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Eine Tote in der Geisterbahn! Schnell wird deutlich, dass die Frau ermordet wurde, und Judith Brunner beginnt routiniert mit ihren Nachforschungen. Wie sich herausstellt, hinterließ der Täter am Tatort und an der Leiche bizarre, verdeckte Hinweise, die auf mehr als bloße Arroganz oder ein gestörtes Geltungsbewusstsein hindeuten. Die Spuren führen zu weiteren Verbrechen und als es zur Gewissheit wird, dass ein gewiefter Serienmörder seit Jahren in der Altmark sein Unwesen treibt, beginnen die wohl aufwändigsten Ermittlungen in Judith Brunners Karriere. Bald darauf wird ein enger Freund vermisst und gerät in Lebensgefahr. Nichts passt mehr zusammen. Die Zeit wird knapp.
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Seitenzahl: 363
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Heike Schroll
Herbstschnee – Ein Altmarkkrimi
Judith Brunners achter Fall
Kriminalroman
eBook
alto-Verlag Berlin
Die vorliegende Kriminalerzählung ist frei erfunden.
Jede Übereinstimmung von Personen und Örtlichkeiten wäre rein zufällig.
Besuchen Sie bitte auch den Autorenblog:
http://www.heikeschroll.com
Impressum
Schroll, Heike
»Herbstschnee – Ein Altmarkkrimi«
Judith Brunners achter Fall
Kriminalroman
eBook-Version: (2108) August 2021
Copyright © dieser Ausgabe by alto-Verlag Berlin
Copyright © 2021 by Heike Schroll
Umschlaggestaltung: Bernd Schroll
Foto: Bernd Garbe
Alle Rechte vorbehalten
© alto-Verlag Berlin 2021
ISBN 13: 978-3-944468-15-0 (epub)
ISBN 10: 3-944468-15-5 (epub)
Identische Taschenbuchausgabe:
alto-Verlag Berlin 2021
ISBN 13: 978-3-944468-14-3
ISBN 10: 3-944468-14-7
www.heikeschroll.com
www.alto-verlag.com
fon: +49.(0)30.654 977 32
fax: +49.(0)30.654 977 33
Altmark, Anfang Oktober 1993
Dienstag
~ 1 ~
»Dies hier ist eine Katastrophe«, empfing Dr. Elinor Martens sie schimpfend vor einem stillstehenden, bunten Karussell und wies unbestimmt mit einer Hand um sich. »Millionen Fingerabdrücke, eine völlig desolate Spurenlage, überall Kotze, Bierpfützen und so wie es riecht: reichlich Urin. Selbst Kondome finden sich, wenn man etwas genauer hinsieht. Die Spurensicherung wird ihre helle Freude haben.«
Judith Brunner musterte die Rechtsmedizinerin, die sie normalerweise gelassener empfing, besorgt. »Hallo«, grüßte sie aufmunternd. Was war geschehen und wieso hatte Elinor explizit nach ihr als Ermittlerin verlangt? »Wie schlimm ist es?«, tastete sie sich zum Anlass ihres Hierseins vor.
»Sie meinen, außer dem Dreck? Und schlimm ist nicht das korrekte Wort. Eher beunruhigend. Eine erwachsene weibliche Person. Scheinbar friedlich schlafend. Kein Blutbad, also ... Tut mir leid.« Sie senkte den Kopf und atmete tief ein.
»Elinor, was ist denn los?« Judith hatte die Frau noch nie so aufgewühlt erlebt. Sie ließ ihr einen Moment und sah sich um. Eine Anzahl Buden führten vom Eingang zunächst in einer Art Gasse zu den Fahrgeschäften und Karussells, um die sich dann ein weiterer Ring von Verkaufswagen und Ständen zog. Da, wo das Gelände an den Waldrand Richtung Osten grenzte, waren die Wohnanhänger und Campingwagen der Betreiber abgestellt. Alles war von einem der üblichen Metallzäune aus zusammengesteckten Elementen umschlossen. Über dem Platz lag eine absonderliche Ruhe, denn die Leiche war kurz vor der nachmittäglichen Öffnung des Rummels entdeckt worden und ein Kollege aus dem Streifenwagen hatte kurzentschlossen die sofortige Schließung der Anlage veranlasst. Kein plärrender Lautsprecher lockte zahlende Kundschaft an; niemand pries lautstark Vergnügen oder Gewinne an. Der Duft von frischen Vanillewaffeln mischte sich mit dem von deftig gebratenem Fleisch und Zwiebeln.
Irgendwie unschlüssig, wie sie ihr Befinden in Worte fassen sollte, kreuzte Dr. Martens die Arme schützend vor sich, so, als würde sie eine tröstende Geste brauchen. Dann sah sie entschlossen auf und sagte: »Na, was soll’s. Ich zeige Ihnen am besten den Fundort. Kommen Sie.«
Judith war gespannt. Sie blickte in Richtung Einlasstor des Rummels, sah den quergestellten Streifenwagen, der den Zugang versperrte, und folgte Elinor. Sie umrundeten ein in die Jahre gekommenes Karussell mit seinen bemalten, hölzernen Pferden und gelangten nach wenigen Metern zur unvermeidlichen Geisterbahn.
»Hier?«, fragte Judith überrascht, denn auf der Dienststelle hatte man ihr nur der Rummel auf dem Feld kurz vor Kalbe mitgeteilt, bevor sie von Knut Müller-Nordergreen, von allen nur KMN genannt, ihrem Chef, ›auf Anweisung von oben‹ losgeschickt worden war, um sich um den Leichenfund zu kümmern. Vor dem Höllentor, wie der mit schmerzverzerrtem Gesicht und angstgeweiteten Augen bemalte Eingang zu dieser Rummelplatzattraktion überschrieben war, stand ein uniformierter Kollege mit strengem Gesichtsausdruck Wache. Ein zweiter wartete, Schutz vor der tiefstehenden Nachmittagssonne suchend, etwas abseits im Schatten einer Losbude zusammen mit drei Rummelarbeitern, die mit unverhohlener Neugier Judiths Ankunft verfolgten. Sie nickte den Leuten zur Begrüßung knapp zu. Dann schlüpften sie und Elinor durch eine Seitentür neben den Schienen ins Innere des Fahrgeschäfts. Die Wagen würden wohl heute vergeblich auf gruselaffine Fahrgäste warten.
Zu Judiths Überraschung fehlte das übliche Schummerlicht; einige Deckenstrahler erleuchteten die Anlage, die dadurch weniger schaurig wirkte, eher wie eine verstaubte und kürzlich erst wieder in Betrieb genommene Requisitenkammer im Theater.
Hinter einer mit übertrieben roten Blutspuren bepinselten Sprossenleiter, auf der ein paar täuschend echt aussehende spitzzähnige, angriffslustige Fledermäuse klebten, bog Elinor ab. »Hier ist es.«
Vorsichtig auf jeden Schritt achtend, wich Judith den Blutsaugern aus und dann sah sie die Tote. Und richtig: Es sah nicht schlimm aus. Die Leiche lag auf dem Rücken, die Beine waren gestreckt nebeneinander und die Arme über der Brust gekreuzt. Der Gesichtsausdruck friedlich; ihre Augen geschlossen, der Mund ebenfalls, ihre Lippen zeigten fast ein leises Lächeln. Nicht erheiternd, sondern versteckt und schief, wie bei der Mona Lisa. Äußerliche Verletzungen waren nicht zu sehen. Die Kleidung saß korrekt und war der kühleren Jahreszeit angemessen: Jeans, Bluse, Anorak, Lederstiefel. »Man könnte meinen, sie läge in tiefem Schlaf.« Jemand hatte sich Mühe beim Ablegen gegeben. Zeugte das von Reue?
Dr. Martens ging auf die Bestätigung ihrer eigenen Ansicht nicht weiter ein. Sie kramte in ihrer Arzttasche, die sie zwei, drei Schritte entfernt auf einem Weinfass, das angemalt war, als würde Blut unter seinem Deckel hervorquellen, abgestellt hatte. Nach kurzem Suchen wandte sie sich wieder Judith zu, einen dünnen Hefter in der Hand haltend. »Ich habe den Leichnam oberflächlich untersucht. Keine sichtbaren Wunden. Die Totenstarre ist voll da. Theoretisch könnte sie demnach schon vor über dreißig Stunden gestorben sein. Sicher ist: Tot ist sie seit mindestens neun Stunden. Also kam sie irgendwann zwischen Sonntagnacht und heute am Morgen um. Wenn ich meine Erfahrung mit in die Waagschale werfe, tippe ich eher auf kurz nach Mitternacht. Mehr kann ich dazu hier und jetzt nicht sagen.«
Judith nahm die Information schweigend auf, zog Einmalhandschuhe an, hockte sich in Schulterhöhe neben den Leichnam und ließ ihren Blick nach rechts schweifen. Ein Gegenstand ergänzte auffällig das Bild: Über dem Kopf der Leiche stand – in knapp einem Meter Abstand – eine Handtasche. Nein, eher ein geräumiger Beutel. Bunt gemustert, fransenverziert, aus Wolle gehäkelt. Eine Stickerei war zu sehen. Ein aufwändig hergestelltes Stück, das nicht aus einem Kiosk für den üblichen Reisebedarf stammte. »Haben Sie schon einen Blick reingeworfen?«, fragte sie, ohne sich umzudrehen. Vielleicht gab es ja einen Ausweis oder einen Führerschein, der die Identifikation der Frau ermöglichte.
Elinor schüttelte den Kopf. »Damit wollte ich auf Sie warten. Sie sollten das alles genau so sehen. Das ganze Bild. Lassen Sie sich Zeit.«
Judith stutzte, erhob sich wieder und betrachtete den Fundort noch einmal gründlich. Hm, dass so zu inszenieren, wäre nicht schwer gewesen. Die Wahl des Ablageortes und die Drapierung des Leichnams ließen zunächst auf ein Gewaltverbrechen schließen. Genauso gut hätte die Frau sich jedoch auch selbst umbringen und dafür aus irgendeinem Grund diese spezielle Abschiedsszene gestalten können. Das würden die Ermittlungen zeigen. Worauf wollte Elinor hinaus?
»Es sieht nicht gewalttätig aus, nicht wahr?«, bemerkte sie leise. »Was aber so verstörend ist, Judith – ich sehe das – noch dazu auf einem Festplatz – nicht zum ersten Mal.«
~ 2 ~
Das kam allerdings unerwartet. Und warf Judiths Überlegungen von einem penibel geplanten Suizid als großer Abschiedsvorstellung umgehend über den Haufen. Ein identisches Vorgehen von zwei Leuten, mit denselben Requisiten und vergleichbaren Fundorten? Nicht auszuschließen – manche Selbstmörder verabredeten so etwas auch –, aber extrem unwahrscheinlich. »Genau so?«, fragte sie zur Sicherheit nach.
Elinor nickte und sah nachdenklich aus.
»Sind Sie deswegen schon hier? Ich meine, woher wussten Sie, dass hier jemand von der Rechtsmedizin gebraucht würde?«
»Einer der Streifenbeamten war beim ersten Mal ebenfalls dabei. Er hat sich erinnert und mir gleich Bescheid gegeben. Sello wird sicher auch jeden Moment auftauchen. Das war damals sein Fall.«
Von Anton Sellos Erscheinen ging Judith ohnehin aus. Der Chef des Fachkommissariats für Schwerstverbrechen ließ es sich bekanntermaßen nie nehmen, bei einem Mord vor Ort aufzutauchen. Es war ihm wichtig, sich ein Bild von allem zu machen und dann seine Leute entsprechend einzuteilen. Er war selber ein sehr guter Ermittler, was enorm half, wenn es galt, bei all den Fakten ein System zu erkennen, man eine zweite Meinung oder einfach Unterstützung bei der Beschleunigung bürokratischer Vorgänge brauchte. Von der Polizeidirektion in Stendal bis hierher würde er jetzt, im Nachmittagsverkehr, noch etwas Zeit benötigen, genau so wie jemand von der Staatsanwaltschaft, nichtsdestotrotz konnten Elinor und sie schon mal anfangen.
»Das ist jetzt«, – Elinor beugte sich stehend über die Leiche und überlegte einen Moment – »gut sieben Jahre her. August 1986. In Magdeburg.« Sie hielt wie zur Bekräftigung ihren Hefter in die Höhe. »Ich habe mir rasch meinen Obduktionsbericht von damals geschnappt, ehe ich losgefahren bin. Das hilft dem Gedächtnis wesentlich präziser auf die Sprünge als reine Erinnerungen. Ich war zwar nicht restlos überzeugt, ob der Verdacht Ihres Kollegen wirklich berechtigt war, aber als ich das hier sah, waren meine Zweifel beseitigt.« Suchend blickte sie um sich und setzte sich dann auf einen geschlossenen Sarg. Einladend klopfte sie neben sich auf das grobe Eichenholz und Judith zögerte nicht, stieg vorsichtig über einen abgeklebten Kabelkanal und ließ sich bei ihr nieder. Da sie heute Jeans zu ihrer champagnerfarbenen Seidenbluse trug, waren robuste Sitzgelegenheiten kein Problem. Polizistin und schwanger zu sein, schlossen nach Judiths Auffassung Eleganz und Chic nicht aus. Nicht nur, dass sie sich mit diesem Kleidungsstil ausgesprochen wohl fühlte, auch ihrem Walter gefiel er außerordentlich, wie er nicht müde wurde, ihr zu versichern. Sie strich sich eine Welle braunen Haars, die sich aus dem Samtband um ihren Pferdeschwanz gestohlen hatte, zur Seite und musste unwillkürlich lächeln. Gegenüber ihres Sitzplatzes lugte aus einer geöffneten Kiste ein Skelett, das den vorbeifahrenden Gruselfans mit einem blutbesudelten Hackebeil winkte. Dabei wirkte es so unbeholfen, dass man schon Mitleid mit ihm haben mochte.
»Darf ich fragen, wie es Ihnen geht?« Elinor deutete auf Judiths mittlerweile sichtbares Bäuchlein und überließ ihr die Wahl, was sie antworten wollte. Inzwischen ahnte jeder, dass die Kriminaloberkommissarin schwanger war, übersehen konnte man es nur schwer – und außerdem umgab sie eine Aura aus strahlendem Glück und beneidenswerter Gelassenheit. Zudem wusste Elinor schon länger Bescheid: Vor ein paar Wochen, als Judith in der Gerichtsmedizin in Magdeburg zu tun gehabt hatte, war ihr kurz schummrig geworden und Elinor hatte sich um sie gekümmert. Und als Medizinerin folgerichtig sofort geahnt, was die Ursache der kleinen Unpässlichkeit gewesen war. Mit Anfang vierzig, gesund, glücklich und geliebt, stellte die Schwangerschaft für Judith Brunner zwar kein Problem dar, aber ein wachsames Auge auf alles konnte nie schaden.
Judith war die Nachfrage recht, denn sie mochte diese Frau, sehr sogar. Mit breitem Lächeln sagte sie: »Prächtig, uns geht es prächtig. Walter und ich genießen jeden Moment. Der fünfte Monat ist fast rum.«
»Das freut mich zu hören. Wenn ich etwas für Sie tun kann, lassen Sie es mich bitte wissen.«
»Danke, Elinor. Ich werde darauf zurückkommen. Ich will so lange wie möglich im Dienst aktiv bleiben und vielleicht gelingt es mir, noch ein, zwei Fälle zu einem gewissen Abschluss zu bringen.«
»Da haben Sie sich ja nicht gerade wenig vorgenommen. Übertreiben Sie es bloß nicht, Judith ... Aber – vermutlich hilft Ihnen diese arme Frau sogar dabei, einen bisher ungelösten Mord aufzuklären.«
»Ungelöst?«, musste sich Judith versichern, denn das kam selten vor, erst recht, wenn Sello ermittelte.
Elinor nickte und erklärte: »Seinerzeit lag die Tote, genau so friedlich wie hier, zwischen zwei altmodischen Karussellwagen in Schwanenform. Sie kennen die sicher. Da kann man auf einer Bank zu zweit drin sitzen, eng aneinander gequetscht, und im Kreis herumfahren.«
»Ja, absolut romantisch«, warf Judith grienend ein.
»Bei Teenagern bestimmt immer noch sehr beliebt«, vermutete Elinor, »wie auch solche Geisterbahnen.« Sie deutete in die Halle, bevor sie fortfuhr: »Das damalige Umfeld des Fundorts ähnelte dem hier extrem. Der Rummel in Magdeburg zog viele Menschen an und es gab jede Menge Spuren. Soweit ich weiß, wurde ein Täter bis heute nicht gefunden. Sello leitete die Ermittlungen und hat den Fall sicher auch nicht vergessen.«
»Aber es war Mord?«, fragte Judith angesichts der friedlich aussehenden Toten zu ihren Füßen. Seltsam. Magdeburg – ihre ehemalige Arbeitsstelle im Präsidium der Volkspolizei. Sie konnte sich an einen entsprechenden Fall der Morduntersuchungskommission gar nicht erinnern. Klar! 1986 war sie bereits in die Altmark versetzt gewesen, und da die Mordermittlung, die Dr. Martens hier ansprach, danach erfolgte, war sie daran nicht mehr beteiligt worden.
»Na ja, damals starb die Frau an einer Überdosis Insulin. Sie wissen ja, wie schwer es ist, diese Mordmethode jemandem nachzuweisen. Ein Täter kommt relativ leicht an ein Insulinpräparat ran, das Opfer wird schnell wehrlos und es geht rasch zu Ende mit ihm. Das hinterlässt kaum Spuren.« Elinor deutete auf den Fundort. »Das da ist kein Zufall: Schon bei dem damaligen Fall machte die Ermittler eine gehäkelte Handtasche stutzig, die genau so wie die hier« – sie nickte in Richtung des Gegenstandes – »hingestellt war.«
Die Wolle glänzte in der grellen Beleuchtung. Judith gefiel die Handarbeit, und während sie mal wieder neidlos die Fertigkeit von Leuten bewunderte, die so etwas hinbekamen, wollte sich eine Erinnerung in ihrem Kopf bemerkbar machen, von der sie ahnte, dass sie wichtig war. Sie bekam sie aber beim besten Willen nicht zu fassen.
Elinor strich sich langsam mit der Hand über den Oberschenkel. »Ich denke immer, wenn ich Ähnliches untersuche, ich habe in dem früheren Fall etwas übersehen oder war nicht gründlich genug. Hätte irgendwas finden müssen, irgendeinen Hinweis auf den Täter oder sein Vorgehen.«
Judith schwieg. Es gab nicht viel zu sagen. Solche Gedanken hatten wohl jeden Beteiligten schon mal ereilt, wenn es nicht gelungen war, ein Verbrechen aufzuklären.
»Leider konnte ich nicht genug dazu beitragen, den Täter dingfest zu machen. Ich lese in der Fachliteratur alles zu vergleichbaren Fällen, den rechtsmedizinischen Untersuchungen, welche Tricks die Kriminellen so anwenden, denn, wenn mir etwas durchrutscht, entkommt eventuell ein weiterer Mörder. Aber bisher habe ich nichts Brauchbares gefunden.«
Judith berührte die Hand von Elinor und sah ihr ins Gesicht. »Dann geben wir beide auch heute wieder unser Bestes, mehr können wir nicht tun.«
Ein leises Lächeln legte sich auf die Züge der Rechtsmedizinerin. »Wissen Sie, warum ich dieses Mal glaube, dass es gelingt, den Schuldigen zu schnappen?«
Judith sah sie fragend an. »Warum denn?«
»Jetzt habe ich Sie an meiner Seite«, sagte Elinor schlicht.
~ 3 ~
Judith war etwas verlegen ob dieses unerwarteten Vertrauensbeweises, freute sich aber. Sie musterte weiter stumm den Fundort. Es gab keine offensichtlichen Kampfspuren; an der Geisterbahn-Ausstattung wären neuere Beschädigungen ohnehin nicht auf den ersten Blick erkennbar gewesen. Bei den ständigen Umzügen ließen sich Kratzer und Beulen nicht vermeiden. Eine Leiche hierher zu bringen, war dennoch nicht so leicht, selbst wenn sie eher von zierlicher Statur war wie die hier liegende Tote. Schmale Türen, die Gleise, überall lagen dicke Elektrokabel, alles war vollgestellt mit blutbesudeltem Grusel-Kram, der die Besucher ängstigen sollte. Reifenspuren gab es keine. Der Boden wirkte sogar einigermaßen gesäubert. In der dünnen Staubschicht waren jedoch allerhand Sohlenabdrücke zu erkennen. Doch ehe sie ihre Beobachtungen weiter fortsetzen konnte, kam der uniformierte Kollege von draußen näher und meldete in respektvoller Entfernung zum Fundort die Ankunft der Spurensicherung.
»Dann räumen wir mal das Feld.« Die Frauen erhoben sich und gingen hinaus.
Thomas Ritter, Chef der Kriminaltechnik beim LKA, begrüßte sie, mit einem Stativ in der Hand. »Hallo Judith, wie sieht’s aus? Dr. Martens, schön Sie zu sehen.« Seit im Frühjahr bei ihm der Blitz eingeschlagen und er sich Hals über Kopf in Astrid Ahlsens verliebt hatte, lebte er zusammen mit ihr und ihrem Töchterchen Ella in Waldau auf dem Gelände des Gutes, im Gärtnerhaus. Judith und er waren quasi Nachbarn geworden. Sie sahen sich nun neben den unvermeidlichen dienstlichen Begegnungen auch öfter privat. Mit Walter pflegte Thomas eh schon eine langjährige Freundschaft. Judith lächelte in sich hinein, wie sich alles fügte: Ihre Freundin Laura war wiederum seit Kindertagen die beste Freundin von Astrid. Die Familie ihres Herzens wuchs auf wunderbare Art an, seitdem sie damals den großen Schritt aus der Großstadt in die Altmark gewagt hatte.
»Selber Hallo. Was machst du denn hier? Hattest du nicht so etwas wie Urlaub? Wolltet ihr euch heute nicht um die neuen Wege zum Beerengarten kümmern?« Sie erinnerte sich, dass das der Plan für die dienstfreien Tage war, die Thomas kürzlich Walter gegenüber erwähnt hatte.
»Das kann warten. Leon will sowieso erst einmal alleine mit ein paar Skizzen anfangen. Ich habe da vollstes Vertrauen in ihn«, lobte er den Architekten in der Familie. »Außerdem bin ich neugierig, so einen Tatort hatte ich noch nie«, zwinkerte er ihr zu. »Aber vermutlich liegt meine Anwesenheit daran, dass Sello mich her zitiert hat.«
Das passte. Anton Sello war sicher genau wie Elinor sofort klar geworden, dass hier einer seiner ungelösten Fälle aus der Vergangenheit grüßte. Da brauchte er den besten Mann für diese Arbeiten vor Ort. »Ihr werdet jede Menge zu tun haben, so viel steht fest. Wie ich gehört habe, gab es vor etlichen Jahren einen ähnlichen Mord in Magdeburg – bis heute ungeklärt. Wir brauchen also jedes Fitzelchen, das ihr finden könnt. Jede Parallele könnte auch zur Lösung des alten Falles führen. Ich weiß, dass ihr immer gründlich seid«, würdigte sie die zuverlässige Arbeit der Techniker, »aber hier müsst ihr euch richtig ins Zeug legen.«
»Wird gemacht! Ich halte dich auf dem Laufenden.«
»Wenn wir bald einen Blick in diese Handtasche werfen könnten, die bei der Leiche steht? Das Identifizieren der Frau hat höchste Priorität.«
»Geht klar.«
Judith überließ ihn und Dr. Martens ihren Verpflichtungen und blieb bei dem Streifenpolizisten, der wieder vor dem Eingang des Fahrgeschäfts Posten bezogen hatte.
»Guten Tag.« Sie stellte sich vor. »Ich habe gehört, Sie waren mit als Erster am Fundort?«
»Wachtmeister Löwe. Gunnar Löwe. War natürlich ein Zufall, aber als ich die Frau da so liegen sah, hab ich mich gleich erinnert. Ich war damals zum Dienst nach Magdeburg abkommandiert, als zusätzlicher Mann, während des großen Rummels dort. Es war bei den Arbeiterfestspielen. Vielleicht erinnern Sie sich? Tausende vergnügte Leute – da bleibt Ärger nie aus. Wir haben uns vor Ort unter die Massen gemischt. Mit einer Toten hatte niemand gerechnet ... Na, mir fiel die Frau Doktor wieder ein.« Seine Augen nahmen einen verklärten Ausdruck an, was Judith oft beobachtete, wenn Männer, die ihr mal begegnet waren, über Elinor redeten. Sie war aber auch umwerfend! Freundlich, zuverlässig, kompetent – und ihre kurvige Figur und das beneidenswert wallende Haar schadeten keinesfalls, um zur stetigen Erinnerung ihrer Bewunderer beizutragen. »Also hab ich ihr umgehend Bescheid gegeben, sofort, nachdem ich den Fund gemeldet hatte.«
Und ihre Nummer hatte er nach all diesen Jahren auch noch parat? »Und wer hat Sie informiert?«
»Der Chef auf dem Platz. Ihm gehört die Geisterbahn. Der hatte Glück, dass wir gerade hier waren. Das machen wir öfter und fahren kurz vorbei. Einmal, bevor der Rummel nachmittags um drei öffnet, und dann nochmal am späteren Abend, bloß so, als Routine. Um uns zu zeigen und allen Tunichtguten zu sagen, dass die Polizei ein Auge auf sie hat.«
Judith verkniff sich ein Grienen. Den Begriff Tunichtgut hatte sie schon lange nicht mehr gehört. Löwe klang so stolz, dass es schien, als stamme die Idee ihrer Kontrollfahrten von ihm. Was vielleicht auch so war. »Und?«
»Wie gesagt, plötzlich kommt der Chef auf uns zu gerannt, wir müssen mitkommen, er hat eine Tote gefunden.« Löwe deutete auf einen der Herumstehenden, die bei seinem Kollegen warteten und unvermittelt betont desinteressiert zu ihnen herübersahen. »Der Große da. War genau um 14.35 Uhr«.
»Und die anderen beiden?«, erkundigte sich Judith nach den wartenden Männern.
»Sind wohl seine Angestellten, nehme ich an. Kannten sich mit der Anlage bestens aus.«
»Was meinen Sie?«
»Na, die wussten, wo der Hauptschalter fürs Licht war, haben die Wagen stillgelegt, den Notausgang überprüft, so was.«
Notausgang. Prima Fluchtweg. »Wir müssen das hier weiträumig absperren. Der Rummel kann heute nicht mehr öffnen. Können Sie das organisieren? Ich will eine Wache vor jedem Ausgang.«
»Geht in Ordnung«, versicherte Löwe und griff zu seinem Funkgerät.
»Danke.« Judith verließ sich auf ihren Kollegen. »Ich werde mich dann mal mit den Leuten von der Geisterbahn unterhalten.«
~ 4 ~
Vier Augenpaare klebten an ihrer Gestalt, als sie sich der Gruppe vor der Losbude näherte. Der uniformierte Polizist nahm Haltung an und begrüßte sie mit Dienstrang und Namen. Alle wussten nun, wen sie vor sich hatten. Judith nickte in die Runde, sah den großen Mann an, den Löwe ihr als Chef benannt hatte, und bat: »Können wir uns irgendwo ungestört unterhalten, Herr ...?«
»Kerner. Markus Kerner. Wir können in meinen Wagen gehen. Da hab ich auch das Büro.«
»Gut. Sie müssten bitte weiter hier warten. Mit Ihnen möchte ich anschließend reden«, kündigte Judith seinen Angestellten an.
Zur Antwort bekam sie ein Nicken, dann nestelten beide ihre Zigarettenpackungen aus den Hemdtaschen und steckten sich eine an.
Kerner wandte sich nach links zur Ansammlung der Wagen, wovon mindestens zehn in typischem Jahrmarktdesign – übergroße Räder, hölzerne, glänzende Verkleidung, halbrunde Dächer, bunte Fensterrahmen – sichtbar wurden. Dahinter stand ein mittelgroßes Wohnmobil, auf das sie nun zusteuerten. Einladend öffnete Kerner die Tür, Judith erklomm die hohe Stufe, und gleich gegenüber befand sich ein Tisch mit zwei Sitzbänken. Alles platzsparend und entsprechend eng angeordnet, dennoch quetschte sie sich halbwegs elegant auf die linke Bank und saß dann überraschend bequem. Ihr Gastgeber machte die Tür wieder zu, nahm auf einer gepolsterten Kiste unmittelbar rechts daneben Platz und sah sie fragend an.
»Sie haben also die Tote gefunden«, begann Judith, und da sie keinen Einwand hörte, fragte sie nach: »Ob Sie mir bitte genau beschreiben könnten, wie das abgelaufen ist?«
Kerner ruckelte auf seinem Sitz herum, stand dann auf und ging drei Schritte bis zur Mini-Küchenzeile auf der anderen Seite der Tür, die einen kleinen Kühlschrank verbarg. »Möchten Sie auch was trinken?«
Judith lehnte dankend ab. Walter hatte sie wie jeden Morgen bestens mit allem versehen, was seiner Meinung nach eine schwangere Frau über den Tag so benötigte. Ihr Kofferraum glich einer Vorratskammer an gesunden Leckereien, vom Vollkorn-Schinkenbrot, nebst geschnippelten Gemüsesticks bis hin zu Kräutertee und frisch gepresstem Orangensaft. Sie war ausgezeichnet versorgt und konnte sich jederzeit stärken. Sogar ein paar Mozartkugeln hatten den Weg in eine kleine Vorratsdose gefunden. Ihr Liebster war wirklich ein Schatz!
Mit einer Flasche Wasser in der Hand kehrte Kerner zurück, setze sich, aber trank nicht. Es machte den Anschein, als brauchte er nur etwas zum Festhalten.
Plötzlich wurde ungestüm die Tür aufgerissen. »Scheiße, Alter! Die machen uns den Rummel dicht!« Ein vierschrötiger Mann, der wahrscheinlich nur mit äußerstem Geschick durch die schmale Tür des Wohnmobils passen würde, starrte entgeistert die Besucherin an und warf dann seinem Chef von unten empörte Blicke zu.
»Es tut mir leid, aber das ließ sich nicht umgehen«, sagte Judith, die mit diesem Ärger schon gerechnet hatte, seit sie Löwe um die dauerhafte Absperrung gebeten hatte. »Wir werden uns bemühen, die Arbeiten so schnell wie möglich zu erledigen, dann können Sie wieder öffnen.«
»Das geht doch nicht! Die Buden haben ihre Würste schon auf dem Rost und die Pfannen angeschmissen. Meine Buletten kann ich morgen nicht mehr verkaufen. Wer soll das denn alles futtern, wenn heute keiner kommen kann?«
Womöglich wurden sie ein bisschen von dem Essen bei den Leuten von der Spurensicherung los, besonders viel bringen würde das nicht. Judith verstand den Ärger des Mannes, konnte ihm aber nicht helfen.
»Friert das Zeug am besten ein«, wies Kerner ihn an. »Beim nächsten Geburtstag schmeißen wir das in die Runde.«
»Scheiße«, wiederholte der Bulettenbrater, schoss einen grimmigen Blick in Judiths Richtung, dann trollte er sich.
»Sie müssen das verstehen«, warb Kerner um Verständnis, erhob sich und schloss die Tür wieder. »Die Leute von den Fressbuden sind auf diese Umsätze angewiesen und beginnen immer schon, bevor wir öffnen, damit die hungrigen Besucher sofort zuschlagen können. Handwerker aus der umliegenden Gegend machen nach Feierabend hier halt und essen an den Buden. Kraftfahrer legen extra einen Stopp ein«, er grübelte kurz, dann fuhr er fort: »Bis wir die ganzen Bratwürste und Buletten verputzt haben, werden wohl einige Geburtstagsfeiern ins Land gehen.«
»Es tut mir leid wegen dieser Umstände, aber Sie sehen sicher ein, dass wir unsere Arbeit machen müssen. Nur wenn der Rummel gesperrt bleibt, sind meine Kollegen in der Lage, alles zügig und ohne erneute Fremdeinflüsse zu überprüfen, werden rascher fertig und Sie können bald wieder öffnen.«
»Hm«, brummte Kerner und gab sich geschlagen. Ihm blieb auch nichts anderes übrig. »Was woll’n Sie denn nun von mir wissen?«
»Wenn Sie mir genau schildern könnten, wie Sie die Leiche gefunden haben?«
Es dauerte einen kleinen Moment, er öffnete seine Flasche, trank einen Schluck und berichtete: »Ich mach immer eine halbe Stunde vorm Aufmachen meine Runde. Gucke mir alles an. Natürlich mit Licht, damit ich sehe, ob etwas rumliegt, was da nicht hingehört oder ob irgendwas umgefallen ist. Dann schalte ich die Lautsprecher an, setze ich mich in einen Wagen und mache die Gruselrunde im Dunklen, so, wie die Besucher es erleben würden. Da kriege ich meistens noch mit, was nicht hinhaut. Mal klemmt ein Schwenkarm oder ein Spot ist kaputt. Wenn das dann alles okay ist, kann es losgehen und wir öffnen.«
Judith ließ ihn in seinem Tempo erzählen.
»Heute hatte ich gerade angefangen, war noch nicht weit mit meinem Rundgang gekommen, da lag sie dann da. Erst dachte ich, es ist eine von unseren Figuren. Manch ein Spaßvogel unter den Angestellten legt die Gestalten, ohne mir Bescheid zu geben, anders hin, um die Gäste effektvoller zu erschrecken. Aber dafür war alles zu harmlos. Ich meine«, sagte er voller Stolz »die Leichen sind immer schwer verwundet, sehen übel aus, mit ordentlich Blut, Gedärmen, abgetrennten Gliedmaßen und so. Verstehen Sie? Wir scheuen keine Mühe.«
Judith nickte. Wenn es eine Inszenierung für die Gruseltour gewesen wäre, würde mindestens ein Hackebeil in der Brust der Toten stecken und ein Krähenschwarm ihr die Augen raushacken. Meine Güte, woher kam nur auf einmal ihre Vorstellungskraft? Hing sie zu oft mit Lisas Bruder Erik herum, der immer, wenn sie sich zum Grillen oder zu anderen Gelegenheiten trafen, äußerst anschaulich von den neuesten Trends in Sachen Geisterbahnausstattung berichten konnte? Immerhin war der Bruder ihrer Kollegin seit Jahren ein gefragter Fachmann für derlei Dinge. Lisa selbst absolvierte gerade ein Praktikum in ihrem Salzwedeler Revier. Mit riesigem Engagement schmiss sie das Sekretariat für KMN, dessen Stammsekretärin schon längere Zeit wegen einer Erkrankung ausfiel. »Ja, da muss jedes Detail stimmen.«
»Da bin ich wirklich erleichtert, dass Sie mich nicht für einen Freak halten«, gab Kerner zu. »Na, jedenfalls bin ich hin und habe dann eben gesehen, dass da eine echte Leiche liegt. Selbst für mich ein riesen Schock, das können Sie mir glauben.«
»Das würde jedem so gehen«, beruhigte ihn Judith.
»Na, mir fiel ein, dass die Streifenpolizei gerade da sein könnte, und ich bin losgerannt, sie zu erwischen. Und hatte Glück.«
War es Zufall, dass die Tote gerade in dem Moment entdeckt wurde, als bekanntermaßen ein Streifenwagen vor Ort war? »Wie haben Sie denn festgestellt, dass die Frau nicht mehr lebte? Haben Sie sie berührt?«
»Nee!!! Angefasst hab ich die nicht! Nur mit dem Fuß angestupst, erst am Bein und dann ein Stückchen weiter oben. Na, und sie hat nicht gezuckt.«
Sehr zuverlässig war diese Methode nicht, wusste Judith, aber im Moment tat das nichts zur Sache. »Und vor Ihrem Rundgang war niemand in der Anlage unterwegs?«
»Warum? Wir gucken immer abends gleich nach Geschäftsschluss nach, ob alles in Ordnung ist, kein Müll rumliegt oder welche ausgestiegen sind, um sich zu verstecken. Als Mutprobe, nachts in der Geisterbahn. Oder weil sie es für romantisch halten, dort rumzumachen. Sie glauben gar nicht, auf was für blöde Ideen die Leute kommen, erst recht, wenn sie einen über den Durst getrunken haben.«
Davon hatte Judith allerdings eine ausgeprägte Vorstellung.
»Na jedenfalls, gestern Abend war alles in Ordnung. Nirgends blinde Passagiere, also, ich meine, auch keine Tote, kein übermäßiger Dreck. Wir machen nur einmal die Woche richtig sauber, immer Montagvormittags. Nach dem Wochenende lohnt sich das am meisten.«
Das waren hilfreiche Informationen, freute sich Judith. Der Ablagezeitpunkt der Leiche ließe sich eingrenzen und die Kriminaltechnik würde mit einem Zeitrahmen die Spuren besser zuordnen können. »Wann genau haben Sie gestern Ihre letzte Runde gedreht?«
»Kurz nach zehn war Schluss. Ich hab rasch die Kasse gemacht und die Kassette weggeschlossen, dann bin ich los. Halb elf ungefähr? Ja, halb elf.«
»Kassette?« Judith glaubte zwar nicht an einen Einbruch, aber auch Gelegenheit macht Diebe. Wie viel Geld mochte man wohl mit einer Geisterbahn verdienen?
»Na, mit den Einnahmen und den Eintrittskarten. Das Zeug kann ich doch nicht im Kassenhäuschen liegen lassen. Das bring ich immer hierher in meinen Wagen und schließe es weg. Einmal die Woche bezahl ich dann die Platzmiete, meine Leute kriegen ihr Geld. Ich pass schon auf.«
»Machen Ihre Kollegen hier auf dem Platz das auch so? Ich meine, abendliche Kontrollgänge, ein bisschen Aufräumen, Wegschließen der Einnahmen?«
Kerner nickte. »Klar ... muss ja sein. Oft treffen wir uns dann noch bei einem der Wagen auf ein kurzes Bier und klönen. Was eben so los war den Tag über.«
»Ich brauche eine Liste aller Schausteller und ihrer Mitarbeiter. Wir wollen mit jedem reden.«
»Dachte ich mir schon. Suche ich Ihnen raus.« Begeistert klang Kerner nicht.
»Danke. Wir sind gleich fertig. Erinnern Sie sich bitte, ob Sie heute einen Fremden auf dem Gelände gesehen haben, also ich meine, jemanden, der nicht direkt dazu gehört. Lieferanten, Handwerker oder so.«
»Na ja, ich hatte heute Vormittag einen Termin mit einem meiner Ausstatter. Bei den anderen Buden müssen Sie selber nachfragen. Es ist so, ich brauche ein paar neue Kostüme und Requisiten. Wir wollten auch überlegen, mit echten Gespenstern, also verkleideten Komparsen, die Besucher zu erschrecken. Er ist aber nicht aufgetaucht.«
»Können Sie mir den Namen trotzdem geben, bitte?«
Kerner kramte aus einer Schublade eine Visitenkarte hervor und übergab sie. Judith blieb das Herz fast stehen, als sie las, wer da erwartet worden war. Verdammt! Erik Lenz. Lisas Bruder. An sich wäre sein Termin hier auf dem Rummelplatz kein Problem, aber ein Umstand verkomplizierte die Dinge erheblich. Der junge Mann war, wie Judith wusste, Diabetiker. Insulinpflichtiger Diabetiker.
~ 5 ~
Sello, der vor einer unbemannten kleinen Bude zum Bälle-auf-Dosen-Werfen stand und mit Dr. Martens redete, trug wie immer ein Ensemble elegantester Stücke: lagunenblauer Zweiteiler, dem Glanz des Stoffes nach aus Seide, strahlendweißes Hemd, violett-rosé gestreifte Seidenkrawatte, von der Judith vermutete, dass sie gelegentlich des letzten Italien-Besuchs eingekauft worden war. Komplettiert wurde das Ganze durch superschicke Lederschuhe im selben lila Farbton wie beim Schlips. Inmitten der weiß gewandeten Leute von der Spurensicherung wirkte er wie ein Paradiesvogel, zugegeben, ein riesiges Exemplar, aber ebenso emsig und schnell auszumachen. Judith winkte und steuerte auf die beiden zu.
»Guten Tag, Frau Brunner. Wie ich höre, haben Sie sich zusammen schon ein Bild gemacht«, deutete Sello auf die Rechtsmedizinerin.
Sie gaben sich die Hand. »Richtig. Weibliche Leiche, zwischen vierzig und fünfzig Jahre alt, gepflegte Erscheinung, vollständig bekleidet, keine ersichtlichen Hinweise auf ein Gewaltverbrechen.«
»Sieht man einmal von Dr. Martens Befürchtungen ab«, kommentierte Sello, der den Hefter mit Elinors altem Bericht zusammengerollt in der Hand hielt.
Offenbar hatten die beiden sich schon ein Weilchen unterhalten. Judith fuhr fort: »Ich hoffe, wir bekommen bald ihre Handtasche von der Spurensicherung. Zumindest ein Ausweis oder so könnte helfen, sie zu identifizieren.«
»Ich wollte eben nachfragen, wann ich mir die Tote ansehen kann«, wies Sello auf sein Vorhaben hin, »dann hake ich da mal nach ... Haben Sie schon was in Erfahrung bringen können?« Der Wachtmeister, der am Eingang zum Rummelplatz den ankommenden Leuten erklärte, dass hier heute geschlossen war, hatte ihn beim Betreten des Rummelgeländes informiert, wo die Kriminaloberkommissarin sich aufhielt.
Judith berichtete: »Das Fahrgeschäft gehört Markus Kerner. Er managt auch den ganzen Rummel, ist quasi der Veranstalter. Er wirkt kooperativ. Gestern Abend, nach Betriebsschluss, hat er gegen halb elf seinen üblichen Rundgang gemacht, da war alles in bester Ordnung. Also ist die Tote irgendwann danach in der Geisterbahn abgelegt worden.«
»Das passt zu meinen Schätzungen bezüglich des spätesten Todeszeitpunktes«, ergänzte Elinor und wiederholte, was sie Judith bereits am Fundort mitgeteilt hatte. »Ich tippe auf heute, auf einen Zeitpunkt nach Mitternacht, eher am frühen Morgen. Die Totenflecke lassen sich nicht wegdrücken. Es gibt sie auch nur an der Unterseite der Leiche. Sie wurde also hier abgelegt, ich vermute mal, nicht lange nach der Tat, weil der Transport eines steifen Leichnams erheblich schwieriger ist und erst recht in diesen engen Verhältnissen eines Fahrgeschäftes, wo man ständig über die Schienen stolpern kann oder irgendwo dagegen stößt.«
»Das würde bedeuten, die Frau kam vergangene Nacht um und wurde anschließend hergebracht.« Sello sprach bewusst nicht von ermordet, denn noch kam zumindest theoretisch ein Unfall oder gar Selbstmord infrage. Er nahm Dr. Martens zwar ernst, stimmte ihrer Mordvermutung insgeheim sogar zu, konnte aber im Moment nichts ausschließen, dazu mangelte es an gesicherten Erkenntnissen.
»Oder sie wurde hierhergelockt, mit der Absicht, sie genau hier in der Geisterbahn zu ermorden«, wandte Judith weniger vorsichtig ein. Sie vertraute voll auf Elinors Instinkt. »Nicht sehr wahrscheinlich, ich weiß, aber nicht unmöglich.«
»Ich habe schon Bescheid gegeben, dass mir die alten Akten zu dem Magdeburger Fall rausgesucht werden. Letzien kümmert sich persönlich. Wenn ich wieder in der Dienststelle bin, fangen wir gleich an und nehmen uns alles nochmal vor.«
»Wir ermitteln von Stendal aus?«, wollte Judith überrascht wissen.
Sello überlegte kurz. »Sie haben Recht, das ist ungünstig. Der aktuelle Fall hat Priorität. Sie haben die meiste Arbeit. In Ordnung. Wir packen den Kram ein und Letzien und ich schlagen morgen unsere Zelte bei Ihnen auf. Müller-Nordergreen setze ich selbst ins Bild.«
Judith wunderte es kein bisschen, das Sello bei den Ermittlungen persönlich mitmischen wollte. Der ungelöste Fall belastete ihn ohne Zweifel. Sie zählte zusammen: Mit ihm und Christian Letzien, seinem Stellvertreter, die mit ihrem Fachkommissariat Zugriff auf enorme Ressourcen hatten, dazu Thomas Ritter von der Kriminaltechnik und Elinor als Rechtsmedizinerin – dieses Mal konnte ihnen der Mörder gar nicht entwischen.
Sello sprach weiter: »Bestimmt kennen die Leute vom Rummel den Ablauf, also dass der Chef seine Geisterbahn abends nochmal abläuft. Sollte der Täter einer von ihnen sein, wartete er einfach ab und hatte danach gute Karten, die Frau ungesehen hineinzubringen.«
Judith war längst zu der Überzeugung gekommen, dass eine Person mit direktem Bezug zum Rummel die wahrscheinlichste Annahme war, insbesondere wenn man berücksichtigte, dass es bereits einen anderen Mord mit sehr ähnlichen Umständen gegeben hatte. »Ich habe keine Ahnung, wie viele Mitarbeiter so ein Rummelplatz beschäftigt. Ich bekomme von Kerner eine Liste der Schausteller und Budenbetreiber. Dann haben wir einen Überblick. Vielleicht finden wir in Ihren alten Akten eine Aufstellung der Leute vom Magdeburger Rummel, womöglich entdecken wir dadurch gleiche Namen.«
Ritter trat aus der Geisterbahn und winkte sie zu sich. Er wartete, bis sie angekommen waren, und erklärte dann: »Wer will, kann jetzt gucken kommen. Mit der Handtasche sind wir soweit.«
~ 6 ~
Im Gänsemarsch liefen sie Ritter hinterher, wobei die beiden Frauen Sello den Vortritt gelassen hatten. Sie wussten bereits, was er gleich zu sehen bekommen würde.
Der Fundort bildete wegen der gleißend hellen Scheinwerfer der Kriminaltechnik eine Lichtinsel inmitten der Anlage. Der Leichnam der toten Frau wirkte dadurch verändert, fand Judith. Nicht mehr friedlich, schlafend. Im Gegenteil. So kalt und unbarmherzig ausgeleuchtet, schien es ihr, als würde auf einmal der Mord ganz deutlich sichtbar. Die Gewalttat. Das schlimme Ende. Sie hatte das schon öfter so intensiv empfunden, meistens, wenn ein Opfer unter den grellen Lampen eines Obduktionstisches lag. Und jetzt, in der bizarren Umgebung einer Geisterbahn, war dieses eindringliche, bedrückende Gefühl erneut da.
Anton Sello und Dr. Martens standen nebeneinander und betrachteten die Tote. Schweigend. Konzentriert.
Ritter wollte dabei nicht stören und drückte Judith einen länglichen Briefumschlag in die Hand. »Kein Ausweis oder Portmonee«, bemerkte er leise.
Adressiert war der Umschlag an eine Martina Neumann, wohnhaft in Kalbe/Milde, in der Gerichtsstraße. Mit einer Schreibmaschine getippt. Judith drehte ihn um. Kein Absender auf der Rückseite. Behutsam klappte sie die lose, dreieckige Lasche zurück, um nachzusehen, was der Umschlag enthielt. Er war leer. Seltsam.
Sello ließ sich Zeit mit seiner Betrachtung des Fundortes, bis er sich zu Judith umwandte und zugab: »Das gefällt mir nicht. Sieht genau so aus wie seinerzeit in Magdeburg. Kein Zweifel. Ich muss Dr. Martens recht geben.«
Judith übergab ihm den Umschlag. »Nichts drin.«
Sello trat von der Leiche zurück, ging zu einer der aufgebauten Lampen und bewegte den Briefumschlag ein paarmal hin und her. Selbst dieses Detail stimmte erschreckenderweise mit seinem damaligen Fall überein. »Mehr nicht?«, wandte er sich an Ritter.
»Keine Papiere. Nur der leere Umschlag. Außerdem Kosmetika, Taschentücher, ein Schlüsselbund. Wir haben noch eine Menge Arbeit vor uns. Sind lange nicht fertig, da ist bestimmt für euch was dabei«, blieb Ritter optimistisch und wollte sich prompt zu seinen Leuten gesellen.
»Warte«, hielt Sello ihn auf. »Wir müssen zu dieser Adresse fahren. Da brauche ich dich dort vor Ort.«
»Mich persönlich?«, wunderte sich Ritter.
»Du bist ohne Zweifel der Beste.« Sello deutete auf Dr. Martens und erklärte: »Wir beide hatten schon mal einen Fall, ist eine Weile her, da war alles genau so. Fundsituation, Handtasche, Briefumschlag. Die Adresse gehörte zur Wohnung der Toten.« Er drückte Elinor ihren Bericht wieder in die Hand. »Sogar, dass es keine junge Frau ist, passt.«
»Verdammt!«, rutschte es Ritter heraus. Er hatte genügend Berufserfahrung, um zu wissen, dass zwei dermaßen identische Morde sich zu einem riesigen Problem auswachsen könnten.
»Du sagst es«, murmelte Sello. Dann verteilte er die Arbeit: »Ich nehme Ritter mit. Hast du die Schlüssel?«, vergewisserte er sich und war zufrieden, als der einen Beweismittelbeutel mit dem Bund in die Höhe hielt. »Judith, Sie warten hier auf die Staatsanwaltschaft.« Er sah auf seine elegante Armbanduhr. Glashütte. Teuer. Schick. »Gleich vier. Wo bleiben die eigentlich? Danach kann Dr. Martens die Tote schleunigst mitnehmen.«
Elinor nickte. Sie wusste, welche große Bedeutung die zeitnahe Autopsie der Leiche haben würde.
»Ach so«, fiel es Judith zwar etwas spät, doch hoffentlich nicht zu spät ein: »Wir sollten die gesamte Geisterbahn umgehend durchsuchen. Da gibt es allerhand dunkle Ecken und Verschläge, in denen sich jemand verstecken kann, von all den Särgen, Fässern und windschiefen Schränken nicht zu reden. Ich will nur ausschließen, dass der Täter sich hier irgendwo verkrochen hat, abwartet, bis wir wieder verschwinden und sich dann aus dem Staub macht.«
»Hätte mir auch sofort einfallen können«, gab Sello zu. »Kümmern Sie sich bitte darum. Ich fahre, sobald ich mich in der Wohnung umgesehen habe, zurück nach Stendal und organisiere uns mehr Leute und erledige das Rumtelefonieren. Ab morgen arbeiten wir vom Salzwedeler Revier aus. Das LKA ist sicher nicht begeistert, wenn ich von der Sache hier erzähle«, zog Sello die Augenbrauen hoch. »In der Wohnung müssten sich ein Foto oder die Papiere der Frau finden. Dann können wir das Thema Identifizierung wenigstens als gesichert abhaken. Machen Sie einstweilen mit den Befragungen weiter, Judith. Die Alibis. Man sollte uns doch sagen können, ob hier gestern oder heute Fremde aufgetaucht sind, hat irgendeiner Fragen gestellt, wurde jemand gesucht? Ich schicke Ihnen so schnell wie möglich Letzien her, der muss Sie dann ablösen. Das wird bestimmt ein langer Abend« – er lächelte freimütig ihren Bauch an – »aber Sie scheren sich nachhause, sobald er hier auftaucht. Die nächsten Tage werden anstrengend genug.«
Judith wusste, dass es falsch war, den Hinweis auf Erik Lenz zurückzuhalten, doch sie konnte nicht anders. Sie brauchte Zeit, um in Ruhe darüber nachzudenken, was für Auswirkungen diese Information auf Lisa und ihre Familie haben könnte. Im schlimmsten Fall geriet Erik unter Mordverdacht! Also blieb sie allgemein: »Kerner gibt uns eine Liste mit allen Namen. Wir befragen jeden. Ich organisiere erst die Durchsuchung und dann nehme ich mir die Leute vor.«
~ 7 ~
»Wie habt ihr euch das eigentlich vorgestellt?«, wollte Laura von ihrem geliebten Ehemann Max und seinem Geschäftspartner Walter wissen, als die Männer, von oben bis unten in schwarze Tarnkleidung gehüllt, vor ihr standen. Nur die Sturmhauben hatten sie noch nicht aufgesetzt, die klemmten in ihren Gürteln. Sie sahen gefährlich und entschlossen aus. Walter versuchte mal wieder, an den grimmigen Blick, den sein Kompagnon wahrscheinlich von Geburt an aufsetzen konnte, heranzukommen. Als ehemaliger Spezialagent hatte Maxim eine Menge erstaunliche Dinge drauf, und zu gucken, als verspeise er seine Gegner locker zum Frühstück, gehörte dazu. Das martialische Bild der beiden Männer wurde allerdings gestört – von einem knuffigen Hundewelpen, der zwischen ihnen hockte, ein Pfötchen auf Maxims Stiefel gelegt und unschuldig in die Welt blickend.
Als vor ein paar Monaten klar wurde, dass Maxim sich einen Hund zulegen und ihn ausbilden wollte, hatte Laura ohne Zögern zugestimmt. Mal abgesehen davon, dass eine zusätzliche Wache niemals schaden konnte, hatte sie deutlich gespürt, dass Maxim sich so ein Tier als Gefährten wünschte. Im Kindesalter, in seiner russischen Heimat, hatte er einen Hund besessen, der eines Tages spurlos verschwunden war. Dieser unerklärliche Verlust lag irgendwo, tief begraben, doch nie vergessen, auf Maxims Seele. Laura spürte das, wenn er ihr von seinem vierbeinigen Freund erzählte, der ihm in den vielen finsteren Momenten der Kindheit ein Trost gewesen war. Sie hoffte insgeheim, die Gesellschaft eines neuen Hundes würde ihm helfen, mit weniger Schmerz zurückzudenken. Sie liebte ihren Mann so sehr! Max hatte bei seiner Entscheidung großen Wert auf eine Rasse gelegt, die zum fähigen Wachhund taugte. Dennoch musste das Tier unauffällig sein, denn wegen seiner, nun ja, bestenfalls undurchsichtigen Vergangenheit wollte Maxim jede unnötige Aufmerksamkeit vermeiden. Er hatte bei ihrer Heirat sogar ihren Familiennamen angenommen, um Spuren zu verwischen. Als er dann mit den beiden Welpen, aus denen einmal respektgebietende Schäferhunde werden sollten, zuhause auftauchte, hatte sie sich umgehend in die kleinen Kerle verliebt. Die komplette Familie Bauer war gekommen – die Kinder Dany, Fritzi und Henry, ihre Eltern Leon und Elvira – denn immerhin sollte sie ein Hündchen abbekommen. Walter und Judith hatten sich dazugesellt, und den ganzen Abend über wurden im großen Kreise nötige und unnötige Anschaffungen besprochen und Hundenamen ausgetauscht, während die Neuankömmlinge friedlich in ihrem Transportkörbchen schliefen, fraßen oder geduldig auf jemandes Arm kuschelten. Schließlich entschied sich Maxim für Arkan und Fritzi für Badu.
»Wie bitte? Ihr wollt die ganze Nacht mit ihm raus? Er ist noch viel zu klein für eure Spielchen! Was, wenn er friert?«, ereiferte sie sich, sehr wohl wissend, dass die beiden Männer innerlich die Augen verdrehten. »Oder sich verläuft?«
»Wir haben extra lange Leinen«, informierte Maxim geduldig, gab damit aber mehr preis, als gewollt.
»Was sagt denn Elvira dazu?«, fragte Laura, wie aus der Pistole geschossen. Sie wollte sich weiblicher Unterstützung versichern, befürchtete allerdings, auf verlorenem Posten zu stehen. Elviras Sohn Fritzi kümmerte sich hingebungsvoll um sein Hundebaby, und da Walter als früherer Dorfpolizist und nunmehr erfolgreicher Privatdetektiv sein Held war, würde er höchstwahrscheinlich die Männer auf ihrer Expedition begleiten. Bestimmt war es der Plan, dass der kleine Bruder von Arkan mit auf die Nachtwanderung musste.
Walter seufzte im Stillen und sah Maxim stirnrunzelnd an. Als sie sich vor etlichen Wochen entschlossen hatten, die Hunde zu nehmen und zu trainieren, war bezüglich der Intensität und Strenge des Trainings nicht mit so viel weiblichem Widerstand gerechnet worden. Vielleicht gelang es, wenigstens ein paar Stunden Zeit herausschlagen, wenn schon nicht die ganze Nacht? Dass sie demnächst mehrere Tage unterwegs sein wollten, ließen sie lieber unerwähnt.
»Was hast du eigentlich heute Abend vor?«, versuchte Maxim, seine Frau abzulenken. Sie saß an ihrem Schreibtisch hinter Stapeln von Büchern und schob Schablonen und Buntstifte hin und her.
Walter ahnte, dass er Lauras Antwort nicht würde entschlüsseln können, denn wenn sie über ihrer Arbeit saß und davon erzählte, wünschte er sich meistens ein zehnbändiges Universallexikon herbei. Und so war es. Ein breites Grinsen stahl sich in sein Gesicht.
»Die Blasonierung dieses Wappens stimmt kein bisschen. Ich suche noch nach ...« Sie lachte laut los. »Du willst mich ablenken, stimmt’s?«, durchschaute sie Maxim mühelos. »Elvira weiß hoffentlich, was ihr vorhabt. Und Walter, guck nicht so, als wüsstest du, wovon ich rede.« Seit Laura ihren Beruf als Archivarin ergriffen hatte und Walter von ihren Forschungen und Entdeckungen berichtete, spielten sie dieses Spielchen und hatten beide großen Spaß daran.
Die Männer gaben sich wirklich Mühe, wie Unschuldslämmer auszusehen und zugleich Interesse an ihrer Arbeit vorzugeben.
