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Das Weihnachtsfest steht vor der Tür - und nicht nur in privater Hinsicht werden das wohl die außergewöhnlichsten Feiertage für Judith Brunner. Sie erfährt wenige Tage vor dem Fest durch einen anonymen Hinweis von einer angeblichen Mordserie. Die Andeutungen sind mehr als vage, und außerdem gibt es zunächst weder verdächtige Leichenfunde noch vermisste Personen. Müssen wirklich alle unnatürlichen Todesfälle in der Altmark unter die Lupe genommen werden? Zusammen mit ihren Kollegen und Freunden beginnt Judith Brunner in Antiquariaten und Versteigerungshäusern, sogar im Drogenmillieu, zu ermitteln, ohne dass sich ein klares Bild ergibt. Erst mit neusten Entdeckungen aus der Gerichtsmedizin kommen sie der Lösung des Falles entscheidend näher.
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Seitenzahl: 276
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Heike Schroll
Weihnachtssterne – Ein Altmarkkrimi
Judith Brunners zehnter Fall
Kriminalroman
eBook
alto-Verlag Berlin
Die vorliegende Kriminalerzählung ist frei erfunden.
Jede Übereinstimmung von Personen und Örtlichkeiten wäre rein zufällig.
Besuchen Sie bitte auch den Autorenblog:
http://www.heikeschroll.com
Impressum
Schroll, Heike
»Weihnachtssterne – Ein Altmarkkrimi«
Judith Brunners zehnter Fall
Kriminalroman
eBook-Version: (25.11) November 2025
Copyright © dieser Ausgabe by alto-Verlag Berlin
Copyright © 2025 by Heike Schroll
Umschlaggestaltung und Foto: Bernd Schroll
Alle Rechte vorbehalten
© alto-Verlag Berlin 2025
ISBN 13: 978-3-944468-19-8 (epub)
ISBN 10: 3-944468-19-8 (epub)
Identische Taschenbuchausgabe:
alto-Verlag Berlin 2025
ISBN 13: 978-3-944468-18-1
ISBN 10: 3-944468-18-X
www.heikeschroll.com
www.alto-verlag.com
fon: +49.(0)30.654 977 32
fax: +49.(0)30.654 977 33
Altmark, kurz vor Weihnachten 1993
Montag
~ 1 ~
Judith saß entspannt an ihrem ausladenden Schreibtisch aus honigglänzendem Holz. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht beim Anblick der Unmenge an bunten Grußkarten um sich herum. Manche waren mit Glitzer bestäubt, andere klappten zu kleinen Figuren auf oder ließen sich zu einer Laterne falten; einige dufteten sogar nach Zimt oder Bratäpfeln. Sie hatte sich einen der warmen Winterpullover ihres Ehemannes übergezogen, der herrlich weit und bequem war und perfekt zu den dunkelblauen Strickleggings und den bunten Wollstrümpfen passte, die anzuziehen sie sich nach ihrer Mittagsruhe entschlossen hatte. Die etwas zu langen Ärmel hatte sie umgeschlagen und so waren die blütenweißen Manschetten ihrer Bluse zu sehen. Wer sagte, dass man Gemütlichkeit nicht mit Chic kombinieren konnte?
Walter stand in der Tür, sah seine bezaubernde, hochschwangere Ehefrau an und wusste vor Glück nicht, wohin mit seinen Emotionen. Ehefrau. Das hörte sich so grandios an, dass er Wilhelmina, der Katze, täglich mehrfach von der kürzlichen Hochzeit vorschwärmte und ihr die sowohl berührende als auch ausgelassene Feier mit ihren engsten Freunden und deren Kindern in allen Einzelheiten ins Gedächtnis rief. Meistens schnurrte sie dabei einvernehmlich, was ohne Zweifel an den Häppchen liegen könnte, die sie sich bei den Gästen stetig erbettelt hatte.
Er ging zu Judith, strich ihr eine Strähne ihres braun schimmernden Haars hinters Ohr und küsste sie sacht auf die Schläfe. »Wie viele Karten sind es dieses Jahr?«
»Sechsunddreißig. Und wir sollten unbedingt einige nachkaufen. Mit so einer Menge hatte ich absolut nicht gerechnet. Außerdem hatten wir beschlossen, dass alle einen persönlichen Weihnachtsgruß von uns als frischgebackenem Ehepaar bekommen.« Zufrieden legte sie eine fertig geschriebene Karte beiseite und hakte einen Namen auf ihrer Liste ab. Gleichwohl fehlten etliche Haken.
»Sechsunddreißig?!« Walter staunte ehrlich. Er war davon ausgegangen, dass es mit den Jahren eher weniger Karten zu verschicken gäbe, aber da war er offenbar im Irrtum. Wer waren all diese Leute nur? Er schnappte sich Judiths Liste und überflog die Namen. Laura und Maxim? Ihre engsten Freunde wohnten gleich nebenan. Die Ahlsens? Auf dem Gut ein paar Hundert Meter die Dorfstraße entlang. Musste man da die Post bemühen? Die Merkers? In Ordnung. Die führten das Wirtshaus im Dorf und betreuten die Poststelle. Die Fischer-Brüder? Gut, dass Judith an die beiden Computerheinis gedacht hatte, die er ohnehin mochte und geschäftlich hin und wieder mit ihnen zu tun hatte. Die Grüße für die Waldauer Nachbarn und Freunde würde er höchstselbst im Dorf austragen. Dann die Polizistenkollegen: Lisa und ihre Familie. Judiths Leute vom Revier: an erster Stelle ihr Chef, sodann Jurik und die Sekretärin. Schließlich noch Sello und Letzien. Wer war-?
»Walter, weißt du, es gibt im Englischen so ein Weihnachtsgedicht, das exakt ausdrückt, was mir beim Schreiben dieser Liste durch den Kopf ging. Es besagt sinngemäß, dass man beim jährlichen Durchstöbern der Adressen der Menschen, denen man Weihnachtsgrüße senden möchte, merkt, dass die Namen nicht Teil des Adressbuches sind, sondern Teil des Herzens. Ist das nicht ein wundervoller Gedanke? Hast du noch jemanden für die Liste?«
»Welches Gedicht?« Walter legte das Papier schnell wieder auf den Tisch zurück. So viele Namen!
Judith zog ein Blatt mit einem golden umrahmten Text hervor und rezitierte: »A Christmas Poem
I have a list of folks I know,
all written in a book.
And every year when Christmas comes,
I go and take a look.
And that is when I realize
that these names are a part
Not of the book they are written in,
but really from my heart.«
Das war ein treffender Gedanke, musste Walter ihr zustimmen. »Die Verse sind wie für dich geschrieben«, schmunzelte er.
»Oh, das Gedicht ist noch länger, doch Au!« Sie zuckte zusammen und legte die Hände über ihren Bauch.
»Was ist los?« Walter sah sofort in Richtung Telefon. War es so weit? Das Baby könnte sich nun jeden Tag auf den Weg machen, der Termin war nah. Genau genommen konnte er es kaum erwarten, so groß war die Sehnsucht. Außerdem mischten sich mehr und mehr Sorgen unter seine Gedanken. Judith war mit ihren Anfang vierzig bei Weitem keine junge Mutter, und die Geburt könnte schwierig werden. Zwar versicherte sie ihm immer wieder, es ginge ihr bestens, doch er konnte seine innere Unruhe irgendwie nicht bezwingen. Sollte er mit seinen mittlerweile sechzig Lenzen nicht etwas gelassener mit der Situation umgehen? Er zog den Reißverschluss seines Sweaters hoch und riss sich zusammen.
Judith schnaufte kurz und atmete tief ein und aus. »Entwarnung, nur ein heftiger Tritt. Mach dir keine Sorgen. Es fühlt sich nicht dringlich an.«
Walter küsste Judith erneut und schielte auf die Liste. Nun fing er doch noch an, zu überlegen, ob sie jemanden vergessen haben könnten, als es an der Küchentür zum Garten klopfte.
Sekunden später war Laura schon zu hören: »Hallo, ihr beiden. Lasst ihr uns rein?«
Wilhelmina nutzte die Gelegenheit und schlüpfte hinter ihr ins Warme. Ihr Bedarf an Stromerrunden war für heute offenbar gedeckt.
Walter ging Laura entgegen und betonte: »Aber ja! Wir schreiben Weihnachtskarten. An die ganze Welt. Selbst das Baby will mitmachen.«
Judiths liebe Freundin seit vielen Jahren trat ein und die Frauen umarmten sich. »Was gibt’s? Wo steckt Maxim?« Sie sah erwartungsfroh in Richtung Tür, ob Lauras Mann noch auftauchte.
»Er trifft sich mit einem wichtigen Auftraggeber, kommt erst in der Nacht zurück. Aber das hier kann nicht warten.« Laura schloss die Tür hinter sich. Ihre Miene wurde ernst und sie hielt drei kleine, außergewöhnlich aussehende Büchlein hoch.
»Na komm, machen wir es uns drüben gemütlich«, zog Judith ihre Freundin, neugierig geworden, ins Wohnzimmer. »Möchtest du einen Tee oder etwas anderes?«
»Gerne einen Tee und etwas Anderes. Stärkeres.« Laura setzte sich und verkündete mit ernstem Gesicht: »Ich fürchte, dass ich unter Umständen auf einige Morde gestoßen bin und, nun ja, ihr zwei – eine superschlaue Kriminalistin und ein erfolgreicher Privatdetektiv – seid zweifelsohne die Spezialisten, um das zu beurteilen.«
~ 2 ~
»Morde?« Walter versuchte, zu ergründen, ob er richtig gehört hatte. »Plural?« Laura würde so eine Vermutung nicht unbegründet vorbringen. Das schien ein ernsteres Gespräch zu werden.
»Hier.« Laura schob Judith, die auf einem hohen Lehnstuhl Platz genommen und sich in eine kuschelige Decke gehüllt hatte, den kleinen Stapel der äußerlich identischen Büchlein über den Tisch zu. »Das sind die Tagebücher von einer Frau.« Eingebunden in dunkelblauem Samt, schluckten die Buchdeckel nahezu alles Licht und lagen wie eine dunkle Zigarrenkiste da.
Während Judith zugriff und anfing, in einem zu blättern, verschwand Walter in der Küche, um Tee für seine Frau und Rumpunsch für sich und Laura aufzugießen. »Wartet bloß auf mich!«, rief er fordernd. »Ich will unbedingt alles hören.« Spätnachmittags war es draußen längst stockfinster geworden. Er zündete zwei Teelichter in kleinen Glaslaternen mit Facettenschliff an, suchte verschiedene Zuckersorten zusammen und füllte ein Tablett. Wenig später servierte er die Getränke und stellte einen Teller mit seinen selbst gebackenen Zimtplätzchen dazu.
Dann setzte er sich auf das Sofa neben dem großen, gemauerten Kachelofen, von dem eine drängende, wohltuende und tiefgehende Wärme ausging, die er jeden Tag aufs Neue genoss. Dieses Gefühl wog den Aufwand, am Morgen und meistens auch am Nachmittag mit Holz und Kohlen einzuheizen und dabei die angefallene Asche zu entsorgen, vollkommen auf.
»Und? Erzähl!«, drängelte Judith und legte das Bändchen zurück. »Wo hast du die her?«
»Von Peter Kreuzer, ihr wisst schon, der Bibliothekar in Gardelegen.«
Walter und Judith nickten. Der Mann hatte bei früheren Ermittlungen ab und zu eine Rolle gespielt. Walter war außerdem über etliche Jahre eingetragener Leser der Stadtbibliothek gewesen, bis er selber einen großen Bücherschatz erbte. Ihm hatten es vor allem die heimatgeschichtlichen Werke der Altmark angetan. In Anbetracht des kommenden Babyglücks zweifelte er aber, ob ihm im Alltag überhaupt genügend Zeit zum Lesen bleiben würde.
Laura fuhr fort: »Ich war am vergangenen Montag bei ihm, um zu sehen, was die Bibliothek für meinen neuen Job als Familienarchivarin der Ahlsens so hergibt. Historische Kartenwerke, Adelslexika, Memoiren, sowas suchte ich. Na, viel gab es dort nicht und ich werde eine Menge Geld in Antiquariate tragen müssen, um mir selbst eine kleine Bibliothek zusammenzustellen. Aber darum geht es jetzt nicht.« Sie nahm einen Schluck von dem kräftigen Punsch und verzog das Gesicht. »Mehr von dem braunen Zucker bitte«, bat sie Walter, und fuhr dann fort: »Wir redeten also ein bisschen über dies und das. Kreuzer freute sich zu hören, dass ich nun ganz in der Altmark arbeite und fragte, ob ich ihm mit meinen Spezialkenntnissen als Archivarin gelegentlich helfen könnte, jetzt wo ich mehr oder weniger vor Ort wäre und etwas Zeit erübrigen könnte. Er hätte da sogar einen konkreten Bedarf. Ich wurde neugierig und wir suchten einen winzigen Nebenraum auf. Er griff sich einen kleinen Umzugskarton aus einem Regal, hievte ihn auf ein Tischchen und öffnete ihn. Er war voller Tagebücher. Solche, wie die da.« Sie deutete mit ihrem Punschglas auf die drei Exemplare. »Kreuzer fragte mich, ob ich diese Sammlung bearbeiten könnte, also die einzelnen Stücke erfassen und sie fachlich beschreiben. Auf Honorarbasis. Er hätte dafür weder die Zeit, noch wäre er gut darin, Handschriften mühsam zu entziffern. In erster Linie erhofft er sich, herauszubekommen, wer die Tagebücher einmal geschrieben hat.«
Walter griff nun ebenfalls nach einem der mitgebrachten Büchlein und schlug es auf. »Sieht richtig vornehm aus. Samteinband. Goldschnitt. Mit violetter Tinte geschrieben.« Dann legte er es ehrfürchtig zurück.
»Hm«, murmelte Laura vieldeutig. »Nun gut, ich stimmte dem Auftrag zu. Heute Vormittag hat Kreuzer mir dann den Karton vorbeigebracht. Neugierig wie ich bin, habe ich sofort reingeguckt. Ich habe bei Weitem noch nicht alles gesichtet, doch gleich obenauf fanden sich diese drei.« Laura legte ihre Hände schützend auf den Buchstapel. »Seht ihr den schmalen Papierstreifen, der da wie ein Lesezeichen herausragt?« Sie schob das untere der Bücher Judith zu. »Schlag mal da auf.«
Gespannt öffnete Judith die markierte Seite und sah, dass das Stückchen Papier eine Notiz trug. Handschriftlich. Einen Moment später hatte sie entziffert, was auf dem Zettel mit dunkelblauer Tinte geschrieben stand. Findet meine Mutter. Sie bringt Menschen um. Seit vielen Jahren. Das muss enden!!! Als Judith diese Worte las, gefror ihr das Blut in den Adern.
Walter sah, dass etwas nicht stimmte, und nahm ihr das Buch und die Notiz aus der Hand. Laut las er vor: »Findet meine Mutter. Sie bringt Menschen um. Seit vielen Jahren. Das muss enden!!!«
Einen Moment blieb es still. Walter legte das Tagebuch samt Lesezeichen wieder auf den Tisch. Unbewusst rieb er die Hände an seiner Hose. »Mein Gott! Ist das etwa ernst gemeint?«
~ 3 ~
Laura nickte bestätigend. »Nun ja, erst dachte ich, welch seltsamer Humor! Es gibt ja haufenweise solche bedruckten Lesezeichen mit irgendwelchen banalen Sinnsprüchen zu kaufen, und hier hat jemand Geld sparen wollen und selbst etwas verfasst. Jemand mit überbordender Fantasie, zu viele schlechte Filme gesehen und so. Aber dann begann ich nach einem Hinweis auf die Schreiberin des Tagebuches zu suchen, einem Namen, einem Ort. Dabei fiel mir auf ...« Sie schlug das Büchlein am Ende auf. »Angefügt an den Text auf der letzten Seite wiederholt sich diese Botschaft. Man muss schon genau hinsehen, aber dann bemerkt man es. Der Unterschied zwischen der eigentlichen Tagebuchschreiberin und derjenigen Person, die diesen Zettel und die Ergänzung geschrieben hat, ist signifikant: Eine andere Handschrift, moderner, ein doppeltes s, eine offenkundig andere Tintenfarbe, und es wurde eine breitere Feder benutzt.« Laura zeigte in aller Ruhe ihre Entdeckung her.
Walter blätterte unentschlossen herum und las einige der Tagebuchnotizen. Er wusste nicht recht, was er damit anfangen sollte. Er mutmaßte: »Irgendwie ein billiger Scherz. Ein Teenager, der Beachtung sucht.« Oder jemand liebte makabre Spiele. Aber warum dann die Wiederholung? Ein Zettel und ein Eintrag ganz hinten im Tagebuch. »Ich korrigiere mich. Das sieht nicht nach reinem Unsinn aus. Eher nach Verzweiflung. Die Anschuldigung sollte unbedingt gefunden werden.«
»Was sollen wir nun machen?«, fragte Laura.
Judith überlegte einen Moment, sah auf die Uhr und schlug vor: »Wir müssen versuchen, uns ein Bild von der Person zu machen, die diese Tagebücher führte. Wir müssen Namen finden. Und Orte. Dann habe ich etwas Konkretes, das ich meinen Kollegen von der Kripo mitteilen kann. Bisher ist das alles nämlich, gelinde ausgedrückt, ziemlich dünn und wir könnten uns mächtig blamieren, wenn wir auf einen geschmacklosen Witz oder meinetwegen eine unbeabsichtigte Dummheit hereinfallen.«
Alle waren einverstanden.
»Woher weißt du, dass den Zettel auch eine weibliche Person geschrieben hat? Nur, weil die Handschrift so sauber ist?«, erklärte Walter mit prüfendem Blick auf den Papierstreifen seine Skepsis.
»Na ja, die Schrift ist sehr akkurat. Fast wie gemalt. Das könnte sogar darauf hindeuten, dass man sich beim Schreiben absichtlich verstellt hat, um die eigene Handschrift unkenntlich zu halten«, gab Laura zu bedenken. »Ich würde allein deswegen keine Wette eingehen wollen, ob das eine männliche oder weibliche Handschrift ist. Der Ausdruck ist klar, die Rechtschreibung korrekt. Einzig die drei Ausrufezeichen wirken übertrieben, sollen aber sicher die Dringlichkeit hervorheben ... Wenn wir den Hinweis auf die Morde ernst nehmen, müssten da Schriftsachverständige ran.«
»Sicher«, stimmte Judith ihr zu, bevor sie nach einem der Zimtplätzchen griff. »Das LKA hat da Fachleute.«
Laura machte weiter. »Das Papier ist etwas Besonderes. Büttenpapier, sogar mit einem Teil eines Wasserzeichens. Das gibt es nicht an jeder Ecke zu kaufen und es ist außerdem teuer. Ich denke, der Streifen wurde von einem größeren Bogen Briefpapier abgeschnitten. Vielleicht kann man rausbekommen, welches Wasserzeichen zu sehen ist, also wo das Papier geschöpft wurde, und beim Hersteller nachfragen, wer es gekauft hat. Vielleicht stammt es aus einem exquisiten Set, einer Sonderanfertigung. Oder es ist die Sorte seltener Ware, die in hochpreisigen Papierläden verkauft wird.« Laura kannte sich mit Papiersorten aus. »Die wird dann allerdings schon maschinell gefertigt.« Sie hielt den Streifen ins Licht, um das Wasserzeichen besser erkennen zu können. Nichts zu machen; mit bloßem Auge war nicht genug zu sehen. »Schaut her, hier die Abdrücke von dem Gitter, das beim Schöpfen den Papierbrei hält? Die sind meist symmetrisch. Das kann man beim Schreiben als Linierhilfe nutzen – und deswegen ist diese Botschaft auch so gerade geschrieben.«
»Du hast mir vor ein paar Jahren mal ein paar Grußkarten aus handgeschöpftem Papier in einem bezaubernden Kästchen geschenkt«, erwähnte Judith lächelnd. »Von dir selbst hergestellt, mit einem hübschen Wasserzeichen, einer kleinen Schneeflocke.«
»Du erinnerst dich?«, freute sich Laura. Sie hatte in der Tat hin und wieder eigenhändig Papier geschöpft, mit improvisierten Geräten, als exquisites Geschenk für besondere Menschen. Das war zwar ein sehr aufwendiges Verfahren und bedurfte einiger Vorbereitungen, aber die gelungenen Ergebnisse und die Freude in den Gesichtern ihrer beschenkten Freunde machten die Mühen jederzeit wett.
»Was glaubst du denn? Ich bin gerade wieder mächtig gerührt, wenn ich daran denke. Und, weißt du, ich habe nicht eine Karte davon verschickt. Sie liegen alle noch in der Schachtel. Es sind schließlich kleine Kunstwerke; ich würde mich nie davon trennen.«
»Na, so war das aber eigentlich nicht gedacht«, mahnte Laura lächelnd. »Aber dann erkennst du auch den Unterschied. Meine Karten haben eine raue Oberfläche und sind etwas dicker als professionell hergestellte Stücke und fasern an den Rändern etwas aus. Hingegen ist das Papier, auf dem diese Botschaft geschrieben wurde, hochwertiges, professionell hergestelltes Büttenpapier.«
»Damit haben wir doch schon einen Anhaltspunkt. Im Haushalt der Tippgeberin – ich gehe irgendwie auch von einer Frau aus, auch wenn ich weiß, dass auch ein Mann in Frage käme«, gab Judith zu, »steht Büttenpapier zur Verfügung. Es ist teuer, also spielt Geld wohl keine große Rolle. Und das wohl schon länger nicht, wenn ich mir die Tagebücher selbst so ansehe.«
»Ich habe sie nur überflogen«, warf Laura ein. »Doch klar ist, sie wurden in der zweiten Hälfte der neunzehnhundertunddreißiger Jahre geschrieben. Von einer wohlhabenden und gebildeten Frau, die Zeit und Muße dafür hatte und ausreichend Geld, um es in samtgebundene Schreibhefte mit Goldschnitt zu investieren.«
»Und in violette Tinte.« Judith gefiel die Schrift mit dieser Farbe und sie überlegte, sie womöglich für ihre restlichen Weihnachtskarten zu benutzen. Das große Etui mit Filzstiften, das sie in der Schreibtischschublade aufbewahrte, enthielt gewiss einen passenden Stift. »Wir haben also einerseits hochwertiges Schreibpapier und andererseits exquisite Tagebücher. In diesen Kreisen legte man Wert auf schöne Dinge.«
»Du bist dir hier sicher – eine Frau hat die geschrieben?«, hakte Walter mit einem Fingertippen auf die Büchlein nach.
Laura nickte überzeugt. »Die sind eindeutig von einer Frau. Sie beschreibt zum Beispiel an einer Stelle, wie sie ein neues Kleid anprobiert. Und an einer anderen Stelle klagt sie über Schmerzen bei ihrer Menstruation. Oder erwähnt, wie ihr Verlobter von einer Reise zurückkehrt.«
»Alles klar«, musste Walter zugeben. »Warum grienst du auf einmal so?«
»Sieh mal hier«, reichte sie ihm ein anderes Tagebuch und schlug es von vorne auf. Auf der ersten Seite stand: Adele. Mein 18. Geburtstag. »Damit sollte bewiesen sein, dass nur eine Frau die Schreiberin sein konnte.«
»Und uns lässt du hier herumraten!«, warf Judith ihr mit gespieltem Schmollmund vor.
»Hm, ein schöner Name«, kommentierte Walter und zwinkerte Laura zu. »Und dreißiger Jahre!« Er blätterte in dem Büchlein. »Immerhin, Adele schreibt mit Datum.«
Laura nickte. »Siehst du? Erster Eintrag 03. November 1936. Letzter Eintrag im dritten Band, da, wo anschließend diese Nachricht wiederholt wird, 21. Juni 1938. Ihren Namen hat sie aber nur im ersten Band erwähnt.«
Sie ließen sich die Plätzchen schmecken und Walter schenkte Tee nach.
Dann meinte Judith: »Adele hat damals beim Schreiben sicher nicht geahnt, dass ihre Zeilen einmal zum Ausgangspunkt einer Mördersuche werden könnten.«
~ 4 ~
»Was? Du denkst, die Schreiberin der Mordanzeige hat etwas mit den alten Tagebüchern direkt zu tun? Ihre Großmutter hat die geschrieben oder so?«
»Ich halte eine derartige Verbindung nicht für ausgeschlossen. Wie sollte der Zettel denn sonst in Adeles Tagebuch gekommen sein? Und die Verwendung schöner Schreibwaren weist meiner Meinung nach ebenso auf eine Beziehung, oder wenigstens auf einen Zusammenhang der Personen hin. Oder eine familiäre Tradition. Hast du noch etwas finden können, um die Autorin klarer zu identifizieren?«
»Bisher nicht«, gab Laura zu. »Es gibt nur den Namen. Adele. Aber wenn wir familiäre Beziehungen annehmen, würde das ja bedeuten ...« Sie begann, im Kopf zu rechnen.
»Wie alt wäre die Frau heute?«, wollte Judith, die einen ähnlichen Gedanken verfolgte, von ihr wissen.
Walter holte einen Schreibblock und einen Bleistift herzu.
»Nun, die Frau mit dem Tagebuch, Adele, schreibt nichts von Kindern, aber von einem Verlobten. Ich habe aber noch nicht alles gelesen«, machte Laura nochmals aufmerksam. »Wir wissen, dass sie 1936, Anfang November, 18 Jahre alt wurde. Jahrgang 1918, dann wäre Adele jetzt fünfundsiebzig. Also, allgemein kann man mit 25 Jahren für eine Generation rechnen. Demnach-«
»Adele wäre ...«, überlegte Walter mit einem Blick auf seine gekritzelten Berechnungen. »Die nächste Generation wäre dann fünfzig und dann die übernächste fünfundzwanzig Jahre alt.«
»Dann wäre die angezeigte Mörderin also fünfzig und ihre Tochter Mitte zwanzig«, hielt Judith fest.
»Oder, wenn man bedenkt, dass Leute auch in jüngerem Alter ihre Kinder kriegen, also wir mit zwanzig Jahren rechnen, 75 – 55 – 35 – 15, dann käme die Botschaft von einem Teenager«, meinte Walter.
»Was wiederum zur Dramatik der Zeilen passen würde«, nickte Laura.
»Und es passt auch zu seinem Verhalten. Ich meine, warum dieser anonyme Hinweis? Warum nicht direkt die Polizei informieren? Oder jemand Dritten? Ein Teenager wäre da möglicherweise gehemmt oder hilflos und ihm würde eher so etwas Törichtes einfallen«, schwenkte Judith den seltsamen Papierstreifen. Sie streichelte über ihren Babybauch und gab mit Blick auf die letzte Seite im Tagebuch zu bedenken: »Diese Botschaft wurde derart versteckt, dass man sie gar nicht auf den ersten Blick bemerkt.«
»Warum eigentlich diese ganzen Umstände?«, wunderte sich Laura erneut. »So, wie man es angestellt hat, ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand diesen Hilferuf bemerkt, doch äußerst gering. Warum hat der- oder diejenige nicht einfach den Mund aufgemacht?«
Judith hatte das auch schon überlegt. »Das ist ein wichtiger Punkt, denke ich. Ich schlage vor, wir nutzen vorerst als Annahme, dass die Nachricht von einem Mädchen oder einer jungen Frau geschrieben wurde, denn Freude am Schönschreiben mit einer Feder ist eher eine jugendliche und weibliche Passion. Und wir nehmen die Botschaft ernst. Dann folgt für mich: Sie hat Angst. Angst, die größer ist als jeder Gedanke, jemandem etwas über ihre Beobachtungen anzuvertrauen. Vielleicht wird sie eingeschüchtert oder irgendwie erpresst. Die Drohung müsste ernst sein. So nach dem Motto, wenn du irgendwas erzählst, passiert das und das ... Und außerdem – wer liefert schon gerne seine eigene Mutter als Mörderin aus?«
Die anderen nickten.
»Einen Ort finde ich beim flüchtigen Durchblättern nicht. Ein Zuhause wird nicht beschrieben«, war Walter aufgefallen. »Wir müssen gründlich alle drei Büchlein lesen.« Für Laura und ihn war das kein Problem. Die Eintragungen waren in Sütterlinschrift verfasst, der Schulschrift, die ab den Zwanzigerjahren verwendet und dann 1941 untersagt worden war. Beide konnten die Aufzeichnungen fließend entziffern.
Judith bot an: »Ich tippe«, und alle zogen ins Arbeitszimmer um.
Walter schaltete den Computer an und half Judith, sich bequem hinzusetzen. Sie räumte ihre Weihnachtskarten beiseite und zog die Tastatur zu sich heran.
»Ihr habt doch diese alten Kalender bei euch aufgehoben«, wies Laura hin. »Dann können wir gleich in einer Hinsicht mal prüfen, ob die Tagebücher echt sind oder auch nur Teil eines Scherzes. Falls wir nämlich Datierungsfehler entdecken, wissen wir, dass uns hier jemand auf den Arm nimmt. Wenn mir auch nicht ganz klar ist, weswegen jemand so einen Aufwand treiben sollte und dann die Entdeckung der Hinweise dem puren Zufall überlässt.«
Walter, der seinen Beruf zusammen mit Lauras Ehemann ausübte, nickte. Sie sammelten in ihrem Büro verschiedenste Unterlagen, die bei Nachforschungen wichtig sein könnten. Mit alten Kalendern ließen sich manche Alibis umstandslos überprüfen, etwa wenn jemand vorgegeben hatte, an einem Feiertag einzukaufen, oder eine kurze Reisezeit auf der Autobahn angab, obwohl erstes Ferienwochenende gewesen war. »Ich hole die passenden Jahre rüber«, machte er sich auf den Weg durch den Garten ins Detektiv-Büro. Ursprünglich hatte das Haus Lauras Großtante Irmgard gehört, die es ihr vererbte, und die es ihrerseits dann den beiden Männern als Arbeitsplatz für die Privatdetektei zur Verfügung gestellt hatte.
Laura sortierte die Büchlein übereinander, das älteste obenauf.
Judith öffnete das Textverarbeitungsprogramm und legte eine Datei ADELE an. »Erstes Datum?«, fragte sie bei Laura nach, die zurückgab: »03. November 1936«. In gemächlichem Tempo begann sie zu diktieren: »Heute ist mein 18. Geburtstag. Alle waren guter Laune und am Nachmittag gab es meinen Lieblingskuchen. Ich durfte auch ein Gläschen süßen Wein trinken, der mir aber nicht schmeckte.«
Walter kam mit einer Handvoll Hefte wieder, darunter einem detaillierten Altmärkischen Heimatkalender von 1936. Der Abgleich des ersten Datums – ein Dienstag – und der nächsten ergab keine Hinweise auf eine Manipulation. Die Abstände der Einträge unterschieden sich; manchmal schrieb Adele jeden Tag etwas auf, es gab aber ebenso Phasen, da vergingen ein paar Tage ohne eine Erwähnung.
Sie kamen gut voran und zwei Stunden später hatten sie etliche Seiten entziffert.
»Klingt alles recht belanglos«, lautete Judiths Resümee. »Adele scheint ein zufriedenes Leben mit einem gewissen Wohlstand und mit Kontinuitäten geführt zu haben. Sie schwärmt offenbar für Kuchen und ihre Cousinen aus Tangermünde.«
»Ja, aber sie gibt keine konkreten Hinweise auf ihren eigenen Wohnort oder den ihrer Eltern. Sie nennt keine Namen. Nur Vater, Mutter, Geschwister werden nicht erwähnt. Na, vielleicht finden wir weiter hinten im Text noch etwas«, blieb Walter optimistisch.
»Druckst du mir bitte mal alles aus?«, bat Judith und schleppte sich zum Telefon, um mit Anton Sello, dem Chef des Fachkommissariats für Schwerverbrechen in Stendal, für den sie als Ermittlerin arbeitete, zu sprechen. Es fühlte sich albern an, ihn mit der Angelegenheit zu belästigen, denn sie hatte nicht mehr in der Hand als einen fragwürdigen Fingerzeig auf unbekannte Morde. Andererseits konnte sie es nicht riskieren, die Polizei in den Verdacht zu bringen, eine Mordserie ignoriert zu haben.
Dienstag
~ 5 ~
»Ich weiß, dass ich gerade nicht im Dienst bin, aber das Baby hindert mich nicht am Nachdenken ... Ich begebe mich nicht in gefährliche Situationen, sondern werde von Laura Perch begleitet. Und wir werden gefahren.« Judith hatte ihr Frühstück beendet und telefonierte im Flur schon länger mit Sello. Walter merkte, dass das Telefonat andauern könnte, und brachte ihr vorsorglich einen Hocker zum Hinsetzen.
Anton Sello, der nach anfänglichem Sträuben gestern Abend widerstrebend eingewilligt hatte, die Sache ernst zu nehmen, informierte sie ausführlich über seine Gespräche mit der Staatsanwaltschaft, wonach es auch von dort grünes Licht gab. Judith Brunners Beteiligung an den Ermittlungen bereitete Sello ungeachtet dessen Kopfschmerzen. Sie war hochschwanger und daher verletzlich. Er trug Verantwortung für diese Frau.
Judith blieb beharrlich. »Wir besuchen in Gardelegen lediglich einen seriösen Bibliothekar, den ich schon lange Zeit kenne und ja, ich melde mich, sobald ich mehr weiß ... Versprochen.« Seufzend legte sie auf und drehte sich zu den Lauschern in ihrem kleinen Hausflur um.
Laura lehnte, einen Kaffeebecher in der Hand, aufbruchsbereit an der Wand.
Maxim und Walter standen wie Felsbrocken im Weg, dazwischen hockte Arkan, ein Hündchen, das Maxim ausbildete und das deutlich so aussah, als wollte es auf die geplante Mission nach Gardelegen mitgenommen werden.
Maxim hatte darauf bestanden, den Chauffeur zu geben. Er könne die Wartezeit, in der die Frauen in der Bibliothek sein würden, nutzen, um mit dem Welpen das Gehen an der Leine neben erhöhtem Verkehrslärm zu üben.
Walter war es zufrieden, denn er vertraute seinem Kumpel und Geschäftspartner blind. Wenn es um Personenschutz ging, gab es niemand Geeigneteren als diesen Kerl, der seine Ausbildung bei irgendwelchen obskuren Spezialkräften genossen hatte, und zwar dieser Art Spezialkräfte, die Elitekämpfer hervorbrachte. Bei den privaten Ermittlungen, mit denen sie sich beruflich befassten, waren seine Fähigkeiten zur Beschaffung von Schlüsselinformationen ausgesprochen nützlich. Die Ortung von Personen, Fahrzeugen oder mobilen Kommunikationsgeräten schienen für ihn niemals Hindernisse zu sein. Und er konnte auf einige fähige und zuverlässige Leute zugreifen, die Walter zwar noch nie gesehen, deren unsichtbare Hilfe er jedoch schon bei vielen Gelegenheiten schätzen gelernt hatte.
Walter würde, während die anderen unterwegs waren, die Abschrift der Tagebücher weiter vorantreiben; eventuell fand er etwas, das sie bisher übersehen hatten, einen indirekten Anhaltspunkt zu Adeles Familie. Mittels eines Schemas aller erwähnten Personen hofften sie, der angeblich mordenden Frau auf die Spur zu kommen. Selbst ein kleiner Hinweis könnte zur Mörderin führen.
»Christian Letzien kommt am Nachmittag aus Stendal her und erwartet einen Bericht«, teilte Judith den anderen wenig später im Hinausgehen mit. Alle kannten den erfahrenen Kriminalisten aus Sellos Team, der schon einige Male mit Judith zusammengearbeitet hatte. »Er hat offiziell das Sagen in diesem Fall, leitet die Ermittlungen. Sello ist aber nicht dagegen, wenn ich mithelfe.« Letztlich stimmte diese Behauptung sogar.
»Wenn du dich fühlst«, schränkte Walter sofort ein. Er drückte ihr die auswärtige Weihnachtspost in die Hand, die sie in Gardelegen beim Hauptpostamt einwerfen wollte, mit der geringen Hoffnung, dass alle Umschläge rechtzeitig vor dem Fest in den Briefkästen der Empfänger landen würden. Sie hatte gestern spät am Abend die wenigen noch fehlenden Grüße fertiggestellt, dafür die neue Schriftfarbe ausprobiert und dann glücklich die Briefmarken aufgeklebt.
»Ich fühle mich ausgezeichnet«, gab Judith überzeugend lächelnd zurück. »Und ich passe auf mich auf«, beteuerte sie rasch und küsste ihn, gerade als Walter zu einer Erwiderung ansetzen wollte.
Laura drückte ihm zum Abschied gleichfalls einen Kuss auf die Wange und schob sich an ihm vorbei zur Haustür. »Keine Sorge. Mittags sind wir wohlbehalten zurück«, versprach sie.
Maxim verfrachtete Arkan mit einem kurzen Kommando zum Springen in den Kofferraum seines Geländewagens.
Walter nickte ihm zu. »Na dann ... Ich wünsche euch viel Erfolg. Grüßt Kreuzer bitte von mir.«
~ 6 ~
Die Stadtbibliothek öffnete dienstags erst am Nachmittag für ihre Besucher, insofern war der Eingang verschlossen und Judith drückte auf die Klingel an der Gegensprechanlage.
Wenig später erschien Peter Kreuzer, man begrüßte sich.
Für Maxim und Arkan startete das Training.
In Kreuzers Büro nahmen die Frauen an einem ovalen, mit einigen Getränkeflaschen bestückten Besprechungstisch Platz und er erkundigte sich, nach einem diskreten Blick auf Judith Brunners Babybauch: »Ist das bequem für Sie?«
Erfreut über seine Aufmerksamkeit, dankte sie ihm und bat um einen Schluck stilles Wasser.
»Gerne. Was ist denn überhaupt los? Sie sagten am Telefon, es geht um die Tagebuch-Sammlung?« Er schenkte ein und verteilte die Gläser.
»Ja. Deswegen habe ich auch Frau Perch gebeten, mich zu begleiten. Sie hat unter den vielen Stücken in Ihrem Umzugskarton eine beunruhigende Entdeckung gemacht.«
Der Bibliothekar schaute etwas ratlos zwischen seinen Besucherinnen hin und her. »Was meinen Sie?«
»Es finden sich Hinweise auf schwere Verbrechen«, blieb Judith absichtlich vage. Die Rolle Kreuzers in dieser Angelegenheit war nicht geklärt, ebenso wenig wie die der anderen Beschäftigten in der Bibliothek. »Und wir müssen herausfinden, welchen Weg diese Niederschriften bis hierher in die Stadtbibliothek genommen haben, um zu ihrem Ursprung zu gelangen.«
Die Ratlosigkeit in der Miene des Mannes wuchs.
Judith versuchte es anders: »Woher haben Sie diese Sammlung?«
Der Bibliothekar sah kurz zu Laura Perch. Was hatte die Archivarin der Polizei bereits erzählt? »Das ist ein Problem«, gab Kreuzer dann unumwunden zu. »Niemand weiß eigentlich, wann genau dieser Karton hier abgegeben wurde, geschweige denn, von wem. Er stand eines Montags vor ungefähr einem halben Jahr vor dem Liefereingang, hinten, unter dem Vordach an der Wand. Doch dort könnte er auch schon das Wochenende über gestanden haben, denn da ist niemand hier, und diese Tür wird nicht benutzt.«
»Hm. Den Tag wissen Sie aber noch genau?«
»Da muss ich nachsehen.« Kreuzer ging zu einem modern aussehenden Stahlschrank an er linken Wand seines Büros. »Hier liegt unser Inventarbuch drin.« Mit einem Dreh am Türgriff öffnete sich – ohne das geringste Quietschen – der rechte Flügel des Schrankes, und Kreuzer nahm einen dicken Band im Überformat heraus und legte ihn auf seinen Platz. Er blätterte ein wenig und drehte ihn dann in Judiths Richtung. »Hier. Da ist der Eintrag. 21. Juni 1993. Fundsache. Sammlung von Tagebüchern. 19./20. Jhd., Wert 500.- Deutsche Mark.«
Laura beugte sich mit vor und las die Angaben. So ähnlich sahen die Zugangsbücher in Archiven auch aus. In der ersten Spalte stand eine fortlaufende Nummer, sodass zu erkennen war, dass die Tagebücher als 243. Position dieses Jahres in die Bibliothek gekommen waren.
»Was hat es mit diesem Wert auf sich?«, fragte Judith. »Ist das viel oder wenig Geld für so eine Sammlung?«
»Weder noch«, antwortete Kreuzer. »Das ist bloß für die Haushaltsabteilung bei der Stadt. Die brauchen den jährlichen Vermögenszuwachs an Bibliotheksgut für die Bilanz. Bei Neubeschaffungen ist das kein Problem, da nimmt man einfach den Buchpreis. Aber bei Handschriften? Da habe ich umstandslos diesen Wert angesetzt. Was meinen Sie, Frau Perch? Trifft der einigermaßen zu?«
»Das ist so üblich«, bestätigte die und erklärte: »Um einen konkreten Wert für diese Art Dokumente zu beziffern, gibt es viel zu beachten. Letztlich hängt alles von einem Käufer ab. Ob es jemanden gibt, der bereit ist, dafür Geld auszugeben. In der Fachsprache sind das Selbstzeugnisse, also ganz subjektive Quellen. Wenn eine Berühmtheit die Tagebücher verfasst hat oder ein einziger Augenzeuge eines weltbewegenden Ereignisses seine Eindrücke geschildert hat, dann kannst du leicht tausende von Mark dafür verlangen. Es gibt spezialisierte Auktionshäuser für so etwas. Bei gewöhnlicher Massenware sinken die Preise natürlich auf nahezu Null. Kunden sind überwiegend Sammler oder Museen. Die gucken auch schon mal nach Äußerlichkeiten. Einer schönen Lederprägung oder einem Seideneinband.« Sie hielt inne und sah Judith an. Ihre Freundin hatte ihr eingeschärft, während des Gespräches nicht zu viel zu verraten. Deswegen ließ sie ihre Erläuterungen bezüglich der Festlegung von Versicherungswerten weg. »Bis ich alles durchgesehen habe und vielleicht einen spektakulären Fund mache, würde ich mich für die Sammlung im Umzugskarton der Schätzung von Herrn Kreuzer anschließen.«
»Könnten Sie mir eine Kopie dieser Seite machen?«, bat Judith den Bibliotheksleiter und schob ihm das Inventarbuch wieder zu.
»Kein Problem. Der große Kopierer steht hinten im Magazin, das können wir beim Rausgehen en passant erledigen.«
»Schön. Wieso entschieden Sie sich ausgerechnet jetzt, die Tagebücher bearbeiten zu lassen? Gibt es einen speziellen Grund?«
Man konnte Kreuzer deutlich ansehen, dass er mit der Frage nicht gerechnet hatte. Aber er antwortete mit einem leichten Lächeln in Lauras Richtung: »Na, eher gab es eine Gelegenheit. Wir planen einen Neubau für die Bibliothek. Oder besser den Umbau, drüben am ehemaligen Heizhaus. Da will ich vorher noch aufräumen, was eben geht. Und der Karton für Frau Perch gehörte zu den Sachen, die ich gerne erledigt haben wollte. Als sie mich hier wegen ihrer Recherchen besucht hat, habe ich einfach eine gute Möglichkeit gesehen und gefragt.«
»Wie viele Leute arbeiten insgesamt bei Ihnen in der Bibliothek?«, machte Judith weiter und zückte einen Stift.
