang es Laura zu fragen. »Mit einem Mord? Gerechnet?«

»Ja, ich bin extra deswegen hierher gefahren.«

Der Schalterbeamte ächzte entsetzt auf und Lauras Unbehagen wuchs.

»Nein, nein. Nicht eigentlich hierher. Es sollte eher in Waldau passieren.«

Jetzt war Laura außer sich, schließlich wollte sie dort entspannte Tage verbringen! Stattdessen saß sie nun wegen eines Toten mit dieser seltsamen Person und einem vor sich hinjammernden Fahrkartenmann fest. Reden, dachte Laura, einfach nur reden. Jeden Moment musste ja die Polizei da sein. »Ach, nach Waldau wollten Sie? Haben Sie dort Verwandte?«

»Nein, doch mit schlimmen Ereignissen musste man dort rechnen.«

Laura gab es auf. Sie wurde aus der Unterhaltung nicht mehr schlau. Ein angekündigter Mord in ihrem Waldau? Endlich wurde das Blaulicht eines Polizeifahrzeuges sichtbar und erlöste sie aus der unangenehmen Situation.

»Wer hat angerufen?«, fragte ein Uniformierter in die Runde.

»Hier«, sagte Laura, »ich war das.«

Der Polizist drehte sich um und erkundigte sich weiter: »Und Sie?«, woraufhin die Frau ihren Namen nannte und meinte: »Ich warte schon eine kleine Weile auf Sie. Wollten Sie mich nicht abholen kommen?«

»Ach, Sie sind das, na dann herzlich willkommen!« Danach wandte der Uniformierte sich wieder Laura zu. »Na, wie ich sehe, hatten Sie Glück. So klappt das nicht jedes Mal.«

Laura war nahe am Verzweifeln. »Glück? Na hören Sie mal! Ein Toter ist wenig beglückend. Wovon reden Sie?«

»Oh, ich dachte, Sie hätten sich bereits bekannt gemacht.«

»Pardon!«, mischte sich die Frau wieder ein. »Entschuldigen Sie bitte, ich habe ganz vergessen, mich vorzustellen. Ich bin Judith Brunner, Hauptkommissarin bei der Morduntersuchungskommission Magdeburg.«

Laura nahm erleichtert ihre ausgestreckte Hand. »Du meine Güte, ich fing schon an, mir Sorgen zu machen. Mein Name ist übrigens Laura Perch.« Dann sagte sie leise: »Der Mann da draußen war hier, um mich abzuholen. Er heißt Laurenz Heitmann und arbeitet auf dem Gut in Waldau als Fahrer.«

Judith Brunner sah Laura Perch ernst an. »Tut mir leid für Sie. Ein Chauffeur, da könnte man unter anderen Umständen richtig neidisch werden. Aber es geht alles zu schnell und kommt aus der falschen Richtung. Mein Gott, ich drücke mich schon wieder furchtbar aus. Entschuldigen Sie nochmals die Verwirrung. Aber ich verspreche Ihnen Aufklärung, ganz sicher. Nur etwas später, bitte.«

Doch Laura hatte ohnehin nicht mit sofortiger Erhellung des Geschehens gerechnet und schickte sich ins Warten.

Der Schalterbeamte schlurfte in Richtung der Bahnhofswirtschaft. Kurz darauf kam er mit einem großen Glas Wasser zurück und begab sich sofort wieder an seinen Arbeitsplatz hinter der Glasscheibe. Dort schlug er irgendetwas nach, obwohl weit und breit kein Reisender zu sehen war. Offenbar wollte er sich durch Routinearbeit ablenken.

Laura beobachtete, wie die Kommissarin einige Anweisungen an den Streifenpolizisten gab, bevor sie sich wieder ihr zuwandte. »Frau Perch, Sie sind eine wichtige Zeugin. Ich fürchte, ich muss Sie bitten, mir noch eine Weile zur Verfügung zu stehen.« Sie sah sich im Schalterraum um und bot freundlich an: »Sie können aber in der Wirtschaft warten, ich komme dann rüber, um Sie zu befragen, einverstanden?«

Laura nickte. Was blieb ihr übrig?

Judith Brunner versuchte sie aufzumuntern: »Ich muss heute ohnehin noch nach Waldau fahren und kann Sie dann im Auto mitnehmen, ja? Während der Fahrt könnten wir uns dann auch unterhalten.«

»Gern«, ging Laura auf den Vorschlag ein. »Ich werde auf Sie warten. Ich muss aber noch einmal zum Auto. In dessen Nähe habe ich mein Gepäck vorhin stehen gelassen.«

»Lassen Sie mal, darum kümmern wir uns schon. Den Tatort sichern und so«, lächelte Judith Brunner vieldeutig. »Ach, und bitte nicht in Waldau anrufen. Wir müssen, solange es möglich ist, Stillschweigen bewahren. Wegen unserer Ermittlungen. Das verstehen Sie sicher.«

Judith Brunner war Laura Perch bis vor die Bahnhofshalle gefolgt und hatte nun einen kurzen Moment Zeit, die Situation zu überdenken. Es war ein ziemliches Desaster. Was war los? Anfang der Woche hatte ihr neuer Vorgesetzter sie zu sich gebeten und mit diesem merkwürdigen Fall beauftragt. Sie wurde in die Provinz geschickt! Und bisher hatte sie keine Erklärung dafür gefunden. Sollte alles mit ihrer längst überfälligen Beförderung zu tun haben? War das eine Art Bewährungsaufgabe? In dem kurzen Gespräch hatte man ihr lediglich die zeitweilige Delegierung nach Gardelegen eröffnet, es wären einige absonderliche Begebenheiten in einem kleinen Dorf namens Waldau zu untersuchen.

»Begebenheiten?«, hatte sie mühsam fragen können. Ihr Chef hatte ihr eine Mappe mit Unterlagen gegeben und sie um baldmöglichste Abreise gebeten. Die Kollegen in Gardelegen würden schon warten. Schon die Art, wie ihr die Mappe überreicht worden war, hatte sie stutzig gemacht. Und nachdem sie die Unterlagen studiert hatte, war sie nur noch wütend. Was sollte diese »Untersuchung«? Das war kein »Fall«, noch dazu für eine qualifizierte Kriminalkommissarin: Vor drei Monaten war eine Reportage in einer Illustrierten erschienen, die Touristen in die Altmark locken sollte. Von der schönen Landschaft und der guten Küche wurde geschrieben, dazu ein paar Fotos: der schöne Wald, das Waldauer Gutshaus, ein Teil des Gutsparks, die Stelle mit den Blutbuchen. Diese Idylle muss bei jemandem Erinnerungen wachgerufen haben, denn er wandte sich mit einem anonymen Brief an die Redaktion. Schrieb von einem Mord im Wald nahe der Blutbuchen, und dass man nicht ruhen dürfe, bis der gesühnt sei. Man nahm den Brief nicht sonderlich ernst und ging davon aus, dass der Name der Bäume einen fantasievollen Leser zu stark beeinflusst hatte. Erst als nach ein paar Wochen erneut ein Brief kam, wurde die Sache bedrohlicher. Der Anonymus schrieb, dass ein Ermordeter beim Vorwerk Lindenbreite läge. Jetzt informierte die Zeitungsredaktion die Polizei. Man schickte zwei Kollegen der zuständigen Kreisbehörde los, die auf dem Gelände erwartungsgemäß keinen Toten finden konnten. Sie sammelten einige Gegenstände ein, die sie zur Spurensicherung schickten: altes Werkzeug, Gartengeräte, Messer, eben Sachen, die bei einem verlassenen Vorwerk zu finden sind. Mehrere Tage bezog man die Gegend sogar in die Streifenfahrten ein, doch es ergab sich nichts. Noch hätte man alles als bizarren Scherz auffassen können, doch eskalierte die Angelegenheit, als vorgestern in einem nächsten Brief darauf hingewiesen wurde, dass weitere Menschen sterben könnten. Der genaue Wortlaut war: Schatzsucher sterben nicht im Bett. Bleiben sie stumm, sprechen bleiche Knochen.

Nun machte der Chefredakteur der Illustrierten Druck und man musste seitens der Polizei etwas unternehmen. Und Hauptkommissarin Judith Brunner schien wunderbar dafür geeignet, in das Dorf geschickt zu werden, um einen Verwirrten von weiterem Unsinn abzuhalten!

Und hier war sie nun. Und tatsächlich war ein Mord passiert. Fast vor ihren Augen. Na, das würde ihrem Chef wohl nicht gefallen! Und wider Erwarten musste sie lächeln. Ihr gefiel es nämlich. Immerhin bot ihr der Mord die Gewissheit, nicht umsonst hierhin abgeschoben worden zu sein. Das war ihre Ermittlung und keiner würde sich einmischen können. Fast kam so etwas wie Schadenfreude in ihr auf. Sie würde anfangen wie immer: Ein Motiv suchen, den Tathergang ermitteln und dann ergab sich eigentlich fast immer eine Lösung.

Inzwischen war die Verstärkung eingetroffen und jeden Moment musste die Spurensicherung erscheinen. »Haben Sie die Namen und Adressen der Leute vom Bahnhof?«, fragte Judith Brunner einen Kollegen.

Der Streifenpolizist nickte. »Bis auf den Busfahrer, den erwischen wir erst wieder um vier auf seiner nächsten Runde.«

Sie blickte sich um und wies den Polizisten an: »Bitte laufen Sie die Gegend noch mal ab. Sie sollten auch alle heutigen Gäste in der Kneipe erfassen. Es könnte ein wichtiger Zeuge unter ihnen gewesen sein.«

Ein junger Kollege in Uniform trat hinzu und informierte Judith Brunner über den ihm übermittelten Wunsch seines Chefs, das persönliche Gespräch mit ihr auf morgen zu verschieben, da er etwas Dringendes zu erledigen hätte. Er wisse die Angelegenheit in guten Händen, sichere ihr seine Unterstützung zu, und so weiter. »Wir sollen hier alles machen, was Sie sagen.«

Judith Brunner schmunzelte ob dieser Vereinfachung der üblichen Befehlskette. »In Ordnung, sagen Sie ihm bitte, ich fahre erst einmal nach Waldau und melde mich von dort. Morgen Vormittag komme ich, so früh es geht, vorbei.« Ein Besuch bei der Kreisbehörde der Polizei hatte ohnehin auf ihrem Plan für den nächsten Tag gestanden. Nun hatte sich ihre Aufgabe in Gardelegen jedoch zu einer echten Morduntersuchung ausgewachsen, und ob überhaupt eine Verbindung zu den anonymen Briefen bestand, würde sich erst noch herausstellen müssen.

~ 4 ~

In der Bahnhofswirtschaft war Laura Perch ein willkommener Gast.

Einerseits war die Wirtin froh über jeden, der Zeit für ein ordentliches Essen mitbrachte und mehr als ein schnelles Bier und Kartoffelsalat mit Bockwurst bestellte. So konnte sie wenigstens ihre recht passablen Qualitäten als Köchin vorführen. Andererseits bot eine Besucherin, die, nach den Andeutungen des Fahrkartenverkäufers, einen Toten gefunden hatte, außergewöhnlichen Gesprächsstoff. Dazu Berichte über die anwesende Polizei – mit diesem »Tatsachenwissen« konnte sie für mehrere Abende das zu erwartende zahlreichere Publikum fesseln; für den Umsatz sicher ein nützlicher, nicht zu unterschätzender Umstand.

Doch Laura konnte die verständliche Neugier der Wirtin vorerst nicht stillen; sie wollte nicht reden. Die turbulente letzte halbe Stunde hatte sie Kraft gekostet. Außerdem musste sie dringend etwas essen, inzwischen war es längst Mittag und die nächste Gelegenheit für eine Mahlzeit ungewiss.

Die offenbar würdige Vertreterin ihrer Zunft erkannte Lauras Zustand. Sie brachte ihr zur Stärkung erst einmal einen doppelten Korn und schlug ein einheimisches Gericht vor. Der Schwatz musste eben warten.

Laura nahm die Angebote dankbar an. Der Schnaps schmeckte ihr zwar nicht, doch die Geste war nett gemeint und auf einen Sherry oder gar Martini brauchte sie hier nicht zu hoffen, also schüttete sie den Kornbrand runter.

Das wurde genau beobachtet. Zu dieser Stunde waren außer ihr nur wenige Gäste im Raum. Einige Kraftfahrer und zwei Kohlenträger hatten sich zu ihrem üblichen Mittagsbier eingefunden und hofften, wegen des Polizeifahrzeuges neugierig geworden, in der Wirtschaft Näheres zu erfahren. Allerdings schienen sie gleichzeitig durch Lauras Anwesenheit verunsichert, weil die junge Frau hier um die Mittagszeit, wenn sonst nur ihresgleichen in der Bahnhofswirtschaft die Zeit verbrachten, fremd wirkte. Einstweilen tranken sie also ihre Biere, aßen ihre einfachen Mahlzeiten und versuchten, sich abzulenken.

»Ist ja richtig voll hier heute. Besuch aus der Großstadt«, versuchte einer, Aufmerksamkeit zu erlangen.

»Genau«, grinste ein anderer zurück, »und du weißt wieder mal nicht, wo du deine Augen lassen sollst.«

»Ach hör auf, jeder freut sich über solch einen Anblick«, beäugte der nächste unverhohlen die attraktive Frau.

»Lasst sie in Ruhe!«, warnte die Wirtin, »sie hatte keinen guten Tag. Geht wieder an eure Arbeit, na los!«

Die Männer maulten ein bisschen rum, denn eigentlich hatten sie auf exklusive Informationen gehofft, mit denen es ihnen gelingen würde, kurz im Zentrum der Aufmerksamkeit ihrer Kollegen zu stehen. Ein Mord kam in Gardelegen nicht alle Tage vor.

Dann mussten sie sich aber doch der Autorität der Wirtin beugen. »Genug jetzt! Zum Feierabendbier könnt ihr wiederkommen.«

Sie schloss hinter ihnen die Tür und setzte sich zu Laura an den Tisch. »So sind sie eben. Nehmen Sie es nicht übel. Ihr Essen kommt gleich.«

»Ist schon gut. Ich weiß, dass es niemand böse meint. Ich bin nur nicht in bester Stimmung.«

Die Wirtin lächelte verständnisvoll und ging in die Küche. Nach kurzer Zeit kam sie wieder und stellte Laura eine verlockend duftende Rindsroulade mit Rotkohl und mehligen Kartoffeln auf den Tisch. Dann zog sie sich diskret zurück.

Laura war ihr dankbar. Nach dem Essen bestellte sie für sich und die Wirtin Kaffee und merkte, dass sie sich langsam entspannte.

»Na, geht’s wieder besser?«

»Doch, das Essen tat gut, es hat wunderbar geschmeckt. Eigentlich habe ich Urlaub und will noch nach Waldau.«

»Der Bus ist ja nun weg. Wie kommen Sie hin? Mit dem am Nachmittag?«

»Die Kommissarin nimmt mich mit, wenn sie draußen fertig ist. Das wird wohl noch ein Weilchen dauern.«

»Der Mann vom Schalter hat vorhin, als er sich ein Glas Wasser für seine Tabletten holte, gesagt, Sie hätten einen Toten gefunden?«, versuchte die Wirtin zum Thema zu kommen.

»Ja, ich dachte erst, er ist eingeschlafen«, berichtete Laura bereitwillig. »Ich wartete schon auf ihn. Er ist der Chauffeur vom Gut. Er sollte mich vom Zug abholen.«

Die Wirtin blickte ungläubig. »Vom Gut in Waldau? Sind Sie sicher?«

Laura nickte.

Nach einer Pause flüsterte die Wirtin mit gebrochener Stimme: »Unmöglich, wer sollte Laurenz etwas antun?«

»Sie kannten ihn auch?«

»Ja, ich kenne ihn schon lange. Manchmal kam er rein zu mir, wenn er auf Gäste wartete und noch Zeit war, weil die Züge Verspätung hatten. Er hat mir dann immer das Neueste vom Gut erzählt. Heute war er aber nicht da. Es ist wirklich traurig«, seufzte sie betroffen.

Laura, die merkte, dass die Wirtin ihn gemocht hatte, versuchte zu trösten: »Sicher findet die Polizei bald heraus, wer es getan hat.«

»Naja«, sagte die Frau bekümmert und ging zur Theke, um Gläser zu polieren. Ein gern gesehener Gast war tot, ermordet. Ihre Wissbegier war mehr als nötig gestillt.

Laura konnte nicht helfen. Sie wusste nicht, worüber sie mit der Wirtin noch reden sollte und vertiefte sich in ihre Reiselektüre, einen Kriminalroman von Margery Allingham. Es gelang ihr sogar, sich auf das Gelesene zu konzentrieren.

»Mehr kann ich im Moment hier nicht tun. Unser Auto kommt gleich.«

Laura blickte auf und benötigte ein paar Sekunden, um in die Wirklichkeit zurückzukommen. »Ihre« Kommissarin setzte sich neben sie und sah schon etwas geschaffter aus.

»Möchten Sie inzwischen vielleicht einen Kaffee zur Stärkung? Oder etwas essen? Es schmeckt gut hier. Da draußen war es sicher anstrengend?«, fragte Laura.

»Ja. Meine Kollegen werden noch weiter machen müssen. Befragungen, Spurensicherung, das komplette Programm. Von Ihnen werden sie sich auch noch die Fingerabdrücke holen müssen«, informierte Judith Brunner erst einmal über ihre Arbeit. Dann ging sie auf den Getränkevorschlag ein. »Einen Kaffee? Eine gute Idee. Aber ein süßer, heißer Kakao wäre mir noch lieber.«

Skeptisch, ob dieser in einer Bahnhofswirtschaft etwas exotisch wirkende Wunsch erfüllt werden konnte, ging Laura zur Theke. Doch zwei Kakao stellten kein Problem dar. Von diesem kleinen Erfolg beflügelt, wagte sie es, sich nach dem Stand der Dinge zu erkundigen.

»Na ja, viel wissen wir noch nicht. Offenbar ist es im Auto passiert, woanders waren keine Blutspuren zu sehen. Er hat nur eine Wunde in der Brust; der Notarzt meint, es wird eine Stichverletzung sein. Es sei auch noch nicht länger als eine, anderthalb Stunden her. Eine Waffe haben wir bisher nicht gefunden.« Mehr wollte Judith Brunner nicht sagen. Laura Perch war ihr zwar sympathisch und den Gedanken, der ihr kurz gekommen war, sie zu den Verdächtigen zu zählen, hatte sie schnell wieder fallen gelassen. Doch war sie zumindest eine wichtige Zeugin, die sie nicht durch zu viele Informationen beeinflussen wollte. »Wir werden denjenigen schon finden, der ihn ermordet hat.«

»Ich kann es immer noch nicht glauben. Er saß so friedlich da«, reflektierte Laura Perch nachdenklich.

Schweigend tranken die beiden Frauen aus ihren Bechern.

Als Judith Brunner die Ankunft ihres Dienstwagens gemeldet wurde, wandte sie sich an die Wirtin: »Meine Kollegen werden Sie noch befragen. Wir haben draußen viel absperren müssen. Ich kann nicht versprechen, dass Sie zum Feierabendbetrieb wieder normal ausschenken können.«

»Ja, ja. Ist schon in Ordnung. Der Laurenz, mein Gott.« Sie wischte gedankenverloren auf einem Tisch herum.

»Ach, Sie kannten ihn?«

»Ja, er war manchmal hier bei mir, auf einen Schluck oder einen kleinen Happen, heute aber nicht. Mehr weiß ich nicht. Hab ich aber der jungen Frau schon erzählt.«

Aufmerksam sah Judith Brunner zu Laura hinüber, die eben ihren letzten Schluck nahm. »Lassen Sie uns bitte fahren, Frau Perch.«

~ 5 ~

Da der Bahnhof am äußersten Stadtrand lag, mussten die Frauen erst ganz Gardelegen durchfahren, bis sie auf die Landstraße Richtung Waldau gelangten. Laura, die als Beifahrerin Gelegenheit zum Schauen hatte, nutzte dies, um die Veränderungen in der Stadt zu registrieren. Ihre Großeltern waren früher mit ihr hierher gefahren, wenn außerordentliche Einkäufe oder Dinge auf der Bank zu erledigen waren, hin und wieder, um einen Amtsbesuch zu absolvieren. Doch immer hatten sie ihr das Gefühl gegeben, ihretwegen hierher gefahren zu sein, damit sie einen Eisbecher essen konnte, ein neues Buch oder Malheft aussuchen durfte. Später, als ihren Großeltern diese Busausflüge zu strapaziös wurden, war sie stolz gewesen, die von ihnen gewünschten oder nötigen Dinge erledigen zu können; nun brachte sie kleine Geschenke mit. Heute war sie froh, dass sie dies für ihre Großeltern hatte tun können und bei der Fahrt durch die Stadt wurden ihre Ausflüge wieder lebendig. Dank solcher Erinnerungen würde sie Gardelegen immer lieben.

»Na, was ist? Bedrückt?«

»Nein«, sagte Laura, »eher gerührt. Ich bin gern hier.«

»Ach, sie kennen die Stadt?«

»Ich bin hier geboren. Und später bin ich noch oft hier gewesen. Schon als Kind kam ich allein mit dem Zug, stieg Dutzende Male in den Bus nach Waldau. Allerdings saß ich heute das erste Mal seit langer Zeit wieder in der Wirtschaft.« Laura lächelte traurig.

»Na, diese Ankunft wird Ihnen wohl auch sonst unvergesslich bleiben. Sie haben’s erstaunlich gut verkraftet. Ich bin froh, Sie als Zeugin zu haben.«

»Oh, danke«, Laura war überrascht. »Ich habe einen ziemlichen Schreck bekommen. Und Ihre Reaktion wirkte auch nicht gerade beruhigend.«

»Ich muss mich wirklich bei Ihnen entschuldigen. Ich habe vorhin nicht daran gedacht, wie mein Verhalten auf Sie wirken musste.«

»Das ist ja auch nicht wichtig. Sie müssen die Mörder finden, da bleibt wenig Zeit für Erklärungen.«

Judith Brunner wusste nicht, wie sie diese Bemerkung deuten sollte. Wollte Laura Perch sie tadeln? Veralbern? Oder hatte sie wirklich Verständnis? Egal. »Die fehlende Zeit ist meist das größte Problem. Auch hier wieder. Der Mann ist möglicherweise erst ein paar Minuten vor Ihrer Entdeckung ermordet worden. Genaueres wird die Obduktion ergeben. Im Gardelegener Krankenhaus arbeitet sogar eine Koryphäe als Rechtsmediziner. Er hatte fest vor, sich hier in der Altmark zur Ruhe zu setzen und stellte dann fest, dass ihm seine Arbeit fehlte. Würde mir wahrscheinlich auch so gehen.«

»Ja? Mögen Sie Ihren Beruf so?«

»Er ist nie langweilig«, wich Judith Brunner etwas aus. »Und, was tun Sie, wenn Sie nicht in den Urlaub fahren?«

»Ich bin Archivarin.«

»Tatsächlich? Interessant. Da sichern Sie ja auch Spuren und klären Schicksale auf. Nur haben Sie wahrscheinlich mehr Zeit dafür.«

Laura freute sich. »Das gibt’s doch nicht! Üblicherweise muss ich bei dieser Frage zu langen Erläuterungen ansetzen. Manchmal sage ich sogar einfach, dass ich Historikerin bin. Damit können einige dann doch noch etwas anfangen. Ich bin richtig verblüfft, mal auf jemanden zu stoßen, der meinen Beruf überhaupt kennt.«

»Das liegt daran, dass ich während meiner Ausbildung, wenn keiner Zeit hatte, sich um mich zu kümmern, oft im Polizeiarchiv arbeiten musste. Meist habe ich mich in irgendeiner Akte festgelesen.«

»Glaub ich gern.« Laura schmunzelte.

»Was haben Sie eigentlich in Ihrem Urlaub vor?«

»Ich hatte mit Absicht keine Pläne gemacht, wollte einfach nur Zeit haben für mich, meine Freunde und die Nachbarn.«

»Kannten Sie den Ermordeten eigentlich näher?«

»Näher? Nicht wirklich, nur sehr lange.«

»Ach?!«

»Nun, meine beste Freundin, Astrid Ahlsens, wohnt auf dem Gut in Waldau, wo er arbeitet ... arbeitete.«

»Also sind Ihnen die Ahlsens gut bekannt?«

»Gut? Würde ich nicht sagen, nein. Nur Astrid, denke ich. Wir sind seit unserer Kindheit Freundinnen.«

»Und die anderen?«

»Es sind nur noch drei übrig. Die Ahlsens sind eine alteingesessene Familie und durch die Folgen des letzten Krieges ziemlich in Mitleidenschaft gezogen. Astrid lebt allein mit ihren beiden Onkeln in einem großen Gutshaus mit einem beeindruckenden Park. Sie werden staunen, wenn Sie das Anwesen nachher sehen! Es ist eine wirklich schöne Anlage. Astrids Eltern sind schon früh gestorben, und als ihre Großeltern noch lebten ... nun, sie freuten sich über unsere Freundschaft.«

»Und wovon leben die so?«

»Was meinen Sie?«

»Na, woher kommt das Geld?«

»Ach so, das Vermögen der Ahlsens besteht im Wesentlichen aus Immobilien, glaube ich. Dann sind da die Blumenzucht und die Forstwirtschaft, aber die machen eigentlich nur Arbeit.«

Judith Brunner schwieg einen Moment und überdachte die neuen Informationen. Einiges hatte sie schon bei ihren Recherchen zu dem mysteriösen Illustrierten-Fall gelesen, und war dabei immer wieder auf das Gut und seine Bewohner gestoßen. Sie wandte sich wieder ihrer Beifahrerin zu. »Sie müssen vorsichtig sein und sollten mir immer sofort Bescheid geben, wenn Ihnen außergewöhnliche Dinge in Ihrer Umgebung auffallen. Es kann gefährlich für Sie werden, denn Sie könnten den Mörder noch gesehen haben.«

»Kein Mensch war zu sehen«, widersprach Laura. »Der Platz vor dem Bahnhof war leer. Die nächsten Leute, die ich sah, müssten die Mittagsgäste in der Wirtschaft gewesen sein. Die waren sicher harmlos.«

»So wirken Mörder gewöhnlich, und es kann sein, dass auch dieser Beobachterinnen nicht besonders mag. Vielleicht haben Sie etwas gesehen, das wir erst später einordnen können. Der Mörder könnte das aber jetzt schon als bedrohlich empfinden.«

»Sie meinen, dass ich ...?« Jetzt war Laura doch beunruhigt. Nicht, dass sie sofort Angst spürte, aber allein die Vorstellung, dass ihr jemand Übles wollte, gefiel ihr nicht.

Judith Brunner nickte. »Wissen Sie, in diesem Fall scheint alles möglich. Bisher ist es uns nie gelungen, rechtzeitig etwas zu unternehmen.«

»Sie haben das vorhin schon angedeutet. Was ist überhaupt passiert?«, hakte Laura nach.

Die Hauptkommissarin lächelte wieder. »Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich Ihnen das später erkläre? Ich muss selbst erst Ordnung in die Geschichte bringen. Dann muss ich heute noch in Waldau mit dem Ortspolizisten sprechen, aufs Gut, die Ahlsens benachrichtigen und mich um ein Zimmer kümmern. Aber ich verspreche Ihnen, alles ausführlich zu berichten, sobald ich die Zeit finde.« Und etwas mehr über dich weiß, dachte sie im Stillen. Sie konnte Laura Perch nicht völlig aus ihren Ermittlungen streichen.

»Verzeihen Sie. Sie haben natürlich recht. Aber darf ich Ihnen einen Vorschlag machen? Wohnen Sie doch bei mir. In meinem Haus ist genug Platz. Sie könnten ein eigenes Zimmer haben, und es ist gemütlich dort.«

Das Angebot kam spontan und war ehrlich gemeint. Doch Judith Brunner war nicht ganz wohl bei dem Gedanken, mit Laura Perch unter einem Dach zu wohnen. Theoretisch kam sogar auch sie als Täterin infrage. Sie hatte den Toten immerhin gefunden. Und Judith Brunner erinnerte sich genau, dass Laura sich nicht die ganze Zeit auf dem Bahnsteig aufgehalten hatte, sondern für mehrere Minuten aus ihrem Blickfeld verschwunden war, bevor sie mit der Nachricht in die Schalterhalle gestürmt kam. Was, wenn sich herausstellte, dass die Tat erst kurz vorher geschehen war? Hatte Laura Perch den alten Mann ermordet und war dann kaltblütig genug gewesen, das ganze Theater aufzuführen? Es schien ihr zwar unwahrscheinlich, denn ihr ganzes Verhalten offenbarte ehrliche Bestürzung und wirkte absolut authentisch; zudem wies ihre Kleidung keine sichtbaren Spuren auf. Doch vorerst war es eine mögliche Hypothese. Auf der anderen Seite war ihr die junge Frau sympathisch und so bekam Judith Zweifel, ob sie sie nicht durch eine direkte Ablehnung zu stark brüskieren würde. »Wissen Sie, ich möchte Ihnen nicht zur Last fallen. Ich würde kein rücksichtsvoller Gast sein können: zu den unmöglichsten Zeiten unterwegs, keine pünktlichen Mahlzeiten, viele Telefonate, ungeplante Besucher, von den argwöhnischen Blicken der Dorfbewohner mal ganz abgesehen.«

Laura schmunzelte. »Sie übertreiben, kommen Sie. Ich würde mich freuen.«

»Na gut, Sie haben es so gewollt. Ich kann für nichts garantieren.«

Die Zeit war beim Gespräch schnell vergangen. Sie fuhren gerade am Schweinebusch vorbei, einem kleinen Laubwäldchen vor Waldau, linker Hand zwischen den Feldern, in dem früher die Schweine der Gehöfte weideten. Jetzt gehörten die Eicheln und Bucheckern allein den wilden Artgenossen. Im Frühling wuchsen hier viele Veilchen und Gelbsternchen, sogar Buschwindröschen. Lauras Großeltern hatten angrenzend ein Stück Land besessen, es urbar gemacht und einen kleinen Nutzgarten angelegt. Jetzt war das Land verpachtet und Leute aus dem Dorf bauten hier ihr Gemüse an.

Den Ortseingang von Waldau schmückte rechts eine imposante Fachwerkvilla, gegenüber lag das Haus von Martin Bach, dem Landarzt im Dorf. Schon als Kinder waren er und Laura Freunde geworden, da die Bachs auch aus einer Großstadt stammten und sie viele gemeinsame Interessen hatten. Martin und Laura verband später sogar noch mehr.

Zwei Großbauerngehöfte, beiderseits der Straße gelegen, schlossen sich an; Stallungen, Wohnhaus, Scheunen, Gärten, Garagen – so angeordnet und durch eine Mauer wehrhaft verbunden, als müsste man sich noch immer gegen Angreifer verteidigen können.

Laura bat, nach links abzubiegen und sie fuhren eine holprige, mit Feldsteinen gepflasterte Straße hinauf. Dann wurde schon der Dorfplatz mit der mächtigen Eiche sichtbar. Im Nachmittagslicht war sie in ihrem Herbstschmuck wunderschön anzusehen. Auf der Bank, die rund um den mächtigen Baumstamm gezimmert war, lag ein großer Blumenstrauß. Zu sehen war niemand. Sicher war der Strauß für einen Friedhofsbesuch gekauft worden, denn unmittelbar an den Dorfplatz schloss sich die Kirche mit dem alten Friedhof an. Eine gepflegte Kastanienallee führte zwischen Kirchhof und Eiche zum Dorfladen hin. Auch die Gemeindeverwaltung war hier untergebracht. Das Panorama wurde vervollständigt durch das Pfarrhaus mit einem kleinen Garten davor, dem Gebäude der Dorfschule und einigen kleinen Wohnhäusern, die die straßenseitige Begrenzung kleiner Gehöfte bildeten und zum Platz hin gebaut worden waren.

In einem dieser kleinen Häuser hatten ihre Großeltern gelebt. Das Panorama des Dorfplatzes beeindruckte Laura schon als Kind, zumal man vom Stubenfenster aus das gesamte dörfliche Treiben hatte beobachten können. Auch ihre Großmutter saß oft in ihrem Sessel am offenen Fenster und nutzte die Gelegenheit zu einem Schwätzchen mit ihren Freundinnen, wenn diese zum Einkauf unterwegs waren. Die Anlage der Gebäude machte Waldaus Vergangenheit als Angerdorf deutlich, und die liebevoll gepflegten Bauten und Gärten ließen Laura hoffen, dass die Moderne noch einige Zeit abgehalten werden konnte.

»Könnten Sie bitte vor dem gelben Häuschen da drüben anhalten? Dort wohne ich.«

Die Kommissarin sah interessiert hin. »Hübsch. Ich glaube, ich bin froh, Ihr Angebot akzeptiert zu haben.«

»Wir laden rasch das Gepäck aus und dann können Sie Ihrer Arbeit nachgehen. Ich werde ein paar Vorräte einkaufen und die Zimmer herrichten. Dann muss ich natürlich die Nachbarn begrüßen.«

»Guter Vorschlag. Sehen Sie, eine Katze wartet schon.«

»Das ist Wilhelmina. Sie gehört eigentlich keinem und alle denken, sie müssen sie verwöhnen. Deshalb geht es ihr immer hervorragend. Sie sonnt sich gerne auf den warmen Steinen vor der Tür.«

Sie hielten und stiegen aus. Wilhelmina kam zutraulich mauzend auf sie zu. Laura kauerte sich nieder und streichelte ihr das Köpfchen. Ein lautes Schnurren belohnte ihre Dienste. Sie schaute sich um. Herrlich war es hier und sie empfand trotz allem ein inneres Glück, angekommen zu sein.

Die beiden Frauen gingen ins Haus und kamen als Erstes in die Küche. Dort war der Herd beheizt und ein Topf mit heißem Wasser simmerte.

»Jemand möchte ihnen einen angenehmen Empfang bereiten, Frau Perch.«

Laura lehnte am Türrahmen. »Sicher Irmgard Rehse, die Schwester meiner Großmutter. Sie wird sich wundern, warum ich jetzt erst komme.«

Sie sahen sich um, als es laut an der Haustür klopfte.

»Hallo Laura, bist du endlich da? Hallo?«

»Ja, hier. Komm her.« Eine betagte Frau kam in die Küche, klein, füllig und mit roten Wangen. Ihr Haar hatte sie mit einem weinroten wollenen Kopftuch geschützt, das sie unter dem Kinn festgebunden hatte. Über einem grauen Wollrock und einer handgestrickten blauen Jacke trug sie eine bunte baumwollene Kittelschürze. Laura beugte sich zu ihr herunter und umarmte sie. »Wie du mich wieder verwöhnst. Schön warm hast du es gemacht.«

Vor Freude und Aufregung sprudelte die alte Frau in platt gleich los: »Laura, meen Deern. Wat schön. Also hev ick doch richtich een Auto jesehn. Tut der Laurenz schon wedder een neuen Wagen fahrn? Ick hev jar nich jehört, wann du jekommen bist. Bist du schon lang da? Ick hev schon Feuer anmacht. Is et jemütlich for ju?«

Laurenz. Was sollte Laura sagen? Sie wollte ihrer Großtante nicht wehtun, die freute sich so. Laura lenkte ab: »Genau richtig. Danke!« Sie bemerkte Tante Irmgards fragenden Blick auf die fremde Frau.

Laura war sich nicht sicher, wie die Kommissarin vorgestellt werden wollte, und sagte zögernd: »Das ist Judith Brunner, eine Bekannte von mir, die ein paar Tage hier wohnen wird.«

Judith nickte dankbar und ging auf die alte Dame zu. »Guten Tag. Ich freue mich, Sie kennenzulernen. Und wie nett Sie alles für Frau Perch vorbereitet haben!«

Mit der Fremden versuchte Irmgard Rehse, hochdeutsch zu reden: »Ach, ich kümmer mich doch gern um Laura. Sie sieht ihrer Großmudder so ähnlich, und die Augen leuchten immer noch, wenn sie hierherkommt«, lächelte sie warm. »Na, ich bin erst mal beruhigt und mach wieder los. Ein wenig hev ick schon inkooft for ju. Wenn du noch wat brukst, Laura, kommst rüver, ja? Ick hev ook Kuchen jebacken«, lockte sie.

»Gern, da kann ich nicht widerstehen. Ich komme nachher vorbei«, versprach Laura.

Vor dem Türschließen schlüpfte Wilhelmina noch schnell ins Haus und sprang erwartungsvoll auf den Küchentisch.

Laura setzte sich und sah Judith an. »Wie soll ich reagieren? Mir ist vor Schreck ganz schlecht geworden, als sie Laurenz erwähnte.« Sofort kamen ihr wieder die Bilder in den Kopf – wie sie ihn in seinem Blut entdeckte.

Die Katze begann, sie beruhigend anzuschnurren.

»Sie haben das gut gemacht. Ich fürchte nur, es wird für viele hier im Ort eine unruhige Zeit werden und nicht immer wird Rücksicht möglich sein ... Ich muss dann auch los, sonst treffe ich keinen mehr an. Vor allem muss ich den Ortspolizisten noch informieren. Wissen Sie, wo er sein Büro hat?«

»Walter? Ja, gleich hier. Oh! Entschuldigung, Walter Dreyer meinen Sie, ich kenne ihn auch schon ewig. Zwei Häuser weiter, in dem Haus mit dem Rotdorn davor.«

»Danke! Und warten Sie nicht auf mich, ich komme schon klar.«

Laura räumte zunächst das Gepäck aus dem Weg. Judiths Tasche stellte sie in das Schlafzimmer, dessen Fenster zum Garten hinausgingen. Sie selbst nahm das Zimmer neben der Stube. Zum Lüften öffnete sie alle Fenster. Die Sonne stand nun schon tief und bald würde es dunkel werden. Sie nahm ihre Lieblingstasse aus dem Schrank, füllte zwei gehäufte Löffel Kaffee hinein und goss das kochende Wasser drüber. Gleich duftete es aromatisch. Sie ging zum Küchenfenster und setzte sich in Großmutters Sessel. Dann fing sie an zu weinen. Es war wirklich zu viel. Der Tag hatte so schön angefangen, die Zugfahrt war angenehm verlaufen. Dann kam Laurenz nicht, stattdessen fand sie seine Leiche und verbrachte Stunden in einer Bahnhofswirtschaft. Und jetzt würden viele Leute Kummer haben. Einzig Wilhelmina war da, um sie zu trösten. Sie sprang auf ihren Schoß, rollte sich zusammen und schnurrte. Laura kraulte sie und trank ihren Kaffee. Was sollte werden? Sie wusste, dass Judith Brunner recht haben könnte. Mörder mögen keine Beobachter.

Das Telefon im Flur klingelte. Widerwillig räumte Wilhelmina ihren Schmuseplatz und Laura konnte den Hörer abnehmen gehen. »Ja, bitte?«

»Laura bist du also doch endlich da? Fein, ich habe mich so auf deinen Besuch gefreut! Was war denn los? Wo bleibt ihr denn? Hatte der Zug Verspätung?«

Laura beschloss, einfach nicht auf die Fragen einzugehen. »Astrid, wie schön dich zu hören! Ich bin gerade rein und hatte mich eben mit einem Kaffee hingesetzt und überlegt, was ich zuerst machen muss, um das Haus wiederzubeleben. Ich war seit einem Vierteljahr nicht mehr hier. Tante Irmgard hat schon geheizt. Und Wilhelmina hat mich natürlich begrüßt.«

»Darauf ist Verlass. Sie hofft auf Leckerbissen«, lachte Astrid, »wann kommst du her? Ich kann es kaum erwarten. So viel ist zu erzählen.«

»Heute wird es wohl nichts mehr. Ich muss noch einkaufen und Tante Irmgard habe ich auch noch einen Besuch versprochen. Aber morgen, nach dem Frühstück, komme ich bestimmt. Ich freue mich auch schon sehr.«

»Sehe ich ein. Grüß Tante Irmgard von mir. Hoffentlich taucht Laurenz auch bald auf, Onkel Botho will noch für morgen etwas mit ihm besprechen. Tschüss.«

Astrid hatte so schnell aufgelegt, dass Laura nicht genötigt wurde, über Laurenz’ Tod reden zu müssen. Zumal sie nicht wusste, was sie sagen sollte oder durfte. Judith Brunner musste endlich Zeit finden, mit ihr zu reden!

Wilhelmina mauzte.

»Du hast ja recht. Jetzt bekommst du auch etwas.« Laura bückte sich und kramte in einer Plastetüte. »Hier, guck, extra für dich mitgebracht. Das wird dir schmecken.« Sie öffnete eine Fischbüchse. Für eine Dorfkatze, die überall irgendwelche Reste zu fressen bekam, sicher eine Delikatesse. Zumindest bildete Laura sich das ein. Wilhelminas Appetit schien ihr recht zu geben.

Dann bezog Laura die Betten, legte Handtücher und Pyjamas auf die Decken und beschloss, im Garten noch frische Blumensträuße für die Kommoden zu pflücken. Nach der Inspektion der mehr als reichlichen Vorräte verzichtete Laura auf einen Einkauf. Sie ging gleich nach nebenan, um sich bei Tante Irmgard zu bedanken und sich verwöhnen zu lassen.

~ 6 ~

Judith Brunner hatte das Haus von Walter Dreyer rasch erreicht und klopfte an die solide Holztür. Nichts war zu hören, keine Schritte und auch kein »Herein«. Das Schild neben der Tür deutete, außer auf den Hinweis, dass hier die Polizeistation war, weder auf die Öffnungszeiten noch auf den Verbleib des Büroinhabers hin. Also drückte sie die Klinke und trat ins Haus. Im Flur hingen einige Fahndungsplakate, Hinweiszettel zur Vorbeugung von Straftaten und ein Kalender mit alten Ansichten von Gardelegen. An der rechts liegenden Tür war ein Schild »Büro« festgeklebt. Zwei Stühle an einem kleinen runden Tisch sahen aus, als wären sie noch nie benutzt worden. Sie hörte leises behutsames Reden, wie mit einem Kleinkind. Judith Brunner ging der Stimme nach und gelangte in den Garten.

Walter Dreyer redete mit Wilhelmina, die um seine Beine schlich und schnurrte. »Na, ich hab genau gesehen, dass Laura gekommen ist. Sicher hat sie dir was Leckeres gegeben. Also tu nicht so, als wärest du am Verhungern.« Er bemerkte die junge Frau. »Such dir ein warmes Plätzchen und ruh’ dich aus. Ich hab’ zu tun.«

Freundlich ging er auf Judith zu und begrüßte sie. »Sie müssen Judith Brunner sein. Die Kollegen aus Gardelegen haben mich schon angerufen.« Er wurde ernst. »Kommen Sie, gehen wir ins Büro. Wir haben sicher allerhand zu besprechen.«

Das Büro sah eher aus wie eine Bibliothek. An den Wänden befanden sich außer einem Aktenschrank und einem kleinen Safe nur Regale voller Bücher, bei Weitem nicht nur Fachliteratur. Ein alter geräumiger Schreibtisch hatte Mühe, den gesamten Papierkram aufzunehmen, sodass sich auf ihm das Telefon nur knapp gegen die Aktenberge behaupten konnte. Mehrere bequeme Sessel luden zum Hinsetzen ein, und aus den zwei Fenstern konnte man den gesamten Dorfplatz sehen.

»Setzen Sie sich, bitte. Darf ich Ihnen etwas anbieten? Ein Wasser oder einen Kaffee?«

Judith bemerkte nun ihren Hunger, doch Essbares war nicht im Angebot. Und sie wollte den Kollegen nicht in Verlegenheit bringen. »Ein Kaffee wäre schön, danke.«

Sie suchte sich einen mit dunkelgrünem Samt bezogenen Lehnsessel aus und betrachtete Walter Dreyer. Ein attraktiver Mann, groß, nicht zu schlank, mit ruhigen Bewegungen. Er mochte vielleicht an die fünfzig sein und wirkte sehr präsent.

»Am Telefon sagte man mir, dass Laurenz Heitmann ermordet wurde. Und dass eine Hauptkommissarin von der Mordkommission zu mir unterwegs ist.« Er lächelte in Erinnerung an die Beschreibung, die sein Kollege ihm gegeben hatte. Dem Trottel war es nicht annähernd gelungen, die Attraktivität dieser Frau zu treffen. So etwas Apartes hatte in diesem Sessel noch nie gesessen, da war Walter sich sicher. »Ich verschwinde rasch in die Küche. Wie möchten Sie den Kaffee?«

»Mit Milch, bitte. Darf ich kurz in der Kreisbehörde anrufen?«

»Selbstverständlich, das ist auch Ihr Büro. Doch der Kollege meinte, dass es nichts Neues gibt.«

»Wie auch, so schnell geht’s nun mal nicht.« Ob die Nachricht vom Mord das Dorf schon erreicht hatte?

»Wissen die Leute hier schon Bescheid?«, fragte sie Walter Dreyer, als er den Kaffee vor sie hinstellte. Er benutzte Keramikbecher, die kleine Schönheitsfehler hatten. Die farbige Glasurschicht war ungleichmäßig dicht und die eingeritzten Muster verschieden groß. Eine echte Handarbeit, die Judith gefiel.

Walter Dreyer antwortete: »Bei mir hat noch niemand nachgefragt. Doch von Gardelegen hierher ist es nicht weit, es könnte schon sein. Natürlich bin ich beunruhigt. Ich wollte aber erst auf Sie warten und Genaueres hören, bevor ich etwas unternehme«, fuhr er fort. »Wissen Sie, Heitmann war hier beliebt, stammt aus dem Dorf. Er hatte es verstanden, seine exotische Stellung als Chauffeur in den Hintergrund treten zu lassen. Er gehörte dazu. Die Nachricht von seiner Ermordung wird im Dorf für große Aufregung sorgen.«

»Das kann ich mir gut vorstellen. Allem Anschein nach starb er an einer Brustverletzung, jedenfalls hat er dort eine blutende Wunde. Es wurde bisher keine Tatwaffe gefunden.«

»Und Tatzeugen konnten auch nicht ermittelt werden, sagte man mir am Telefon.« Walter Dreyer musste gute Kontakte zur Kreisbehörde haben, registrierte Judith für sich.

Ihr Kollege fuhr fort: »Die Befragungen hätten nichts ergeben. Außer dem Fahrkartenverkäufer und den Leuten am Frachtschalter ist kein weiteres Personal ständig anwesend und die Putzkolonne war schon morgens wieder weg. Die Wirtin hat wohl auch nichts bemerkt. Sie öffnet gegen zehn und bereitet sich dann auf ihre Kundschaft vor, die jedoch meistens erst in der Mittagsstunde vorbei kommt. Wissen Sie, wann es ungefähr passiert ist?«

»Der Zug kommt laut Fahrplan um 11:45 Uhr an. Er war auch heute pünktlich, ich habe selbst drin gesessen. Da Heitmann nicht zum Bahnsteig gegangen ist, was man wahrscheinlich so fünf Minuten vor Zugankunft täte, würde ich von einer Zeit vor 11:40 Uhr ausgehen.«

»So viel früher wird er nicht da gewesen sein, dann wäre sein Wagen doch jemandem aufgefallen.«

»Also nehmen wir mal an, er war halb zwölf dort. Dann blieben zehn Minuten für die Tat. Ausreichend Zeit.«

»Vielleicht hatte er aber auch noch etwas anderes in Gardelegen vor und hielt sich schon länger dort auf.«

Es entstand eine kleine Pause und Judith wusste nicht, wie sie den intensiven Blick aus Dreyers dunkelbraunen Augen deuten sollte.

Der fuhr fort: »Wissen Sie, es ist irgendwie ... irreal. Ich kannte ihn, lange. Alle hier kannten ihn. Und jetzt ist er ermordet worden. Ich bin hier die Polizei und trage die Verantwortung. Alle werden von mir – Verzeihung, und von Ihnen – erwarten, dass sein Mörder gefasst wird. Ich kenne mich damit aber nicht aus und das macht mir Sorgen. Ich setze voll auf Sie.«

Judith Brunner war einen Moment überrascht, als sie diese Sicht der Dinge hörte. Immerhin leitete sie diese Ermittlungen und war nicht zu Dreyers Unterstützung hier. Das war ihm hoffentlich klar. Sie hatte keine Lust auf Auseinandersetzungen. Und seine guten Beziehungen zur Kreisbehörde ... Sie sah ihren Kollegen eindringlich an. »Und ich werde bei den Ermittlungen Ihre volle Unterstützung brauchen. Wir müssen schnell arbeiten, denn mit diesem einen Mord wird es unter Umständen nicht getan sein.«

»Wie bitte?« Walter Dreyer setzte sich auf. Judith Brunner sah zwar müde, aber voll konzentriert aus, und hatte klar von der Möglichkeit weiterer Morde gesprochen. »Was meinen Sie? Hier? In den letzten Jahren gab es in Waldau keine ungewöhnlichen Todesfälle. Die Leute kennen das nur aus dem Fernsehen!«

»Wissen Sie, das Beängstigende ist, dass wir mehr oder weniger deutlich auf einen Mord hingewiesen wurden. Eventuell haben wir die Angelegenheit auch unterschätzt. Ein Mord ist geschehen, ohne dass wir rechtzeitig etwas hätten unternehmen können.«

Dreyer begriff nicht viel, er spürte nur, dass es ernst war. So erklärte sich auch das rasche Erscheinen der Bezirksbehörde vor Ort. Wie angenehm ihm diese Frau auch schien, hatte er sich schon gefragt, wieso sie derart schnell an den Tatort gelangt war. »Erzählen Sie mir, was los ist«, forderte er sie auf.

Judith Brunner rekapitulierte die Geschichte von den anonymen Briefen, den Warnungen, und erinnerte ihn an die kürzliche Suchaktion in Lindenbreite.

Als sie fertig war, wusste Walter nicht recht, was er damit anfangen sollte. Blutbuchen. Schatzsucher. Bleiche Knochen. Irgendwie absurd! So eine krude Geschichte hatte er nicht erwartet. »Und daraufhin hat man Sie, immerhin eine Hauptkommissarin, losgeschickt?«

Judith hatte nicht vor, auf diese Bemerkung näher einzugehen. »Die Mordkommission wollte zunächst nicht offiziell ermitteln. Schließlich war bisher nichts passiert. Immerhin entschloss man sich, mich loszuschicken, damit ich mich umsehen kann. Nun, ich brauchte ja nicht lange zu suchen.« Sie schloss die Augen und seufzte. »Wer weiß, was noch passiert.«

»Wo ist Heitmann jetzt?«

»Im Kreiskrankenhaus. Dort gibt es jemanden, der die Obduktion machen kann, ein wirklich guter Mann, ein fähiger Spezialist, kultiviert und angenehm.« Judith Brunner musste aufpassen, nicht ins Schwärmen zu geraten.

Dreyer fragte sich angesichts der Sympathie in ihrer Stimme, ob sie vielleicht privat mit ihm …?

Als könne sie Gedanken lesen, fuhr Judith fort: »Ich kenne ihn von früheren gemeinsamen Ermittlungen. Jetzt arbeitet er leider nur noch gelegentlich für die Polizei.«

Rasch wechselte Dreyer das Thema. »Was hat denn damals die Auswertung der Spuren ergeben? Sie sagten doch, es seien Gegenstände in Lindenbreite eingesammelt worden.«

»Keine Ahnung. Das Zeug muss noch in der Kreisbehörde liegen. In meinen Unterlagen befand sich zumindest kein Bericht.«

»Das sind keine schönen Aussichten. Wissen Sie, Lindenbreite ist nach dem Krieg nur noch einige Jahre vom Gut aus bewirtschaftet worden. Seitdem verfällt es. Alte Obstbäume wachsen dort noch, oder Beerensträucher. Die Gebäude aber brechen langsam zusammen und es gibt kaum Wanderer, die sich dorthin verirren, da der Weg am Vorwerk endet. Dahinter beginnt der Wald, der zudem ziemlich dicht ist. Mir ist hier in meiner langen Dienstzeit noch nie etwas zu Ohren gekommen, das zu Ihrer Geschichte passen würde.« Walter Dreyer hoffte auf eine Fehleinschätzung der Magdeburger Polizei bei der Interpretation der Fakten. »Aber möglicherweise hat das alles mit Heitmanns Ermordung gar nichts zu tun. Ein Zusammenhang ist absolut nicht sicher.«

»Natürlich nicht, doch sagten Sie selbst, dass Morde hier nicht häufig vorkommen und es wäre schon ein großer Zufall, wenn hier mehrere derartige Ereignisse unabhängig voneinander aufträten.«

»Gut, das kann ich akzeptieren. Wie wollen Sie also anfangen?«

»Sie kennen die Leute hier, Herr Dreyer, können ihre Reaktionen deuten und ihre Haltung unserer Arbeit gegenüber beeinflussen. Ich wäre froh, wenn wir zusammenarbeiten und Sie mich begleiten könnten. Zuerst wollte ich auf das Gut und die Ahlsens informieren. Dort ist man sicher schon beunruhigt wegen Heitmanns Ausbleiben.«

»Das unter Umständen weniger, denn heute wäre der Abend, an dem sich die Heimatfreunde treffen. Laurenz Heitmann gehörte auch dazu und ging regelmäßig hin. Noch wird ihn also niemand vermissen. Natürlich sollten wir dessen ungeachtet die Ahlsens sofort informieren. Es wird kein leichter Gang werden.«

~ 7 ~

Obwohl der Fußweg auch nicht länger als fünf Minuten gedauert hätte, stiegen sie in Dreyers Dienstwagen, um im Dorf niemandem zu begegnen und in Erklärungsnöte zu geraten. Die Gerüchte würden noch früh genug zu wirken beginnen.

Die Einfahrt zum Gutsgelände von der Hauptstraße aus war noch geöffnet. Es gehörte zu Heitmanns abendlichen Pflichten, das Tor zu schließen. Sie fuhren am linker Hand gelegenen Schwanenteich vorbei. Ein Schwanenpaar fühlte sich belästigt und schwamm stolz zum anderen Ufer. Die Vögel blickten dem störenden Fahrzeug vorwurfsvoll nach. Auf der rechten Seite des Fahrweges, einer alten Buchenallee, waren zwischen den Ziersträuchern und Büschen die Rückfronten der Stallungen zu sehen. Die Allee mündete in einem kleinen, mit einem Rondell verzierten Platz, der die Gartenseite des Gutshauses vom Gutspark trennte.

Sie hielten und Judith Brunner stieg als Erste aus. Sie sah, dass sie bemerkt worden waren. Im als Wintergarten genutzten Pavillon stand jemand auf und öffnete eine Flügeltür. »Darf ich Ihnen helfen? Sie suchen sicher unseren Gasthof. Hier können Sie nicht übernachten, das ist Privatbesitz. Oh, Sie? Guten Abend.« Überrascht blieb der Mann stehen, als er Walter Dreyer sah. »Ich habe das Auto nicht gleich erkannt.« Unsicher blickte er ihnen entgegen. »Was ist los?«

»Guten Abend, Herr Ahlsens. Darf ich Ihnen meine Kollegin, Frau Hauptkommissarin Brunner, vorstellen? Wir müssen mit Ihnen reden.«

Sie reichten sich die Hände und gingen hinein. Inzwischen war auch eine junge Frau in den Pavillon gekommen, die ein Tablett mit Geschirr und Gebäck trug. Sie stellte es ab. »Onkel Botho, du hast gar nicht erwähnt, dass wir noch Besuch bekommen. Oh, Walter, ... ist was passiert?«

Dreyer bat die beiden, sich hinzusetzen. Er wusste nicht recht, wie er das Gespräch beginnen sollte. »Hätten Sie auch für uns eine Tasse Kaffee?«

Astrid Ahlsens lief rasch in die Küche und kehrte mit zwei weiteren Gedecken zurück. Sie ließ sich besorgt neben ihrem Onkel auf einem grazilen hölzernen Sitzsofa nieder, das sehr bequem aussah. Judith Brunner, die mit dem Rücken zur Glaswand auf einem dazu passenden Sessel saß, konnte auch das übrige Mobiliar und die Ausstattung bewundern, welche dem Wintergarten einen unwiderstehlichen Charme verliehen. Üppige Pflanzen, wunderschöne, alte Gefäße und ein rustikaler Steinfußboden bildeten mit den Holzmöbeln ein beeindruckendes Ensemble.

Astrid Ahlsens wurde unruhig. »Ist was mit Laurenz?«

»Wieso fragen Sie? Ist heute nicht sein Heimatfreunde-Abend?«, wunderte sich Judith Brunner.

»Doch, schon. Aber heute Vormittag sprachen wir kurz miteinander, bevor er nach Gardelegen fuhr, um Laura abzuholen. Und da erwähnte er nebenbei, dass er abends etwas anderes vorhabe. Auch wollte er sich beeilen, um rasch mit Laura vom Bahnhof zurück zu sein. Dort müssen sie sich allerdings verspätet haben. Laura ist aber schon eine Weile da; ich habe bereits mit ihr telefoniert. Nur Laurenz hat sich noch nicht zurückgemeldet.«

Dreyer blickte sie ernst an. »Das wird er auch nicht, Astrid. Er ist tot.«