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Selten ist Judith Brunner eine Ermittlung so nahe gegangen. Hat sie es tatsächlich mit einem sadistischen Serienmörder zu tun? Bizarre Hinweise und ein schockierender Leichenfund lassen kaum Raum für alternative Überlegungen. Ihre Ermittlungen führen Judith Brunner in die Abgründe einer verhängnisvollen Familiengeschichte. Sie muss erkennen, dass es mehrere Schuldige gibt. Aber wer von ihnen ist der Täter?
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Seitenzahl: 374
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Heike Schroll
Nachtnelken – Ein Altmarkkrimi
Judith Brunners vierter Fall
Kriminalroman
eBook
alto-Verlag Berlin
Die vorliegende Kriminalerzählung ist frei erfunden. Jede Übereinstimmung von Personen und Örtlichkeiten wäre rein zufällig.
Besuchen Sie bitte auch den Autorenblog:
http://www.heikeschroll.com
Impressum
Schroll, Heike
»Nachtnelken – Ein Altmarkkrimi«
Judith Brunners vierter Fall
Kriminalroman
eBook-Version: (14.01) Januar 2014
Copyright © dieser Ausgabe by alto-Verlag Berlin
Copyright © 2014 by Heike Schroll
Umschlaggestaltung und Fotos: Bernd Schroll
Alle Rechte vorbehalten
© alto-Verlag Berlin 2014
ISBN 13: 978-3-944468-07-5 (epub)
ISBN 10: 3-944468-07-4 (epub)
Identische Taschenbuchausgabe:
alto-Verlag Berlin 2014
ISBN 13: 978-3-944468-03-7
ISBN 10: 3-944468-03-1
ISBN-A: 10.978.3944468/037
http://dx.doi.org/10.978.3944468/037
www.heikeschroll.com
www.alto-verlag.com
fon: +49.(0)30.654 977 32
fax: +49.(0)30.654 977 33
Sonnabend
Altmark, Juli 1988
~ 1 ~
Blankes Entsetzen ließ seine Stimme fast versagen. »Komm mit!«
Judith konnte das leise Flehen nicht hören. Kräftig fuhr sie ein letztes Mal mit dem groben Sandpapier über die Holzlatte. Sie bereitete die alte Bank vor ihrer Haustür für einen neuen Anstrich vor und war überaus zufrieden mit dem Ergebnis ihrer Schleifarbeiten. Die Lehne und die Seitenteile waren schon sauber und schön glatt; das alte Holz würde jetzt die Lasur gleichmäßig aufnehmen.
»Komm mit!«, bettelte die piepsige Stimme erneut und dieses Mal vernahm Judith die Bitte. Sie drehte sich um und sah einen mageren Bengel von vielleicht acht, neun Jahren an ihrer Zauntür stehen. Sie kannte ihn vom Sehen.
Ihr Besucher vergewisserte sich: »Du bist doch auch von der Polizei, oder?«
»Das stimmt. Wohin soll ich denn mitkommen?«
»Da rüber.« Der Junge blickte verstört, als graute ihm davor, über seine Schulter in Richtung der alten Dorfstraße.
Zwei Häuser weiter flog die Haustür auf. Walter Dreyer, der Ortspolizist in Waldau, trat in die Vormittagssonne und rief: »Hat eben jemand bei mir geklingelt?«
Der Junge nickte und deutete dabei auf Judith Brunner: »Ich habe der Frau aber schon alles gesagt.«
Walter Dreyer trat näher, grüßte augenzwinkernd seine überrascht aussehende Nachbarin und sagte dann zu dem Kind: »Hallo Tommy. Was wolltest du denn von mir?«
Betrübt sah der Junge erst die Frau und dann den Mann an. Seine Augen füllten sich mit Tränen und er flüsterte: »Der Hund ist tot.« Sein Weinen hatte lautlos begonnen, wurde jetzt zum Wimmern, und nun greinte Tommy laut: »Aber nicht richtig!« Er rettete sich in Walter Dreyers Arme und schluchzte erbärmlich.
Nicht richtig tot? Was untote Wesen anbetraf, war Dreyer mit seinen fünfundfünfzig Lenzen Lebenserfahrung eher skeptisch. Also musste etwas anderes dem Kind eine Heidenangst eingejagt haben!
Judith konnte sich keinen Reim auf das Ganze machen, doch auch sie spürte die Furcht des Jungen und war besorgt. Sie legte den Schleifblock beiseite und sah aufmerksam die alte Dorfstraße hinunter, konnte aber nichts entdecken. Zumindest lag kein überfahrenes Tier auf der Fahrbahn.
Walter Dreyer wusste, dass Tommys Familie keinen Hund besaß. Was war nur los? Er löste sich behutsam aus der Umarmung, nahm Tommys Hände in seine und bat: »Zeig uns den Hund.«
Zögerlich führte der Junge sie über den Dorfplatz zu einem der Häuser gegenüber dem Kirchhof. Das alte Fachwerkhaus stand ein ganzes Stück von der mit Feldsteinen gepflasterten Straße zurückgesetzt. Zwei gewaltige Buchen boten nicht nur einer Bank am Straßenrand Schatten, sondern verdunkelten auch ein paar Nebengebäude. Erst dann öffnete sich ein verwilderter Vorgarten, in dem sogar ein kleines Rasenstück Platz fand.
Am Gartenzaun blieb Tommy stocksteif stehen und murmelte: »Vor der Tür.« Er klammerte sich an Walter Dreyers Arm fest und ging keinen Schritt weiter.
»Vielleicht ist es besser, Sie und Tommy warten hier und ich gehe erst einmal allein nachsehen«, schlug Judith Brunner feinfühlig vor.
Tommy sah sie dankbar an, erleichtert, dass er sich dem Grauen nicht weiter nähern musste. Doch dann schüttelte er abwehrend den Kopf, weil er wusste, was die Polizistin gleich sehen würde.
Walter Dreyer nickte ihm aufmunternd zu. » Schon gut.« Aber auch er war gespannt.
Im Haus wohnte eine ältere Dame, die Witwe eines Schuldirektors, der bereits vor vielen Jahren, in seiner Lebensmitte, bei einem Unfall ums Leben gekommen war. Waltraud Zabel lebte seitdem allein in dem viel zu großen Haus, das der Gemeinde früher als Pfarrhaus diente. Einen eigenen Pfarrer nur für Waldau gab es lange schon nicht mehr; die entsprechenden Aufgaben erledigten die Glaubensbrüder aus den Nachbardörfern abwechselnd mit.
Judith Brunner ging, sich aufmerksam umschauend, die zwei Dutzend Schritte vom Gartentor zu dem im Schatten einer noch jungen Kastanie liegenden Hauseingang. Dabei überlegte sie, ob der von Tommy gefundene Hund vielleicht krank gewesen war. Räudige Hunde konnten schlimm aussehen. Starb er an etwas Unheilbarem? Oder war einfach seine Zeit gekommen? Vielleicht war er auch schwer verletzt und hatte sich bis dorthin geschleppt?
Doch als Judith Brunner das Tier dann sah, wusste sie, was Tommy dermaßen in Angst und Schrecken versetzt hatte. Auch sie war entsetzt, denn diesen Hund hatte man geköpft.
Jemand hatte den Kadaver auf dem oberen breiten Treppenabsatz abgelegt, der mit zwei flachen Stufen zum Eingang des imposanten Fachwerkhauses führte. Das Tier lag auf der Seite. Der Kopf des Hundes war an sein Hinterteil gelegt worden; die Schnauze war mit einem Seil zugebunden. Sein abgetrennter Schwanz steckte in einem Loch, das mittig in die Bauchdecke der Hündin geschnitten worden war. Statt des Kopfes lag ein Haufen kleiner Münzen auf dem Stein.
Fliegen umschwirrten die Tierleiche; erste Ameisen erkundeten bereits den Hundekörper.
Judith Brunner besah sich die Anordnung ungewöhnlich lange, obwohl der Anblick äußerst verstörend war.
Ein totes Tier kann viel bedeuten.
Dieser Kadaver auf den Stufen kündete von einer dumpfen Gefahr.
~ 2 ~
Laura ärgerte sich über die Unzulänglichkeiten ihrer Ausrüstung. Wie sollte sie nur diese außergewöhnlich lange Inschrift auf ein einziges Foto bekommen? Verflixt! »Ich trau auf Gott in allen Sachen, denn wer wolt sonst mein Helfer seyn. Ach, niemand hilft den armen Schwachen, denn nur mein Gott der thuts allein. Drum seh ich auch in meiner Noth zuförderst auf den lieben Gott. Und muss ich gleich zu trüben Zeiten was dulden, ey was ists denn nun, Ich will es herzlich gerne leiden.« Hm. Das alles ohne ein Weitwinkelobjektiv. Und wenn sie sich auf die andere Straßenseite stellte? Sie war extra sehr früh aufgestanden, um das warme Morgenlicht nutzen zu können, das beste Licht für stimmungsvolle Fotos. Diese Fotoarbeiten waren ihr wichtig. Die künftige Honorardozentin Laura Perch plante nämlich, im kommenden Herbstsemester ihren Studenten im Paläografiekurs beim Thema der Frakturschriften die Vielfalt der Anwendungen auf neue Weise zu illustrieren: mit Hausinschriften. Und aus diesem Grund nutzte die derzeitige Urlauberin Laura Perch die vorlesungsfreien Wochen, um in der Altmark entsprechendes Anschauungsmaterial zusammenzutragen. Auf ihren Vorschlag, das Seminar etwas anders als mit den üblichen Leseübungen von Handwerkerprivilegien zu beginnen, war der Fachbereichsleiter bereitwillig eingegangen. Allerdings nicht, weil er vom didaktischen Nutzen dieses ungewöhnlichen Kursbeginns überzeugt war, sondern eher, weil es dem Verantwortlichen trotz bedenklicher Mienen bei der Abnahme ihres Curriculums ziemlich einerlei war, womit sie als Honorarkraft die Studenten beschäftigte.
In den Dörfern rund um Waldau waren nur noch wenige Bauernhäuser mit Hausinschriften verziert; Laura musste ihre Suche auf entferntere Ortschaften ausdehnen. Heute Morgen sollte es im großen Bogen bis nach Neuendorf am Damm gehen. Und hier war sie nun und hoffte auf brauchbare Motive.
Bei ihrem bisher weitesten Fotoausflug war sie über zwei Stunden durch die Altmark geradelt. In den Orten wechselte ihr Blick stets vom teilweise ausgefahrenen Natursteinpflaster zu den Giebelbalken – ein immer wieder tückisches Unterfangen. Dieses Dorf hatte Walter ihr empfohlen, da es dort alte Höfe und Häuser mit gut erhaltenen Balkeninschriften geben sollte. Er war als junger Mann öfter mit dem Mofa im Dorf gewesen, und seinem Tonfall nach konnte es sich dabei nur um amouröse Ausflüge gehandelt haben. »Fahr am besten über Fleetmark und dann in Richtung Kalbe, da findest du schon unterwegs einige lohnenswerte Häuser«, lautete sein Hinweis.
Tatsächlich behielt Walter recht, und Laura hatte unter anderem in Kalbe in der Gerichtstraße angehalten und fotografiert. Auf einem Grundstück ohne Wohnhaus war ihr ein altes Wirtschaftsgebäude aufgefallen, über dessen hohem Tor die Balkeninschrift zu lesen war: »Im Jahr 1831 am 19ten September wurden diese Gebäude durch Frevlers Hand ein Raub der Flammen; durch Gottes Hülfe neu errichtet am 8ten Juni 1832 durch der Wittwe Blume geborene Blume.« Was für ein Drama!
Kurz vor Neuendorf am Damm war ihr dann ein ärgerliches Malheur passiert: Sie war mit ihrem Fahrrad über einen wenig gefährlich aussehenden, trockenen Ast gefahren, hängen geblieben und gestürzt. Sie hatte Glück im Unglück. Nur eine blutende Schürfwunde am rechten Handballen würde ein paar Tage lang etwas hinderlich sein und sicher würden sich blaue Flecken unter ihrer derben Jeanshose zeigen. Als weitaus unangenehmer erwies sich, dass neben ihrem Proviant auch der Fotoapparat aus dem Gepäckkörbchen über dem Hinterrad gefallen war. Nun klemmte auch der Filmtransport. Der Auslöser hatte ohnehin schon ein ziemliches Eigenleben entwickelt. Das ständige Fummeln, bis wieder eine Aufnahme im Kasten war, noch dazu mit ihrer verletzten Hand, kostete Laura wertvolle Zeit. Sie fluchte leise vor sich hin. Das Licht war inzwischen nicht mehr optimal – die Sonne stand schon zu hoch am Himmel und es wurde zunehmend wolkiger. Sie hatte nur noch einen Film dabei und wollte davon so wenige Aufnahmen wie möglich verwackeln. Hätte sie doch wenigstens ein Stativ mitgenommen!
Laura ließ sich vor einem unbewohnt aussehenden Haus zum kurzen Rasten auf einem morschen Bänkchen nieder. Sie nahm einen kühlen Schluck Rhabarbersaft aus der Thermoskanne, griff zu ihren Notizen, die sie stets dabei hatte und zog eine kurze Bilanz. Als sie vor einigen Wochen begann, ihre Expeditionen zu den Balkeninschriften zu planen, führte sie ihr erster Weg in die Universitätsbibliothek. Dabei hatte sie erstaunt festgestellt, wie wenig es über diese Zeugnisse handwerklicher und bäuerlicher Traditionen in der Altmark zu finden gab. Immerhin, einiges hatte sie erfahren können und sich notiert. Sie las die paar Sätze noch einmal quer: Hausinschriften waren früher üblich und sind deswegen in vielen altmärkischen Orten zu sehen. Sie erzählen sowohl über die Gebäude, aber auch über die Erbauer. Man findet die Inschriften vor allem in den Eichenbalken an der langen Vorderfront der Häuser. Auch die Balken über Haustüren und Hoftoren werden verziert. Oft sind sie mit einem Heilszeichen, wie einer Sonne oder einem Stern, versehen. Einige dieser Sprüche sind sogar aus dem Holz herausgearbeitet. Sie sind erhaben dargestellt. Andere wiederum sind in die Balken eingeschnitten.
Mitunter findet man auch am Ende eines Balkenspruchs die Worte »Anno Domini« – Im Jahre des Herrn. Sie stehen auch abgekürzt als »A.D.« oder »a.D.«. Auf diese Weise erfährt der Betrachter das Baujahr des Hauses und somit sein Alter. Manche Gebäude verraten durch ihre Balkeninschrift auch den Namen des Bauherren »BH« und den seiner Frau »BF« – also Baufrau. In einigen Gebieten der Altmark war es darüber hinaus üblich, den Namen des Baumeisters »BM« zu erwähnen.
Sogar über die teilweise tragischen Hintergründe, die zum Hausbau führten, berichten die Buchstaben in den Balken. So ist über der Hoftür einer ehemaligen Gaststätte in Dannefeld zu lesen: »Mein erstes Haus ist abgebrannt/Der Thäter ist noch nicht bekannt/Gott aber kennt den Thäter schon/Der wird ihn auch dafür belohn.« Ein ähnlicher Spruch lautet: »Ich baue nicht aus Lust und Pracht. Ein Bösewicht hat mich dazu gebracht.«
Es gibt natürlich auch positive Gründe für den Hausbau: »Durch Gottes Huld und großen Erntesegen konnte ich den Grund zu dieser Scheune legen« – ließ ein Bauer im Balken eintragen.
Da die Altmark früher ein rein agrarisches Gebiet war, beziehen sich viele Balkeninschriften vor allem auf die Landwirtschaft. Bäuerliche Weisheiten wurden so ins Holz geschnitzt. Man findet Sprüche wie »Willst Du von die Kuh gut buttern, musst Du aus dem Schrotsack futtern.« Gute Pferde waren der Stolz eines jeden Bauern. So kann man auch diesen Spruch verstehen: »Wer will gute Pferde haben, der muss keine Körner sparen. Füttre gut, putze gut, so sind auch die Pferde gut.«
Viele der Sprüche zitieren Textstellen aus der Bibel. Ob das daher kam, dass früher vor allem die Lehrer, also die Schulmeister oder Köster, das Ausgestalten der Balken übernahmen? In einigen Gebieten allerdings, so beispielsweise im Nordwesten der Altmark, brachten auch die Dorfmusikanten die Sprüche an.
Einige Inschriften weisen auf menschliches Verhalten hin: »Wenn du gehst aus diesem Haus, Was dir vertraut, nicht plaudre aus« oder: »Wenn Laub und Gras wüchse wie Neid und Hass, Wie gut wäre das.« Aber auch Sprüchlein dieser Art sind zu lesen: »Wo ist wohl der Mensch zu finden, der da lebte ohne Sünden?« Damit wurde, wie kann es anders sein, der Balken einer Gaststätte geschmückt.
Laura steckte die Unterlagen wieder weg und sann über ihre bisherige Ausbeute nach. Sie nahm sich vor, weit mehr Balkeninschriften zu finden, um sich intensiver mit dem Thema befassen zu können. Sie selbst hatte die Sprüche, die die alten Balken zierten, schon immer gern entziffert. Irgendwie bedauerte sie es, dass heutzutage die schöne Sitte der Balkeninschriften kaum noch Anhänger fand. Ab und zu war immerhin zu sehen, dass wenigstens noch die Anfangsbuchstaben des Namens vom Bauherrn und seiner Frau und die Jahreszahl des Baujahres in den Balken über der Haustür gestemmt worden waren, doch mehr Mühe wurde kaum noch aufgewendet. Schade.
Ein paar gelungene Aufnahmen würde sie auf jeden Fall mit nach Hause nehmen. Laura beendete ihre Rast. Besser, sie machte sich bald auf den Rückweg. Ihre Hand schmerzte irgendwie stärker und der Film war sowieso gleich voll. Nur diese eine Inschrift wollte sie unbedingt noch festhalten: »Alles ist an Gottes Segen und an seiner Gnad gelegen, über alles Geld und Gut. Wer auf Gott sein Hoffnung setztet, der behält ganz unverletzet einen freyen Heldenmuth. Der mich hat bisher ernähret, und so manches Gut beschehret, ist und bleibet ewig mein. Der mich wunderlich gefuhret, und noch leitet und Regieret, wird forthin mein Helfer seyn. Viel bemühen sich um Sachen, die nur Sorg und Unruh machen, und ganz unbeständig sind. Ich will aber darnach ringen, was die Seelenruh kann bringen, die man itzt gar selten find’t. Hoffnung kann …« Hier endete die Hauswand leider. Früher wird das Haus noch länger gewesen sein. Doch gerade den letzten Teil der Inschrift ab »Viel bemühen« fand Laura ausnehmend gut.
~ 3 ~
Walter Dreyer gefiel überhaupt nicht, wie lange Judith Brunner nahezu regungslos vor dem Zabel’schen Hauseingang stand. Warum bewegte sie sich nicht? Was war dort los?
»Sie hat sicher große Angst«, erklärte ihm Tommy leise, fast schon wieder wimmernd.
Das reichte. Er beugte sich zu dem Jungen und sah ihm in die Augen. »Lauf zurück in mein Haus und warte dort auf mich. Die Tür ist offen. Du kannst im Garten ein paar Stachelbeeren naschen, wenn du willst. Der Katze darfst du auch einen Schluck Milch geben, bestimmt möchte sie das. Die Milchflasche findest du im Kühlschrank in der Küche. Ich komme dann zu dir, so schnell ich kann.«
Tommy musste nicht weiter überredet werden und flitzte davon.
Fast im Laufschritt hastete Walter Dreyer zu seiner Nachbarin, die nicht nur seine Vorgesetzte war – sie leitete die Polizei-Kreisdienststelle in Gardelegen –, sondern, was ihn viel mehr bewegte, auch seine Geliebte – obwohl dieser Begriff nicht annähernd das traf, was sie beide verband. Ihr dienstliches Verhältnis führte dazu, dass sie ihre private Beziehung als Geheimnis hüteten. Damit schienen sie bisher auch recht erfolgreich zu sein. Zumindest hatte es in den mehr als zwei Jahren ihrer Liebe keinerlei Anzeichen für irgendeine Enthüllung gegeben. Vielleicht traute es ihm aber auch niemand im Dorf zu, dass er diese attraktive und fast zwanzig Jahre jüngere Frau glücklich machen konnte.
Als Walter neben Judith trat und sah, was dem Tier angetan worden war, versteifte sich sein ganzer Körper. Er schluckte erst einmal, dann brach es aus ihm heraus: »Meine Güte! Was ist das denn!?«
Judith ging geschmeidig in die Hocke und hielt ihren Blick weiter auf das Tier gerichtet.
Walter versuchte, eine Erklärung für das zu finden, was auf dem Trittstein lag. »Das sieht mir nach einer Botschaft aus. Und zwar ziemlich deutlich.«
Judith erhob sich wieder. »Ist die alte Frau zu Hause? Weißt du das?« Sie wollte nicht über den toten Hund steigen und an die Tür klopfen. Daher wandte sie sich einem der großen Fenster neben dem Hauseingang zu, legte die Hände an die Schläfen und spähte hinein.
Walter schüttelte den Kopf. »Da kann eigentlich niemand im Haus sein. Waltraud Zabel besucht seit ein paar Wochen einen ihrer Söhne. Wer weiß, ob die überhaupt noch einmal wieder kommt. Ich weiß das von Lucie Merker, die die Post für sie sammelt und ihr dann wöchentlich hinterherschickt.«
»Ob das hier für sie bestimmt war?« Judiths Gedanken überschlugen sich.
»Die alte Zabel hatte keinen Hund«, gab Walter zu bedenken.
»Ich weiß«, bemerkte Judith sinnierend. »Ich denke eher an die Münzen. Und an den Schwanz im Bauch. Den Kopf am Hinterteil. Das sind ja mindestens drei Botschaften.«
»Geld. Sex. Verachtung.« Walter gab recht überzeugt wieder, was ihm sofort in den Sinn gekommen war.
Sie warfen sich einen langen Blick zu, wortlos übereinstimmend, dass sie beide das gleiche ungute Gefühl hatten. Als erfahrene Polizisten wussten sie, dass Tierquälerei und Tierverstümmelungen, noch dazu mit diesem eindeutig sexuellen Bezug, auf schwere Sexualstraftaten hindeuten konnten.
Judith atmete tief durch. »Rufst du bitte in Gardelegen an und erklärst die Situation? Ich benötige wenigstens Ritter. Wie du ihn privat erreichst, weißt du ja. Versuche bitte auch, Dr. Renz zu informieren. Es wäre sehr schön, wenn er auch kommen könnte.«
Walter wahrte zwar die körperliche Distanz, berührte Judith aber zärtlich mit den Fingerspitzen. Dann sagte er: »Natürlich. Wird alles gleich erledigt. Tommy bringe ich auch rasch nach Hause und komme dann zurück. Du kannst dich inzwischen vorne auf die Bank unter die Buchen setzen. Bleib bitte nicht hier an der Haustür stehen.«
Judith lächelte. »Danke.« Walter wollte sie immer irgendwie beschützen. Dann setzte sie sich, um keine Spuren zu zerstören, vorsichtig auf die unterste Stufe des Hauseingangs und wachte bei dem bemitleidenswerten Tier.
~ 4 ~
In seinem Ortspolizistenbüro, das praktischerweise in seinem Wohnhaus untergebracht war, sah Walter Dreyer zunächst nach Tommy. Als er ihn spielend mit Wilhelmina, der Katze, im Garten entdeckte, erledigte er die nötigen Anrufe.
Thomas Ritter, Chef der Spurensicherung bei der Gardelegener Polizei, war ein alter Kumpel von ihm, dem es überhaupt nicht gefiel, bei seinen Sonnabendplänen gestört zu werden. Er verriet Walter zwar seine bedeutsamen Vorhaben nicht, klang aber ziemlich ungehalten: »Ein Hund? Du rufst mich wegen eines blöden Viechs an! Einem toten Köter?! Ist dir klar, dass Wochenende ist?«
Als Walter ihm die Details schilderte, wurde Ritter ruhiger und war zähneknirschend bereit, zu kommen.
Dr. Friedrich Renz, ein seit einigen Jahren pensionierter Rechtsmediziner, musste nicht lange überzeugt werden. Ihn verband mit Judith Brunner eine Freundschaft seit ihren Zeiten bei der Magdeburger Mordkommission und er versuchte, ihr mit seinen Erfahrungen zu helfen, wo und wann immer er konnte.
Bis die Kollegen in Waldau eintreffen könnten, würde mindestens noch eine halbe Stunde vergehen.
Walter Dreyer ging zu Tommy hinter das Haus. »Komm, ich bring dich erst mal zu deiner Familie.«
Der Junge streichelte die Katze zum Abschied, stand auf und sie gingen los.
»Meine Eltern warten ganz sicher schon. Papa wird wieder meckern. Ich soll immer pünktlich zum Essen da sein. Und erst recht heute. Am Nachmittag wollen wir mit Oma nach ›Feine Sache‹ zum Eisessen fahren. Und morgen vielleicht sogar zum Baden nach Arendsee.« Tommy plapperte drauflos – da musste er wenigstens nicht über den toten Hund reden.
Ungern unterbrach Walter Dreyer den Jungen und blickte ernst zu ihm herunter. »Ich muss dir ein paar Fragen stellen. Das verstehst du sicher, denn du bist ja kein kleines Kind mehr. Deine Beobachtungen können der Polizei nämlich helfen, denjenigen zu finden, der den Hund getötet hat.«
»Ob es ihm wehgetan hat?«
Die Verstümmelungen? Die grausigen Details mochte Walter sich gar nicht vergegenwärtigen. Auf dem Trittstein war allerdings kaum Blut zu sehen gewesen. »Ich denke, der Hund war tot, als er dahin gelegt worden ist. Er hat bestimmt nicht mehr gespürt, was mit ihm angestellt wurde.«
Tommy nahm das erst einmal hin. Dann fragte er weiter: »Warum hat das jemand gemacht?«
»Nun, das müssen wir erst noch herausfinden. Vielleicht war derjenige sehr wütend. Oder auch krank und durcheinander.« Walter Dreyer hoffte, seine Erklärungen würden ausreichen und die Fantasie des Jungen nicht allzu sehr beflügeln. Er hatte zur Wohnung von Tommys Eltern extra einen kleinen Umweg in die entgegengesetzte Richtung – um den ganzen Kirchhof herum – gewählt, damit er mit dem Kind nicht erneut an dem alten Pfarrhaus vorbeigehen musste. Als es außer Sichtweite war, fragte er: »Wie hast du den Hund denn eigentlich gefunden?«
Tommy überlegte nicht lange. »Nach dem Frühstück war ich im Gutspark. Wir trainieren dort Fußball«, meinte er stolz.
Walter wusste, dass Leon Ahlsens die Bengel aus dem Dorf für diesen Sport begeistert hatte. Die Jungenmannschaft wollte in der nächsten Saison, also schon in ein paar Wochen, in der Jugendliga mitmachen. Allerdings hatte man sich bisher noch nicht auf einen Namen für den Verein einigen können. Die Vorschläge der Väter am Stammtisch in der »Altmärkischen Schweiz« bewegten sich entweder fantasielos, in völlig ausgefahrenen Bahnen oder waren schlichtweg absurd und eher einigen Gläsern Klaren zu viel zuzuschreiben. Leon hatte dann eines Nachmittags, nach einem mehr zufälligen Blick auf die diversen Trainingsklamotten seiner Fußballspieler, »Bunte Hasen Waldau« vorgeschlagen, was die Jungen lautstark befürworteten. Alle Kinder hatten den entsprechenden Antrag unterschrieben. Walter befürchtete allerdings, dass sich die funktionärskompatiblere Idee von »Waldau 1988« durchsetzen würde, die er neulich bei einer Diskussion vor dem Dorfladen mitbekommen hatte. Das war harmlos genug, um alle irgendwie zufriedenstellen zu können.
»Und dann?«, fragte er Tommy weiter aus.
»Um elf war Trainingsende und ich bin nach Hause.« Nun druckste der Junge etwas herum. »Da lang eben«, deutete er in Richtung auf den unsichtbaren Pfarrgarten.
Walter Dreyer erkannte, dass Tommy eine gern genommene Abkürzung vom Dorfplatz runter zum Neubaublock meinte. Dort wohnte der Junge mit seinen Eltern und zwei jüngeren Geschwistern in einer Vierraumwohnung. Allerdings war das keinesfalls ein offizieller Weg, der da über das Privatland der Witwe Zabel, durch ihren Vorgarten links am Pfarrhaus vorbei und dann quer durch den großen Nutzgarten führte! Die Pforte am hinteren Lattenzaun ihres Gartens öffnete sich einst auf die Wiesen. Jetzt führte sie direkt zu den zum Neubaublock gehörenden Schuppen und Ställen, von wo aus man auch rascher die am Ortseingang liegenden Gehöfte erreichte. Verständlicherweise sah es Waltraud Zabel nicht gerne, wenn ihr Grund und Boden als Durchgangsweg benutzt wurde. Ihre Schilder, die das Betreten verboten, wurden regelmäßig ignoriert; das Vorhängeschloss am Riegel der Zauntür hinderte niemanden, den defekten Jägerzaun zu überwinden. Die Frau hatte sich mit den Jahren immer seltener bei Walter Dreyer über das unrechtmäßige Betreten ihres Grundstücks beschwert und irgendwann resigniert. Inzwischen konnte Waltraud Zabel Haus und Hof ohnehin kaum noch bewältigen und der Garten war längst von ihr aufgegeben.
»Hast du da jemanden gesehen?«, fragte Walter Dreyer nach, ohne auf die illegale Wegnutzung einzugehen.
Tommy schüttelte stumm den Kopf.
Jetzt kam die schwierigste Frage: »Wieso bist du eigentlich vor der Tür von Frau Zabel gewesen?« Walter Dreyer wusste natürlich, dass die – auch von ihm ab und zu benutzte Abkürzung – ein gutes Stück vom Hauseingang entfernt vorbeiführte.
Und Tommy wusste das auch. Schuldbewusst antwortete er, ohne den Ortspolizisten anzusehen: »Wir klingeln da manchmal und rennen dann weg.«
Na klar, ein Klingelstreich! Walter Dreyer gab sich Mühe, ernst zu klingen. »Frau Zabel ist schon alt und etwas krank. Das gehört sich nicht.«
Der Junge seufzte ergeben. Er hörte diese Vorhaltung offenbar nicht zum ersten Mal. Nun, nach dem heutigen Erlebnis würde zumindest Tommy die Steinstufen wohl nicht so bald wieder betreten.
»Du hast ›wir‹ gesagt. Mit wem warst du denn zusammen?«
»Heute war ich alleine. Ab und zu sind Micki und Kulle dabei.«
Walter Dreyer ahnte, wessen Sprösslinge damit gemeint sein können. »Also um elf bist du vom Training los und dann am Pfarrhaus lang.«
Tommy nickte.
»Du hast den toten Hund gefunden und bist zu meinem Haus gelaufen.«
Tommy nickte wieder. »Ich habe angeklopft und keiner hat aufgemacht. Doch dann sah ich die Frau von der Polizei.«
Gut. Den Rest der Geschichte kannte Dreyer. Bis hierher. Wie furchtbar sie weitergehen würde, konnte er beim besten Willen nicht ahnen.
~ 5 ~
»Sexuell motivierte Verstümmelungen bei einem Hund? Wo soll das hinführen!«
Walter Dreyer hörte den Ausruf von Dr. Renz, als er, ordnungswidrig und ohne schlechtes Gewissen durch den Pfarrgarten kommend, um die Hausecke bog. Der Rechtsmediziner erhob sich gerade vom Erdboden und klopfte sich die Beine seiner grauen Cordhose ab. Dazu trug er ein dezent gestreiftes hellblaues Hemd, dessen Ärmel er etwas aufgekrempelt hatte. Glänzend polierte Lederschuhe rundeten den eleganten Gesamteindruck ab. Für seine mehr als siebzig Jahre machte Friedrich Renz immer noch eine hervorragende Figur.
Walter ging auf ihn zu. »Nochmals danke, dass Sie kommen konnten.« Sie gaben sich die Hand.
»Immer gern, Herr Dreyer. Wie ich Ihnen schon am Telefon sagte, reizen mich Herausforderungen. Und das da« – Renz deutete beiläufig auf das tote Tier – »wird sich mit Sicherheit zu einer entwickeln.«
Dreyer nickte.
Judith Brunner kam mit Thomas Ritter aus der seitlich gelegenen Scheune, in der sie sich etwas umgesehen hatten, während einer der Techniker der Spurensicherung Fotos von den Gebäuden und vom Grundstück machte. Ein anderer sah sich im Gelände um und kennzeichnete die Stellen, die eventuell Spuren aufweisen könnten, mit den üblichen Zahlenkärtchen.
»Grüß dich, Walter. Da drin war nichts Auffälliges zu sehen«, informierte Ritter die kleine Runde.
»Wie lief’s mit dem Jungen?«, wollte Judith Brunner von Walter Dreyer wissen. Sie hatte die Neuankömmlinge aus Gardelegen bereits so weit ins Bild gesetzt, dass die seinem Bericht gut folgen konnten.
»Tommy ist immer noch etwas verstört, das ist doch klar. Ihm tut der Hund leid. Außerdem hat er ein schlechtes Gewissen. Ihm war bewusst, dass er diesen Weg hier eigentlich hätte gar nicht benutzen dürfen. Aber einige Bengel aus dem Dorf machen sich wohl öfter einen Spaß daraus, bei der alten Zabel an der Tür zu klingeln und dann wegzurennen. Zu spät zum Essen kam er auch noch. Es ging ihm jedoch sichtlich besser, nachdem ich den Eltern von seiner Entdeckung berichtet hatte, seine Umsicht besonders lobte und er merkte, dass er ohne Fernsehverbot davonkommen würde. Seine jüngeren Schwestern, die mit ihren Puddingschüsseln raus geschickt wurden, hatten an der Zimmertür gelauscht und schienen ganz erpicht darauf, alle grausigen Details von ihrem Bruder zu erfahren. Die Familie macht heute Nachmittag einen Ausflug. Das wird den Jungen ablenken ... Er hat mir erzählt, er war bis um elf beim Fußballtraining im Gutspark und wollte dann durch den Pfarrgarten nach Hause gehen. Also, selbst wenn er gebummelt hat, war er spätestens zehn nach elf hier, hat den Hund entdeckt und ist zu meinem Büro gelaufen.«
Judith Brunner warf ein: »Das kommt ungefähr hin. Es war höchstens viertel zwölf, als er mich ansprach.«
»Wahrscheinlich wussten noch mehr Leute, dass die alte Zabel zurzeit nicht zu Hause ist. Da haben sicher einige die Abkürzung über ihr Grundstück genommen. Ich gehe nachher gleich noch mal zum Neubaublock zurück. Vielleicht ist heute Morgen schon jemandem was aufgefallen? Lange kann das Tier ja noch nicht hier liegen.«
Dr. Renz stimmte Walter Dreyers Schlussfolgerung zu: »Der Kadaver ist gut erhalten, nichts scheint angefressen zu sein. Die Körperteile liegen bestimmt noch so da, wie sie gefunden werden sollten. Kopf und Körper haben einiges an Gewicht aufzuweisen. Das verschleppt so leicht kein Aasfresser. Es ist eine junge, kräftige Hündin gewesen. Ein ganz normaler Schäferhund, reinrassig, würde ich sagen.« Dr. Renz hielt kurz inne, bevor er sich an Judith Brunner wandte: »Gibt es für diese Fälle mit Tieren eigentlich auch die Bezeichnung ›Tatort‹? Den müssen Sie nämlich noch finden. Hier ist kaum Blut. Die Verstümmelungen sind woanders vorgenommen worden.«
Ritter fragte, wie nebenbei: »Und ihr seid sicher, dass die Bewohnerin des Hauses verreist und bei ihrem Sohn ist? Ich meine, gerührt hat sich da drin nichts, doch was wäre, wenn sie da irgendwo liegt und ebenfalls ...«, deutete er vage an.
»Oh Mann! Du kommst vielleicht auf Ideen!« Dreyer unterbrach seinen Freund ruppig, doch jagte dessen Gedanke ihm einen ziemlichen Schrecken ein. »Ich bin in ein paar Minuten zurück. Dann weiß ich, ob es ihr gut geht.« Eilig lief er los, darauf hoffend, dass Lucie Merker, die Postfrau, mit ihrer heutigen Runde durch das Dorf schon fertig war und er sie zu Hause antraf. Ihrem Mann gehörte die »Altmärkische Schweiz«, ein beliebter Landgasthof mit traditioneller Küche. Dessen Räumlichkeiten nahmen den größten Teil des Erdgeschosses in dem hübschen Landhaus ein, doch auch der Waldauer Postschalter hatte hier sein Domizil gefunden. Im Obergeschoss wohnten die Merkers. Beide waren im Ort beliebt. Die Kombination von Post und Kneipe war für alle Seiten vorteilhaft, denn wer außerhalb der Schalterstunden etwas abholen oder einliefern wollte, konnte den Wirt um den entsprechenden Gefallen bitten, und beim somit unvermeidlichen Betreten des Gastraumes wurde die Gelegenheit meist für ein schnelles Bier oder einen kleinen Happen genutzt.
Judith Brunner wandte sich an den Rechtsmediziner: »Ich brauche eine Obduktion. Todesursache, Werkzeugspuren, eigentlich dasselbe, wie bei einem menschlichen Leichnam.«
Dr. Renz nickte. »Verständlich. Doch in diesem Falle muss ich passen. Hier muss ein anderer Fachmann ran. Ein Veterinärmediziner. Im Krankenhaus in Gardelegen könnte ich das sowieso nicht machen. Ich möchte meine guten Beziehungen dahin nicht aufs Spiel setzen, indem ich anfange, nun auch noch Tiere zu untersuchen. Man nennt eine Sektion bei Tieren übrigens Nekropsie. So etwas ist nicht Teil meiner Forschungsvereinbarung ... Was nicht heißen soll, dass mich dieser Fall nicht interessiert – im Gegenteil. Frau Brunner, wir wissen beide, dass diese schauderhafte Inszenierung nur der Auftakt für etwas sein kann. Im schlimmsten Fall bedeutet sie, dass die Möglichkeiten meines Labors und meine Spezialkenntnisse bald bei einem menschlichen Leichnam zum Tragen kommen müssen.«
»Nun machen Sie mal halblang!« Thomas Ritter wandte sich fluchend ab und unterstützte lieber seine Mitarbeiter bei der Spurensicherung, als den finsteren Ahnungen des Rechtsmediziners weiter zuzuhören.
Judith Brunner sah es ihm nach. Friedrich Renz hatte unverblümt einen möglichen Mord angedeutet! War das nicht zu gewagt? Doch der Mann verfügte über eine enorme Berufserfahrung und würde nie leichtfertig unken. Ihr selbst waren entsprechende Gedanken auch schon durch den Kopf gegangen. Sie hoffte, all ihren Zweifeln zum Trotz, dass wenigstens die Münzen in eine andere, irgendwie erträglichere Richtung wiesen. Ein einfacher Diebstahl, eine Unterschlagung, ja selbst mit einem Raub könnte sie noch gut leben. Judith Brunner schloss einen Moment die Augen, bevor sie verkündete: »Am besten, ich rufe beim Kreistierarzt an. Der wird wissen, wer uns helfen kann.« Sie ging los, um den Anruf vom Büro des Ortspolizisten aus zu erledigen.
Kaum war sie mit dem Telefonieren fertig, trat Walter dicht hinter sie. »Ich hab dich reingehen sehen.« Er drehte Judith geschickt um, hakte seine Finger in die Gürtelschlaufen ihrer Jeans, zog sie an sich und küsste sie kurz. »Gibt’s schon was Neues?«
»Der Tierarzt aus Kakerbeck kommt her. Er hat dieses Wochenende Bereitschaft. Außerdem hat er in seiner Praxis einen kleinen OP-Raum und kann das Tier gleich obduzieren.«
»Ich habe auch gute Nachrichten: Der alten Zabel geht es gut. Lucie Merker war zwar noch nicht zu Hause, doch zum Glück konnte ich sie hinter Hartmanns Hof abfangen. Sie hatte die Osterburger Adresse und die Telefonnummer von Waltraud Zabels Sohn sogar im Kopf. Ich bin sofort rein zu Hartmanns und hatte den Sohn gleich am Apparat. Weder er noch seine Mutter können sich das mit dem Hund erklären. Für die Münzen hatte er auch keine Erklärung; in der Familie besaß niemand viel Geld, geschweige denn eine wertvolle Sammlung. Einen Hund hatten sie auch nie. Überhaupt keine Haustiere. Wir dürfen uns gern im Haus umsehen, wenn es nötig ist. Und: Wenn wir weitere Fragen haben, können wir gern vorbeikommen – sie haben am Wochenende nichts vor.«
Judith küsste Walter zurück, weit weniger vorsichtig, und befahl scherzhaft: »Na los, komm arbeiten. Die anderen warten schon.«
~ 6 ~
Wieder beim Pfarrhaus angekommen, bat Judith Brunner Dr. Renz, sich des Tierarztes anzunehmen. »Er kommt aus Kakerbeck her. Eigentlich müsste er jeden Moment eintreffen. Erklären Sie ihm bitte unsere Vermutungen und achten darauf, dass alles mit der nötigen Sorgfalt geschieht? Falls sich unsere, hm, Annahmen zur möglichen Entwicklung der Angelegenheit als wahr erweisen, darf uns jetzt kein Fehler passieren. Der Mann wird sich im Aufnehmen von gerichtsverwertbaren Spuren nicht auskennen.«
»Keine Sorge, ich kümmere mich um alles«, sagte Renz hilfsbereit zu.
Dann rief Judith Brunner Thomas Ritter zu sich: »Wir dürfen ins Haus.«
Walter Dreyer hatte inzwischen den Schlüssel hinter dem Fallrohr der Scheune gefunden, was nicht weiter schwierig gewesen war, hatte ihm doch Waltraud Zabels Sohn das Versteck verraten.
Von der Gartenseite her, durch eine über die gesamte Breite des Gebäudes gehende großzügige Loggia, mit einfach verglasten Sprossenfenstern an den Seiten, betraten sie zu dritt das Haus. Nach außen war der Holzvorbau offen, wobei eine halbhohe Balustrade mit aufsitzenden, bis unter das Dach reichenden rhombenförmigen Ziergittern aus dünnen Kanthölzern dem Anbau die Romantik einer lauschigen Laube verlieh. Die Veranda schien schon lange nicht mehr genutzt worden zu sein; jegliche Möblierung fehlte. Nur ein paar welke Blätter und trockene Ästchen lagen in den Ecken.
Durch seinen nahezu quadratischen Grundschnitt mit niedrigem Dach wirkte das alte, breite Haus schwer und gedrungen, auf eine sehr behagliche Art. Im Innern lag alles in einem Dämmerlicht, obwohl draußen die Sonne schien. Judith Brunner mochte, trotz der Umstände, die sie zum Betreten zwangen, sofort die Atmosphäre, die es verströmte.
An die Veranda schlossen sich mittig eine Diele, die bis an die Vorderseite des Hauses reichte, rechts eine große Küche und links ein ebenso großes Schlafzimmer an. Beide Räume verfügten über Durchgangstüren zu den Zimmern, die die Straßenseite des Hauses abschlossen. Da alle Türen offen waren, blickten sie hinter dem Schlafzimmer in einen Arbeitsraum mit Bibliothek. Visavis der Küche befand sich offensichtlich das Wohnzimmer. In den vorderen Zimmern tanzten Staubkörnchen im warmen Sonnenlicht; die Räume hinter der Veranda lagen angenehm kühl. Bis auf das Wohnzimmer und die Bibliothek, die mit breiten Holzdielen und Teppichen ausgelegt waren, zeigte sich in den anderen Räumen der bloße Steinfußboden mit unterschiedlich ausgetretenen quadratischen Platten.
Man merkte, dass das Haus schon einige Wochen unbewohnt war. Die Luft roch abgestanden. Ein vergessener Blumenstrauß trocknete im Küchenfenster vor sich hin. Doch alles wirkte aufgeräumt und ordentlich. Blutlachen, Wischspuren oder andere Hinweise auf das Hundemassaker waren auf den ersten Blick nicht zu entdecken.
»Was machen wir hier?«, wollte Ritter von seiner Chefin wissen.
»Ich weiß nicht, wonach wir suchen sollen«, gab Judith Brunner zu. »Erst einmal bin ich froh, hier drin nichts wie auf den Stufen entdecken zu müssen. Sehen wir uns einfach gründlich um. Lassen Sie bitte nachher den Techniker auch Fotos von den Räumen im Haus machen. Falls wir Frau Zabel besuchen fahren, kann sie uns sagen, ob etwas verändert wurde.«
Nach einigen Minuten beendeten sie ihren Rundgang am Vordereingang des Hauses, vor dessen Tür sich ein medizinischer Disput entsponnen hatte. Deutlich waren die Stimmen von Dr. Renz und einem jünger klingenden Mann zu vernehmen.
Walter Dreyer schloss von innen auf und öffnete vorsichtig einen Türflügel nach dem anderen.
Über das beklagenswerte Tier hinweg sahen sie vermutlich den Tierarzt vor dem Hund knien. Für seinen Körperumfang stand der Mann überraschend leichtfüßig auf und stellte sich vor: »Ich bin Wolfgang Harmsen.«
Wie Ritter und Dreyer trug auch er legere Wochenendkleidung, doch während die beiden anderen Männer in Jeans und T-Shirt sportlich und attraktiv aussahen, spannte Harmsens Hemd über einem gewaltigen Bauch, der die Schnalle des Gürtels, der seiner Jeans irgendwie Halt gab, fast völlig verbarg. Er war klein, mit einem runden Kopf, auf dem eine üppige, dunkle Haarpracht struppig in alle Richtungen abstand.
Dr. Renz begann, ihm die Leute von der Polizei vorzustellen: »Frau Brunner leitet die« – hier stutzte er kurz – »Ermittlungen«, war er sich dann sicher, warf Judith Brunner aber dennoch einen fragenden Blick zu.
»Richtig. Danke, Dr. Harmsen, dass Sie gleich hergekommen sind.« Der Kreistierarzt hatte ihr den Doktortitel genannt und hinzugefügt, dass der Mann wirklich etwas taugte. Sie stellte Thomas Ritter als Leiter der Spurensicherung und Walter Dreyer als verantwortlichen Polizisten vor Ort vor und sagte dann: »Sie sehen ja selbst. Das hier ist ein Akt von Gewalt. Bedrohender Gewalt. Die Fundsituation lässt uns vermuten, dass es einen Zusammenhang mit einem anderen Ereignis geben könnte, von dem wir allerdings noch nichts wissen.«
Auf der Herfahrt noch nicht ganz von der Brisanz der Angelegenheit überzeugt, war Dr. Harmsen beim Anblick des Hundes augenblicklich bereit gewesen, das Außergewöhnliche der Lage anzuerkennen und die Sache ernst zu nehmen. Interessiert fragte er Judith Brunner: »Woran denken Sie?«
»Na ja. Dieses Bild vor Ihnen soll etwas darstellen, und bis jetzt haben wir keine Ahnung, was genau. Vielleicht können Sie uns helfen, klarer zu sehen.«
»Ich unterstütze Sie, selbstverständlich. Was genau wollen Sie wissen?«
Judith Brunner fielen gleich ein paar Fragen ein: »Was hat zum Tod des Tieres geführt? Eine Krankheit, ein Unfall? Wurde es vorsätzlich getötet? Wie lange ist es schon tot? Welche Verletzungen hat es? Womit wurde es zerteilt? Darauf hätte ich gern Antworten.«
»Nun, das dürfte keine Probleme bereiten«, war Harmsen trotz der Menge an Fragen optimistisch.
»Wurde das Tier vaginal oder anal penetriert? Oder in den eröffneten Bauchraum? Vor oder nach seinem Tod? Gibt es Spermaspuren?«, ergänzte Judith Brunner nüchtern ihren Fragekatalog.
Das brachte ihr fassungslose und ziemlich unbehagliche Blicke der Männer ein. Ritter verzog angewidert sein Gesicht.
»Was ist los?«, fragte Judith Brunner in die Runde. So empfindlich konnten sie doch nicht sein!
»Sie hat ja recht«, löste Dr. Renz das männliche Unbehagen und machte eine resignierende Geste.
Walter Dreyer lenkte lieber ab: »Sagen Sie, Dr. Harmsen, haben Sie in letzter Zeit Fälle von Tierquälerei behandeln müssen? Oder davon gehört?«
»Zum Glück nicht. Zumindest sind mir in meiner Praxis oder auch bei den Hausbesuchen keine auffälligen Tiere vorgestellt worden. Niemand wurde der Tierquälerei bezichtigt. Doch wenn die Halter selber ... Das werden die mir kaum erzählen.« Er dachte nach. »Vor einem halben Jahr musste ich einen völlig verdreckten Pferdestall schließen. Die Tiere wurden nicht mehr ordentlich versorgt, waren unterernährt und litten an Infektionen. Das war sicher auch Tierquälerei. Doch so was hier? Da ist das Tier doch eher Mittel zum Zweck gewesen. So etwas habe ich noch nicht gesehen. Gerade deswegen werde ich mein Bestes geben, um Ihnen die gewünschten Informationen zu seinem Tod zu liefern«, versprach Harmsen.
Während der Tierarzt zu seinem Auto ging, um die für die Erstuntersuchung und den Abtransport nötigen Dinge zu holen, verschloss Walter Dreyer die Haustür von innen und verließ mit seinen Kollegen das Haus wieder über die Gartenseite. Neugierig gesellten sie sich zu Dr. Renz und dem Tierarzt.
Harmsen kramte in einem großen silberfarbenen Blechkoffer und entnahm ihm zwei Paar Einmalhandschuhe. Eines gab er Dr. Renz, und während er das andere überstreifte, bat er: »Zwei Fragen hätte ich noch, Frau Brunner.«
»Na los.«
»Nummer eins: Wissen Sie, wem der Hund gehört?«
Alle sahen Walter Dreyer an.
Der schüttelte bedächtig den Kopf. »Das müssen wir erst noch rauskriegen. Ich erkenne das Tier jedenfalls nicht auf Anhieb.«
»Gut. Dann ist meine zweite Frage noch wichtiger. Was passiert mit dem Hund, wenn ich mit meinen Untersuchungen fertig bin?«
»Was meinen Sie?«, fragte Judith Brunner.
»Na, wem übergebe ich die Überreste? Wenn sie überhaupt jemand haben will. Tiere sehen nach Nekropsien in der Regel nicht mehr, nun, präsentabel aus. Meistens werden sie danach einfach zum Verbrennen geschickt. Und da gibt man sich im OP nicht mehr solche Mühe wie bei Menschen und näht alles wieder ordentlich zusammen. Wie soll ich konkret bei diesem Tier verfahren?«
Keiner wusste eine Antwort.
»Nicht jeder kann sein geliebtes Haustier begraben«, führte Dr. Harmsen weiter aus. »Manche Leute sind einfach froh, den Kadaver los zu sein.« Er merkte, dass seine Fragen Ratlosigkeit verursacht hatten und schlug vor: »Na, das müssen Sie ja auch nicht sofort beantworten. Ich friere eben alles ein. Jetzt nehme ich den Hund erst einmal mit und werde in meiner Praxis sofort mit der Arbeit beginnen. Dr. Renz hat sich angeboten, bei der Untersuchung zu assistieren und außerdem die nötigen Notizen zu machen. Das ist wirklich eine große Hilfe. Wenn kein echter Notfall dazwischenkommt, müssten wir das in zwei, drei Stunden bewältigt haben. Ich denke, für die Ergebnisse müssen Sie nicht extra zu mir in die Praxis kommen. Ich rufe Sie zum Abend hin an; sicher kann ich Ihnen dann schon die meisten Ihrer Fragen beantworten.«
Judith Brunner bedankte sich bei den beiden Medizinern, schrieb für Dr. Harmsen noch ihre Privatnummer auf einen kleinen Zettel und überließ sie ihrem Vorhaben. Jetzt wollte sie sich selbst noch einmal im unmittelbaren Umfeld des Pfarrhauses umsehen.
Ritter und Dreyer passten interessiert auf, wie der Hundekörper behutsam auf eine Kunststoffplane gelegt wurde, wobei Harmsen darauf achtete, dass der Schwanz im Bauch des Hundes stecken blieb. Dann wurde die Plane eingeschlagen und vorsichtig verschnürt. Mit dem Tierkopf verfuhr Harmsen anschließend ebenso umsichtig.
Unter den Körperteilen des Hundes lag nichts.
Renz und Harmsen verabschiedeten sich.
Als Walter Dreyer die beiden Männer die Pakete in den Wagen des Tierarztes verstauen sah, schlug er nach einem Blick auf seine Uhr vor: »Schon nach halb zwei. Was hältst du von einer Pause? Ich könnte bei mir drüben einen kleinen Imbiss machen.«
»Ich dachte schon, du fragst nie!«, beschwerte sich Ritter grinsend. »Ich bin am Verhungern. Fang ruhig schon mal an, dein Buffet aufzubauen. Ich will bloß die Münzen noch eintüten, ein Foto von der leeren Stufe machen und einige Blutstropfen abkratzen, dann komme ich nach. Der eine meiner Jungs kann den Rest hier erledigen, die Chefin und den anderen bringe ich gleich mit. Du musst dich beim Auftischen nicht in Zurückhaltung üben.«
~ 7 ~
Walter Dreyer hatte sich – wie immer – nicht lumpen lassen. Er bewirtete gern Gäste, und seine Speisekammer nebst Keller schienen unendliche Vorräte deftiger Delikatessen zu bergen. Je ein Glas Blut- und Leberwurst, eine gut abgehangene Schlackwurst und eine Schüssel Zwiebelschmalz verströmten einen appetitlichen Duft in seiner Küche. Aufgeschnittene Tomaten und Gurken aus seinem Garten, Roggenbrot, Butter und ein Handkäse vervollständigten das rustikale Angebot. Sie saßen zu viert um den großen Holztisch und genossen, wechselseitig die schmackhafte Auswahl lobend, die kalte Mahlzeit. Es gab Bier, Obstsaft oder Wasser zum Trinken; nachdem der größte Hunger gestillt war, bot Walter Dreyer Kaffee an.
»Danke. Einen großen Pott bitte. Ich wusste gar nicht, dass ich solch einen Hunger hatte«, bekannte Ritter mit staunendem Blick auf die spärlichen Reste des Essens.
»Ha! Was ist über Nacht mit dir passiert?«, wollte Walter Dreyer von seinem Freund wissen, dessen ungeheurer Appetit ihm schon immer Anlass für spöttische Bemerkungen geboten hatte.
»Sehr witzig!«, murmelte Ritter mit vollem Mund und lächelte selig dabei.
Ritters Mitarbeiter blieb weiter stumm, machte rasch noch ein paar Stullen für seinen Kollegen fertig, schnappte sich eine Flasche Bier und ging zum alten Pfarrhaus.
»Ich sammle euch nachher ein und wir fahren zusammen zurück!«, rief Ritter ihm nach. Die gebrummte Antwort war nicht zu verstehen, klang aber nach Zustimmung.
Wilhelmina erschien, um den Besuch zu begutachten, und bekam ihren Teil von den Vorräten in Form einer in kleinste Häppchen geschnittenen Leberwurststulle ab. Nachdem sie ein paar Bröckchen hintergeschlungen hatte, ging sie wieder ihrer Wege.
Walter Dreyer brühte den Kaffee direkt in großen Keramiktassen auf, brachte sie zum Tisch und stellte eine Flasche Milch aus dem Kühlschrank dazu. »Wie machen wir nun weiter?«
Ehe jemand antworten konnte, hörten sie ein Klopfen an der Haustür.
»Hallo? Ich bin zurück!«, rief Laura in den kleinen Hausflur und trat einen Augenblick später in die Küche. »Oh. Du hast Besuch. Entschuldige bitte. Ich wollte nicht stören.«
»Unsinn. Du störst nicht«, schimpfte Walter galant. Laura sah etwas mitgenommen aus.
»Möchtest du vielleicht einen Happen essen? Ich kann auch noch etwas anderes dazu holen.«
Thomas Ritter kannte Laura Perch von ihrer gelegentlichen Mithilfe bei früheren Ermittlungen und er wusste, dass sie Archivarin war, berufsbedingt überwiegend in Berlin lebte und seine Chefin bei ihr im geerbten Haus in Waldau zur Miete wohnte. Walters Beziehung zu ihr, von der sein Freund stets behauptete, lediglich seit Kindertagen ihr väterlicher Freund zu sein, verfolgte er mit gespanntem Interesse. Aufmerksam stand Ritter auf, um die sympathische Frau zu begrüßen.
»Tut mir leid«, musste Laura die freundlich angebotene Hand unter Verweis auf ihre Verletzung ablehnen, »ich bin mit dem Fahrrad gestürzt.« Inzwischen sah die Wunde irgendwie schlimmer aus als unmittelbar nach dem Sturz, die Hand war geschwollen und schmerzte.
»Verdammt! Zeigen Sie mal her«, forderte Ritter resolut, griff Lauras Unterarm und besah sich die Abschürfungen. »Das muss sofort gereinigt werden.« Er zog Laura, ohne Widerworte zuzulassen, zum Wasserhahn über dem Spülbecken und hielt ihre Hand unter das kalte Wasser. Als ein Reflex sie zurückzucken ließ, hielt er sie am Arm fest. Nach dem anfänglichen Schreck linderte das kühle Nass tatsächlich den Schmerz.
Walter, der ebenfalls besorgt nach Lauras Hand sehen wollte, wurde von Ritter weggeschickt. »Hol du mal lieber deinen Verbandskram.«
Wenige Minuten später war Lauras lädierte Hand gereinigt, desinfiziert und verbunden. Tatsächlich fühlte sie sich etwas besser.
