Bodensee-Blues - Wolfgang Burger - E-Book

Bodensee-Blues E-Book

Wolfgang Burger

4,8

Beschreibung

An einem denkwürdigen Tag im Jahr 2006 kommt der arbeitslose Betriebswirt Kai Wagner auf eine Idee, die sein Leben verändern soll: In Singen gründet er das Transportunternehmen Fuhrwerke Wagner und stellt Susi Unternährer aus Schaffhausen als Sekretärin an. Sein erster Transport führt Kai bereits über die Grenze und jagt ihm einen gehörigen Schrecken ein. Die Sekretärin übernimmt mehr und mehr die Leitung des Geschäfts. In den stillen Wassern des Bodensees treibt eine Leiche am turtelnden Pärchen vorbei. Und als eine Oma zur Uzi greift, bricht die Hölle los ...

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 77

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
4,8 (16 Bewertungen)
12
4
0
0
0



Titel

Paul Ott (Hrsg.)

Bodensee-Blues

Kriminalroman

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2007 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 07575/2095-0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

4. Auflage 2009

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von sijole / photocase.com

ISBN 978-3-8392-3322-1

Bibliografische Information

der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet

über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Übersicht der Autoren

Wolfgang Burger, D

Mitra Devi, CH

Angela Eßer, D

Peter Höner, CH

Edith Kneifl, A

Tatjana Kruse, D

Paul Lascaux, CH

Jutta Motz, CH

Stephan Pörtner, CH

Sabine Thomas, D

Herausgeber: Paul Ott

Paul Lascaux: Fuhrwerke Wagner

»Sie sind also Kai Wagner«, sagte die knapp vierzigjährige Frau, die ihm im Café Herold neben der Stadtbücherei Singen gegenübersaß. »Susi Unternährer, aus Schaffhausen«, ergänzte sie. »Das ist Ihr Büro.« Es war eher eine Feststellung als eine Frage.

»Nun ...«, erwiderte er.

»Aha«, sagte sie, und es lag so viel Bedeutung in diesem Aha, dass dem wenig beizufügen war, außer dass es sich beim Café Herold wirklich um Wagners Büro handelte, ganz einfach deshalb, weil ihm kein anderes zur Verfügung stand. Kai besaß eigentlich gar nichts, wenn man mal von seinem grenzenlosen Optimismus absah.

»Und wie stellen Sie sich die gemeinsame Arbeit vor?«, fragte Frau Unternährer und senkte den Kopf auf ihre Kaffeetasse zu, sodass die dunkelbraunen Haare über das weiche Gesicht fielen.

Ich kann ihre Augen nicht sehen, dachte Kai, wie soll ich sie einschätzen können? Er hatte im Singener Wochenblatt und im Südkurier je ein Stelleninserat geschaltet, aber keine Bewerbungsschreiben erhalten. Offenbar gab es im Hegau keine arbeitslose Sekretärin. Erst in den Schaffhauser Nachrichten hatte es geklappt. Nun saß Susi Unternährer vor ihm und benahm sich, als wüsste sie genau, dass sie die Einzige war, die sich für diese Stelle interessierte. Wie sieht also unsere Zusammenarbeit aus?

Kai beschloss, ihr reinen Wein einzuschenken, insbesondere da sie ihn nun direkt mit ihren blassblauen Augen anblickte.

Weiblich, erfahren, resolut, dachte Kai, bevor er sagte: »Ich bin dreißig, habe vor einem Jahr an der Uni Konstanz mein Studium als Betriebswirt abgeschlossen, vergeblich einen Job gesucht und eröffne nun mein eigenes Geschäft. Ich habe einen Kleintransporter gemietet. Und das hier ist, wie Sie schon festgestellt haben, mein Büro.« Seine Geste reichte nicht weit über die beiden Stühle hinaus, auf denen sie gerade saßen.

»Dieser Tisch«, bestätigte Susi Unternährer und sagte dann wieder: »Aha!«

Nach einer Schweigeminute, in der beide über die Möblierung nachdachten, fragte Frau Unternährer: »Was transportieren Sie denn so?«

Kai räusperte sich und sagte: »Alles, was kein Gefahrgut ist, nicht brennt oder sonst wie den Mietwagen beschädigt, und kein Kühlgut.«

»Eine ausgesuchte Negativliste«, meinte Susi, aber es war nicht auszumachen, wie viel Ironie in ihrer Feststellung lag. »Aus Deutschland in die Schweiz?«

»Oder nach Österreich. Wo es halt hinmuss«, erklärte Kai, der sich seiner Sache nicht mehr sicher war.

»Ich kenne da ein paar unbewachte Grenzübergänge«, sagte Susi.

Kai winkte ab. »Nichts Illegales. Kein Schmuggel.«

»Aber einen Freundschaftsdienst würden Sie schon übernehmen, wenn ich Sie darum bitte, da ich ja nun mal für Sie arbeite.«

Kai fühlte sich etwas bedrängt.

»In diesem schönen Büro«, ergänzte sie. »Oder haben Sie bereits genügend Aufträge?«

Kai war ertappt. Was hatte er sich auch dabei gedacht, eine Sekretärin einzustellen für einen Betrieb, der nicht im Handelsregister eingetragen war, keine Räumlichkeiten besaß, weder ein Büro noch ein Lager, und der auch über kein Fahrzeug verfügte, da es für die Unterzeichnung eines längerfristigen Mietvertrags erst einer Geschäftseröffnung bedurfte. Die Schlange biss sich in den Schwanz.

Kai stand mit seinem für einen Tag gemieteten Lieferwagen in der Einfahrt eines Bauernhofs bei Dörflingen im Schaffhausischen. Man hatte ihm den Weg über Randegg nach Gottmadingen zugewiesen, da er über einen unbewachten Grenzübergang führte, gleichzeitig aber betont, dass er keine illegale Fracht mitnehme, also keine Angst vor einer Kontrolle haben müsse.

Sein erster Auftrag. Vermittelt von seiner ›Sekretärin‹. Und er hatte keine Ahnung, was er beförderte. Man hatte ihn ins Industriegebiet von Schaffhausen beordert, zu einem unscheinbaren Lagerhaus. Kai bekam einen Getränkegutschein für die nahe gelegene Truckerkneipe. Während er dort ein alkoholfreies Bier süffelte, wurde die Fracht geladen. Dann holte er den Wagen ab, denn er musste am frühen Abend in Konstanz sein. Warum er nicht über Kreuzlingen fahren durfte, erklärte ihm niemand. Kurz vor der Abfahrt kam Susi Unternährer vorbei und brachte ihm einen verschlossenen Umschlag.

»Die Zollpapiere«, sagte sie nur.

Jetzt parkte er also vor dem Bauernhof. Der Motor tuckerte leise. Kai rang mit sich, ob er den Umschlag öffnen sollte, obwohl man ihm ausdrücklich davon abgeraten hatte.

Sehnsüchtig blickte er zum stattlichen Hof. Die Bauern in der Schweiz erhielten wenigstens Direktzahlungen vom Staat, damit sie ihre Betriebe in Zeiten sinkender Rendite nicht aufgeben mussten. Kai hätte sofort mit dem Landwirt getauscht.

Dann riss er den Umschlag auf, las ein paar Zahlen, Wert, Gewicht, Zollnummern, und zuletzt den Inhalt: Gebeine. Schlagartig wurde ihm bewusst: Er transportierte eine Leiche!

Kai steckte die Papiere in den Umschlag zurück und fuhr los. Er hatte den Auftrag angenommen, er musste ihn zu Ende bringen. Was hätte er denn auch mit dem Toten tun sollen. An seinem Ziel hatte er immerhin einen Abnehmer dafür. Gut, dass er nicht seinen eigenen Lastwagen fuhr, wie hätte er sonst nach dieser ersten Fracht zum Beispiel Früchte und Gemüse laden können.

Eine Leiche!

Kai kam unbehelligt über die Grenze. Aber dass so viel Schweiß in einem Menschen drin war, überraschte ihn. Er erreichte ohne weiteren Verzug die Umfahrung von Singen und fuhr weiter in Richtung Radolfzell. Als er Allensbach passiert hatte, fiel ihm ein, dass das rechts von ihm liegende Gewässer Gnadensee hieß. Kai hätte gerne geglaubt, dieser Name hinge mit seiner Mission zusammen. In Konstanz suchte er lange nach der Badgasse, wo er sein Transportgut abliefern sollte. Schließlich erreichte er eine Laderampe in einem Innenhof.

»Heiß heute«, sagte der Arbeiter, der ihn erwartete, als er den durchgeschwitzten Chauffeur sah. »Na, dann wollen wir mal. Öffnen Sie die Tür.«

Kai entriegelte wie in Trance den Laderaum.

»Da ist er ja«, sagte der Mann wie zu einem alten Bekannten. »Ich hoffe, der Herr hat keinen Schaden erlitten, sonst muss er in die Restaurationsabteilung, bevor er in sein Grab zurückdarf.« Dann machte er sich an einem schweren Karton zu schaffen, bevor er weiterredete: »Na, hast du die Ausstellung gut überstanden?«

Kai überwand seinen Schreck nur langsam. Noch einmal nahm er den Frachtbrief zur Hand und las, indem er den Falz umknickte: »Gebeine des Herzogs Burkhard III. (um 919-973). Ausstellungsgut. Überführung aus dem Museum Allerheiligen auf die Reichenau.«

Auf einem kleinen Schild neben der Hintertür, das Kai erst jetzt bemerkte, stand: Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg, Außenstelle Konstanz.

»Das verzeihe ich Ihnen nie«, sagte Kai Wagner zu Susi Unternährer, als sie ihm in ihrem ›Büro‹ den Scheck überreichte.

Frau Unternährer lachte und meinte: »Wie wollen Sie denn meine Sekretariatsdienste bezahlen, wenn Sie keine Aufträge haben?«

Kai seufzte.

»Jetzt lassen wir aber das Unternehmen im Handelsregister eintragen, damit es in Schwung kommt. Zwei zufriedene Auftraggeber haben wir ja bereits«, sagte seine Sekretärin und fragte: »Wie soll es denn heißen?«

»Fuhrwerke Wagner«, antwortete Kai.

»Derart traditionsbewusst!« Frau Unternährer lachte. Sie hatte eine kleine Flasche Sekt bestellt. Sie reichte Kai ein Glas und sagte: »Auf gute Zusammenarbeit.«

Kai Wagner brummte etwas Unverständliches.

»Nennen Sie mich einfach Susi«, sagte sie schließlich. Dann fügte sie hinzu: »Sie brauchen mich für meinen ersten Einsatz nicht zu bezahlen. Es war eine Wette. Ich habe gewonnen.«

Jutta Motz: Kleiner Grenzverkehr

Alles hatte geklappt. Problemlos. Es war am späten Nachmittag, die Büros leerten sich, und die Fussgängerzone in Singen füllte sich mit Berufstätigen. Susi Unternährer eilte zum Edeka. Sie war mit ihrer Arbeit zufrieden. Kai hat die Gebeine angeliefert. Der wird noch ganz andere Sachen transportieren!

Sie wollte ein kleines Privatgeschäft tätigen, das zusätzliche Einnahmen versprach. An der Kasse des Supermarktes griff der ältere Kassierer nach einem Päckchen Chicorée, das er bei sich verwahrte: »Das haben Sie vergessen. Es war schon bezahlt.«

Sie bedankte sich, legte den Chicorée in ihrer Einkaufstüte obenauf und hastete zum Bahnhof. Sie wollte den Schnellzug kurz nach siebzehn Uhr nehmen. Im ausgehöhlten Chicorée lagen Diamanten im Schwarzmarktwert von über 150.000 Euro. Ich habe einen Job in Singen, pendle jetzt häufig. Die Zollbeamten im Zug werden mich bald kennen. Alles läuft wie geplant.

Um den Zug zu erwischen, rannte sie am Bahnhofsplatz bei Rot über die Straße. Reifen quietschten, ein Fahrer fluchte. »Blöde Pute, hochhackige …«, konnte sie gerade noch verstehen, der Rest ging im Straßenlärm unter.

In letzter Minute sprang sie in den Zug, suchte sich einen Wagen zweiter Klasse, wie es sich für eine arme Sekretärin gehörte, und ließ sich erleichtert auf einen Sitz in einem ehemaligen Raucherabteil fallen. Das war knapp gewesen. Zu knapp. Irgendwie unprofessionell, schimpfte sie mit sich. Wenn ich jetzt eine rauchen dürfte …

Der Zug ruckte an, fuhr ab, beschleunigte. Drei Schweizer Zollbeamte gingen langsam durch den Wagen. Susi hatte ihre Tüte demonstrativ neben sich auf den Sitz gestellt.

»Na, was haben Sie denn Schönes gekauft?« Der Jüngste, ein Grenzwächter, gab sich leutselig, blieb bei ihr stehen. Die anderen gingen weiter.

»Gemüse, Obst …«