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Furuks Erbe ist ein neunbändiges Fantasy-Epos mit mehreren Ebenen. Die offensichtliche Ebene ist die Heldenreise: Nach dem gewonnen Krieg geht Mauro daran, sein Reich zu ordnen. Im Geiste sieht er sich an der Seite seiner Herzdame zur Krönung nach Mandrilar reiten. Doch so einfach ist die Sache nicht. Sigrun steht den Interessen mehrerer starker Frauen im Wege. Die Brautwerbung gerät zum Hindernislauf. Auf der zweiten Ebene geht es um Führung: Macht wird durch Erfolge legitimiert. Der gewonnene Krieg ermöglicht Mauro, Veränderungen durchzusetzen. Doch auch ein König kann sich nicht über alle Konventionen hinwegsetzen. Auf der dritten Ebene geht es um energetischen Ausgleich. Der König prägt die Stimmung im Land. Das Wohl des Volkes ist untrennbar mit seinem Wohlergehen verbunden. Macht es unter dieser Voraussetzung Sinn, wenn Mauro sein privates Glück opfert, um dem Land zu dienen?
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Seitenzahl: 380
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Solveig Kern
Brautwerbung
Furuks Erbe Band 5
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1: Am Birkensee
Kapitel 2: Neue Truppen für den König
Kapitel 3: Die Weisheit der Rhûn-Maiyar
Kapitel 4: Ein Opfer für Furuk
Kapitel 5: Die geraubte Prinzessin
Kapitel 6: Zuflucht bei den Elfen
Impressum neobooks
Als Mauro mit seinen siegreichen Truppen in Alicando einritt, war der Krieg vorbei.
Die Stadt Alicando begrüßte ihre Helden. Trommelwirbel und Fanfaren begleiteten ihren Weg. Die Bürger jubelten ihnen mit der gleichen Begeisterung zu, die Mauro schon bei seinem ersten Besuch erfreut hatte. Es fühlte sich gut an, als Sieger in diese schöne Stadt zurückzukehren. An Mauros Seite ritt Uluk, der mit großem militärischem Geschick das feindliche Restheer manövrierunfähig gemacht hatte. Dahinter folgten Pado, Alagos und Tuagh, die ebenfalls maßgeblich am Sieg beteiligt gewesen waren. Hanok ritt weit hinten unter den Mittelländern. Er, der die Herzogwürde schon in greifbarer Nähe wähnte, konnte froh sein, überhaupt noch am Leben zu sein.
Auf der Treppe vor der Burg stand, festlich gekleidet und mit einem einladenden Lächeln auf den Lippen, die Dame Zeldis. Ihr Anblick gemahnte Mauro an die Folgen von Chojas Liebestrank. Er war morgens zwischen zwei Frauen aufgewacht und erinnerte sich nicht, wie es dazu gekommen war. Damals hatte er bewusst darauf verzichtet, die Dame, die durch die gemeinsame Nacht zu seiner Nebenfrau geworden war, formell zu entlassen. In den darauffolgenden Tagen hatten sie einige heiße Nächte miteinander verbracht. Die Erinnerung zauberte ein sinnliches Lächeln auf sein Gesicht. Merkwürdig, dass er nicht mehr an Zeldis gedacht hatte. Jetzt konnte er ein wenig Aufmunterung gebrauchen. Beschwingt nahm er ihren Arm und ließ sich von ihr in die Burg geleiten.
In der ehemaligen Fluchtburg, die nun Königsburg von Alicando hieß, wartete viel Arbeit auf den neuen Hausherrn. Es galt, gemeinsam mit den Fürsten und den Heerführern eine Nachkriegsordnung zu schaffen und das Land auf den Frieden vorzubereiten. Damit hatte Furukiya keine Erfahrungen, denn seit Menschengedenken befand man sich ständig im Krieg. Entsprechend nervös waren die Togweds. Es war voraussehbar, dass der König in Friedenszeiten kein so großes stehendes Heer unterhalten würde. Im Mannschaftslager spähten die fähigsten Krieger nach Togweds, die zusätzliche Leute suchten. Es gab mehr Bewerber als Engagements. Abwarten oder lieber schnell das nächstbeste Angebot annehmen? Diese Fragen bewegten all jene, die nichts als das Kriegshandwerk kannten.
Mauro diskutierte gerade mit seinen Heerführern über die königliche Garde. Er hatte begriffen, dass er eine leistungsfähige Truppe benötigte, die zahlenmäßig groß genug war, um ihn zu schützen. Das hatte die Erfahrung von Passar und von den Distelfeldern gelehrt. Andererseits scheute er sich, einen Tross hinter sich herzuschleppen, der seine Bewegungsfreiheit einschränkte. Er wollte nur dreihundert Mann zulassen.
„Wenn Ihr dreihundert Mann als angemessene Begleitung betrachtet, dann solltet Ihr doppelt so viele einstellen. Die Leute müssen manchmal schlafen!“ meinte Eryndîr.
Mauro überging den Einwand und rechnete: „Jede königstreue Provinz stellt mir 25 handverlesene, voll ausgerüstete Reiter zur Verfügung. Da wäre einmal das Sommerland: Xalmeida, Qatraz, Ikenar. Dann die Maiyar-Fürstentümer Maikanar, Ossar und Aglar.“
Alagos war hocherfreut. Mit der Nennung von Aglar als eines der Maiyar-Fürstentümer hatte Mauro die Absicht durchblicken lassen, seinem Clan die Souveränität über die Kupferberge zurückzugeben.
„Dann Malfar, Vedar und Dares. Die Bärenheimer und Yian Mah hätte ich fast vergessen. Ob Tolego auch Leute schickt, weiß ich nicht.“ Mauro war nicht begeistert, Männer aus Tolego in seine Truppe aufzunehmen, doch er durfte es ihnen nicht verwehren: „Ich werde es Fürst Torren freistellen.“
„Ich glaube nicht, dass Fürst Torren eine Ausnahmeregelung für sich beanspruchen wird“, erwiderte Vreden. Mauros Angebot an die Fürsten, Vertrauensleute in seiner direkten Umgebung zu platzieren, war für beide Seiten von Nutzen. Alle Fürstentümer würden ihre besten Leute schicken, denn sie standen untereinander im Wettbewerb.
„Was ist mit der Stadt Mandrilar?“
„Nein, danke, keine Mandrilanen. Lieber rüste ich selbst Krieger aus. Eryndîr muss ohnedies Wächter für meine Burg hier rekrutieren, da soll er ein paar mehr nehmen.“ Mauro rechnete alles zusammen: „Insgesamt komme ich auf 400 Reiter.“
„Zu knapp“, insistierte Eryndîr.
Hanok brauste auf: „Worüber reden wir hier? Wir feilschen um 100 Mann, während vor den Toren der Burg 20.000 um ihre Existenz bangen!“
Mauro sah ihn verwundert an: „Wieso? Können sie nicht heimkehren?“
„Heimkehren wohin? Diese Leute haben nichts als das Kriegshandwerk gelernt. Viele von ihnen kennen kein anderes Leben. Als Ihr mir vor einem Jahr den Auftrag gabt, dem Herzog von Alicando nach Süden zu folgen, nahm ich alle diese heimatlosen Krieger in mein Heer auf. Sie sind Strandgut aus allen Teilen des Landes, unterstehen keinem Fürsten, der sich für sie stark macht. Nun haben sie plötzlich keine Zukunft mehr. Ich bin zwar nicht mehr Condir, doch ich fühle mich für sie verantwortlich!“ Hanok war ziemlich erregt. Für ihn war unvorstellbar, dass Mauro dieses drängende Problem nicht im Blick hatte.
„Herrenlose Krieger sind eine Gefahr für das Land. Geben wir ihnen kein Brot, werden sie Banden bilden und uns berauben“, mahnte Alagos von Aglar. „Dann brauchen wir Wächter, die uns vor ihnen schützen.“
„Ja, ich habe verstanden“, erwiderte Mauro unwirsch. „Ich sollte mir um sie Gedanken machen. Doch wohin mit ihnen?“
Eryndîr wusste Rat: „Nun, Herr, Ihr habt den Nachbarn im Norden die Sicherung der Verkehrswege zu den Häfen im Süden zugesichert. Ihr braucht Truppen, die den Händlern Geleitschutz geben. Ihr braucht Zollgesetze, die verhindern, dass sie in jeder Provinz von neuem ausgeplündert werden und Krieger, die über deren Einhaltung wachen. Wenn ein Fürst sich querlegt, braucht Ihr unabhängige Truppen, um ihn zu disziplinieren. Und Ihr braucht Meldereiter, die Nachrichten von Stadt zu Stadt transportieren. Da bleiben nicht mehr viele übrig, die heimgeschickt werden müssen.“ Eryndîr war der einzige in der Runde, der Vorstellungen von einer Friedensgesellschaft hatte.
Mauro atmete auf: „Ich wüsste gerne, wie viele Krieger wir für diese Aufgaben brauchen. Die Beamten sollen ausrechnen, aus welchen Mitteln wir sie bezahlen. Dann beginnen wir mit dem Rekrutieren.“
„Ich mache mich umgehend an die Arbeit“, versicherte Hanok. „Die Zeit drängt. Die Männer sind nervös. Die Besten unter ihnen suchen bereits nach neuen Engagements. Wir sollten ihnen rasch eine Perspektive aufzeigen.“
Mauro ließ widerspruchslos zu, dass Hanok diese schwierige Aufgabe an sich zog. Wer hätte es sonst machen sollen?
In den nächsten Tagen überließ Mauro den Großteil der Arbeit seinen Leuten und schonte sich. Es erwies sich als hilfreich, dass er Zeldis bei sich behalten hatte. Vor allem in den schlaflosen Nächten leistete sie ihm wertvollen Beistand. Die Alpträume quälten ihn immer noch, und sein Herz machte ihm zu schaffen.
Die Annehmlichkeiten, die ihm Zeldis bereitete, machten ihn keineswegs Sigrun vergessen. Im Gegenteil, seine Gedanken wanderten immer wieder zu seiner fernen Geliebten. Oft malte er sich aus, wie er nach getaner Arbeit in Sigruns Arme fallen, ihre Zärtlichkeit genießen und die Ereignisse des Tages mit ihr teilen würde.
Regelmäßig kommunizierten die beiden über den Mondstein. Mauro übermittelte Bilder von seinem Einzug in Alicando und von der Schönheit des Sommerlandes.
„Die Frauen des Sommerlandes sind sicher auch wunderschön?“ wollte Sigrun wissen.
„Ja. Sie sind wunderschön“, erwiderte Mauro mit einem Seitenblick auf Zeldis, die eben zu ihm herüberlächelte. „Doch keine von ihnen kann Euch das Wasser reichen.“ Er sandte ihr eine Woge der Zuneigung und einen Kuss.
Sigrun sah sein Gesicht im Stein. Deutlich fühlte sie seine Liebe. Ihr war, als würden seine Arme sie zärtlich umfangen. Als sie merkte, dass er weitersprach, konzentrierte sie ihr Bewusstsein auf den Stein und versuchte, mit ihm zu verschmelzen, wie die Alte es sie gelehrt hatte. Diesmal gelang es. Deutlich hörte sie den Widerhall seiner Worte in ihrem Kopf: „Nur noch ein paar Tage, bis meine Brautwerber bei Eurem Bruder eintreffen. Wenige Wochen später seid Ihr in Mandrilar. Ich kann es kaum erwarten, Euch in meinen Armen zu halten!“
Sigrun lauschte atemlos. Sie hatte es geschafft, sie konnte ihn hören! Nun wusste sie, dass er die Brautwerbung auf den Weg gebracht hatte. „Eilt Euch, mein Geliebter. Das Leben ist kurz und meine Sehnsucht groß…“
Hanok gönnte sich keine Schonung, was seiner Heilung nicht zustattenkam. Seine Füße waren immer noch wund, die Sohlen bedeckt von eitrigen Schwären. Selbst mit übermenschlicher Selbstbeherrschung brachte er es nicht fertig, darauf auch nur ein paar Schritte zu gehen. Er musste sich damit abfinden, getragen zu werden. Diese kleine Erleichterung linderte zwar die Schmerzen, doch sie half nicht gegen die nächtlichen Alpträume. Die Nachwirkungen von Barrens Labyrinth machten ihm zu schaffen. Dennoch ließ Hanok keine einzige Sitzung aus. Er arbeitete konzentriert und spielte seine überlegene Intelligenz gegenüber den anderen Togweds aus.
„Warum schindet Ihr Euch so?“ fragte Kayla, die in Mauros Auftrag Licht in die Vorgänge auf den Distelfeldern bringen sollte. Sie verbrachte viel Zeit mit Hanok. So unvernünftig sie ihn einerseits fand, so sehr imponierte ihr andererseits seine Selbstdisziplin.
„Was würdet Ihr an meiner Stelle tun?“ fragte er zurück. „Ich kämpfe um mein Leben. Dieser König hat uns wiederholt gezeigt, dass vor seinen Augen nur die Stärksten Gnade finden. Wenn ich mich trotz meiner Schmerzen nicht schone, nötige ich ihm zumindest Respekt ab. Wenn es mir darüber hinaus gelingt, mich unverzichtbar zu machen, habe ich eine Überlebenschance.“
Kayla empfand diesen Härtekult als übertrieben: „Wir betrachten Krankheit als notwendigen Begleitumstand seelischen Wachstums. Eine erzwungene Pause ermöglicht die Verinnerlichung wichtiger Erfahrungen. Der König will Euch gewiss nicht vernichten. Er hat Euch ein faires Gerichtsverfahren zugesagt…“
„Und ich tue alles, um diese Chance zu nutzen. Ich wäre ein Narr, zu glauben, dass ein anderer als er selbst über den Ausgang des Verfahrens entscheidet. Doch ich brauche Eure Hilfe. Ihr seid es, die für mich sprechen wird. Ihr könnt den letzten Rest von Zweifel in seiner Brust zerstreuen“, gab Hanok zurück. „Werdet Ihr mir helfen, heil aus dem Verfahren herauszukommen, Prinzessin Kayla?“ Er beugte sich ein wenig in ihrer Richtung und sah ihr in die Augen.
Kayla wurde unwillkürlich rot und schämte sich dafür. In den Wochen, die sie miteinander gearbeitet hatten, war so etwas wie Freundschaft zwischen ihnen entstanden. Oder war es mehr?
„Ich werde dafür sorgen, dass Euch Gerechtigkeit widerfährt.“ Kayla mühte sich, ihrer Stimme Festigkeit zu geben. Doch Hanok hatte ihr Zögern bemerkt. > Sie ist klug, aber auch nur eine Frau < schoss ihm durch den Kopf. Schade, dass ihm in seinem Zustand nicht der Sinn nach einer Liebschaft stand.
Viele Tagesritte weiter nordöstlich näherten Fremde sich Dietrichs Winterlager. Ihr Anführer herrschte die Wächter barsch an: „Meldet mich Eurem Herrn. Wir kommen im Auftrag des Rigländischen Königs.“
Sie warteten nicht ab, bis sie hereingebeten wurden. Noch ehe Dietrich seinen Festtagsornat überwerfen konnte, standen sie vor ihm.
Dietrich war irritiert. Besucher um diese Jahreszeit waren ungewöhnlich. „Was wollt Ihr?“ fragte er misstrauisch.
„Wir sind Abgesandte des Königs Rigbert von Rigland. König Rigbert entbietet dem edlen Dietrich seinen Gruß. Ich habe eine Nachricht für seine Schwester Sigrun.“ Der Ton, in dem der Fremde sprach, ließ erkennen, dass er gewohnt war zu befehlen.
Sigruns Herz klopfte bis zum Hals. Waren Mauros Brautwerber schon bei Rigbert gewesen? Dann waren sie schneller, als sie erwartet hatte. Auch erkannte sie unter den Fremden keinen von Mauros Leuten. Sie ließ sich ihre Aufregung nicht anmerken und sprach mit fester Stimme: „Was ist meines Bruders Begehr?“
„Euer Bruder hat die Brautwerbung akzeptiert. Der Bräutigam erwartet Euch schon…“ der Sprecher machte eine kunstvolle Pause.
Sigrun fühle Freude in sich hochsteigen. Sie waren tatsächlich bereits angekommen…
„in Brig“, vollendete der Mann den Satz. Mit einem süffisanten Lächeln fügte er hinzu: „Fürstin Morriell kann es kaum erwarten, Euch im Winterland willkommen zu heißen. Der glückliche Bräutigam ist ihr Oheim Nolan.“
„Das muss ein Irrtum sein“, stammelte Sigrun entsetzt. „Niemals würde mein Bruder mich gegen meinen Willen verheiraten! Mein Herz gehört einem anderen…“
„Wie bedauerlich, dass ich nicht die Kunde bringe, die ihr offenbar erwartet habt, werte Dame“, sagte der Bote mit kaum verhaltenem Spott. „Von einem anderen Galan ist mir nichts bekannt. Ich habe den Auftrag, Euch nach Brig zu geleiten. Das weiß ich gewiss, denn dafür gibt es reichen Lohn. Fürstin Morriell zahlt in Gold!“
„Gold kann auch ich Euch geben.“ Sigrun versuchte zu verhandeln. „Bringt mich zu meinem Bruder. Ich will mit ihm sprechen!“
„Das will aber ich nicht“, sagte der Fremde mit süßlicher Stimme. „Ich hasse es, wenn man sich mir widersetzt. Folgt Ihr mir freiwillig, oder muss ich Euch zwingen?“
Sigrun war empört: „Ihr könnt mich nicht zwingen. Seit Stammesmutter Ragnhilds Zeiten wurde bei uns keine Prinzessin gegen ihren Willen verheiratet!“
„Wetten, dass ich kann?“ Mit einer flinken Bewegung zog der Fremde sein Messer. Er bannte die Umstehenden, sodass keiner eingreifen konnte, und packte Dietrichs Tochter. Mit geübter Handbewegung schnitt er ihr ein Ohr ab und hielt es Sigrun unter die Nase: „Wie weit wollt Ihr gehen? Wollt Ihr das zweite Ohr auch noch? Wir können noch ganz andere Dinge mit ihr machen. Es ist Eure Entscheidung. Ihr sagt, wann es genug ist.…“
Sigrun wurde ganz ruhig. „Ich habe verstanden“, sprach sie mit fester Stimme. „Lasst sie in Ruhe. Ich beuge mich der Gewalt.“
„Kluges Mädchen“, sagte der Anführer und tätschelte ihre Wange. Sigrun fuhr zurück. „Aber, aber, nicht so unfreundlich. Ich verstehe: Ihr seid ein wenig verstört. Kein Wunder. In Brig kennt Ihr niemanden. Wäre es nicht nett von mir, wenn ich für Euch eine Hofdame mitnehme? Das Mädel hat zwar nur ein Ohr. Das macht sie nicht hübscher, doch Euch zu Diensten sein kann sie immer noch – und uns vielleicht auch!“
Der Fremde stieß Dietrichs blutüberströmte Tochter hinüber zu seinen Leuten. Die grölten ihre Zustimmung und betatschten das Mädchen.
„Wenn die Prinzessin eine Gesellschafterin von Stand an ihrer Seite haben soll, dann ist das meine Aufgabe“, intervenierte Sigruns Base Ortrud. „Lasst das Mädel daheim.“
Der Anführer musterte Ortrud prüfend. Sie erwiderte keck seinen anzüglichen Blick. Der Anführer lachte: „So eine seid Ihr! Auch gut, wir nehmen euch beide mit!“ Auf sein Zeichen packten seine Männer die drei Frauen und zerrten sie fort.
Im Gehen sagte einer seiner Kumpane: „Seht ihr das fette Vieh auf den Weiden? Die Kühe und einige von diesen strammen Weibern brächten uns komfortabel über den Winter!“
„Halts Maul“, herrschte ihn der Anführer an. „Wir sind offizielle Gesandte, keine Wegelagerer!“
Der Mann lachte. „Wenn Ihr es sagt…“
Dietrich sah ihnen mit sorgenvollem Blick nach.
Im fernen Alicando schien es Mauro, als hörte er einen verzweifelten Hilferuf. Inmitten der Betriebsamkeit, die ihn umgab, lauschte er hinaus in die Ferne. Doch die Stimme war verstummt. Er glaubte an eine Sinnestäuschung und wischte den Eindruck beiseite. Dennoch erfasste ihn eine seltsame Unruhe. Mit einem Mal hatte er Mühe, sich auf die Ausführungen der Fürsten zu konzentrieren, die ihm ihre Vorstellungen über den künftigen Grenzschutz darlegten. Der Punkt war kritisch, denn seine Interessen wichen von den ihren ab. Als sie nach langem Tauziehen die Einigung vertagten, war der flüchtige Eindruck längst vergessen.
Spät abends, als er todmüde ins Bett sank, hockte der Schatten einer Bedrohung wie ein hungriges Tier auf seiner Bettkante und raubte ihm den Schlaf. Er dachte zu allererst an Yvo, der sich mittlerweile längst auf Rigländischem Boden befand. War er in Gefahr? Mauro nahm sofort mit ihm Kontakt auf.
Doch Yvo war wohlauf. Er berichtete von ihrer Reise: Die Stimmung in der Reisegruppe war gut. Größere Schwierigkeiten hatte es keine gegeben. Iorghe hatte ihm unterwegs viel beigebracht. Nach anfänglichen Schwierigkeiten waren sie unzertrennlich. Sascha verstand sich ausgezeichnet mit Hartmuts Sohn Hartuin. Bald würden sie das Winterlager der Rigländer erreichen.
Mauro war zufrieden, den Bruder wohlauf zu wissen. Doch die Unruhe legte sich nicht. >Sigrun< flüsterte eine leise Stimme.
Mauro wischte den Gedanken beiseite: >Unsinn. Sigrun ist bei ihrem Oheim Dietrich in Sicherheit. Wenn sie jemand zu schützen vermag, dann dieser alte Kämpe.<
>Dietrich ist kein Zauberer…< mahnte die Stimme. Widerstrebend holte Mauro den Mondstein hervor. Sein müder Geist sträubte sich, eine Bedrohung für die Geliebte in Erwägung zu ziehen. Doch er wollte sich vergewissern…
Sigrun antwortete nicht. Kein Wunder, beruhigte Mauro sich. Es war schließlich späte Nacht. Sie schlief sicher schon tief und fest.
Am nächsten Morgen, gleich beim Aufstehen, war das ungute Gefühl wieder da. Als Mauro auch im Laufe des Tages keine Verbindung zu Sigrun aufbauen konnte, wurde die Ahnung langsam zur Gewissheit: etwas Schreckliches war geschehen.
Da er über den Mondstein nicht mit ihr kommunizieren konnte, musste er einen anderen Weg finden. Am liebsten wäre er auf der Stelle an ihre Seite geeilt. Doch die Kunst, den Körper mit auf Reisen zu nehmen, wie Torren oder Schlobart es zu tun pflegten, beherrschte Mauro noch nicht. Selbst der Einsatz seiner Willenskraft und Liebe machte den Vorteil mentaler Wandelbarkeit und energetischer Durchlässigkeit, den die alten Meister besaßen, nicht wett. In der Blüte seiner Jahre war Mauro zu kompakt. Also blieb ihm nur die Möglichkeit, sich mit seinem Astralkörper von seinem physischen Leib zu entfernen. Das war technisch nicht schwierig, doch mit einigen Gefahren verbunden. Yvo konnte ein Lied davon singen. Bei einem Ausflug ins Heerlager von Yian Mah hatte er zu viel gewagt. Beinahe wäre die Verbindung abgerissen und Yvo hätte nicht mehr zurückkehren können. Mauro, der mit dieser Technik viel weniger Erfahrung besaß als sein Bruder, war sich der Risiken wohl bewusst. Die Reise musste gut vorbereitet werden.
Wie bereitete man sich vor mit dem ständig wachsenden Druck, dass der Liebsten ein Leid geschah? Mit der Sorge, dass Barren sie zum Spielball seiner Bosheit gemacht haben könnte? Mit der Angst, zu spät zu kommen, wie damals bei Shio Ban? Mauro drehte sich im Kreis. Er schaffte es nicht an diesem und auch nicht am darauffolgenden Tag, sich aus seinem Körper zu lösen. Bald meinte er, vor Sorge den Verstand zu verlieren.
Er brauchte Hilfe. Doch wer konnte ihm beistehen? Der Reihe nach ging er alle alten Zauberer durch. Er fand keinen, dem er sich anvertrauen mochte.
Keinen? Doch, es gab einen: Altmeister Schlobart. Mit ihm konnte Mauro ohne Scheu von seiner Sorge um die Liebste sprechen. Ihn konnte er um Hilfe bitten.
„Es ist leichter, als Ihr denkt“, ermutigte ihn der alte Meister. „Die Technik, Euch aus eurem Körper zu lösen, beherrscht ihr längst. Ihr seid doch öfters in die Anderwelt gereist.“
Mauro seufzte: „Der Übergang zwischen den Welten fällt mir leicht. Doch diesmal muss ich mich durch die Alltägliche Wirklichkeit bewegen und mich vor Sigrun, einer Nichtzauberin, sichtbar manifestieren. Das ist ungewohnt für mich.“
„Es ist auch nicht schwieriger, als sich in anderen Dimensionen zurechtzufinden“, erklärte Schlobart. „Hier wie dort gibt es Gefahren. Die Sorge um Eure Liebste macht Euch angreifbar. Es ist besser, ich begleite Euch und passe auf Euch auf!“ Schlobart machte sich auf den Weg zu Mauro und führte ihn durch die Vorbereitung.
Bald schon flogen sie Seite an Seite über die weite Ebene. Sie folgten dem Feuerfluss nach Norden und überquerten das Graue Gebirge. Der Gilgor tauchte unter ihnen auf und verschwand ebenso schnell. Die Strecke von Westgilgart nach Glancanas glich einem Flügelschlag. Bald schon erstreckten sich die dichten Wälder des Elfengebirges zu ihren Füßen. Mauro meinte gar, den Birkensee in der Ferne schimmern zu sehen. Unbeirrbar folgte er dem Signal, das ihn zu seiner fernen Geliebten führte.
Schließlich landeten sie in einem dichten Wald. Vor lauter Bäumen konnte Mauro erst nichts sehen. Dann erspähte er Sigrun. Mit ein paar anderen Frauen stand sie an einer Quelle. Sie war gerade dabei, sich zu waschen. Die Röcke hatte sie hochgeschürzt und das Mieder geöffnet. Wie sie sich eine Strähne ihres widerspenstigen Haares aus der Stirn strich, sah sie allerliebst aus.
Ein Seufzer der Erleichterung entfuhr Mauro: ihr war kein Leid geschehen. Während er noch überlegte, ob er sie ansprechen durfte, wurde sie seiner gewahr. In ihrer Miene meinte er Erschrecken zu lesen. Natürlich, sie in diesem leicht bekleideten Zustand zu überraschen war höchst ungebührlich. Er winkte sie zur Seite und bedeutete ihr, dass er nicht hinsehen würde, bis sie sich wieder bedeckt hatte. Schlobart lenkte inzwischen die Gefährtinnen ab, um ihnen eine ungestörte Unterhaltung zu ermöglichen.
Als er ihr gegenüber stand, merkte er sofort, dass es nicht nur das Erschrecken über sein plötzliches Auftauchen gewesen war. „Was ist Euch, Liebste?“ fragte Mauro besorgt. „Ihr wirkt so verstört?“
Sie sah ihn voller Verzweiflung an: „Mein Herr, es ist vorbei.“
„Was heißt das: es ist vorbei?“ fragte Mauro irritiert. „Ich wähnte Euch in großer Not. Nun bin ich über die Maßen glücklich, Euch wohlbehalten hier zu sehen…“
„In der Tat bin ich in großer Not. Mein Bruder hat entschieden, mich einem anderen Manne zur Frau zu geben!“ stieß Sigrun verzweifelt hervor.
„Konntet Ihr Euch nicht dagegen verwahren?“
„In diesem Falle nicht“, sagte Sigrun betrübt. „Sie haben meines Oheims Tochter als Geisel genommen.“
„Die Tochter von Dietrich vom Birkensee, Eurem Gastgeber?“ fragte Mauro ungläubig.
„Sie drohen, Ihr ein Leid anzutun. Dietrichs gesamte Sippe wollen sie zur Rechenschaft ziehen, wenn ich nicht gehorche.“
„Dann habt Ihr mich vor einigen Tagen tatsächlich um Hilfe gerufen?“ fragte Mauro niedergeschlagen. „Ich wünschte, ich wäre früher gekommen.“
Sigrun verstand nicht: „Ich wollte Euch rufen, wollte berichten, was vorgefallen ist. Doch der Anführer hat mir den Mondstein weggenommen, das Pfand Eurer Liebe. Ohne ihn kann ich nicht mit Euch kommunizieren!“
„Den Mondstein weggenommen? Wie kommt er darauf? Was sind das für Brautwerber, die Euch mit Gewalt bedrohen?“ Mauro dachte sofort an Barren. Doch woher wusste Barren von dem Mondstein? Sorgfältig prüfte er die Atmosphäre. Wenn Barren hier wäre, würde er es wissen.
Der Herr der 1000 Schrecken war nirgendwo in der Nähe. Dafür nahm er die Präsenz eines anderen Zauberers wahr – eines, den er kannte. Mauro wusste nicht gleich, woher, bis er ihn zwischen den Bäumen umhergehen sah. Es war Malwin, mit dem er auf seiner Reise von Brig in den Süden mehrmals aneinandergeraten war. „Malwin hat Euch aus Dietrichs Lager entführt? Was hat dieser Bandit mit Euch zu schaffen? Sorgt Euch nicht, Liebste, ich werde Euch befreien! Gegen diesen Schurken kämpfe ich nicht das erste Mal…“ rief er und wollte sich schon auf Malwin stürzen.
Doch Schlobart bremste ihn: „Ein Astralkörper ist ein viel zu fragiles energetisches Gebilde. Damit könnt ihr nicht in den Kampf ziehen wie mit Eurem richtigen Körper. Der Gegner würde Euch auf tausend kleine Partikel zerstäuben, die sich nie mehr zusammenfinden. Das dürft Ihr nicht einmal denken! Außerdem wird es allmählich Zeit, zurückzukehren. Ihr verbraucht Eure Energiereserven viel zu schnell!“
„Ein bisschen noch“, bat Mauro. „Sprecht, Liebste, was ist geschehen?“
„Malwin kam als Brautwerber im Auftrag meines Bruders zum Birkensee. Fürstin Morriell und Rigbert haben sich darauf verständigt, dass ich einen Verwandten von ihr ehelichen soll. Nun bringt Malwin mich nach Brig.“
„Nach Brig“, wiederholte Mauro. Eiskalte Gewissheit erfasste ihn: „Morriell macht mit diesem Banditen gemeinsame Sache. Sie weiß, dass Ihr niemals freiwillig nach Brig kommt. Darum lässt sie Euch mit Gewalt entführen. Ich hätte sie töten sollen, als ich die Chance dazu hatte. Nur Mut, Allerliebste. Niemals lasse ich zu, dass meine missratene Tochter sich zwischen uns stellt!“
„Herr, Ihr versteht nicht… Mein Bruder hat entschieden, und ich muss gehorchen. Ihr könnt nichts mehr tun“, wehrte Sigrun ab. Als sie merkte, dass Mauro ihre Einschätzung nicht teilte, beschwor sie ihn: „Wolltet Ihr die Braut eines Anderen rauben, wäre der Bräutigam verpflichtet, Vergeltung zu üben. Darauf wartet Morriell nur. Sie will Krieg, und ich kann nicht verantworten, dass meinen Freunden ein Leid geschieht. Stets habt Ihr mich gewarnt, dass Ihr mächtige Feinde habt. Ich dachte, ich kann ihnen wehren. Doch ich bin nicht stark genug. Drum lebt denn wohl, mein König. Es war wunderschön, von Euch geliebt zu werden. Alle schönen Dinge haben Ihren Preis. Ich bezahle jetzt für die Vermessenheit, Eure Frau werden zu wollen!“ Sie streckte die Hand nach ihm aus. Im letzten Moment besann sie sich, dass sie seinen Astralkörper nicht berühren konnte. So winkte sie ihm wehmütig zu und wandte sich zum Gehen.
Wenig später standen Mauro und Schlobart, wieder in ihre Körper zurückgekehrt, auf einem sonnenbeschienen Hang unter blühenden Bäumen. Unter ihnen ragten die Zinnen der Stadt Alicando in den makellos blauen Himmel. Doch die beiden hatten keinen Blick für die Schönheit, die sie umgab.
„Ich fürchtete Barren, meinen erbittertsten Feind in diesem Lande. Doch meine Tochter Morriell ist eine mindestens ebenso hinterhältige Gegnerin“, haderte Mauro. „Sie hat mir das Liebste genommen. Durch mein Zaudern habe ich ihr in die Hände gespielt. Hätte ich Sigrun gleich in Moringart bei mir behalten, wäre das alles nie geschehen. Nun zahlt die Geliebte den Preis für meine Unentschlossenheit.“
„So ist es wohl“, konstatierte Schlobart trocken. „Das Schicksal wollte sie nicht an Eurer Seite sehen…“
Mauro wandte sich verzweifelt an Schlobart: „Seht Ihr einen Weg? Gibt es irgendetwas, was ich jetzt noch tun kann? Ihr seid ein weiser Mann, Schlobart. Wisst Ihr mir Rat?“
Schlobart wiegte bedächtig sein Haupt: „Was wolltet Ihr tun?“
Mauro war knapp dran, eine Antwort hinauszuschleudern, doch im letzten Augenblick entschied er sich, zu schweigen. Stattdessen sah er Schlobart in stummer Verzweiflung an.
„Schreit es ruhig hinaus“, meinte Schlobart. „Ihr wollt Euren Zorn in Blut ertränken. Ihr wollt jeden verfügbaren Mann aufbieten, wie ein Rachedämon durch das Winterland brausen und Brig dem Erdboden gleich machen. Ihr wollt Gunwalds und Morriells Kopf auf einer Lanze vor dem Stadttor aufstellen. Nachdem Ihr sie sorgfältig gevierteilt habt.“
Mauro senkte betreten den Kopf. So in etwa hatte er gedacht.
„Und ich kann es Euch nicht einmal verdenken“, fuhr Schlobart fort. „Dieses Schurkenstück schreit nach Rache.“
Mauro sah den alten Meister erstaunt an. Doch Schlobart war noch nicht am Ende: „Was würde diese Rache bringen?“ fragte er. Noch ehe Mauro antworten konnte, fuhr er fort: "Die Almanen würden sich mit den Ostkethen verbünden und Euch den Krieg erklären. Eine Woge von Schmerz und Leid würde durch das Land brausen. Wackere Krieger büßten ihr Leben ein. Hunger und Not kämen in Städte und Dörfer, auf beiden Seiten.“
Mauro nickte: „Um diesen Krieg zu verhindern, bin ich von Brig ausgezogen. Rache kann nicht die Lösung sein. Sie ist keine gute Antriebskraft für einen König, der ein zerstörtes Land wieder aufbauen soll. Gerade jetzt möchte ich meinem ausgelaugten Volk keinen weiteren Feldzug aufbürden!“
„Schlimmer noch: Euch persönlich würde es gar nichts bringen“, mahnte Schlobart. „Selbst ein Meer von Blut verhindert nicht, dass Sigrun bald eines anderen Mannes Frau sein wird.“
Mauro begriff: „Es gibt also keinen Weg?“
„Keinen, der sie Euch zurückbringt!“ erwiderte Schlobart.
Mauro fühlte, wie die Kälte von ihm Besitz ergriff. Er ging ein paar Schritte nach vorne und stützte sich auf den nächsten Baum. Verzweifelt krallte er seine Finger in dessen Rinde und schlug den Kopf gegen den Stamm. Alles in ihm schien zu erfrieren.
Wie der König fiel auch der Baum in eine eisige Starre. Als Mauros Hand ihn berührte, erfroren auf einen Schlag alle Blüten – als wäre der Winter zurückgekehrt.
Nach dem Abschied von Mauro kehrte Sigrun mit wehem Herzen ins Lager zurück. Malwin stand mit seinen Männern im Kreis und sprach zu ihnen. Sigrun meinte, die Wortfetzen >Tellia von Moringart< und >Lösegeld< aufgeschnappt zu haben. Ihr schien, als erläutere Malwin einen Plan. Die Männer lachten derb, als hätte er ihnen einen anzüglichen Witz erzählt. Sigrun schlich näher. Malwin sagte irgendetwas über Hartmut von Bärenheim, und die Männer signalisierten grölend ihr Einverständnis.
Mehr konnte sie nicht herausfinden, denn Malwin bemerkte sie. „Es gibt gute Neuigkeiten!“ rief er ihr zu. „Ich habe Nachricht von Eurem Bruder bekommen. Er gibt nun doch dem Angebot des Erain Maur den Vorzug. Hartmut von Bärenheim ist unterwegs zum Birkensee, um Euch dort abzuholen. Wir kehren um!“
Sigrun glaubte ihm kein Wort. Die Mienen seiner Männer zeigten mehr als deutlich, dass er sie belog. Wahrscheinlich war er dahinter gekommen, dass Tellia sich in Dietrichs Lager aufhielt, und wollte für sie Lösegeld erpressen. „Das kommt gar nicht in Frage“, sagte sie von oben herab. „Wenn Ihr tatsächlich ein Bote aus Brig seid, dann bringt Ihr mich ohne Verzug zu meinem Gemahl. Dafür bezahlt Fürstin Morriell Euch schließlich.“
„Fürstin Morriell ist nicht die einzige Herrin, der ich diene!“ lachte Malwin. „Ich habe soeben ein besseres Angebot erhalten. Das müsste Euch doch freuen: Ihr dürft wieder heim!“
Bald standen sie wieder am Birkensee. Doch Dietrichs Winterlager war leer. Die Almanen waren fortgezogen.
„Sagt uns, wo wir sie finden“, verlangte Malwin von den drei Frauen. „Ihr wollt doch so schnell wie möglich bei den Euren sein. Zeigt uns den Weg zu ihrem Quartier!“
„Sagt es ihnen nicht“, beschwor Sigrun die Gefährtinnen. „Sie wollen das Lager überfallen, um Tellia in ihre Gewalt zu bekommen. Ihr dürft Malwin nicht trauen!“
„Das ist lächerlich“, erwiderte Ortrud. „Wegen Tellia wäre Malwin niemals umgekehrt. Ihr seid viel wertvoller als sie. Ich möchte nach Hause. Darum werde ich ihm sagen, wohin Dietrich üblicherweise zieht, wenn sein Stamm das Winterquartier verlässt.“
Sigrun versuchte verzweifelt, Ortrud von ihrem Vorhaben abzubringen: „Schlag ihnen vor, uns hier zurückzulassen. Wir werden Dietrichs Lager schon finden!“
„Euch hier lassen, ganz allein in der Wildnis?“ sagte Malwin mit gespieltem Entsetzen. „Wo die Wölfe um diese Jahreszeit besonders hungrig sind? Das kann ich nicht verantworten.“
„Nein, nein, das ist viel zu gefährlich“, pflichtete Ortrud ihm bei. „Ich zeige Euch den Weg.“
Es dauerte nicht lange, und sie erreichten Dietrichs Lager. Es war kleiner als zuletzt, denn im Frühjahr gingen die einzelnen Sippen getrennte Wege. Auch hatte Dietrich bewusst darauf gedrungen, dass nicht zu viele von ihnen an einer Stelle anzutreffen waren.
Der Anführer schickte die drei Mädchen voran ins Lager. Dietrichs Tochter eilte auf ihren Vater zu und flog ihm um den Hals.
„Schön, dass Ihr wieder vereint seid!“ sagte Malwin. „Lasst mich Eure Freude mit Euch teilen!“ Er streckte Dietrich seine rechte Hand zum Gruße entgegen.
Dietrich sah ihn misstrauisch an. Von diesem Manne erwartete er nichts Gutes.
„Wer wird denn so zögerlich sein an diesem Freudentag? Kommt lasst uns ein Fest feiern, wie die Welt es noch nie gesehen hat!“ lachte Malwin. Er zog sein Schwert und stieß es Dietrich langsam und genüsslich in den Leib: „Das Schlachtfest hat begonnen!“
Die anderen Zauberer zogen einen Bannkreis um das Lager und kesselten die Bewohner ein. Alte, Männer und Kinder töteten sie sofort. Die hübschen jungen Frauen und Mädchen trieben sie zusammen.
Sigrun warf sich vor Dietrichs Gattin: „Lasst sie in Ruhe, Ihr Schufte!“ Doch Dietrichs Gattin fürchtete nicht um ihr eigenes Leben. Sie nutzte die gewonnene Zeit, um zwei ihrer jungen Töchter die Kehle durchzuschneiden. Damit entzog sie sie dem brutalen Zugriff der Banditen.
Malwin sah mit gespieltem Bedauern auf das Blutbad und sagte zu Sigrun: „Das haben die Birkenseer Euch zu verdanken, Prinzessin. Warum habt Ihr uns nicht gleich gesagt, dass die Tochter des Vogtes von Moringart hier ist? Ihr hättet mir den lästigen Umweg ersparen können, der Dietrich leider das Leben gekostet hat.“
„Mein Bruder wird seinen Oheim rächen!“ sagte Sigrun zornig.
„Ja, bestimmt. Doch er erwischt die Falschen. Schon bald wird Hartmut von Bärenheim mit einer Delegation aus Furukiya hier eintreffen. Es wird Zeugen geben, die gesehen haben, wie er aus Wut über die Zurückweisung der Brautwerbung seines Königs das Lager verwüstet und Dietrichs gesamte Sippe abgeschlachtet hat. Wenn Dein Bruder die Kunde erfährt, wird er blutige Rache nehmen. Doch nicht an uns!“ Der Anführer lachte voller Häme.
Einer der Banditen schleppte Tellia herbei und sagte: „Chef, die gehört mir. Ihr Vater wollte sie mir nicht geben. Jetzt hole ich mir meinen Preis!“
„Du Schwein, lasse Deine dreckigen Pfoten von mir“, schäumte Tellia und versuchte, ihm auszukommen.
„Lasse sie los“, befahl Malwin. „Die ist für uns wertvoll wie Gold. Sie ist die Braut eines Häuptlingssohnes. Du kennst die Sitte. Hast Du sie erst einmal geschändet, zahlt er keinen Silberling mehr. Also reiß Dich zusammen. Ich warne Dich. Soviel bist nicht einmal Du mir wert, dass ich Dir das durchgehen ließe!“
Maulend zog der Ermahnte seine Hände zurück.
„Sammelt alles Brauchbare ein und verstreut die Feldzeichen der Bärenheimer. Nehmt an Vieh und Weibern mit, was Euch gefällt. Lasst keine Überlebenden zurück.“ Dann wandte er sich feixend an Sigrun: „Jetzt habt Ihr wenigstens eine ansehnliche Mitgift. Was Euer Bruder mir mitgab, war beschämend. Dietrichs Herden sind fetter. Nun freut Euch. Wir ziehen auf schnellstem Wege nach Brig!“
Yvo überredete Hartmut, zum Birkensee weiterzureiten. Er stand Ingram im Wort, dessen Verlobte Tellia heil nach Hause zu bringen.
Rigbert von Rigland verweigerte ihnen den üblichen Geleitschutz. Mit den Worten >was kümmern mich die Weiber Eures Königs< hatte er sie fortgeschickt. Nun hatten sie Mühe, Dietrichs Lager ausfindig zu machen. Hartmut wollte die Suche schon aufgeben, doch Yvo ließ nicht locker: „Es kann nicht mehr weit sein.“
Schließlich war ihnen das Glück hold. Sie trafen auf Wolframs Sippe. Wolfram war ihnen von den Verhandlungen in Moringart her bekannt. Er hatte sich nach einem Zwist mit Rigbert Dietrich angeschlossen. Wolfram war bereit, sie zu Dietrichs Lager zu führen, auch wenn er den Sinn ihres Tuns nicht verstand. Er war dabei gewesen, als die Brautwerber Sigrun abgeholt hatten und wusste, dass an Rigberts Entscheidung nicht zu rütteln war. Allerdings bestätigte er, dass die Dame Tellia sich noch in Dietrichs Obhut befand.
Im Lager angekommen sahen sie ein Bild der Verwüstung. Alles lag drunter und drüber. Zwischen den niedergerissenen Zelten fanden sie zahlreiche Tote. Ein Junge und ein Mädchen saßen schluchzend über den Leichnam ihrer Mutter gebeugt. Sie berichteten, dass sie beim Pilze sammeln gewesen waren. Sie hatten getrödelt, waren von der Dunkelheit überrascht worden und nächtigten in einer Höhle. Als sie am nächsten Tag heimkehrten, waren alle anderen tot.
Wolfram ballte die Faust: „Das waren gewiss die Banditen, die Sigrun abgeholt haben. Sie behaupteten, sie würden sie auf Geheiß ihres Bruders nach Brig geleiten. Doch Dietrich wusste sofort, dass das keine richtigen Gesandten waren.“
„Keine richtigen Gesandten? Wie meint Ihr das?“ fragte Hartmut verwundert.
„Es waren Almanen, doch keine Rigländer. Es waren Zauberer, doch nicht aus dem Gefolge der Herrin von Brig. Dietrich vermutete, dass sie zu dem Zaubergesindel gehörten, das seit Jahren unsere Berge unsicher macht.“
Dazu wusste Hartuin etwas zu erzählen: „Als ich zum ersten Mal das Elfenreich verließ, sind wir solchem Zaubergesindel begegnet. Selbst Mauro hatte Mühe, gegen ihren Anführer die Oberhand zu behalten. Damals kämpfte ich meinen ersten richtigen Kampf!"
„Ja, mit denen ist nicht zu spaßen. Dietrich ordnete an, dass sich die einzelnen Sippen seines Stammes über mehrere Täler verstreuen sollten. Seine besten Krieger schickte er auf die Bärenjagd. Er wusste, dass er gegen die Zauberer keine Chance haben würde und wollte die Zahl der Opfer so gering wie möglich halten. Das ist ihm wohl gelungen!“
„Er war ein großer Häuptling“, pflichtete Hartmut ihm bei. „Sein Tod ist ein Verlust für alle Almanen.“
Plötzlich fand Hartmut etwas Merkwürdiges. Er wies auf einen Schild, der wie hin drapiert über einem Toten lag: „Unser Feldzeichen. Wie kommt das hier her?“
Die anderen zuckten die Schultern. Auch sie konnten sich keinen Reim darauf machen. Gemeinsam bestatteten sie die Toten. Hartuin sprach ein Elfengebet für sie.
„Merkwürdig, es sind fast keine jungen Frauen und Mädchen darunter!“ fiel Wolfram auf.
„Tellia ist auch nicht unter den Toten“, wunderte sich Yvo.
„Was machen wir jetzt?“ fragte Hartuin.
„Für uns ist die Reise hier zu Ende!“ bestimmte Hartmut. „Ich mische mich nicht in fremde Stammesangelegenheiten ein.“
„Mit meinen wenigen Leuten kann ich die Verfolgung nicht aufnehmen“, bekannte Wolfram. „Wir werden Rigbert um Hilfe bitten. Es sind auch seine Verwandten, die hier in ihrem Blute liegen. Und seine Schwester wurde entführt.“
„Sollen wir nicht Tellia…“ meinte Yvo vorsichtig.
„Nein. Unter gar keinen Umständen. Was meinst Du, welche diplomatischen Verwicklungen wir auslösen, wenn wir jetzt auf eigene Faust weitersuchen!“ widersprach Hartmut energisch.
„Ihr kehrt besser nach Hause zurück“, bestätigte ihn Wolfram. „Wenn wir der Banditen habhaft werden, finden wir auch Eure Dame Tellia. Dann geleite ich sie persönlich an die Furt!“
Yvo zog den Kopf ein und schwieg. Er war mit der Antwort nicht zufrieden. Zwar trat er mit den anderen den Rückweg ins Rigland an, doch er nahm sich vor, mit Tellia Verbindung aufzunehmen. Das war schwierig, denn er hatte kein klares Bild von ihr. Als Ingrams Mädel hatte sie ihn nicht sonderlich interessiert. Immerhin fühlte er, dass sie noch am Leben war.
Als Yvo endlich Kontakt zu Tellia bekam, waren sie schon auf halbem Weg ins Rigland. Die Verbindung klappte nicht so gut, wie Yvo es gewohnt war. Das Mädchen war zu verstört. Immerhin schaffte er es für kurze Zeit, sich in ihren Kopf einzuklinken. Was er herausfand, gab er an die anderen weiter: „Tellia ist tatsächlich in der Gewalt einer almanischen Räuberbande. Die Banditen treiben sie und weitere Frauen mit einer größeren Vieh-Herde durch den Wald nach Norden. Ich fühlte die Gegenwart starker Zauberer.“
„Vielleicht wollten die Banditen den Anschein erwecken, als hätten wir Dietrich überfallen“, mutmaßte Hartmut von Bärenheim. „Das wäre eine Erklärung für unser Feldzeichen...“
„Diese plumpe Täuschung gelingt ihnen nicht. Wir waren bei Euch und wissen, dass Ihr es nicht getan habt", versicherte Wolfram.
„Da wäre ich nicht so sicher. Traut Rigbert Euch denn?" Hartmut war besorgt.
Wolfram schüttelte den Kopf.
„Wir müssen vorsichtig sein", gab Wolframs Frau Helma zu bedenken. „Womöglich steckt Rigbert mit den Halunken unter einer Decke."
„Rigbert liebt seine Schwester und würde ihr niemals etwas antun“, verteidigte Wolfram seinen Vetter. Nach einer Pause fügte er nachdenklich hinzu: „Es ist allerdings ungewöhnlich, dass er Sigrun nicht selbst nach Brig geleitet. Vielleicht laufen einige Dinge an ihm vorbei. Ich werde mit Rigbert reden!"
„Das ist keine gute Idee", wandte Frau Helma ein. „Ihr seid der denkbar schlechteste Unglücksbote. Rigbert fürchtet Euch. Lasst mich gehen. Auf eine Frau wird er eher hören!"
Zwei Tage später ging Helma mit den beiden überlebenden Kindern in Rigberts Lager. Die Zauberer Yvo, Iorghe und Sascha begleiteten sie unauffällig. Yvo klinkte sich in Helmas Kopf ein, um zu erfahren, was im Lager vor sich ging.
Rigbert empfing Helma mit Häme: „Ei, sieh da, Wolframs Gattin kehrt zu uns zurück. Hat Dein Mann eine Jüngere gefunden, dass Du ihm den Rücken kehrst?"
Helma reagierte nicht auf die Unverschämtheiten. Sie erstattete Bericht. Rigbert hörte schweigend zu. Als sie geendet hatte, rief Rigbert zwei halbwüchsige Jugendliche zu sich. „Diese Frau behauptet, die beiden Kinder hier hätten das Gemetzel überlebt. Kennt Ihr sie?"
Die beiden Halbwüchsigen schüttelten den Kopf: „Die gehören nicht zu unserer Sippe. Wir haben sie nie gesehen."
Auch die Kinder in Helmas Begleitung kannten die anderen beiden nicht.
„So ist das also", sagte Rigbert mit zorniger Stimme. „Wolfram steckt mit den Mördern unseres Oheims unter einer Decke. Er liefert uns falsche Beweise, möchte uns von der Schweinefurth weglocken, damit wir den Weg für Hartmut freimachen. Daraus wird nichts."
„Herr, er sorgt sich um das Wohl unseres Stammes. Wir dürfen Raub und Mord nicht dulden!" plädierte Helma eindringlich.
„Er sorgt sich um das Wohl unseres Stammes. Er will wohl an meiner Stelle König werden? Das ist Hochverrat."
„Ihr beide wart nicht immer einer Meinung. Doch ihn des Verrats zu bezichtigen, das hat mein Gatte nicht verdient!" rief Helma leidenschaftlich aus.
„Er ist ein Verräter! Denn diese beiden Kinder hier sind die einzigen Überlebenden der Bluttat. Sie haben mit angesehen, wie Dietrich von Hartmuts Bärenjägern abgeschlachtet wurde.“
„Nehmt Vernunft an, Vetter Rigbert", flehte Helma. „Macht Euch frei von dem Zauber, der Euch gefangen hält. Eure Schwester Sigrun ist in den Händen der Verbrecher. Sie braucht Eure Hilfe!"
„Meine Schwester Sigrun ist auf dem Wege zu ihrem Bräutigam nach Brig. Das hat mit Fürstin Morriell persönlich versichert. Sie ist wohlbehalten, ihr fehlt gar nicht. Bald wird sie in den Armen ihres Gemahls liegen. Eines Gemahls, den ich mit Sorgfalt ausgewählt habe."
„Sie ist eine Gefangene. Und sie ist nicht die einzige Eurer Verwandten, die den Banditen in die Hände fiel. Auch Eure Base Ortrud... Rettet sie!"
Doch Rigbert hörte nicht auf sie. Er wandte sich den beiden Jugendlichen zu: „War auch Wolfram unter den Mördern?“ fragte er. Die beiden bejahten. „Seht her“, rief er seinen Stammesbrüdern zu, „hier ist Helma, die Gattin des Verräters Wolfram. Sie steckt mit den Mördern vom Birkensee unter eine Decke. Hiermit erkläre ich sie und ihren feinen Gemahl für vogelfrei. Steinigt sie!“
Die Dorfbewohner quittierten seine Worte mit zornigen Rufen. Der feige Mord an Dietrich hatte sie über die Maßen erzürnt. Sie hatten nicht verstanden, warum Rigbert so lange untätig blieb. Nun endlich präsentierte ihr Häuptling ihnen eine Schuldige. Sie hoben Steine auf und begannen, diese zu werfen. Helma fasste die Kinder an den Händen und rannte, so schnell sie konnte.
Yvo und seine Zauberer hielten die Geschoße von den Fliehenden ab, so gut es ging. Als sie weit genug vom Lager entfernt waren, entzog Iorghe sie durch eine Nebelwand. Blutüberströmt und weinend kehrten sie zu Wolfram und Hartmut zurück.
Als sie weit genug weg waren, fanden sie sich zur Beratung zusammen. „Rigbert glaubt den Banditen, dass wir die Missetäter sind“, rief Hartmut aufgebracht. „Dabei bringt Dietrichs Tod uns überhaupt keinen Nutzen. Im Gegenteil: in ihm verlieren wir einen berechenbaren Verhandlungspartner und die Almanen einen großen Häuptling.“ Hartmut hielt große Stücke auf den Verstorbenen.
„So denkt Rigbert nicht“, wandte Wolfram ein. „Er sah in ihm einen Konkurrenten. Dietrichs Tod und meine Verbannung festigen seine Macht. Warum er Euch mit hineinzieht, begreife ich allerdings nicht. Er sollte wissen, dass er damit den Erain Maur herausfordert.“
„Darüber hat er sich gewiss keine Gedanken gemacht. Mir scheint eher, er ist durch einen üblen Zauber betört“, meinte Hartuin. „Wahrscheinlich gehörten die beiden Jugendlichen zu den Banditen!“
„Die beiden sind Jungzauberer. Ich konnte deutlich die destruktiven Schwingungen fühlen, die von ihnen ausgingen“, pflichtete ihm Yvo bei. „Und in Yelvas Gedanken fand ich eine wahre Schlangengrube. Mir schien, als hätte sie die Sache ausgeheckt und wäre mit dem Verlauf überaus zufrieden.“
„Immerhin sind wir am Leben“, tröstete sich Wolfram. „Das ist mehr, als Dietrich vergönnt war.“
„Am Leben ja, doch wir sitzen in der Falle. Rigbert sperrt mit seinen Leuten die Schweinefurth. Was tun wir jetzt?“ Selbst Hartmut war ratlos.
"Ich frage meine Mutter um Rat", schlug Hartuin vor.
"Gute Idee. Erst jedoch ziehen wir uns tiefer in die Berge zurück. Sie werden uns suchen", wies Hartmut an. "Wir bleiben auf jeden Fall beisammen", bot er Wolfram an.
Dieser nickte nur traurig. Weit war es mit den Rigländern gekommen, dass sie ihre eigenen Leute steinigten.
Hartuin nahm Kontakt zu seiner Mutter Giwileth auf. Es dauerte nicht lange, und die schöne Elfenfrau materialisierte sich in ihrer Mitte. Sie war hocherfreut, Hartmut und ihren Sohn wiederzusehen. Nachdem man einander ausgiebig umarmt und aufs herzlichste begrüßt hatte, erstattete Hartmut Bericht.
Yvo betrachtete die Elfe voller Faszination. Er kannte Feen und Halbelfen, jedoch eine richtige Elfe war ihm noch nie begegnet. Rasch merkte er, dass er sich bei ihr nicht so einfach in die Gedanken einklinken konnte wie bei den Menschen. Ihre Schwingungsfrequenz war viel zu hoch.
Als Hartmut mit seinem Bericht geendet hatte, sagte Giwileth: „Der arme junge Rigbert. Ein düsterer Zauber verwirrt ihn.“
„Ich denke eher, der Alkohol und seine junge Gattin verwirren gemeinsam seine Sinne“, mutmaßte Yvo. Ihm war aufgefallen, dass Rigbert keinen klaren Gedanken fassen konnte.
„Was sollen wir jetzt machen?“ fragte Hartuin seine Mutter.
„Bleibt einfach ein paar Tage bei mir und kehrt dann über den Gilgor heim. Ich regle das mit Königin Innath. Sie gibt euch sicher freies Geleit durch das Elvellon!“
„Aber Tellia?“ warft Yvo ein. „Wir können sie doch nicht in Stich lassen…“
„Die Wahrscheinlichkeit, dass sie durch Lösegeld frei kommt, ist höher, als wenn wir sie mit Waffengewalt befreien“, entschied Hartmut. „Jedenfalls lasse ich Euch auf keinen Fall alleine in diesen Wäldern herumspazieren. Was meint Ihr, was Euer Bruder mir erzählt, wenn Euch etwas zustößt?“
Yvo fügte sich grollend. Er war mit der Lösung nicht zufrieden. Sie folgten Mutter Giwileth in das Dickicht des Elfenwaldes. Mauro wollten sie vorerst nicht über die Geschehnisse unterrichten. Der König war auf dem Weg zur Krönung nach Mandrilar und brauchte dafür all seine Kraft. Der Gedanken, dass seine geliebte Sigrun in die Hände gemeiner Verbrecher gefallen war, würde ihm unnötig das Herz schwer machen.
Im Lager der Rigländer kraulte die junge Königin ihrem Gatten die Brusthaare, während sie mit ihm zwischen den Fellen lag. „Es ist geschafft“, frohlockte sie. „Den neunmalklugen Dietrich seid Ihr auf alle Zeit los!“
„Schon wurde gemunkelt, dass die Stämme Dietrich an meiner Stelle zum König ausrufen wollen!“ knurrte Rigbert.
„Wolfram hat sie aufgewiegelt. Nun ist er vogelfrei, und keiner wird wagen, Euch den Thron streitig zu machen.“
„Das will ich ihnen geraten haben!“ murmelte Rigbert düster. Er überlegte eine Weile. Einiges an den Geschehnissen kam ihm merkwürdig vor: „Wer gab Malwin eigentlich den Befehl, Dietrich zu beseitigen?“
„Dafür brauchte er keinen Befehl. Wir unterhielten uns bloß ein wenig durch den Mondstein, den er Sigrun abgenommen hat!“ lächelte Yelva. Als Rigbert nicht gleich verstand, erläuterte sie: „Das Lösegeld für Tellia von Moringart und die üppigen Vorräte in Dietrichs Lager waren Anreiz genug, der Schwester diesen kleinen Liebesdienst zu tun. Wir sind schließlich verwandt!“
Rigbert erinnerte sich an die freudige Überraschung, als die beiden einander erkannten: „Wie schön, dass Ihr Euren Bruder wiedergefunden habt. Er ist sympathischer als der Rest Eurer merkwürdigen Familie.“
„Was meint Ihr, wie glücklich ich bin? Keiner von uns ahnte, dass Malwin noch am Leben ist. Plötzlich steht er vor mir, als hätte ich ihn gerufen!“ gluckste Yelva fröhlich.
„Den Überfall auf Dietrich hinterher Hartmut in die Schuhe zu schieben, war eine geniale Idee von ihm. Damit sind wir sie beide los.“
Yelva lächelte hinterhältig: „Nicht von ihm. Die Idee stammt von mir.“ Als Rigbert sie erschrocken ansah, fügte sie hinzu: „Habt Ihr mir nicht erzählt, dass die Furukim erst vor Jahresfrist ohne Kriegserklärung die Grenze überschritten haben? Plündernd sind sie durch das Rigland gezogen und haben die Besten Eures Volkes erschlagen. Es war höchste Zeit, dass Ihr Euren Vater rächt. Eure Untertanen werden es zu schätzen wissen.“
