Brand it like Jesus - George A. Spoetl - E-Book

Brand it like Jesus E-Book

George A. Spoetl

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Beschreibung

Eine lehrreiche Story über Marketing und den besten Marketer aller Zeiten. Jesus Christus ist vermutlich die einflussreichste Person der Menschheitsgeschichte - aber kann man von Jesus etwas über Marketing lernen? Nun, "Brand it like Jesus" ist eine Business-Fabel voller praktischer Marketing-Ideen. Reisen Sie 2000 Jahre in die Vergangenheit und treffen Sie Marcus Mercatus und seinen Freund, einen charismatischen Zimmermann, in einer bezaubernden Erzählung über die zeitlosen Fragen guten Marketings und den besten Marketer aller Zeiten...

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Seitenzahl: 225

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Ich widme dieses Buch meiner Großmutter May (die wusste, wie man spielte, und Jesus besser kannte als die meisten anderen), meinen jugendlichen Eltern Diana and Reinhard (es war schön, zusammen erwachsen zu werden) und meinen hübschen und begabten Schwestern Ambi, Simi and Polly und meiner unvergleichlichen und bewundernswerten Ehefrau Linda dafür, dass wir zusammen wir selbst sein können.

Ich danke auch Aunty Peri, Meari, Charlie, Sandy, Anna, den Ludwigs (allen dreien) und Hermann, Chris (allen beiden), Theresa, Philipp, Daniela, Christina le Tux, Eli, Lisa, Petra, Stephanie, Florian, Chiara, Romana, Dr. Sonja Hornsteiner, Nero dem magischen Kater und all den wunderbaren Menschen, die ich hier nicht mehr aufzählen kann, obwohl sie es verdient hätten.

PS: Lieber Gott, danke, dass es dich gibt und dass du da bist, immer und überall.

Inhaltsverzeichnis

VORWORT

KAPITEL 1: DER WEG DER FREIHEIT

TAGEBUCH DES MARCUS MERCATUS – I

KAPITEL 2: WER AUGEN HAT, DER SEHE

TAGEBUCH DES MARCUS MERCATUS – II

KAPITEL 3: ZEICHEN UND WUNDER

TAGEBUCH DES MARCUS MERCATUS – III

KAPITEL 4: AM RICHTIGEN WEG

TAGEBUCH DES MARCUS MERCATUS – IV

KAPITEL 5: SYNFONIA

TAGEBUCH DES MARCUS MERCATUS – V

KAPITEL 6: JEDER, WIE ER KANN

TAGEBUCH DES MARCUS MERCATUS – VI

KAPITEL 7: VERBREITET DIE KUNDE

TAGEBUCH DES MARCUS MERCATUS – VII

KAPITEL 8: DIE RICHTIGEN WORTE

TAGEBUCH DES MARCUS MERCATUS – VIII

KAPITEL 9: EINE FRAU MIT BEZIEHUNGEN

TAGEBUCH DES MARCUS MERCATUS – IX

KAPITEL 10: HEHRE ZIELE UND VISIONEN

TAGEBUCH DES MARCUS MERCATUS – X

KAPITEL 11: MOMENTE DER WAHRHEIT

TAGEBUCH DES MARCUS MERCATUS – XI

KAPITEL 12: CHILDREN OF THE EVOLUTION

VORWORT

Lieber Leser, scheinbar hat der zugegebenermaßen etwas provokante Titel dieses Buches dein Interesse geweckt. Vielleicht wirst du dich fragen, was man von jemandem, der vor 2000 Jahren in einer unbedeutenden römischen Provinz lebte, über Marketing lernen kann.

Man sagt der Marketingbranche nach, sehr schnelllebig zu sein. Dinge, die es vor Kurzem nicht gab, setzen heute den Benchmark und sind schon morgen wieder vergessen. Doch wie bereits der Gelehrte Bernhard von Chartres bemerkte, sind wir alle Zwerge, welche auf den Schultern von Riesen stehen. Alles, was wir erfinden, beruht auf Errungenschaften, die andere vor unserer Zeit gemacht haben, und trotz neuer Technologien haben sich unsere zentralen Bedürfnisse kaum verändert.

Heute wie damals streben wir danach, in Sicherheit zu leben, ebenso nach Liebe, Anerkennung und Selbstverwirklichung. Und weil wir stets Menschen blieben und auch Märkte immer aus Menschen (oder aus nach unserem Vorbild geschaffenen, künstlichen Intelligenzen) bestehen, sind die zentralen Aspekte des Marketings zeitlos.

Geschichten zum Beispiel bringen uns Menschen schon seit Urzeiten zusammen. Damals, als wir zitternd im spärlichen Licht eines Lagerfeuers kauerten, erzählten wir einander Geschichten, um uns Mut zu machen, um anzugeben oder einfach nur zur Unterhaltung. Die besten Geschichten aber waren stets jene, aus denen wir eine tiefere Lektion ableiten konnten. Doch zugleich ist es auch so, dass wir am besten aus Geschichten lernen, die uns fesseln. Denn im Gegensatz zur bloßen Aufzählung von Lektionen kann uns eine gute Erzählung dazu anregen, über sie nachzudenken und sie weiterzuspinnen. Deshalb habe ich mich entschlossen, anstatt eines Sachbuches eine Geschichte zu schreiben.

Jesus zog vor 2000 Jahren offenbar einen ähnlichen Schluss. Er hat uns gezeigt, dass es möglich ist, einfachen Menschen selbst komplizierteste theologische Lektionen zu erklären, wenn sie in Geschichten verpackt sind. Liest man die Bibel, wird man erkennen, dass sie weniger ein Geschichtsbuch, sondern vielmehr eine Gebrauchsanweisung ist. Sie erklärt unsere Beziehung zu Gott und seiner Schöpfung, verpackt in allgemein verständliche Geschichten. Diese Geschichten können symbolisch, metaphorisch und bildlich gemeint sein, aber im Kern transportieren sie wichtige Botschaften und tiefere Wahrheiten. In heutigen Marketingagenturen nennt man das Erzählen von Geschichten »Storytelling« und meint damit das Erzeugen von Bildern im Kopf. In Zeiten sozialer Medien ist das genauso unersetzbar wie unter den ersten Menschen.

Aber auch, wenn es in der Zeit Jesu noch keine Begriffe wie Brandvalue, Clicks und Conversion Rate gab, so wusste er doch genau, dass ein einzelnes Saatkorn dreißig, sechzig und hundertfachen Ertrag bringen konnte, wenn es auf fruchtbaren Boden fiel. Eine Metapher, die jeder Marketer, der schon einmal ein Werbebudget zu planen hatte, sicherlich verstehen wird. Vielleicht war Jesus ja der erste wirklich große Marketer? In einer Zeit, in der Hunderte Kulte um die Seelen und Geldbörsen der Menschen wetteiferten, war Religion jedenfalls ein knallhartes Geschäft.

Auch wenn es heute schwer vorstellbar ist, begann Jesus sein Wirken nicht in goldenen Kathedralen, sondern in den schäbigen Behausungen der Ärmsten und Ausgestoßenen. Doch was ihm an Budget und einflussreichen Unterstützern (wenn man von Gott absieht) fehlte, machte er durch seine revolutionäre Idee wett. Denn im Gegensatz zu seinen Konkurrenten konnte seine Botschaft von Glaube, Liebe und Hoffnung den Menschen tatsächlich helfen und tut es noch heute.

Am Ende seines Lebens als Mensch hatte er die Karten neu gemischt und seine Idee begann sich über die ganze Welt zu verbreiten. Vergleichbar mit Wolfgang Amadeus Mozart oder Steve Jobs war auch er einer von jenen, welche die Spielregeln seiner Welt neu definierten. Er selbst wurde zum Symbol des Guten schlechthin und zum Vorbild für Milliarden (mich selbst eingeschlossen).

Aus diesem Grund war es mir wichtig, respektvoll mit dem Thema umzugehen und keine religiösen Gefühle zu verletzen. Als Christ und Historiker achtete ich auch darauf, den handelnden Figuren – und vor allem Jesus – keine Dinge in den Mund zu legen, die sie (und besonders Jesus, so, wie wir ihn kennen) nicht gesagt oder getan haben können. Doch zugleich wollte ich zeigen, dass es zu allen Zeiten Menschen gab, die fähig waren, Märkte und Zusammenhänge zu verstehen – Menschen, die »Out of the Box« dachten.

Deshalb habe ich eine einfache Marketinggeschichte über einen gestrandeten Künstler und einen jungen Zimmermann geschrieben, die gemeinsam erleben, wie Marken funktionieren. Sie ist für dich und all die anderen Menschen, die, so wie du, mit offenen Augen durchs Leben gehen und fähig sind, in neuen Bahnen zu denken. Es ist eine Geschichte, in der es um Glaube, Liebe und Hoffnung geht, aber auch um die Fähigkeit, gute Dinge möglich zu machen.

KAPITEL 1: DER WEG DER FREIHEIT

Am meisten vermisste er das Lächeln in Filomelas Augen und den samtigen Klang ihrer Stimme, wenn sie ihrem gemeinsamen Sohn Geschichten ihrer Heimat erzählte. Auch wenn dieser noch zu klein war, um sie zu verstehen. Marcus dachte an seinen Sohn Melodas, den er kaum kennenlernen durfte und versuchte, sich an den Mandelgeruch seines flaumigen Haares zu erinnern. Doch es gelang ihm nicht und Marcus spürte, wie die Erinnerungen mit jedem Tag schwanden.

Dafür wurde die innere Stimme, die ihm riet aufzugeben und sich mit seinem Schicksal abzufinden, täglich lauter. Doch das konnte er nicht zulassen. Er wollte nicht aufhören zu kämpfen, selbst wenn es aussichtslos war. Und wenn seine Verzweiflung der Preis dafür war, dann würde er sie ertragen, so, wie er heute die derben Zedernbohlen getragen hatte. Trotzdem legte sich der Gedanke, seine Familie nie wiederzusehen, schwer wie Blei auf Marcus’ Herz.

Man schrieb das zwölfte Regierungsjahr des Kaisers Tiberius und er befand sich in einer heruntergekommenen Hafenkneipe in Caesarea. Es war eines jener Lokale, in denen sich die Handwerker und Tagelöhner nach der Arbeit trafen. Marcus, der unrasiert über einem Becher billigem Wein kauerte, unterschied sich auf den ersten Blick kaum von den anderen Gästen.

So, wie er sich allein und verloren in einer dunklen Ecke verkroch, strahlte er die Einsamkeit eines Mannes aus, dem die Welt übel mitgespielt hatte und der kurz davorstand, den Glauben an sich zu verlieren.

Trübsinnig betrachtete Marcus seine zerschundenen Hände. Er hatte sich bei einem Schiffbauer als Tagelöhner verdingt, doch er war die Arbeit nicht gewohnt und machte viele Fehler. Darüber war der Vorarbeiter so unzufrieden, dass er ihn schon mittags auszahlte und fortschickte. Marcus schämte sich dafür und hätte sich am liebsten vor den anderen Tagelöhnern versteckt, die jetzt lachend und scherzend die Schenke betraten.

Marcus taugte nicht zum Arbeiter, denn er war Musiker. Als solcher spielte er meisterhaft auf der Lyra und konnte die Epen der großen Poeten rezitieren. Doch scheinbar war selbst in einer kultivierten Stadt wie Caesarea kein Platz für diese Art der Unterhaltung, denn er war noch immer ohne Anstellung.

Er war so tief in seine düsteren Gedanken versunken, dass er nicht wahrnahm, wie sich ein junger Mann aus der Gruppe der Zimmerleute löste und zu ihm kam. Marcus erschrak, als er ihn bemerkte, denn er hatte ihn schon in der Werft gesehen. Hatte der Zimmermann die peinliche Szene bei der Arbeit bemerkt? Hatten die anderen für seine Fehler büßen müssen? Dann würden sie vermutlich sehr wütend sein und sich an dem Fremden rächen, der ihre Mühsal verschuldet hatte. Kamen sie etwa, um ihn zu verspotten oder gar zu verprügeln? Marcus wollte sich nicht mit den kräftigen Handwerkern schlagen. Doch er würde auch nicht kampflos untergehen und so ballte er tapfer die Fäuste, während die Angst als Klumpen in seinem Magen lag.

Der junge Mann aber lächelte ihn freundlich an und als Marcus keinerlei Anstalten machte, ein Gespräch zu beginnen, stellte er sich selbst vor: »Guten Abend, mein Freund, ich bin Jeschua und habe heute mit dir an dem neuen Schiff gearbeitet.«

Marcus überlegte, ob dies eine List wäre, doch die Freundlichkeit, die in den dunklen Augen des Mannes blitzte, wirkte ehrlich. Darum fasste er sich ein Herz und antwortete: »Sei gegrüßt, ich heiße Marcus.«

Sie schüttelten sich die Hände. Der junge Mann lächelte nun noch mehr und seine gute Laune wäre für einen weniger Verzweifelten vermutlich ansteckend gewesen. Marcus aber war nicht nach Lachen zumute. Doch Jeschua schien davon unbefangen. Er deutete auf die Lyra und fragte: »Du bist Musiker?«

»Ja«, entgegnete Marcus, »aber ich bezweifle, dass Euch meine Lieder zusagen würden.«

Seine unbedarfte Äußerung, die keineswegs herablassend gemeint war, tat Marcus sofort leid. Doch Jeschua lachte nur und meinte: »Nun gut, aber vielleicht hättest du ja trotzdem Lust, dich zu uns zu setzen. Wir haben zwar nicht viel, doch das Wenige, das wir haben, teilen wir gerne und eventuell können wir dich ja umstimmen.«

Marcus, der unter der Einsamkeit der vergangenen Wochen gelitten hatte, nahm dieses Angebot freudig an. Und so setzte er sich zu den Handwerkern und sie teilten sich ein einfaches Mahl, das ihm besser mundete als alle Köstlichkeiten Babylons. Dazu tranken sie billigen Wein, der mit Wasser verdünnt wurde.

Marcus erfuhr, dass die Handwerker aus dem Landesinneren stammten und nach Caesarea kamen, weil sie hier besser verdienten. Die Stadt wurde vor nicht einmal 30 Jahren von Herodes dem Großen gegründet und nach dem römischen Herrscher Augustus benannt, um diesen zu huldigen. Sie war aber auch ein wichtiger Hafen, der die Region mit den großen Handelsplätzen des Reiches verband.

Der Handel brachte Wohlstand und so wurden überall in der Stadt Wohnhäuser, Warenlager und Handelsschiffe gebaut. Dies wiederum führte dazu, dass Handwerker dringend gebraucht wurden und deshalb ein Vielfaches vom üblichen Lohn bekamen. Und so erzählten sie von ihren Heimatdörfern, die sie verlassen hatten, um in der florierenden Stadt ihr Glück zu suchen.

Schließlich lag es an Marcus, zu offenbaren, was ihn nach Caesarea führte und er begann zu erzählen: »Mein ganzer Name lautet Marcus Mercatus Libertus Martinus. Mein Name bedeutet, dass ich der freigelassene Sklave eines Mannes namens Martinus bin. Mein Herr war ein Schmied, der es mit Kupferhandel zu großem Wohlstand brachte. Er fand mich als Kind auf einem Sklavenmarkt und nannte mich Marcus. Da ich meine Eltern nie kennenlernen durfte, wurden mein Herr und die anderen Sklaven zu meiner Familie. In seiner Villa wuchs ich behütet und sicher auf. Als ich alt genug war, ließ er mich zum Dichter und Musiker ausbilden, um ihn und seine Gäste zu erfreuen. So lernte ich auf der Lyra zu spielen und die Epen der großen griechischen Dichter zu rezitieren. Martinus war ein gütiger Sklavenhalter, gab uns reichlich zu Essen und gute Kleider. Gelegentlich bekamen wir sogar etwas Taschengeld. Eines Tages verliebte ich mich in Filomela, eine Haussklavin, und mit der Duldung unseres Herren waren wir schon bald ein Liebespaar. Kurz darauf war Filomela schwanger und gebar einen Sohn, den wir Melodas nannten. Jetzt hatte ich meine eigene kleine Familie. Doch unser Glück war nicht von Dauer, denn schon kurze Zeit später wurde unser Herr krank und starb. Seine Sklaven wurden unter den Erben verteilt oder verkauft. Ich hatte Glück, denn Martinus verfügte in seinem Testament, dass ich meine Freiheit und zudem 400 Denare bekommen sollte.«

»Donnerwetter«, rief da ein Handwerker, »das ist ja mehr, als ich im Jahr verdiene!«

»Ich freute mich über das Geld und noch mehr über meine Freiheit, doch dann erfuhr ich, dass meine Familie an Aurelia, eine Verwandte des Martinus, vererbt worden war. Ich hatte sie nur selten gesehen, doch ich wusste, dass sie eine angesehene Witwe – und dem Ruf nach auch ihren Dienern – eine gute Herrin war. Das änderte natürlich wenig an der Tatsache, dass Filomela wie auch mein Sohn Sklaven bleiben würden. Dazu kam, dass Aurelias Nefe und mutmaßlicher Erbe, Julian, als schlechter Geschäftsmann bekannt war, der zudem, so munkelte man, beim Würfeln regelmäßig viel Geld verlor. Er hatte auch Pech in der Ehe, denn seine Gattin Tullia war eine böse und zänkische Frau, die ihre Sklaven niedrig und knapp hielt, doch selbst gerne im Luxus schwelgte. So wunderte es niemanden, dass Julian seine Tante ständig um Geld bitten musste.«

Ein paar der Handwerker lachten über den armen Tropf, doch Marcus fuhr ungerührt fort: »Ich fand das nicht zum Lachen, denn bei ihm würde es meiner Familie schlecht ergehen und darüber hinaus wären sie ständig in Gefahr verkauft zu werden, um seine Schulden zu bezahlen. Fest entschlossen, meine Familie zu befreien, wurde ich also bei Aurelia vorstellig. Diese schien tatsächlich ein guter Mensch zu sein, denn sie empfing mich mit Wein und Gebäck, obwohl ich nur ein armer Freigelassener war. Anfangs unterhielten wir uns über meinen verstorbenen Herrn und über meine Musik. Sie erzählte mir ihrerseits, dass sie sehr jung Witwe geworden war und keine eigenen Kinder hatte, weshalb sie die Gesellschaft meiner Frau und des Kleinen sehr schätzen würde. Sie fügte aber sogleich hinzu, dass sie Verständnis für meine Situation hätte und sich zu einem fairen Preis von Filomela und Melodas trennen würde. Sie meinte, dass Filomela als gebildete und schöne Sklavin gut und gerne zwischen 3000 und 6000 Denare wert sei. Der Junge wäre zwar noch klein, aber hübsch und kräftig. Deshalb würde sie auch für ihn am Markt leicht 500 Denare bekommen. Sie wäre mir aber sehr gewogen und würde mir beide für 3000 Denare verkaufen.«

An dieser Stelle atmeten ein paar der Handwerker erschrocken ein, so viel Geld konnten sie sich kaum vorstellen. Marcus nickte: »Auch mir wurden die Knie weich, doch ich wusste, dass sie recht hatte. Für eine ausgebildete und schöne Sklavin und ihr hübsches Kind war dies tatsächlich ein lächerlich günstiger Preis, doch mein Vermögen überstieg er bei Weitem.«

Jeschua und seine Freunde schwiegen betroffen und so erzählte Marcus weiter: »In meiner Verzweiflung bat ich Aurelia, mir die Zeit zu geben, den geforderten Betrag zu besorgen und die beiden zumindest für sieben Jahre zu behalten. Sie willigte ein und versprach mir außerdem gut für meinen Sohn zu sorgen. Dankbar küsste ich ihre Hände und machte mich auf, um mir das Geld zu verdienen. Ich musste aber schnell einsehen, dass es auf Zypern für freie Musiker nicht viele Möglichkeiten gab. Die meisten Bewohner waren arme Bauern und Fischer. Die wenigen Adeligen und Händler hatten häufig eigene Sklaven, die für sie musizierten. Verzweifelt stellte ich fest, dass meine wenigen Engagements kaum ausreichten, um mich selbst zu ernähren. Doch da bot sich mir eine einmalige Gelegenheit, denn ich erfuhr, dass ein Magistrat im fernen Caesarea einen Musiker suchte. Mir gefiel die Idee, da die Stadt florierte und ich schon als Kind gelernt hatte, Aramäisch zu sprechen. Darum verabschiedete ich mich von meiner Familie, nahm meinen Mut und mein Geld zusammen und kaufte mir eine Überfahrt nach Caesarea, um hier mein Glück zu suchen.«

Die Erwähnung ihrer Stadt veranlasste ein paar der Handwerker prostend die Becher zu heben: »Hier findet jeder sein Glück!«

Marcus aber teilte ihre Zuversicht nicht: »Nun, als ich vor einem Monat hier eintraf, erfuhr ich, dass der Magistrat korrupt war und zur Strafe an einen fernen Außenposten versetzt wurde. Damit lösten sich meine Pläne in Luft auf, denn die Perspektiven für Musiker und Poeten waren hier kaum besser als in Zypern. Da ich keinen reichen Gönner fand, versuchte ich mich in verschiedenen anderen Berufen. Doch auch damit hatte ich kein Glück. Scheinbar eigne ich mich nicht einmal zum Tagelöhner und wenn das so weiter geht, werden meine Lieben ewig Sklaven bleiben und ich selbst als Bettler sterben.«

Jeschua nickte betroffen und fragte: »Was hast du nun vor?«

»Ich werde wohl den Rest des Geldes nehmen und versuchen dem Magistraten zu folgen.«

Da protestierten die Handwerker und riefen wild durcheinander. Jeschua schüttelte entsetzt den Kopf: »Zerschneidet man denn sein bestes Gewand, um sein Arbeitskleid zu flicken?«

Ein anderer rief aus: »Nur ein Narr lässt einen kranken Gaul neu beschlagen!«, woraufhin ein weiterer lachend ergänzte: »…und nur ein Wahnsinniger trägt den toten Gaul täglich auf die gute Weide!«

Zerknirscht stimmte Marcus ihnen zu: »Natürlich sieht jeder Bauer dem Pferd ins Maul, bevor er es kauft, und selbst der dümmste Fischer würde Ausschau nach Sturmwolken halten. Ich aber bin blind vor Begeisterung in See gestochen und so sitze ich nun mittellos und ohne Hoffnung unter Fremden.«

Bevor Marcus weiter sein Schicksal beklagen konnte, unterbrach Jeschua sein Gezeter: »Geld können wir dir leider keines geben, aber zumindest bist du jetzt nicht mehr unter Fremden.«

Marcus sah sich in der Runde um und blickte in freundliche Gesichter. Er spürte, wie sein Herz einen Satz machte, und tatsächlich fühlte er sich zum ersten Mal seit langer Zeit nicht mehr allein. Nun war er also Teil der Gruppe. Das war ein gutes Gefühl und wie ein Verdurstender sog er es auf. Dabei spürte er, wie auch seine Hoffnung wuchs.

Ein Handwerker goss Marcus großzügig etwas Wein ein und sie prosteten sich zu. Ein anderer bat derweil Jeschua um eine Geschichte und dieser wehrte anfangs ab. Doch schon hatten andere die Idee aufgenommen und belagerten ihn von allen Seiten, bis er ihrem Drängen schließlich seufzend nachgab: »Nun gut, zu Ehren unseres neuen Freundes Marcus erzähle ich euch die Geschichte vom Zöllner und vom Pharisäer.«

Gespannt hörten alle zu, wie er die Geschichte zweier Männer erzählte, die in den Tempel gekommen waren, um zu beten und ihre Sünden zu beichten. Der eine, ein großer Schriftgelehrter, trat vor Gott und berichtete ihm stolz, wie peinlich genau er jedes seiner Gebote befolgte. Denn ganz anders als dieser Schuft neben ihm, lebe er frei von Schuld und Tadel. Der Zöllner aber warf sich in den Staub und bat Gott um Verzeihung für seine vielen Sünden.

»Ja, das möchte ich meinen, dass der Hundskerl zu beichten hat«, rief da einer dazwischen: »So wie die uns ausnehmen!«

Jeschua aber meinte: »Und doch wird nur der Zöllner mit reinem Herzen nach Hause gehen. Denn immerhin sieht er seine Fehler ein.« Da brachen die Handwerker in Gelächter aus und auch, wenn Marcus nichts über die Religion dieser Männer wusste, verstand er trotzdem die Ironie der Geschichte und so lachte er mit ihnen.

Die Stimmung war ausgelassen und nach einem guten Schluck Wein stimmten sie nun ihre Lieder an. Sie sangen von Liebe und Leid, von der ewigen Wüste und ihrem unsichtbaren Gott. Jetzt fasste sich Marcus ein Herz und begann tatsächlich, sie auf seiner Lyra zu begleiten, ganz so, wie Jeschua es erhofft hatte. Auch, wenn der Musiker die Lieder nicht kannte, so bemühte er sich von ganzem Herzen, und schon bald begann sein Spiel mit dem Gesang zu harmonieren. Das freute die Handwerker, aber auch die anderen Gäste hatten Freude an der Musik und sie begannen ihnen Getränke zu spendieren. Marcus bekam sogar hin und wieder ein paar Kupferscherflein zugesteckt.

Einer der Handwerker bemerkte dies und meinte scherzhaft: »Wärst du als Träger so gut wie als Musiker, wärst du bald ein reicher Mann!«

Doch Jeschua nahm Marcus beiseite und sagte: »Wäre ein Träger stark wie zwei Männer, hätte aber keine Liebe in sich, die ihn antreibt, so würde jedes Gewicht dreifach auf ihm lasten und seine Mühen zunichtemachen. Doch dem, der tut, was er liebt, geht jede Arbeit leichter von der Hand. Jetzt braucht er nur noch ein Ziel, um nicht wie Moses 40 Jahre durch die Wüste zu ziehen.«

Marcus kannte diesen Moses nicht, doch er glaubte zu verstehen, was sein neuer Freund ihm sagen wollte, und als er gegen Ende des Abends sein Geld zählte, stellte er fest, dass er fast zwei römische Denare verdient hatte. Es erschien ihm wie ein Wunder, denn würde er jeden Tag so viel verdienen, könnte er seine Familie in weniger als fünf Jahren freikaufen.

Als er Jeschua erstaunt das Geld zeigte, meinte dieser: »Du hast getan, was du liebst, und auch wenn dir die Arbeit der letzten Stunden leichtfiel, so hast du doch gearbeitet.«

»Aber das hier ist der doppelte Tageslohn eines Tagelöhners, wie kann das gerecht sein?«

»Du hast auch zweimal dafür gearbeitet, einmal heute Abend und das andere Mal in den vielen Stunden, die du ohne Bezahlung geübt hast, um dein Instrument so meisterhaft zu beherrschen.«

»Ja, aber es machte mir stets Spaß mein Lyraspiel zu verbessern.«

»Die Liebe zur Musik machte es dir leicht zu üben und je besser du wurdest, desto mehr Freude hast du empfunden. Doch nicht jeder hatte das Glück, lernen zu dürfen, was er liebt, und mir gefällt, dass du genug Achtsamkeit besitzt, um dies zu erkennen. Gott hat dich reich und großzügig mit Talent und einem großen Herzen gesegnet.«

Da umarmte Marcus ihn und verwendete einen Teil des so unverhofft verdienten Geldes, um für seine neuen Freunde Brot und Käse zu kaufen. So kam er mit dem Wirt ins Gespräch.

Der vierschrötige Phönizier freute sich über die zusätzliche Kundschaft, die ihm Marcus’ Musik eingebracht hatte. Es zeigte sich auch, dass er dessen Geschichte belauscht hatte, denn er sagte: »Mein junger Freund, ich werde dir eine einfache Methode zeigen, mit der ich in meiner Zeit als Händler die verschiedenen Angebote bewertete.«

Er zeichnete vier Felder auf den Boden und erklärte: »Ins erste Feld schreibe ich alle Erträge und Vorteile, die das Geschäft bestimmt mit sich bringen wird. In das zweite Feld wiederum trage ich alle Opfer ein, die ich mit Sicherheit erbringen muss.«

Daraufhin meinte Marcus: »In meinem Fall würde das erste Feld leer bleiben, da ich nicht weiß, ob der Magistrat auf seinem Außenposten Bedarf an einem Musiker hat. In das zweite Feld würde ich die Zeit und das Geld eintragen, die mich meine Reise kosten werden.«

»Ich sehe, du hast das Prinzip verstanden. Darum kommen wir jetzt zum dritten Feld. Es enthält Hoffnungen und gute Gelegenheiten. Das wäre in deinem Fall die Möglichkeit, eine feste Anstellung zu bekommen. Demgegenüber stehen im vierten Feld die möglichen Risiken. So wäre es möglich, dass du unterwegs ausgeraubt wirst oder, wenn der Magistrat keine Verwendung für dich hat, du die Kosten der Rückreise tragen musst. Zudem scheint mir dieser Magistrat kein sehr ehrenwerter Geschäftspartner zu sein, was du auch notieren solltest.«

Marcus betrachtete erstaunt die vier Felder und sah, dass es mit diesem einfachen System möglich war, Geschäfte schnell und umsichtig einzuschätzen. Er bedankte sich bei dem Wirt, der sich über die Anerkennung freute. So kam es, dass Marcus in dieser Schenke Dinge fand, die mehr wert waren als Geld – nämlich Freunde, Wissen und Hoffnung. Vor allem freute es ihn, dass das neu erworbene Wissen so schnell Früchte trug, und er beschloss, dieses fortan in einem Tagebuch festzuhalten. Denn wenn er auch sonst wenig zu geben hatte, so wollte er zumindest sein Wissen an seinen Sohn weitervererben, auf dass es diesem einmal besser erginge. Und so nahm er Schreibgriffel und Tafel zur Hand und schrieb auf, was er in den vergangenen Stunden gelernt hatte.

TAGEBUCH DES MARCUS MERCATUS – I

Mein lieber Sohn, ich habe heute viel über die Liebe, die Last der Arbeit und das Abwägen von Risiken gelernt.

Die erste Grundwahrheit des Erfolges besteht darin, etwas zu tun. Egal wie lang dein Weg sein mag, er beginnt damit, den ersten Schritt zu wagen. Sei unverzagt und bedenke, dass auch Schiffe nicht für den sicheren Hafen gebaut werden, sondern um den Gefahren des Meeres zu trotzen. Sei offen für neue Ideen und Menschen, denn sie sind die Märkte der Zukunft.

Die zweite Grundwahrheit besteht darin, den Weg des Erfolges beständig weiterzugehen. Dafür benötigst du zwei Arten von Hingabe. Die erste Art ist es, ein Ziel mit Liebe zu verfolgen. Am besten wäre es, wenn du dir bei all deinen Geschäften ein Ziel setzt, das konkret formuliert, durch dein eigenes Tun erreichbar und vor allem für dich als Mensch erstrebenswert ist. Zwar ist aller Anfang schwer und manchmal wird dein Weg dir wenig Freude bereiten; ein Ziel vor Augen zu haben, wird dir aber helfen, Durststrecken zu überwinden und deinen Kurs zu halten.

Die zweite Form der Hingabe ist, das zu tun, was du liebst und zu versuchen, das zu lieben, was du tust. Was immer dein Gewerbe sein wird, du wirst viele Stunden benötigen, um ein Meister deines Faches zu werden. Doch das kannst du nur, wenn dir der Weg selbst Freude bereitet. Denn wenn du das tust, was du gerne tust, so wird dir die Arbeit leicht von der Hand gehen und die Stunden werden nur so verfliegen. Wenn du aber weder den Weg noch das Ziel liebst, solltest du dir eine sinnvolle Beschäftigung suchen, die besser zu dir passt und diese ernsthaft ausüben, um bereit zu sein, wenn die Gelegenheit vor dir steht.

Das führt mich nun zur dritten Wahrheit, die du berücksichtigen solltest. Ein altes römisches Sprichwort besagt, dass Fortuna, also die Göttin des Glücks, den Mutigen liebt. Es heißt aber auch, der Sieg liebe die Vorbereitung.

Ich denke, dass beide wahr sind, und würde dir deshalb raten, beherzt – aber nie unvorbereitet – zu sein. Denn selbst der mutigste Kapitän sollte segeln lernen, ehe er in See sticht. Ich empfehle dir auch, sorgfältig die Risiken abzuwägen, ehe du leichtfertig ein Wagnis eingehst.

Eine einfache Methode, die mir ein Phönizier gezeigt hat, wird dir dabei helfen. Zeichne ein Quadrat und teile es in vier gleich große Felder. Die oberen beiden Felder beinhalten die internen Eigenschaften des Geschäftes, die zwingend eintreten werden, die unteren stehen für externe Faktoren, die sich positiv oder negativ auswirken könnten, aber nicht zwingend eintreten müssen.