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Dass man in der Altmark am vorgeschichtlichen Königsgrab noch ein menschliches Skelett findet, ist schon ungewöhnlich. Noch dazu ist der Schädel mit einer Totenkrone geschmückt. Schon bald wird klar, dass hier kein Fund aus der Jungsteinzeit vorliegt, sondern eine nur wenige Jahrzehnte zurückliegende Gewalttat zum Tode dieses Mannes führte. Judith Brunner ist noch mit den merkwürdigen Umständen dieses Fundes beschäftigt, als sie beinahe selbst Zeugin eines Mordes wird. Zur Überraschung der Ermittler stellt sich heraus, dass es zwischen den beiden Opfern eine Beziehung gab. Motive und Verdächtige gibt es zuhauf. Nur eines ist sicher: Wieder einmal droht eine alte, vergessene Geschichte sich zu tragischen Ereignissen in der Gegenwart auszuwachsen.
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Seitenzahl: 327
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Heike Schroll
Totenkronen – Ein Altmarkkrimi
Judith Brunners sechster Fall
Kriminalroman
eBook
alto-Verlag Berlin
Die vorliegende Kriminalerzählung ist frei erfunden.
Jede Übereinstimmung von Personen und Örtlichkeiten wäre rein zufällig.
Besuchen Sie bitte auch den Autorenblog:
http://www.heikeschroll.com
Impressum
Schroll, Heike
»Totenkronen – Ein Altmarkkrimi«
Judith Brunners sechster Fall
Kriminalroman
eBook-Version: (17.01 h) Juni 2017
Copyright © dieser Ausgabe by alto-Verlag Berlin
Copyright © 2017 by Heike Schroll
Umschlaggestaltung und Foto: Bernd Schroll
Alle Rechte vorbehalten
© alto-Verlag Berlin 2017
ISBN 13: 978-3-944468-11-2 (epub)
ISBN 10: 3-944468-11-2 (epub)
Identische Taschenbuchausgabe:
alto-Verlag Berlin 2017
ISBN 13: 978-3-944468-10-5
ISBN 10: 3-944468-10-4
ISBN-A: 10.978.3944468/105
http://dx.doi.org/10.978.3944468/105
www.heikeschroll.com
www.alto-verlag.com
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Altmark, Juli 1993
~ 1 ~
Es klingelte. Das Display des schneeweißen Gerätes zeigte eine Null – ein Anrufer von außerhalb. Prompt kam Judith beim Hören der neuen Telefonmelodie der enthusiastische Techniker in den Sinn, der vor zwei Wochen das neue Telefon installiert hatte. »Iii Ess Dii Enn – die Zukunft der Kommunikation«, verkündete er voller Stolz, als er nach einem erfolgreichen Funktionstest versuchte, ihr sämtliche Vorteile des neuen Wunderapparates anzupreisen. Dabei unterlief ihm ein entscheidender Fehler: Er verwies einleitend auf das Handbuch. Ab dem Moment hörte Judith nämlich nicht mehr konzentriert zu sondern ließ die Begeisterung des Telefonmonteurs auf sich wirken. Sie mochte Leute, die ihre Arbeit mit ganzem Einsatz vollbrachten. Obwohl er noch nicht einmal annähernd ihr Typ Mann war – zu jung, zu dicklich und viel zu blond –, hatte sie seine überschäumende Begeisterung bewundert. Mit kraftvoller Stimme und großen Gesten beschrieb er die zahlreichen profanen Möglichkeiten des kleinen Kastens. Dazu schlüpfte er in mehrere Sprechrollen mit unterschiedlichen Stimmen, um Anrufer und Angerufene anschaulich darzustellen. Nicht nur lauter werdend sondern siegesgewiss eine Faust reckend, rief er aus: »Noch in hundert Jahren wird man davon sprechen!« Judith hatte ihm zugenickt. Zu ihrem zurückhaltenden Lächeln musste sie sich allerdings zwingen. Am liebsten hätte sie lauthals gelacht und applaudiert. Damals war durch das unüberhörbare Deklamieren Albert Modersohn, ihr Zimmernachbar, aufmerksam geworden. Er steckte seinen Kopf durch den Türspalt und fragte: »Geht es um meine Abschiedsparty? Nicht? – Schade. Na, dann macht mal schön weiter.« Für die neue Technik ließ er sich, so kurz vor seiner Pensionierung, nicht mehr begeistern. Er verschwand zurück ins Nachbarbüro. Judith war nun wieder die Einzige gewesen, für die das ganze Spektakel veranstaltet wurde. Was der fette Aufdruck ISDN bedeutet, wusste sie bis heute nicht. Unter Aktenbergen vergraben, wartete das Handbuch geduldig auf seine große Stunde.
Erneut setzte das Telefon an, die Melodie für Externanrufe zu wiederholen, ein unmissverständliches Zeichen, dass sie sich vorschriftsmäßig zu melden hatte: »Kriminaloberkommissarin Judith Brunner-« ›Polizeirevier Salzwedel‹, wollte sie noch hinzusetzen, als sie unterbrochen wurde.
»Gott sei Dank bist du da! Ich bin über einen Schädel gestolpert.«
Es kam äußerst selten vor, dass Laura kompletten Unsinn von sich gab; ihre engste Freundin und Hausnachbarin neigte auch nicht zu albernen Scherzen. Schon gar nicht, wenn Laura sie auf dem Revier anrief. Daher nahm Judith die Mitteilung professionell ernst. Sie wusste, dass Laura, die als Archivarin in der Hauptstadt arbeitete, dieser Tage einem Berliner Dozentenkollegen von der Universität einen Gefallen tat. Gemeinsam wollten sie einer kleinen Gruppe von Studenten der Archäologie die Grabkultur der Jungsteinzeit näherbringen. Die Altmark hatte eine Menge gut erhaltener Großsteingräber zu bieten, und Laura unterstützte den Professor als ortskundige Begleiterin. Wenn Judith sich recht erinnerte, sollte es heute Vormittag zum Königsgrab gehen. Mitten im Wald, in der Nähe von Salzwedel gelegen, konnte es kaum einen imposanteren Auftakt der Exkursionen geben. Judith kannte sich mit diesen Dingen zwar nicht sonderlich gut aus, hielt es aber im ersten Moment nicht für abwegig, dass man in der Nähe von alten Grabanlagen hier und da mal einen Schädel fand. Das von Laura entdeckte Exemplar konnte dort schon seit Jahrhunderten liegen.
»Judith? Hast du mich verstanden?«
»Oh, tut mir leid, ich war in Gedanken. Wir reden über einen menschlichen Schädel? Oder meintest du etwa einen frisch abgetrennten Kopf?«
»Ja. Nein«, beantwortete Laura beide Fragen. »Er sah zumindest wie ein ganz gewöhnlicher Menschenschädel aus. Keine Haut mehr dran, blanke, saubere Knochen. Normal groß, wie von einem Erwachsenen.«
»Was sagt denn der Professor, den du bei dir hast, dazu? Wenn ich das richtig behalten habe, sind alte Knochen doch sein Spezialgebiet.«
»Er war sich absolut sicher, dass der Schädel echt ist. Kein Scherzartikel oder eines dieser pseudodekorativen Teile, die man in Läden für Okkultes kaufen kann. Nein, hundertprozentig echt. Schon älter, aber nicht alt genug, um zu diesem Steingrab zu passen. So richtig jahrtausendealte Gebeine findet man an diesen Orten sowieso nicht mehr, habe ich bei der Gelegenheit gleich gelernt. Schon seit Ewigkeiten sind hier Grabräuber zugange gewesen.«
»Tja, bei Funden menschlicher Knochen ist es in jedem Falle richtig, die Polizei einzuschalten. Ich werde-«
Laura redete einfach weiter: »Außerdem scheint der Schädel angebrochen. Einen tiefen Riss habe ich am Hinterkopf gesehen. Andere Knochen lagen nicht dabei.«
So eine Beschädigung an einem Schädel musste nicht automatisch auf ein Verbrechen hindeuten, auch die Überreste von Kriegsgefallenen tauchten immer mal wieder auf, überlegte Judith. »Also gut. Ich kümmere mich darum, Laura. Als Erstes werden die Kollegen eines Streifenwagens bei euch auftauchen und dann kommt noch jemand von der Rechtsmedizin.« Judith überlegte, was alles passieren musste: Nachdem sie ihren Chef ins Bild gesetzt haben würde, rief der in Stendal bei der Polizeidirektion an; allein dort würde man dann entscheiden, was weiter zu veranlassen war. In der Regel erschien ein Kollege vom Fachkommissariat 1, dem für Schwerstverbrechen zuständigen Kommissariat. Unabhängig davon bestand die Aufgabe ihres Reviers darin, für die Sicherung des Fundortes zu sorgen. Am besten, sie kümmerte sich selbst vor Ort darum. »Von wo aus rufst du eigentlich an? Das Königsgrab liegt ja nicht gerade in der Nähe einer Telefonzelle.«
»Ich habe vorne an der Straße einen Trecker angehalten und bin jetzt bei sehr netten Leuten in Lüdelsen. Sie haben mir schon ein Fahrrad rausgestellt. Damit radle ich gleich wieder zurück in den Wald.«
»In Kürze ist jemand von der Polizei da«, versicherte Judith ihrer Freundin noch einmal. »Passt du bitte auf, dass eure Gruppe zusammenbleibt? Fasst nichts an und lauft nicht unnötig herum. Ich komme schnellstens vorbei, so bald ich alles in die Wege geleitet habe.« Um nichts in der Welt würde sie sich das entgehen lassen; Knochenfunden und alten Gräbern haftete immer etwas Geheimnisvolles an! Eine Untat oder ein Unfall in einer vergangenen Epoche – und lange Zeit später kommt das Geschehen im wahrsten Sinne des Wortes ans Tageslicht: nach Rodungsarbeiten oder unter dem aufragenden Wurzelstock eines vom Sturm gefällten Baumes. Nur zufällig wird es dann von Irgendjemanden entdeckt. »Sicher hat ein Tier den Schädel ausgegraben und in die Nähe des Königsgrabes geschleppt«, spekulierte Judith laut.
»Nun, das denke ich nicht«, klang ihre Freundin recht überzeugt.
Judith ahnte, dass ihre eher arglose Annahme umgehend zunichtegemacht werden würde.
Laura rückte nämlich erst jetzt mit einem wesentlichen Detail heraus: »Der Schädel prangt mitten auf einem großen, flachen Deckstein am Ende der Grabanlage, in einem Bett aus gewundenen, trockenen Ästen. Und er trägt eine Totenkrone.«
~ 2 ~
Judiths Vorgesetzter, Knut Müller-Nordergreen, blickte missmutig auf. Nicht die Nachricht von Judith Brunner über den Schädelfund oder ihr Wunsch, zum Fundort zu fahren, hatte ihm die Laune verdorben, sondern der vor ihm liegende Papierberg. »Natürlich werde ich Stendal sofort informieren, auch wenn ich dafür eigentlich gar keine Zeit habe.« Er machte eine kurze, vorwurfsvolle Pause. »Und Sie eigentlich auch nicht!«
Judith fragte nachsichtig: »Was meinen Sie, bitte?«
»Na, wenn ich mir diesen äußerst lückenhaften Quartalsbericht genau ansehe, macht es fast den Eindruck, dass Sie die Einzige sind, die hier Dienst tut. Morgen ist Abgabetermin, und mir fehlt noch alles Mögliche. Und gerade Sie wissen doch, wie viel Wert man in Magdeburg auf solche Zahlen legt.«
»Wenn Sie gestatten, werfe ich noch mal ein Blick darauf. Ich bin mir sicher, die meisten Kollegen haben soviel gearbeitet, dass ihnen einfach nur die Zeit fehlte, sich auch noch um die Zuarbeit für Ihre Statistik zu kümmern.«
Die Miene von Müller-Nordergreen hellte sich durch Judiths Angebot sichtbar auf. Er raffte den Papierstapel zusammen und übergab ihn ihr mit den Worten: »Sie wissen, Abgabe morgen. Und wenn Sie außerdem noch Zeit haben, können Sie von mir aus gerne in den Wald fahren und dort nach dem Rechten sehen.«
Drei Stunden später war Judith am winzigen Parkplatz an der schmalen Landstraße zwischen Stöckheim und Lüdelsen angekommen. Hier konnten genau drei Autos parken. Die ersten beiden mit Berliner Kennzeichen waren wahrscheinlich die Autos der Studenten. Ein Streifenwagen hatte sich noch neben sie gequetscht. Ein weiterer Einsatzwagen mit eingeschaltetem Blaulicht; dazu standen noch die Fahrzeuge von der Gerichtsmedizin, der Tatortgruppe und dem Fachkommissariat hintereinander am Straßenrand. Judith fuhr an die Spitze der Kolonne. Sie parkte ihren Wagen vor dem von Anton Sello, dem Leiter des Fachkommissariats 1. Seine Präsenz vor Ort verriet Judith eines auf Anhieb: Hier gab es ein Verbrechen aufzuklären. Sello ließ es sich nämlich nie nehmen, an solchen Fundorten persönlich aufzutauchen, sich einen direkten Eindruck zu verschaffen und dafür zu sorgen, dass die Ermittlungen schnellstmöglich in die richtigen Bahnen gerieten.
Schon von Weitem grüßte Judith die uniformierten Kollegen ihres Reviers, die den Zugang zum Königsgrab sicherten. Die Stimmung der beiden war trotz Langeweile und diverser Mückenstiche gut. Sie hoben das Absperrband und bedeuteten ihr galant, sie möge doch eintreten. Judith folgte dem Forstweg. Vorsichtig den schmalen Seitenstreifen neben dem Weg nutzend, wanderte sie ein paar Hundert Meter und bog dann, einem kleinen Hinweisschild folgend, in einen Seitenpfad ein.
Bald waren Stimmen zu hören und ein Stückchen weiter entdeckte Judith sie alle: Dr. Elinor Martens von der Rechtsmedizin aus Magdeburg mit einem Assistenten, die Kollegen aus Stendal, sogar Leute von der Spurensicherung aus Magdeburg, das Häuflein verwirrter Studenten, Laura, diesen Professor und mehrere durchs Gelände streifende Männer in Uniform. Trotz des helllichten Nachmittags waren Scheinwerfer aufgebaut, um gute Fotos machen zu können. Ein Teil des Waldes war abgesperrt. Werkzeugkästen mit diversen Utensilien zeugten von der Suche nach kriminaltechnisch verwertbaren Spuren.
»Kann ich mich noch irgendwie nützlich machen?«, fragte Judith hoffnungsvoll Anton Sello, nachdem sie sich nett begrüßt hatten. Judith und Sello kamen gut miteinander aus und hatten schon öfter zusammengearbeitet.
»Das wird wohl nicht nötig sein«, lehnte er ihr Angebot höflich aber bestimmt ab. »Es laufen hier bereits genügend Polizisten herum. Und Sie haben, wie mir gesagt wurde, in Ihrem Revier genug zu tun. Was machen Sie überhaupt hier?«
»Nun, ich habe den Anruf mit der Fundmeldung entgegengenommen, die Anruferin«, jetzt zeigte Judith auf Laura, »ist meine beste Freundin, und: Ich habe meinen Chef überzeugen können, dass es unabdingbar ist, zu wissen, was genau in seinem Zuständigkeitsbereich so los ist«, zählte Judith mit charmantem Augenaufschlag ihre Gründe auf. »Unglücklicherweise brauchte Müller-Nordergreen noch Zahlen für eine kleine Statistik, sonst wäre ich schon viel früher hier gewesen.«
»Verstehe.« Sello feixte. »Trotzdem, Sie können heute Ihren Feierabend genießen. Das hier schaffen wir auch alleine. Aber wenn Sie unbedingt wollen, können Sie sich gerne umsehen.«
Dr. Elinor Martens trug – für sie untypisch – sportliche Kleidung. Eher für ihre eleganten Ensembles figurbetonter Kleider aus edlen Materialien bekannt, steckte sie heute in Jeans und Strickjacke, was der Attraktivität der Mittvierzigerin allerdings keinen Abbruch tat. Sie unterhielt sich mit dem Mann, von dem Judith annahm, dass es der Professor aus Berlin war, denn er trug weder eine Uniform noch gehörte er zur Tatortgruppe. Und für einen Studenten war er schlichtweg zu alt.
Als Dr. Martens Judith entdeckte, verließ sie den Unbekannten und kam raschen Schrittes auf sie zu. In ihrer rechten Hand erkannte Judith eine große Lupe. In der anderen Hand hielt die Rechtsmedizinerin einen langen Oberschenkelknochen, den sie Judith nach einem kurzen Hallo zur Begrüßung entgegenstreckte. »Davon gibt’s noch mehr. Wir haben dahinten nämlich ein Grab gefunden.«
»Wie bitte?« Judith war verblüfft. Sie hatte vor etlichen Jahren schon einmal an einem Grab im Wald gestanden und einen Mord untersucht. Das war ihre erste Ermittlung in der Altmark gewesen. Dabei hatte sie Laura und Walter kennengelernt, gleichsam ein neues Leben angefangen.
»Kommen Sie mit, ich zeig’s Ihnen«, wandte sich Elinor Martens an Judith. »Richtig angezogen sind Sie ja«, stellte sie anerkennend fest.
Auf dem Weg zum Königsgrab hatte Judith den Umweg über Waldau genommen und die Kleidung gewechselt, ihre Seidenbluse und die sommerliche Pepitahose gegen T-Shirt und Jeans getauscht. Das brombeerrote Shirt war eines ihrer Lieblingsteile, weil es ihre braunen Augen gut betonte und weil Walter gern in den Ausschnitt linste. Gerade war er für ein paar Tage nicht zu Hause und sie tröstete sich über seine Abwesenheit, indem sie Sachen trug, die ihm gefielen. Mit inzwischen vierzig Jahren sollte sie eigentlich abgeklärter reagieren, wenn ihr Liebster für ein paar Tage auswärts zu tun hatte, aber wie die Dinge nun mal lagen, vermisste sie ihn unglaublich. Ihre halblangen, welligen Haare hatte sie mit einer Spange zu einem Pferdeschwanz zusammengefasst, die Walter ihr in London gekauft hatte. Die Lederjacke und die Gummistiefel hatte sie vor Jahren für eine herbstliche Exkursion in den Drömling erstanden. Ja, sie war passend angezogen, um durch das dichte Unterholz zu streifen.
»Das hier ist allerdings nicht mein Fall«, informierte Judith fairerweise, »ich bin nur aus persönlichem Interesse hier. Meine Nachbarin hat den Schädel entdeckt.« Judith winkte Laura, die etwas seitlich von dem gewaltigen Großsteingrab stand, grüßend zu. Ihre Freundin sprach mit einem der Polizisten und machte vielleicht gerade ihre Aussage. Der junge Mann bemühte sich sichtlich, professionell zu wirken, was nicht leicht war, wenn man Laura gegenüberstand. Sie war bestimmt zehn Jahre älter als er, in Judiths Alter. Dennoch eine strahlende Schönheit aus der Stadt: schlank, seidiges Haar, modisch gekleidet. Selbst die Brille, die sie neuerdings trug, stand ihr hervorragend und machte sie sogar noch ein bisschen interessanter. Was sie ihm wohl alles erzählen konnte? Na gut, das würde ihr Laura bei einem Glas Wein am Abend alles berichten müssen. Doch noch stand die Sonne hoch am blauen Himmel, das Laub der Bäume wob ein märchenhaftes Licht über die vorzeitliche Anlage.
Inzwischen waren sie am Grab, dem Grab eines kopflosen Mannes, angelangt. Judith konzentrierte sich auf den Anblick der ausgehobenen Grube und der darin liegenden Knochen. Sie beugte sich vor. »Schön ordentlich«, war ihr erster Eindruck. Reste der Kleidung waren zu sehen, Schuhe und Gürtel.
Dr. Martens stellte sich neben Judith an den Rand des Grabes. »Das ist, soweit ich das bisher beurteilen kann, ein vollständiges menschliches Skelett in Rückenlage. Ich gehe einstweilen einfach mal davon aus, dass dieser Schädel von der Steinplatte dazugehört. Männlich, ungefähr 1,80 m groß, diverse Brüche an Rippen und Beinen in unterschiedlichsten Verheilungsstadien, und, was das Schönste ist - eine auffällige Verbiegung des rechten Oberschenkelknochens.« Sie hielt das Gebein nun Sello, der den beiden Frauen gefolgt war, unter die Nase. »Sie haben also ein Merkmal, das – abgesehen von einem möglichen Gebissbefund - die Identifizierung erleichtern sollte«, betonte sie. »Der Mann dürfte sichtbar gehinkt haben.«
Sello nickte.
Elinor Martens wedelte mit einer Hand in Richtung des Großsteingrabes. »Der Schädel war angebrochen, aber nicht zertrümmert. Ich tippe trotzdem auf stumpfe Gewalt. Einer oder mehrere Schläge, die das Schädeldach beschädigten. Man kann bei genauerem Hinsehen die sternförmigen Frakturlinien erkennen, die von einem Zentrum im oberen Bereich des Scheitelbeins wegführen. Bewerte ich alle Wundspuren, würde ich eine natürliche Todesursache ausschließen. So etwas kann man sich auch nicht selbst zufügen. Die Zähne erzählen mir, dass der Mann nicht mehr ganz jung war, als ihn sein Schicksal ereilte. Ich würde ihn auf Mitte dreißig, Anfang vierzig schätzen«, fuhr Dr. Martens fort. »Ich sehe mir im Institut alles genau an. Sie bekommen morgen meinen vorläufigen Bericht.«
Mehr konnte Sello nicht erwarten, das wusste er. Dennoch erkundigte er sich: »Was ist mit der Liegezeit? Wann wurde der Mann begraben?«
Nun zögerte Dr. Martens kurz. »Sie wissen ja, dass es gar nicht so einfach ist, die Liegezeit von Knochen zu bestimmen.«
Sello wartete geduldig. Diese Situation war ihm nicht neu. Mit schöner Regelmäßigkeit wurden im Boden irgendwelche Knochenstücke gefunden und jedes Mal war die Aufregung groß, wenn die Teile nicht sofort als Tierknochen erkennbar waren. Dann musste aufwendig ermittelt werden, ob sie von einem Menschen stammten und wie lange sie vergraben gewesen waren. Nur in seltenen Fällen wurde aus einem solchen Knochenfund eine Vermisstensache, oder die Knochen konnten einem Mordfall zugeordnet werden.
Tatsächlich ließ sich Dr. Martens zu weiteren Aussagen drängen: »Nun, Professor Welding und ich sind uns einig, dass die Knochen schon ein paar Jahrzehnte alt sind. Er schätzt auf mindestens zwanzig, vielleicht auch dreißig Jahre, und ich würde mich dem vorläufig anschließen, bis wir mehr wissen. Der Zeitraum passt auch zu Teilen der Bekleidung des Opfers, die noch nicht völlig verrottet sind.« Sie zögerte, blickte sich um und sprach etwas leiser weiter: »Wie anregend es auch war, meine Überlegungen über diesen Fund quasi mit einem Fachkollegen zu erörtern – den Professor interessierte die Totenkrone weit mehr als der Schädel oder dieses Grab hier«, gab Dr. Martens ihren Eindruck wieder. »Er hat so etwas wie diesen speziellen Schmuck schon lange nicht mehr gesehen, obwohl er erst kürzlich eine Vorlesung zu diesem Thema gehalten hatte, gestand er mir.« Dass der Mann dabei etwas irritiert wirkte, erwähnte Dr. Martens nicht; womöglich interpretierte sie da auch zu viel in seinen Gesichtsausdruck.
»Und wann, würden Sie sagen, ist dieses Grab wieder geöffnet worden?«, fragte Sello und zeigte auf das kopflose Skelett.
»Das ist noch nicht lange her, einen Tag vielleicht. Wir sind hier mitten im Wald und es befinden sich kaum Blätter oder Äste in der Grube. Bei den Baumwurzeln und den ganzen Riesensteinen, die hier herumliegen, ist es fast ein Wunder, dass der Boden an dieser Stelle fürs Ausgraben so leicht zugänglich war. Die Seiten sind stabil, Bodenmaterial ist nicht weggerutscht, sogar ein wenig feucht ist es noch an manchen Stellen. Ja, ein Tag, allerhöchstens zwei, könnte hinkommen.«
Sello stimmte Dr. Martens Bemerkungen im Stillen zu. Die Bodenverhältnisse an dieser Stelle hatten aber nicht nur das Ausgraben, sondern bestimmt schon das Vergraben des Leichnams begünstigt. Irgendwer kannte sich hier offenbar gut aus. Der Täter? Ein Beobachter? Er meinte laut: »Wir müssen also ein Mordopfer identifizieren, das irgendwann in den sechziger Jahren verschwunden ist; einen ungefähr vierzigjährigen Mann mit einem krummen Oberschenkel. Das dürfte machbar sein.«
Judith erhob sich. »Ja – falls er damals als vermisst gemeldet wurde. Jemandem wichtig war. Vielleicht gab es aber auch eine einleuchtende Erklärung für sein Wegbleiben und niemand sah sich damals veranlasst, nach dem Mann suchen zu lassen.«
»Nun, mittlerweile ist er jemandem wichtig genug, um auf den Mord aufmerksam zu machen. Weswegen sonst hätte man dieses Grab freigelegt?«, wies Sello auf das Offensichtliche hin.
~ 3 ~
Wenig später trat Laura zu Judith und verkündete: »Fertig. Von mir aus können wir los.« Sie sah auf ihre Uhr und bemerkte überrascht: »Ach, so lange kam es mir gar nicht vor. Erst haben wir deinen Kollegen bei der Arbeit zugesehen. Nachdem alles abgesperrt war und wir gebeten wurden, noch etwas zu warten, hat Professor Welding sein Großsteingräberseminar fortgesetzt. Dann haben wir nacheinander unsere Aussagen bei einem Polizisten gemacht.«
»Prima, dann lass uns gehen.«
»Ich muss nur rasch nach Lüdelsen und das Fahrrad zurückbringen. Könntest du mit deinem Auto hinterherkommen?«, schlug Laura vor. »Es ist das zweite Haus rechts. Oder hast du noch zu tun?«
»Eigentlich nicht, hier erledigen meine Kollegen alles«, sagte Judith. »Aber du könntest mir noch zeigen, wo genau du diesen Schädel gefunden hast.«
»Am anderen Ende. Komm. Hier entlang dürfen wir gehen, hat die Spurensicherung uns vorhin gesagt.« Sie stiefelten über den sandigen Boden, der um die aufgetürmten Findlingsblöcke herum zu sehen war. Einige der Randsteine ragten nur noch wenig aus der Erde hervor, manche befanden sich sogar schon auf gleicher Höhe mit dem Waldboden. Quer auf zwei riesigen Steinen ruhend, lag eine gewaltige Steinplatte. »Das ist der Deckstein zum Eingang der Grabkammer«, bemerkte Laura. »Oh, schade, den Schädel und die Äste hat schon jemand eingepackt. Aber da lag er«, klopfte sie zur Verdeutlichung auf eine ebene Stelle des Steins.
Judith kletterte entschlossen auf die Deckplatte und sah zum anderen Ende des Grabes, dorthin, von wo aus man die Anlage heutzutage betrat. Sie ging in die Hocke und überprüfte ihre Vermutung. Und richtig. In dieser Achse war der Blick auf den Deckstein durch davor liegende Steine versperrt. »Du konntest den Schädel also nur entdecken, weil du hier hinten rumspaziert bist. Von vorne kann man nichts sehen.«
»Genau. Ich hatte vor, raufzuklettern, genau wie du, immerhin ist dies der höchste Punkt des Grabes und man hat den besten Überblick.« Laura kam ins Schwärmen: »Ich bin hier schon als Kind hochgekrabbelt. Irgendwie ist das alles mächtig beeindruckend. Stell dir doch mal vor, Judith: Das haben Menschen vor vielleicht 5000 oder 6000 Jahren errichtet! Und alles nur mit primitiven Mitteln! Ein Stück weiter da rüber, nur wenige Hundert Meter« – sie deutete über die Steine hinweg – »gibt es noch fünf weitere Grabanlagen. Hast du das gewusst?« Lauras Stimme klang ein wenig ehrfürchtig. »Was hat die Menschen damals wohl dazu getrieben?«
»He, kommen Sie da runter!«, rief einer der Uniformierten aus einiger Entfernung. »Unbefugte haben da nichts zu suchen.«
»Da hat er recht«, hörte Judith im Umdrehen Sellos Bemerkung, der ihr zuvorkommend von den Steinen herunterhalf.
Dann blickte er interessiert auf Laura. »Ist das nicht-«
Judith reagierte prompt: »Richtig, das ist Laura Perch. Sie hat den Schädel gefunden«, stellte sie ihre Freundin vor. »Und das ist der Erste Kriminalhauptkommissar Anton Sello, von der Polizeidirektion in Stendal.«
Sello reichte Laura die Hand. »Aber ja doch. Ich kenne Sie. Leider nur von den Fotos, die wir nach Ihrem dramatischen Unfall im Frühjahr machen mussten. Ich hoffe doch, dass es Ihnen jetzt wieder besser geht.« Sein Lächeln erlosch, ohne das er den Händedruck löste.
Laura nickte verunsichert und musterte den Mann. Er war nicht viel größer als sie, ein paar Jahre älter, und seine Haarfarbe ließ sich schwer bestimmen, weil graue Haare sich unter dunkle Strähnen geschlichen hatten. Seine tief liegenden Augen fixierten sie mit einer dermaßen stechenden Intensität, dass ihr einen Moment lang unangenehm zumute wurde. Überlegte er, ob sie etwas mit dem Aufbuddeln des Grabes und der Platzierung des Schädels zu tun hatte? Als Finderin stand sie ganz sicher in der ersten Reihe der Personen, die dafür infrage kämen. Das war Laura klar. Einen Augenblick später schien Judiths Kollege sich entschieden zu haben: Sein Händedruck ließ nach und seine Stimme klang fast ein wenig amüsiert, als er freundlich fortsetzte: »Ich denke, Sie haben für heute genug erlebt. Nehmen Sie Frau Brunner ruhig mit nach Hause. Ich schätze sie als Ermittlerin, doch hier«, – er schloss mit einem Schwenken des Armes die gesamte Anlage ein –, »gibt es für sie nichts mehr zu tun.«
Laura verstand den dezenten Hinweis und verabschiedete sich: »Ihre Männer haben Namen und Adressen von unserer Gruppe aufgenommen. Wir sind ja nicht aus der Welt, falls es noch etwas gibt.«
Judith nickte Sello zum Abschied zu und wandte sich zum Gehen. Wieder auf dem schmalen Forstweg angelangt, kam sie ins Grübeln. Zweimal hatte Sello betont, dass er auf ihre Mitarbeit verzichten konnte. Was war geschehen? Hatte sein Telefonat mit Müller-Nordergreen was damit zu tun? Na, egal. Sie würde den Fall nicht aus den Augen lassen. »Wo ist eure Gruppe eigentlich untergebracht?«, fragte sie Laura.
»Im Gasthof bei Wolfgang Merker. Es sind Studenten, die teilen sich gerne ein Zimmer. Mit dem Professor und den sechs jungen Leuten ist die Altmärkische Schweiz allerdings voll belegt.«
»Kann ich mir vorstellen«, antwortete Judith. Plötzlich warf sie die Arme in die Luft und schrie erschrocken auf. Dadurch, dass sie sich an Lauras Jackenärmel festklammern konnte, blieb sie auf den Füßen, ihr Rücken befahl ihr jedoch, sich keinen Millimeter zu bewegen. Der stechende Schmerz war im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend und ließ sie vollkommen erstarren.
»Judith, was ist los?«, fragte Laura besorgt.
»Au! Kann mich nicht bewegen, kann nicht atmen!« Als Laura sie behutsam greifen wollte, wehrte Judith ab. »Nein, lass mich. Gib mir noch einen Augenblick. Ich bin in ein Loch getreten und irgendwie weggerutscht.«
»Einen Moment«, rief Elinor Martens von hinten und eilte zu ihnen. Sie war ebenfalls auf dem Weg zur Straße, um etwas aus ihrem Fahrzeug zu holen. »So, atmen Sie erst einmal tief durch, Judith. Langsam. Dann wird das schon wieder. Und bewegen Sie sich, so gut es geht. Für mich sieht das nach einer Blockade im Brustwirbelbereich aus. Der Klassiker. Wahrscheinlich müssen Sie zum Arzt. Der kann was gegen den eingeklemmten Nerv tun. Bis dahin nehmen Sie ruhig ein paar Schmerztabletten.«
Tatsächlich, das tiefe Atmen half. Vorsichtig probierte Judith, das Gewicht von einem auf das andere Bein zu verlagern, das glückte auch. Sie traute dem Ganzen zwar nicht, schaffte es aber einigermaßen selbstständig bis zu ihrem Wagen. Das Autofahren ging erstaunlicherweise besser als gedacht. Nur für das Aussteigen in Waldau benötigte sie vier Anläufe. Mit Lauras stützendem Arm vermochte sie es immerhin, halbwegs aufrecht in ihr Haus zu gelangen.
Nach einem langen, heißen Bad und einer starken Ibuprofen funktionierten Atmung und Fortbewegung einigermaßen beschwerdefrei, und als Walter spät am Abend anrief, um sich nach ihrem Tag zu erkundigen, verschwieg sie ihm ihr Missgeschick und berichtete stattdessen ausführlich von Lauras Fund. Nachdem sie gemeinsam Spekulationen über die Graböffnung und die Totenkrone angestellt hatten, schickte Walter sie ins Bett, nicht, ohne sie mit zärtlichen Liebesworten auf andere Gedanken zu bringen. Zum Abschied nahm er ihr das Versprechen ab, nur von ihm zu träumen.
~ 4 ~
Im Nachbarhaus führte Laura ein ähnliches Telefongespräch. Den Beschreibungen des morbiden Fundstücks wurde hierbei allerdings wesentlich mehr Zeit eingeräumt und nebenbei kam auch Judiths Malheur zur Sprache.
Laura und Maxim telefonierten wie immer sehr lange miteinander. Schon seit Jahren war dies oft, manchmal sogar für Monate, die einzige Möglichkeit des Kontaktes gewesen, wenn er sich in geheimer Mission an gottverlassene Orte dieser Welt begeben musste. Jetzt hatte sich ihre Lage gründlich geändert, denn Maxim war dabei, seinen gefährlichen Job aufzugeben. Er wollte stattdessen mit Walter zusammenarbeiten, der ihm kürzlich die Partnerschaft in seinem Ermittlungsbüro angeboten hatte. Die Männer waren unterwegs, um die neuste Überwachungstechnik in einem aktuellen Fall zu testen und auch, um sich näher kennenzulernen. Es gab einiges nachzuholen, denn die beiden wussten zwar seit Jahren voneinander, waren sich aber bis vor wenigen Monaten noch nie über den Weg gelaufen. Maxim Kyrilenko war für die meisten Menschen unsichtbar geblieben.
Laura liebte den Klang seiner Stimme.
Plaudernd fragte er sie: »Wieso heißt das Ding eigentlich Königsgrab? Welcher König denn? Ich dachte, das Grab ist ein paar Tausend Jahre alt?« Maxim war ein guter Zuhörer.
»Die Bezeichnung hat der Volksmund sich ausgedacht, weil es so eine große Grabanlage ist. Die Leute mutmaßten eben, dass dort nur eine hochgestellte, mächtige Person bestattet sein konnte.«
»Stimmt aber nicht?«
»Nein, in diesen Anlagen wurden immer mehrere Menschen, die Toten einer ganzen Sippe, bestattet. Und je nach Situation hat man ihnen etwas in die Grabkammern gelegt: Schmuck, Waffen oder auch Gefäße. Heute findet man mit viel Glück vielleicht noch eine Scherbe, meint zumindest Professor Welding.«
»Und was war mit dieser Krone, von der du erzählt hast?« Eine Krone und ein Königsgrab passten für Maxim irgendwie gut zusammen.
»Die Totenkrone? So etwas hatte ich noch nie zuvor gesehen. Es war ein Kopfschmuck aus einem Geflecht von dünnen, dornigen Ästchen, das mit Blüten verziert war. Sah irgendwie anrührend aus, auch wenn die Blätter schon ziemlich verwelkt waren. Der Professor nutzte den Anlass, seinen Studenten noch mehr von dem alten Brauch, manchen Verstorbenen solchen Schmuck mit ins Grab zu geben, zu erzählen. Die Studenten waren jedenfalls ziemlich beeindruckt von meinem Fund.«
»Kann ich mir vorstellen; mit so etwas Skurrilem hatten die zu Beginn der Expedition sicher nicht gerechnet. Wohin wollt ihr denn morgen fahren?«
»Es sollte nach Stöckheim gehen. Das liegt gleich um die Ecke. Das Grab dort ist nicht so groß wie das Königsgrab, aber auf seine Weise trotzdem beeindruckend. Es liegt ziemlich frei auf einem Acker, von hohen Bäumen umstanden. Die Studenten sollen es vermessen und kartografieren. Aber vielleicht braucht die Gruppe nach dem heutigen Schreck erst einmal eine Pause und wir fahren erst übermorgen hin. Mal sehen, wie Prof. Welding entscheidet.«
»Wenn ich wieder bei dir bin, könntest du mir mal einige dieser Steinanlagen zeigen«, schlug Maxim vor. »Klingt irgendwie interessant.«
»Wann kommst du denn wieder?«, wollte Laura es genau wissen, denn er fehlte ihr jetzt schon sehr.
Maxim aber ließ sich nicht aus der Reserve locken und lachte nur leise. »Glaub mir: So bald es geht, Liebste, versprochen. Mit etwas Glück dauert es nur noch wenige Tage. Weiß du was? Ich erzähle dir noch eine schöne Gutenacht-Geschichte.«
~ 5 ~
Anton Sello war mächtig gespannt, was sein Vormittag so bringen würde. Mit etwas Glück fand er vielleicht sogar jemanden, der sich an eine Besonderheit innerhalb der letzten Tage erinnern konnte. Er war beim Königsgrab mit Rudi Wiechmann, dem für das Waldstück zuständigen Förster, verabredet. Wenn jemand eine Ahnung hatte, was im Wald so los war, waren das erfahrungsgemäß die Förster und ihre Waldarbeiter. Sollte denen nichts aufgefallen sein, würden die Ermittler sich eben mit Jägern, Vogelkundlern und Pilzsammlern unterhalten müssen. Auch die waren häufig und zu ungewöhnlichen Zeiten im Wald unterwegs. Sello hielt viel davon, sich direkt mit den unterschiedlichsten Experten auszutauschen. Besonders ihre Ortskenntnisse und ihre Einschätzungen von bestimmten Situationen konnten enorm hilfreich sein.
Als er Wiechmann am kleinen Parkplatz kurz und sachlich begrüßte, war dem Mann keinerlei Aufregung anzumerken. Die Bitte, einen Kriminalhauptkommissar in seinem Wald zu treffen, oder die Anwesenheit mehrerer uniformierter Polizisten brachten ihn jedenfalls nicht aus der Ruhe. Wahrscheinlich hatte er in seinen über dreißig Berufsjahren alles schon einmal erlebt.
Ohne Wiechmann dafür eine plausible Erklärung zu liefern, bat Sello ihn, ihm zum Königsgrab zu folgen. Erst als der Wald sich zur Lichtung öffnete und man bereits einen Blick auf die großen Steine werfen konnte, begann Sello mit der Befragung: »Ist Ihnen in den letzten Tagen hier in der Umgebung etwas Ungewöhnliches aufgefallen?«
»Nee«, kam ohne Zögern die Auskunft.
»Haben Sie hier oder weiter vorne Personen gesehen, die Sie kannten oder uns beschreiben könnten?«
Der Förster dachte kurz nach. »Nee«, antwortete er etwas verunsichert.
»Sind Sie überhaupt in den letzten zwei, drei Tagen hier in der Gegend unterwegs gewesen?«
»Jo!«, kam es wie aus der Pistole geschossen.
Sello versuchte einen anderen Weg: »Es hat sich aber schon bis zu Ihnen herumgesprochen, warum wir heute hier sind?«
»Nee?«
Hatte Wiechmann wirklich nichts mitbekommen oder spielte er den Ahnungslosen? Wenn in der Stimme des offensichtlich etwas sturen Altmärkers nicht ein kleiner Hauch von neugierigem Interesse zu vernehmen gewesen wäre, hätte Sello das Gespräch auf der Stelle beendet und den Mann zur Befragung ins Revier vorgeladen. So aber gab er dem Streifenpolizisten, der den Zugang zum Königsgrab sicherte, das Zeichen zum Heben des Absperrbandes. »Bitte, kommen Sie, ich zeige Ihnen mal was«, forderte er seinen wortkargen Begleiter auf und deutete wenig später auf den großen Deckstein. »Hier wurde gestern ein menschlicher Schädel gefunden.«
Zu Sellos großer Überraschung gab Wiechmann seine Zurückhaltung plötzlich auf: »Ach so! Warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Das waren bestimmt wieder diese Spinner vom Acker. Ist wohl mal wieder soweit.«
»Spinner vom Acker?«
»Ja, der olle Dussel hat diesen Hippies doch wieder seine Wiese verpachtet. Da haben die ihr Camp aufgeschlagen und machen so was mit freier Liebe und so ’n andern Firlefanz.«
»Wieder?«
»Genau. Letzten Sommer waren die schon mal da. Lauter Nackedeis – hier – in meinem Wald!«
»Der olle Dussel?« Sello bemerkte, dass er sich an diesem Punkt des Gespräches nun selber nicht sehr pfiffig anhörte. Warum wiederholte er ständig, was Wiechmann gerade gesagt hatte? »Hat dieser Mensch auch einen Namen?«, begann er, im ganzen Satz zu fragen. Gleichzeitig zückte er seinen Notizblock und wartete geduldig. Zu den Nackedeis würde er gleich kommen. Aber eins nach dem anderen.
»Den kenn ich sogar gaaanz genau!«, gab der Forstmann bekannt, dabei klang er irgendwie aggressiv.
Nur erfahrenen Polizisten gelang es aufgrund jahrzehntelanger Vernehmungspraxis, bei solchen Antworten ruhig zu bleiben. »Und verraten Sie ihn mir auch? Den Namen? Es wäre schön, wenn Sie eine Adresse für mich hätten, damit ich den Mann auch finden kann.«
»Sie müssen nach Nieps, wenn Sie zu denen hin wollen. Gleich hinterm Dorf hat der seinen Acker. Ist nicht weit von hier.«
Auffordernd tippte Sello mit dem Kugelschreiber auf seinen Block und schaute dem Förster mit erhobener Braue ins Gesicht.
»Na, Arno Kröber heißt der Gernegroß. Kann den Hals nicht voll genug kriegen. Hat schon alles von der LPG wiederbekommen, seinen Wald, seine Felder – und jetzt macht der jeden Quadratmeter zu Geld, selbst die Brachen.« Der Förster zog einen Batzen Schleim hoch und spuckte verächtlich aus.
Diese überdeutliche Missbilligung von Arno Kröbers Geschäftspraktiken ließ Sello vorerst beiseite und hakte nach: »Und dieser Herr Kröber hat also Gäste, die bereits im vergangenen Jahr einen Schädel-«
»Gäste!? Mann! Die haben Sex miteinander!«, presste Wiechmann mit rechtschaffener Empörung laut hervor.
Einen Moment lang wusste Sello nichts mit der abgründigen Betonung dieser banalen Botschaft anzufangen, bis ihm vertrauensvoll ins Ohr geraunt wurde, als würden um sie herum Massen von Zuhörern lauschen: »Obwohl es lauter Verheiratete sind!« Erst dann fiel bei Sello der Groschen. »Ach, das meinten Sie mit der freien Liebe?«, erkundigte er sich sicherheitshalber.
»Wenn Sie das so ausdrücken wollen. Ich halte nichts davon … Na jedenfalls, letztes Jahr tanzten die um die alten Steine herum und trugen dabei nicht mehr am Körper als ihre Haut und ein paar Zweige und Blüten in den Haaren. Und dann haben sie es miteinander getrieben. Ich hab’s genau gesehen! Als die genug hatten und weggingen, bin ich näher ran - und da lag dieser Schädel. Genau da, wo Sie’s mir gezeigt haben. Das Ding war aus Plaste, das fiel mir gleich auf. Und wie ich das alles am nächsten Morgen meinen Kollegen erzählte, da grinsten die nur und meinten, bei Rohrberg, und da hinten beim übernächsten Grab« – Wiechmann deutete in östliche Richtung – »hätten sie genau so etwas auch schon erlebt! Diese Spinner machen das also überall! So eine Sittenlosigkeit sollte verboten werden!«
Sello amüsierte sich innerlich über den Mann, den seine moralische Entrüstung offenbar nicht davon abgehalten hatte, dem freien Treiben stundenlang zuzusehen. »Was haben Sie denn damals mit dem Schädel gemacht?«
»Na, was wohl? Weggeschmissen! Ab in den Müll!« Einen Moment sammelte sich der Förster. »Dass die nun sogar echte Schädel nehmen! Da hört sich doch alles auf! Da müsste man-«
Sello unterbrach rasch die sich ankündigende neuerliche Tirade und berichtete von dem gefundenen Grab. Das Schicksal des Mannes, dessen Skelett hier gefunden wurde, schien Wiechmann nicht sonderlich aufzuregen. Sie gingen langsam auf die freigelegte Grube zu.
Wiechmann sah sich auf dem Waldboden um, als suche er nach Anzeichen für weitere Gräber. »Wie lange, sagten Sie, lag der Tote schon hier?«
»Unsere Rechtsmedizinerin schätzte die Liegezeit zwischen zwanzig und dreißig Jahren.«
Der Förster rechnete im Kopf. »Das wäre so Anfang der Sechziger bis Anfang der Siebziger.« Es folgte eine längere Pause, bis er ungewohnt wortreich mitteilte: »In diesem ganzen Waldstück ist zumindest zu meiner Zeit nichts mehr mit aufgewühltem Boden gemacht worden, keinerlei Holzeinschlag, Wegebau oder so etwas Ähnliches. Da konnte das Grab keinem auffallen. Ich krame mal in den alten Förstereiunterlagen, ob sich da was findet, was so vor meiner Zeit los war.«
»Damit täten Sie mir einen großen Gefallen«, bedankte Sello sich und bat um die Namen der Forstgehilfen, die im vergangenen Jahr die Schädeltänzer beobachtet hatten. Einer seiner Leute würde sich die Geschichten bestätigen lassen müssen.
»Wenn Sie die beiden Kerle treffen wollen – die arbeiten diese Woche im Wald hinten bei Jübar. Oder Sie kommen früh um sieben in die Försterei, da mach ich immer die Arbeitsverteilung für den Tag.« Wiechmann setzte eine kummervolle Miene auf und begann herumzudrucksen. »Hm. Können Sie als Polizei dem Kröber nicht verbieten, seinen Acker an diese Leute zu verpachten? Jetzt, wo das hier passiert ist? Die machen bestimmt noch mehr Ärger.«
»Ich fürchte, da wird sich nichts machen lassen«, klärte Sello den Sittenwächter auf und wollte sich verabschieden. Seiner Meinung nach war nachts nackt um Steine herumzutanzen keine Polizeiangelegenheit. »Zumal ja nicht einmal klar ist, ob es da einen Zusammenhang mit dem Fund von gestern gibt«, fügte er hinzu.
»Pah! Dann eben nicht!« Verärgert über diese Auskunft stapfte Wiechmann grußlos davon.
Anton Sello lächelte hingegen zufrieden. Das war doch noch ganz gut gelaufen. Gemächlich spazierte er zum Wagen zurück und überlegte nebenher die nächsten Aufgaben. Er selbst musste ins Büro, denn sein nächster Termin wartete dort. Ein wenig bedauerte Sello es sogar, seine Neugier auf die freizügigen Sommergäste in Nieps nicht selber befriedigen zu können. Glücklicherweise hatte er ja einen Stellvertreter, den er umgehend in die Spur schicken konnte. Sollte Christian Letzien sich ruhig erst einmal bei den ›Spinnern vom Acker‹ umsehen und herausbekommen, was es mit ihrem nächtlichen Treiben so auf sich hatte.
~ 6 ~
Bis zum Treffen mit dem Berliner Professor blieb Sello noch eine knappe halbe Stunde.
Genug Zeit, um sich über Schädel aus Kunststoff schlauzumachen. Wiechmann hatte von ›Plaste‹ gesprochen. Sello griff zuversichtlich zum Telefon und rief in der Gerichtsmedizin an.
»Sie sind zu früh dran«, informierte Elinor Martens Sello nach einem freundlichen Hallo. »Ich kann noch nicht mit Neuigkeiten zu Ihrem Skelett aufwarten.«
»Deswegen rufe ich gar nicht an, verehrte Frau Doktor.« Sello erläuterte schmunzelnd sein Anliegen.
»Ach wissen Sie, Schädelmodelle zu kaufen ist gar kein Problem«, teilte ihm Dr. Martens mit. »Mein Institut bezieht ständig welche. Ich brauche immer einige Exemplare für die Ausbildung meiner Praktikanten. Es gibt da diverse Varianten von Lehrschädeln für alle möglichen Zwecke. Ich nehme gern die Steckschädel, die man auseinandernehmen kann; da gibt es farbige und naturweiße, mit Muskelmarkierungen und ohne. Für das anatomische Grundstudium gibt es nichts Besseres. Aber – ich muss darauf hinweisen – diese Modelle sind nicht ganz billig. Damit dürfte immerhin ausgeschlossen sein, dass Ihre Verdächtigen solche Ausbildungsschädel in dieser achtlosen Art und Weise benutzt haben, es sei denn, die wurden irgendwo geklaut.«
Sello bedankte sich bei Dr. Martens. Ob den Waldarbeitern aufgefallen wäre, wenn es sich um einen dieser teuren anatomischen Lehrschädel gehandelt hätte? Egal. Danach konnte er die Leute fragen, wenn er sie morgen früh in der Försterei treffen würde.
Zehn Minuten später als vereinbart war Professor Armin Welding da. Sello holte ihn persönlich aus dem Warteraum des Reviers ab. Bei der Begrüßung ging er absichtlich nicht auf die Verspätung ein. Womöglich lebten Hochschulmitarbeiter tatsächlich in dem Irrglauben, dass das akademische Viertel auch außerhalb ihrer ehrwürdigen Mauern Anwendung fand, und er wollte die Gesprächsatmosphäre nicht mit einer kleinlichen Ermahnung belasten.
Aber Prof. Welding überraschte ihn: »Verzeihen Sie bitte, dass ich zu spät komme. Ich bin ein großer Verfechter von Pünktlichkeit, wirklich; auch wenn ich Sie mit dieser Aussage wahrscheinlich erheitere. Aber ich konnte meine Aufzeichnungen nirgends finden. Dabei herrscht in meinem Zimmer in der Altmärkischen Schweiz an und für sich Ordnung. Wie sich herausstellte, hatte ich die Unterlagen in der Gaststube vergessen. Der Wirt hatte das Heftchen sicherheitshalber hinter den Tresen gelegt. Ich wollte nicht ohne herkommen, also – verzögerte sich alles etwas. Es tut mir leid.«
»Keine Ursache«, beschwichtigte Sello seinen Besucher und wies ihm den Weg zum Fahrstuhl. »Ich habe die Wartezeit sinnvoll nutzen können. Wie geht es Ihren Studenten?«
