Stechpalmen - Ein Altmarkkrimi - Heike Schroll - E-Book

Stechpalmen - Ein Altmarkkrimi E-Book

Heike Schroll

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Beschreibung

Im nebeligen Drömling wird eine auffällig präsentierte Leiche entdeckt. Der Mann wurde offenbar hingerichtet. Judith Brunner ermittelt zum ersten Mal in der spektakulären Moorlandschaft, die sie sonst nur von Spaziergängen kennt. Kurz darauf werden in einem der Kanäle die sterblichen Überreste eines weiteren Toten gefunden und niemand kann an einen Zufall glauben. Mitten in die Ermittlungen platzt die Nachricht, dass ein Pferderipper in den Dörfern am Moor sein Unwesen treibt.

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Seitenzahl: 302

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Heike Schroll

Stechpalmen – Ein Altmarkkrimi

Judith Brunners neunter Fall

Kriminalroman

eBook

alto-Verlag Berlin

Die vorliegende Kriminalerzählung ist frei erfunden.

Jede Übereinstimmung von Personen und Örtlichkeiten wäre rein zufällig.

Besuchen Sie bitte auch den Autorenblog:

http://www.heikeschroll.com

Impressum

Schroll, Heike

»Stechpalmen – Ein Altmarkkrimi«

Judith Brunners neunter Fall

Kriminalroman

eBook-Version: (23.11) November 2023

Copyright © dieser Ausgabe by alto-Verlag Berlin

Copyright © 2023 by Heike Schroll

Umschlaggestaltung und Foto: Bernd Schroll

Alle Rechte vorbehalten

© alto-Verlag Berlin 2023

ISBN 13: 978-3-944468-17-4 (epub)

ISBN 10: 3-944468-17-1(epub)

Identische Taschenbuchausgabe:

alto-Verlag Berlin 2023

ISBN 13: 978-3-944468-16-7

ISBN 10: 3-944468-16-3

www.heikeschroll.com

www.alto-verlag.com

fon: +49.(0)30.654 977 32

fax: +49.(0)30.654 977 33

[email protected]

Altmark, Ende November 1993

Montag

~ 1 ~

Judith Brunner musterte den Fundort. In ihrer langen Karriere war ihr etwas Vergleichbares bisher nicht untergekommen: Ein Toter hing in einem Baum. Dichte Nebelschwaden verhüllten immer wieder den Blick auf den Körper. Der Dunst stieg von den Feldern des Drömling auf. Erste Sonnenstrahlen versuchten, die Landschaft zu verändern. Tautropfen schimmerten im herbstlichen, altgrünen Gras, dazwischen bildeten kleine, gespannte Spinnennetze silbrig glänzende Sonnensegel.

Ihr Chef hatte sie früh am Morgen angerufen und wegen eines Leichenfundes hierher geschickt. Von Waldau aus war es nicht weit nach Kunrau und sie hatte sich gleich von zuhause aus auf den Weg gemacht. November. Nebel. Ein Moor. Ein Schloss. Ein Toter. Judith lächelte angesichts der filmreifen Szenerie in sich hinein.

Die verzweigte, kräftige Eiche, auf der der Mann hing, stand einige Meter entfernt vom feuchten Wegrand und würde viele ihrer Blätter in wenigen Tagen verloren haben. Konzentriert suchte sie mit den Augen das unmittelbare Umfeld des Fundortes ab. Sie entdeckte keine verdächtigen Gegenstände oder Beschädigungen. Einen großen Bogen beschreibend und auf jeden Schritt im weichen, laubbedeckten Boden achtend, ging sie langsam auf den Baum zu. Den kaum befestigten Weg ließ sie absichtlich unberührt, um die Spurenlage nicht unnötig zu beeinträchtigen. Sie drehte sich kurz um. Hier verlief mehr oder weniger die Grenze vom Schlosspark zur freien Landschaft mit ihren Dammgräben und dem Grünland.

Das Kunrauer Schloss war jenseits der großen Wiese des Parks im Dunst kaum zu erahnen. Hinter ihr, an der Gabelung zur Fahrstraße, standen außer ihrem eigenen Auto der VW des betagten Zeugen und ein Streifenwagen hintereinander. Die uniformierten Kollegen hatten das Revier in Salzwedel über die Entdeckung eines Spaziergängers informiert, der hier über einen Toten gestolpert war. Wobei gestolpert angesichts der konkreten Fundsituation mit Sicherheit keine zutreffende Beschreibung gewesen war.

Judith hatte bei ihrem Eintreffen die Männer begrüßt, sich vorgestellt und um etwas Geduld gebeten. Sie wollte sich zuerst alles ansehen.

Das Tageslicht wurde langsam besser. Sie ging ein paar Schritte, verweilte dann am Rand der Krone und blickte nach schräg oben. Sie sah, dass der vollständig bekleidete Leichnam etwas verrenkt über dem nächst erreichbaren Ast hing; wenn man unter ihm stehen und nach oben greifen würde, könnte man den Mann an einem Bein berühren. Oder runterziehen. Was sie aus der kurzen Entfernung sah, genügte für den ersten Eindruck. Der Mann lag mit dem Bauch, kopfüber auf dem kräftigen Ast, gestützt von einem abzweigenden Trieb. Die Beine hingen herunter, ein Arm klemmte unter dem Rumpf. Seine Kleidung war blutig.

Judith betrachtete den Boden. Hohe Grasbüschel, dazwischen etwas braunes Laub. Ein großer dunkler Fleck, vielleicht Blut, ungefähr drei Meter neben dem Toten am Rand des beginnenden Feldes, wies auf eine mögliche Stelle für den tödlichen Angriff hin. Ein Unfall oder Suizid schieden bei dieser Fundsituation eher aus. Das Gras in der Nähe war plattgetreten, die Blätter verknüllt, als hätte hier jemand gelegen. Sie hob erneut den Blick. Warum der Mörder sein Opfer nach vollbrachter Tat wohl auf den Ast gehievt hatte? Als Versteck war der Baum kaum geeignet. Im Gegenteil; war gewollt, dass man den Toten schon von weitem sah? Dann hatte der Täter dem Zufall allerhand Raum gelassen. Um diese Jahreszeit mit früher Dunkelheit und häufigem Nebel reichte das Blickfeld oft nur zwei, drei Meter weit. Viele Wanderer oder Ausflügler kamen hier nicht mehr vorbei. Vielleicht Leute von der Naturparkverwaltung? Jäger?

So viel stand fest: Die öffentliche Zurschaustellung durch das Hinhängen des Toten bekundete nicht nur einen brutalen Mord, sie ließ ebenso auf eine gehörige Portion Arroganz des Mörders schließen.

~ 2 ~

»Danke, dass Sie auf mich gewartet haben, Herr Runkel.« Den Namen hatte Judith bei der kurzen Begrüßung nach ihrer Ankunft erfahren. »Könnten Sie mir bitte berichten, wie es zu Ihrer Entdeckung gekommen ist?«

Manfred Runkel zog die Hände aus den Taschen seiner ausgeweiteten braunen Cordhose und steckte sie gleich wieder rein. Dann fiel ihm auf, dass das unhöflich wirken könnte, er zog sie erneut heraus und knöpfte seine derbe Lederjacke auf. Und wieder zu. Er stellte sich breitbeinig auf und verschränkte die Arme vor der Brust. »Ja, kann ich«, überzeugte er sich mit ernstem Nicken selbst und beäugte die Kommissarin genauer. Sie sah schick aus, wie eine aus der Stadt, glänzendes braunes Haar, sichere Bewegungen. Schwanger. Auffallend sogar. Sie war kein junger Hüpfer. Mitte, Ende dreißig, schätzte er. In ihrem wachen Blick lagen Erfahrung, Routine und Aufmerksamkeit. Er war bereit zu glauben, dass diese Frau wusste, was sie tat.

Judith kramte Stift und Notizbüchlein aus ihrer Tasche und wartete. Als nichts erfolgte, zog sie auffordernd beide Brauen in die Höhe.

Das half. »Also ich ... Ich wohne in Kusey, das ist gleich hier, zwei Dörfer weiter«, deutete Runkel die Richtung mit einem Handwedeln über das weitläufige Gelände an. »Ich bin Frühaufsteher, immer schon morgens im Gange. Die Hühner, die Karnickel, da ist ständig was zu tun. Die Schafe sind seit letzter Woche zwar weg zum Schlachter und die Enten auch, aber es bleibt genug Arbeit. Na, und wenn es dann halbwegs hell geworden ist, fahre ich gerne hier raus und laufe umher. So wie heute.«

»Sie laufen einfach hier umher?« Pah! Das glaubte Judith ihm kein Stück. Nicht ein kleines bisschen. Männliche Altmärker, noch dazu mit mehreren Jahrzehnten Leben auf dem Buckel, die grundlos, allein der Muße wegen, durch die Gegend spazierten, gab es ihrer Erfahrung nach nicht. Inzwischen lebte sie hier lange genug, um ausreichend Vertreter der altmärkischen Männerwelt kennengelernt zu haben. Gut, ein, zwei Ausnahmen mochten darunter sein, aber irgendetwas steckte selbst bei denen immer hinter ihrem Tun. Oder ihrem Umherlaufen.

Runkel musterte sie kurz, sah ihre deutliche Skepsis und änderte seine Taktik. Er breitete die Arme aus und raunte ihr geheimnisvoll zu: »Das hier ist mein Revier. Und ich habe nur Glück, wenn ich morgens der Erste bin.«

»Sie sind Jäger?«

»Ach was! Pilze, Frau Kommissarin. Ich sammele Pilze. Und heute war ich auf dem Weg zu meinen Rotkappen.«

Solch eine drängende Unternehmungslust kannte Judith von Walter. Wenn seine geliebte Krause Glucke wuchs, verschwand auch er im Morgengrauen, um sie an Orten, die ein streng gehütetes Geheimnis waren, zu ernten. Und es musste schon eine mittlere Katastrophe passieren, um ihn davon abzubringen. Als Nutznießerin dieser Ausflüge – eine Krause-Glucken-Suppe mit frischer Petersilie war unübertroffen lecker – fand sie keinen Grund zur Klage. Sie selbst hatte ausgesprochen wenig Ahnung von Pilzen und verließ sich da vollkommen auf ihren Liebsten, der bei den oftmals gemeinsam stattfindenden Pilzspaziergängen ihre Entdeckungen entweder amüsiert als ungenießbar bis tödlich kommentierte und achtlos fallen ließ oder mit strahlendem Gesicht in seinen Korb legte.

»Bei Pilzen ist es ja so – den allergrößten Teil sieht man nicht, der ist nämlich unter der Erde«, begann Runkel, einen Crashkurs in Pilzkunde einzuleiten, den Judith allerdings höflich unterband. »Das ist gewiss richtig, doch verstehen Sie bitte, dass wir uns auf die tragischen Geschehnisse des heutigen Morgens konzentrieren müssen.«

Runkel brummte seine Zustimmung.

»Wann genau sind Sie denn hier eingetroffen?«

»Nach dem Füttern bin ich los ... Kurz vor acht ist Sonnenaufgang ... Na ja, ich werde gegen viertel Neun hier gewesen sein. Ist mit dem Auto ja nur ein Katzensprung«, deutete er auf seinen VW.

»Da war es also noch nicht richtig hell. Und den Toten haben Sie gleich entdeckt?« Suchten Pilzsammler nicht eher aufmerksam den Boden ab, statt ihren Blick nach oben in die Bäume zu richten?

»Ein Schwarm Krähen flog kreischend auf, als ich näherkam. Da hab ich unwillkürlich hingesehen. Und da hing er dann.«

Na, da hatten sich die Aasfresser aber rasch versammelt, staunte Judith. Waren die tatsächlich so schnell vor Ort? »Haben Sie den Mann erkannt?«

»Was? Nein!« Als wäre das außerhalb jeden Vorstellungsvermögens. »Das hätte ich Ihnen doch gleich gesagt!«

»Da haben Sie sicher Recht. Es tut mir leid. Sie kennen den Toten also nicht? In diesem, hm, Zustand sehen die Leute meistens etwas anders aus als ... normalerweise. Haben Sie genau hingesehen? Überlegen Sie bitte nochmal.«

»Nein«, kam es, ohne nachzudenken. »Sagte ich doch gerade. Nie gesehen den Mann. Ich bin nah an ihn dran gegangen.«

Das war eindeutig. »Ist Ihnen jemand begegnet, als Sie herkamen?«

»Um diese Zeit? Da trifft man keinen.« Runkel überlegte. »Sicher, überall im Dorf sind die Leute in den Ställen beschäftigt oder längst zur Arbeit los, da seh ich immer dieselben«, widersprach er sich, bevor er klarstellte: »Aber hier draußen? Nee, da hab ich niemanden gesehen. Nur den Toten. Bin losgelaufen. Den ersten Menschen habe ich vorne in der Treckerwerkstatt im Dorf getroffen. Von da hab ich dann angerufen und bin wieder zurück und habe auf die Polizei gewartet.«

»Das haben Sie vollkommen richtig gemacht. Sie sind regelmäßig hier unterwegs?«, vermutete Judith.

»Ja, stimmt.«

»Und in letzter Zeit? In den vergangenen paar Tagen? Ist Ihnen da etwas aufgefallen?«

»Nix. Tut mir leid.«

Mehr war aus dem Mann wohl erst einmal nicht herauszubekommen. »Danke. Warten Sie bitte auf meine Kollegen von der Spurensicherung, damit wir Ihre Sohlenabdrücke und die von den Reifen Ihres Wagens abnehmen können. Das brauchen wir für Vergleichszwecke. Dann können Sie nachhause fahren. Ihre Adresse haben Sie den Polizisten gegeben?«

Ein Nicken.

»Gut. Wir melden uns, falls nötig. Und wenn Ihnen doch noch eine Begegnung oder etwas Außergewöhnliches einfallen sollte, rufen Sie bitte an.« Sie drückte Runkel einen Zettel, den sie kurzerhand aus ihrem Notizheftchen riss, mit der Nummer des Reviers und ihrem Namen in die Hand.

Der starrte das Stückchen Papier an, als wäre es ein wichtiges amtliches Dokument, steckte es dann aber gedankenverloren in die rechte Jackentasche.

Judith sah dem davon stapfenden Mann nach, bis er neben seinem Auto stehen blieb. Dann ließ sie den Blick über die still daliegenden Drömlingswiesen mit den typischen langen Pappelreihen und Birken auf den Dämmen, die vor hunderten Jahren entlang der Entwässerungsgräben gepflanzt worden waren, schweifen. Im Osten hatte die Sonne beschlossen, ihren Kampf gegen den Morgennebel aufzunehmen. Durch den schimmernden Dunst war hin und wieder eine goldene Scheibe zu erkennen, die in diesen Momenten ein märchenhaftes Licht verbreitete, das sich über alles legte. Was für eine Landschaft!

~ 3 ~

Das vielfache Klappen von Autotüren vorne am Fahrweg verkündete die Ankunft der erwarteten Unterstützung: Kriminaltechnik und Bereitschaftspolizei. Die Rechtsmedizin und die Staatsanwaltschaft würden hingegen eine halbe Stunde mehr brauchen, um hierherzukommen, denn von Magdeburg und Stendal aus hatten sie den weitesten Weg zurückzulegen. Kein Problem, es gab genug zu tun.

Judith ging den Kollegen entgegen und verständigte sich mit dem Vorgesetzten der uniformierten Truppe über den Einsatz seiner Männer, die nötigen Absperrungen und die Durchsuchung des weitläufigen Geländes.

Währenddessen lud Jurik Bellheim, beim Salzwedeler Revier für die Spurensicherung zuständig und enger Kollege von Judith, seinen Kram aus dem Wagen aus. Er winkte ihr kurz zur Begrüßung zu. Sie ging zu ihm und klärte ihn über Manfred Runkel auf.

»Ich schicke gleich jemandem zu ihm«, versicherte Jurik ihr. »Das kann der Neue machen. Dann kann er was lernen. Unser Chef war übrigens großzügig. KMN hat mir drei Männer mitgegeben.«

Knut Müller-Nordergreen, kurz KMN genannt, legte großen Wert auf anständige Arbeitsbedingungen für seine Leute.

Jurik blickte prüfend zum Boden. »An Reifenspuren wird es uns offenbar nicht mangeln.«

Vom Ende der Fahrzeugschlange her näherte sich Christian Letzien, stellvertretender Leiter des Fachkommissariats 1, der für Schwerverbrechen in dieser Gegend zuständigen Einheit, aus Stendal.

Judith lief ihm entgegen. »Guten Morgen. Da hast du aber alle Geschwindigkeitsrekorde gebrochen, um jetzt schon da zu sein!«, staunte sie.

»Bin die meiste Zeit mit Blaulicht gefahren«, zwinkerte er ihr zu. »Wie geht es euch?«, deutete er auf ihren Babybauch, der unter einem dicken, warmen dunkelvioletten Wollpullover mit Zopfmuster geborgen war. Dazu trug Judith schwarze Jeans und halbhohe Lederstiefel, hatte sich mollig in einen goldfarbenen Kaschmirschal eingewickelt und fühlte sich schick und zugleich praktisch angezogen.

»Alles bestens«, legte sich ein beseeltes Lächeln auf ihr Gesicht. »Das Baby wird einmal ein Sportler werden, so wie es laufen und boxen trainiert. Manchmal übertreibt es ein wenig, aber Walter meint, gute Eishockeyspieler kann man immer gebrauchen.«

Letzien grinste. »Recht hat er. Sag Bescheid, wenn es dir zu viel wird«, schloss er ernst.

»Mach ich«, versprach Judith, denn sie wusste seine Sorge zu schätzen. Immerhin war sie inzwischen im siebten Monat und falls das Baby sich entschloss, vorzeitig und an ungeeignetem Ort auf die Welt zu kommen, zählte jede Unterstützung, die sie kriegen konnte. Dieses Versprechen hatte Walter ihr abgenommen – stets auf sich zu achten und alle Zeichen ihres Körpers ernst zu nehmen. Er war ernsthaft besorgt, dass ihr oder dem Baby etwas passieren könnte, was er ihr in der dunklen Geborgenheit ihres Schlafzimmers schon vor etlichen Wochen gestanden hatte. Ihr ging es nicht anders und sie würde bestimmt kein unnötiges Risiko eingehen. Aber schwerer als all diese Sorgen wog das unendliche Glück dieser Schwangerschaft, es überstrahlte alle Ängste und ließ ihr und Walter ungeahnte Kräfte zuwachsen. Sie würden es schaffen, gesund und ohne Probleme, daran zweifelte sie nie. »Kann sein, dass ich mich immer mal kurz hinsetzen muss. Dazu gehe ich am besten ins Auto.«

»Super. Dann legen wir mal los.« Sie liefen hintereinander Richtung Fundort, doch im Moment hatte die Spurensicherung unmittelbar dort mit ihrer Arbeit begonnen und sie konnten nicht allzudicht ran. Letzien sah sich um. Die Kollegen in Uniform begannen, die Absperrung anzubringen und die Wege und die Grabenränder abzulaufen. Ob sie noch tiefer ins Gelände würden vorstoßen müssen, hing von dem Ergebnis ihrer Suche ab.

»Wie sind Täter und Opfer hergekommen?« Ein abgestelltes Auto war in der näheren Umgebung nicht zu sehen. »Gemeinsam in einem Fahrzeug? Und der Killer ist dann damit nach vollbrachter Tat wieder weggefahren«, spekulierte Letzien. Der Hauptweg führte, vom Schloss kommend, am Schlosspark vorbei zur Kolonie, wie die kleine Siedlung im Drömling hieß. Er war unkompliziert befahrbar. Anfangs säumten ihn rechter Hand einige Gartengrundstücke. Die Abzweigung, die zu der Eiche mit dem Leichnam führte, war breit und fest genug für Fahrzeuge und bot sogar eine geeignete Gelegenheit zum Wenden. »Wollen wir die Hunde einsetzen? Dann erfahren wir eventuell, woher der Tote kam.«

Judith nickte. »Ist einen Versuch wert.«

Letzien lief los, um vom nächsten Streifenwagen aus per Funk die Hundeführer anzufordern. Er drehte sich kurz darauf zu Judith um und streckte den Daumen in die Luft.

»Wir sind mit den Fotos und dem Boden fertig. Jetzt könnte man ihn runternehmen«, kam es von Jurik Bellheim im Vorbeigehen, der eine Sammlung von Proben zu seinem Auto trug.

»Ich würde damit gerne warten, bis Dr. Martens hier ist. Sie sollte da einen genauen Blick drauf werfen. Womöglich ist es wichtig, dass sie diese Präsentation des Leichnams gesehen hat, wenn sie ihre Untersuchungsergebnisse für uns interpretiert.«

»Kein Problem, dann kümmern wir uns schon mal um die Strecke bis zum Zufahrtsweg.«

»Danke.«

»Weißt du, wann Anton kommen wird?«, fragte sie Letzien, als der wieder in Hörweite war. »Dann würde ich auf ihn ebenfalls warten wollen.«

Anton Sello, Chef des Fachkommissariats 1, legte großen Wert darauf, Tatorte von Gewaltverbrechen persönlich in Augenschein zu nehmen, nicht nur, um die Situation umfassend einschätzen zu können, sondern vorrangig, um dafür zu sorgen, dass seine Mitarbeiter alles bekamen, was sie für eine erfolgreiche Ermittlung benötigen würden.

»Diesmal wird daraus nichts. Er ist die ganze Woche zu einem Führungskräftetraining beim LKA abkommandiert«, grinste Letzien in Erinnerung an die deftigen Flüche, die sein Chef beim Lesen der Einladung zu diesem Lehrgang von sich gegeben hatte. Quatsch, überflüssig und Blödsinn waren da die zahmsten Worte, die gefallen waren. »Er muss sogar kaserniert in Magdeburg übernachten, was ihn gewaltig anstinkt. Das soll den Zusammenhalt der Häuptlinge fördern.«

»Das gemeinsame Übernachten?«

»Na ja, ich denke nicht, dass man zwischen den Herren in den oberen Diensträngen irgendwelche romantische Beziehungen fördern möchte, sondern eher verhindern will, dass am Nachmittag nach Lehrgangsschluss alle schnurstracks nachhause fahren. Die Chefs sollen eben Zeit miteinander verbringen.« Jetzt zog Letzien ein Gesicht, als hätte er gewaltige Zahnschmerzen. »Chef sein ist nicht immer angenehm. Na ja, wir haben verabredet, jeden Abend zu telefonieren. Ich halte ihn auf dem Laufenden. Und das hier« – er griff in die Innentasche seines Jacketts und holte eine kleine flache Schachtel heraus – »soll ich dir mit besten Grüßen von ihm überreichen.«

Judith nahm das unscheinbare Pappkästchen in die Hand und hob vorsichtig den Deckel ab. Visitenkarten?! Judith Brunner. Kriminalhauptkommissarin. Die Kontaktdaten, sogar mit eigener E-Mail-Adresse. Diese Beförderung kam total unerwartet; ihr Herz schlug voller Freude.

»Er hat festgelegt, dass du diese Ermittlungen selbständig leitest.«

~ 4 ~

Dr. Elinor Martens zog die Blicke aller Umstehenden unbeabsichtigt auf sich, als sie nicht aus einem der Dienstwagen der Rechtsmedizin, stattdessen aus einem Geländewagen, einer dreitürigen G-Klasse in dunklem Metallicgrün, stieg. Nicht nur ihr Auto war ein Hingucker, sondern auch die Fahrerin. Selbst der farbverschmierte Overall und die Gummistiefel konnten ihre sinnliche Ausstrahlung nicht verhindern.

Auch Christian war nicht immun dagegen, wie Judith bei einem beiläufigen Seitenblick auf das Gesicht ihres Kollegen amüsiert feststellen musste. »Hallo, Dr. Martens«, grüßte er mit seinem charmantesten Lächeln.

»Hallo zusammen. Entschuldigen Sie mein spätes Erscheinen, Judith, aber schneller bin ich heute Morgen nicht in die Gänge gekommen. Ich war bis weit nach Mitternacht auf einer Vernissage und gerade erst aufgestanden, als mich der Anruf Ihres Reviers erreichte.«

»Eine Vernissage! Erklärt das eventuell Ihr extravagantes Outfit?«, neckte Judith. Sie hatte KMN gebeten, Elinor anzufordern.

»Gut erkannt! Der Künstler, ein alter Freund von mir, bestand auf solche Art Schutzkleidung, denn er schüttet seine Farben eimerweise aus verschiedenen Höhen auf den Malgrund. Er klettert normalerweise auf Stühle oder Leitern, diesmal war es ein Baugerüst. Das spritzte gehörig und ergab eine sowohl gewollte als auch mächtig unterhaltsame Sauerei. Ich stellte mich in die Nähe der Leinwand und sah kurz darauf genauso bunt aus, wie sein erschaffenes Kunstwerk.« Sie breitete die Arme aus und drehte sich wie ein professionelles Model im Kreis.

»Wirklich ein gelungenes Werk«, lobte Judith grienend und ging der durch den Overall gestützten Vermutung, dass Elinor die Nacht bei diesem alten Freund verbracht hatte, nicht weiter auf den Grund. Wie hatte KMN sie dort erreicht? Wusste er mehr, als man dachte? »Alles in Ordnung. Bellheim hat sicher etwas zum Überziehen für Sie dabei, damit Ihr Sekundär-Kunstwerk keinen Schaden nimmt, und mit den Gummistiefeln sind Sie doch äußerst perfekt angezogen ... Da lang geht’s«, wies sie kurze Zeit später die Richtung, nachdem Elinor sich hinter einem Wagen einen Schutzanzug der Spurensicherung übergezogen hatte, inklusive der üblichen Einmalhandschuhe.

Von fern her waren Kraniche beim Morgengesang zu hören.

Im Näherkommen musterte Dr. Martens die Fundsituation an dem Baum und verharrte einige Momente. »Meine Leute müssten jeden Augenblick ankommen, dann habe ich die komplette Ausrüstung zur Hand und kann mit einer ersten Untersuchung loslegen. Aber ansehen darf ich mir die Leiche ja schon mal, oder?«

»Bellheim hat bereits alles unter dem Baum freigegeben. Wir können rangehen.«

Letzien belauschte das Gespräch und folgte den beiden Frauen schweigend. Er spürte, wie er sich auf die nächsten Tage freute, weil er mit ihnen zusammenarbeiten durfte. Nichts gegen Anton Sello und ihr Kommissariat für die Schwerverbrechen, aber diese quasi dörflich pittoresken Ermittlungen mit Judith Brunner hatten stets was Besonderes. Dass sie nun wieder selbstständig als Ermittlungsführerin arbeiten durfte, war höchste Zeit geworden. Eine fähigere und angenehmere Kollegin würde er nirgends sonst im Polizeiuniversum finden. Er wusste, wie beharrlich Sello, für den Judiths Status aufBewährung als ehemalige DDR-Mordermittlerin nie eine praktische Rolle spielte, sich beim LKA für sie eingesetzt hatte. Und das überraschte und zugleich erfreute Aufleuchten ihrer Augen, als er ihr die Visitenkarten und den Ermittlungsauftrag überbrachte, hatte er voller Zufriedenheit zur Kenntnis genommen. Also, dann ans Werk!

»Scharfe Gewalt, das steht fest«, sagte Dr. Martens nach einem kurzen Blick zum Hals der Leiche. »Der Einstich ist deutlich zu sehen. Freiliegend. Glatte Wundränder. Zweischneidiges Heft. Ein Messer vermutlich. Hat wahrscheinlich die Aorta durchtrennt und der Mann ist dann recht schnell verblutet.« Sie blickte vielsagend zu dem dunklen Fleck der versickerten Blutlache auf dem Boden in der Nähe des Baumes.

»Also eindeutig ein Mord?«, hakte Judith nach.

»Da will ich mich noch nicht festlegen, obwohl alles danach aussieht«, blieb Elinor zurückhaltend.

Letzien war überrascht. »Wieso? Was ist denn? Er wird doch wohl kaum alleine da hochgeklettert sein!«, deutete er auf den Mann.

»Eher nicht. Haben Sie trotzdem etwas Geduld. Es gibt in der Fachliteratur zahlreiche Berichte, was Leute mit schweren Stichverletzungen im Rumpf oder am Kopf alles noch so bewerkstelligten. Tödliche Stichwunden müssen mit ziemlicher Wucht zugefügt werden, das unterschätzt manch einer. Selbst nach schwersten Verletzungen, wie zum Beispiel einem Herzstich, ist unter Umständen eine Zeit lang Handlungsfähigkeit möglich. Das sieht man bei Suiziden schon hin und wieder. Dann ist zumeist die Einstichstelle entblößt und die Kleidung unversehrt.« Sie deutete auf den Toten. »Wie hier.«

Skeptisch besah Letzien weiterhin den Leichnam. Die Herzgegend war nicht zu sehen. Ein Selbstmord mittels Halsstich? Und dann die Kraxelei auf den Baum?

Elinor half ihm. »Unter uns: Mit so einer Stichverletzung im Hals lebt man nicht mehr lange. Höchstens wenige Minuten. Und man wird zunehmend schwächer und verliert das Bewusstsein. Also denke ich im vorliegenden Fall nicht, dass der Mann allein auf den Baum geklettert ist und sich so hingelegt hat. Aber ein abschließendes Urteil dazu werde ich erst abgeben, wenn ich ihn auf dem Tisch hatte. Heute Abend habe ich schon mehr für Sie, versprochen.«

»Chefin, wir sind da!«, rief einer von Dr. Martens Assistenten aus der Rechtsmedizin ihr vom Weg aus zu. »Guten Morgen!«

»Prima. Schön, euch zu sehen. Ich hole nur rasch mein Zeug aus dem Wagen. Wenn ihr den Körper inzwischen runternehmen würdet? Die Spusi hat sicher eine Leiter mitgebracht.«

Zwei junge Männer, die dem zurzeit allseits beliebten Look von Leinenschuhen, T-Shirt, Denimhose und -jacke frönten, verschlossen ihre Schutzkleidung und wandten sich der Bergung des Toten zu, Letzien half mit, und wenig später hatten sie den Leichnam auf eine Transportliege am Boden gelegt.

Man konnte deutlich sehen, dass er Verletzungen im Gesicht hatte, die nach einer Prügelei aussahen. Dann der blutige Hals, aber saubere Hände. Die blutfleckige Kleidung saß korrekt: offen stehende, teuer aussehende Lederjacke mit aufwändig gesteppten Details, darunter ein zugeknöpftes Hemd, Cordhosen, Halbstiefel aus Leder.

Dr. Martens hockte sich neben die Liege und stellte ihre Arzttasche rechts von sich ab.

»Sieh bitte gleich mal nach, ob in seiner Jacke oder in der Hose eine Brieftasche steckt. Wir müssen den Toten rasch identifizieren«, bat Judith. Wie es aussah, war es dem Täter ja vollkommen egal, oder es lag ihm sogar daran, dass sein Opfer gefunden würde. Warum sollte er eine Identifizierung erschweren?

Doch diese Hoffnung auf eine einfache Lösung erfüllte sich nicht. »Kein Zeug in den Taschen. Alles leer«, informierte Elinor nach kurzer Durchsuchung. »Er hat nichts bei sich.«

Judith sah sich um. Tja, falls der Mörder sich der Tatwaffe oder anderer belastender Beweise entledigen wollte, boten die langen Entwässerungsgräben eine bestens geeignete Möglichkeit. Wie sollten sie hier ein Messer und die persönlichen Gegenstände des Opfers finden?

»Ein schlankwüchsiger Mann, um die vierzig Jahre alt, vollständig bekleidet mit einer schweren Verletzung am Hals«, begann Elinor ihre Untersuchungsergebnisse für alle hörbar zu verkünden. »Kragen und Hemd flächenhaft beblutet.« Sie knöpfte behutsam das Hemd des Toten auf. »Keine weitere Stichwunde in der Brust ...« – sie winkte einem ihrer Assistenten und bedeutete ihm, den Leichnam auf die Seite zu drehen – »... und keine im Rücken. Allerdings finden sich Hämatome am Rumpf und im Gesicht«, sie schob die Manschetten von Jacke und Hemd hoch, »Fesselspuren an den Handgelenken. Beim Opfer sind keinerlei Abwehrspuren an den Händen oder Unterarmen erkennbar.« Sie drückte an ein paar Gelenken herum, suchte nach Totenflecken und sagte: »Todeszeitpunkt: Etwa vor zehn, zwölf Stunden. Der Mann wurde verprügelt, ohne sich wehren zu können, und ihm dann in aufrechter Position die tödliche Wunde zugefügt.« Sie deutete auf den Fleck am Feldrand. »Leichenflecken sind kaum vorhanden. Das bedeutet, dass er vor dem Hochwuchten auf den Ast bereits viel Blut verloren hatte, dort oben weiter ausblutete. Also, Todesursache: Verbluten. Das ist meine vorläufige Meinung. Wie gesagt, offiziell habt ihr den Bericht heute Abend. Packt ein«, wies sie dann ihre beiden Helfer an. »Wir nehmen ihn mit.«

Verprügelt. Wehrlos. Abgestochen. Ausgeblutet. Judith überlief es eiskalt den Rücken. Das hier war keine aus dem Ruder gelaufene Prügelei. Der Mann war mit Vorsatz brutal hingerichtet worden.

~ 5 ~

»Mannomann.« Letzien wischte sich mehrfach kräftig durch die Haare. »Was kommt da auf uns zu?«

Judith wusste, dass Christian zu derselben verstörenden Schlussfolgerung wie sie gekommen war. Sie sah auf die Uhr. Gleich zehn. Demnach war der Mann ungefähr Mitternacht umgebracht worden. Um die Zeit war es hier stockfinster, überlegte sie. Wer ging da schon ins Moor? Doch wohl nur jemand, der sich im Gelände auskannte. Auf jeden Fall jemand, der eine einsame Stelle brauchte, ohne zufällige Zuschauer oder Passanten. Das passte zu ihrer Tathypothese. Aber dann diese Verhöhnung? Hingehängt auf einen Baum? Zur Schau gestellt?

Letzien schwieg vor sich hin.

»Jurik«, rief Judith den Kollegen herbei. »Würdest du mir bitte mit deiner Sofortbildkamera Fotos von dem Mann machen? So, dass man ihn einigermaßen erkennen kann? Dann hätten wir was zum Rumzeigen bei unseren Befragungen.« Das Gesicht des Toten sah weitgehend sauber aus.

»Klar.« Bellheim hockte sich hin und holte den Apparat aus seinem Rucksack. Begeistert verkündete er: »Ich habe hier das Neueste, was es zu kaufen gibt: Eine Polaroid mit dem Captiva/500er Film.« Er lud die Kamera mit einem kleinen Stapel der speziellen lichtempfindlichen Papierblätter und begann mit dem Fotografieren. Sicher, das ersetzte nicht die professionellen und scharfen Fotos, die von der Leiche für die polizeilichen und forensischen Dokumentationen gemacht werden müssten, aber für Zwecke der vorläufigen Identifizierung war es hilfreich, überhaupt etwas in der Hand zu haben. Jurik wedelte mit der Aufnahme und nach ein paar Sekunden erschien das farbige Bild. »Hier«, übergab er Judith ein Polaroid. »Genügt das erstmal in dieser Qualität?«

»Auf jeden Fall. Mach bitte noch zwei, drei Aufnahmen von der unverletzten Seite«, bat sie.

Einige Minuten später war das erledigt und sie verstaute die Bilder in einer Mappe in ihrer Umhängetasche.

»Hierher!«, meldete sich kurz darauf laut rufend einer der Leute, die das Gelände absuchten. Er stand ein Stück entfernt am Rande eines der Entwässerungsgräben und hob den Arm. »Ich hab was!«

Bellheim rannte zu ihm. »Eine Mütze«, rief er Judith von Weitem zu. Dann ging er in die Knie und rutschte den kleinen Hang zum Wasser hinab, um das Fundstück zu bergen. Als er wieder auftauchte, hatte er etwas Schwarzes in der Hand, das er, so nass wie es war, in einen Beweismittelbeutel stopfte. »Das ist eher eine Motorradhaube«, informierte er Judith und Letzien und hielt ihnen den Beutel hin.

Judith sah nur einen feuchten Wollklumpen. »Na, das ist doch schon mal was. Aber ich fürchte, ihr müsst euch diesen Graben nun unbedingt etwas näher ansehen. Wer weiß, vielleicht wurde da noch mehr entsorgt. Eine Tatwaffe, die Brieftasche des Opfers, sein Schlüsselbund ... Wie tief mögen die Gräben sein? Ihr werdet in jedem Falle nass werden.«

»Da macht euch sich mal keine Gedanken, das bekommen wir schon hin«, blieb Jurik optimistisch. »Ich muss nur die entsprechende Ausrüstung verteilen. Für eine Suche in dieser Umgebung habe ich alles dabei. Dauert nicht lange, dann können wir loslegen.«

Wie aus dem Nichts kreischten lauthals etliche Krähen und flogen von den umliegenden Bäumen auf. Krächzend und zeternd umrundeten die Vögel die Geschäftigkeit am Boden. Judith sah sich um. Was war denn los? Gerade wurde der Leichnam in das Fahrzeug der Rechtsmedizin gehoben. Protestierten die Vögel tatsächlich dagegen, dass ihnen ihr Festmahl weggenommen wurde? Wie zum Beweis ihres Anspruchs auf das tote Lebewesen ließen sich mehr und mehr Krähen auf der Mordeiche nieder.

Judith schüttelte sich kaum merklich.

Letzien riss sie aus der surrealen Szenerie. »Der Tote war ein großgewachsener Mann. Dem in den Hals zu stechen – da muss man selber ziemlich groß sein«, machte er den Täter mit ersten Überlegungen greifbar.

»Man könnte es aber auch mit einem sitzenden oder knienden Mann zu tun haben«, warf Judith zurecht ein. Sie versuchte immer noch, das von der Gerichtsmedizinerin entworfene Geschehen mit dem vorgefundenen Szenario abzugleichen. »Gefesselt und fixiert, bis er fast ausgeblutet war.«

Letzien ließ sich nicht beirren. »Aber in Kombination mit dem Hängen über einen Ast? Ich behaupte, wir haben es mit einem großen, kräftigen Mann zu tun.«

Judith schüttelte den Kopf. »Oh nein, ich glaube, wir suchen mindestens zwei Männer.«

~ 6 ~

Die Naturparkverwaltung hatte ihr Domizil in Kämkerhorst in einem betagten, kleinen Haus aufgeschlagen, das schon bessere Zeiten gesehen hatte. Neuer Putz hier und da, eine glänzende Regenrinne und ausgewechselte Dachziegel zeugten vom Willen nach beständiger Reparatur. Das Gebäude lag einsam am Ufer der Ohre, dem Flüsschen, das die Altmark von Westen kommend durchfloss. Die Herfahrt aus Kunrau war mit einigen Umwegen verbunden, doch letztlich führte sie ein rumpeliger Plattenweg zu ihrem Ziel. Auf dem schmalen Parkplatz standen lediglich zwei Autos, sodass Letzien bequem daneben einparken konnte.

Auf ihr lautes Klopfen an der Haustür hin passierte erst einmal gar nichts. Judith legte die Hände an die Schläfen und versuchte, durch die Fensterscheibe rechts vom Eingang ins Innere zu spähen. Ein Büroraum, vollgekramt, niemand im Haus zu sehen.

»Von den Chefs ist heute nur einer da«, verkündete ein um die Ecke biegender magerer Teenager in Arbeitskluft. Er schwenkte eine nagelneue Forke durch die Luft und musterte sie interessiert. Sein Overall war viel zu groß, die Schirmmütze trug er falsch herum.

Offenbar sah der Junge ihnen ihre offizielle Mission mühelos an, schmunzelte Judith innerlich. Sie war sich einer Gefahr, die von dem Gartengerät ausgehen konnte, gar nicht bewusst. Nicht so Letzien, der gerne den strengen Ordnungshüter raushängen ließ. Stechender Blick, ausholende, feste Schritte, bezwingende Körpersprache. Und schon hatte er sich schützend vor ihr aufgebaut, was natürlich vollkommen überflüssig war. Sie drehte sich um und deutete auf die geschlossene Eingangstür. »Wo können wir den einen Chef denn finden?« Sie staunte ein wenig, dass es mehrere geben sollte, denn dass einer Naturparkverwaltung so üppig leitendes Personal zugestanden wurde, verblüffte sie.

Die Tür wurde aufgestoßen. »Jürgen, kümmere dich um deine Arbeit! Du wirst ganz sicher erwartet«, kam es unmissverständlich aus dem Mund eines großen, beleibten Mannes, der einen Schritt aus dem Haus hinaustrat. »Schließlich willst du auf deinem Praktikumsschein etwas anderes als schwatzhaft und neugierig zu stehen haben.«

»Schon gut«, maulte der Junge schicksalsergeben und schlurfte lässig davon.

Erst jetzt wandte sich der Riese den Besuchern zu. »Entschuldigen Sie bitte, dass Sie warten mussten, aber ich hatte oben unterm Dach zu tun und kam die schmale Treppe nicht so schnell runter. Thorsten Barklei. Ich habe hier den Hut auf, was bedeutet, dass ich mich auch um den jungen Mann da kümmern muss.« Er grinste. »Eigentlich ist er ganz brauchbar. Zum Feierabend werde ich ihm das mal sagen. Aber deswegen sind Sie nicht gekommen. Wie kann ich Ihnen helfen?« Er hatte ebenso erkannt, dass hier keine unternehmungslustigen Vogelfreunde auf der Suche nach einer Sperbergrasmücke vor seiner Tür standen.

»Wir kommen vom Polizeirevier in Salzwedel und untersuchen ein Gewaltverbrechen«, kam Judith gleich bei ihrer Vorstellung zur Sache.

»Ein Gewaltverbrechen? Hier? Nanu. Ich habe gar nichts gehört.«

»Können wir das drinnen weiter besprechen?«, fragte Judith den Mann, der erstaunlich gelassen blieb.

»Klar, hereinspaziert«, sagte er, ohne den Weg frei zu machen. »Sehen Sie uns bitte die Unordnung nach, aber wir sind immer noch nicht mit allen Umbauten fertig. Wir nutzen das Haus erst seit ein paar Jahren. 1990 wurde der Teil des Drömling, der bei uns in Sachsen-Anhalt liegt, als Naturpark ausgewiesen. Und seit 1991 haben wir den Zweckverband Naturschutzprojekt Drömling und konnten schon einige Eigentumsflächen erwerben. Es geht zwar nur langsam voran, aber immerhin geht es voran.« Er zeigte mit seinem Daumen hinein. »Da war ganz früher die alte Grabenmeisterei untergebracht, eine von vieren im Drömling. Noch bis in die Nachkriegszeit hat hier ein Grabenmeister für die Unterhaltungsarbeiten an den Anlagen gesorgt. Zuletzt war es eine Ferienunterkunft und da können Sie sich ja denken, dass wir alle Hände voll zu tun haben, ein modernes Informationszentrum draus zu machen.«

Endlich ließ Barklei sie ein und er führte sie in das Büro, das Judith durch die Fensterscheiben gesehen hatte. Rasch räumte er zwei ungepolsterte Hocker frei, auf denen verschieden große Pappkartons standen. »Wir können uns hierhin setzen«, wandte er sich an Letzien, »und Sie nehmen bitte meinen Stuhl«, bot er dann Judith galant seinen deutlich bequemeren Bürosessel an.

Judith freute sich über die rücksichtsvolle Geste und alle nahmen Platz.

»Heute Morgen wurde in Kunrau, am Rande des Schlossparks, die Leiche eines Mannes gefunden. Er wurde ermordet. Wir suchen mögliche Zeugen und nach Hinweisen auf die Tatumstände.« Die ungewöhnliche Fundsituation ließ Judith aus. »Die Rechtsmedizinerin schätzt die Todeszeit auf gestern am späten Abend, gegen Mitternacht. Fällt Ihnen dazu etwas ein?«

Verdutzt sah der kräftige Mann sie an. »Was soll mir da einfallen? Ein Mord? Du meine Güte!« Und nach einer kleinen Pause bemerkte er: »Und Kunrau ist, na ja, am anderen Ende, irgendwie. Dort bin ich nicht jeden Tag im Gange.«

Das leuchtete Judith ein. »Würden Sie sich eventuell ein Foto ansehen? Vielleicht erkennen Sie ja den Mann?«

»Ist er da tot? Ich meine, auf dem Foto?«

»Ja.«

Barklei malmte kurz mit den Zähnen. »Zeigen Sie schon her!« Er wollte es hinter sich bringen.

Judith holte eins der Polaroids hervor.

Dann, nach einem prüfenden Blick, sagte Barklei: »Nee. Nie gesehen. Ist der überhaupt von hier?«

»Das wissen wir nicht. Seine Identität ist bisher unbekannt ... Können Sie uns sagen, ob es gestern etwas Besonderes hier in der Gegend gab? Eine Veranstaltung? Ein Fest? Sowas in der Art.«

»Am Sonntagabend? Hier? Sie machen mir Spaß! Da gucken alle fern oder liegen in ihren Betten. Ich meine, es ist Ende November. Da ist es früh stockdunkel.«

Letzien mischte sich ein. »Na, ganz so hinterwäldlerisch geht es aber hier nicht zu! Ich weiß von Lesungen und Konzerten im Schloss Kunrau. Oder neulich erst fand in der Kirche von Kusey ein Liederabend statt. Sie selbst, als Naturpark, bieten Führungen an, Vorträge werden gehalten.«

Judith staunte nicht schlecht, wie konkret Christian sich auf einmal auskannte. Woher wusste er diese Dinge?

»Ach, sowas meinen Sie!«, kam es wenig überzeugend von Barklei. Er war offenbar ertappt worden.

»Wenn Sie bitte nochmal nachdenken würden?«, hakte Letzien mit strenger Polizistenstimme nach.

»Na gut. Gestern Abend, na ja, das war nichts Offizielles. Keine Kultur oder so. Wir hatten hier im Haus eine kleine private Feier. Ein paar Kumpel von mir und drei Freundinnen.« Er sah unbewusst hoch unter die Decke.

Das erklärte wohl sein Herunterkommen vom Dachgeschoss, vermutete Judith. Die Party hatte auf dem Boden stattgefunden und sie hatten ihn beim Aufräumen gestört.

»Das war nicht korrekt, die Diensträume dafür zu benutzen, ich weiß, da müssen Sie mir keinen Vortrag halten, aber-«

»Ihre Feierei ist mir vollkommen egal, Herr Barklei. Und wie es aussieht, ist sie sogar ein Glücksfall, weil Ihre Freunde uns womöglich mit Informationen weiterhelfen könnten. Wie lange dauerte denn Ihre Party?«

Barklei überlegte einen Moment. »Die ersten beiden sind kurz nach halb elf wieder los, die anderen vielleicht eine Stunde später. Ich hab dann abgeschlossen und bin nachhause.«

Das kam hin. Ungefähr zur Tatzeit waren demnach einige Leute im Drömling unterwegs. Prima. »Ich gehe davon aus, dass wir Ihre volle Unterstützung haben«, bemerkte Judith. »Bitte geben Sie uns die Namen und Adressen Ihrer Freunde.«

»Schon klar«, murrte Barklei. »Die Vera ist mit mir gegangen, Annegret ist mit Lothar los. Und der Jens und die Gertrud sind alleine auf ihre Fahrräder gestiegen. Wir waren ja nicht besoffen!«

»Sie haben also ein Alibi?«, stellte Judith fest und bekam ein halbes Achselzucken zu sehen.

»Denke schon. Die Vera wird es Ihnen bestätigen. Wir sind mit ihrem Wagen gefahren. Zu mir. Nach Klötze.« Er stand auf, um Stift und Papier für die Namen und Adressen aus seiner Schreibtischschublade zu holen. Plötzlich hielt er inne. »Warten Sie! Uns kam hinten bei der Landstraße jemand entgegen! Ich habe mich noch gewundert, wo der um diese Zeit hinwollte. Aber dann habe ich da nicht mehr drüber nachgedacht.«

Verständlich, dachte Judith, er hatte ja ein Schäferstündchen vor Augen. »Können Sie das Fahrzeug beschreiben?«