Blutsbande - Gabriele Walter - E-Book

Blutsbande E-Book

Gabriele Walter

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Beschreibung

Ein unerwartetes Testament sorgt an Amelies 30. Geburtstag für Aufregung. Sie erbt das Weingut ihres Vaters, den sie nie kennengelernt hat. Durch einen Brief von ihm, erfährt sie von einem dunklen Familiengeheimnis und von Seelen, die keine Ruhe finden. Da es laut seiner Aussage allein ihr möglich ist, den Bann zu brechen, bittet er sie, diese Aufgabe zu übernehmen, um dem Haus dadurch seinen Frieden zurückzugeben. Doch um mehr über ihre Vorfahren und die zu lösende Aufgabe zu erfahren, muss sie zuvor das von ihm bezeichnete - Herz des Hauses - finden. Als sie das Gut besucht, ohne ihre wahre Identität preiszugeben, wird ihr bis dahin ruhig dahinplätscherndes Leben komplett auf den Kopf gestellt. Wird ihr der mysteriöse Fremde, der ihr eigenes Herz vom ersten Augenblick an gefangen nimmt, beistehen?

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Die Autorin

Im Jahre 1954 wurde sie in Schwäbisch Hall geboren. Ihre Kindheit und Jugend verbrachte sie in Schwäbisch Gmünd. 1973 heiratete sie. 1981 zog die Familie ins Nördlinger Ries.

Bereits als Teenager schrieb sie Kurzgeschichten für ihre Freundinnen. Nach der Schulzeit wollte sie ihren größten Wunsch, Schriftstellerin zu werden, in die Tat umsetzen. Doch das Leben kam dazwischen. Erst Jahre später gelangte sie nach einigen Umwegen in eine Situation, die sie erkennen ließ, dass allein das Schreiben genau das war, was sie schon immer tun wollte. Und so wurde es zu einem wesentlichen Teil ihres Lebens.

Während ihrer jahrelangen beruflichen Tätigkeit als Einzelhandelskauffrau, Ausbilderin und Seminarleiterin durfte sie Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten kennenlernen und zwischenmenschliche Erfahrungen sammeln, die sich in ihren Romanen widerspiegeln.

Ihre Romane handeln von der Liebe, die stets geheimnisvoll und zuweilen sogar gefährlich sein kann, von Schicksalen, wie sie einem täglich begegnen, und mystischen Ereignissen, die der Verstand mitunter nur schwer erklären kann. Es geht jedoch immer um Frauenschicksale. Starke, schwache, träumende, liebende und mit dem Schicksal hadernde Frauen.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Epilog

Kapitel 1

Nur einen Spalt weit ließ sich Amelies Wohnungstür öffnen. Einer der Briefe, die regelmäßig vom Postboten durch den Briefschlitz geworfen werden, musste sich unter die Tür geschoben haben. Erst nachdem Amelie es geschafft hatte, den Übeltäter mit einem Griff durch den Türspalt hervorzuziehen, konnte sie ihre Wohnung betreten.

Sie raffte die gesamte Post zusammen und warf sie auf das Telefontischchen. Aufatmend entledigte sie sich der neuen Sandaletten. Die aufgescheuerte Blase an der Ferse ihres rechten Fußes zuckte schmerzhaft. Sie humpelte ins Bad, um Wundcreme und Pflaster aus dem verspiegelten Hängeschränkchen zu holen. Mit einem durch die Zähne gezogenen, zischenden Laut versorgte sie die mittlerweile blutende Stelle.

„Und nun ein starker Kaffee“, flüsterte sie und begab sich in ihre kleine Küche, die lediglich durch eine Theke vom Wohnraum abgetrennt wurde.

Ein Blick in den Wasserbehälter, Pad einlegen, auf den schwarzen Knopf drücken und schon surrte die Maschine los.

Amelie stellte eine Tasse auf das Abtropfgitter und wartete gedankenverloren, bis der Kaffee hineingeflossen war. Mit der Tasse in der Hand begab sie sich zurück in die Diele, nahm ihre Post vom Tischchen und schlenderte, einen ersten Blick darauf werfend, ins Wohnzimmer. Sie stellte die Tasse auf dem Beistelltisch ab, ließ sich seufzend aufs Sofa sinken und schaute die Post weiter durch. Ohne einen genaueren Blick darauf zu werfen, sortierte sie die Werbung aus und stopfte sie in den bereits zum Überlaufen vollen Papierkorb. Der will auch mal wieder geleert werden.

Die Einladung des Weinhändlers, bei dem Gregor noch immer seinen Lieblingswein bestellte, legte sie zunächst auf den Tisch, obwohl sie sich fragte, wie der zu ihrer Adresse gekommen war.

Die vierteljährliche Nebenkostenabrechnung des Vermieters. „Pfff…“, blies sie besorgt die Luft aus, legte den restlichen Stapel beiseite und riss den Umschlag auf. Da ihr die Summe überraschend niedrig erschien, atmete sie erleichtert auf und legte die Rechnung zur Einladung des Weinhändlers. Nach dem kalten, viel zu langen Winter hatte sie mehr erwartet. Sie nahm den restlichen Stapel wieder auf und blätterte ihn durch. Die Stromrechnung, die Telefonrechnung, ein Brief von der Anwaltskanzlei Berends und Partner. „Ha!“ Eine Glückwunschkarte von Gregor. Einen Tag zu früh. Aber immerhin, er hat es nicht … Berends und Partner? Amelie zog den Brief noch einmal hervor und besah sich den respekteinflößenden Umschlag genauer. Tatsächlich! Er ist an mich adressiert. Was wollen die denn von mir?

Berends und Partner – Heidelbergs renommierteste Anwaltskanzlei. Für deren Dienste, das war allgemein bekannt, ließen sie sich von den Reichen und Schönen teuer bezahlen.

Von Zweifeln und Neugier getrieben riss sie den ominösen Umschlag hektisch auf.

Mit freundlichen Worten, die allerdings wenig, im Grunde gar nichts erklärten, wurde sie gebeten, am folgenden Tag gegen neun Uhr in deren Kanzlei zu erscheinen.

Dabei kann es sich nur um eine Verwechslung handeln. Vielleicht eine Namensgleichheit? Nachdenklich faltete sie den Brief, steckte ihn in den Umschlag zurück, zog ihn jedoch gleich darauf erneut heraus und las ihn noch einmal durch, in der Hoffnung etwas übersehen zu haben. Was wollen die bloß von mir? Um nicht weiter darüber nachgrübeln zu müssen, und weil sie sonst womöglich vor Neugier platzen würde, griff sie zum Telefon und wählte die Nummer der Kanzlei.

Eine sympathisch klingende, samtweiche Stimme meldete sich freundlich und lauschte geduldig den Fragen, die Amelie vorbrachte. Unerwarteterweise bestätigte die Dame die Richtigkeit der Einladung und fügte sogar euphorisch hinzu, dass die Herren sich auf ihr Erscheinen freuten.

„Ah, ja“, hauchte Amelie vor sich hin, und beendete das Gespräch, bevor sie die Aussage der Sekretärin nachäffte. „Die Herren freuen sich auf Ihr Erscheinen.“ Hm! Seltsam. Da bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als dort hinzugehen. Während sie das Telefon beiseitelegte, fiel ihr Blick auf ein am Boden liegendes, graues Kärtchen, das vermutlich aus dem Wust an Briefen gefallen war. Sie bückte sich danach und stellte überrascht fest, dass es sich um Gregor Thorwalds Visitenkarte handelte, deren Rückseite seine Handschrift zierte. Oh Gott! Er ist hier! Ihr Herz schlug einige Takte schneller, während sie die kurze, vermutlich in aller Eile auf die Rückseite gekritzelte Nachricht las. Aufgeregt griff sie erneut nach dem Telefon, wählte Gregors Handynummer und verabredete sich mit ihm für den Abend. Nachdem sie das Gespräch beendet hatte, lächelte sie entrückt vor sich hin. Dass er ausgerechnet jetzt auftaucht? Was immer die in der Kanzlei gegen mich vorzubringen haben, Gregor wird mir beistehen. Unwillkürlich erinnerte sie sich an die wohl schönste, aufregendste, gleichzeitig jedoch schmerzlichste Zeit ihres bisherigen Lebens …

Endlich Samstag! Amelie setzte sich auf und reckte die Arme gähnend nach oben. Allein die Wochenenden vermochten Amelie zurzeit ein wenig darüber hinwegtrösten, dass es noch fünf Wochen dauerte, bis sie mit ihrer Mutter an die Nordsee fahren würde. Die Tage bis dahin würden schleichend verstreichen. Tagsüber musste sie vor dem Computer im Reisebüro sitzen, Kundengespräche führen oder Reisen für diese Leute buchen und davon träumen, eines Tages eine dieser Reisen selbst zu unternehmen. Ihre Blicke würden sich sehnsüchtig den Sommerfrischlern zuwenden, die seit Wochen am Schaufenster des Reisebüros vorbeischlenderten oder an denen hängenbleiben, die auf der gegenüberliegenden Straßenseite vor Brigittas kleinem Glas- und Geschenkladen in den Wühlkörben stöberten. Wenigstens würde sie sich nach Feierabend mit Freunden am Baggersee treffen. Das konnte natürlich nicht mit der großen weiten Welt konkurrieren, doch ein wenig Spaß konnte ihr das allemal bereiten.

Sie genoss ein ausgiebiges Frühstück, bevor sie in Shorts und T-Shirt schlüpfte. Danach schnappte sie sich den Einkaufszettel, den sie wie üblich etwas unter eine Vase geschoben auf dem Küchentisch vorfand, ergriff die Kühltasche, die ihre Mutter bereitgestellt hatte, und machte sich auf den Weg zum Einkaufscenter. In etwa einer Stunde musste sie ihre Einkäufe erledigt haben. Jens, ihr derzeitiger Freund, hatte versprochen, sie anschließend nach Hause zu bringen und er wartete nur sehr ungern.

Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, als Amelie ihren vollbepackten Einkaufswagen aus dem Supermarkt hinausschob. Während sie ihren Blick auf dem leicht überschaubaren Parkplatz suchend umherschweifen ließ, hoffte sie, Jens würde nicht sauer sein, weil es infolge der Warteschlange an der Kasse inzwischen zehn Minuten über der vereinbarten Zeit war. Doch wohin sie auch blickte, Jens klapprigen Golf konnte sie nirgends entdecken.

Selbst nach weiteren fünf Minuten, in denen sie die leicht verderblichen Lebensmittel aus der Kühltheke bereits in die Kühltasche gepackt hatte, tauchte er nicht auf. Womöglich war es ihm ja ausnahmsweise gelungen, mal pünktlich zu sein und war, nachdem er einige Minuten vergeblich gewartet hatte, stinksauer wieder davongebraust. Das würde dem hitzköpfigen Idioten ähnlich sehen. Glücklicherweise gab es Handys. Doch es war weder eine SMS angekommen, noch las sie von einem Anruf in Abwesenheit. Als sie versuchte ihn zu erreichen, erklärte ihr die dämliche Tussi am anderen Ende der Leitung: „The person you are calling is temporary not available.“

Wo steckt der Kerl? Und was mach ich jetzt?

Ihre Mutter war nicht zu erreichen, sie nahm übers Wochenende an einem Seminar in Magdeburg teil. Nach zwei missglückten Versuchen, eine Freundin und einen Bekannten zu erreichen, gab sie ihre Bemühungen auf und wartete weitere zehn Minuten. Wie eine hirnlose, in Vergessenheit geratene Idiotin kam sie sich vor mit ihrem voll beladenen Einkaufswagen.

Nach einigen weiteren Minuten endlos scheinenden Wartens auf einen Freund, der es vorzog, nicht zu erscheinen, schob sie den Einkaufswagen noch einmal vor eine der Kassen und bat um zwei Stoffbeutel.

Die wohlproportionierte ältere Kassiererin mit dem kupferrot gefärbten Haar und den kirschrot lackierten, viel zu langen Fingernägeln, von denen der Lack bereits abblätterte, reichte ihr die Beutel mit einem schnöden Grinsen aus dem von Creme glänzenden Gesicht. „Ein Euro. Streikt Ihr Wagen oder hat man Sie versetzt?“, bemerkte sie spitz. „Schätzchen, selbst wenn Sie das Zeug alles unterbringen, werden Sie es wohl kaum nach Hause tragen können.“

Eine Anzüglichkeit, die sich die Tussi, Amelies Ansicht nach, sonst wohin stecken sollte. Sie wusste selbst am besten, dass das schwierig werden könnte. Herablassend und mit arrogantem Lächeln, um die Form zu wahren, entriss sie ihr die Beutel. „Wozu gibt es Taxis?“, antwortete sie überfreundlich mit einem aufgesetzten Lächeln, das die Kassiererin in ihre Schranken wies. Ganz nebenbei fiel ihr Blick auf einen Mann, der einige Lebensmittel aufs Laufband legte, die darauf warteten registriert zu werden.

Er sah sie durchdringend an, während sich seine Mundwinkel, wie sie zu erkennen glaubte, ein wenig spöttisch nach unten verzogen.

Sie fühlte Hitze in ihre Wangen steigen und wusste sofort, dass sie sich rot färbten, was ihren Eigensinn nur noch mehr anstachelte. Mist! Trotzig schob sie ihre Unterlippe vor, machte auf dem Absatz kehrt und eilte davon. Ausgerechnet der Typ muss das mitbekommen. Wie peinlich! „Mist, Mist, Mist“, zischte sie leise vor sich hin, während sie alles mehr oder weniger geordnet in die Stofftaschen stopfte. Von der schwachen Hoffnung beseelt, jemand würde sich schon finden, der es transportierte. Und sollte sich in den nächsten fünf Minuten doch niemand finden, würde sie eben tatsächlich ein Taxi rufen und die Rechnung Jens präsentieren.

Als hätte das Schicksal sie noch nicht genug gedemütigt, stand ER plötzlich vor ihr. Oh, nein!!!

Wieder lächelte er. Doch diesmal eher mitleidig.

Ihr Herz begann zu rasen und ihre Hände zu zittern. Was jetzt? Verdammt, konzentriere dich, ermahnte sie sich, doch die unkontrolliert herumwirbelnden Gedanken ließen das nicht zu.

Sein Lächeln verstärkte sich noch, als er auf sie zutrat. „Sieht ganz danach aus, als hätte er Sie versetzt? Kann ich Sie vielleicht nach Hause bringen?“

Genau diese Frage wollte sie hören, seit sie ihm zum ersten Mal begegnet war. Mein Gott, was sag ich jetzt?

„Wo wohnen Sie eigentlich?“, fügte er der Vollständigkeit halber hinzu.

Sie schluckte einmal kräftig. „Wie käme ich dazu, einem Wildfremden zu sagen wo ich wohne?“, antwortete sie trotzig, um ihre innere Aufruhr zu verbergen.

„Wenn Sie nicht noch mehr Zeit mit Warten vertrödeln möchten, wäre das sicher das kleinere Übel. Außerdem, so fremd sind wir uns doch gar nicht“, erklärte er liebenswürdig.

Als ob ich das nicht wüsste.

„Sie haben ein Konto bei der Bank“, erklärte er unnötigerweise, „bei der ich als Investmentberater arbeite. Wir sind uns dort schon einige Male begegnet. Erinnern Sie sich nicht?“, fragte er herausfordernd, betont selbstbewusst lächelnd, als wolle er andeuten, dass man ihn doch wohl unmöglich übersehen konnte.

Natürlich kannte sie ihn. Warum sonst bezahlte sie nur äußerst selten mit der Kreditkarte, ging lieber in die Bank und hob dort Geld von ihrem Konto ab? Sie tat es in der Hoffnung, ihm zu begegnen und lächelte er sie dann sogar an, war der Tag gerettet. So einen Typ Mann, den man aus der Ferne bewunderte, da man sowieso keine Chance bekam, ihn näher kennenzulernen, konnte man wirklich nicht übersehen. Allein die Tatsache, dass sie ihm allem Anschein nach ebenfalls aufgefallen war, brachte ihr Herz zum Jubeln.

„Jetzt, da Sie es sagen. Natürlich! Sie kamen mir gleich irgendwie bekannt vor. Ich wusste nur nicht, wo ich Ihr Gesicht einordnen sollte.“ So glatt war ihr noch keine Lüge über die Lippen gekommen. „Sie sind …“, Amelie tat so, als müsse sie erst überlegen, „Sie sind …“

„Gregor Thorwald“, stellte er sich vor.

„Richtig! Herr Thorwald.“

„Gregor“, entgegnete er gönnerhaft. „Na ja, ich bin nun nicht gerade ein Typ, der ins Auge sticht“, erklärte er nachsichtig. Doch sein selbstbewusstes Lächeln strafte seine Worte Lügen. Gleichzeitig griff er in die Innentasche seines Jacketts, zog ein edles Lederetui heraus, entnahm ihm ein ordentlich gefaltetes Tüchlein, klappte es wieder zu und steckte es in die Innentasche zurück. Anschließend nahm er seine edel aussehende Businessbrille ab, hielt das Gestell zwischen zwei Fingern und putzte die Brillengläser mit dem bewussten Tüchlein. Wohl um zu kontrollieren, ob sie denn auch sauber ist, hielt er sie gegen den Himmel, bevor er sie wieder aufsetzte. Mit einem erneuten Griff in die Innentasche zog er das Etui noch einmal heraus, legte das ordentlich gefaltete Tüchlein hinein und verstaute es letztendlich wieder in seiner Innentasche.

Amelie hatte jeden einzelnen Handgriff verzückt registriert. Er besaß gepflegte Hände mit schlanken Fingern. Vor allem jedoch faszinierten sie seine eiskalt wirkenden stahlblauen Augen, deren Blicke immerfort Gänsehaut bei ihr verursachten. Augen, umrahmt von verboten langen, verhältnismäßig dunklen Wimpern, die im krassen Gegensatz zu seinem mit Silberfäden durchwirkten schwarzen Haar standen. Und nicht nur seine Augen …, mit diesem strahlenden Lächeln eines Sonnyboys auf seinem männlich markanten Gesicht wäre der Mann glatt als Modell durchgegangen.

„Sagen Sie mir nun wo Sie wohnen?“, fragte er erneut und zog die rechte Augenbraue abwartend hoch.

Fast automatisch antwortete sie: „Nicht allzu weit von hier, in der Mozartallee.“

„Na, das passt doch, ich wohne in der Schubartstraße, es ist also nicht mal ein Umweg für mich.“

Noch am selben Abend habe ich Jens den Laufpass gegeben, erinnerte sie sich. Am Tag darauf fand das erstes Rendezvous mit Gregor Thorwald statt, und es stellte sich heraus, dass er außer seinen schönen Augen noch eine ganze Menge mehr zu bieten hatte …

Nach etwa sechs Wochen, an einem sonnigen Herbstsonntag, stellte sie ihn, auf sein wiederholtes Drängen, ihrer Mutter vor.

Tatjana Berger, war ein gebranntes Kind, was Männer, nein, um genau zu sein einen Mann betraf. Verführt, geschwängert, verlassen worden und die daraus entstammende Tochter allein großgezogen. Ausgerechnet diese Frau, die den Männern im Allgemeinen und Amelies diversen Freunden im Besonderen grundsätzlich ablehnend gegenüberstand, begrüßte Gregor auf eine Art und Weise, die Amelie in Erstaunen versetzt hatte. Einen Mann wie Gregor – einen richtigen Mann, hatte sie, wie sie ihrer Tochter nach dem Besuch versicherte, nicht erwartet.

Während der folgenden Wochen entpuppte er sich für Amelie als der Ritter, den sich jedes Mädchen erträumte. Er wurde zu ihrem Beschützer und väterlichen Freund, der ihr stets mit Rat und Tat zur Seite stand. Der Altersunterschied von fast fünfzehn Jahren spielte keine Rolle. Im Gegenteil, sie fühlte sich in seiner Gegenwart stets wohlbehütet. Andererseits wäre es durchaus möglich, dass sie zum damaligen Zeitpunkt, aber eher unbewusst, den Wunsch nach einer Vaterfigur hegte. Jedenfalls schien er der fürsorglichste und ordentlichste Mann zu sein, dem sie je begegnet war. Mitunter empfand sie seinen Sinn für Ordnung etwas spleenig, andererseits war es bequem mit einem Mann zusammen zu sein, der sich die Schuhe auszog, bevor er die Wohnung betrat, sein Jackett nicht einfach auf den Boden fallen ließ, sondern ordentlich an der Garderobe über einen Bügel hängte und die Zeitschriften, die sie nur allzu gerne über dem ganzen Tisch ausbreitete, ordentlich aufeinanderstapelte. Außerdem wusste er, wie Staubsauger und Spülmaschine zu bedienen waren. Das absolut Genialste jedoch waren seine sensationellen Kochkünste.

Ein Jahr später war aus Amelie Berger, Amelie Thorwald geworden. Und wie es sich für ein Ehepaar gehörte, bezogen sie eine gemeinsame Wohnung.

Zu Beginn war sie, was die Ordnung der Wohnung betraf, gerne all seinen Wünschen nachgekommen und hatte sich bemüht, seine Erwartungen zur vollsten Zufriedenheit zu erfüllen. Verliebt wie sie war und so charmant und lieb wie er seine Bitten äußerte, hatte sie einfach nicht nein sagen können.

Leider entpuppte er sich mehr und mehr zu dem unerträglichen Pedanten, der nun mal in ihm steckte. Die Handtücher im Bad hatten korrekt gleich lang auf der Stange zu hängen. „Das gibt dem Ganzen ein ordentliches Bild“, wie er stets zu sagen pflegte. Die Klopapierrolle musste exakt um ein Blatt herabgezogen, übers Eck gefaltet und unter der Klappe festgesteckt werden – so hätte er es einmal, erklärte er ihr, in einem Hotel gesehen. Der Klodeckel war bei ihm nie offengeblieben, was auf die Zahnpastatube ebenfalls zutraf. Dieser Scheidungsgrund am also für ihre Ehe nicht in Frage. Und was das Pinkeln anging … Er pinkelte zwar nicht sitzend, aber er hob die Klobrille an und verirrte sich mal ein Tröpfchen auf den Rand der Toilette, wurde es sofort weggewischt und die Toilette desinfiziert. Was fürs Bad galt, galt für die Küche erst recht. Die Küchenschränke blitzten außen wie innen, die verchromten Teile glänzten poliert und vom Boden hätte man tatsächlich essen können. Doch was dem Fass den Boden ausschlug, er wischte ihre Fingerabdrücke, kaum dass sie diese darauf hinterließ, von den verchromten Flächen.

An manchen Tagen war sie sogar sicher, dass sein verschrobenes Getue bezüglich irgendwelcher Lappalien, das konnte ein Fussel auf dem Teppich sein, stetig zunahm. Jedenfalls trat sein übertriebener Hang zu Ordnung und Sauberkeit ihren innigsten Wunsch nach Gemütlichkeit buchstäblich mit Füßen.

Irgendwann erkannte sie ihren Denkfehler. Nicht er hatte sich geändert, sondern ihre Einstellung zu seiner spleenigen Art. Wäre sie nicht vor lauter Verliebtheit blind gewesen, hätte es vor der Heirat Gelegenheiten genug gegeben, seine Pedanterie zu erkennen.

Kaum zu ertragen waren die ständigen, mitunter ziemlich heftigen Streitereien, während der letzten Monate ihres immerhin fast dreijährigen Zusammenlebens. Nachdem er sie zum ersten Mal Miststück genannt hatte, begab sie sich auf die Suche nach einer kleinen Wohnung, in der sie tun und lassen konnte, was sie wollte.

Genau genommen hatten Gregor und sie von Anfang an nicht zusammengepasst. Liebe? Ja, Liebe war es schon. Vermutlich war sie, als sie ihn mit ihren dreiundzwanzig Jahren kennenlernte, noch nicht reif für eine Ehe. Zumal sie damals unter der makabren Einbildung litt, die Welt wäre geradezu verpflichtet, ihr die pralle Fülle des Lebens auf einem Silbertablett darzureichen. Es galt nur schnell genug zuzugreifen, um reich beschenkt zu werden. Dass mit Geschenken, die einem das Leben macht, auch stets eine gewisse Verantwortung einherging, davon wollte sie zu diesem Zeitpunkt nichts wissen.

Das Scheidungsjahr folgte. Da sie keinerlei Forderungen an ihn stellte – schließlich konnte er nichts für seine Marotten, war die Scheidung reine Formsache. Anschließend stießen sie mit einem Glas Champagner auf ihre Zukunft an und nahmen ein gemeinsames Mittagessen zu sich. Bei dieser Gelegenheit erzählt ihr Gregor von dem lukrativen Stellenangebot, welches ihm von einer in Liechtenstein ansässigen Investmentgesellschaft unterbreitet worden war und dass er ernsthaft darüber nachdachte, es anzunehmen.

Mit wehmütigem Lächeln erinnerte sich Amelie nun an das letzte Gespräch.

„Dann ziehst du also nach Liechtenstein?“

Er lächelte dieses verdammt coole Gewinnerlächeln das sie so sehr liebte. „Du würdest mich doch nicht etwa vermissen?“

„Was denkst du denn? Natürlich würde ich dich vermissen“, gab sie unter Tränen zu.

„Du weißt, solltest du meine Hilfe brauchen …“, nun musste er ebenfalls schlucken, „ich will dir damit sagen, ich bin immer für dich da, Pepsi.“

Pepsi!!! Beim Klang ihres Kosenamens legte sich ein melancholisches Gefühl wie ein wärmender Schal um ihr Herz.

Amelie nickte zustimmend und tupfte sich erneut die Tränen von den Wangen.

„Ich werde mich auch zukünftig um dich sorgen, meine kleine Chaotin. Du warst die erste Frau, die ich wirklich liebte, und irgendwie tu ich das noch immer.“

Schluss mit den Erinnerungen! Ein schneller Blick auf die Uhr sagte ihr, dass Gregor sie in etwa zwei Stunden im Hotelrestaurant erwartete. Sie musste sich noch frisch machen und ein passables Kleid finden, das seinen kritischen Blicken standhalten konnte. Außerdem musste sie Herrn Falkner um einen freien Tag bitten und schließlich und endlich musste sie sich beeilen. Gregor hasste Unpünktlichkeit. Das mit dem freien Tag ging klar. Auf dem Weg ins Schlafzimmer warf sie ihr Handy in die Tasche. Ohne zu überlegen griff sie in den Kleiderschrank und zog das kleine Schwarze, das sie nach der Scheidung als Trostpflaster für ihre verpfuschte Ehe erworben hatte, vom Kleiderbügel. Ja, mein Schönes, das ist genau der richtige Anlass, dich zu tragen.

Während Amelie es überstreifte, erinnerte sie sich daran, wie begeistert die Verkäuferin regiert hatte, als sie in diesem Kleid aus der Kabine herausgetreten war. „Sie sehen aus wie Audrey Hepburn in Frühstück bei Tiffany, fehlten nur noch Hut und Sonnenbrille.“

„Und der tolle Typ, der …, na, sie wissen schon“, hatte sie bedauernd lächelnd hinzugefügt.

Auch jetzt musste Amelie lächeln. Sie stellte sich vor den Spiegel und ließ ihre Blicke kritisch an ihrem Spiegelbild heruntergleiten. Dann atmete sie erleichtert auf. Der Anblick muss ihn einfach umhauen, meinte sie, zuckte jedoch gleich darauf resigniert mit den Achseln. Will ich das denn? Nein! Natürlich nicht.

Insgeheim wusste sie es besser. Seine eifersüchtig bewachenden Blicke hatte sie stets genossen. Mindestens so sehr wie die neidvollen der anwesenden Frauen, die sie stets auf sich zog, nachdem diese bewundernd an Gregor heruntergeglitten waren. Ja, sie wollte ihm gefallen. Er soll ruhig sehen, was er verloren hat. Dafür lohnte es sich sogar, trotz der schmerzenden Ferse, in die schwarzen High Heels zu schlüpfen. Allerdings kann ich all das vergessen, bemerkte sie nach einem Blick auf ihre Armbanduhr, wenn ich mich nicht endlich beeile.

Lässig an die Bar gelehnt, ein Glas Whisky in einer Hand, die andere in der Hosentasche, wie einem Modemagazin entstiegen, ganz Mann von Welt, schien er allein darauf zu warten, dass die Frau seines Herzens den Raum betritt.

Ich bin diese Frau. Selbst jetzt schaffte er es wieder, allein durch seinen Anblick, ihr Herz einige Takte schneller schlagen zu lassen. Dieser Mann sieh einfach phantastisch aus.

„Pepsi! Endlich“, rief Gregor und eilte ihr sogleich entgegen. Er packte sie fest bei den Oberarmen, zog sie stürmisch an sich und küsste sie nach einem kurzen, Erlaubnis einholenden Blick liebevoll auf den Mund. „Du bist noch schöner geworden, obwohl das kaum möglich ist ... Komm, setzen wir uns.“

Kapitel 2

Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass es höchste Zeit war aufzustehen. Sie gähnte laut. Noch müde von der zum Teil ruhelos verbrachten Nacht dehnte sie ihren geschmeidigen Körper in alle Richtungen, bevor sie sich entschloss, ihre Beine aus dem Bett zu schwingen und sich aufzusetzen.

Sie musste sich schleunigst fertigmachen, wollte sie rechtzeitig zu diesem merkwürdigen Termin in der Kanzlei erscheinen. Eine Tasse Kaffee sollte jedoch noch drin sein. Also eilte sie in die Küche und drückte auf den Knopf ihres Lieblingsgerätes. Es brodelte, zischte und der Kaffee lief in die Tasse.

An diesem Morgen verzichtete sie auf Pumps jeglicher Art und schlüpfte in die flachen, entschieden bequemeren Sneakers. Die schwarzen High Heels hatten ihren Fersen den Rest gegeben, obwohl sie nur das Stück vom Auto zum Restaurant und zurückgegangen war. Sie hatten nicht nur dafür gesorgt, dass die aufgescheuerte Blase nicht heilen konnte, nein, nun hatte sich auch die gerötete Stelle an der linken Ferse zu einer Blase entwickelt.

Pünktlich, zwei Minuten vor neun, stand sie adrett, im anthrazitfarbenen Hosenanzug kombiniert mit rotem Rolli vor der Kanzleitür. Bevor sie auf die altmodische Klingel drückte, atmete sie noch einmal tief durch und strich ihr langes dunkles Haar hinter die Ohren.

Anscheinend erwartete man sie bereits ungeduldig, so stürmisch wie die Tür aufgerissen wurde.

„Guten Tag, Frau Thorwald. Bitte folgen Sie mir in Herrn Berends Büro“, begrüßte die Vorzimmerdame sie mit freundlichem Lächeln.

Amelie konnte sich nicht erinnern, jemals so zuvorkommend empfangen worden zu sein. Obwohl sie sich auf einmal irgendwie wichtig vorkam, beschlich sie ein beunruhigendes Gefühl. „Guten Tag“, antwortete sie knapp. Fast ehrfürchtig betrat sie die Kanzlei und sah sich neugierig um. Genauso hatte sie es sich vorgestellt. Hohe Räume, rustikales, edles Mobiliar und eine ältliche Vorzimmerdame, die ebenfalls längst zum Inventar zu gehören schien. Die Dame klopfte an eine der Türen, öffnete sie jedoch noch, bevor sie dazu aufgefordert wurde.

„Frau Thorwald, bitte treten Sie ein“, bat der kleine, hagere Herr im eleganten Nadelstreifenanzug überaus freundlich, während er pflichteifrig auf sie zueilte. „Guten Tag, Frau Thorwald. Sie ahnen nicht, wie sehr wir uns freuen, Sie bei uns begrüßen zu dürfen.“ Mit einer ausladenden Handbewegung deutete er zu der gemütlichen Besucherecke und bat sie Platz zu nehmen. Der andere, etwas stattlichere, jedoch um etliche Jahre jüngere Herr rückte ihr einen der schweren Ledersessel zurecht. Er trug ebenfalls Nadelstreifendesign, ähnlich dem des Älteren.

Ob sie Rabatt bekommen beim Kauf von zweien?

Auch er begrüßte sie mit ausgesuchter Höflichkeit.

„Hören Sie, ich denke, hier liegt ein gewaltiger Irrtum vor“, gab Amelie zu bedenken und blieb erst mal stehen.

„Sind Sie etwa nicht Frau Amelie Thorwald, geborene Berger?“, wollte der Jüngere wissen.

„Doch, nur kann ich …“

„Dann denke ich, hat alles seine Richtigkeit“, unterbrach er sie. „Gestatten Sie, dass wir uns zunächst vorstellen. Berends. Alexander Berends und das ist Doktor Kluge, Hans Kluge …“

„Ich bin der Partner“, mischte sich dieser mit schelmischem Lächeln ein, was ihn direkt sympathisch machte.

Im Großen und Ganzen gab es nichts gegen Rechtsanwälte einzuwenden, dennoch mochte Amelie sie nicht besonders. Ihres Erachtens verstanden diese Leute es ausgezeichnet, einem das Wort im Mund herumzudrehen. „Wer ich bin scheinen Sie ja ganz genau zu wissen“, bemerkte Amelie, und obwohl noch nicht überzeugt setzte sie sich nun doch.

Die beiden Herren lachten gefällig.

„Dürfen wir Ihnen etwas anbieten? Tee, Kaffee?“, fragte Doktor Berends.

„Nein, danke.“

„Susanne, dann bitte …“, er nickte der Sekretärin auffordernd zu, worauf sie sich diskret zurückzog.

„Ich verstehe“, wandte er sich nachsichtig lächelnd an Amelie, während er sich an den Schreibtisch lehnte und Doktor Kluge ihr gegenüber Platz nahm. „Das alles muss Ihnen äußerst merkwürdig vorkommen, aber ich kann Ihnen versichern, es hat alles seine Richtigkeit.“

„Frau Thorwald, gestatten Sie, dass ich Ihnen vorab einige Fragen stelle?“, wollte Doktor Kluge von ihr wissen.

Amelies Neugier stieg ins Unermessliche.

„Sie sind die Tochter von Tatjana Berger?“

„Ja?“

„Und Sie begehen heute Ihren dreißigsten Geburtstag?“

„Ja, aber ...“, antwortete Amelie verunsichert. Woher wissen die das und was hat Mama mit all dem zu tun?

Wie auf Kommando öffnete sich die Tür und Susanne trat ein. Sie trg ein Tablett, auf dem drei gefüllte Champagnergläser standen.

„Zunächst einmal möchten wir Ihnen dazu herzlich gratulieren“, erklärte er freudig und stieß sich vom Schreibtisch ab.

Doktor Kluge erhob sich sofort und nahm zwei Gläser vom Tablett. „Und selbstverständlich möchten wir mit Ihnen anstoßen“, sagte er höflich lächelnd, als er ihr eines reichte und sich wieder setzte.

„Danke, doch so früh …“ Amelies Lust, auf ihren Geburtstag anzustoßen hielt sich in Grenzen, allerdings wollte sie nicht unhöflich sein. Sie nahm ihm das Glas ab und lächelte ihn höflich an, bevor sie an dem Glas nippte. „Entschuldigen Sie meine Ungeduld, aber ich möchte bitte endlich wissen worum es geht? Sie haben mich doch sicherlich nicht hierhergebeten, um auf meinen Geburtstag anzustoßen?“

Doktor Berends nickte bedächtig. „Ich werde Ihnen gleich eine Geschichte erzählen“, begann er zu sprechen, „die mir noch heute mehr als merkwürdig vorkommt. Zuvor eine letzte Frage. Was haben Sie von Ihrer Mutter über Ihren Vater erfahren?“

„Nicht viel. Aber eines weiß ich mit absoluter Sicherheit: mein Erzeuger ist ein Feigling, einer von der Sorte, die den Schwanz einzieht, wenn’s brenzlig wird“, entgegnete sie unverblümt.

Doktor Kluges Augenbrauen schnellten in die Höhe, dann presste er seine Lippen zusammen, bevor sie sich zu einem verständnisvollen Grinsen verzogen und Doktor Berends räusperte sich pikiert.

„Entschuldigen Sie meine vulgäre Ausdrucksweise. Das ist normalerweise nicht meine Art. Obwohl mein so genannter Vater mir mittlerweile gleichgültig ist, könnte ich immer noch vor Wut platzen beim Gedanken daran, was dieser Mann meiner Mutter angetan hat. Als sie ihm von ihrer Schwangerschaft berichtete, konnte es ihm nicht schnell genug gehen sich zu verdrücken.“

Doktor Berends nickte verständnisvoll. „Bis zu Ihrem fünfzehnten Lebensjahr waren Sie der Überzeugung, Ihr Vater wäre verstorben, da es Ihnen Ihre Mutter so erzählt hatte. Doch vor fünfzehn Jahren gestand sie Ihnen ihre Lüge. Ist das richtig?“

Amelie nickte bedächtig und stellte ihr Glas auf den Tisch. „Woher …?“

„Haben Sie sich im Laufe der Jahre nie gefragt“, unterbrach er sie, „weshalb sie Ihnen plötzlich die Wahrheit sagte?“

Wäre Amelie nicht ohnehin schon nervös, spätestens jetzt würde sie es werden. „Woher wissen Sie das alles?“, fragte sie hartnäckig.

Ohne darauf einzugehen, zog er lediglich eine Augenbraue hoch. „Nun?“

„Nein. Das musste ich mich nicht fragen. Als Mama mir erzählte, dass sie meinen Erzeuger von der Schwangerschaft in Kenntnis gesetzt hätte und er ihr daraufhin gestand, dass er ein verheirateter Mann sei, war mir klar, was da gelaufen war. Mama stellte das zwar gleich darauf so dar, als wäre sie diejenige gewesen, die ihn verlassen hat, weil sie sich nicht in seine Ehe drängen wollte, aber da kam sie bei mir an die Falsche. Ich durchschaute natürlich sofort, dass sie den Mann nur schützen wollte.“

„Wie das im Leben leider allzu oft der Fall ist, beruhte ihre Annahme auf einem Missverständnis“, sagte Doktor Kluge nachsichtig lächelnd und drehte das Glas spielerisch zwischen seinen Händen, bevor er daran nippte.

„Was bitte kann man daran missverstehen? Sicherlich genoss er den Spaß mit meiner Mutter. Doch als dann ernst daraus zu werden drohte, suchte er nach einem Ausweg, um sich der Verantwortung zu entziehen. Er hätte sich während all der Jahre zumindest um uns kümmern müssen. Nein, nein“, Amelie schüttelte ablehnend den Kopf, „ich weiß es besser. Er wollte keine Unannehmlichkeiten und binden wollte er sich schon gar nicht. Nur darum hat er Mutter gesagt, dass er verheiratet sei. Er wollte mich nicht. Vermutlich stand ich seiner Karriere im Weg. Wie sonst sollte ich seine zum damaligen Zeitpunkt fünfzehn Jahre Abwesenheit erklären? Mein sogenannter Vater hat jeglichen Kontakt mit meiner Mutter und mir abgelehnt, das ist doch wohl offensichtlich. Und nach fünfzehn Jahren sollte er plötzlich aufgetaucht und sein Interesse an uns bekundet haben? Unsinn!“

Was Amelies Mutter letztendlich dazu gebracht hatte, ihr schließlich die angebliche Wahrheit über diesen Mann zu erzählen, wusste sie bis heute nicht und wollte es auch nicht wissen. Jedenfalls war sie in ihrer damaligen pubertären Trotzphase derart wütend über die plötzliche Eröffnung, dass sie ihre Mutter nach wenigen Sätzen unterbrochen hatte, um sich den Rest der Geschichte zu ersparen. Von diesem Zeitpunkt an war sie überzeugt, ein ungewolltes Kind zu sein, zumindest von Seiten ihres Vaters. Der Schmerz, der sich damals ins Innerste ihrer verletzlichen Teeny-Seele gebohrt hatte, saß immer noch tief, so tief, dass sie selbst nach all den Jahren von einer Art melancholischer Stimmung, gewürzt mit einer guten Prise Wut, überfallen wurde, sobald sie daran dachte. Das tat sie jedoch für gewöhnlich nur, wenn sie sich mal wieder länger im Spiegel betrachtete, um festzustellen, was in ihrem Gesicht nicht mit dem ihrer Mutter übereinstimmte. Und natürlich an ihrem Geburtstag – ein Tag, der besser nie stattgefunden hätte. Ein Tag, den sie seit fünfzehn Jahren nicht mehr feierte. Allerdings gelangte sie schon vor langer Zeit zu der Erkenntnis, dass ihr Erzeuger, wie sehr sie auch versuchte ihn zu vergessen, ihr Leben lang durch ihre Gedanken geistern würde. Was bezweckt er nun mit diesem Gespräch? Will er mich jetzt durch seine Anwälte zwingen ihn kennenzulernen? Das hieße dann aber, dass ich ihm …

„Nun, ich kenne die Geschichte ein wenig anders. Doch lassen Sie mich von vorne beginnen“, bat Doktor Berends, knöpfte sein Jackett auf und setzte sich nun ebenfalls in einen Sessel. Er stellte sein Glas auf den Tisch, lehnte sich bequem zurück und schlang seine Beine übereinander, bevor er weitersprach. „Ich erinnere mich genau an Doktor Haller. Er kam schnell zur Sache, indem er seiner Aktentasche einen großen braunen Umschlag entnahm, den er mir zur Aufbewahrung übergab. Der Umschlag, so betonte er, dürfe erst nach dem Tod seines Klienten und auf keinen Fall vor dem dreißigsten Geburtstag dessen Tochter an diese übergeben werden. Sein Klient hätte sich für eine Kanzlei am Wohnort seiner Tochter entschieden, weil dies nicht die einzige Aufgabe sei, die er dem Anwalt, also mir, zu übergeben gedenke. Ich sollte eine seriöse Detektei beauftragen, die das Mädchen diskret und lediglich sporadisch beobachten sollte, um meinen Klienten auf dem neusten Stand Ihrer Entwicklung zu halten.“

„Ich wurde beschattet?“, fragte Amelie empört. „Mein eigener Vater ließ mich beschatten? Aber wieso? Ist er zu feige selbst zu kommen? Befürchtet er, ich könnte mich wie eine Klette an ihn hängen?“ Amelie senkte den Blick und murmelte: „Wenigstens einmal hätte er sich bei mir melden können. Nun ja, vermutlich hätte ich ihm“, sagte sie etwas lauter, „die Tür vor der Nase zugeschlagen.“

„Nein, Frau Thorwald, Ihr Vater war alles andere als feige. Er war an ein Ehrenwort gebunden, das er Ihrer Mutter gegeben hatte. Darum hat er einen Weg gesucht, dennoch an Ihrem Leben teilhaben zu können. Aber lassen Sie mich bitte der Reihe nach erzählen, was ich von Doktor Haller erfahren habe … Sie sehen also, Ihr Vater hat nie aufgegeben, nach ihrer Mutter zu suchen“, beendete er seine Erzählung. „Nach ihr und dem Kind, das sie geboren hatte. Sein Kind.“

„Er hat nach uns gesucht?“ Amelie fiel es schwer, das zu glauben. Das kann doch nicht wahr sein. Dann wäre womöglich das, was Mama damals erzählte, die Wahrheit und mein Vater war gar kein feiger Schurke.

„Letztendlich half ihm der Zufall“, fuhr der kleine, hagere Mann mit der Geschichte fort. „Das Schicksal oder einfach das Glück. Nennen Sie es, wie Sie wollen. Ihr Vater hatte geschäftlich in Heidelberg zu tun, und wie der „Zufall“ es wollte, stieg er in dem Hotel ab, in welchem Ihre Mutter als Gästebetreuerin arbeitet.“

Amelie schüttelte verwirrt den Kopf. Das kann doch alles nicht wahr sein. Das kann doch …

„Was sich während seines Aufenthalts zwischen den beiden Menschen abspielte, weiß ich natürlich nicht. Ich weiß nur, dass Ihr Vater versprechen musste, sich Ihnen niemals als Vater zu nähern. Denn nur unter dieser Voraussetzung stimmte Ihre Mutter zu, in Heidelberg zu bleiben und ihn an Ihrem Leben teilhaben zu lassen. Das war alles, was ich von Doktor Haller erfuhr. Allerdings wies er mich darauf hin, dass er unser Arrangement, sollte sich die Situation ändern, beenden würde. Da dies nicht geschah, nehme ich an, die Sachlage hat sich zu seinen Lebzeiten nicht geändert. Aber ich weiß, dass sich Ihr Vater sehr oft in Ihrer Nähe aufhielt.“

„Zu seinen Lebzeiten? Heißt das ...“

Er nickte. „Ja, Ihr Vater verstarb vor etwas mehr als zwei Jahren.“

Amelie schluckte. „Doktor Berends, ich nehme an, Sie möchten mir hier eine rührselige Geschichte auftischen, um meinen Vater in vorteilhafteres Licht zu rücken. Weshalb? Was wollen Sie von mir?“

„Ich gehe davon aus, dass Ihnen der Name Theodor von Grothe nichts sagt.“

„Nein.“

„Freiherr Theodor von Grothe war Ihr Vater.“ Der Anwalt erhob sich, ging um seinen Schreibtisch herum und nahm einen Umschlag vom Schreibtisch. „Ich wurde, wie ich schon sagte, beauftragt, diese Unterlagen an Ihrem dreißigsten Geburtstag an Sie weiterzureichen“, erklärte er, während er sich wieder setzte und ihr den braunen Umschlag entgegenstreckte.

Amelie starrte den Umschlag an, nahm ihn aber nicht entgegen.

Doktor Berends legte ihn auf den Tisch. „Das Adelsgut Ihres Vaters, die dazugehörigen Weinberge und die Kellerei werden zurzeit von seinem Neffen, Stefano Albarese, verwaltet. Er nahm das Erbe trotz einer Klausel an.“

„Eine Klausel? Was für …“

„Eine Klausel die besagt, dass er, sollte sich ein direkter Nachkomme seines Onkels melden, das Erbe an diesen abzutreten hat. Mit dem Einverständnis Ihres Vaters und den von ihm zur Verfügung gestellten Mitteln ließ er zwischenzeitlich einen Teil des Gutes in ein kleines, aber feines Hotel umbauen.“

Amelies Gesichtsausdruck schien vermutlich ihre ganze Verwirrung widerzuspiegeln, denn Herr Kluge, der sich bis jetzt zurückgehalten hatte, schenkte eine bronzefarbene Flüssigkeit in ein Glas und reichte es ihr. „Cognac“, erklärte er. „Trinken Sie. Das wird Ihnen guttun.“

„Danke.“ Amelie hasste Cognac, doch wie sie sich im Moment fühlte, hätte sie vermutlich alles getrunken. Prompt verschluckte sie sich an dem scharfen Getränk, das ihr die Kehle zu verbrennen drohte. Sie bekam keine Luft und hustete sich fast die Seele aus dem Leib.

Doktor Berends nahm ihr das Glas ab und Doktor Kluge besorgte eilends ein Glas Wasser.

Während sie das Wasser trank, das ihr der Anwalt mit einer etwas hilflos wirkenden Geste reichte, begann sie, das eben Gehörte geistig aufzunehmen. Was hat er gesagt? Ich hab’ Wein geerbt, der ein Adelsgut produziert und von einem anderen Erben im Hotel angebaut wird? Amelie schüttelte den Kopf, als könne sie auf diese Weise das Wirrwarr ihrer Gedanken zurechtrücken. Was der Typ hier von sich gab, konnte nur Ärger bedeuten und sie wollte keinen Ärger. Sie trank einen weiteren Schluck und stellte das Glas auf dem Tischchen ab.

„Geht’s wieder?“, fragte Doktor Berends.

Amelie nickte „Ja, danke. Ich muss gehen.“ Sie griff nach ihrer Handtasche, erhob sich und wollte schon an ihm vorbei, als Doktor Kluge ihr mit fassungslosem Blick entgegentrat.

„Aber …“ kam es aus Doktor Berends offenstehenden Mund, wodurch er etwas begriffsstutzig wirkte.

„Mein … Vater hat sich während der letzten dreißig Jahre, als ich mir oft wünschte, er wäre für mich da, nicht um mich gekümmert“, entfuhr es ihr wütend, obwohl sie bereits wusste, dass es sich bei dem, was sie hier von sich gab, um puren Nonsens handelte. Aber wie sonst sollte sie die Wahrheit verkraften? „Sehen Sie mich nicht so an. Ich weiß, was Sie sagen möchten. Es gab Missverständnisse. Und nun ist er tot.“ Amelie strich mit drei Fingern nervös über ihre Stirn. „Verstehen Sie doch. Gerade weil ich es ablehnte, ihn zu seinen Lebzeiten kennenzulernen, habe ich jetzt, da er tot ist, keinen Anspruch auf seine Hinterlassenschaft.“ Sie hatte bereits die Tür erreicht, als Doktor Berends, der ihr mit dem Umschlag folgte, sie erneut bat, diesen an sich zu nehmen. Sie sah ihn eine Weile stumm an, dann schüttelte sie traurig den Kopf. „Es ist zu spät.“

„Es ist nie zu spät, etwas wieder gut zu machen. Geben Sie Ihrem Vater wenigstens jetzt die Chance, alles zu erklären.“

Sie schüttelte ablehnend den Kopf. „Nicht einmal meiner Mutter gab ich diese Chance und die lebt noch. Mein Gott, was habe ich diesen beiden Menschen angetan?“, fragte sie betroffen mit von Tränen verschleiertem Blick.

„Sollten Sie jetzt ohne diese Unterlagen gehen“, gab Doktor Berends zu bedenken, „werden Sie sich Ihr Leben lang fragen, was dieser Umschlag verbarg.“

„Und in diesem“, meldete sich Doktor Kluge zu Wort, während er einen weiteren Umschlag vom Schreibtisch nahm und ihr entgegenstreckte, „in dem sich ein Brief an Sie befindet, der mir vor etwa drei Jahren zugestellt wurde. Außerdem ein Stick, auf dem sich etliche Fotos der vergangenen Jahre befinden, von denen ich annehme, dass Sie ziemlich interessant für Sie wären. Ihr Vater ließ uns diesen ebenfalls mit der Begründung, Ihnen diesen zukommen zu lassen, an unsre Kanzlei.“

„Ich gebe zu“, Amelie blinzelte die Tränen weg, die ihren Blick zu verschleiern suchten, und atmete einmal tief durch, „ich würde meinen Vater gerne kennenlernen, aber dieser andere Erbe, dieser …“

„Stefano Albarese, Ihr Cousin“, half Doktor Kluge ihrem Gedächtnis nach.

Sie nickte. „Ja, genau der. Dieser Herr Albarese wäre davon sicher wenig erfreut. Ich will keinen Ärger.“

„Wer will den schon?“, fragte Doktor Kluge, gleichgültig mit den Achseln zuckend. „Dennoch wäre es sicherlich interessant herauszufinden, was geschieht, wenn Herr Albarese erfährt, dass er eine erbberechtigte Cousine hat. Übrigens, Ihr Vater hat Sie bereit vor fünfzehn Jahren als seine Tochter anerkannt.“

„Er hat was? Woher wissen Sie das?“, fragte sie fassungslos.

„Doktor Haller erwähnte es.“

Ein Vater, durchfuhr Amelie ein Gedankenblitz, mein Vater. Ich habe tatsächlich einen Vater. Einen Vater, der Mama nicht im Stich gelassen hat. Einen Vater, der mich beobachten ließ, der sich manchmal sogar in meiner Nähe aufhielt. Einen Vater, der keinen meiner Geburtstage mit mir verbrachte, der an meinem Hochzeitstag nicht an meiner Seite war. Warum? Warum hat er sich nie bei mir gemeldet? Er hätte es einfach tun können. Verdammt nochmal! Ja, ich hätte ihn sicher nicht mit offenen Armen willkommen geheißen, doch ich hätte ihm eine Chance gegeben. Mit der Zeit. Dieselbe, die du ihm jetzt gibst?, meldete sich ihre innere Stimme. Obwohl du bereits weißt, welch falsche Vorstellung du von ihm hattest! Mein Gott!

Nun konnte sie ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Unaufhaltsam drangen sie aus ihren Augenhöhlen und liefen über ihre Wangen. All die Jahre, in denen sie sich nach einem Vater gesehnt hatte. Wie oft hatte sie sich gefragt, wo wohl ihre Wurzeln liegen mochten? Amelie ergriff das weiße Taschentuch, das Doktor Kluge ihr reichte, wischte sich die Tränen ab und räusperte sich. „Entschuldigen Sie meinen Gefühlsausbruch.“

„Kein Problem.“

„Gut, ich nehme die Umschläge an mich. Das heißt aber nicht, dass ich das Erbe annehme“, erklärte sie bestimmt. „Ich werde mich an einem der nächsten Tage bei Ihnen melden.“

*

Inzwischen hatte es zu nieseln begonnen. Amelie bemerkte es nicht. Überhaupt hätte sie im Nachhinein nicht sagen können, wie sie aus der Kanzlei heraus, über den Marktplatz, durch die Gassen der Stadt nach Hause gekommen war. Ihre Gedanken schienen zu einer einzigen klebrigen Masse verschmolzen, die zäh an Bildern ihrer Vergangenheit hing.

Sie zog den feuchten Hosenanzug aus und hängte ihn über den Kleiderbügel an die Schranktür. Den Rolli über ihren Kopf ziehend lief sie ins Bad. Um sich selbst, zumindest ihre Nerven und besonders ihr Gehirn wieder auf ein normales Level herunterzuholen, stellte sie sich unter die Dusche. Prickelnd über ihren Körper laufendes Wasser half ihr nach Stresssituationen fast immer, einen klaren Kopf zu kriegen. Doch diesmal fühlte sie sich danach genauso elend wie zuvor. Allerdings stieg ihre Neugier ins Unermessliche. Sie rubbelte sich gut ab, schlüpfte in ihren bequemen Hausanzug und kuschelte sich auf dem Sofa unter ihre weise Pelzimitatdecke. Eine Weile starrte sie auf die Briefumschläge, dann griff sie nach dem obenauf liegenden.

Bevor sie ihn jedoch mit klopfendem Herzen aufriss, atmete sie einmal tief durch. Es hilft nichts, da muss ich durch. Sie schüttete den Inhalt neben sich aufs Sofa. Der von Doktor Kluge erwähnte Stick lag ebenfalls dabei. Nachdem sie ihn an sich genommen und einige Sekunden betrachtet hatte, erhob sie sich und holte ihren Laptop vom Schreibtisch. Gleich darauf poppten Unmengen an Fotos auf, die sie in den verschiedensten Situationen zeigten.

Vor ihrer Schule mit Belinda, ihrer besten Freundin. Fotos vom Feriencamp am St. Leoner See – Schulausflug der Abschlussklasse. Da war sie gerade mal siebzehn. In der Reithalle, auf dem Rücken von Belindas Wallach Merlin. Mit Freunden am See. Beim gemeinsamen Mittagessen mit Gregor vor Paolos Trattoria. Beim Shoppen, ihr Blick war gerade auf ein Preisschild gerichtet – ihrem Blick zufolge schien das Teil ziemlich teuer zu sein. Einige zeigten sie mit Gregor durch die Fußgängerzone bummeln.

Waren wir da wohl schon verheiratet? Moment mal! Den Mann, der auf diesem Foto hinter mir geht, kenn ich doch. Nein, besann sie sich, als sie sich erinnerte, ihn lediglich auf einem anderen Foto gesehen zu haben, und zwar auf dem vor Paolos Lokal. Saß nicht derselbe Mann am Nebentisch? Um sicherzugehen, suchte sie die Fotos erneut durch. Ja, es ist tatsächlich derselbe. Zufälle gibts.

Weitere Fotos zeigten sie als Braut. Auf einem wurde sie gerade von Gregors Cousine Natascha mit Beschlag belegte. Sie erinnerte sich, im allgemeinen Tumult kein Wort von dem verstanden zu haben, was diese ihr sagte. Der Tag lief wie ein Film vor ihrem geistigen Auge ab und plötzlich erinnerte sie sich an den gutaussehenden Herrn mit den graumelierten Haaren, der sie fest in seine Arme gezogen, herzlich auf beide Wangen geküsst und ihr alles Glück dieser Erde gewünscht hatte. Er war ihr auf Anhieb sympathisch, sogar daran erinnerte sie sich wieder, und dass sie angenommen hatte, er wäre einer von Gregors Verwandten. Doch alles ging so schnell, sie wollte ihn noch danach fragen, da stand schon der nächste Gratulant vor ihr. Noch einmal betrachtete sie das Bild, auf dem der Fremde hinter ihr ging. Ja, ich bin ganz sicher, es war derselbe Mann, der auf diesen Fotos zu sehen ist.

Tränen verschleierten ihren Blick. Das war mein Vater. Mein Vater. Oh Gott! Erschüttert legte sie eine Hand auf ihren Mund, als wolle sie einen lauten Aufschrei verhindern. Den Schmerz, der ihr das Herz zu zerreißen drohte, als sie sich nun an den Tanz mit ihm erinnerte, konnte sie kaum ertragen. Das wäre die Gelegenheit gewesen ihn zu fragen, wer er ist. Warum habe ich es nicht getan? Ach ja, ich erinnere mich, ich wollte nicht oberflächlich erscheinen, weil ich mir seinen Namen im allgemeinen Trubel nicht gemerkt habe. Ein anderes Bild schob sich vor ihr geistiges Auge. Ihre Mutter und der Fremde tanzten und sie wusste plötzlich wieder, dass sie gedacht hatte, was für ein schönes Paar. Das wäre ein Mann für Mama. Warum habe ich sie später nie nach diesem Mann gefragt? Die Hochzeitsreise und danach hatte ich ihn vergessen. Ich bin ein egoistisches Luder, gab sie sich selbst die Antwort. Ihr Vater war bei ihrer Hochzeit anwesend und keiner, außer natürlich ihre Mutter, hat es gewusst. Sie war ihrem Vater also wirklich nie gleichgültig.

Nun konnte sie die Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie tastete nach den Papiertaschentüchern auf der Ablage unter dem Beistelltisch. Als sie keine fand, erhob sie sich, kramte in ihrer kleinen schwarzen Handtasche und fand ein weißes Taschentuch mit eingestickten Initialen. GT. Erst als sie sich wieder ein wenig beruhigt hatte, öffnete sie den anderen Umschlag und entnahm ihm einige amtlich aussehende Formulare. Es handelte sich um die beglaubigte Abschrift ihrer Adoption. Ihr Vater hatte tatsächlich vor aller Welt bekundet, dass er ihr leiblicher Vater war und sie mit dem Einverständnis ihrer Mutter adoptiert, um ihr alle Rechte zukommen zulassen, die einer leiblichen Tochter zustanden. Bei mehreren zusammengehefteten Seiten handelte es sich um eine Abschrift des Testaments. Sie würde es später lesen.

Theodor von Grothe war mein Vater …

Als Nächstes zog sie ein quadratisches, mit nachtblauem Samt überzogenes Etui heraus. Gespannt öffnete sie es und hielt unwillkürlich den Atem an. Auf einem ebenfalls mit Samt bezogenen, flachen Kissen lag ein Collier, besetzt mit funkelnden Brillanten und blauen Saphiren. Auf einer kleinen, schmalen Karte stand mit energischen Buchstaben:

Dieses Brillantcollier ist Teil des Familienschmucks. Da ich es dir an deinem Hochzeitstag nicht anlegen durfte, lasse ich es dir auf diesem Wege zukommen, in der Hoffnung, dass du es eines Tages tragen wirst.

Wieder begann sie hemmungslos zu weinen. Diesmal fiel es ihr äußerst schwer sich zu beruhigen. Schluchzend und schniefend griff sie nach dem Brief, den sie bereits ein paarmal in den Händen gehalten, hin und her gewendet und wieder beiseitegelegt hatte.

Kahlenfels 07.06.2016

Das war mein siebenundzwanzigster Geburtstag.

Meine geliebte Tochter,

da du nun meinen Brief in Händen hältst, weißt du bereits, dass diese Anrede zutrifft. Ja, ich bin dein Vater. Endlich kann ich dir sagen, wenn auch nur in schriftlicher Form, wie sehr ich dich geliebt habe. Leider wolltest du das nie von mir persönlich hören.

Du warst sicher überrascht, ausgerechnet an deinem dreißigsten Geburtstag eine Anwaltskanzlei aufsuchen zu müssen. Hast du gleich angerufen, um nachzufragen, ob es sich um eine Verwechslung handelt, oder hast du zuvor mit deiner Mutter gesprochen? Nein, du wolltest zunächst wissen, ob sie wirklich dich meinen. Selbst deinen Gesichtsausdruck, als du deren Brief unter deiner Post entdeckt hast, kann ich mir nur allzu deutlich vorstellen.

Du hast recht, ich kenne dich ziemlich gut und das, obwohl du mich nie in deiner Nähe geduldet hast. Aber du weißt ja nun schon, dass ich dich ab und zu beobachten ließ und des Öfteren auch selbst deine Nähe suchte. Natürlich erzählte mir auch deine Mutter sehr viel über dich. Du hast einige meiner Charaktereigenschaften abbekommen. Daher weiß ich ziemlich genau, dass du dich in deine eigenen vier Wände verkrochen hast und nun darüber nachdenkst, wie viel wir in den letzten dreißig Jahren versäumt haben.

Zu viel, wenn du mich fragst. Aber es ist zu spät, sich darüber Gedanken zu machen. Wir sollten besser in die Zukunft blicken. Du solltest in die Zukunft blicken, da ich es ja nun nicht mehr kann. Deine Mutter hat dir, wie ich weiß, alles erklärt, was damals geschehen ist. Schade, dass du mich nicht in dein Leben lassen wolltest, ich wäre gerne ein Teil davon gewesen.

Vielleicht kannst du mir eines Tages verzeihen und nimmst das Erbe an, das ich dir hinterlassen habe. Solltest du dich dazu entschließen, dir das Gut zumindest einmal anzusehen, wirst du Stefano Albarese, deinen Cousin kennenlernen. Er ist ein guter Junge und ich liebe ihn wie einen eigenen Sohn. Ich hätte ihm längst von dir erzählen müssen. Doch der Eifer, mit dem er das Anwesen führt, seine tiefe Liebe zum Gut und den Weinbergen hielten mich bisher davon ab. Als ich ihn als Erben einsetzte, wusste ich nicht, ob ich dich jemals finden würde. Und nachdem ich euch dann doch gefunden habe, du aber strikt ablehntest, mit mir in Kontakt zu treten, ahnte ich, dass du das Erbe nicht so einfach annehmen würdest, wenn überhaupt. Also änderte ich mein Testament dementsprechend.

Die Entscheidung liegt allein bei dir. Solltest du dich gegen das Erbe entscheiden, wird niemand jemals erfahren, dass du meine Tochter bist und alles bleibt, wie es ist. Allerdings ist es dann von Nöten, eine Verzichtserklärung bei der Kanzlei Berends und Partner zu unterschreiben.

Überlege dir jedoch gut, ob du ein Erbe dieses Umfangs wirklich ausschlagen willst. Von dessen finanziellem Wert einmal abgesehen beinhaltet es auch Werte, die man für kein Geld der Welt kaufen kann. Du hast für deine Entscheidung ein halbes Jahr Zeit.

Allein der Gedanke, du könntest dich wider Erwarten entschließen das Erbe anzunehmen, macht mich jedoch sehr glücklich. Allerdings musst du es dann mit allen Konsequenzen annehmen. Ich erwarte, dass du dich dieses Erbes als würdig erweist.

Im Haus befindet sich ein Ort, von dessen Existenz bisher nur ich weiß – und jetzt natürlich du. Ich bewahre dort all das auf, das mir für dein zukünftiges Leben wichtig erschien. Mit diesem Ort ist allerdings ein Geheimnis verbunden, das aufzuklären deine Aufgabe sein wird. Dazu gehört auch, dass du den Ort selbst finden musst. Generationen vor dir erging es nicht anders. Alle mussten diese Aufgabe lösen, um zu beweisen, dass ihnen das Erbe wichtig ist.

Suche das Herz des Hauses – das ist das Einzige, das ich dir sagen darf, dann wirst du sein Geheimnis finden. Suche es nicht mit deinem Verstand, sondern mit deinem Herzen.

In Liebe dein Vater.

Theodor von Grothe

Während sie grübelnd vor sich hinstarrte, rannen Tränen der Scham und Verzweiflung wie kleine Rinnsale über ihre Wangen. Ein wahrer Sturm an Gefühlen tobte in Amelie. Sie trauerte nicht um den Mann, der ein Fremder für sie war, sie trauerte um die verpassten Gelegenheiten, diesen Mann näher kennenlernen zu dürfen. Er hat mich geliebt, er hat mich wahrhaftig geliebt. Und das, obwohl ich ihm gegenüber selbstsüchtig, eigensinnig und egoistisch gehandelt habe. Sie konnte es kaum glauben. Ihr Vater hieß Theodor von Grothe.

„Mein Gott“, flüsterte sie. Ich hatte einen Vater, der mich liebte und nur allzu gerne die Verantwortung für mich übernommen hätte. Und ich dusselige Kuh habe mich geweigert ihn kennenzulernen. Wie konnte ich so eigensinnig sein, keiner vernünftigen Erklärung zugänglich?

Amelies Gedanken wanderten in die Vergangenheit und blieben am Tag ihres fünfzehnten Geburtstages hängen …

Auf dem Tisch lagen liebevoll verpackte Geschenke und die mit winzigen Kerzen bestückte Geburtstagstorte, die ihre Mutter für sie gebacken hatte, stand daneben. Voller Vorfreude aufs Geschenkeauspacken blies sie die Kerzen aus, während ihre Mutter von sich aus, das Gespräch auf ihren Vater brachte. Das allein schien Amelie schon verwunderlich. Fassungslos vernahm sie gleich darauf deren Geständnis, dass ihr Vater keineswegs im Himmel, sondern sehr lebendig auf der Erde weilte. Als sie dann aufgeregt wie ein verliebter Teenager mit Augen, die von innen zu leuchten schienen, von einem zufälligen Treffen mit dem totgeglaubten Vater berichtete, wurde Amelie übel. Er hätte sie beide jahrelang gesucht und nun, nachdem er sie endlich gefunden habe, wolle er natürlich die gemeinsame Tochter kennenlernen. Tatjanas Worte überschlugen sich fast vor Begeisterung über den wunderbaren Mann, der nie aufgehört habe sie zu lieben.

Doch Amelie konnte all das nicht glauben. Wie auch? Dieser „wunderbare Mann“ hatte sich vor ihrer Geburt doch wohl nicht gerade wie ein Gentleman verhalten. Schließlich hatte dieser „feine Herr“ nicht nur das Herz ihrer Mutter gebrochen und ihr dadurch viel Kummer bereitet, sondern auch ihr Vertrauen in andere Männer zerstört. Was der Umstand, dass sie während der zurückliegenden Jahre keine ernsthafte Beziehung in Erwägung gezogen hatte, wohl hinlänglich bewies.

„Und du denkst, ich nehme dir diesen Blödsinn ab?“, unterbrach sie ihre Mutter barsch. „Macht er sich nun wieder an dich heran? Klar, du bist eine schöne Frau. Und wenn er dich dann zur Genüge ausgenutzt hat, lässt er dich wie eine heiße Kartoffel fallen. Du hast nie aufgehört ihn zu lieben, stimmt’s? Du lässt dich doch nicht wieder mit ihm ein? Ich bin bisher ohne Vater ausgekommen und künftig brauche ich erst recht keinen. Von nun an will ich nie wieder etwas von diesem Mann hören, der lediglich laut DNA mein Erzeuger ist. Und solltest du auf die absurde Idee verfallen, ihn dennoch …, dann hau ich ab. Lieber schlafe ich auf der Straße, als unter einem Dach mit diesem Kerl.“

Sie hatte sich elend dabei gefühlt, auch daran erinnerte sie sich. Wie gerne hätte sie ihrer Mutter geglaubt, aber sie konnte es einfach nicht. Heute wusste sie, es waren Hilflosigkeit, Schmerz und Angst vor erneuter Enttäuschung, die sie veranlasst hatten, den Raum zu verlassen und die Tür laut hinter sich zuzuknallen, um der Unterhaltung einen Punkt zu setzen. Trotzig hatte sie sich in ihr Zimmer zurückgezogen, die Kopfhörer aufgesetzt und sich von laut grölender Rockmusik zudröhnen lassen. Letztendlich hatte sich aus dem Trotz des Teenagers eine sture Unnachgiebigkeit entwickelt, die jeglichen Versuch einer Erklärung im Ansatz erstickte. Während ihrer Ehe und auch danach hatte sie nur selten an ihren Vater gedacht. Doch wenn sie es tat, ertappte sie sich immer wieder bei dem Gedanken, dass es doch interessant wäre ihn kennenzulernen. Allerdings hätte sie dann von ihrem hohen Ross herabsteigen und einlenken müssen.

Oh Gott, was habe ich getan? Was habe ich den beiden Menschen angetan, die sich so sehr liebten, dass sie sich ein Leben lang treu geblieben sind? Amelie wischte mit dem zusammengeknüllten Taschentuch die Tränen von ihrem Gesicht, schnäuzte sich und atmete einmal tief durch. Was jetzt, fragte sie sich. Ich muss sofort zu Mama, gab sie sich selbst die Antwort, während sie alles zusammenraffte und in den braunen Umschlag schob. Möglicherweise weiß sie ja von diesen Unterlagen? Natürlich weiß sie davon, fuhr es ihr durch den Sinn. Ohne Mamas Zustimmung hätte er mich nie adoptieren können. Sie nickte bejahend vor sich hin. Höchste Zeit, über meinen Vater zu sprechen. Ach hätte ich doch Mama nur einmal zugehört. Hätte ich doch … Erneut verschleierten Tränen ihren Blick. Sie schniefte und schnäuzte sich abermals. Nun erst bemerkte sie, dass es sich um Gregors Taschentuch handelte. Gregor! Oh! Hoffentlich bist du noch nicht abgereist.

Völlig kopflos, die Umschläge und ihren Laptop unter dem Arm schlüpfte sie in ihre bequemsten Pantoletten und rannte ins Treppenhaus. Gerade noch rechtzeitig, bevor die Tür ins Schloss fiel, bemerkte sie, dass ihr Handy und die Schlüssel noch auf dem Dielentischchen lagen. Sie lief zurück, griff danach und sah an sich hinunter. So kann ich unmöglich gehen. Hella würde sich köstlich amüsieren und Gregor, sollte er noch nicht abgereist sein, anrüchig die Nase rümpfen. Schnell kickte sie die Latschen von ihren Füßen, schälte sich aus dem Hausanzug und schlüpfte in Jeans und Pulli. Als sie den Schuhschrank in der Diele öffnete, musste sie nicht lange überlegen. Im Hinblick auf ihre vor Schmerz zuckenden Fersen kamen ohnehin nur die bequemen schwarzen Sneakers in Frage. Dann zog sie ihre Lederjacke vom Kleiderbügel und schlüpfte hinein. Einigermaßen zufrieden mit ihrem Outfit und ein wenig ruhiger verließ sie mit dem Handy am Ohr die Wohnung.

Kapitel 3

„Wolltest du nicht erst gegen sechs kommen?“, fragte Tatjana Berger, überrascht ihre Tochter so unerwartet früh vor sich zu sehen.

„Wollte ich, aber ich muss dringend mit dir sprechen.“ Ihre Mutter nicht aus den Augen lassend, legte Amelie den Umschlag auf den Tisch. „Kannst du dir denken, was das ist?“

„Nein. Sollte ich?“

„Kommt ganz darauf an. Vielleicht siehst du ja mal hinein?“

Vorsichtig zog Tatjana den Brief, alle anderen Schriftstücke und das mit grünem Samt überzogene Etui heraus. Ihr vor Staunen geöffneter Mund schloss sich selbst dann nicht, als sie sich nach einigen Sekunden der Verblüffung auf den nächsten Stuhl sinken ließ und alles auf dem Esszimmertisch ablegte. „Wie kommst du zu all dem?“

„Anwaltskanzlei Berends und Partner. Ein Stick, auf dem sich jede Menge Fotos befinden, gehört auch dazu.“

„Ah, ja. Dann hat er also einen Weg gefunden“, sprach sie mehr zu sich selbst, als zu Amelie. Ernst, nein traurig und doch verständnisvoll lächelnd, sah sie ihre Tochter an. „Glaubst du nun endlich, dass er dich liebte – von ganzem Herzen liebte?“

„Ja, und noch etwas weiß ich, dass ich ’ne dickköpfige, egoistische Zicke war. Ach Mama, es tut mir unendlich leid. Wie konntest du es nur mit mir aushalten?“

Tatjana breitete ihre Arme aus. „Du warst stets das Wichtigste in meinem Leben.“

Amelie schmiegte sich in die Arme ihrer Mutter. „Danke, dass du mich so sehr liebst. Und dass du mich nicht in die Wüste geschickt hast.“

„Schon gut, mein Kind. Wir fanden einen Weg, um zusammen sein zu können.“

Amelie sah ihre Mutter verwundert an. „Ach ja?“

„Ja“, antwortete sie knapp, nahm den Brief an sich und faltete ihn auf. „Ich darf doch?“

Während des Lesens legte sich ein melancholisches Lächeln auf ihr ernstes Gesicht, das ab und zu von staunend geöffneten Lippen verdrängt wurde. Die Tränen, die ihr währenddessen unaufhörlich über die Wangen liefen, schien sie nicht zu bemerken. Sie wischte sie erst ab, als sie nachdenklich und traurig den Brief auf ihren Schoß sinken ließ.

„Hast du das Datum beachtet?“, fragte Amelie. „Er hat ihn an meinem siebenundzwanzigsten Geburtstag geschrieben.“

Tatjana nickte. „Ich brauche erst mal ein Taschentuch“, sagte sie.

Amelie erhob sich, ging in die Diele und entnahm einer Schublade Taschentücher und reichte sie ihrer Mutter.

„Etwa ein halbes Jahr später wurde er sehr krank“, sagte sie, nachdem sie sich geschnäuzt hatte. „Dein Vater erlitt einen Schlaganfall, von dem er sich nie wieder völlig erholt hat.“

„Wie hast du davon erfahren?“

„Von seinem Verwalter. Dieser Mann war ihm und auch mir sehr zugetan. Während all der Jahre wurde er zu unserem Verbündeten. Ich besuchte deinen Vater sehr oft. Allerdings selten während Stefanos Anwesenheit. Alles war ohnehin schon kompliziert genug, ich wollte nicht noch zusätzliche Unruhe schaffen. Und er besuchte mich natürlich ebenfalls. Erst nach dem Tod seiner Frau trafen wir uns ganz offiziell. An dem Tag als es passierte, rief Wilhelm, so heißt der Verwalter, mich an. Du erinnerst dich vielleicht an die Zeit nach deiner Scheidung, die ich angeblich in einem Hotel in Frankreich verbrachte?“

Amelie nickte nachdenklich.

„Damals betreute ich deinen kranken Vater.“

„Aber du hast keine Ahnung von diesen Dingen.“

„Ach Kind, Liebe vermag so viel. Von Theodors Arzt erfuhr ich, dass er außerdem an Lungenkrebs erkrankt war. Es ging ihm zunehmend schlechter. Am Ende konnte nur Morphium seine Schmerzen lindern. Er befand sich die meiste Zeit im Delirium. Dennoch schien er sich mit all seiner verbliebenen Lebenskraft dem Tod zu widersetzen, als hätte er noch eine Aufgabe zu erledigen. Das letzte Wort, das klar über seine Lippen kam, war dein Name. Bis zuletzt dachte er an dich.“

Amelie schwieg betroffen. Sie erinnerte sich daran, dass sie gerade mal vier Jahre alt war, als sie zum ersten Mal nach ihrem Papa fragte. Tatjana war es jedoch stets gelungen, ihre Gedanken gezielt auf andere Themen zu lenken. Und als sie häufiger nach ihm fragte, hatte sie ihr mit traurigem Unterton in der Stimme und Tränen in den Augen erklärt, dass ihr Papa bei den Engelein im Himmel wäre. Erst als sie älter