Blutiger Sand - Edith Kneifl - E-Book
Beschreibung

EISKALTER MORD IN DER WÜSTE DES DEATH VALLEY. COLD CASE - kein Opfer ist je vergessen: Schon gar nicht, wenn es sich um die eigenen Eltern handelt. Knapp zwanzig Jahre ist es her, dass Katharina Kafkas Eltern in Texas ermordet wurden. Nun erhält sie plötzlich Meldung, dass einer der beiden Täter durch DNA-Vergleich identifiziert werden konnte. Gemeinsam mit ihrem Freund Orlando macht sich die Wiener Kellnerin auf nach Las Vegas. In der Wüste des Death Valley heften sie sich an die Fersen des Täters ein gnadenlos brutaler Serienmörder, der entlang der Route 66 eine blutige Spur hinterlassen hat. Bei ihren Ermittlungen steht ihnen der charmante Detective Simon Hunter zur Seite, der nicht nur Katharina gehörig durcheinander bringt … Was sich zwischen Spielcasinos und verlassenen Highways, zwischen Dragshows und Indianerreservaten abspielt, ist starker Tobak für Edith Kneifls beliebtes Ermittlerduo - brandgefährlich und mörderisch spannend. LESERSTIMMEN: "Absolute Empfehlung für alle USA-Fans! Ob Las Vegas, Death Valley oder die Route 66 - alle Schauplätze werden authentisch und fundiert beschrieben und man taucht beim Lesen sofort in das typische Flair ein." "Mit gewohnt spritzigen Dialogen und einer guten Portion schwarzem Humor erlebt man Katharina Kafka, geborene Romni, und ihren schwulen besten Freund Orlando auch in ihrem neuesten Fall. - Diesmal ein spannender Roadtrip durch die USA auf den Spuren von Katharinas Vergangenheit." WEITERE KRIMIS MIT DEM ERMITTLERDUO KATHARINA KAFKA UND ORLANDO: "Endstation Donau" "Schön tot" "Stadt der Schmerzen"

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl:315

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Titel

Edith Kneifl

Blutiger

Sand

Kriminalroman

Widmung

Für einen Ho-Chunk namens Craig

Prolog Amarillo, Texas, Oktober 1992

Vollmond über Texas. Die untergehende Sonne verwandelte den Mond in einen prallen roten Ballon. Das Pärchen in dem weißen Trailer würdigte das prächtige Schauspiel am Himmel keines Blickes.

Rita und Max Kafka waren zehn Stunden lang durchgefahren. Obwohl sie sich am Steuer abgelöst hatten, fühlten sich beide wie gerädert.

Am frühen Abend erreichten sie Amarillo. Die Stadt, im Westen Texas’ gelegen, erschien ihnen nicht gerade sehenswert. Sie hielten beim nächsten Supermarkt und kauften fürs Abendessen ein.

Der schwarze Chevy, der seit ihrem letzten Stopp an einer Tankstelle hinter ihnen hergefahren war, blieb ebenfalls auf dem riesigen Parkplatz stehen. Keiner der beiden Männer stieg aus.

Während Max die Einkäufe im Trailer verstaute, warf Rita einen neugierigen Blick auf den Chevy. „Ich habe gedacht, amerikanische Männer wären emanzipierter als europäische. Aber die sitzen bloß blöd im Auto herum und lassen ihre Frauen allein schleppen. Wahrscheinlich ist Einkaufen unter ihrer Würde.“

„Diese Texaner sind eben noch richtige Männer“, sagte Max grinsend.

Max Kafka war ein groß gewachsener, grauhaariger Mann Mitte fünfzig. Bis vor kurzem hatte er in der Druckerei eines großen österreichischen Verlages gearbeitet. Als die Sozialdemokratische Partei ihre Tageszeitung und zugleich den Verlag eingestellt hatte, war er, so wie alle anderen Mitarbeiter, entlassen worden. Mit der Abfertigung hatte er sich den größten Wunsch seines Lebens er­füllt: eine Reise quer durch die Vereinigten Staaten, von Chicago nach Los Angeles, auf der legendären Route 66 oder zumindest auf dem, was davon übrig war. Seine Frau war von dieser Idee sehr angetan gewesen. Ihr als Zigeunerin liege das Herumfahren ohnehin im Blut, hatte sie lachend gesagt. Allerdings hatte sie darauf bestanden, die Reise in einem bequemen Wohnmobil zurückzu­legen anstatt auf dem Rücksitz einer Harley Davidson, wie es ur­sprünglich Max’ Plan gewesen war. Es wurde nicht lange diskutiert, Max kannte seine Frau gut genug, um zu wissen, dass sie in wichtigen Fragen meist ihren Kopf durchsetzte.

Von Amarillo aus fuhren sie nun weiter Richtung Westen bis zur Cadillac Ranch. Es war zu dunkel, um mehr als die Silhouetten der alten Cadillacs zu erkennen, die senkrecht – nur die Hecks ragten heraus – in die Erde versenkt worden waren.

Auf ihrer Straßenkarte war in der Nähe des skurrilen Autofriedhofs ein Self-Service-Campingplatz eingezeichnet. Sie folgten den Schildern. Die Gegend wurde unwirtlicher, die Straßen schlechter. Keine Häuser weit und breit. Plötzlich tauchten im Mondlicht silbern schimmernde Aluminiumdächer auf.

Max warf ein paar Dollar in den Schlitz eines Kästchens am Eingang des Campingplatzes. Der Schranken öffnete sich automatisch.

Er parkte das Wohnmobil in der Nähe der schwach beleuchteten Sanitäranlagen.

Kein anderer Wagen war zu sehen.

„Wir sind anscheinend die Einzigen hier.“ Max klang nicht gerade begeistert.

„Na und? Das ist doch toll! Oder bist du nicht mehr gern allein mit mir?“ Rita zwinkerte ihm kokett zu. „Schau, hier gibt es sogar Waschmaschinen und einen Getränkeautomaten. Diese Amis haben für alles Automaten. Wie praktisch!“

Max blickte sich um. „Ich weiß nicht, ich hab so ein mulmiges Gefühl. Sollen wir uns nicht lieber einen etwas belebteren Platz suchen?“

„Was ist denn los, mein kleiner Angsthase?“, neckte Rita ihren Mann, der um mindestens einen Kopf größer war als sie. „Ich kann keine Minute länger mehr sitzen. Mir tut das ganze Gestell weh. Dir nicht auch? Gib’s zu. Soll ich dich nachher ein bisschen massieren?“

Vielleicht war es die Aussicht auf eine ihrer wunder­vollen Massagen oder einfach nur seine Gutmütigkeit, jedenfalls gab er nach. „Wie du meinst, mein Schatz.“

Sie teilten sich ein Coke, bevor Rita die Schmutzwäsche zusammenpackte und hinüber zum Waschsalon brachte.

Die Nacht war sternenklar. Es war kühl geworden.

Max stellte den kleinen elektrischen Grill im Freien auf. Mithilfe eines Verlängerungskabels schloss er ihn am Stromkästchen neben ihrem Stellplatz an und legte zwei Steaks und zwei große, in Hälften geteilte Kartoffeln darauf.

Als Rita zurückkam, schienen die Steaks halb durch zu sein. Die Kartoffeln fühlten sich ziemlich hart an.

Max öffnete eine Flasche Rotwein, schenkte seiner Frau und sich selbst ein und stieß mit ihr an.

„Zu blutig?“, fragte er nach dem ersten Bissen.

„Nein nein, mir kann’s nicht blutig genug sein“, antwortete Rita lachend.

Sie bemerkten nicht, dass sie beobachtet wurden, während sie die Steaks und die halbrohen Kartoffeln mit ein paar Gläschen Rotwein hinunterspülten.

Die beiden Männer in dem schwarzen Chevy waren ihnen vom Supermarkt aus gefolgt. Mit abgedrehtem Motor und ohne Licht hatten sie ihren Wagen die abschüssige Straße zum Campingplatz hinunterrollen lassen, etwa zweihundert Meter entfernt vom Eingang geparkt und sich zu Fuß genähert. Verborgen hinter dem Sanitärgebäude verfolgten sie jede Bewegung des Pärchens.

Aus einem kleinen Weltempfänger, der auf dem Campingtisch stand, ertönte Elvis’ Stimme. Rita drehte lauter. Sie liebte Elvis Presley.

Der Rotwein schien Max’ Bedenken vertrieben zu haben. Er machte sich über ihre Schwärmerei für den King lustig. „Seit wann stehst du auf fette Männer?“

„Wenn sie so eine tolle Stimme haben, schau ich nicht auf die Figur. Ewig schade, dass er so jung sterben musste. – Komm, tanz mit mir!“

Max Kafka war kein guter Tänzer. Auf einem einsamen Campingplatz mitten in der Wüste wagte er jedoch ein kleines Tänzchen mit seiner Frau.

„Das nennst du Rock ’n’ Roll?“ Lachend übernahm Rita die Führung, schleuderte ihren Mann wild durch die Gegend.

Sicherheitshalber nahm er seine Brille ab.

Kaum war der Jailhouse Rock verklungen, küssten sie sich und gingen eng umschlungen zu ihrem Wohn­wagen zurück.

Für die beiden Männer war der Zeitpunkt gekommen, loszuschlagen. Lautlos schlichen sie sich an den Trailer heran. Der eine riss die Tür auf, stürmte mit einem Revolver in der Hand hinein und schoss Max gezielt in die Brust.

Max taumelte, ergriff aber, bevor er zu Boden ging, die zweite, noch volle Weinflasche und schleuderte sie nach dem Angreifer. Sie traf ihn am Kopf. Der zweite Schuss ging daneben. Schon stürzte sich der andere Mann auf Max. Blitzschnell schnitt er ihm mit seinem Messer die Kehle durch. Max verdrehte die Augen, sein Blick erlosch und sein Körper erschlaffte. Rita reagierte anders, als die beiden Männer erwartet hatten. Schreiend schnappte sie sich ein Fleischmesser, stieß den Revolverhelden zur Seite und sprang aus dem Wohnwagen. Der andere Typ folgte ihr. Erwischte ihren linken Arm.

Sie drehte sich um, stieß ihm ihr Knie in die Eier und rannte los.

Nach etwa hundert Metern hatte er sie eingeholt. Pa­ckte sie an den Beinen und brachte sie zu Fall.

Als er sich über sie beugte, stach sie zu. Er warf sich nach rechts. Die Klinge drang knapp unterhalb seiner linken Schulter in sein Fleisch. Er stieß einen Schrei aus, der gleich darauf in ein höhnisches Lachen überging. Sie hatte ihn nicht schwer verletzt.

Seine Hände schlossen sich fest um ihre Kehle. Ihre großen dunklen Augen quollen hervor, starrten ihn böse an.

Fast bekam er es mit der Angst zu tun.

Sie wehrte sich, so gut sie konnte, zerkratzte ihm das Gesicht.

Er ließ ihren Hals los und zückte sein Messer.

Kein Ton kam mehr über ihre Lippen. Sie fixierte ihn, hielt seinem Blick stand.

Was für ein Teufelsweib, dachte er, bevor er ihr das Messer in die Brust stieß. Der Stich war nicht tödlich.

Sie murmelte etwas in einer ihm fremden Sprache. Er verstand nicht, was sie sagte, hatte aber ein seltsames Gefühl. Rasch zog er das Messer aus ihrer Brust und bohrte es in ihren Bauch. Er weidete sich an dem Entsetzen in ihren schwarzen Augen.

„Lass uns abhauen, da kommt jemand!“, schrie der andere. Schnappte sich Max’ Rucksack, lief zu dem Chevy, riss beide Türen auf und raste durch den geschlossenen Schranken auf die am Boden liegende Frau zu.

Rita stöhnte leise, als die Räder des schweren Wagens ihre Beine zerquetschten.

Als ihr Mörder auf den Beifahrersitz sprang, verlor er seine Kappe. Das Letzte, was sie wahrnahm, war eine rote Kappe mit der Aufschrift „Texas Ranger“. Dann verlor sie das Bewusstsein.

1. Aéroport Paris-Charles-de-Gaulle, April 2012

Ich hasse Fliegen. Als sich der riesige Airbus auf der Startbahn des Pariser Flughafens Charles de Gaulle in Bewegung setzt, klammere ich mich an den Arm meines Freundes Orlando.

„Erzähl mir irgendwas. Von mir aus einen blöden Witz. Du quatschst ja sonst auch ununterbrochen. Warum bist du jetzt so still?“

„Gib Ruh, Kafka. Ich möchte den Start genießen. Spürst du nicht dieses Kribbeln im Unterleib? Beim Start krieg ich immer fast einen Orgasmus.“

„Du bist nicht ganz dicht.“

„Konzentrier dich. Horch in deinen Körper hinein. Ich liebe diesen erhabenen Moment. Wenn sich der große Vogel in die Lüfte erhebt, überkommen mich beinah religiöse Gefühle.“

„Ist vielleicht doch besser, du hältst den Mund!“

Ich verstecke mich hinter meiner Zeitung. Beeile mich, einen halbwegs interessanten Artikel zu finden, der mich ein wenig ablenkt.

Der Start ist das Schlimmste. Erst als das Anschnall-Zeichen erlischt, beruhige ich mich ein bisschen, bestelle aber sogleich einen Whisky.

Um mir wenigstens einen Start zu ersparen, hatte ich darauf bestanden, von Wien nach Paris mit dem Nachtzug zu fahren, obwohl das unsere Reisekasse um hundert Euro mehr belastet hat.

Das Flugticket nach Las Vegas hat mir mein Großvater bezahlt. Als Historikerin bin ich seit vielen Jahren daran gewöhnt, von der Hand im Mund zu leben. Ich halte mich meist mit Kellnerinnen- und Barkeeper-Jobs über Wasser.

Mein schwuler Freund Orlando hat darauf bestanden, mich in die USA zu begleiten. Zu meiner Überraschung ist es ihm gelungen, das nötige Geld für die Reise aufzutreiben. Ich will lieber nicht wissen, wie er das geschafft hat. Vermutlich hat er einen seiner wohlhabenden Lover abgezockt.

Vor zwei Wochen kontaktierte mich ein Detective einer Sondereinheit des FBI in Las Vegas, die sich um alte unaufgeklärte Mordfälle kümmert. Er informierte mich, dass einer der beiden mutmaßlichen Mörder meiner Eltern gefasst worden ist.

Meine Eltern sind vor knapp zwanzig Jahren während einer Reise durch die Vereinigten Staaten auf einem Campingplatz an der Route 66 überfallen worden.

Die Täter haben sie nie erwischt. Dass es sich um mindestens zwei Täter gehandelt hat, haben die Fingerabdrücke im Wohnmobil meiner Eltern verraten. Der Detective teilte mir mit, dass einer der Mörder erneut ein Pärchen niedergeschossen hat. Dieses Mal hat er im Grand Canyon zugeschlagen. Da ihm weitere Überfälle auf Camper im Südwesten der USA angelastet wurden, hat er es im Internet bereits zu fragwürdiger Berühmtheit gebracht. Orlando und ich haben Dutzende Artikel über den „Route-66-­Killer“, wie er in den Medien mittlerweile genannt wurde, gefunden.

Das Pärchen, das er zuletzt ermordete, hatte kurz vorher in einer Wedding Chapel in Las Vegas geheiratet und war auf Hochzeitsreise im Grand Canyon unterwegs gewesen.

Die Fingerabdrücke auf dem Gepäck des Pärchens waren identisch mit den Fingerabdrücken eines Mannes, der die letzten fünfzehn Jahre wegen bewaffneten Raubüberfalls auf eine einsame Tankstelle im Death Valley gesessen hatte. Derselbe Mann hatte vor fast zwanzig Jahren meine Eltern überfallen.

Detective Simon Hunter von der Cold-Case-Abteilung war am Telefon optimistisch, bald auch den zweiten Mörder meiner Eltern ausfindig machen zu können. Daraufhin haben Orlando und ich sofort Flüge von Paris nach Chicago und von dort weiter nach Las Vegas gebucht.

Während Orlando den Transatlantik-Flug verschläft, be­trinke ich mich sinnlos. Beim Umsteigen in Chicago verlasse ich mich ganz und gar auf ihn. Den Officer von der Immigrationsbehörde belabere ich mit völlig unsinnigem Geschwätz über den Sinn und Zweck unserer Reise. Erzähle ihm von meinen Vorfahren, den Roma, und dass ich Historikerin sei und den Spuren, die mein Volk in den USA hinterlassen hat, nachgehen möchte.

Er schaut mich irritiert an. Wahrscheinlich ist es unüberriechbar, dass ich betrunken bin.

Den Anschlussflug von Chicago nach Las Vegas verschlafe ich.

Als wir in der Wüstenstadt ankommen, empfängt uns glühende Hitze. Über vierzig Grad Celsius!

„Wir sind in der Hölle gel…landet“, stammle ich und überlasse es Orlando, unser Gepäck in Empfang zu nehmen und ein Taxi zu besorgen.

Wir haben ein Doppelzimmer für drei Nächte im relativ preiswerten Hotel Pink Flamingo am Strip gebucht.

Es ist Mitte April und wir sind in der Stadt der Sünde.

2. Las Vegas, Nevada, 15. April 2012

Nicht nur New York City ist eine Stadt, die niemals schläft, auch in Las Vegas machen die vierzig Millionen Touristen im Jahr die Nacht zum Tag. In diesem flimmernden, glitzernden Wunderland, das von Verlierern erbaut wurde, ist Showtime rund um die Uhr angesagt. Angeblich wächst die Stadt um rund tausend Einwohner pro Woche.

Wir sitzen in einem Taxi und fahren im Schritttempo den Strip entlang, vorbei an Palästen aus Marmor, Gold, Silber und Glas. Ein Luxushotel übertrifft das nächste an Größe und Glamour. Die überdimensionalen Leucht­reklamen blenden meine müden Augen.

„Wow, echt cool. Der reine Wahnsinn. Schau, Kafka! Wie kannst du nur mit geschlossenen Augen durch dieses Eldorado fahren?“

Orlando ist der Vergnügungsmetropole mitten in der Mojave-Wüste vom ersten Augenblick an verfallen.

„Ich bin völlig kaputt. Das Einzige, was mich momentan interessiert, ist ein Bett.“

Plötzlich taucht der Campanile von Venedig vor uns auf. Bin ich wirklich so besoffen?, frage ich mich.

„Kanäle und Gondeln, echt irre!“, kreischt Orlando.

The Venetian erstrahlt vor uns in all seiner Pracht.

„Du musst zugeben, die Kopie ist perfekt. Dieses Hotel sieht genauso venezianisch aus wie die Palazzi am Canal Grande“, sagt Orlando.

Der riesige Totenkopf an der Front des Treasure Island gleich daneben entlockt mir ein undamenhaftes Gekicher. „Und die Piraten sind auch nicht weit.“

„Oh mein Gott, da ist Caesars Palace!“, schreit Orlando. „Hab mal einen Film gesehen, der dort spielt.“

Unser Chauffeur erklärt uns, dass er den ganzen Strip entlangfahren müsse, um dann umkehren und uns im Pink Flamingo absetzen zu können.

Mir ist alles egal. Soll er uns doch übers Ohr hauen, wenn es ihm Spaß macht.

Rechts vor uns erblicke ich das Luxor. Eine schwarze, gläserne Pyramide und davor die Sphinx in Originalgröße.

„Warum hast du uns nicht im Luxor einquartiert? Alle 4500 Zimmer sind im ägyptischen Stil eingerichtet. Laut meinem Reiseführer fühlt man sich dort in die Zeit der Pharaonen zurückversetzt.“

„Reg dich wieder ab, Orlando. Die anderen Hotels sind nicht minder spektakulär“, sage ich, als wir am Aladdin vorbeikommen, einem imposanten Palast aus 1001 Nacht. „Am Ende gewinnt immer die Bank. Diese Stadt ist eine einzige Spielhölle.“

Orlando hört mir nicht zu. Mit weit aufgerissenen Augen starrt er auf die märchenhaften Shoppingcenter und Basare in diesem Disney-World-Wonderland.

„Da gibt es Wahrsagerinnen. Wäre das nicht ein Job für dich?“

„Sehr witzig.“ Sowohl meine Mutter als auch meine Großmutter waren österreichische Romni und haben sich mit Wahrsagerei und Kartenlesen etwas Taschengeld dazu verdient. Sie haben mir einige Tricks beigebracht, ich lehne diesen Hokuspokus aber grundsätzlich ab.

„Hey schau, dort drüben ist der Eiffelturm!“

„Komm wieder runter. Mir tun bereits die Ohren weh von deinem Geschrei.“

„Oh, das ist wirklich schön.“ Orlando deutet auf die riesige Fontäne im Teich vor dem Hotel Bellagio.

„Ja, ganz hübsch. Aber wer weiß, ob das Wasser echt ist. Diese Glitzerwelt ist eine einzige Fata Morgana.“

„Wohnen wir eigentlich in Bugsy Siegels Hotel?“

„Keine Ahnung.“

„Das hieß doch auch Flamingo.“

„Woher weißt du das?“

„So was weiß man als gebildeter Mensch einfach.“

„Angeber!“

„Soll ich dir die Geschichte von diesem Mafioso erzählen?“

Ich gebe ihm keine Antwort. Er wird sich sowieso nicht daran hindern lassen.

„Nach dem Krieg hat Bugsy Siegel das erste Hotel mit einem Spielcasino in dem damals noch unbedeutenden Wüstendorf Las Vegas errichtet. Das Geschäft ist nicht so gut gelaufen. Und Bugsy hat seine Finanziers, die Cosa Nostra, um einen Batzen Geld gebracht. Daraufhin haben sie bei einer Tagung des National Crime Syndicate in Havanna beschlossen, Siegel zu töten. Und er ist kurz darauf tatsächlich ermordet worden. Dabei war er ein weitsichtiger Mann. Er hat geahnt, dass Las Vegas nicht einfach nur ein Zockerparadies sein würde, sondern die Metropole des Entertainment …“

„Wir sind da“, unterbreche ich ihn, als unser Taxi vor einem der älteren Hotels am Strip hält.

„Willkommen in Las Vegas, Ladies“, begrüßt uns der Mann an der Rezeption mit einem breiten Grinsen.

Er wäre wahrscheinlich nicht weniger freundlich, wenn er wüsste, dass die leicht ramponiert aussehende Lady an meiner Seite ein Mann ist. In dieser Stadt ist jeder herzlich willkommen, der bereit ist, sein Geld loszuwerden. Hier dreht sich alles nur um Geld.

Unser Zimmer liegt in der siebten Etage und ist schwer in Ordnung. Zwei Queensize-Betten in einem großen hellen Raum und ein riesiges Bad, das Orlando sofort mit seinen Kosmetika vollräumt.

Die Minibar ist exzellent bestückt. Und der Blick auf den Las Vegas Strip, die umliegenden Casinos und auf die Berge im Hinterland beeindruckt sogar mich. Allerdings wage ich mich nicht zu nahe an die Fenster heran. Höhenangst.

„Du kannst jetzt doch nicht schlafen!“, sagt Orlando vorwurfsvoll, als er nach einer drei viertel Stunde perfekt gestylt aus dem Bad kommt und mich angezogen auf dem Bett liegend vorfindet.

„Ich bin total fertig. Ich muss ein paar Stunden schlafen. Wenn ich morgen in der Früh Detective Hunter besuche, möchte ich einen klaren Kopf haben.“

„Komm, Kafka, sei nicht so eine Spielverderberin. Wenn wir schon mal hier sind, werden wir uns wohl auch ein bisschen amüsieren.“

„Haben wir nicht abgemacht, dass dies keine Vergnügungsreise werden soll, sondern wir hier sind, um die Mörder meiner Eltern zu überführen?“

„Deswegen können wir uns die Stadt ja trotzdem an­sehen. Ich steh auf Casinos, auf diesen ganz besonderen Kick, den man dort kriegt. Bitte Kafka!“

Er blickt mich mit seinen stark geschminkten Augen so flehend an, dass ich fast geneigt bin, nachzugeben.

„Du wirst eine frustrierte alte Zicke werden, wenn du so weitermachst.“

Diesen Satz hätte er besser nicht gesagt. Ich ziehe meine Schuhe aus, schnappe mir den Polster von seinem Bett, lege meine Füße drauf und schalte den Fernseh­apparat ein.

„Spinnst du jetzt komplett? Du kannst nicht deine erste Nacht in Las Vegas vor dem Fernseher verbringen!“

„Das kann ich sehr wohl! Warum gehst du nicht allein weg? Du wirst bestimmt schnell Gesellschaft finden. So hübsch wie du aussiehst, wird dir kein Mann widerstehen können.“

Bis vor einem drei viertel Jahr ist Orlando als Kopie der österreichischen Kaiserin Sisi herumgelaufen. Seit letztem Sommer trägt er moderne Frauenkleidung und bildet sich ein, wie die berühmte, viel zu jung verstorbene Schauspielerin Romy Schneider auszusehen, die die Kaiserin in den Sisi-Filmen verkörpert hat. Ich bin heilfroh über seine Entscheidung, habe ich mich doch manchmal für ihn geniert, wenn er in seinen wallenden Kleidern und seiner Langhaarperücke nachts durch die Lokale von Wien-Margareten gezogen ist.

„Du stehst jetzt sofort auf und ziehst dich um, Kafka!“

Ich habe den Nachrichtensender MSNBC eingeschaltet.

„Sei still, ich will die Nachrichten hören …“

Wortlos öffnet er die Minibar und reicht mir ein Döschen Bier.

„Trink das. Hilft gegen den Kater. Und dann gehen wir essen. Du hast seit fast zwanzig Stunden nichts gegessen. Das Curry-Hühnchen, das sie uns im Flieger serviert haben, hast du ja verschlafen.“

Sein energischer Ton erinnert mich an meine Mutter. Auch sie hatte oft mit mir geschimpft, wenn ich mich ge­weigert hatte zu essen, was auf den Tisch kam.

Ich sehne mich nach einer Zigarette.

Orlando scheint meine Gedanken lesen zu können. „In den Casinos darf man übrigens rauchen“, sagt er, der normalerweise ausrastet, wenn ich mir eine anzünde.

„1 : 0 für dich.“ Grinsend springe ich vom Bett, gehe duschen und ziehe mich in Windeseile an.

Das reichhaltige Frühstücksbuffet in unserem Hotel ist ganz nach meinem Geschmack. Obwohl es in Las Vegas bereits Abend wird, lade ich Eier mit Speck und Bohnen auf meinen Teller.

„Im Pink Flamingo kann man den ganzen Tag um zwei Dollar frühstücken. Super!“ Orlando strahlt mich an. Als Vegetarier begnügt er sich mit einem Müsli und ein paar exotischen Früchten.

Leider ist der Kaffee oder das, was sie hier so nennen, eine Katastrophe. Trotzdem trinke ich einen halben Liter von dem heißen Wasser mit Kaffeegeschmack.

Wir bummeln zu Fuß den Strip entlang. Von Bummeln kann eigentlich keine Rede sein, wir werden von den Menschen­massen von einem Casino zum nächsten ge­schoben. Trotz der riesigen grellen Leuchtreklamen sehe ich funkelnde Sterne am Himmel.

„Die Sterne kommen mir näher vor als bei uns.“

„Das sind Lichter von Hubschraubern“, sagt Orlando lachend. „Sie setzen die Global Player direkt auf den Dächern der Casinos ab.“

„Idiot. Global Player sind internationale Konzerne, die im Zuge der Globalisierung weltweit agieren, und keine spielsüchtigen Multimillionäre …“

„Ist doch scheißegal. Wollte dir nur klarmachen, dass du keine Sterne, sondern Hubschrauberlichter am Firmament siehst.“

Ich fühle mich ein bisschen wackelig auf den Beinen und hänge mich bei Orlando ein.

„Ist dir aufgefallen, dass einem hier keiner in die Augen sieht? Alle starren wie hypnotisiert auf die glitzernden Werbetafeln und die flimmernden Screens.“

„Hey, wir sind in Las Vegas! Ich glaub, du bist noch nicht wirklich angekommen.“

„Ich weiß sehr wohl, wo wir sind. In einer Stadt, in der die Menschen alle Fremde sind. Sie laufen aneinander vorbei, ohne sich anzusehen, bereit, alles mitzumachen und allem aus dem Weg zu gehen. Einfach in Bewegung bleiben. So wie die Kugel, die rollt.“

„Jaja, ist schon gut, Kafka, beruhig dich wieder.“

„Rien ne va plus – nichts geht mehr!“, sage ich, als wir uns am Ende der langen Schlange vor dem Caesars Palace, der Grande Dame der Casinos in Vegas, anstellen. Der in türkises Licht getauchte Prachtbau ist von Brunnen und Skulpturen im pseudoklassizistischen Stil umgeben.

Orlando kann es kaum erwarten, hineinzukommen.

Als wir endlich bei den Shops im Forum angelangt sind, staune selbst ich. So eine Ladengalerie habe ich noch nirgendwo gesehen. Unter einem künstlichen Himmel, der die verschiedenen Tages- und Nachtzeiten simuliert, reiht sich ein Designertempel an den anderen.

Orlando stürzt sofort in ein Geschäft, in dessen Auslage er Federboas und andere glamouröse Accessoires erblickt hat.

Ich warte draußen unter dem künstlichen Sternenhimmel. Beobachte die Leute, die mit hektischen Gesichtern an mir vorbeiströmen, und staune über den ganzen Edelkitsch. An jeder Ecke finden sich Anklänge an das antike Rom und an das Florenz der Renaissance.

Als Orlando nach zwanzig Minuten nicht zurück ist, werde ich ungeduldig. Ich sehne mich nach einem anständigen Kaffee. Außerdem ist die Luft hier drinnen, trotz oder wegen der Klimaanlage, furchtbar schlecht.

Ich beschließe gerade, ihn notfalls mit Gewalt aus dem Laden zu zerren, da erscheint er, von einem Ohr zum an­deren grinsend, mit einem großen Papiersack in der Tür. Ruft dem offensichtlich ebenfalls schwulen Verkäufer ein völlig unangebrachtes „Tschüss“ zu und verschwindet in dem benachbarten Kosmetikshop.

Ich folge ihm und schnappe ihn mir, bevor ihn die Verkäuferinnen in die Finger kriegen.

„Es reicht! Oder willst du, dass sie deine Bankomatkarte gleich nach dem ersten Tag in den USA sperren?“

„Ich hab mir vor unserer Abreise die da besorgt.“ Stolz fächelt er mit einer Kreditkarte vor meiner Nase herum.

„Du bist nicht mehr zu retten. Ich frage mich, wie du da rangekommen bist. Dein Konto ist doch heillos überzogen.“

Wir trinken einen Espresso in einer der italienischen Bars auf der Shopping-Meile. Er schmeckt fast so gut wie in Italien.

„Und jetzt wird gespielt!“, sagt Orlando.

„Das meinst du nicht im Ernst!“

„Ich will endlich die Luft der großen weiten Welt schnuppern.“

Die Enttäuschung folgt auf dem Fuß. Im ersten riesengroßen Raum stehen hunderte Slotmaschinen. Es ist sehr dunkel und ziemlich laut. Gleich neben dem Spielbereich befinden sich Self-Service-Restaurants.

„Ist das hier das Flair der großen weiten Welt?“, frage ich spöttisch.

Orlando setzt sich dennoch vor einen Spielautomaten und lässt sich von der herbeieilenden Kellnerin ein Gratis-­Coke reichen.

„Wenn du da auch nur einen halben Dollar hineinwirfst, bin ich weg“, drohe ich ihm.

„Sei nicht so spießig. Ich will ausprobieren, wie man sich dabei fühlt.“

„Beim Verlieren? Beschissen! Glaub mir. Schau dir die Leute hier an. Ihre Gesichter sind entweder verzweifelt oder versteinert. Und in ihren Augen brennt die Gier des Spielers. Aber bitte lass dich nicht aufhalten. Ich werde dir allerdings nicht dabei zusehen, wie du dich ruinierst.“

„Sei nicht so melodramatisch. Ich bin keine Spieler­natur. Ich riskiere höchstens ein paar Dollar. Wenn ich sie verliere, mache ich Schluss. Großes Indianerehrenwort!“

„Hör auf mit diesem Karl-May-Quatsch. Ich gehe jetzt ins Hotel und hau mich aufs Ohr.“

„Nein, Kafka, bitte bleib. Wir wollten uns doch heute eine Show ansehen. Du hast es versprochen.“

„Wann soll ich was versprochen haben?“

„Im Flieger hast du gesagt, dass du mit mir eine der berühmten Dragshows besuchen wirst, falls du den Flug überleben solltest.“

„Da muss ich ziemlich blau gewesen sein, kann mich nicht mehr daran erinnern. Aber von mir aus. Show oder Spielen?“

„Erpresserin!“

Er hat kapiert, dass ich es ernst meine. Folgt mir durch die anderen, mit viel Gold und Marmor ausgestatteten Säle, in denen Roulette, Black Jack, Poker und Ähnliches gespielt wird.

Ich bin überrascht, dass fast alle Casinobesucher schlecht gekleidet sind. Bei uns lassen sie Männer in Jeans und ohne Krawatte gar nicht erst in ein Casino hinein. Hier laufen die meisten Menschen in Freizeitkleidung herum: Trainingsanzüge und Turnschuhe, kurze Hosen, viel zu knappe T-Shirts, ja sogar Mädels in Bikini und Badeschlapfen …

Orlando mokiert sich lautstark über die schlampigen Outfits. Daraufhin fühle ich mich umgehend verpflichtet, die schlecht angezogenen Gäste zu verteidigen: „Die sind hier eben nicht so versnobt wie bei uns.“

Bevor wir das Casino verlassen, fragen wir einen Wachmann, ob er uns einen Blick auf die Badelandschaft im Freien werfen lässt. Palmen, Sand, türkisfarbenes Wasser. Und überall die Kopien römischer und florentinischer Meisterwerke, angestrahlt von Dutzenden Scheinwerfern. Auch Michelangelos David beglückt die Hotelgäste mit seinem perfekten Körper.

Als wir den falschen Caesarenpalast verlassen, warten vor dem Eingang noch immer eine Menge Leute darauf, hineingelassen zu werden.

„Von mir aus können wir auch in den Cirque du Soleil gehen, wenn du keine Dragshows magst.“ Orlando deutet auf eine Leuchtreklame auf der anderen Straßenseite.

„Hab ich schon mal gesehen. Großartig! Die Karten kosten bestimmt ein kleines Vermögen.“

„Ich kann jetzt unmöglich schlafen.“

„Bringen wir zuerst einmal deine Einkäufe ins Hotel und dann schauen wir, ob wir wirklich noch Lust haben auszugehen. Okay?“

„Ich habe sicher Lust.“

Auf dem Weg zum Pink Flamingo redet Orlando von nichts anderem als von den tollen Shows. „Die Karten sind nicht so teuer, glaub mir. Ich habe zuhause im Internet nachgesehen. Die Preise bewegen sich zwischen fünfzig und hundert Dollar. Das ist fast geschenkt …“

„Du spinnst, oder du kannst nicht rechnen. Hundert Dollar sind ungefähr sechzig Euro. Das ist überhaupt nicht billig. “

„Man könnte fast denken, du gehst in Wien nie aus. Eine Karte für so ein teppertes Musical kostet bei uns auch an die hundert Euro.“

Er gibt nicht auf, jammert, dass wir ohnehin zu kurz in Las Vegas seien und er vermutlich kein zweites Mal in seinem Leben hierherkommen würde. Irgendwann gebe ich auf und willige ein, mit ihm eine Show zu besuchen. „Vergiss nicht, die Karten dürfen nicht mehr als sechzig Dollar kosten.“

Orlando besorgt sich an der Rezeption ein Programmheft und findet tatsächlich eine Dragshow mit erschwinglichen Eintrittspreisen.

Ich schlüpfe in meine schwarzen Jeans und lasse mich von ihm dazu überreden, ein weit ausgeschnittenes Desigual-T-Shirt anzuziehen, das meine vollen Brüste betont.

Zum Human Nature Theatre im Imperial Palace leisten wir uns ein Taxi.

Der alte Kasten sieht von außen recht prächtig aus. Das Theater erinnert mich allerdings an ein Puff. Nicht, dass ich schon mal in einem Puff gewesen wäre, aber ich stelle mir solche Etablissements genauso plüschig und schmuddelig vor.

Orlando ist wild entschlossen, Frank Marinos Show „Divas Las Vegas“ zu genießen, und beginnt wie wild zu klatschen, als der Transvestit die Bühne betritt. Ein paar eingefleischte Fans in der ersten Reihe jubeln Franky ebenfalls lauthals zu. Wahrscheinlich bezahlt er sie dafür.

Der Saal ist halbleer. „In der Pause setzen wir uns weiter nach vorn“, tuschelt Orlando mir ins Ohr.

Frank Marino imitiert die typisch amerikanische Hausfrau der 1960er-Jahre. Er trägt ein kleinkariertes Kostüm, hat die Haare zu einem Dutt hochtoupiert und die Lippen zuckerlrosa geschminkt. Er lässt kein Klischee aus. Ein Gag jagt den nächsten. Ich ärgere mich nicht einmal über diese billigen frauenfeindlichen Witze, langweile mich fürchterlich und gähne demonstrativ.

„Du hast einfach keinen Humor, Kafka. So was Tolles habe ich in Wien noch nie gesehen!“

Armes Schwein, denke ich. Will Orlando aber nicht die Freude verderben und halte meinen Mund.

Nach der Pause schicke ich ihn allein zurück in den Saal und rauche vor dem Imperial Palace eine zweite Zigarette. Da mir die Toleranz gegenüber Rauchern in dieser Stadt nicht geheuer ist, ziehe ich mich in eine dunkle Ecke, ein wenig entfernt vom protzigen Hoteleingang, zurück.

Plötzlich kommen drei Burschen aus dem Dunkel auf mich zu. Sie sehen nicht so aus, als hätten sie vor, ins Casino zu gehen. Der eine hält einen braunen Papiersack an seine Lippen. Ich nehme an, dass sich eine Bierdose oder eine Schnapsflasche darin befindet. Die anderen beiden haben Glimmstängel in der Hand.

Sie mustern mich ebenso abschätzig wie ich sie. Der Kleinste von ihnen starrt unverwandt auf meine Handtasche.

Okay, Boys! Mit Kleinkriminellen kenne ich mich aus. So mancher meiner Verwandten mütterlicherseits verdient seinen Lebensunterhalt mit Taschendiebstahl und anderen Gaunereien. Rasch werfe ich die halbgerauchte Zigarette weg und laufe zurück zum hell beleuchteten Eingang.

3. Las Vegas, Nevada, 16. April 2012

Am nächsten Morgen blockiert Orlando für eine Stunde das Badezimmer. Ich bereue längst, ihn mitgenommen zu haben.

Als er mich endlich ins Bad lässt, bleibt mir fast der Atem weg. Er hat sich im Dutyfreeshop in Paris mit seinem Lieblingsparfüm und diversen Bodylotions eingedeckt. Ich finde diesen penetranten Patschuli-Geruch zum Kotzen.

Orlando trägt ein champagnerfarbenes Seidenkostüm und dazu die unvermeidlichen Highheels. Irgendwann wird er sich mit diesen zehn Zentimeter hohen Dingern die Beine brechen. Seine grünen, leicht schräg stehenden Augen, die meinen sehr ähnlich sind, hat er mit einem türkisfarbenen Lidschatten betont. Dazu hat er eine rotblonde Langhaarperücke gewählt.

„Wir gehen zur Polizei, nicht auf eine Hochzeit.“

„Du könntest dich ruhig auch anständig anziehen. Man wird einfach besser behandelt, wenn man gut gekleidet ist.“

Obwohl ich ihm ausnahmsweise Recht geben muss, bin ich zu faul, mich umzuziehen. Außerdem fühle ich mich in meinen schwarzen Jeans und dem weißen T-Shirt fesch genug. Meine lange rothaarige Mähne bändige ich mit einer getigerten Haarspange, die Orlando gestern im Caesars Palace für mich erstanden hat. Ich trage noch eine Spur Lippenstift auf und schlüpfe in meine bequemen Bensimon-Schuhe, die ich mir extra für diese Reise gekauft habe.

Nach einem opulenten Frühstück nehmen wir uns ein Taxi nach Downtown, zum Las Vegas Municipal Police Departement.

Als wir uns dem riesigen Stratosphere Tower nähern, verändert sich die Gegend schlagartig. Vor dem Turm haben sich unzählige Tattoo-Shops, Spielhallen und Souvenirläden angesiedelt. „Bonanza-Gift-Shop – der größte Souvenirshop der Welt“ verspricht eine monumentale Reklametafel. Orlando will unbedingt auf einen Sprung hineinschauen.

„Nicht jetzt. Ich will den Detective heute unbedingt er­wischen. Am Telefon hat er gesagt, dass er in der Früh am besten erreichbar sei.“

„Ist eine üble Gegend. Vor allem in der Nacht sollten Sie nicht hierherkommen“, warnt uns der junge schwarze Taxifahrer. „Rund um den Turm treffen sich die Junkies mit ihren Dealern.“

„Was sind denn das für Hütten? Sind das die Slums von Las Vegas?“ Orlando deutet auf heruntergekommene, bunt gestrichene kleine Holzhäuser, an denen überall die Farbe abblättert.

„Hier haben sich ein paar arme Künstler niedergelassen“, erklärt uns der Taxifahrer. „Gleich wird die Gegend wieder besser. In der Nähe des Police Departements haben in den letzten Jahren jede Menge Law Offices aufgemacht. Das Courthouse und die City Hall sind ebenfalls nicht weit entfernt.“

Er hält direkt vor dem modernen Bau, in dem sich das Police Departement befindet, und beschreibt uns den Weg. „Durch den Innenhof und dann schräg links.“

Ich bedanke mich mit einem großzügigen Trinkgeld.

In der Anmeldung herrscht Hochbetrieb. Mindestens zwei Dutzend Leute, größtenteils Afro- und Lateinamerikaner, warten geduldig in dem kleinen Foyer.

Ein dicker Cop hinter einem verglasten Schalter versucht mit witzigen Lautsprecherdurchsagen die Stimmung in dem überfüllten Raum zu verbessern.

„Hi Ma’am. Was kann ich für Sie tun?“, hallt es aus den Boxen in den Ecken.

„Wir sind mit Detective Simon Hunter von der Cold-Case-Abteilung verabredet.“ Die Lüge ging mir ganz leicht von den Lippen. Außerdem habe ich nur halb gelogen, denn ich habe diesem Detective bei unserem Telefonat meinen Besuch ja tatsächlich angekündigt.

„403. Vierter Stock.“

Ich liege richtig mit meiner Einschätzung. Der spaßige Cop macht sich nicht die Mühe, zum Telefonhörer zu greifen und uns anzumelden.

Als wir mit dem Lift in den vierten Stock hinauffahren, ist mir doch etwas mulmig zumute. Ich zögere kurz vor der Tür mit der Aufschrift „Special Investigations“, bevor ich anklopfe.

„Herein.“

Ein großer schlanker Mann mit breiten Schultern und langen Beinen steht neben dem Schreibtisch und telefoniert. An seinen schmalen Hüften sitzen hautenge Jeans.

Er sieht verdammt gut aus, befinde ich.

Der Detective deutet uns, Platz zu nehmen.

Ein Schild auf dem Schreibtisch verrät uns, dass wir hier richtig sind: „Detective Simon Hunter“.

Während er sich bemüht, sein Telefonat rasch zu beenden, mustere ich ihn unverfroren.

Markante Gesichtszüge, hohe, breite Wangenknochen, eine kräftige, stark gekrümmte Adlernase, schmale Lippen, sehr dunkle, leicht schräg stehende Augen, bronzefarbene Haut, blauschwarzes Haar, das er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hat. Eine rotbraune Narbe entstellt seine linke Gesichtshälfte, verläuft von seinem Auge fast bis zum Mund. Wenn dieses schüchterne Lächeln nicht wäre, könnte man glatt Angst vor ihm haben. Ich schaue rasch weg, als er meinen prüfenden Blick erwidert.

„Simon Hunter“, stellt er sich vor, nachdem er sein Gespräch endlich beendet hat.

„Katharina Kafka, und das ist mein …, Orlando“, stam­mle ich.

„Ihre Schwester?“

Sehen Orlando und ich uns mittlerweile tatsächlich ähnlich? So wie alte Ehepaare oder Herrchen und Hund? Nein, wir haben nur die gleichen grünen, leicht schräg stehenden Augen. Und seine rotblonde Perücke hat fast die gleiche Farbe wie mein Haar.

„Nein“, sage ich. Gebe aber keine Erklärung ab.

„Nehmen Sie Platz. Was kann ich für die beiden Ladies tun?“

Er lächelt Orlando an, nicht mich.

Womöglich ist er, trotz seines sehr männlichen Aus­sehens, schwul? Blödsinn! Das ist meine Schwulenparanoia, die ich mir im Laufe der letzten Monate, in denen ich ständig mit Orlando zusammen war, zugelegt habe. Orlando hält jeden gut aussehenden Mann für schwul und leider hat er öfter Recht, als mir lieb ist.

Ich setze mich auf einen der unbequemen Stühle vor dem Schreibtisch des Detective und sehe ihn direkt an.

„Wir haben telefoniert. Sie sagten, dass Sie einen der Mörder meiner Eltern gefasst hätten.“

Seine Miene wird sofort ernst. Aber auf seiner Stirn sehe ich ein großes Fragezeichen.

„Wir sind aus Wien. Österreich. Der Fall Kafka. Meine Eltern sind 1992 auf einem Campingplatz in der Nähe von Amarillo ermordet worden. Ich habe Ihnen bei unserem Telefonat gesagt, dass ich so bald wie möglich kommen werde“, helfe ich ihm auf die Sprünge.

„Ach ja.“ Wenn er überrascht ist, lässt er es sich jedenfalls nicht anmerken.

Er kramt in den Papierbergen auf seinem Schreibtisch. Zieht eine ziemlich zerfledderte graue Mappe aus einem Stapel von Akten heraus und wirft einen Blick hinein.

„Haben Sie einen Ausweis dabei?“

Ich reiche ihm meinen Reisepass.

Er blättert ihn rasch durch und gibt ihn mir wieder zurück. Orlandos Pass will er gar nicht erst sehen.

„Dick Carson“, sagt er. „Der Mann ist hier in Vegas in einem Jackpot Dotties gefasst worden. Übrigens dank der Aufmerksamkeit eines alten Havasupai.“

„Was ist ein Jackpot Dotties?“, fragt Orlando.

Ich versetze ihm einen Tritt gegen das Schienbein.

„Aua.“

Dem Detective entkommt ein kleiner Grinser.

„Eine Art Casino für Arme. In diesen Lokalen gibt es ausschließlich Slotmaschinen. Hauptsächlich wird Poker gespielt. Eine der jungen Frauen, die dort die Spieler betreuen, ihnen Tipps geben und dafür bei Gewinnen zehn Prozent Provision kassieren, hat bei der Polizei angerufen, weil dieser Dick Carson randaliert und einen Kellner mit einem abgebrochenen Flaschenhals bedroht hat. Er war betrunken und hat damit angegeben, schon mehr Leute umgebracht zu haben. Als die Kollegen dort eintrafen, hat er die Kleine als Geisel genommen. Ihr einen Revolver an die Stirn gehalten. Er hat kaum mehr gerade stehen können. Den Cops ist es nicht schwer gefallen, ihn zu überwältigen. Dick war sehr gesprächig, hat auf dem Weg zur Polizeistation damit geprahlt, dass er bisher ganz andere Dinger gedreht hätte. Um es kurz zu machen: Man hat die Kreditkarten eines Pärchens bei ihm gefunden, das vor kurzem im Grand Canyon umgebracht worden ist. Diese beiden jungen Leute aus Ohio hatten in Vegas geheiratet und waren auf Hochzeitsreise, wollten am Colorado River unten im Grand Canyon campen …“

„Und was hat der Havasupai damit zu tun?“

„Dieser Indianer ist dem Pärchen begegnet, als er zum Grand Canyon Village hinaufgestiegen ist. Kurz danach ist ihm ein weißer Mann aufgefallen, der versucht hat, sich hinter einem Felsen zu verstecken. Als er etwas später zwei Schüsse gehört hat, ist er misstrauisch geworden und hat sich ebenfalls versteckt. Nachdem Dick Carson bepackt mit einem Rucksack an ihm vorbeigekeucht war, ohne ihn zu bemerken, ist er hinuntergeeilt und hat die beiden Leichen entdeckt. Der Inhalt ihrer Rucksäcke ist verstreut auf einer Felsplatte neben den Toten gelegen. Der Mörder hatte nur die Wertsachen und einen Rucksack mitgenommen.“

„Oh mein Gott“, flüstert Orlando.

„Dick Carson sitzt jetzt im Arizona State Prison in Florence und wird demnächst wegen dem Doppelmord im Grand Canyon angeklagt. Er ist nach Arizona überstellt worden, da er das Verbrechen auf dem Boden dieses Staates begangen hat.“

„Und wie sind Sie darauf gekommen, dass er einer der Mörder meiner Eltern ist?“

„Er hat beim Verhör einen anderen Mord gestanden, der allerdings sehr lange zurückliegt. Daraufhin hat man uns informiert. Ich will Sie jetzt nicht mit technischen Details langweilen. Jedenfalls haben wir aufgrund seiner Fingerabdrücke herausgefunden, dass er bei mehreren ungeklärten Mordfällen zumindest am Tatort war. Auch damals, als Ihre Eltern auf dem Campingplatz bei der Cadillac Ranch in Amarillo ermordet worden sind.“