Bodo Ramelow - Frank Schauka - E-Book

Bodo Ramelow E-Book

Frank Schauka

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Beschreibung

Bodo Ramelow machte in der Gewerkschaft Karriere in großer Nähe zur DKP, der Deutschen-Kommunistischen-Partei, dem West-Ableger der SED. Der gelernte Einzelhändler Ramelow wurde in Marburg Chef der der Gewerkschaft "Handel, Banken und Versicherungen". Nach der friedlichen Revolution ging er sofort nach Thüringen, engagierte sich im Streik der Kali-Kumpel und trat in die PDS ein, die SED-Nachfolgepartei ein, und wurde schnell Fraktionschef im Landtag. Als Reaktion auf die Krebs-Erkrankungen seiner beiden Söhne aus erster Ehe fand er - auch öffentlich bekannt - zum Christentum zurück. Wer ist dieser zu Gefühlsausbrüchen neigende Politiker, der seinen Hund Attila nennt? Frank Schauka geht dem auf den Grund und verfolgt die ersten Monate nach Amtseintritt.

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Inhalt

Editorial von Paul-Josef Raue

Bodo Ramelow – eine komplizierte Persönlichkeit

Einstieg

Fiddi aus Marburg erinnert sich, und die Ministerin warnt

Teil 1: Der lange Weg bis zur gescheiterten Wahl zum Ministerpräsidenten 2009

Kapitel 1

Der Start eines Politikers – Bodo Ramelows erste Frau erzählt

Ramelow fährt eine 750er Yamaha, findet in Marburg seine erste große Liebe und startet in die Politik.

Kapitel 2

Kindheit und Jugend

Ramelows Vater stirbt früh; die Mutter, alleinerziehend, zieht mehrmals um. Ramelow leidet an Schreibschwäche und will sie zuerst verstecken, er lernt bei Karstadt und fällt auf durch „Gewissenhaftigkeit, Gerechtigkeit und Leistung“.

Kapitel 3

Marburg

Ramelow taucht ein das rote Marburg, in dem Kommunisten in den Stadtrat gewählt werden und Professoren Marx, Engels und Lenin lehren; er macht Karriere in der Gewerkschaft und empört sich über die Berufsverbote – „sprachlos vor Wut“.

Kapitel 4

Der ehrenamtliche Gewerkschafter

Der Traum vom Leben als Weinbauer ist zerplatzt; Ramelow findet Arbeit bei Herrn Jöckel in Marburg, wo er nach seiner Probezeit den Laden aufmischt; er gilt als Dogmatiker, aber auch im Wohnhaus als der einzige, der die Mülltonne rausstellt.

Kapitel 5

Der Geschichtenerzähler und Stratege

Einer, der nach ganz weit nach oben will, braucht eine Strategie. Ramelow erfindet Geschichten, auch über sich selbst, er entwirft ein Image ohne Brilli im Ohr, ist Logiker, aber ein schwacher Fußballspieler. Sein eigentliches Feld hat er schnell entdeckt: Die Politik.

Kapitel 6

Der Hauptamtliche und DKP-Sympathisant

Ramelow wird Chef der Gewerkschaft in Mittelhessen, kontrolliert Läden mit deutschem Eifer, ob sie pünktlich laut Ladenschlussgesetz schließen, und entdeckt seine Liebe zu den West-Kommunisten, zur DKP. In der Lokalzeitung ruft er dazu auf, sie in den Stadtrat zu wählen. Er fährt in die DDR, die ihm eigentlich nicht gefällt, und fährt dort, kurz vor der Wende, seinen nagelneuen Opel Rekord kaputt.

Kapitel 7

Die Kali-Kumpel in Bischofferode, Vorsitzender in Thüringen und Lebenskrise

Ramelow verhandelt in der Silvesternacht die Verträge für die Kali-Kumpel im Eichsfeld, fährt übernächtigt gegen eine Leitplanke. Er wird Gewerkschafts-Vorsitzender in Thüringen und entdeckt seine Religiosität, nachdem sein Leben aus den Fugen geraten ist. Sein bester Freund stirbt, seine Söhne Victor und Philip erkranken an Krebs.

Kapitel 8

Der Christ

Ramelow stellt viele, vor allem in seiner Partei, vor ein Rätsel: Warum bekennt er sich so vehement zum Christentum? Ist das Bekenntnis echt? Oder nur gespielt? Ein Psychologe deutet es so: Es hat mit seiner narzisstischen Persönlichkeit zu tun.

Kapitel 9

Ramelow und die Presse: Ausgeflippt

Wenn Journalisten zum Interview laden oder TV-Kameras auf Ramelow gerichtet sind, wenn er dann Fragen oder Bemerkungen hört, die ihm nicht gefallen, dann flippt er auch mal aus. Zwei Beispiele.

Kapitel 10

Der Ost-West-Fusionsbeauftragte und Skandal in Weimar

Ramelow soll PDS-Ost und WASG-West zu vereinten Linken fusionieren. Doch Erfurt ruft ihn zurück: Er soll Ministerpräsident werden. Im eigenen Land holt ihn auch der Ost-West-Konflikt ein – in Weimar. Zudem attackiert ihn die CDU als Wessi, als Zugereisten.

Kapitel 11

2009 – fast Ministerpräsident. Fast

Ramelow ist im Herbst 2009 auf dem Gipfel angelangt, so scheint es: Die CDU bleibt stärkste Partei, ist aber Verlierer der Landtagswahl – da sie keinen Koalitionspartner mehr hat außer der SPD. Ramelow kommt nur knapp hinter der CDU ins Ziel, aber weit vor der SPD. Rot-Rot-Grün kann eine Regierung bilden. Aber die SPD kippt um, Bodo Ramelow geht leer aus, wieder.

Teil 2: Das Jahr der Landtagswahl 2014 und die ersten politischen Schritte des ersten linken Ministerpräsidenten in Deutschland

Kapitel 12

Polittheater

Ramelow ist allgegenwärtig. Der erste Personenwahlkampf der Thüringer Linken beschert ihr ein Traumergebnis. Die Berliner SPD-Spitze steuert bereits am Wahlabend die Thüringer Genossen in die Arme der Linken. Rot-Rot-Grün ist von Anfang an gesetzt.

Kapitel 13

Die Sache mit dem Unrechtsstaat

Die Gretchenfrage lautet: Wie hältst du es mit dem Unrechtsstaat? In Thüringen einigt man sich schnell auf die Formel: Die DDR war in der Konsequenz ein Unrechtsstaat. Gregor Gysi und andere linke Spitzenleute widersprechen. Ramelow laviert und wird zum Erfinder einer neuen Logik. SPD und Grüne lassen sich gern etwas vormachen.

Kapitel 14

36 Stundenkilometer zu schnell

Fast jedem ist klar, wer der Mann am Steuer auf dem Raserfoto ist. Ramelow leugnet erst, dann zahlt er widerwillig, nicht ohne anzudeuten, dass dies zum Wohle des Landes geschehe. Ein CDU-Mann fragt, ob Ramelow, wenn er hier keine Verantwortung tragen will, als Regierungschef charakterlich geeignet sei.

Kapitel 15

Ramelow und die Kommunisten

30 Prozent der SPD-Mitglieder sind gegen Rot-Rot-Grün. Da fährt Ramelow nach Marburg. 1985 hatte er dort zur Wahl der DKP aufgerufen. Nun fordert Ramelow die Aufhebung des Verbots der KPD von 1956. Der Vorsitzende der 1990 gegründeten KPD-Ost ist begeistert. SPD und Grüne schweigen zu dem Vorschlag.

Kapitel 16

Der Sonderparteitag der SPD

Der Sonderparteitag der SPD Ende November 2014 macht eines deutlich: Die Sozialdemokraten hatten nie ernsthaft vor, die Koalition mit der CDU fortzusetzen. Redner, die vor Ramelow und den Linken warnen, werden ausgebuht. Eine Massendemonstration gegen Rot-Rot-Grün in Erfurt wird als CDU-Veranstaltung diffamiert.

Kapitel 17

Wahltag

Bei der Wahl zum Ministerpräsidenten am 5. Dezember 2014 sind alle 91 Mandatsträger anwesend. Im ersten Wahlgang scheitert Ramelow. Im zweiten erhält er alle 46 Stimmen von Rot-Rot-Grün, darunter die Stimmen von zwei ehemaligen IMs. Über die Wahl des ersten linken Ministerpräsidenten in Deutschland berichtet sogar die New York Times.

Kapitel 18

Späte Versöhnung

Seine Antrittsrede stellt Ramelow unter das Motto „versöhnen statt spalten“. Während der Rede bittet er einen Freund, der im Stasi-Gefängnis saß, um Verzeihung. Der Freund sagt, er glaube nicht an eine Inszenierung. Er habe darüber nachgedacht, könne sich aber nicht vorstellen, dass Ramelow ihn für politische Zwecke instrumentalisieren würde.

Kapitel 19

Familienurlaub statt Pflichttermin

In Berlin wartet ein Pflichttermin. Doch der neue Regierungschef macht Familienurlaub in Venedig. Über Kritiker macht er sich lustig. Im Internet veröffentlicht er das Bild eines Tauchers. Kommentar: „Abgetaucht in Venedig“.

Kapitel 20

Wiedereinführung des Staatsfernsehens

Ramelow geht bei einem kleinen Thüringer Lokalfernsehen auf Sendung und macht Salve TV dadurch bundesweit berühmt. „Ramelow & Co“ heißt das spezielle Format. Medienexperten kritisieren, es sei die Wiedereinführung des Staatsfernsehens.

Kapitel 21

Machtausübung

Als Stubentiger spottete die SPD über Bodo Ramelow im Wahlkampf. Die erste Abrechnung lässt nicht lange auf sich warten. Der neue Innenminister der SPD wird von Ramelows Linken demontiert. Die SPD wird vorgeführt. Landräte und Bürgermeister werfen der Regierung und Ramelow persönlich Wortbruch vor.

Kapitel 22

Eine Sache noch

„Ich will die Wege öffnen.“ – „Regieren ist Mannschaftssport, da sind wir gegenseitig füreinander da.“

Impressum

Editorial

Bodo Ramelow – eine komplizierte Persönlichkeit

Von Paul-Josef RaueChefredakteur der „Thüringer Allgemeine“

Die Griechen, die alten der Philosophie, nicht die neuen der Finanzkrise, die Griechen also haben einen schönen Begriff erdacht für die Menschen, die sich in ihrer Gesellschaft und ihrem Staat wohlfühlen und sich darin engagieren: Zoon Politikon – der Mensch in der Polis, in der Gemeinschaft. Jeder Mensch ist ein Zoon Politikon, ein Bürger, ein Politiker. Die Vollendung ist der Staatsmann, also der, den wir heute Politiker nennen.

Bodo Ramelow ist solch ein Zoon Politikon, ein durch und durch politisches Wesen, das sein Leben und seine Karriere auf die Bürger ausrichtet. Man könnte ihn sich vorstellen als Redner auf dem Marktplatz in Athen: selbstbewusst, eloquent und vor allem sophistisch. Sophisten waren eine besondere Spezies von selbstbewussten Philosophen, die um einer guten Sache willen auch mal ungut argumentierten oder umgekehrt, so wie es gerade mal passte.

Eigentlich sind den Thüringern solch auffällige Politiker eher unheimlich. Sie kennen den feudalen Typen, der wie ein Herzog aus Goethes Welt residiert, und wahrscheinlich mögen sie ihn auch. Sie ertragen die Farblosen, die Unauffälligen, die selbst nach einigen Jahren im Amt nur wenige beim Namen kennen. Sie schätzen den mütterlichen Typ zum Anfassen, der keine Feier und keine Versammlung auslässt.

Thüringens Kurzzeit-Wirtschaftsminister Matthias Machnig (SPD) war einer wie Ramelow: Er mischte das Land auf und präsentierte in einer Woche mehr Ideen als andere Minister in einem Jahr. Doch nach vier Jahren war er dann weg, über eine Gehalts-Affäre gestürzt, die einem wie ihm nicht passieren dürfte – und die er sich, so glaubte er, in der östlichen Provinz leisten könne.

Aber der eigentliche Grund markiert den Unterschied zwischen Machnig und Ramelow: Machnig mochte das Land nicht, er mochte nicht die eher kühlen und meist zurückhaltenden Thüringer. Und das zeigte er den Menschen; das geht nie gut. Wer keinen Respekt hat, wird am Ende respektlos vor die Tür gesetzt, selbst wenn er noch so gut ist.

Ramelow kommt aus derselben politischen Ecke wie Machnig, der gewerkschaftlichen, sozialen, eben der linken Ecke. Dass der eine Sozialdemokrat ist, der andere Linker, das ist eher ein Zufall. Ramelow wollte eine politische Karriere machen – und das ist ohne hohe akademische Weihen schwierig. Nur mit Hauptschul-Abschluss und nachgeholter Fachhochschul-Reife hat es auch ein Ehrgeiziger schwer – es sei denn als Gewerkschafter in der Provinz.

Ramelows Provinz war Marburg, ein ganz eigenartiger roter Biotop in den Siebzigerjahren. Wer hier unter den Achtundsechzigern links war, war eher Kommunist denn Sozialdemokrat. Wenn Ramelow einen Wahlaufruf für die DKP, den SED-Ableger im Westen, unterschrieb, dann stand er in der Lokalzeitung neben zahlreichen Professoren, die Marx und Engels lehrten und Lenin.

Aus der kommunistischen Ecke kam Ramelow nicht mehr heraus, auch wenn er niemals Mitgliedsbeiträge bei der DKP gezahlt hat.

Selbst in Willy Brandts Sozialdemokratie wollte man mit den Salon-Kommunisten der DKP nichts zu tun haben, auch wenn Willy Brandt sich mit dem DDR-Ministerpräsidenten Willi Stoph in Erfurt traf. Der Radikalen-Erlass schloss alle DKP-Mitglieder und Sympathisanten vom öffentlichen Dienst aus, also alle roten Postboten und Finanzbeamten – und das war kein Erlass der CDU, sondern von Willy Brandts SPD-FDP-Koalition.

Frank Schauka beschreibt in dieser biografischen Skizze ausführlich den roten Biotop Marburg, der Ramelow prägte und in dem dieser seine Freunde und seine Vorbilder fand. Ohne Marburg ist Bodo Ramelow nicht zu verstehen. Als er direkt nach der friedlichen Revolution gen Thüringen zog, wäre er allerdings ein Kandidat für die Sozialdemokraten gewesen.

Ramelow kannte die DDR aus vielen Besuchen, aber er mochte sie nicht, diese Diktatur der Kopfnicker und Ja-Sager, die ihn zu Honeckers Zeiten nie hätte aufsteigen lassen. Aber es war der historische Fehler der SPD, nach der Revolution selbst die unbefleckten Kommunisten, die Mitläufer, nicht in die Partei aufzunehmen.

So arbeitete Ramelow zunächst ohne Partei – nur als Gewerkschafter, der in den unruhigen Treuhand-Zeiten auf Seiten der Menschen stand. Das hat ihn in Thüringen populär gemacht. Geholfen hat ihm dabei seine Kapitalismus-Allergie, die in vielen Marburger Gesprächen mit seinen Freunden chronisch geworden war.

Selbst CDU-Ministerpräsident Bernhard Vogel blickte schaudernd in die Fratze des Kapitalismus, als die Kali-Kumpel in Bischofferode streikten. Wohin blickte da wohl Ramelow?

Als Bodo Ramelow dann begann, im Osten seine politische Karriere zu planen, standen nur die Nachfolger der DDR-Kommunisten zur Auswahl. Aber wer blieb ihm anderes übrig? 

Seine sozialistischen neuen Freunde im Osten machten ihm die Karriere nicht leicht: In Berlin konnte er sich nicht durchsetzen; auch in Erfurt schlug ihm nicht nur Begeisterung entgegen. Zu viele trauerten und trauern noch um die DDR, zu viele trauen den Fremden nicht. Heimlich freuten sie sich über die Kampagne der Jungen Union 2009, die auf einem Plakat eine Bratwurst zeigte mit der Unterschrift „echte Thüringer“ und daneben einen fies blickenden Ramelow mit der Unterschrift „falscher Thüringer“.

Dennoch konnte sich Ramelow in Erfurt durchsetzen. Und wie er sich durchsetzte! So freundlich sich Politiker öffentlich präsentieren, so autoritär holzen viele hinter verschlossenen Türen: Das ist kein Merkmal von Ramelow oder der Linken, das scheint eher ein Merkmal erfolgreicher Politiker zu sein. Wer mächtig ist oder mächtig werden will, ist ein Meister im Spiel der Ellenbogen.

Einer der ersten, der die Regeln und Spiele der Macht durchschaute, war der florentinische Staatsphilosoph Niccolo Machiavelli, von dem der Gouverneur von Modena schrieb: „Ihr seid ein durch und durch schädlicher Mensch. Von Grund auf destruktiv, im Wesen schwärzer als Kohle.“

Die Öffentlichkeit scheint der Doppel-Charakter von Politikern wenig zu stören; sie geht davon aus, dass Mutter Theresa nie eine erfolgreiche Politikerin geworden wäre. Wer Ramelow erleben will, wie er regelrecht explodiert, wie er alle Formen des Anstands hinter sich lässt, wie er poltert und zürnt wie Gott in Sodom, der schaue sich ein Interview bei „Friedman“ im Privat-Fernsehen an (das immer noch im Internet abzurufen ist): „Bodo Ramelow flippt aus“.

Besonders anfällig für die Macht und ihre Verführungen sind Aufsteiger – wie Bodo Ramelow. Er kommt aus einfachen Verhältnissen und er wollte unbedingt seine große Schreibschwäche kaschieren.

Trotzdem – das ist Ramelows Wort. Er hatte schlechte Startbedingungen, trotzdem wollte er nach oben. Er wollte und will es allen zeigen. Dass dabei Rücksicht im politischen Geschäft nicht zu den herausragenden Tugenden zählt, bedarf keiner Erklärung. Dass diese Tugend offenbar im privaten Leben durchaus lebendig ist, zeigen Schaukas Recherchen in diesem Buch – und beweist den Doppelcharakter, der Politik und Geschäft trennt von privatem Leben, das gottgefällig zu sein hat.

Solch eine politische Karriere ist in Deutschland nicht ungewöhnlich. Gerhard Schröder rüttelte am Tor des Kanzleramts – und eroberte es schließlich. Ramelow scheint charakterlich dem Ex-Kanzler nicht unähnlich, nicht nur was die Ehe-Frequenz angeht.

Was ihn am meisten von Schröder, aber auch von Merkel unterscheidet, ist der Umgang mit den Medien. Man muss Journalisten nicht mögen, aber man muss sie in einer Demokratie respektieren, vor allem die kritischen. Ramelow mag sie nicht, und er respektiert sie nicht, es sei denn sie verkünden seine Größe und seinen Weitblick. Da schwingt noch der sozialistische Ton mit, der Journalisten zu Propagandisten des Staates degradierte: Wer wagt es, dem großen Führer zu widersprechen?

Da liegt Ramelow auf der Linie seiner Partei. In einem Entwurf zum Parteiprogramm war vor einigen Jahren zu lesen: Jeder Journalismus, nicht nur der von MDR und ZDF, solle vom Staat, also von Politikern kontrolliert werden. Das ging gegen die Zeitungsschreiber und gegen die vom „Spiegel“, die er mal durchgeschüttelt hatte: Erbost hatte er einfach ein Gespräch abgebrochen.

Bodo Ramelows Lieblingsmedium ist sein Twitter-Konto: Hier kann er selber schreiben – und er schreibt unentwegt wie ein Süchtiger; hier kann er loben, wen er loben will – „retweet“ heißt das Zauberwort. So stellt sich Ramelow die ideale Medienwelt vor: eine einzige PR-Eigenshow. Und hier entdeckt man den öffentlichen Ramelow: Die Person ist wichtiger als das Programm. Aber wer genau liest, der entdeckt auch das Psychogramm einer komplizierten Persönlichkeit.

Einstieg

Fiddi aus Marburg erinnert sich, und die Ministerin warnt

Bodo Ramelow? „Super Typ“, sagt Friedrich Bode ohne nachzudenken. „Der hat nur eine Schwäche. Er hat keinen gescheiten Bartwuchs. Und er hat nicht so viel Bier getrunken. Damit haben wir ihn früher immer aufgezogen.“

Früher, das war vor 35, 40 Jahren. Das war in Marburg an der Lahn, als Fiddi Bode in der Oberstadt noch keinen eignen Comic-Laden besaß, als er und Bodo Ramelow Gewerkschaftsarbeit machten. Beide für die HBV, die Gewerkschaft „Handel, Banken und Versicherungen“.

Mit Eifer waren sie dabei, manchmal kompromisslos und hart. „Als es um die Schließung eines Möbelhauses in Marburg ging, wurden wir von Frankfurt zurückgepfiffen“, erinnert sich Bode an die Mahnung aus der Gewerkschaftszentrale. „Die sagten: Macht nicht so eine Welle. Es geht nicht um 500 Arbeitsplätze, sondern nur um 20. Wir sagten: Das ist uns egal.“

Den Bodo, den würde er auch wählen, wenn der nicht Linkspartei wäre, sondern SPD, sagt Fiddi Bode. Sogar wenn der in der CDU wäre – unter einer Voraussetzung. „Wenn ich nur die Person wählen könnte.“

Freund Ramelow sei immer schon besonderes gewesen. „Ich weiß noch, da sind wir im Auto gefahren und Bodo hat mir die Geschichte vom Lahn-Rückhaltebecken erzählt.“

Friedrich Bode lacht herzhaft. „Als junger Mensch, was interessiert mich da das Lahn-Rückhaltebecken? Aber Bodo hat sich für kommunale Sachen immer schwer interessiert. Das war für Gewerkschafter nicht normal. Aber es kann natürlich sein, dass man sich noch anders einbringt, wenn man die Aussicht hat, Gewerkschaftssekretär zu werden.“

Wozu Bodo Ramelow sonst noch in der Lage ist und wie er sich „einbringt“, wenn er die Aussicht hat, nicht nur Gewerkschaftssekretär zu werden, sondern Ministerpräsident eines Landes, hat in Thüringen inzwischen mancher erlebt.

Bodo „Super Typ“, Spitzenmann der Linkspartei, politischer Bulldozer mit gelegentlicher Steuerstörung, eine mächtige Maschine, die jäh freidreht und alles abräumt, was ihr vor das Stahlschild gerät, so denken etliche – weil sie auch diese Art kennen.

Typisch Ramelow: Tief Bodo – aufbrausend. So haben SPD-Spitzenkandidatin Heike Taubert und etliche andere Ramelow schon öfter erlebt. Quelle: Andrea Fricke, Archiv TA.

Doch nur wenige sprechen diese Kritik so deutlich und so offen aus, wie Heike Taubert von der SPD, Spitzenkandidatin jener Partei, die sich anschickt, Bodo Ramelow in das Amt des Regierungschefs zu verhelfen.

In einem Interview mit der Thüringer Allgemeinen kurz vor der Landtagswahl 2014 hat die Sozialdemokratin besonders kräftig zugelangt: „Ich habe persönlich Vorbehalte gegen Ramelow. Ich habe ihn ja vor fünf Jahren bei den Sondierungsgesprächen für eine gemeinsame Regierung kennengelernt. Damals hat er Türen knallend den Raum verlassen, wenn ihm etwas nicht passte.“

Ramelow, so Taubert, spiele derzeit nur einen sich „staatsmännisch“ gebenden „Stubenkater“. In Wahrheit sei der Mann „aufbrausend“ und „selbstverliebt“, jemand, der „seine Fraktion diktatorisch führen soll“.