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Eine Mordermittlung als Auftakt - so hatte sich Hauptkommissarin Judith Brunner den Start in ihrer neuen Dienststelle in Gardelegen nicht vorgestellt. Erneut erschüttert ein Mord das Altmarkdorf Waldau. Niemand kennt den Toten. Außergewöhnliche Fundumstände lassen auf einen gewissenlosen Täter schließen. Was lange wie ein Verbrechen ohne Motiv aussieht, entwickelt sich zu einem Drama aus Gier und Erbarmungslosigkeit. Als dann ein weiterer Mord geschieht, werden ungeahnte Hintergründe deutlich und führen die Ermittlungen zu einem beunruhigenden Ende.
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Seitenzahl: 440
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Heike Schroll
Eisblumen – Ein Altmarkkrimi
Judith Brunners zweiter Fall
Kriminalroman
eBook
alto-Verlag Berlin
Die vorliegende Kriminalerzählung ist frei erfunden. Jede Übereinstimmung von Personen und Örtlichkeiten wäre rein zufällig.
Besuchen Sie bitte auch den Autorenblog:
http://www.heikeschroll.com
Impressum
Schroll, Heike
»Eisblumen – Ein Altmarkkrimi«
Judith Brunners zweiter Fall
Kriminalroman
eBook-Version: (13.03) März 2013
Copyright © dieser Ausgabe by alto-Verlag Berlin
Copyright © 2011 by Heike Schroll
Umschlaggestaltung und Fotos: Bernd Schroll
Alle Rechte vorbehalten
© alto-Verlag Berlin 2013
ASIN: B0066QDYSC
ISBN 13: 978-3-944468-05-1 (epub)
ISBN 10: 3-944468-05-8 (epub)
Identische Taschenbuchausgaben:
3. Auflage, altmarkkrimi.de 2012
ISBN 13: 978-3-00-039332-7
ISBN 10: 3-00-039332-3
Erstauflage, alto-Verlag Berlin 2013
ISBN 13: 978-3-944468-01-3
ISBN 10: 3-944468-01-5
ISBN-A: 10.978.3944468/013
http://dx.doi.org/10.978.3944468/013
www.heikeschroll.com
www.alto-verlag.com
fon: +49.(0)30.654 977 32
fax: +49.(0)30.654 977 33
Sonnabend
Altmark, Waldau 1986
~ 1 ~
Alle rannten hinter der Sau her.
»Pass auf!«
»Halt sie fest!«
»Wie denn?«
»Mach doch mal!«
»Sehr hilfreich!«
Zwar lief das Borstenvieh bestimmt nicht schneller als seine Jäger, doch schien es entschlossen, seine geglückte Flucht auszukosten und sie notfalls alle über den Haufen zu rennen.
Laura musste sich eingestehen, dass es ihr an der nötigen Unerschrockenheit mangelte, das Tier einzufangen. Mal abgesehen davon, dass sie nicht wusste, an welcher Stelle man ein Schwein zu diesem Erfordernis am besten anfasst und ob man es überhaupt festhalten kann. Ihr war ja noch nie eines ausgebüxt! Vielleicht würde es ja beißen? Und Ortspolizist Walter Dreyer, der immerhin der Eigentümer der geflohenen Sau war, hätte zwar gewusst, wie sie einzufangen wäre, jedoch konnten seine Fähigkeiten in dem Gewusel von Mensch und quiekendem Tier nicht zum Tragen kommen.
Zu allem Überfluss war es wieder eine bitterkalte Nacht gewesen und dicker Raureif machte das Kopfsteinpflaster tückisch glatt. Außerdem mussten Laura und Walter lachen, so absurd war die Situation. Da rannten vier gestandene Leute einem renitenten Schwein mit lautem Getöse über den Dorfplatz hinterher, dass es eine Freude war! Doch sie hatten einen nachvollziehbaren Grund: Heute sollte geschlachtet werden. Und das ausgesuchte Opfer wollte sich offenbar nicht dazu hergeben.
So stolperte denn auch ein Mann mit grauweißer, langer Gummischürze, oberschenkellangen Gummistiefeln, rosaroten, riesigen Gummihandschuhen und weißer Schirmmütze dem Schwein hinterher, welches er gerade mit einem Bolzenschussgerät erledigen wollte, als es sich zu seinem Ausflug entschloss. Die Gummikleider gaben bei jeder Bewegung ein unangenehm schlurfendes, stumpfes und deutlich hörbares Geräusch von sich, das er nicht vermeiden konnte, so vorsichtig er sich auch bewegte. Das alles war ihm furchtbar peinlich. Nicht nur, dass seine Unbeholfenheit in dieser Montur ihn praktisch unbrauchbar für die Jagd machte, nein, mit Sicherheit zog das Schauspiel mehr Aufmerksamkeit auf sich, als ihm recht sein konnte – immerhin war er der Schlachter, der Fachmann. Und dann passierte so etwas: Irgendwie hatte sich das Hanfseil am Hinterfuß der Sau gelöst.
Als Verstärkung beteiligte sich Irmgard Rehse, die Schwester von Lauras Großmutter und wie Laura enge Nachbarin Walter Dreyers, ebenfalls an der Verfolgung, obwohl sie kaum mehr als moralischen Beistand zu leisten imstande war. Und wem der in diesen Momenten genau galt?
Plötzlich fiel die Sau um, einfach so, und war tot. Mitten auf der Straße.
Überrascht und zugegebenermaßen auch erleichtert, standen sie nun um das Tier herum.
»Kann man es jetzt noch essen?« Laura war sich nicht sicher.
Die beiden Männer sahen sich vielsagend an und würdigten sie keiner Antwort.
»Jetzt aber schnell, wir brauchen einen Handwagen«, rief Walter und flitzte mit Laura zu seinem Hof zurück, so schnell es das glatte Pflaster eben zuließ. Er schnappte sich das hölzerne Gefährt, und Laura hatte gar keine Gelegenheit, mit anzufassen, so schnell trat er den Rückweg an.
Vereint hievten sie den mächtigen Fleischberg auf den Wagenboden und während die Männer die Ladung zu Dreyers Hof zogen, versuchten Laura und Irmgard Rehse durch Schieben den Transport zu unterstützen.
Zwei Böcke waren im Freien aufgestellt, auf die mit erheblicher Anstrengung eine Sprossenleiter mit dem Tier gehoben wurde. Das Schwein lag nun rücklings dort, wo es vor zwanzig Minuten schon hätte liegen müssen.
Zum Glück hatte so früh am Morgen niemand den Zwischenfall beobachtet, zumindest hofften das alle Beteiligten. Doch mit dieser Annahme lagen sie falsch.
»Was macht ihr denn da!?« Eine blonde Frau, tiefbraune Augen, Mitte dreißig, und trotz ihrer dicken winterlichen Kleidung elegant aussehend, stand am Hoftor und besah erstaunt die Szenerie.
»Judith, woher in Gottes Namen ...?« Verwirrt starrte Walter Dreyer seine Kollegin an, mit der er im vergangenen Herbst gemeinsam ermittelt hatte.
»Können wir jetzt endlich anfangen?« Der Schlachter, dem diese überraschende Situation einerlei war, wurde ungeduldig. »Ich brauche heißes Wasser zum Abbrühen.«
Doch Walter Dreyer benötigte einen Moment, um sich auf sein völlig unverhofftes Wiedersehen mit Judith Brunner einzustellen, also musste Laura auf die Aufforderung des Schürzenmannes reagieren und ging in Walters Küche, wo sie mehrere große Töpfe mit kochendem Wasser auf dem Herd vorfand. Na, wenigstens war während ihrer Jagd das Feuer nicht runtergebrannt. Sie goss das heiße Wasser in einen großen Eimer, legte rasch ein paar Scheite Holz nach und füllte die Töpfe auf. Heißes Wasser würden sie heute noch jede Menge brauchen.
Vorsichtig trug sie den vollen Eimer auf den Hof und stellte ihn neben das aufgebockte Schwein. Der Schlachter begann mithilfe einer blechernen Schöpfkanne, das Tier mit dem heißen Wasser sorgsam mehrfach zu übergießen und rief: »Ich brauch noch mehr, das reicht nicht!«
Walter Dreyer beteiligte sich immer noch nicht am Wasserholen. »Judith, weshalb sind Sie hier?« Es war nicht so, dass er sich nicht gefreut hätte, sie zu sehen, nur wurde er sofort argwöhnisch. »Es ist nicht wieder ein Mord, oder?«
Judith Brunner, Hauptkommissarin bei der Bezirksbehörde der Polizei, warf einen langen Blick auf das Borstenvieh und meinte dann völlig ernst: »Soweit ich das in diesem Falle beurteilen kann, nein.«
~ 2 ~
»Fritzi! Fahr nicht so weit rauf!«
Doch Fritzi war immerhin schon fünf, und auch wenn Dany bereits ein Schulkind war, dachte er gar nicht daran, auf seine große Schwester zu hören.
Der Teich war endlich zugefroren und er konnte aufs Eis.
Gestern Nachmittag schon hatte er heimlich ein paar Schritte versucht, obwohl die Mama gesagt hatte: »Ihr geht mir noch nicht auf den Teich!«
Nichts war passiert! Es hatte ein wenig geknackst. Er war sich nicht ganz sicher gewesen, ob es richtig war, noch einen Schritt zu machen, doch das Ufer schien ganz nah. Außerdem hatte er mal gehört, dass das Wasser im Teich gar nicht tief sei. Er hatte keine Angst.
Abends hatte er Dany von seinem Versuch erzählt und sie hatten beschlossen, es heute früh erneut zu probieren.
Gleich nach dem Aufstehen hatte ihre Mama ihnen ein paar Kekse und einen Becher Milch gegeben und gefragt, ob sie raus wollen.
Dann war sie wieder ins Bett gegangen und Dany hatte ihrem Bruder beim Anziehen geholfen. Beide freuten sich heute besonders auf das alltägliche Spielen im Park. Ob noch andere Kinder draußen sein würden? Meist waren sie um diese Zeit allein unterwegs. Erst wollten sie mit dem Schlitten los, aber so richtig lag noch kein Schnee und es würde schwer für Dany werden, ihren kleinen Bruder den ganzen Weg zu ziehen. Und dann war Dany ihr Fahrrad eingefallen, damit würde es viel schneller gehen. Also setzte sie ihren Bruder auf den Gepäckträger und radelte unbeholfen los, Schlangenlinien im reifbedeckten Boden hinterlassend. »Halt dich gut an mir fest.«
Als sie erwartungsfroh ankamen, lag der Dorfteich ganz still da. Der Reif hatte sich auch auf das Eis gelegt und die weiße Fläche wirkte in ihrer Seltenheit unwiderstehlich anziehend.
Die Kinder tasteten sich vorsichtig ein paar Schritte auf dem Eis voran, und als nichts passierte, rief Dany: »Komm, wir machen uns eine Schlitterbahn!«
Fritzi war gleich begeistert und bald hatten sie durch intensives Hin- und Herrutschen ein spiegelblankes Stück Eis poliert, auf dem es sich herrlich ein paar Meter weit schlittern ließ.
»Mal sehen, wer weiter kommt!« Fritzi nahm Anlauf und seine Schwester markierte mit einem Steinchen die Stelle, bis zu der er gerutscht war.
Dann war sie an der Reihe.
Nach ein paar Versuchen war klar, dass Dany nicht zu schlagen war.
Ihr kleiner Bruder verlor rasch die Freude am Spiel und versuchte nun, seine Abenteuerlust mit dem Fahrrad auszuleben.
»Fritzi! Komm lieber zurück!«, mahnte Dany jetzt lauter.
Aber Fritzi stellte sich taub.
Er war fast in der Mitte des Teiches angekommen, als es laut knallte. Fritzi konnte das Geräusch nicht einordnen, denn er hatte es noch nie gehört. Und schon krachte es wieder und nun merkte er, dass es von unten kam. Und plötzlich war das Fahrrad weg und ihm wurde eiskalt. Er hatte nicht einmal Zeit gehabt, Angst zu haben.
»Fritzi!!!« Was sollte sie machen? Niemand war in der Nähe! Ohne nachzudenken, rannte Dany zum Eisloch und bemerkte nicht, dass sich das Eis auch unter ihren Schritten bewegte. Sie starrte in das schwarze Wasser. Ihr Bruder war nicht zu sehen.
Aus dem Fernsehen wusste sie, dass man sich hinlegen musste, wenn man jemand aus dem Eis retten wollte. Das war noch einfach. Bloß wie sollte sie Fritzi finden? Vorsichtig steckte sie eine Hand in das Wasser und zog sie erschrocken zurück. War das kalt! Und ihr Anorak würde nass werden. Mama würde wieder mit ihnen schimpfen. Wo Fritzi nur blieb? Er musste doch wieder auftauchen! Plötzlich dachte sie, eine Hand gesehen zu haben. Er kommt! Rasch griff sie zu und zog mit aller Kraft daran.
Doch diese kalte Hand steckte nicht in Fritzis rotem Anorak, sie war viel größer und hatte sogar Haare.
~ 3 ~
Die Borsten fielen in nassen Klumpen auf den Boden. Inmitten einer Dampfwolke stand der Schlachter und schabte mit einer seiner Schellen die achtsam gebrühte Haut des Schweins ab. Ihm gelang es, diese trichterförmigen Metallgeräte verschiedener Größe zu verwenden, ohne der Haut Verletzungen zuzufügen und sie wie nach einer Rasur glatt und rosig aussehen zu lassen. Immerhin gehörte die Schweinehaut heute zu seinem Honorar. Da gab er sich schon Mühe, das zukünftige Lederstück nicht zu beschädigen. Es würde ihm einige Talerchen einbringen, wie auch die anfallenden Schweinehaare. Getrocknet und gereinigt konnte er sie für gutes Geld verkaufen. »Sammelt mal jemand die Borsten ein!«, forderte er seine Helfer resolut auf.
Laura nutzte die Gelegenheit. »Hier, rühr du mal weiter.« Sie überließ Walter Dreyer den großen Eimer. Das Blutrühren hatte sie noch nie gemocht, so wichtig es auch war, um ein Gerinnen zu verhindern. Die Männer hatten diesmal gut aufgepasst und beim Ausbluten des Schweins war kaum etwas daneben geflossen. Einer guten Blutwurst stand also nichts entgegen.
Kritisch beäugte der Schlachter seine Hilfstruppen. Er konnte nichts an ihrer Arbeit aussetzen und wandte sich wortlos wieder seinem Metier zu. Die Sehnen der Hinterbeine waren freizulegen, damit das Krummholz eingezogen werden konnte. Dies musste präzise erfolgen, denn immerhin sollte das mehrere Zentner schwere Schwein eine geraume Zeit daran hängen.
Judith Brunner wurde kurzerhand gebeten, es sich bei Laura, die ein kleines, einfaches Bauernhaus von ihren Großeltern geerbt hatte, bequem zu machen. Ein wenig kannte sich die Hauptkommissarin im Dorf aus, da sie nicht zum ersten Mal in Waldau weilte. Auch seinerzeit hatte Laura Perch der Polizistin angeboten, bei ihr zu wohnen. Die beiden fast gleichaltrigen jungen Frauen hatten sich unerwartet und plötzlich in derselben Mordgeschichte wiedergefunden und Laura hatte unaufdringlich begonnen, Judith zu unterstützen. Während der Ermittlungen konnte sie mit ihren fachlichen Kenntnissen als Archivarin sogar dazu beitragen, den Fall zu lösen.
Wilhelmina, die Katze, war heute von Walter Dreyers Hof verbannt und in Lauras Haus eingesperrt worden. Sie war froh, dass sie nun Gesellschaft bekam, denn mit Judith war wenigstens ein Mensch da, der sie unterhalten würde.
Laura sah Walter an. »Hat Judith dir erzählt, warum sie hergekommen ist?«
»Nein, sie meinte nur, sie müsse dringend mit mir reden.«
»Aha.«
»Dienstlich.«
»Ja?« Sie war sich da nicht sicher. Laura war nämlich nicht entgangen, wie Walter seine Kollegin angesehen hatte, als die sich damals verabschiedete.
»Mehr hat sie nicht gesagt.« Walter klang besorgt.
Die Autorität auf dem Hof hielt ein großes breitschneidiges Messer in die Höhe und unterbrach das Gespräch der beiden: »Wir brauchen noch einen Mann. Zu zweit kriegen wir die Sau nicht hoch.«
»Noch einen Mann? Wo sollen wir den hernehmen? Ich kann auch mitmachen«, bot Laura ihre Unterstützung an.
Doch Walter war schon vom Hof gegangen und kehrte nach höchstens zwei Minuten mit einem Nachbarn zurück, bei dessen Anblick Irmgard Rehse unwillig schnaubte: »Na der!«
Laura überlegte nur, wie Walter ihn so schnell wach bekommen hatte, denn in der Regel verschlief Alfi Schuler den Vormittag, da seine Abende bis weit in die Nacht reichten und er sich die Zeit dabei mit erheblichen Mengen alkoholischer Getränke vertrieb. Immerhin war seine Arbeitskraft stets und überall im Dorf willkommen und im Augenblick wären sie ohne ihn aufgeschmissen gewesen.
Mit vereinten Kräften und unter dem Kommando des Schlachters gelang es den Männern, die Leiter stabil an der Scheunenwand aufzustellen. Das Krummholz hielt und das Schwein hing. Um die steile Neigung zu fixieren, wurden ein paar Holzkeile unter die Holme geschoben. Und schon war der erste Höhepunkt des Morgens erreicht – alle, selbst Irmgard Rehse, blickten Walter auffordernd an. Der lächelte verschmitzt und zauberte aus einer Holzkiste im Scheuneneingang eine Flasche Klaren und einige Stumpengläser. Er schenkte allen ein und hob sein gut gefülltes Glas. »Wenn das Schwein am Haken hängt, wird erst mal einer eingeschenkt«, und in einem Zug stürzten sie den Schnaps runter.
»Schönes Schwein«, kommentierte Alfi Schuler und hielt sein Glas erneut hin. Für ihn war das sicher ein gelungenes Frühstück.
Die anderen hatten schon vor Stunden, noch im Dunklen, bei Walter Dreyer erwartungsfroh in der warmen Küche bei Kaffee und Brötchen zusammengesessen und ihren arbeitsreichen Tag entspannt begonnen.
Der Schlachter, ein entfernter Cousin von Irmgard Rehse, war zu frühester Morgenstunde auf seinem Mofa aus Gardelegen angereist gekommen, durchgefroren und hungrig. Ganz in Ruhe hatte er kräftig zugelangt.
Laura genoss es, hier zu sein. Zu den eindrücklichsten Erinnerungen ihrer Waldauer Kindheit gehörte nämlich das alljährliche Schlachtfest ihrer Großeltern, mit Helfern aus der Familie und der Nachbarschaft. Neben den lukullischen Extras lockten Laura vor allem das gemeinsame Erlebnis der Herstellung schmackhaftester Wurst- und Räucherware nach alten Altmärker Geheimrezepten und das gute Gefühl am Abend, wenn man bei ersten Kostproben und einigen Flaschen Bier zusammensaß und auf einen gelungenen Tag zurückblicken konnte. Walter hatte wahrscheinlich keine Ahnung, wie dankbar sie ihm für seine Einladung war.
Irmgard Rehse hingegen war ein wenig aufgeregt gewesen. Mit ihren gut siebzig Lenzen war sie heute die Erfahrenste auf dem Hof und wusste, was beim Schlachten alles schief gehen konnte. Sie hatte ihr wollenes, dunkelrotes Kopftuch beim Frühstück noch einmal abgenommen und Laura konnte den kunstvoll geschlungenen Knoten in Tante Irmgards hellem Haar bewundern. Wie hielt das bloß mit den paar Nadeln?
Mit wachen Augen hatte Irmgard Rehse unauffällig die bereitstehenden Töpfe, Schüsseln und Schneidbretter geprüft. Alles schien gut vorbereitet. Schon gestern hatten sie den ganzen Tag die nötigen Großgeräte geschrubbt, Eimer, Leiter, Mollen, Holzkellen. Sie mussten auch die Waschküche in der Scheune nutzen, denn nur die bot genügend Platz zum Mischen und Abbinden der Wurstmassen. Der dortige Waschkessel war hervorragend zum Wurstkochen geeignet. Ein großer Vorrat von Holzscheiten lag bereit, damit stets ausreichend nachgelegt werden konnte.
Irmgard Rehse hatte alte Wollstrümpfe über ihre Filzstiefel gezogen, um auf dem glatten Kopfsteinpflaster vor Walter Dreyers Scheune nicht auszurutschen. Unter dicken, schwarzen Trainingshosen trug sie lange Strümpfe. Und obenrum wärmten sie zwei Pullover. Darüber trug sie ihre geräumigste Kittelschürze, denn trotz der vielen Kleidung musste sie sich ja noch ausreichend bewegen können.
Auch Laura hatte solch eine farbenfrohe Schürze über ihre ebenso vielschichtige und unförmige Garderobe gezogen. Gerührt bemerkte Tante Irmgard, dass Laura eine Kittelschürze ihrer Großmutter trug, mit Streublümchen auf dunkelgrünem Grund. Wie viele Jahre war es jetzt her, dass ihre Schwester nicht mehr lebte! Aber dieses Mädchen tröstete sie ein wenig über den Verlust hinweg.
Irmgard Rehse stellte ihr Schnapsglas beiseite, schaute erst auf das hängende Schwein und dann unauffällig auf ihre Uhr, denn sie hatte noch zwei Frauen zum Helfen gebeten. Das Schnippeln der Fleischstücke würde mehr als ihre Hände brauchen und Laura hatte mit der Schlepperei der Eimer und Schüsseln zwischen Waschküche und Hausküche genug zu tun. Außerdem ließ es sich bei der Gelegenheit gut klönen und das machte ihr wirklich Spaß. Es waren noch gut zehn Minuten Zeit.
»Mehr heißes Wasser«, lautete erneut die Anweisung. Walter und Laura folgten gehorsam. Das Schwein wurde schwungvoll damit bekippt und war nun rundum sauber. Der Wasserdampf stieg vom eisigen Boden auf, und als er sich verzog, hatte der Schlachter das Tier aufgeschlitzt, nahm vorsichtig die Gedärme heraus und rief: »Eine Molle!«
Walter stand bereit und schob den Holztrog hin; die graubraunblaue Masse glitt flutschend in das Behältnis.
~ 4 ~
»Hör zu, mein Lieber. Wir müssen uns ernsthaft unterhalten.« Botho Ahlsens saß im Wintergarten des Gutshauses mit Leon beim Frühstück und versuchte das Gespräch, auf das er sich seit Tagen vorbereitet hatte, zu beginnen.
Es war nicht so, dass er Leon nicht mochte, im Gegenteil, doch mittlerweile wurde seine Anwesenheit auf dem Gut für alle zu einer Belastung. Denn der junge Mann war ein Faulpelz. Einer von der sympathischen und intelligenten Sorte, jedoch war sein gewisser Unterhaltungswert als alleiniges Konzept nicht tragfähig genug. Zumindest nicht für Botho Ahlsens, und der fragte sich allmählich, wie das weitergehen sollte.
Zu seiner Überraschung war Leon im letzten Herbst in Waldau aufgetaucht, um an der Beerdigung von Paul Ahlsens teilzunehmen. Eines Nachmittags, als er gerade mit seiner Nichte Astrid im Wintergarten saß und einen Kaffee trank, beobachteten sie einen schlanken, jungen Mann von Mitte zwanzig, dem eine natürliche Eleganz nicht abzusprechen war, wie er durch ihren Gutspark spazierte, als gehöre er ihm. Er hatte längeres, dunkelblondes Haar, trug lässig einen schwarzen, weichen Schal, und als er wenige Minuten später ungeniert an eine Scheibe des Wintergartens klopfte, konnten sie seiner charmanten Vorstellung nicht widerstehen. Sie nahmen ihn sofort als Gast auf.
Botho Ahlsens hatte von Leons Existenz zwar vor etlichen Jahren von einer entfernten Verwandten erfahren, ihn aber nie zu sehen, geschweige denn etwas Neues zu hören bekommen. Schon damals konnte er dessen Eltern kaum noch mit seiner Familie in Zusammenhang bringen. Eine gewisse Verwandtschaft ließ sich nicht leugnen, zumal die graublauen Augen des Jungen, die stets zu lächeln schienen, bereits auf den Fotos mehrerer Generationen und Familienzweige der Ahlsens zu sehen waren. Dennoch hatte Botho Ahlsens in letzter Zeit mehrfach ernsthaft überlegt, ob er tatsächlich noch fassbar mit Leon verwandt war. Das hätte den Verantwortungsdruck etwas gemildert, den er nun spürte.
Noch vor einigen Monaten war Botho Ahlsens das alles völlig egal gewesen; er sah in Leons Gesellschaft eine willkommene Möglichkeit, seine Nichte auf andere Gedanken zu bringen und seine Besorgnis wegen ihr zu zerstreuen. Astrid hatte sich seit den tragischen Ereignissen im Herbst stark verändert. Anfangs erschien ihm ihre Niedergeschlagenheit vollkommen natürlich, obwohl er sich schon wunderte, dass sie in diesem Maße mitgenommen war. Aus dieser Apathie tauchte die junge Frau nicht wieder auf. Daran hatte leider auch Leons Einquartierung nichts ändern können. Nach einigen Wochen befürchtete Botho Ahlsens eine schwere Depression, und dann, plötzlich, war Astrid für einige Tage ausgelassen und fröhlich wie zuvor. Seither beobachtete er diese Stimmungsschwankungen.
Und mit Leon hatte er statt einem nun zwei Problemkinder im Haus. Das hatte er sich eingestehen müssen und deswegen führte er jetzt dieses Gespräch.
»Na los, was möchtest du?« Leon fragte arglos.
Botho Ahlsens wurde ernst. »Ich möchte, dass du aufhörst, dem lieben Gott den Tag zu stehlen, oder dass du wieder ausziehst.«
Ein Blick in Leons Augen sagte ihm, dass dies das Letzte war, womit der junge Mann gerechnet hatte. »Was meinst du?«
»Leon, ich bitte dich! Wie alt bist du? Was hast du gedacht, wie das hier weitergehen soll? Wartest du auf irgendeine dramatische Wende in deiner Biografie?«
Leon war perplex. »Was ist los? Habe ich etwas falsch gemacht? Ich entschuldige mich dafür, was es auch ist!«
Er klang aufrichtig. »Herrje, darum geht es nicht.«
»Worum dann?«
»Als du vor Monaten hier ankamst, hast du mir deine Hilfe auf dem Gut angeboten, erinnerst du dich?«
Leon nickte, sehr vorsichtig, fast unmerklich.
»Das war aufmerksam und nett, wenn ich auch nicht einschätzen konnte, ob du die nötige Qualifikation dafür mitbringst. Ich habe es jedenfalls ernst genommen. Und nun denke ich, dass das mein Fehler war.«
Lange schwiegen beide.
»Es tut mir leid.«
Das kam Botho Ahlsens zu glatt. »Was tut dir leid?« So einfach wollte er es dem Jungen nicht machen. »Dass ich so naiv war, oder dass ich etwas von dir erwarte?«
»Na ...«
»Na?«
Eine Antwort fiel Leon schwer: »Wo soll ich denn nun hin? Im Winter!«
Botho Ahlsens hatte eigentlich gehofft, Leon böte an dieser Stelle seine tätige Hilfe an, würde irgendeine Aufgabe übernehmen, etwas mit seiner Zeit anzufangen. Aber nein! Er wählte prompt den Teil seines Ultimatums, der ihm selbst nicht ganz einfach über die Lippen gekommen war. Der Junge versuchte sogar, ihm ein schlechtes Gewissen zu machen und Mitleid zu erheischen. Nicht schlecht! Wie oft hatte diese Masche wohl schon funktioniert? »Das ist mir eigentlich egal. Du bist erwachsen, Leon. Eine Woche müsste reichen, eine neue Bleibe zu finden. Oder eine sinnvolle Aufgabe!« Botho Ahlsens stand auf. Für ihn war das Gespräch beendet.
~ 5 ~
Als Fritzi aufwachte, konnte er nicht feststellen, wo er war. Alles war dunkel, er fror und die Decke, die ihn völlig einzwängte, kratzte; außerdem roch sie eklig. Als er sie von sich stoßen wollte, musste er feststellen, dass das nicht ging. Sie war überall um ihn herum. Nun bekam er Angst. Wo war er? Und wo war die Mama? Als ihm wieder einfiel, was auf dem Eis passiert war, kam noch die Sorge um das Fahrrad hinzu. Und was war mit Dany? Er wollte nicht, dass die Mama traurig war. Er musste das Fahrrad wieder haben. Aber dazu musste er aus diesem kratzigen Teil raus. Er strampelte, so heftig er konnte. Das half kurzzeitig sogar ein wenig gegen die Kälte. Wo waren seine Anziehsachen? War er vielleicht noch im Wasser? Wieso war es so kalt und dunkel? Und warum kratzte alles?
Fritzi jammerte ein bisschen vor sich hin. Leise und unglücklich. Als er dazu keine Kraft mehr hatte, wurde er ganz ruhig.
Und da konnte er es auf einmal hören: Ein Mann sang ein Lied. So wie die Mama, wenn sie lustig war. Er musste den Text nicht verstehen, trotzdem war es schön, wenn die Mama sang. Dann waren immer alle froh, es gab etwas Leckeres zu essen und Mamas und Danys Augen leuchteten ihn an.
Fritzi rief so laut er konnte: »Mama!«
Das Singen hörte auf.
»Mama!«
Nichts war zu hören.
»Mama«, rief Fritzi wieder mit weinerlicher Stimme, diesmal aber so laut er konnte.
»Himmel, was ist denn ...!«
Fritzi spürte, wie es heller wurde und noch viel, viel kälter. Jemand fummelte an dem kratzigen Stoff rum.
»Warte, gleich bist du raus! Mist! ... Hab keine Angst, hörst du. Hätte ich bloß ein Messer! Gleich.«
Und auf einmal war es hell und Fritzi sah den Himmel. Und den Mann, den er schon ein paar Mal im Dorf gesehen hatte. Er erkannte ihn.
»Was machst du denn hier? Wie ...?«
Fritzi konnte gar nichts sagen. Er musste wieder weinen, weil nun endlich ein Großer da war. Er zitterte ganz heftig und wollte in den Arm genommen werden. Der Mann zog schnell seine Jacke aus und wickelte ihn darin ein. Und auf einmal war alles gut. Es war warm, er wurde hochgenommen, er wurde getragen und bald hatte er die Mama wieder.
~ 6 ~
Lunge und Leber dampften in der Molle, mehr war von den Innereien nicht zu sehen. Der Fleischbeschauer konnte kommen.
Das Hackebeil war scharf geschliffen und spaltete mühelos das Rückgrat. Nun konnte das Verarbeiten der Schweinehälften losgehen. Sie lagen gut in der Zeit und waren dennoch alle etwas nervös. Würde der Fleischbeschauer etwas finden?
Der Schlachter hatte gut zu tun, um die Därme sauber zu bekommen. Seine Helfer mussten warten. Also wurden die Holzvorräte und das frische Wasser aufgefüllt und der Waschkessel noch mal ordentlich geheizt.
Laura überlegte kurz, ob sie mal rasch zu Judith rübergehen sollte, doch hatte sie nicht wirklich die Zeit dafür. Sie trug die Verantwortung für die Gewürze, also prüfte sie noch einmal die Bestände. Tante Irmgard wurde unruhig, weil es noch nicht losgegangen war mit dem Kochen und Schnippeln. Wo blieb bloß der Trichinenheini?
Endlich hörten sie das erlösende Knattern des uralten F8. Ein Türschlagen später kam der ersehnte Fleischbeschauer auf den Hof, sich seiner Position durchaus bewusst. Von ihm hing wesentlich das Gelingen des Schlachtfestes ab. Was nun folgte, machten die Männer im Haus unter sich aus, einschließlich des erneuten Begießens. Eine Viertelstunde später kamen sie in gelöster Stimmung aus der Küche und Walter rief auf den Hof: »Es kann losgehen!« Sogar Alfi Schuler hatte es geschafft, sich besorgt zu zeigen.
Unter fast euphorischem Händeschütteln verabschiedeten sie sich fröhlich und Walter Dreyer schnappte sich gerade die Molle mit den Innereien, als Judith Brunner auf dem Hof erschien.
Irgendetwas war geschehen, das sah er ihr sofort an. War in Lauras Haus ein Unglück passiert? Oder hatte es etwas mit dem zu tun, weswegen sie mit ihm reden wollte? Achtsam stellte er die Holzwanne wieder zu Boden. »Was ist los?«
»Wir haben eine Leiche.« Judith Brunner wusste nicht, wie sie es anders sagen sollte. Es war unglaublich.
»Ja, und ich mache jetzt Wurst daraus«, versuchte Walter zu scherzen, obwohl er im Innersten wusste, dass es ihr ernst war. Das war nicht Judiths Auffassung von Humor. Er hoffte nur.
Aber ihre Stimme hatte nicht heiter geklungen. Und sie lachte auch nicht.
»Eine Leiche?«, fragte er.
»Ja.«
»Hier?«
»Am Teich.«
Mehr als seufzen konnte Walter nicht. Was würde aus seinem Schlachtfest werden? Wer konnte helfen? Die meiste Arbeit lag noch vor ihnen. Und nun das! Er schnappte sich seine Molle und ging in die Waschküche.
Der Schlachter hatte, wie immer, sein eigenes Werkzeug mitgebracht, einschließlich eines übergroßen Fleischwolfs, der heute noch einen Hauptteil der Arbeit zu leisten haben würde. Der Mann begann dort gerade mit seiner Handarbeit und Laura reichte ihm Fleischstücke zu.
»Laura, ich müsste dich mal kurz sprechen«, bat Walter auffordernd, »draußen.«
Verwundert sah Laura Walter an. »Stimmt was nicht mit dem Fleisch? Haben wir doch Trichinen?«, fragte sie vorsichtig, als sie auf dem Hof standen.
»Nein, nein. Es ist was anderes.« Er blickte kurz in Judiths Richtung. »Laura, ich brauche deine Hilfe. Ich kann hier nicht weiter mitmachen. Man hat am Teich eine Leiche gefunden.«
»Was? Nein!« Worauf sich Lauras Protest bezog, war nicht klar. »Wen?«
»Keine Ahnung. Aber ich muss schnell los.«
Was blieb Laura übrig? Mit dem Schlachten aufhören konnten sie ja schlecht. Irgendwie mussten sie es hinbekommen. »Ich brauche mindestens noch einen Mann, Walter. Und unser Schlachtermeister wird auch nicht begeistert sein.«
»Alfi Schuler?«, schlug Walter in seiner Not vor.
»Also wirklich!«
»Wen hast du denn in petto?«
»Niemanden! Aber wie sollen wir das denn schaffen?«, wurde es Laura langsam etwas mulmig zumute.
»Vielleicht ist es ja gar nicht so schlimm, und ich kann immer mal vorbeikommen«, tröstete Walter sie beide mit einer unsinnigen Hoffnung.
Denn es war schlimm. Und es würde noch schlimmer werden.
~ 7 ~
»Also ich ziehe an dem Rad, das Wasser ist saukalt, das Teil ist irre schwer, und als ich den Lenker fast raus hatte, sah ich den Arm.«
»Und wo ist der Arm jetzt, Leon?«, fragte Walter Dreyer nach.
»Mann, das Eis ist gebrochen, da ist er mir wieder weggerutscht!«
Sie saßen zu dritt in der Küche vom Gutshaus bei einem starken Tee, der in Leons Glas zur guten Hälfte aus Rum bestand. »Mir ist immer noch kalt.« Er nahm einen kräftigen Schluck. »Wie der Kleine das bloß ausgehalten hat?«
»Leon, welcher Kleine?« Walter sprach geduldig auf ihn ein. Er hoffte immer noch, irgendeinen Sinn in der Geschichte entdecken zu können, die ihm Judith auf dem kurzen Herweg erzählt hatte.
»Na, Fritzi!«
»Fritzi!?«, gab Judith Brunner verwundert ihre bisherige Zurückhaltung auf.
»Sie kennen ihn?«, vermutete Leon Ahlsens.
»Nein, nein. Ich dachte nur, dass das, hm, der Kosename für ein Mädchen ist.«
Leon war auskunftsfreudig: »Es ist so ein kleiner Bengel, wohnt hinter der Gärtnerei. Ich hab’ ihn schon öfter gesehen und ...«
»Ich weiß, wer Fritzi ist, Leon. Was hat er hiermit zu tun?«, versuchte Walter Dreyer erneut, eine zusammenhängende Geschichte zu bekommen.
»Es ist sein Rad. Ach nein, das von Dany«, grinste Leon dabei Judith Brunner an.
»Auch ein kleiner Junge aus dem Dorf?«, fragte sie zurück.
»Nein, seine Schwester!«
Nun mischte sich Walter wieder ein: »Leon, erzähl bitte noch mal ab da, wo du aus dem Haus bist.«
»Noch mal?«
»Ja!« Judith Brunner und ihr Kollege hatten im Chor geantwortet.
»Also gut. Nach dem Frühstück bin ich raus, musste mich etwas bewegen und nachdenken. Es war ein herrlicher Morgen, die Sonne schien ...«
»Leon!«, ermahnte ihn Dreyer.
»... und ich trällerte vor mich hin, da hörte ich ein Kind laut ›Mama‹ rufen. Erst dachte ich, ich hätte mich verhört, dann rief es noch einmal. Es klang erbärmlich. Also lief ich in die Richtung und sah nur eine graue Kunststoffplane, so eine zum Abdecken. Und die bewegte sich. Als ich drunter sah, zappelte dort ein Sack. Der Kleine weinte und ich kriegte ihn nicht rasch genug raus. Der Sack war fest zugebunden. Na, jedenfalls hatte ich es dann geschafft, habe den Nackedei warm in meine Jacke eingepackt, ihn geschnappt und bin hierher. Ab in die Badewanne, eine Tafel Schokolade und nun schläft er in meinem Bett.«
»Und der Arm?«
»In der Wanne beruhigte Fritzi sich. Er erzählte mir, dass sie auf dem Eis spielen waren, dass er mit dem Fahrrad eingebrochen sei, dass seine Mama schimpfen würde, und da fing er wieder an, zu weinen. Da habe ich ihm versprochen, das Fahrrad wieder rauszuziehen. Er tat mir leid. Ab da ging’s ihm viel besser.«
»Und der Arm?« Walter Dreyer fragte ganz ruhig nach. Würde Leon irgendwann zur Sache kommen? Es war zum Haare ausraufen.
»Na, ich bin also auf allen vieren hin zum Eisloch, hab mich hingelegt und reingelangt. Und dann bekam ich das Rad irgendwie zu fassen und zog dran. Dann sah ich den Arm.« Den letzten Satz überdeutlich in Walters Richtung betonend, schloss Leon seinen Bericht.
»Dany?«, vermutete Judith Brunner besorgt.
»Nein, nein, von einem Kerl.«
»Weiter!«
»Ich wollte hierher zurück und Hilfe holen und bin ihr im Park, hinten am Pavillon, begegnet.« Leon nickte in Judiths Richtung. »Ich war nass, diese junge Frau hat gefragt, ob sie helfen kann. Ich hab ihr erzählt, was los ist. Sie hat gesagt, ich soll im Gutshaus warten, sie geht Sie holen.«
Walter Dreyer blickte beide prüfend an. Weder Leon noch Judith wollten irgendetwas ergänzen. »Also, das Fahrrad und der Arm sind noch im Teich?« Als beide nickten, fragte er Judith: »Sind Sie deswegen nach Waldau gekommen?«
Sie schüttelte heftig den Kopf. »Nein, ich wollte nur mit Ihnen reden, wirklich.«
Walter Dreyer blieb skeptisch. »Wollen wir das hier allein machen oder soll ich Thomas Ritter anrufen?«
»Ich denke wir fangen erst mal allein an, und wenn wir tatsächlich einen Arm haben, können wir die Kriminaltechnik immer noch rufen. Ich nehme an, wenn, dann finden wir am Arm auch noch den Rest ... Ich wollte in Waldau einmal einen Tag ohne Leiche verbringen, Walter.«
Diesem Teil des Gesprächs konnte nun wiederum Leon schwer folgen. Kannten die sich? Was besprachen die da miteinander? Aber langsam wurde ihm wieder warm und sein Tatendrang wollte befriedigt werden. »Was machen wir nun?«
Walter wies ihn an: »Wir brauchen eine lange Leiter und Seile; zur Not ein, zwei Beile. Und einen Fotoapparat. Kriegst du das hin?«
Leon nickte und verzog sich lässig.
Leise sagte Walter: »Es tut mir leid, Judith. Wirklich. Schon heute Morgen musste ich Sie stehen lassen. Können wir später reden, über das, was Sie mit mir besprechen wollten?«
»Sicher. Sie können nichts dafür, Walter. Es ist eben einer dieser unpassenden Tage.« Sie ärgerte sich sowieso schon genug, dass sie so unangemeldet hierher gekommen war. Das ging meistens schief. Zumal sie Überraschungsbesuche selbst auch nicht sehr schätzte. Doch der Auftrag ihrer Dienststelle und die daraus folgenden Konsequenzen hatten ihr keine Ruhe gelassen. Nun aber gingen der kleine Junge und ein Männerarm vor. »Wo ist Leons Zimmer?«
»Oben, kommen Sie«, übernahm Walter die Führung. Als sie leise die alte, hölzerne Kassettentür öffneten, sahen sie den Jungen, friedlich schlafend. Nur sein Köpfchen war in einem Berg aus Daunendecken und -kissen zu sehen. Leon hatte gut für den Kleinen gesorgt. In dem großen Bett sah er noch winziger aus, als Fünfjährige ohnehin wirken.
Walter bekam einen Kloß im Hals. »Da wollte jemand, dass der Kleine stirbt. Nackt in der Kälte versteckt. Das war ein Mordversuch, Judith.«
»Denke ich auch. Bloß, wenn der Junge im Eis eingebrochen war, warum hat er ihn dann rausgeholt?«
»Er?«
»Oder sie, meinetwegen. Man hätte ihn einfach im Wasser lassen können. Das hätte er auch nicht überlebt.«
Walter nickte. »Also, ich denke, wir rufen Ritter besser gleich an. Wir haben einen Arm im Wasser und einen Mordversuch an einem Kind. Das reicht mir.«
»Und sagen Sie Ihrem Arzt hier im Dorf gleich noch Bescheid, er soll sich den Kleinen ansehen«, rief Judith ihm hinterher.
Walter ging zum Telefon in der geräumigen Diele des Gutshauses, als sei er hier zu Hause. Wo die übrigen Bewohner waren, wusste er nicht. Durch die Fenster zum Hof sah er Leon die nötige Ausrüstung zusammentragen.
Begeisterung löste der Anruf bei der Kriminaltechnik nicht aus, dennoch würden die Kollegen der Spurensicherung aus Gardelegen natürlich kommen.
Einige Momente später traten die beiden Polizisten vor die Tür und Leon kam gerade mit einem Abschleppseil gelaufen. »Ich hab schon zwei, die können wir aneinanderhängen.«
»Na los!«
Zu dritt trugen sie die lange Leiter den kurzen Weg durch den Gutspark zum Teich. Das Eisloch war nicht weit vom Ufer entfernt und deutlich zu sehen. Während die Männer die Leiter auf das Eis legten, sah sich Judith um. Sie bemerkte die Schlitterbahn der Kinder und die Spuren der Rettungsversuche. Alles hatte sich immer zwischen dieser Stelle am Ufer und dem Eisloch abgespielt. Nirgends sonst war die Reinheit der Eisfläche berührt worden.
»Fest!«, rief Walter zum Ufer. Er lag bäuchlings vor dem Loch und verknotete das Seil am Fahrrad, »müsste halten.«
Vorsichtig kam er auf der Leiter zurückgekrochen, an den Armen und der Brust völlig durchnässt. Leon zog die Leiter ans Ufer und alle drei suchten im rutschigen Reif stabile Stehplätze, um kräftig ziehen zu können. Und sie spürten auch das Gewicht am anderen Ende ihrer Seilkonstruktion, doch stoppte die Eiskante jeden Versuch, irgendetwas aus dem Wasser zu bekommen. Also kam wieder die Leiter zum Einsatz und Walter hackte das Eis auf, während Leon und Judith ihn langsam zurückzogen. »Ein Eisbrecher hätte das nicht besser gekonnt«, munterte Leon den schlotternden Walter auf, »hoffen wir, dass es nun klappt.«
Und es gelang. Unter mächtigem Ächzen und mit vereinten Kräften zogen sie und spürten, dass sich ihre Last auf dem Grund des Teiches näherte. Zu sehen war noch nichts. Judith rutschte aus und landete auf dem Allerwertesten. In diesem Moment wurde der Fahrradlenker sichtbar; das Rad lag seitwärts geneigt im flachen Wasser.
Und als sie weiter zogen, war da tatsächlich ein Arm zu sehen, ein Arm mit einem halb nackten, toten Mann daran.
Und nicht nur Walter wurde kalt bis ans Herz.
~ 8 ~
Dany war es nur ganz knapp gelungen, sich rechtzeitig zu ducken. So hatte sie der fremde Mann nicht sehen können. Sie war, angetrieben vom Schreck, so schnell sie konnte, zur Straße gelaufen. Als sie gerade überlegte, was sie am besten der Mama erzählte, war der Mann aus dem Park gekommen. Irgendetwas an ihm machte ihr furchtbare Angst. Vielleicht hatte er alles gesehen und würde nun mit ihr schimpfen? Sie anbrüllen oder gar hauen? Oder er würde sie festhalten und sie könnte nicht nach Hause laufen? Nein, lieber suchte sie sich ein Versteck.
Dany hatte beobachtet, wie der große Mann zum Eisloch ging und hineinfasste.
Sie war heilfroh, dass jemand Fritzi aus dem Wasser zog.
Aber dann hatte der Mann sich ganz langsam umgesehen, so, als suche er jemanden, und war schnell mit Fritzi weggegangen. Der Mann hatte Fritzi nicht so gehalten, wie andere Erwachsene ihren Bruder auf dem Arm hielten. Er hatte ihn getragen, wie der Jäger im Märchenbuch das tote Reh trägt!
Und seitdem hatte Dany noch viel mehr Angst. Sie wagte nicht mehr, sich zu bewegen oder aus ihrer Kuhle hochzuschauen. Ihr wurde immer kälter, obwohl sie sich zusammenrollte. Und mit der Zeit wurde sie schrecklich müde. Als das kleine Mädchen nach einer Ewigkeit Stimmen hörte, hatte sie noch rufen wollen, doch dann schlief sie unvermittelt ein.
~ 9 ~
Walter war rasch nach Hause gerannt, um sich umzuziehen. Er war durch die Aktion am Teich völlig steif gefroren. Bis die Spurensicherung aus Gardelegen da war, konnten sie ohnehin nicht viel machen. Judith und Leon würden am Fundort aufpassen. Ihm war es recht, bei der Gelegenheit nach seinen Helfern sehen zu können. Er hatte schon arge Gewissensbisse, vor allem Laura gegenüber, die er mit einem Trunkenbold, einem griesgrämigen Schlachter und drei klönenden Weibern allein gelassen hatte, von der vielen Arbeit ganz zu schweigen. Zudem war er wütend. Er hatte sich auf das Schlachtfest wirklich gefreut! Er mochte diesen Tag, das, was das Schlachten begleitete, und das, was ihm folgte. Nun war er ausgeschlossen. Verdammt! Wer bringt in Waldau schon wieder Leute um?
Er grüßte kurz die von seinem durchnässten Anblick verblüffte Runde in seiner Küche, ging in sein Schlafzimmer, riss sich die Sachen vom Leib und stieg unter die Dusche.
Als er sich, aufgewärmt und trocken eingekleidet, am Küchenherd gerade einen heißen Tee nach Leonscher Art zubereitete, kam Laura mit einer riesigen Schüssel voll gekochter heißer Fleischstücke, die die Frauen für die Blutwurst in Würfel schneiden mussten, aus der Waschküche. »Walter?«
»Ja, ich bin’s«, versuchte er zu scherzen. Ungewöhnlich wortkarg informierte er: »Ich muss gleich wieder weg, war mich bloß umziehen.« Auf Lauras unausgesprochene Frage konnte er vor den drei interessierten Zuhörerinnen nur unbestimmt antworten: »Bin nass geworden.«
Laura nahm eine Schüssel fertiger Fleischbröckchen vom Tisch und wandte sich wieder zum Gehen. »Hilfst du mir mal mit der Tür?«
Walter flüsterte: »Laura, es tut mir leid.«
»Lass schon. Was ist denn nun passiert?«, nutzte sie die Gelegenheit.
»Es stimmt. Wir haben eine Leiche. Außerdem wollte jemand Fritzi umbringen.«
»Den Kleinen? Was ist ...?«
»Es geht ihm gut, Leon hat ihn gerettet. Den Toten aber kenne ich nicht.«
»Ein Glück«, sage Laura etwas unpassend.
Walter wusste, was sie meinte. Wenigstens war es niemand aus dem Dorf. »Ich muss wieder los. Du machst das hier großartig.«
Er hastete zurück zum Dorfteich und kam gleichzeitig mit den Wagen der Spurensicherung an. Inzwischen hatten sich zu allem Überfluss einige Schaulustige eingefunden.
»Steht hier nicht im Weg. Ab nach Hause mit euch«, versuchte Walter, die Leute zu verscheuchen.
»Hallo, Walter«, begrüßte ihn ein Mann, der dick in einen Sportanorak eingehüllt und unter einer warmen Fellmütze kaum zu erkennen war.
»Grüß dich, Thomas. Schönes Wochenende!«, gab Walter zurück. Er und Thomas Ritter, der Leiter der Spurensicherung, kannten sich seit Langem. Trotz eines Altersunterschiedes – Dreyer hatte die Fünfzig schon vor ein paar Jahren überschritten und Ritter hatte noch fast zehn Jahre bis dahin – waren sie über die Jahre gute Freunde geworden.
»Ha, ha. Mein Wochenende sollte wirklich anders beginnen. Was hast du für mich?«, fragte Thomas Ritter und sah sich um. Er begrüßte, wenn auch etwas überrascht, Judith Brunner, die er bei den Ermittlungen im letzten Herbst kennengelernt hatte. Damals klappte ihre Zusammenarbeit gut, gleichwohl war er nicht davon ausgegangen, die Hauptkommissarin so bald wiederzusehen. Offenbar gab es erneut etwas Ernstes in Waldau, sonst hätte der Bezirk die Frau wohl nicht hergeschickt.
Walter Dreyer hatte unterdessen die übrigen Techniker begrüßt, die nun begannen, ihre Utensilien aus den Autos zu entladen.
Ritter sah die Leiche liegen und betrachtete aufmerksam die Gegend. »Reif – sehr gut, aber ganz schön viel Trubel hier. Walter, schaff die Leute weg!«
Dreyer rekrutierte kurzerhand einige der Gaffer. »Ihr beide geht vor zum Tor! Lasst vorerst keinen in den Park! Und ihr stellt euch da drüben an die Weggabelung, passt gut auf. Alle anderen überlegen zu Hause, was sie heute Morgen gesehen haben, und schreiben es ausführlich auf. Ich komme das dann nachher einsammeln«, drohte er abschließend.
»Sie trollen sich tatsächlich«, wunderte sich Ritter anerkennend. »Na dann, ich höre«, sah er Judith Brunner auffordernd an.
»Zwei Kinder haben heute Morgen auf dem Teich rumgetobt. Der Junge, fünf Jahre alt, ist dabei mit seinem Fahrrad eingebrochen. Später hat ihn ein junger Mann in einem Sack, nackt, versteckt unter einer Plane, gefunden und gerettet. Und als der das Fahrrad rausangeln wollte, sah er einen Männerarm. Dann lief er los, um Hilfe zu holen, hat mich im Park getroffen, ich habe Walter Dreyer geholt, und wir haben den Toten hier rausgezogen.« Judith Brunner hockte sich neben die Leiche.
»Von hier ist der Mann nicht«, klärte Walter Dreyer seine Kollegin auf.
»Und das andere Kind?«, hakte Ritter nach, der aufmerksam zugehört hatte.
»Oh, Dany. Sie ist zwei Jahre älter als ihr Bruder. Ich denke, sie ist nach Hause gelaufen.« Schon während Walter das sagte, rannte er los. »Bin gleich wieder da, will bloß nachsehen.« Es wurde höchste Zeit. Er hatte auf einmal ein ganz mieses Gefühl.
Die Kinder lebten mit ihrer Mutter erst seit letztem Jahr im Dorf und hatten eine Wohnung in einem der alten, runtergekommenen Häuser an der Gärtnerei bezogen, welches die Gemeinde rasch für die kleine Familie hatte herrichten lassen.
Wenige Minuten später klopfte Dreyer dort energisch an die Haustür. »Frau Bauer, hallo!« Walter hoffte, dass Dany ihm gleich die Tür öffnen würde, aber niemand erschien. »Hallo!«
Endlich hörte er Schritte tapsen und eine junge Frau in äußerst kurzem Nachthemd, dessen Muster aus glitzernden Lippen bestand, blinzelte ihn verschlafen an. »Sie?« Sofort war sie hellwach. »Ist was passiert? Haben die Kinder was angestellt?«
»Ist Dany hier?«
»Was ist denn los? Ich weiß nicht.« Ängstlich sah sie in Richtung des Kinderzimmers.
Doch Walter hatte sich schon umgesehen und das kleine Mädchen nicht entdecken können. Er sagte ruhig, dennoch bestimmt: »Ziehen Sie sich bitte an, Frau Bauer. Fritzi ist im Teich eingebrochen. Er ist jetzt im Gutshaus. Es geht ihm gut. Nur Dany können wir nicht finden.«
Elvira Bauer sah ihn entsetzt an. Sie war eine zierliche, puppenhübsche Frau von Mitte zwanzig und hatte es sich bisher nicht leicht gemacht in ihrem Leben. Ihre Vorliebe für auffällige Kleidung und bunten Modeschmuck spaltete den tratschsüchtigen Teil der Waldauer Bevölkerung in zwei Lager – eines, das diese Auffassung von Attraktivität nicht billigte, und eines, das es Elvira Bauer gern gleich getan hätte, sich jedoch nicht traute. Walter jedenfalls war immer froh gewesen, dass ihr argloses Gemüt die junge Frau davor bewahrte, das Gemeine mancher Lästereien zu bemerken. Er wusste, dass der Vater der Kinder sie und die Kleinen übel misshandelt hatte und wegen schwerer Verbrechen zurzeit eine lange Haftstrafe absaß. Elvira Bauer würde jede Unterstützung brauchen können, die zu bekommen war. Hier in Waldau schienen die drei zu einem geregelten Leben zu finden. Die Kleine machte sich gut in der Schule. Fritzi ging in den Kindergarten. Elvira Bauer half stundenweise am Empfang in der Arztpraxis aus. Alles schien besser zu werden, doch nun passierte das!
Im Laufschritt kamen Walter und Elvira Bauer am Dorfteich an. Inzwischen war weiträumig ein Sperrband gezogen worden. Die Spurensicherung hatte mit dem Fotografieren und Messen begonnen. Hastig informierte Dreyer seine Kollegen: »Dany ist nicht zu Hause. Sucht hier nach dem Mädchen. Ich bringe die Mutter nur rasch zum Gutshaus und komme gleich wieder her.«
Als Elvira Bauer ihren kleinen Sohn friedlich im Bett schlummern sah, fing sie heftig an zu weinen. Walter nahm sie in den Arm. »Es geht ihm gut, wirklich. Und Dany finden wir auch.« Er sprach sich selber Mut zu.
»Mama!« Fritzi war aufgewacht. »Mama! Warum weinst du denn?«
Elvira Bauer lief zu ihm hin und herzte ihren Jungen, der gar nicht wusste, was los war. Und dann erblickte er den Polizisten und verteidigte sich sofort: »Wir haben nichts gemacht!«
Obwohl er sich elend fühlte, musste Walter schmunzeln. »Das stimmt, ich weiß. Ich bin richtig froh, dass es dir gut geht. Deine Mama freut sich auch. Deswegen weint sie ein bisschen.«
»Weil sie froh ist?«, wunderte sich Fritzi.
Walter erklärte: »Hm, Erwachsene weinen dann manchmal ... Sag mal, weißt du, wo Dany ist?«
»Sie war nicht bei mir!«
Elvira Bauer bekam einen Schreck. »Nicht bei dir? Habt ihr denn nicht zusammen gespielt?«
»Doch. Sie traute sich nur nicht mit auf den Teich.«
Das klang gut in Walters Ohren, denn dann war sie nicht mit ins Eis eingebrochen. »Wo war sie denn?«
»Sie stand am Rand und hat gesagt, ich soll nicht ...« Nun fing Fritzi bitterlich zu weinen an.
Walter versuchte, ihn zu trösten: »Ist schon gut. Ich gehe dann mal deine Schwester suchen. Und heute Nachmittag komme ich sicher noch mal bei euch zu Hause vorbei. Vielleicht kann ich auch schon dein Fahrrad mitbringen.«
»Was ist denn hier los? Walter! Und Sie?« Im Schlafanzug stand Astrid Ahlsens verwirrt in der offenen Tür. Auf Leons Bett saß Elvira Bauer und hatte Fritzi im Arm und davor stand die Polizei in Gestalt ihres Dorfpolizisten. Träumte sie noch?
»Oh, Astrid.« Walter kam auf sie zu. »Du wirst dich erkälten. Leon hat den Kleinen heute Morgen durchfroren gefunden und seine Mama will ihn gerade abholen.« Sanft schob er sie in ihr Zimmer zurück, um sie genauer aufzuklären. Er konnte ja schlecht vor dem Kind von dem Mordversuch und der Leiche erzählen.
Astrid nahm die ganze Angelegenheit wohltuend interessiert auf. »Da hat Leon ja mal eine gute Tat vollbracht. Und wer ist der Tote?«
»Er ist nicht von hier. Ganz genau konnte ich ihn mir aber noch nicht ansehen.« Vom Flur war auf einmal ein Stimmengewirr zu hören. »Das klingt nach deinem Onkel, Astrid.«
Botho Ahlsens führte den Waldauer Arzt, Martin Bach, gerade in Leons Zimmer und war ziemlich ungehalten. »Was macht dieser Junge in Leons Bett? Was zum Teufel geht hier vor?« Er war nach dem anstrengenden Gespräch mit Leon in sein Büro gegangen und dort in eine Arbeit so vertieft gewesen, dass er von den reichlichen Aufregungen des Morgens gar nichts mitbekommen hatte und richtig hochschrak, als es an der Tür klopfte und der Arzt um Einlass bat. »Dreyer. Astrid. Was ist hier los?«
Walter nahm den Hausherrn kurzerhand beim Arm und bat ihn in die Küche. Astrid schlug er vor, mitzukommen und Kaffee zu kochen. So konnte er beiden zugleich etwas ausführlicher die Ereignisse schildern.
Sie hörten ihm aufmerksam und ohne Zwischenfragen zu, bis er seinen Bericht beendete: »Leon ist noch mit draußen. Martin Bach untersucht den Kleinen gerade, dann kann Fritzi sicher wieder nach Hause gehen.«
»Dem Kind geht es so weit ganz gut«, trat der Arzt wenig später zu ihnen, »der Junge braucht vor allem Zuspruch und Wärme. Der wird schon wieder.«
»Leon hat dem Kleinen das Leben gerettet, Astrid.« Botho Ahlsens sah seine Nichte bei diesen Worten an, als wollte er sich vergewissern, dass sie die Leistung des jungen Mannes auch wirklich zur Kenntnis nahm.
Astrid schien ihn nicht zu hören, saß, unpassenderweise über das ganze Gesicht strahlend, am Frühstückstisch und bot Martin Bach gerade eine Tasse Kaffee an.
Walter ließ die drei zurück und eilte erneut zu seinen Kollegen.
~ 10 ~
Am Waldauer Dorfteich bereiteten Judith Brunner und Thomas Ritter die Suche nach Dany bereits vor. Anhand einer kleinen Lageskizze versuchten sie, der Umgebung Leute zuzuteilen.
Walter berichtete kurz.
»So, so. Das Mädchen war nicht mit auf dem Eis? Nach Hause ist es aber auch nicht gelaufen«, konstatierte Ritter und sah zweifelnd auf die Eisfläche. »Hoffentlich ist sie nicht doch da drin.«
»Den Jungen hat jemand herausgeholt. Warum sollte man das Mädchen dann hineinwerfen?« Judith Brunner mochte nicht an diese Möglichkeit denken. »Wir brauchen dringend Verstärkung. Allein können wir Dany nicht rechtzeitig finden.«
»Ich trommle die Freiwillige Feuerwehr zusammen, das müsste sofort klappen«, schlug Walter vor.
Judith nickte und er lief los. »Bin kurz im Büro und komme dann mit der Verstärkung sofort wieder«, rief Walter ihnen, sich nochmals umdrehend, zu.
»Und wir fangen zunächst erst einmal rund um den Teich an, uns nach Dany umzusehen«, wandte Judith Brunner sich an Ritter und seine Leute.
Die Ortspolizeistelle Waldau war praktischerweise in Dreyers Haus eingerichtet worden, wo genügend Räume zur Verfügung standen. Sein größtes Zimmer beherbergte neben einer beachtlichen Bibliothek und einigen gemütlichen Sitzmöbeln auch einen Schreibtisch, ein Telefon sowie einen kleinen Safe. Mehr war in der Regel auf diesem Dienstposten zum Arbeiten nicht nötig.
Die telefonische Benachrichtigung der Freiwilligen Feuerwehr kam ohne Komplikationen in Gang. Wenig später weckte die Sirene auf dem Dach des Wirtshauses »Zur Altmärkischen Schweiz« selbst die letzten Langschläfer im Dorf.
Das Spritzenhaus und die Garage befanden sich in Sichtweite zu Dreyers Büro und in fünf Minuten würde er die Feuerwehrleute einweisen können.
Bis dahin hatte er Zeit, rasch nach dem Fortgang der Schlachterei zu sehen. Heute musste wenigstens das Wurstmachen erledigt werden. Einkochen konnten sie auch morgen noch. Es war kalt genug, um alles frisch zu halten. Allerdings fragte er sich, wer diese Arbeit übernehmen sollte, auf jeden Fall würde er mit den Ermittlungen zu tun haben. Verflixt!
In der kühlen Speisekammer stand das frische Gehackte, das am Abend roh gegessen werden würde, kräftig gewürzt und dazu scharfe Zwiebeln als Krönung. Walter lief das Wasser im Mund zusammen. Zusätzlich stand noch eine große Schüssel Gehacktes zum Einkochen bereit. Der Fleischwolf hatte gut zu tun gehabt.
In der Waschküche würzte der Schlachter gerade großzügig eine ganze Molle voller Schlackwurstmasse. Niemals würde der Mann seine Rezeptur verraten. Salz, Pfeffer, Zucker, Majoran, Muskatnuss, Nelkenpfeffer, Senfkörner und Salpeter – das war erforderlich und allseits bekannt. In welchem Mischungsverhältnis die Gewürze jedoch bei den einzelnen Wurstsorten Verwendung fanden, das machte eben den Unterschied aus. Laura goss vorsichtig etwas Brühe dazu, der Meister schmeckte ab und war zufrieden.
Dem Füllstand der Flasche Klaren nach zählte auch ein reichlicher Schuss Hochprozentiger zu den Wurstzutaten. Wo steckte Alfi Schuler?, fragte Walter sich besorgt, ohne es auszusprechen.
Laura konnte offenbar Gedanken lesen. »Er ist auf dem Dachboden und kümmert sich um die Räucherkammer.«
»Prima!« Walter beneidete die anderen ums Wurstmachen. Es roch inzwischen verführerisch nach herzhaft gewürztem Fleisch. »Heute Abend kann ich sicher wieder mitmachen«, schwindelte er, auf etwas Zeit zum Mittun hoffend.
»Habt ihr schon was?«, wollte Laura auf dem Laufenden gehalten werden.
Ehe Walter ihr antworten konnte, mischte sich der Schlachter ein: »Keine Zeit zum Schwatzen, junge Frau. Hier, immer gleichmäßig abbinden.« Er hatte begonnen, die Füllmaschine zu benutzen und legte die Därme und Bindfadenenden bereit.
Laura musste aufpassen, die Würste in ungefähr gleicher Länge voneinander abzubinden und zusätzlich ein genügend langes Stück Bindfaden für eine Schlinge zu lassen, damit man sie später an einen Haken hängen konnte.
Auf das gute Gelingen der Wurst würde nach der ersten fertigen Sorte abermals angestoßen werden. Walter vergewisserte sich, mit einem unauffälligen Blick auf die Flasche, ob die Neige dafür reichen würde. Dann machte er sich schleunigst vom eigenen Hof.
Am Spritzenhaus warteten schon die Männer und Walter Dreyer begann: »Wir suchen Dany, das kleine Mädchen von Elvira Bauer. Wisst ihr alle, wie sie aussieht? Ausgezeichnet! Sie war mit ihrem Bruder heute Morgen auf dem Teich. Fritzi war ins Eis eingebrochen, mittlerweile geht es ihm aber wieder gut. Seine Mutter bringt ihn gerade nach Hause. Nun machen wir uns wegen des Mädchens Sorgen. Vielleicht hat es nur einen Schreck bekommen und ist weggelaufen. Vielleicht ist Dany aber auch was passiert, also seid besonders wachsam! Wir fangen am Teich an und arbeiten uns von dort in den ganzen Park vor. Wenn wir das Kind nicht bald finden, müssen wir Spürhunde anfordern.«
Unterdessen war auch Dr. Friedrich Renz, der in Gardelegen arbeitende Rechtsmediziner, eingetroffen, den Judith Brunner vom Gutshaus aus angerufen hatte. Er hockte vor der auf dem Rücken liegenden Leiche und betrachtete intensiv ihren Kopf. Der Tote hatte für diese Jahreszeit viel zu wenig an; ein dünnes, offenes Oberhemd gab den Blick auf seinen nackten, zerschnittenen Rumpf frei und seine Unterschenkel hingen irgendwie seltsam in der nassen Hose.
»Guten Tag«, grüßte Dreyer Dr. Renz freundlich, obwohl ihm seine Anwesenheit nicht unbedingt behagte, wusste er doch, dass Judith Brunner für den Mann einiges übrig hatte.
Renz stand auf. »Danke! Ihnen auch einen guten Tag. Die Anwesenheit von Frau Brunner in unserer Gegend scheint es mit sich zu bringen, dass meine Alltagsroutine zuverlässig unterbrochen wird. Was mich außerordentlich freut, denn einerseits schätze ich Sie sehr, wie Sie wissen«, wandte er sich galant der Gepriesenen zu, »andererseits bieten Sie beide mir interessante Leichen, das muss ich Ihnen lassen.«
»Ja?«
»Er hier zum Beispiel«, er deutete auf den im Reif liegenden Körper, »so etwas hat man selten. Hier wollte jemand sichergehen, dass die Leiche nicht gefunden wird.«
»Wasserleichen tauchen doch in der Regel irgendwann wieder auf. Spätestens, wenn das Eis weggetaut ist, dann ...«, wollte Judith Brunner ausführen.
»Nein, diese hier eben nicht. Sehen Sie die Wunden?« Dr. Renz deutete auf die verschiedenen Stellen am Oberkörper hin. »Wenn eine Leiche im Wasser so versenkt werden soll, dass sie nicht wieder auftaucht, gibt es mehrere Möglichkeiten. Man kann sie beschweren, dann bleibt sie meistens unten. Eine sicherere Methode ist jedoch das Aufschneiden der Brust- oder Bauchhöhle und des Darms, dann steigt der Leichnam nicht mit den entstehenden Gasen auf.«
