Der Tod ist ein Wiener - Edith Kneifl - E-Book
Beschreibung

Düstere Spannung und Frauenpower: Im Wienerwald lauern die Geister der Vergangenheit. Die Detektivin Magdalena und ihre Freundinnen Elvira und Sofia sind drei selbstbewusste Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Dennoch bringt das Team mit Stützpunkt am Naschmarkt nichts so schnell aus der Ruhe. Mit Köpfchen, Charme und einer guten Portion schwarzem Humor geht das Trio infernale auf Verbrecherjagd in Wien. Ein neuer Fall führt die Drei vom Naschmarkt in eine Jugendstilvilla am Rande des Wienerwalds. Im Auftrag der ehemaligen Kunsthändlerin Adele sollen sie die zur Adoption freigegebene Tochter ihrer bester Freundin Larissa ausfindig machen. Der möchte Adele ihre Kunstsammlung vermachen. Klingt nach Routinearbeit für erprobte Detektivinnen. Aber weit gefehlt! Die Schatten der Vergangenheit lauern hinter jedem Baum des Wienerwalds Bei den Ermittlungsarbeiten stößt das Trio bald auf dunkle Abgründe: Adeles Freundin Larissa, eine psychisch kranke Malerin, hatte sich in den 1970ern in der Wiener Psychiatrie am Steinhof das Leben genommen. Adele möchte nicht recht daran glauben. Sie vermutet Heinrich hinter dem vermeintlichen Suizid, Adeles ehemaligen Verehrer und gleichzeitig Larissas damaligen Arzt im Otto-Wagner-Spital. Dann stirbt Adele plötzlich - und wertvolle Zeichnungen von Egon Schiele und Oskar Kokoschka verschwinden aus Adeles Sammlung. Hat es jemand auf Adeles Erbe abgesehen? Ein Krimi voller morbidem Wien-Charme Magdalenas, Elviras und Sofias Ermittlungen zwischen Otto-Wagner-Kirche, Wienerwald und Wilhelminenberg bringen die dunkle Seite der österreichischen Hauptstadt zum Vorschein. Inmitten der lieblichen Hügel des Wienerwaldes haben sich in der Vergangenheit grausige Szenen abgespielt. Und bald steht auch noch eine der Wiener Ermittlerinnen selbst unter Mordverdacht. Düstere Spannung und Frauenpower im neuen Wien-Krimi von Edith Kneifl!

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Edith Kneifl

Der Tod ist ein Wiener

Die Drei vom Naschmarkt ermitteln

Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
PROLOG
März 1945
1.
2.
3.
4.
5.
6.
1974
7.
8.
9.
1974
10.
11.
1974
12.
13.
1975
14.
15.
1975
16.
17.
1975
18.
19.
1975
20.
21.
1975
22.
23.
1978
24.
25.
26.
27.
28.
1976
29.
30.
31.
EPILOG
1976
Edith Kneifl
Zur Autorin
Impressum

Solange es hohe Berge gibt, glaube ich an keine Gerechtigkeit.

Herbert Achternbusch

PROLOG

März 1945

Der Schrei eines Kauzes bringt Unheil. Obwohl der junge Mann in einem Mietshaus in der Praterstraße aufgewachsen war, erkannte er die Vögel an ihrem Gesang. In seiner Kindheit hatte er viele Tage in den Praterauen verbracht.

Durch das winzige Fenster drang schwaches Licht in die halbverfallene Hütte, in der er sich seit Tagen versteckt hielt. Der anbrechende Morgen verkündete den nahenden Frühling. Die Luft war mild. Letzte Nacht hatte er schon weniger gefroren als in den Nächten vorher.

Die Hütte mitten im Wienerwald war mit Brennnesselstauden und Farnen fast zugewachsen. Kein Weg führte dorthin. Um sie zu erreichen, musste man sich durch dichten Mischwald und meterhohes Gestrüpp schlagen.

Kurz nach dem Schrei des Todesvogels vernahm er ein Knacken und Knistern in den Brombeersträuchern. Es war nicht das Geräusch des Windes, der mit den frischen Blättern der Laubbäume spielte, es war auch nicht das Rauschen der Nadelbäume, das ihn nachts oft in den Schlaf begleitete. Er besaß ein ausgezeichnetes Gehör. Deswegen wäre er als Flakhelfer sehr geeignet gewesen. Er konnte die Bomber bereits hören, wenn sie noch kilometerweit von Wien entfernt waren.

Plötzlich bildete er sich ein, Schritte zu vernehmen. Leise Schritte, die vom feuchten Waldboden fast gänzlich aufgesaugt wurden.

Er sprang auf, schob mit den Füßen die zerfledderte Matratze vor die Tür und blickte sich verzweifelt nach einem Gegenstand um, der ihm zur Verteidigung dienen könnte. Es war zu finster, um irgendetwas zu erkennen. Der Mond hatte sich hinter eine Wolke verzogen. Außerdem wusste er, dass sich, außer der Matratze, nur ein Gaskocher, ein bisschen Geschirr und ein paar Lebensmittel in der Hütte befanden. Eine morsche Holzlatte, in der einige rostige Nägel steckten, war das Einzige, das ihm als Waffe zur Verfügung stand.

Er umfasste sie mit beiden Händen. Stellte sich neben die Tür. Wenn der Mann, der ihn töten wollte, die Tür, die nach außen aufging, öffnete, würde er vielleicht über die Matratze stolpern. Dann könnte er ihn mit dem Holzprügel niederschlagen. Hoffentlich kam er allein. Gegen mehrere würde er keine Chance haben.

Der Wind hatte sich gelegt. Stille war eingekehrt.

Im Wald war es jedoch nie ganz still. Die nachtaktiven Vögel und kleinen Nager verrieten sich durch leises Pfeifen und kaum hörbares Rascheln.

Hatte er sich die Schritte nur eingebildet? In letzter Zeit zweifelte er öfter an seinem Verstand.

Warum hatte er nicht einfach mitgemacht, so wie die meisten? Warum hatte er nicht als Flakhelfer weiter gedient? Selbst sie hatte ihn anfangs gebeten, durchzuhalten. Obwohl sie so jung war, wusste sie um die große Gefahr, in die er sich begab, wenn er den Befehl verweigerte.

Er liebte sie, liebte nicht nur ihre großen, graublauen Augen, ihre lustige Stupsnase und ihren sinnlichen Mund, sondern auch ihre Selbstsicherheit, ihren Humor, ihre Warmherzigkeit und Großzügigkeit. Sie hatten einander ewige Liebe geschworen. Weil sie so jung war, hatten sie beschlossen, noch eine Weile zu warten, bis sie sich miteinander vereinen würden.

Sie hatte ihm einige zarte Küsse gewährt. Einmal hatte er ihre kleinen Brüste streicheln dürfen. Davon träumte er jede Nacht, seit er allein in dieser kalten, ungemütlichen Hütte hauste.

Erst gestern hatte sie ihn besucht, ihm eingelegten Karfiol mitgebracht, obwohl ihre Familie kaum noch etwas zu essen hatte. Ihre kluge Mutter hatte letztes Jahr in dem einst prächtigen Garten ihrer Villa ein Feld angelegt, Kartoffeln und anderes Gemüse angebaut, und die ganze Familie damit durch die schlimmen Wintermonate 1944/45 gebracht.

Seine Freundin hatte ihm auch diese Hütte im Wienerwald gezeigt, in der sie sich als Kind versteckt hatte, wenn sie sich von ihren Eltern missverstanden oder schlecht behandelt gefühlt hatte. In diesem beinahe undurchdringlichen Waldstück hatte sie früher mit ihren Freunden Cowboy und Indianer gespielt. Die ersten beiden Winnetou-Bücher von Karl May hatte sie ihm geborgt. Band drei hatte er sich selbst gekauft und versprochen, ihn ihr zu leihen, sobald er ihn fertiggelesen hatte. Karl May zählte nicht zu den verbotenen Autoren, im Gegenteil, die Nazis und vor allem der Führer schätzten ihn sehr. Vielleicht hatte er Band drei deshalb bisher nicht gelesen. Seit sie ihn als Flakhelfer rekrutiert hatten, wurde für ihn die Nacht zum Tag. Während seiner Einsätze am Flakturm in der Gumpendorfer Straße war keine Zeit zum Lesen geblieben. Die Bomber der Alliierten waren meistens nachts oder im Morgengrauen am Himmel über Wien erschienen.

Wieder vernahm er ein Geräusch, das er nicht eindeutig identifizieren konnte. Waren es Schritte eines Menschen oder tappte ein Wildschwein durch den Wald? Er fürchtete sich vor Wildschweinen. Noch mehr fürchtete er die Nazi-Schweine.

Lautlos zuzuschlagen wie die Indianer, war nicht die Stärke der Nazis. Normalerweise griffen sie lautstark blödsinnige Parolen grölend an.

Im selben Moment, als die halbvermoderte Tür der Hütte aufgerissen wurde, ertönte der zweite Ruf des Steinkauzes.

Der Ruf des Todes, dachte er.

Eine unheimliche Schwere ergriff Besitz von seinem Körper. Am liebsten hätte er sich hingelegt und regungslos auf den Tod gewartet. Er war eben kein guter Soldat.

„Komm heraus“, schrie der Mann, der vor der Türschwelle stehenblieb, leider nicht über die Matratze stolperte.

Es drang kaum Licht in die Hütte, dennoch konnte er die Umrisse des Mannes erkennen. Und er erkannte ihn an seiner Stimme, dieser leicht hysterischen Fistelstimme, die so gar nicht zu dem großen, kräftigen, blauäugigen Burschen passte.

Sein erster Impuls war, ihn um Gnade zu bitten.

Da er wusste, dass er keine Gnade zu erwarten hatte, begann er, mit der Holzlatte auf die dunkle Silhouette vor ihm einzuschlagen.

Er landete einen Treffer. Sein Gegner heulte auf. Wahrscheinlich hatte ihn einer der rostigen Nägel verletzt.

Die erste Kugel streifte seine Schulter. Er spürte den Schmerz erst ein paar Sekunden später. Der zweite Schuss traf ihn mitten in die Stirn.

Den dritten Schrei des Kauzes hörte er nicht mehr. Seine Seele befand sich bereits auf dem Weg in die Ewigkeit.

1.

Ich bin eine urbane Frau. Für Wald- und Wiesenromantik hatte ich nie viel übrig. Den Wienerwald liebe ich jedoch seit meiner Kindheit.

Meine Freundin und frühere Mitbewohnerin Elvira spielte seit einigen Wochen Bodyguard und Kosmetikerin für eine alte Dame namens Adele Artner, die in einer Villa am Wilhelminenberg wohnte.

Elvira Smejkal war letzten Sommer, nachdem sie ihre Wohnung verloren hatte, zu mir ins Majolikahaus am Naschmarkt gezogen. Ich arbeitete seit einiger Zeit als Privatdetektivin. Elvira und meine Nachbarin Sofia Schanda hatten mir bei meinen bisherigen Ermittlungen immer geholfen. Gemeinsam hatten wir bereits einige Fälle gelöst.

Mit Jahresende hatte Elvira dann auch ihr kleines Kosmetikstudio in der Gumpendorfer Straße aufgegeben. Die feuchten Mauern im Erdgeschoss des Gründerzeithauses mussten dringend trockengelegt, die ganze Hausfassade saniert werden. Der fürchterliche Baulärm hatte alle ihre Stammkundinnen vertrieben.

Elvira stammte aus der Slowakei und war eine findige Frau. Seit sie ihren Laden geschlossen hatte, machte sie viele Hausbesuche, arbeitete schwarz und verdiente im Endeffekt nicht viel weniger als vorher. Versichert war sie allerdings nicht mehr. Hormone und Schmerzmittel, die sie wegen ihrer Rückenprobleme ständig schluckte, musste ich ihr nun besorgen. Mein praktischer Arzt wunderte sich zu Recht über meinen Bedarf an Schmerztabletten und Hormonen. Ich war nach meiner Achillessehnen-OP vorigen Sommer längst wieder imstande, fünf bis zehn Kilometer zu laufen, was ich ihm selbstverständlich verschwieg. Außerdem war ich nicht im Wechsel.

Mir war nicht nur Elvira abhandengekommen, auch meine Nachbarin Sofia hatte sich seit einer Woche nicht mehr bei mir blicken lassen. Sie war die ständigen Auseinandersetzungen mit ihrem Mann leid gewesen. Letztes Jahr hätten sich die Schandas beinahe scheiden lassen. Major Werner Schanda von der Wiener Kriminalpolizei hatte sich bei einer Partnerschaftsbörse im Internet angemeldet. Zu seinem Pech war die erste Frau, mit der ein Date hatte, seine eigene. Sofia war in meinem Auftrag, also aus rein beruflichen Gründen, zu dieser Verabredung gegangen.

Sie hatte ihrem Mann diesen glimpflich verlaufenen Seitensprungversuch nicht verzeihen können. Nachdem sie sich doch wieder versöhnt hatten, schien eine Art zweiter Frühling einzukehren. Der häusliche Friede währte nicht lange. Der nicht enden wollende Winter hatte das Seine dazu beigetragen, dass Sofia ihre Koffer packte und zu Elvira in die Villa am Wilhelminenberg zog.

Sie und Werner hatten sich meistens wegen des leidigen Geldes gestritten. Sofia hatte geplant, eine Krimibuchhandlung zu eröffnen. Der Herr Major war nicht bereit gewesen, einen Kredit für „ihre Spinnerei“, wie er es nannte, aufzunehmen.

Sofia hatte schon vorher viel Zeit in der alten Villa am Rande des Wienerwalds verbracht. Adele Artner hatte sie gebeten, ihren beachtlichen Buchbestand zu archivieren. Es handelte sich um sechs- bis siebentausend Bücher. Die Bezahlung für diese in meinen Augen todlangweilige Tätigkeit war hervorragend.

Ohne meine beiden Freundinnen fühlte ich mich einsam in meiner großen Wohnung am Naschmarkt. Nur Werner Schanda kam abends manchmal auf ein Plauscherl vorbei.

Seine Gesellschaft behagte mir nicht besonders. Jedes Mal beklagte er sich über die Sturheit seiner Frau und versuchte, mich auf seine Seite zu ziehen. Er war der Meinung, ich hätte großen Einfluss auf sie.

Sofia hatte sich seit dem Schock letzten Sommer, als ihr Mann auf der Suche nach einer Geliebten war, sehr verändert. Sie war selbstbewusster und härter geworden, redete nicht mehr allen Leuten nach dem Mund und legte sich in Diskussionen selbst mit mir an.

Ich war mir nicht sicher, ob mir die neue Sofia besser gefiel als die alte. Einerseits war ich froh, dass sie nicht mehr so ängstlich und angepasst war, andererseits musste ich Major Schanda beinahe recht geben, ihre streitlustige Art und ihr aufmüpfiges Verhalten erinnerten fatalerweise an das Benehmen ihrer pubertierenden Tochter Natalie.

Werner Schanda tat mir fast leid. Natalie blieb ihrem Vater momentan nichts schuldig. Sie schien außer Rand und Band zu sein, trieb sich bis in die frühen Morgenstunden in den Lokalen im sechsten und siebten Bezirk herum, obwohl sie in zwei Monaten die Matura bestehen sollte. Die Strafmaßnahmen ihres Vaters ignorierte sie prinzipiell.

Zu meiner Überraschung unternahm Sofia nichts gegen die nächtlichen Streifzüge ihrer Tochter. Die Einzige, auf die Natalie manchmal hörte, war angeblich ich. Mir missfiel die Rolle der moralischen Instanz. Mittlerweile hatte ich es gründlich satt, mir die Probleme meiner Nachbarn mit ihrer fast achtzehnjährigen Tochter anhören oder sie gar ausbaden zu müssen. So manche Nacht läutete Natalie bei mir und warf sich betrunken auf eines der drei Sofas in meinem Wohnzimmer. Eines Nachts kotzte sie sogar auf den einzig wertvollen Teppich, den ich besaß.

So kam es, dass ich ebenfalls öfter die Tage in der Villa Artner am Wilhelminenberg verbrachte. Es war eine wunderbare Gegend zum Joggen. Laufen war nun einmal meine Passion. Ich war den ganzen Winter über gelaufen. Fühlte mich bestens in Form.

Adele Artner war eine von Elviras Stammkundinnen. Seit einem Oberschenkelhalsbruch konnte die sechsundachtzigjährige Dame kaum mehr gehen, ansonsten war sie für ihr Alter körperlich und geistig gut beisammen. Nur die Beine wollten eben nicht mehr mitspielen. Außerdem litt sie unter einem leichten Verfolgungswahn. So eine Altersparanoia war ja nichts Besonderes. Kam in den besten Familien vor. Seit sie sich kaum mehr ohne Rollator fortbewegen konnte, fühlte sie sich bedroht, bildete sich ein, dass ihr jemand nach dem Leben trachtete. Auch deshalb hatte sie Elvira ersucht, bei ihr einzuziehen. Im Grunde hatte Elvira nicht viel zu tun, außer ihr täglich die Haare zu machen. Einmal in der Woche verwöhnte sie Adele mit einer Maniküre, alle drei Wochen mit einer Pediküre.

Während ich in langsamem Tempo den Paulinensteig hinauflief, machte ich mir Gedanken über die alte Dame in der verwitterten Jugendstilvilla.

Adele Artner, eine für ihre Generation großgewachsene, hagere, weißhaarige Frau, sah aus wie eine alte Indianerin. Ihr faltiges Gesicht war Jahr und Tag sonnenverbrannt. Elvira hatte mir verraten, dass sie selbstbräunende Cremen verwendete.

Mir gefiel die Alte. Ich wünschte mir, mit sechsundachtzig geistig ebenso fit zu sein wie sie.

Die Villa Artner war von einem Schüler Otto Wagners, des bedeutendsten österreichischen Architekten der Belle Epoque, erbaut worden. Außer dem streng symmetrischen Grundriss, der repräsentativen Säulenloggia und der sezessionistischen Fassade mit einem geometrischen Dekor von Koloman Moser, einem führenden Vertreter des Jugendstils, hatte sie weder mit der ersten noch mit der zweiten Wagner-Villa im Vierzehnten viel gemein. Dennoch sah man dem Haus die alte Pracht noch an. Auch wenn es das Flair von Vergänglichkeit verströmte.

Die Familie Artner hatte ihre einst stilvolle Villa im Laufe der Jahrzehnte gründlich verschandelt – die Säulenloggia verglast, zu einem Wintergarten umgebaut und sogar ein zweites Stockwerk draufgesetzt. Auch im Inneren hatten sich einige Architekten in den 1930er und 1940er Jahren ausgetobt: Zwischenwände in den großen Räumen eingezogen, das elegante Treppenhaus verkleinert. Adele Artner hatte mir bei meinem ersten Besuch anvertraut, dass sie sich für ihr hässliches Zuhause schämen würde.

Die Villa lag auf einer Anhöhe am Waldesrand. Selbst vom Erdgeschoss aus hatte man einen fantastischen Blick auf Wien. Eine Art Schneise tat sich direkt vor dem Haus auf.

Die polnische Haushaltshilfe Pauline hielt die Villa seit über zwanzig Jahren gut in Schuss. Sie schien auch bestens für die alte Dame zu sorgen. In letzter Zeit hatte Adele allerdings kein Vertrauen mehr zu Pauline. Elvira hatte mir erzählt, dass Adele behauptete, die fünfundsechzigjährige Polin hätte sich zu ihren Ungunsten verändert. Neuerdings würde sie öfters Bemerkungen darüber fallen lassen, dass sie die viele Arbeit bald nicht mehr schaffen werde. Außerdem war sie der Meinung, dass die Villa viel zu groß für Adele sei. Mehrmals hatte sie ihr geraten, das Haus zu verkaufen und in eine noble Seniorenresidenz zu ziehen. Adele war davon überzeugt, dass ihre nächsten Verwandten hinter diesen neuen Tönen steckten. Sie vermutete, diese hätten Pauline bestochen, um früher an ihr Erbe zu kommen.

Elvira machte ein richtiges Drama aus dieser Geschichte.

Als ich einwarf, dass Frau Artner mit ihren sechsundachtzig Jahren nach einem Oberschenkelhalsbruch in einer hellen, freundlichen Seniorenresidenz mit Rund-um-die-Uhr-Betreuung vielleicht besser aufgehoben wäre, als in einem zweistöckigen Haus mit steilen Treppen und engen dunklen Gängen, bezeichnete sie mich als kalt und unsensibel.

Wir hätten uns beinahe in die Haare gekriegt, wenn ich nicht aus Rücksicht auf ihre momentane Lebenskrise klein beigegeben hätte.

Elvira hatte sich erst vor kurzem von ihrem Freund Milan getrennt. Die Trennung war nicht ohne Riesenstreitereien abgegangen und hatte sie einige Kilos gekostet. Sie war zurzeit fast schlank, selbst ihre ausladenden Hüften und ihr dicker Po schienen geschrumpft zu sein. Dafür merkte man ihr ihre siebenundvierzig Jahre nun an. Rund um Augen und Mund zeigten sich jede Menge Knitterfältchen, netterweise könnte man Lachfältchen dazu sagen. Leider hatte sie auch von ihrem Humor und ihrer ständig guten Laune einiges eingebüßt. Manchmal kam sie mir richtig trübsinnig vor.

Ihr Freund Milan hatte sein Haus in Kroatien im Winter fertig gebaut. Verständlicherweise hatte er erwartet, dass sie mit ihm hinunter ziehen würde. Er hatte ihr sogar einen Heiratsantrag gemacht. Elvira dachte nicht im Traum daran, diesen viel jüngeren Mann zu heiraten, wollte keinesfalls in Kroatien leben. Meer und Sonne hin oder her, sie war genauso eine Asphaltpflanze wie ich, brauchte Menschen, Lokale, Geschäfte, Lärm und Großstadtgetriebe, um sich wohlzufühlen. Deswegen fragte ich mich manchmal, wie lange sie es in dieser stillen, einsamen Gegend da draußen am Wilhelminenberg aushalten würde.

Ich näherte mich der Abzweigung zur Villa Artner. Als ich auf den Kiesweg zum Haus einbog, kam mir ein schwarzer Mercedes SUV entgegen, der die ganze Breite des Weges einnahm. Zum Glück fuhr der Fahrer im Schritttempo und hielt sogleich an. Ich hätte weder nach links noch nach rechts ausweichen können, wäre mitten in den Rosen- und Lorbeerbüschen gelandet.

Ich erkannte den älteren Mann am Steuer, war ihm bereits einmal begegnet. Es handelte sich um Johann, den Gärtner und Chauffeur von Adele, der kostenlos in einem Zimmer über der Garage hauste und ihr jederzeit zu Diensten stand. Laut Elvira konnte er den Hals nicht voll kriegen und vermietete seine Garçonnière in der Ottakringer Straße über Airbnb.

Ich winkte ihm lächelnd zu. Er reagierte nicht auf meine freundliche Geste.

Johann war mir gleich bei unserem ersten Treffen unsympathisch gewesen. Er war Anfang sechzig, mittelgroß, muskulös, gutaussehend, wenn man den südslawischen Typ mochte. Dichte dunkle Brauen, lächerlich wirkendes pechschwarz gefärbtes Haar. Zugegeben nicht schütter. Auffallend waren seine hellen Augen, die je nach Lichteinfall ihre Farbe wechselten, von graugrün bis hellblau.

Elvira hatte gemeint, er hätte einen stechenden Blick. Ausnahmsweise musste ich ihr recht geben. Ich spürte seine Blicke wie Nadelstiche auf meinen nackten Beinen.

Er schien nicht im Traum daran zu denken, den Wagen zurückzusetzen. So musste ich mich an dem Mercedes vorbeidrängen und zerkratzte mir dabei die Waden an den dornigen Rosensträuchern.

„Arschloch.“

Rasch lief ich weiter, ohne mich nach ihm umzudrehen.

Was bildet sich dieser Typ ein? Empfängt man so einen Gast?

Lautes Bellen riss mich aus meinen Gedanken.

2.

„Kusch, du alte Keifen!“ Elviras energischer Ton verfehlte seine Wirkung nicht.

Dem Gebell folgte ein leises, gefährlich klingendes Knurren.

Ich hatte einen Riesenschiss vor Hunden, vor allem vor der Boxerhündin Zita, die ich für völlig unberechenbar hielt.

Elvira thronte auf einem der Korbsessel in der verglasten Säulenhalle. Sie hatte ihren Laptop auf dem Schoß.

Adeles Wintergarten machte nicht viel her. Neben zwei eher in die Karibik passenden Korbsesseln war er mit sonnengebleichten Teakholzmöbeln und abgewetzten Pölstern ausgestattet. Ein ebenfalls ausgebleichter Holzboden versprühte keinen besonderen Charme. Grünpflanzen und ein Strauß Tulpen in einer Vase bildeten die einzigen Farbtupfer. Toll war hingegen der Blick auf die Stadt und die bewaldeten Hänge der benachbarten Hügel.

„Sag mal, wusstest du eigentlich, dass sich jährlich weltweit über achthunderttausend Menschen umbringen und nur sechshunderttausend in Kriegen sterben?“

Elviras hysterischer Tonfall behagte mir nicht.

„Wusste ich nicht. Die Medien berichten normalerweise nicht gern über Selbstmörder. Scheint ein Tabuthema zu sein wegen der Nachahmungsgefahr.“

„Ich will nicht alt werden. Der Anblick von Adele, die den ganzen Tag hilflos herumliegt, macht mich wahnsinnig. So will ich nicht enden. An meinem fünfzigsten Geburtstag bringe ich mich um.“

„Ach komm, hör auf. Du bist gerade siebenundvierzig geworden. Willst du nur mehr drei Jahre leben?“

„Fünfzig – wenn ich nur daran denke! Selbst wenn ich mich operieren lasse – wozu mir das nötige Kleingeld fehlt –, geht es nur mehr bergab.“

„Wie wäre es mit Botox?“

„Was hast du gesagt?“

War sie jetzt auch schon schwerhörig?

„Ich würde gerne duschen. Darf ich dein Badezimmer benützen? Und hast du ein sauberes T-Shirt oder einen Sweater für mich?“

„Vielleicht sollte ich auch joggen?“

„Keine schlechte Idee.“

„Meine Oberschenkel sind voller Dellen.“

„Tja, dagegen hilft nur Bewegung.“

„Es ist zu spät. Alles schlaff …“ Sie klopfte auf ihr rundes Bäuchlein.

„Verschon mich bitte mit deinem Selbstmitleid. Entweder du raffst dich endlich auf, Sport zu betreiben oder du lässt mich ein für alle Male mit deiner Jammerei in Frieden.“

Zum Mittagessen trafen wir uns im Esszimmer. Sofia und Elvira hatten Adele heil über die steile Stiege hinuntergebracht. Die Fenster standen offen. Es war angenehm ruhig im Haus, nur Vogelgezwitscher und das Rauschen der Nadelbäume unterbrachen die Stille.

Das Esszimmer war einfach möbliert. Ohne jeden Prunk. Ein schwarzer runder Esstisch, dazu passende gepolsterte Stühle in dezentem Graublau. Eine schlichte Kredenz und einige hübsche Accessoires, die aus den Wiener Werkstätten stammten. Auf einer Anrichte befand sich unter versilberten und mit Ornamenten verzierten Wärmeglocken das Mittagessen.

Die Tür zu einem riesigen Raum stand offen. Bei meinen früheren Besuchen war ich nie in diesem Raum gewesen. Rasch warf ich einen Blick hinein.

Der Boden war mit kostbaren Orientteppichen ausgelegt. Englische Tapeten mit verblasstem Blümchenmuster bedeckten die Wände. Sie waren fast nicht zu sehen. Wundervolle Bilder hingen über- und nebeneinander. Ich entdeckte sogar ein Ölbild von Oskar Kokoschka und zwei kleine Aktzeichnungen von Egon Schiele inmitten dieser kreuz und quer hängenden Bilder! Wertvolle Stilmöbel, Art-déco-Lampen, Gläser vom Lobmeyr, Augarten-Porzellan und feine Nippesfiguren in Glasvitrinen – was für ein geschmackvoll ausgestatteter bürgerlicher Salon.

Als ich nach der Dusche bei Tisch erschien, war ich gekämmt, geschminkt und hatte Elviras einzigen Sweater an. Er war mir viel zu groß und entsprach nicht meinem Geschmack. Meine Freundin bevorzugte pinkfarbene Oberteile mit Glitzer-Applikationen.

Pauline servierte uns eine Erdäpfelsuppe mit viel Lauch.

Mit gedämpfter Stimme bat mich Adele, die Teller zu tauschen. „Sie haben weniger bekommen.“

Ich amüsierte mich über diesen Anflug von Paranoia, tat ihr aber den Gefallen und spielte die Vorkosterin für sie. Da ich weder zusammenbrach noch zu kotzen anfing, nahm auch Adele ein paar Löffel von der köstlichen Erdäpfel-Lauch-Suppe.

Die alte Dame war auf einmal bester Laune, lobte sogar die Suppe.

Beim Hauptgang, einem faschierten Braten mit Erdäpfelpüree, fragte sie mich, ob ich momentan als Fotografin arbeiten würde.

Seit meiner Scheidung versuchte ich, mich nicht nur als Privatdetektivin durchs Leben zu schlagen, ich hatte auch wieder zu fotografieren begonnen.

Ich hatte drei Jahre lang an der Angewandten Fotografie studiert, mein Studium leider nicht beendet, so wie ich nichts in meinem Leben beendet hatte, außer meiner Ehe mit Gernot, einem mittlerweile stadtbekannten Scheidungsanwalt.

Elvira erzählte Adele während des Essens von meinem Naschmarkt-Projekt, einer Bilderserie, die eher ungewöhnliche Einblicke in das Geschehen auf Wiens berühmtestem Markt geben würde. Adele hörte ihr aufmerksam zu, während sie ein paar Bissen von dem „falschen Hasen“ zu sich nahm. Mir war Elviras Angeberei mit meinen Fotokünsten peinlich. Denn im Grunde hatte ich den Gedanken, mich als Fotografin zu etablieren, längst aufgegeben. Ich fotografierte nur mehr zum Spaß. Dieses Naschmarkt-Projekt war einer von meinen vielen nie realisierten Plänen gewesen.

Ich versuchte mehrmals, das Thema zu wechseln, aber Elvira ließ mich nicht zu Wort kommen.

Nach dem Essen tranken wir Kaffee im Wintergarten.

Die Bordeaux-Dogge Charlie lag zu Adeles Füßen und beäugte mich freundlich. Vor dem kastrierten Charlie fürchtete ich mich nicht. Er war, trotz seines furchterregenden Aussehens, ein Sensibelchen und ein richtiges Schmusetier. Charlie reagierte prinzipiell auf keine strengen Kommandos. Man musste ihm schmeicheln und mit sanfter Stimme Befehle erteilen, nur dann befolgte er sie. Er war das genaue Gegenteil seiner Gefährtin Zita, der scharfen Boxer-Dame, die weder Hasen noch anderes Getier verschonte. Ich war heilfroh, dass meine Gastgeberin Zita hinausgesperrt hatte.

„Fotografieren Sie auch Malerei, Frau Musil?“, fragte mich Adele. „Wenn ja, hätte ich einen kleinen Auftrag für Sie. Leider weiß ich nicht mehr genau, welche Bilder sich nach wie vor in meinem Besitz befinden. Ich habe in den letzten Jahren hin und wieder mal ein kleines Gemälde oder eine Zeichnung verkauft. Seit ich meine Kunsthandlung zugesperrt habe, führe ich nicht mehr Buch über die Verkäufe. In meinem Lager herrscht ein schreckliches Durcheinander. Ich möchte jedoch alles ordentlich hinterlassen. Deswegen archiviert Sofia ja gerade meine Bücher …“

„Um wie viele Bilder handelt es sich?“

„Achtzig oder hundert? Die meisten stammen von einer Freundin, die leider vor vielen Jahren verstorben ist. Ich habe in meinem Leben nicht viele Freunde gehabt, eigentlich fast gar keine, wenn ich es mir so recht überlege. Anfang der 1970er Jahre hatte ich eine Freundin, eine sehr gute Freundin. Larissa Lepinska. Ich nehme nicht an, dass Sie von ihr gehört haben, obwohl sie eine großartige Malerin war, vielleicht die wichtigste Malerin ihrer Zeit. Nicht nur ich habe ihr großes Talent erkannt, auch andere Kunsthändler haben sich um sie bemüht. Sie wollte mit ihnen nichts zu tun haben.“ Adele Artner brach abrupt ab, seufzte und sah mich fragend an.

Von wegen kleiner Auftrag. Ich würde mit meiner alten Plattenkamera mindestens hundert Stunden, also drei Wochen oder länger brauchen, um anständige Fotos von all ihren Kunstwerken hinzukriegen.

Sie bemerkte mein Zögern.

„Seien Sie unbesorgt, ich werde Sie gut bezahlen. Sagen wir vierzig, nein, fünfzig Euro pro Bild? Überlegen Sie es sich bitte.“

Die Rechenmaschine in meinem Kopf begann zu rattern. Das wären vier- bis fünftausend Euro. Damit wären meine Lebenskosten für zwei Monate locker gedeckt.

Beiläufig erwähnte sie noch, dass sie gute Beziehungen zu einigen Wiener Galeristen habe. „Kontaktieren Sie mal meinen Freund, den Weinheim, im vierten Bezirk. Er macht öfter Ausstellungen mit Fotografen.“

Die Alte verstand es großartig, uns drei um den Finger zu wickeln. Ich tat so, als würde ich die Telefonnummer des Galeristen auf meinem Handy speichern, dachte aber nicht im Traum daran, ihn anzurufen. Außer Fotos von Tatorten und Fotos von Menschen, die ihre Ehepartner betrogen, hatte ich nichts zu bieten.

Jahrelang hatte ich für meinen Ex-Mann zwielichtige Recherchen gemacht und mich dabei öfter mit einem Bein im Kriminal bewegt, als mir lieb war. Ich hatte Liebespaare in eindeutigen Positionen geknipst, heimlich Steuerunterlagen abfotografiert, Gespräche belauscht, die nicht für meine Ohren bestimmt waren, und sogar fremde Briefe abgefangen und geöffnet. Die einzige Kunst hatte darin bestanden, mich dabei nicht erwischen zu lassen.

Sofia hatte während des Essens beharrlich geschwiegen. Ich fragte mich, ob es Unstimmigkeiten zwischen meinen beiden Freundinnen gegeben hatte oder ob sie nach wie vor auf mich böse war.

Erst als Pauline zu Adele sagte: „Zeit für Ihr Mittagsschläfchen“, flüsterte Sofia mir ins Ohr: „Diese unmögliche Person behandelt die alte Dame wie ein Kleinkind. Kein Wunder, dass Frau Artner sie am liebsten rauswerfen würde.“

Elvira half der Haushälterin, Adele auf ihr Zimmer zu bringen.

„So, ich lasse euch allein, lege mich auch ein bisschen hin, habe heute Nacht schlecht geschlafen.“ Elvira zwinkerte mir zu. Offensichtlich wollte sie Sofia und mir Gelegenheit geben, uns auszusprechen.

Sofia hatte anderes im Kopf.

„Hast du Natalie gesehen? Ich habe gestern und heute mehrmals versucht, sie zu erreichen. Sie hat nie abgehoben.“

„Warum schickst du ihr keine SMS? Vielleicht reagiert sie darauf eher.“

„Habe ihr dreimal geschrieben. Keine Antwort.“

„Dann weiß ich auch nicht.“

„Meinst du, ich sollte Werner anrufen und fragen, ob sie, seit ich hier draußen wohne, überhaupt zuhause war?“

Ich zuckte mit den Schultern.

„Er hat es gestern Abend bei mir versucht. Ich habe nicht abgehoben. War ein Fehler …“

„Schau, ich habe dir versprochen, mich nicht mehr einzumischen.“

„Bist du etwa nach wie vor beleidigt wegen dieser blöden Geschichte? Ich hatte zu viel getrunken und habe mich eh entschuldigt. Was erwartest du noch von mir?“

Dieser leicht gereizte Ton, den sie in letzter Zeit öfter anschlug, behagte mir so gar nicht. Diese blöde Geschichte, wie sie es nannte, war vor nunmehr zehn Tagen passiert. Kurz vor dem Auszug Sofias aus der ehelichen Wohnung, wie mein Ex-Mann es ausdrücken würde.

Sie hatte eine Flasche Weißwein allein geleert und mir gegen Mitternacht verkündet, dass sie am nächsten Tag zu Elvira oder besser gesagt zu Adele in die Villa am Wilhelminenberg ziehen würde. Ich hatte mich bemüht, sie von diesem Vorhaben abzubringen, ihr erklärt, dass sich das Verlassen der gemeinsamen Wohnung im Falle einer Scheidung ungünstig für sie auswirken könnte. Die paar Semester Jus und die langjährige Arbeit für meinen verrufenen Ex-Mann waren nicht völlig umsonst gewesen. Zumindest war ich mittlerweile eine begehrte Ratgeberin für scheidungswillige Frauen.

Sofia goutierte meine Ratschläge nicht, beschuldigte mich sogar, auf Werners Seite zu stehen. Es fielen einige unschöne Worte. Sie warf mir Verrat vor, bezichtigte mich der Falschheit und Hinterhältigkeit.

Selbstverständlich nahm ich ihre Worte nicht ernst. Betrunkene sagen, im Gegensatz zu dem blöden Sprichwort, nur selten die Wahrheit. Sofias übermäßiger Alkoholkonsum war mir in den letzten Monaten unangenehm aufgefallen. Außer scherzhaften Bemerkungen hatte ich es nie gewagt, sie direkt darauf anzusprechen. An jenem Abend hielt ich ihr dummerweise einen Vortrag über Persönlichkeitsveränderungen auf Grund von zu viel Alkoholkonsum. Was für eine brillante Idee von mir!

Ihr Wutausbruch erschreckte mich. Sie schimpfte über meine Scheiß-Psychologisiererei, bezeichnete mich als schwer frustriert. Womit sie vielleicht sogar recht hatte. Als sie kurz danach meine Wohnungstür heftig hinter sich zuschlug, befürchtete ich, es mir endgültig mit ihr verscherzt zu haben.

Am nächsten Vormittag läutete sie bei mir an, hielt mir einen Strauß Märzenbecher als Entschuldigung vor die Nase. Ich bin keine nachtragende Person. War ihr gegenüber seither nur etwas vorsichtiger in meiner Wortwahl. Widersprach ihr nicht mehr, wenn sie getrunken hatte.

3.

Pauline sah es nicht gerne, wenn wir uns in ihrer Küche breitmachten. Trotzdem ging ich in die Küche, schaltete den Wasserkocher ein und bereitete die Teekanne vor. Sollte dieser Drachen ruhig schmollen. Ich hatte keine Angst vor Pauline.

Adele pflegte ihren Tee pünktlich um siebzehn Uhr zu trinken. Mir war klar, dass Rituale für ältere Menschen wichtig sind, doch mir war kalt. Ich wollte mich mit einer Tasse Tee aufwärmen. Während das Wasser heiß wurde, warf ich einen Blick auf die Post, die ungeöffnet am Küchentisch lag. Briefe von einer Versicherung, einem Notar, einer Alarmanlagenfirma. Adeles Alarmanlage funktionierte nur mehr sporadisch. Sofia war es gelungen, ihr klarzumachen, dass sie dringend ein neues, modernes Alarmsystem benötigte.

Ich füllte die Teekanne mit heißem Wasser und ging zurück in den Wintergarten.

Sofia hielt mir ihre leere Kaffeetasse hin.

„Musst du nicht ausspülen. Tee und Kaffee schmecken in diesem Haus fast gleich.“

Ich goss uns Tee ein.

Sofia und ich gehörten nicht zu den Frauen, die ununterbrochen reden mussten. Wir waren früher oft auf meinem Balkon schweigend nebeneinander gesessen.

Heute war ich nervös.

„Wie kommst du denn mit der Archivierung ihrer Bücher voran?“

„Schleppend. Du kannst dir nicht vorstellen, welche Schätze sie besitzt. Erstausgaben von Stefan Zweig und Thomas Bernhard, die gesammelten Werke William Shakespears in einer wundervollen bibliophilen Fassung. Bisher habe ich leider kein ordentliches System für die Archivierung gefunden. Zuerst wollte ich diese mindestens sechstausend Bücher sortieren wie in einer Buchhandlung oder Bibliothek. Aber gehören die Romane von Elfriede Jelinek, zum Beispiel, zu den Klassikern oder zur Frauenliteratur oder zu den zeitgenössischen Romanen?“

„Wie wär’s mit Weltliteratur? Schließlich hat sie den Nobelpreis verliehen bekommen.“

„Adele besitzt fast von allen Nobelpreisträgern einige Werke, soviel ich bisher mitbekommen habe.“

„Mach halt eine eigene Sparte für diese Genies.“

„Tja, keine schlechte Idee …“

Ich ließ sie mit ihren umständlichen Überlegungen allein, schnappte mir eine der Tageszeitungen, die auf dem Tisch lagen, und blätterte sie durch.

„Genug von Büchern. Lass uns spazieren gehen. Heute ist Samstag, da ist die Otto-Wagner-Kirche am Steinhof offen. Ich war schon lange nicht mehr drinnen.“

Zu meiner Schande musste ich gestehen, dass ich diesen wichtigsten Kirchenbau der Moderne noch nie von innen gesehen hatte.

„Dabei wohnst du seit einer kleinen Ewigkeit in einem Otto-Wagner-Haus.“ Sofia schmunzelte.

„Die Kirche ist meistens zu.“ Schwaches Argument, das war mir bewusst.

Ich nahm meinen Fotoapparat mit. Vielleicht würde ich im warmen Licht des Nachmittags ein paar schöne Aufnahmen von dem Hauptwerk des großen Meisters hinkriegen.

Die golden schimmernde Tambourkuppel war von weitem sichtbar. Als wir näher kamen, fotografierte ich ein paar Details, vor allem die Engelsfiguren von Othmar Schimkowitz, die über der repräsentativen Säulenvorhalle wachten.

Der Innenraum war fast ganz in Weiß gehalten, der Altarraum hingegen von kräftigen Farben bestimmt.

„Den Fußboden hat er aus hygienischen Gründen verfliest, so wie die Fassade unseres Hauses, denke ich. Und schau, für das Weihwasserbecken gibt es sogar fließendes Wasser. Er hat wirklich an alles gedacht.“

Sofias Begeisterung für den großen Architekten war ansteckend.

Ich bewunderte die Glasfenster, die nach Entwürfen von Kolo Moser gestaltet worden waren. Links die sieben Werke der leiblichen Barmherzigkeit, rechts die sieben Werke der geistigen Barmherzigkeit. Alle verkörpert durch Heilige.

„Ich frage mich nur, warum die Kirchenbänke so kurz sind.“ Sofia stand inzwischen ganz vorne beim Altar.

„Um den Pflegern den Zugriff auf die Patienten zu erleichtern. Die Kirche zum Heiligen Leopold ist eben eine Anstaltskirche“, antwortete der junge Mann, der uns hereingelassen hatte und ganz hinten am Eingang stand.

Die Akustik in dem riesigen Raum war also ebenfalls ausgezeichnet.

Während Sofia vor der Kirche eine Zigarette rauchte, genoss ich den Blick auf die Stadt, den Wienerwald und das Psychiatrische Krankenhaus auf der Baumgartner Höhe.

Der junge Mann war uns gefolgt. Er hielt uns offensichtlich für Touristinnen, denn er deutete nun auf die Pavillons zu unseren Füßen und hielt uns einen kleinen Vortrag.

„Das Konzept für die Heil- und Pflegeanstalt ‚Am Steinhof‘ stammt ebenfalls von Otto Wagner. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts galt es als eines der modernsten psychiatrischen Krankenhäuser Europas. Neben Gemeinschaftseinrichtungen und einer großen Küche gehörten ein eigenes Theater und eben diese prächtige Anstaltskirche zu der großzügig gestalteten Anlage, genauso wie das ehemalige Sanatorium für wohlhabende Geistes- und Nervenkranke, das spätere Pulmologische Zentrum. Leider wurde alles im Laufe der letzten hundert Jahre mehrmals umgebaut.“

Wir bedankten uns höflich für seine Informationen und machten uns auf den Rückweg.

„Der hätte uns sicher gerne mehr erzählt. Dem war fad. Wir waren die einzigen Besucher.“ Sofia grinste mich an.

„Kein Wunder bei diesen seltsamen Öffnungszeiten.“

Als Sofia und ich von unserem kleinen Ausflug in die Villa zurückkehrten, schien kein Mensch zuhause zu sein.

Plötzlich stand Pauline vor uns.

„Frau Adele hat ihren Tee heute im Bett getrunken, weil Sie ja alle weg waren. Auch Frau Smejkal ist mit Johann fortgefahren, kurz nachdem Sie gegangen sind.“

Der Vorwurf in ihrer Stimme war nicht zu überhören.

Sofia ignorierte sie. Ich fühlte mich nicht betroffen.

Als die Haushälterin gegangen war, schimpfte meine Freundin: „Was bildet die sich eigentlich ein? Werde ich etwa dafür bezahlt, Frau Artner Gesellschaft zu leisten.“

Vielleicht? Ich sagte es lieber nicht laut.

„Ich komme heute mit dir in die Stadt. Will mal nach Natalie sehen. Kann ich bei dir übernachten, falls Werner zuhause ist?“

„Du hast immer ein Bett bei mir, das weißt du.“

Als wir aufbrechen wollten, hörten wir in der Ferne einen Dieselmotor.

„Warte bitte. Das sind bestimmt Elvira und Johann. Ich muss sie noch was fragen.“ Sofia zündete sich eine Zigarette an.

„Wie kommst du so mit Johann zurecht? Findest du ihn nicht etwas seltsam?“

„Seltsam ist nicht das passende Wort, würde ich sagen.“

Was soll diese Wortklauberei, fragte ich mich.

„Bisher habe ich kaum einen Satz mit ihm gewechselt. Er redet fast überhaupt nicht. Man weiß nie, woran man bei ihm ist. Er lächelt auch so gut wie nie, starrt einen meistens misstrauisch an. Nein, nicht misstrauisch, sondern eher vorwurfsvoll … Jedenfalls jagt er mir ein bisschen Angst ein. Elvira meint, dass er vollkommen harmlos ist. Angeblich hat er ein schweres Leben gehabt. Anfangs hat sie ihn auch nicht ausstehen können. In letzter Zeit lässt sie sich jedoch manchmal von ihm herumkutschieren. Elvira hasst die Öffis, wie du weißt. Ich glaube, unsere liebe Freundin vermisst am meisten ihr Auto.“

„Mir ist auch leid um den kleinen Flitzer. Aber eine neue Kupplung hätte sich für diese Rostschüssel wirklich nicht mehr ausgezahlt.“

Johann kam allein zurück.

Er ließ den Wagen mit laufendem Motor vor der Garage stehen, eilte hinauf in sein Zimmer.

„Ich hab den Eindruck, dass es zwischen Adele und Johann in letzter Zeit manchmal Probleme gibt. Zumindest hat sie sowas angedeutet. Er hat sich zu viel herausgenommen, sich aufgeführt wie der Herr im Haus. Angeblich hat er ihr diesen sündhaft teuren Mercedes SUV aufgeschwatzt, als sie im Krankenhaus lag. Sie wollte ursprünglich ein kleineres Auto, da sie ja kaum mehr das Haus verlässt. In den SUV kommt sie ohne Hilfe nicht hinein. Er ist viel zu hoch. Johann muss sie jedes Mal reinheben. Und das ist ihr verständlicherweise unangenehm. Meistens kurvt Johann mit dem neuen Wagen allein herum. Und in letzter Zeit spielt er eben den Chauffeur für Elvira.“

„ Sie sollte sich lieber mehr bewegen.“

Sofia kicherte.

„Johann ist neuerdings unserer Freundin gegenüber ziemlich kleinlaut. Ich habe das Gefühl, dass er auf sie steht. Behalte das bitte für dich. Jedenfalls redet er ihr in letzter Zeit nach dem Mund und starrt sie oft so begehrlich an.“

„Der ist doch viel zu alt für sie. Elvira bevorzugt jüngere Männer.“

„Das mag sein, aber er tut ihr halt recht schön.“

„Komm, lass uns gehen. Hier stinkt’s! Warum lässt dieser Idiot den Motor laufen?“

„Ja, hauen wir ab. Wer weiß, wo sich Elvira herumtreibt.“

4.

Sonntagfrüh läutete es an meiner Wohnungstür.

Natalie, gerade achtzehn, sehr schön, sehr schlank, Pfirsichhaut, langes dichtes braunes Haar und große braune Augen, frisch und munter.

„Meine Alten haben sich gerade wieder in den Haaren. Ich halte die beiden nicht mehr aus!“

„Komm herein, setz dich. Wenn du was trinken möchtest, bedien dich selber, du weißt ja, wo alles ist. Ich muss meine alte Mamiya suchen. Keine Ahnung, wo ich die hingetan habe.“

„Mamiya?“

„Die Mittelformatkamera meines Vaters. Adele Artner hat mich gebeten, ihre Kunstwerke zu fotografieren.“

Natalies Interesse schien geweckt.

„Entwickelst du die Fotos selber?“

„Ja. Ich mag es, wenn die Chemikalien auf weißem Papier Bilder erzeugen.“

Ich wusste, dass sich Natalie früher für Fotografie interessiert hatte. Ihr Vater hatte ihr vor ein paar Jahren eine Digitalkamera geschenkt. Sie hatte schräge Aufnahmen mit dem kleinen Ding gemacht. Im Moment interessierte sie sich allerdings für Vieles, nur nicht für die Matura. Ich lehnte daher ihr Angebot, mir als Assistentin behilflich zu sein, dankend ab.

„Wie weit bist du denn mit den Maturavorbereitungen?“

„Nerv mich nicht, sonst gehe ich gleich wieder.“

Ich hätte nichts dagegen gehabt.

Natalie half mir dann beim Suchen. Sie entdeckte die Kamera ganz hinten in einer schmuddeligen Sporttasche in meinem Einbauschrank im Vorzimmer.

„Ziemlich retro.“ Sie betrachtete die 6×6 Kamera von allen Seiten.

„Findest du? Sie ist unheimlich handlich und hat sechs Wechselobjektive. Früher war das in der Werbefotografie die am häufigsten genutzte Mittelformatkamera.“

Natalie ließ sich die Bedienung genau erklären und machte dann ein paar Bilder von meiner Wohnung.

„Falls du ein, zwei Zimmer über Airbnb vermieten willst …“ Sie lächelte mich unschuldig an.

„Dafür eignen sich digitale Aufnahmen besser. Außerdem habe ich nicht vor, Zimmer zu vermieten. Habe, wie gesagt, einen neuen, recht lukrativen Auftrag.“

„Mama hat letztens gemeint, dir würde nichts anderes übrigbleiben, als zu vermieten, wenn du die Riesenwohnung weiterhin behalten möchtest.“

„Deine Mama irrt sich manchmal.“

„Manchmal?“

Egal, wie sehr mich die Kleine provozierte, ich wollte mich keinesfalls mit ihr auf eine Diskussion über ihre Eltern einlassen.

„Du kannst gerne bleiben und hier lernen, wenn du möchtest. Ich muss jetzt weg.“