Ferens Heimkehr - Solveig Kern - E-Book

Ferens Heimkehr E-Book

Solveig Kern

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Beschreibung

Im 6. Band ist Mauros Herrschaft unumstritten. An der Seite seiner jungen Gattin bewältigt er mühelos seine königlichen Aufgaben. Um den König wirkungsvoll zu unterstützen müssen sich auch seine Gefährten weiterentwickeln. Feren stellt sich schonungslos den Schatten der Vergangenheit. Er begräbt seine Toten und räumt rigoros mit falschen Freunden und überkommenen Loyalitäten auf. Seine Treue gegenüber Mauro wird hart auf die Probe gestellt, als er Seite an Seite mit seinem Todfeind Hanok Mauros Familie vor Barren schützen muss. Die Herausforderung ist groß genug, dass die beiden ihre Befindlichkeiten zurückstellen – zumindest vorerst.

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Seitenzahl: 491

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Solveig Kern

Ferens Heimkehr

Furuks Erbe Band 6

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1: Die Frau des Königs

Kapitel 2: Ein Brettspiel

Kapitel 3: Königlicher Sommer

Kapitel 4: Im Palast

Impressum neobooks

Kapitel 1: Die Frau des Königs

Mauro schaffte es gerade noch, vor den ersten Schneefällen den Wolkenpass zu überqueren. Hätte er länger gezögert, wäre die Passage unter hohen Schneewehen verschwunden gewesen. Nun ritten sie aus den nördlichen Hügeln auf die Hauptstadt zu. Aus dieser Perspektive sah Mandrilar noch viel bedrohlicher aus, als von der westlichen Seite. Je näher sie an die Stadt herankamen, desto einsilbiger wurde Mauro. Düstere Erinnerungen waren mit diesen Mauern verbunden. Weder bei seinem ersten Einzug nach dem Ithrynmaeth noch bei seiner Rückkehr nach dem gewonnenen Krieg gegen die Kojotim hatten die Bürger ihn willkommen geheißen. Mandrilar – das hieß für ihn Alpträume, Gestank und Verrat.

Sigrun hatte seinen Stimmungswechsel wahrgenommen. Sie versuchte, sich selbst ein Bild von der Stadt zu machen. Aus der Ferne sah sie aus wie ein riesiges Gehirn. Das Gebilde schien zu pulsieren. Es schickte eine düstere Schwingung ins Land. Sigrun schauderte.

Mauro bemerkte ihr Frösteln. „Wenig einladend.“

„Eine Dämonenstadt“, erwiderte Sigrun.

Mauro sah sie überrascht an. In der Tat hatte der graue Moloch etwas Dämonisches an sich. Mit geschlossenen Augen spürte er der Schwingung nach. Da war nichts Lichtes, Freundliches. Nur dumpfe Bedrohung. >Man sollte Mandrilar dem Erdboden gleich machen<, schoss ihm durch den Kopf. Zu Sigrun sagte er: „Fürchtet Euch nicht, Liebste. Wir bleiben nicht länger als nötig. Sobald die Luft lauer wird, ziehen wir nach Süden. Frühling in Alicando gehört zu den schönsten Dingen, die dieses Land zu bieten hat. Winter in Mandrilar hingegen zu den schrecklichsten.“

„Ihr werdet Euch hier krönen lassen?“ fragte Sigrun.

Mauro schüttelte den Kopf. Er hatte sich schon vor einiger Zeit dagegen entschieden. „Ich tat einen Schwur, dass ich die Krone erst annehme, wenn ich dem Heere den Sieg und dem Volk den Frieden gebracht habe. Der Sieg wurde mir letztes Jahr zuteil, doch den Frieden muss ich erst schaffen. Neylar ist nicht das einzige Lehen, das neu geordnet werden muss. Für andere vakante Provinzen habe ich keinen so überzeugenden Kandidaten wie Bertram. Ich muss gut überlegen, in wessen Hände ich Land und Leute gebe. Erst wenn all diese offenen Fragen geregelt, das Land bestellt und die erste Friedensernte eingefahren ist, will ich zur Krönung reiten. So habe ich es der Hohepriesterin gesagt. Sie hat meine Entscheidung akzeptiert.“

Mauro erwähnte nicht, dass es mehrere Gründe gab, die Krönung hinauszuzögern: zum einen wollte er die zauberhafte junge Sigrun nicht gleich zu Beginn mit Königin Yerion konfrontieren. Mauro zweifelte keinen Moment daran, dass Yerion Sigrun die Herrin zeigen und ihre Unterwerfung einfordern würde. Er war noch zu sehr in Flitterwochenstimmung, als dass er Sigrun diese Demütigung zugemutet hätte. Zum anderen beschäftigte ihn die Frage, zu welchem Pakt der Dämon ihn damals verleiten wollte. Ehe er darauf keine Antwort fand, würde er die Maiyar-Krone nicht annehmen. Lieber trug er die Alicando-Krone seines Großvaters Xiron.

Sie umrundeten die Stadt, um Sigrun den Einzug über die Prachtstraße zu ermöglichen. Vor dem Haupttor sammelten sie sich zum Einzug.

Mauro ließ die Erinnerung an seinen letzten Besuch vor seinem geistigen Auge vorüberziehen. Die Rebellen hatten ihnen den Zugang verwehrt. Yerion hatte die Göttin beschworen und mit ihrer Hilfe das Öffnen der Tore erzwungen. In den Straßen und vor dem Palast wurde heftig gekämpft. Mauro erinnerte sich an den Gestank von Blut und Unrat. Beides floss im wolkenbruchartigen Regen die Straße entlang. Nun kehrte Mauro in seine Hauptstadt zurück. Würde es ein neuerliches Blutbad geben? Er mahnte seine Garde zur Wachsamkeit.

Auch Sigrun war beklommen. Die Almanen lebten nicht in Städten. Die Festung Moringart war ihr schon groß und unübersichtlich erschienen. Mandrilar überstieg ihre kühnsten Vorstellungen. Das mehrstöckige Stadttor war so furchteinflössend, dass sie sich wie eine Zwergin vorkam. Da sollte sie hindurch reiten? Hier sollte sie als Frau des Königs leben und ihre Kinder großziehen? Sie fühlte sich mutlos und niedergedrückt.

Auf Mauros Signal hin schwangen die riesigen Torflügel auf. Den Mechanismus betätigten mehrere Männer und Maulesel. Die Torwache trat zackig an und salutierte vor dem König. Mauro lenkte sein Pferd zur Seite und sprach mit dem Hauptmann. So erfuhr er, dass die im Dienst verbliebenen, gut ausgebildeten Stadtwächter drei der fünf Tore kontrollierten. Für die beiden kleineren Torposten hatte Alagos neue Leute eingestellt. Der Hauptmann ließ durchblicken, dass es sich um Fremdlinge aus anderen Provinzen handelte. Immerhin erfuhr Mauro, dass in der Stadt wieder Ruhe und Ordnung herrschten.

Während Mauro sich mit dem Hauptmann der Torwache unterhielt, war Sigrun schon ein Stückchen voran geritten. Jetzt eilte er ihr nach und traute seinen Augen nicht: die Hauptstrasse war gesäumt von einer Menschenmenge, die Blumen streute und >Eraindi< (Königs-Frau) rief. Kinder waren zu Sigrun hingelaufen und reichten ihr Blumen. Die Gardisten wollten die Kinder abdrängen. Sigrun jedoch beugte sich hinunter und nahm mit freundlichen Worten die Blumen entgegen. Die Menge jubelte ihr zu. Auf dem ganzen Weg bis zum Schlosstor begleitete sie eine Welle der Begeisterung. Die bedrohlichen Hochhäuser und die düsteren Gassen nahm Sigrun in dem Trubel gar nicht wahr. Die Menschen von Mandrilar bereiteten ihr einen unvergesslich herzlichen Empfang.

Mauros Tage in Mandrilar waren randvoll mit Aufgaben. Sie gingen ihm leicht von der Hand, denn am Abend wartete der schönste Lohn: seine junge Frau. „Wie kommt Ihr zurecht?“ wollte er von Sigrun wissen. Die erste Woche im Palast von Mandrilar lag bereits hinter ihr.

„Ich weiß nicht recht, was ich mit meinen Tagen anfangen soll“, entgegnete Sigrun wahrheitsgemäß. „Hier gibt es keine Möglichkeit, auszureiten. Nirgendwo ein bisschen Grün. Pflichten habe ich keine. Alles, was getan werden muss, wird von anderen erledigt. Ich kann nur abwarten, bis Euer Tagwerk getan ist, Liebster. Dann bin ich gerne für Euch da.“

„Ihr braucht Zerstreuung“, konstatierte Mauro. „Der Winter hat kaum begonnen. Es wird Wochen dauern, bis wir Mandrilar wieder verlassen. Nur herumzusitzen macht Euch trübsinnig. Ihr solltet Hofdamen haben, die Euch die Zeit vertreiben. Mir fällt bloß keine ein, die sich eignet.“

Sigrun nickte betrübt: „Auch ich kenne niemanden, mit dem ich gerne beisammen wäre. Die Frauen von Alagos, Narghey, Goswin und Eryndîr geben sich große Mühe, doch sie sind wesentlich älter als ich. Rüdigers Käthe ist eine Nervensäge. Die jüngeren Mandrilaninnen scheinen sich vor mir zu verstecken. Selbst Tellia macht sich rar. Wir sind nie richtig vertraut miteinander geworden.“

Mauro lachte bitter. „Vor mir haben die Mandrilanen auch ihre Töchter versteckt. Zu Beginn meinte ich, hier gäbe es überhaupt keine Frauen.“

„Liebster, ich will mich nicht beklagen. Meine Gefährtin Ortrud ist mir eine wichtige Stütze. Ich bin froh, dass sie den Banditen entkommen ist.“

Ortrud war nach dem Feuer am Mondteich mehrere Tage verschwunden. Sie erzählte allen, die Banditen hätten sie verschleppt. Die Geschichte ihrer angeblichen Flucht überzeugte Mauro nicht. Zu gerne hätte er sie einer intensiven Befragung unterzogen, doch seine junge Frau bettelte um Schonung. Mauro mochte Sigrun nicht die einzige Gefährtin aus ihrer Heimat nehmen. Deshalb duldete er Ortruds Anwesenheit, obwohl er ihr zutiefst misstraute. „Es ist nicht gut, wenn Ihr Euch von den Einheimischen abkapselt. Ich werde für die Gesellschaft gleichaltriger Damen sorgen. Wenn schon die Mandrilanen ihre Töchter unter Verschluss halten, holen wir eben Sommerländerinnen. Gleich morgen spreche ich mit Condir Uluk.“

Kurze Zeit später traf Condir Uluk aus Alicando ein. Mit ihm kam ein ganzer Pulk von Sommerländerinnen in die Hauptstadt.

Der Winter war die Zeit, wo Pläne geschmiedet und Politik gemacht wurde. Alle, die Rang und Namen hatten, wollten dabei mitmischen. Traditionell folgten die Gattinnen ihren Männern, sobald diese für längere Zeit an einem festen Ort stationiert waren. Das Leben eines Kriegers konnte kurz sein. Deshalb nutzten die Paare jede Gelegenheit für ein längeres Beisammensein. Die edlen Damen wurden von ihren Zofen und Mägden begleitet. Das brachte auch die einfachen Krieger zum Träumen.

Uluk hatte unverheiratete Mädchen mitgebracht, die seine Gattin Choja als Hofdamen für geeignet hielt. Darunter waren seine eigene Tochter Ana und seine Nichte Ildigo. Er geleitete sie zu Sigrun.

Die Eraindi longierte gerade den feurigen schneeweißen Hengst, den Mauro ihr zur Hochzeit geschenkt hatte. Sie konnte es kaum erwarten, mit dem prächtigen Tier ins Gelände zu reiten. Doch leider fand der König keine Zeit – und allein mit Ortrud ließ er sie nicht gehen. Nun hoffte sie auf die neuen Hofdamen, die sie eskortieren würden.

Ortrud kam zu ihr gelaufen: „Sigrun, Deine Eskorte ist eingetroffen! Nimm Deine Untertanen in Empfang. Im Land, wo immer die Sonne scheint, ist es zum Ausreiten offenbar zu heiß. Die Mädchen hocken im Sattel, als wären sie Mehlsäcke!“ Mit diesen spöttischen Worten übernahm Ortrud von Sigrun die Zügel des Hengstes.

Condir Uluk begrüßte die Eraindi mit ausgesuchter Höflichkeit. Er stellte ihr die jungen Damen vor. Der Gesichtsschnitt und die mandelförmigen Augen beider Mädchen deuteten darauf hin, dass zumindest ein Elternteil aus der östlichen Steppe stammte. Bei Ana war es die Mutter, die große Hexe Choja aus Yian Mah. Bei Ildigo ihr Vater Shakir, der bei der Garde diente. Ildigo war eine kühle Schönheit mit auffallend langem, schimmerndem schwarzem Haar. Ihr Gesicht war fein wie eine Elfenbeinschnitzerei, und ihre Kleidung unterstrich perfekt die makellosen Formen ihres jugendlichen Körpers. Man sah ihr an, dass sie gewohnt war, alle Blicke auf sich zu ziehen. Uluks Tochter Ana war eher der burschikose Typ. Während Ildigo wirkte, als wäre sie zu schön zum Atmen, steckte Ana voller Leben. Stets hatte sie ein Lachen im Gesicht und war zu allerlei Späßen aufgelegt. Die beiden Mädchen beugten tief das Knie vor ihrer künftigen Herrin.

Sigrun hatte Mühe, ihre Enttäuschung zu verbergen. „Sie sind jung…“ sagte sie zu Uluk.

„Gerade frisch von der Zauberschule“, bestätigte der stolze Vater. „Beide haben mit ansehnlichem Erfolg abgeschnitten. Meine Tochter Ana interessiert sich für Wirtschaft und Politik – genau wie Ihr. Sie wird Euch gewiss eine angenehme Gesprächspartnerin sein.“

„Und wofür interessiert sich Ildigo?“ Ortrud stand halb hinter dem Hengst verdeckt und sprach Almanisch, so dass die Sommerländer sie nicht verstanden. „Für Männer!“

Sigrun musste ein Lachen verbeißen. Sie hieß die beiden jungen Damen in aller Form willkommen. „Könnt ihr reiten?“ wollte sie wissen.

„Selbstverständlich!“ erwiderte Ana stolz. „Wir sind von Alicando bis hierher geritten!“

Sigrun, die mit Pferden aufgewachsen war, hatte andere Vorstellungen von einer guten Reiterin. Die beiden wirkten auf sie, als könnten sie ein Pferd nicht von einem Maultier unterscheiden. Ildigo vermied jede unnötige Bewegung. Sigrun fragte scheinheilig: „Seid Ihr vom Pferd gefallen? Ihr macht den Eindruck, als hättet Ihr Schmerzen!“

Ildigo bekam einen roten Kopf und rieb sich verstohlen den Ellbogen. Es gab keinen Knochen im Leib, der ihr nicht wehtat. „Ich muss gestehen, dass ich das Reiten noch üben muss. Es geht mit jedem Tag besser!“ versicherte sie mit einem Gesicht, das ihre Behauptung Lügen strafte.

„Wenn sie so fleißig weiter übt, macht sie bald Kopfstände im Sattel!“ ätzte Ortrud aus dem Hintergrund.

Sigrun dankte Uluk für seine Mühe und verabschiedete die Mädchen. Kaum waren die Sommerländer außer Sichtweite, fielen sich Sigrun und Ortrud lachend in die Arme: „Das sind zwei spezielle Grazien, die der gute Condir da anschleppt! Ich wette, die Übung dient bloß dazu, beiden möglichst schnell zu einem passablen Ehemann zu verhelfen!“

„Ich fürchte, Du hast Recht. Im Alter dieser Mädchen hatte ich auch bloß Jungs im Kopf!“ Sigrun seufzte: „Das sind nicht die gleichaltrigen Gesprächspartnerinnen, die ich mir als Hofdamen gewünscht hätte.“

„Immerhin können sie reiten!“ bemerkte Ortrud. „Das heißt im Klartext, sie haben es geschafft, mehrere Stunden aufrecht auf einem Pferderücken zu sitzen. Damit kommen sie ganz groß raus!“

„Was soll ich tun, Ortrud?“ fragte Sigrun. „Soll ich sie zurückweisen? Solch kicherndes Jungvolk möchte ich wahrlich nicht den ganzen Tag um mich haben. Andererseits will ich den König nicht brüskieren. Er hat sich Mühe gegeben, mir Zerstreuung zu verschaffen. Gäbe es bessere Kandidatinnen, hätte er sie aufgeboten!“

„Natürlich wirst Du die Mädels behalten!“ Ortrud war mehr als zufrieden mit Uluks Wahl. Diese jungen Dinger gefährdeten ihre Vormachtstellung nicht. „Was hast Du gegen kicherndes Jungvolk? Denke nur, wie viel Spaß wir beide haben, wenn die Jungs vor der Kammer der königlichen Hofdamen Schlange stehen. Vielleicht fällt auch für mich etwas ab!“

„Du denkst immer nur an eines!“ Sigrun gab der Freundin einen wohlmeinenden Klaps. Lachend wandten sich beide wieder der Arbeit mit dem Pferd zu.

„Wir könnten wetten, welche von beiden als erste verheiratet ist!“ schlug Ortrud nach einer Weile vor. „Ich tippe auf die kühle Ildigo.“

„Bildschön, aber leblos wie ein Gemälde. Die quirlige Ana kommt gewiss besser an“, vermutete Sigrun.

„Ildigo oder Ana. Wenn ich gewinne, gibst Du mir einen Beutel Goldstücke. Gewinnst Du, gebe ich Dir einen Kuss. Lass uns Spaß mit den Mädels haben. Schlag ein, Eraindi, die Wette gilt!“

Wie früher in Orod Ithryn

Im Kaminzimmer des Königs hatten sich die Würdenträger der Zaubergilde von Orod Ithryn versammelt. Zwei der anwesenden Herren kamen direkt aus Orod Ithryn. Hexenmeister Barad unterstützte Mauro nach Kräften. Längst hatte er erkannt, wie sehr der Zauberer auf dem Thron von Furukiya der Gemeinschaft förderlich war. Barad hatte einen Spezialisten mitgebracht, der an Mauros Energiemanagement arbeiten sollte.

Ziel der Zusammenkunft war, verborgene Gefahren im Umfeld des Königs zu entdecken und eine Abwehrstrategie gegen Mauros Widersacher Barren zu finden. Mauros Schutz hatte für Orod Ithryn oberste Priorität.

Es herrschte angespannte Konzentration. Mauro berichtete der Reihe nach über sämtliche Begegnungen zwischen ihm und Barren. Er versuchte, sich an möglichst viele Details zu erinnern. Die anderen halfen ihm mit Fragen und Ergänzungen.

Zum wiederholten Male wetterte Goswin gegen Hanok: "Herr, Ihr dürft diesen Mann nicht länger in Eurer Nähe dulden. Ihr könnt nicht abschätzen, was Barren in seinem Kopf angerichtet hat."

Mauro verteidigte seine Entscheidung: "Ich habe Hanoks Barrieren sofort nach seiner Befreiung überprüft. Sie waren intakt."

"Trotzdem könnt Ihr nicht wissen, ob Barren einen Anker gesetzt hat, den er später aktiviert. Konnte er damit rechnen, dass ihr Hanok am Leben lasst? Dann hat er ihn gewiss als Waffe präpariert“, mahnte Goswin.

Mauro dachte nach: „Ich halte das für unwahrscheinlich. Gemäß den Gepflogenheiten dieses Landes dürfte Barren nicht viele Gedanken an Hanoks Überleben verschwendet haben. Wäre ich nur einen Tag später aufgetaucht, hätte er ihn mir tot übergeben."

"Wahrscheinlich hatte Barren einfach Spaß daran, Hanok zu quälen“, meinte Barad. „Aber ein Restrisiko bleibt.“

Mauro blieb hart: "Das Restrisiko trage ich. Hanok steht nicht zur Disposition.“

Goswin wollte noch etwas sagen. Barad signalisierte ihm die Sinnlosigkeit seines Unterfangens: „Mir scheint, die beiden haben eine Übereinkunft aus der Anderwelt. Sie wollen diesen Weg gemeinsam gehen. Sonst verstehe ich nicht, warum der König bei Hanok immer wieder Nachsicht übt.“

So leicht mochte Goswin sich nicht zufrieden geben. Er suchte nach einer Lösung, die das Risiko Hanok beherrschbar machte: „Wir könnten Hanok in die Gilde von Orod Ithryn aufnehmen. Als sein Gildemeister hätte ich das Recht, ihm auf die Finger zu schauen!“

„Wie soll das gehen?“ fragte Mauro. „Jeder weiß, dass Hanok ein Nichtzauberer ist!“

Barad war anderer Ansicht: „Wenn Hanoks Barrieren nach Barrens Angriff intakt waren, verfügt er über bemerkenswerte Schutzmechanismen. Einige meiner Meisterschüler würden blass vor Neid!“

Goswin pflichtete ihm bei: „Nach all den Jahren in Curons Armeeführung hat Hanok viel über Zauberei gelernt. Ich kaufe ihm den Nichtzauberer nicht ab!“

Mit breitem Grinsen erinnerte Barad Mauro an das neue Reglement: „Ab morgen muss jeder Zauberer einer Gilde angehören…“

Mauro verstand, was die beiden im Schilde führten: „Hanok ist ein undeklarierter Zauberer, der uns über seine Fertigkeiten im Unklaren lässt. Das können wir nicht hinnehmen. Ich fordere ihn auf, sich einer Zaubergilde anzuschließen und offenzulegen, was er drauf hat!“

Barad nickte zufrieden. Goswin jedoch forderte weitere Maßnahmen für Mauros Sicherheit: „Hanok ist nicht der einzige, dem ich auf den Zahn fühlen möchte. Die Sache mit Andor und Oras hat gezeigt, dass wir alle, die ständig mit Euch zusammen sind, einer regelmäßigen Supervision unterziehen sollten.“

„Das könnt Ihr gerne tun.“ Mauro versammelte seine jungen Ithryn vor Barad, damit dieser ihre Zauberzeichen überprüfen konnte. Barad lobte Shui und Jorid: "Ihr beiden habt große Fortschritte gemacht, seit ich Euch in Ostgilgart sah!"

Sascha und Hussim trugen ebenfalls den Wolfskopf, doch sie entwickelten sich nicht so schnell. Barad ermutigte sie, in ihren Anstrengungen fortzufahren. Als er Rüdigers blaues Dreieck sah, das ihn als Tempelschüler von Eithil Ista auswies, runzelte Barad missbilligend die Stirn. "Wir haben eine Übereinkunft mit den Tempeln, dass wir deren Schüler nicht werben. Das gilt für Jago und Lucca, doch den Hauptmann der Ithryn möchte ich dringend einladen, sich unserer starken Gemeinschaft anzuschließen."

Rüdiger hatte sich schon eine Meinung gebildet. Das Zeichen des Elfenbeinturms kannte keine Graduierung. Er wollte endlich wissen, wo er mit seinen Künsten stand. "Ich denke, ich sollte zwei Gildezeichen tragen, wie mein Meister. Vieles habe ich von ihm gelernt, und über ihn bin ich mit Orod Ithryn verbunden. Der Elfenbeinturm und Orod Ithryn sind nicht länger verfeindet, wenn ich das recht verstehe!"

Barad zeigte sich zufrieden: "Von mir aus könnt Ihr beide Zeichen tragen."

"Da ist noch etwas", sagte Rüdiger. "Ich habe einen kleinen Bruder, der wie ich über die Gabe verfügt. Ich möchte, dass Volker in die Zauberschule von Mandrilar aufgenommen wird und eine ordentliche Ausbildung erhält!"

"Dann werden Rüdiger und Volker morgen mit den anderen Anwärtern in die Gemeinschaft von Orod Ithryn aufgenommen", konstatierte Barad. „Sind das alle?“

„Fast alle. Ich habe zwei Kombat-Zauberer von Meisterrang - Serghey und Bodir. Sie werden morgen die schwarze Rose gegen den Wolfskopf tauschen“, erwiderte Mauro.

Barad verzichtete darauf, Mauro zu sagen, dass er mehr Zauberer brauchte. Letztes Jahr hatte er die Nachwuchstalente seiner Gilde nach Ostgilgart geschickt. Sascha, Hussim und Jorid waren als einzige übrig geblieben. Die anderen hatten den hohen Anforderungen nicht entsprochen oder waren inzwischen tot.

Mauro wandte sich an Yvo: „Wirst Du Dich der Gilde von Orod Ithryn anschließen?“

Yvo schüttelte den Kopf: "Ich habe mich für Altmeister Torrens Vorschlag entschieden. Sobald es möglich ist, beginne ich mit der Ausbildung im Tempel. Dann werde ich wie Jago den Drachen von Knyssar tragen."

Mauro sah Yvo überrascht an: "Hast Du Dir das gut überlegt?"

Yvo war sicher: "Ich habe eine spezielle Aufgabe zu erfüllen. Nur Altmeister Torren weiß, was es bedeutet, ein Jäger zu sein. Auch Ihr wollt von ihm Antworten, doch Ihr mögt ihn nicht fragen. Erinnert Ihr Euch, wie Ihr vor Qatraz sagtet: >Wenn ich das Labyrinth erobern soll, dann muss ich mehr über Torren wissen. Irgendwo, weit in der Vergangenheit, gibt es eine Geschichte. Eine Geschichte, die beschreibt, wie Torren zu dem mächtigen Zauberer wurde, der er heute ist. Die erklärt, warum er das Labyrinth geschaffen hat und welchen Preis er für seine Macht bezahlen musste.< Wenn ich seinem Wunsch folge und nach Knyssar gehe, erfahre ich die Geschichte bestimmt."

Mauro quittierte Yvos geschickte Argumentation mit einem Lächeln: „Wenn Du von diesem Weg überzeugt bist, dann hast Du meinen Segen.“

Am darauf folgenden Tag gehörte der Palast den Zauberern. Die Zaubergilde der schwarzen Rose, die Barren von Mandrilar ins Leben gerufen hatte, war nach der Übereinkunft von Ostgilgart unter den Bann gefallen. Nun mussten sich ihre königstreuen Mitglieder um Aufnahme in eine andere Gilde bemühen. Orod Ithryn öffnete ihnen weit die Tür. Die große Zeremonie sollte heute in Anwesenheit von Gildemeister Malfarin und hochrangigen Vertretern aus Orod Ithryn stattfinden.

Auf allen Fluren sah man Leute, auf deren nackten Oberarmen die schwarze Rose eintätowiert war. Ihre Träger, die ihre Treue zum König beweisen wollten, warteten geduldig auf den Beginn der Feierlichkeiten.

Auch Feren und Segur waren gekommen. Obwohl Segur keinen hohen Rang unter den Zauberern bekleidete, war es für ihn wichtig, die schwarze Rose loszuwerden. Schließlich war er jetzt ein Hauptmann der Torwache, die direkt vom König entlohnt wurde.

Feren hingegen war in der Kaderschmiede Orod Ithryn ausgebildet worden. Das Ritual zur formellen Aufnahme in die Gemeinschaft betraf ihn nicht. Seinen Oberarm hatte schon immer der stilisierte Wolfskopf geziert, dessen feine Linien Aufschluss über den Rang des Trägers gaben. Er war gekommen, um für seine Zukunft zu sorgen.

Segur traf bereits am Eingang Kameraden, die ihn in ein Gespräch verwickelten. Er tat sich leicht, Kontakte zu knüpfen. Feren beneidete ihn um diese Fähigkeit. Für diesen Tag müsste er sich die Gabe seines Freundes ausleihen können! Während er über den Klippen von Gralta saß, hatte Feren entschieden, dem König seine Dienste anzubieten. Schon einmal hatte er die Gelegenheit versäumt, mit Mauro Kontakt aufzunehmen. Nun würde er gezielter vorgehen. Nur wie kam man zum König? Feren wusste, dass Mauro viel zu gut abgeschirmt war, als dass er einfach zu ihm hin marschieren konnte. Segur hatte gemeint, er sollte nach Bekannten Ausschau halten, die ihm eine Empfehlung gaben. Doch die meisten seiner Freunde würden gar nicht hier sein. Sie trugen wie er schon immer den Wolfskopf von Orod Ithryn. Einfach jemanden anzusprechen war nicht Ferens Stärke. Wie also sollte er zum König gelangen?

Feren ließ seine Augen durch die Halle wandern. Die meisten Leute hier waren wie Segur rangniedrige Zauberer der schwarzen Rose. Sie würden ihn nicht weiterbringen. Auch einige Tolegos waren da, allen voran der ehrgeizige Aufsteiger Nôrden. Feren dachte nicht daran, sich an ihn zu wenden. Von seinem Clan hatte er noch nie Unterstützung erhalten.

Schließlich bemerkte er, dass sich doch einige Wolfskopf-Träger unter den Anwesenden befanden. Hellhäutige Almanen mit langen, schmalen Gesichtern. Die Ithryn des Königs. Unter ihnen endlich ein bekanntes Gesicht...

„Fräulein Jorid! Ich hätte nicht erwartet, Euch hier zu treffen.“

„Wo hättet Ihr mich sonst erwartet? In den Mauern von Gralta?“ Dort hatten sie sich zuletzt gesehen. Jorid hatte bei der Eroberung der Festung tatkräftig mitgeholfen. „Was geschah, seit ich mit Pado auf den stolzen Schiffen unserer Gegner nach Qatraz gesegelt bin?“

„Das müsste ich Euch fragen“, erwiderte Feren. „Ich saß auf den Klippen von Gralta und schaute ins Meer hinaus. Soweit ich auch blickte – es kamen keine Feinde mehr.“

„Mir kommen die Tränen, Meister Feren. Treibt Euch die Langeweile nach Mandrilar?

„Die Klippen von Gralta sind in der Tat langweilig, wenn man sie nicht verteidigen muss.“ Er machte eine längere Pause. Wie sollte er sie am besten fragen? Schließlich entschied er, direkt zum Punkt zu kommen: „Unser Trupp wurde aufgelöst. Ich weiß nicht, wohin… Braucht der König noch einen Kombat-Zauberer?“

Jorid sah Feren ernst an: „Ich habe von der Truppenauflösung gehört. Es fällt mir schwer zu begreifen, dass Pado seinen besten Mann im Regen stehen lässt!“

Feren bemühte sich, die Unterhaltung an der Oberfläche zu halten: „Pado hat jetzt andere Aufgaben.“

„Das rechtfertigt sein Verhalten nicht. Ich will sehen, was ich tun kann.“ Für Jorid stand es außer Frage, dass sie Feren helfen würde. Nicht nur, weil er ihr in Gralta das Leben gerettet hatte. Er war in ihren Augen der Beste. Sein Können als Zauberer hatte sie ebenso beeindruckt wie sein Verantwortungsbewusstsein gegenüber seinen Leuten. „Die Ithryn des Königs rekrutieren nicht. Uns wählt der König persönlich. Das muss man sich verdienen.“ Sie sagte das nicht ohne Stolz. Sie hatte es sich verdient. „Doch Ingram, der Kommandant der Kethischen Garde, wünscht sich einen eigenen Kombat-Zauberer. Er hat keinen mehr, seit Liu nach Passar geschickt wurde. Ihm könnte ich Euch vorstellen.“

Feren wusste, wer Liu war. Den vermochte er leicht zu ersetzen. Doch ein Punkt war noch zu klären. „Wer ist Ingrams Vorgesetzter?“ fragte Feren.

„Früher war das Hagen von Landskron“ sagte Jorid mit einem Hauch von Bedauern. „Seit seinem Tod kümmert sich der König selbst um uns. Pado hätte ihm diese Aufgabe nur zu gerne abgenommen, doch es hat nicht funktioniert. Er hat nicht begriffen, was wir eigentlich tun. Der Dummkopf wollte Kombat-Zauberer aus uns machen! Shui ist immer noch sauer auf ihn. Jetzt betreut uns der Halbelfe Eryndîr – ein umgänglicher Typ.“

Feren atmete auf. Er kannte Eryndîr nicht, doch jeder andere als Hanok sollte ihm Recht sein. „Würdet Ihr mich Hauptmann Ingram empfehlen?“

„Kommt am besten gleich mit!“

Ingram war angetan von der Aussicht, einen erfahrenen Kombat-Zauberer für seine Truppe zu bekommen. Er zögerte nicht lange, Feren eine Chance zu geben.

Jeder Neue musste sich einer Prozedur unterziehen, die sie liebevoll „Gesinnungsprüfung“ nannten. Es war eine ziemlich ruppige Form der Befragung. Sie sollte verhindern, dass der Anwärter Gesinnungen verbarg, die den König gefährden konnten. Nur wenn es keinerlei Bedenken gegen seine Treue gab, durfte er seinen Dienst antreten.

Shui nahm sich Feren selbst vor. Rüdiger, dem diese Aufgabe normalerweise zugefallen wäre, wurde nebenan im großen Festsaal feierlich in die Gilde von Orod Ithryn aufgenommen. Er erlebte soeben eine freudige Überraschung: kaum war der stilisierte Wolfskopf auf seinem Oberarm angebracht, veränderte sich das Zauberzeichen so lange, bis es den ersten Meistergrad anzeigte.

Feren hatte nicht die Absicht, Shui etwas zu verschweigen. Akribisch ging er durch die Stationen seines Lebens, zu denen auch die Schlacht der steinernen Särge gehörte. Er sprach offen über seine Fehde mit Hanok und bestand darauf, diesem keinesfalls unterstellt zu werden. Seine Netzwerkaktivitäten kamen nur ganz am Rande zur Sprache. Feren vermochte Shui unterschwellig zu überzeugen, dass dieses Thema nicht von Interesse war. Problemlos erhielt er seine Freigabe.

Ingram versprach Feren, schnellstmöglich des Königs Einverständnis einzuholen. Bis dahin konnte er schon einmal in die Truppenunterkunft einziehen. Was sollte der König dagegen haben, einen weiteren von Pados Kombat-Zauberern in seine Dienste zu nehmen?

Feren betrat das ihm zugewiesene Quartier, grüßte knapp und rollte seine Decke aus. Die anwesenden Kethen beäugten ihn misstrauisch. Sie hatten zu viel Respekt vor dem Zauberer, um sich mit ihm anzulegen. Feren setzte sich mit dem Rücken an die warme Kaminwand und nahm seine typische Stellung ein: Beine abgewinkelt und weit gespreizt, Arme locker und scheinbar absichtslos darüber gelegt, Augen halb geschlossen. Die Kethen wären erstaunt gewesen, wie schnell er aus dieser absurden Position angreifen konnte. Seine Kameraden nannten ihn nicht umsonst „die Katze“. Eben noch träge am Ofen dösend, dann aus dem Nichts ein tödlicher Sprung. Dafür war Feren bekannt.

Doch alles blieb ruhig. Feren nutzte die Zeit, um Sedh telepathisch einen Besuch abzustatten.

Sedh lachte Tränen, als er hörte, wo Feren sich gerade befand. Doch es waren Tränen der Verzweiflung. „Der König hatte vollkommen Recht. Der Kampf des Netzwerks war längst gewonnen. Ich habe es nicht begriffen und weitergekämpft. Dadurch verspielte ich sein Vertrauen und endete in diesem zweifellos sehr komfortablen Exil. Aus der Ferne sehe ich zu, wie einer nach dem anderen bei ihm auftaucht. Es wäre meine Aufgabe gewesen, alle Netzwerk-Kameraden gleich zu Beginn zum König zu bringen. Mit Empfehlung, als die beste Truppe, die er haben kann. Ich habe geschwiegen, um euch zu schützen. Heute frage ich mich, wovor?“

„Du wusstest nicht, wem Du dienst…“ sagte Feren.

„Doch, ich habe es gewusst: Gal Dúath, dem Sohn von Licht und Schatten. Doch ich sah nur den Schatten, wo auch viel Licht gewesen ist. Der König hat vor einem Jahr nach Dir gefragt. Wäre ich damals schon so schlau gewesen, ich hätte dafür gesorgt, dass man Dir den roten Teppich ausrollt. Jetzt musstest Du Dich durch die Hintertür einschleichen und für diesen engstirnigen Kethen Ingram arbeiten. Feren, verzeih mir!“

Feren wischte Sedhs Entschuldigung beiseite. Vielleicht war es gut so, dass er sich erst aus der Distanz ein Bild machen konnte. Was ihn viel mehr bewegte, war das Fehlen eines Großmeisters für seine eigene Weiterentwicklung.

Sedh konnte seine Bedenken nicht zerstreuen: „Was Du gesehen hast, sind alle. Balkir von Xalmeida ist im Ruhestand. Mehr gibt es nicht.“

Feren wollte das nicht glauben: „Wo sind die anderen?“

„Welche anderen?“ fragte Sedh. „Alagos, Uluk, Narghey und Shigat, ja selbst Pado - die haben uns nicht so viel voraus, dass wir in Ehrfurcht erstarren müssten.“ Er zählte weitere Namen auf, die längst unter der Erde lagen. „Die Großen sind alle tot. Allein seit der Wintersonnenwende fielen Hagen von Landskron, Torrens Sohn Warden und Beor von Malfar.“

Die Nachricht von Beors Tod überraschte Feren. Beor war der Pate seines gleichnamigen Sohnes.

Sedh fuhr fort: „Es hilft nichts, Feren. Wir sind mittlerweile die Alten! Heute hast Du meinen Großneffen Shui kennen gelernt. Er macht einen großartigen Job. Zehn Jahre ist er jünger als ich. Zehn Jahre sind eine Ewigkeit! Feren, wir sind die Etablierten, die die Welt gestalten. Wir haben heute die Macht, Dinge zu ändern. Unsere Fehler sind es, für die die Jungen uns dereinst zur Rechenschaft ziehen werden. Hier in Angport habe ich das Sagen und schaue mir selbst beim Fehlermachen zu. Ich verstehe den König heute besser als je zuvor. Es ist nicht einfach, immer die richtige Entscheidung zu treffen.“

Feren rief sich die Bilder des heutigen Tages zurück ins Gedächtnis. Die Ithryn des Königs. Junge Leute um die zwanzig. Eine neue Generation. War er wirklich schon der Alte, von dem Shui lernen konnte? Er fühlte sich nicht danach.

Sedh erzählte: „Ich hatte letzte Woche ein längeres Gespräch mit Patron Greven. Es gab ein paar Dinge, die ich für mich geklärt haben wollte…. Er erzählte mir, dass er schwer krank war. Er rechnete mit seinem Tode, doch seine Zeit war noch nicht abgelaufen. Als Hanok Amrun besetzte, floh er nach Tolego. Dort traf er auf die richtige Heilerin, die das Problem erkannte. Sie schickte ihn durch alle sieben Tore der Unterwelt. Und zurück. Es war eine furchtbare Zeit. Doch er wurde gesund. Eine Weile wird er noch brauchen, um die Erkenntnisse der Reise zu verdauen. Schon jetzt weiß er, dass nichts mehr ist wie davor.“

„Soll ich ihn bedauern?“ fragte Feren kalt.

„Nein. Er ist stärker geworden, weiser und mächtiger. Die zerstörerischen Kämpfe des Netzwerkes liegen hinter ihm. Er ist bereit, etwas Neues aufzubauen. Etwas, das wachsen kann….“

Feren verstand nicht, was der andere ihm damit sagen wollte.

Sedh wurde präziser: „Auch Du sollst nicht länger in der Vergangenheit festhängen. Furin ist tot. Du lebst. Finde Dich endlich damit ab und begrabe den alten Groll. Geh zu Patron Greven. Es gibt viele Dinge, die ihr beiden nie ausgesprochen habt. Er ist der letzte der großen Meister, der noch am Leben ist. Wenn Du es zulässt, wird er Dich lehren.“

Feren erwog den Gedanken. Greven war nicht der einzige große Meister, der ihm helfen konnte. Da war auch noch ein anderer. Der mächtigste von allen: Sein Großvater Torren. Die Zeit zerrann unaufhaltsam, doch er konnte nicht nach Tolego gehen. Wie Sedh gesagt hatte: ihn fesselte ein alter Groll….

Während Feren sich um seine Zukunft kümmerte, holte ihn die Vergangenheit wieder ein. Soeben fand im großen Saale eine feierliche Zeremonie statt. Neben seinem Freund Segur und anderen Aspiranten wurde auch Ferens Intimfeind Hanok in die Gilde von Orod Ithryn aufgenommen.

Erst kurz vor der Zeremonie hatte ihm der König Goswins Vorschlag unterbreitet. Er gab sich Mühe, Hanok von den Vorteilen der Gilde zu überzeugen. „Es ist schwierig für Euch, von der Fiktion des Nichtzauberers Abschied zu nehmen“, schloss Mauro. „Nun müsst Ihr Euch damit abfinden, ein Zauberer wie alle anderen zu sein – und nicht länger etwas Besonders!“

„Ihr verkennt meine Situation“, erwiderte Hanok pikiert. „Ich bin nicht stolz darauf, ein Nichtzauberer zu sein. Ich bin stolz darauf, dass ich mich all die Jahre so gut gegen die Zauberer behauptet habe. Mir war wegen meiner Herkunft der Weg zu einer fundierten Ausbildung versperrt. Dass Orod Ithryn mich nun einlädt, nehme ich als Anerkennung meiner Leistung. Es wurde langsam Zeit!“

Das Zauberzeichen von Orod Ithryn passte sich selbsttätig der Qualifikation des Trägers an. Sobald Barad den stilisierten Wolfskopf auf Hanoks Oberarm eintätowiert hatte, begann er sich zu verändern. Gespannt warteten alle auf das Ergebnis. Das Zauberzeichen nahm ein ungewöhnlich scheckiges Aussehen an. Viele Bereiche blieben hellgrau, wie es einem Novizen entspricht. Andere hingegen färbten sich dunkelgrau, und eine Region zeigte gar ein tiefes Schwarz. Barad sah sich bestätigt: „Nun haben wir den Beweis, dass Hanok längst kein Nichtzauberer mehr ist. Im Gegenteil. Für einen Autodidakten ist er in mehreren Bereichen erstaunlich weit gekommen. Seht hier: in der Abwehr der dunklen Künste fehlt ihm nicht viel zur Meisterschaft. Diese Fähigkeit hat ihm geholfen, Barrens Folter zu überstehen!“

Hanok deutete auf einen großen hellgrauen Bereich: „Was fehlt hier?“

„Die Beherrschung der Elemente“, erwiderte Goswin. „Das könnt Ihr noch nicht.“

„Helft Ihr mir, es zu lernen?“ Schon hatte Hanok ein Ziel, auf das sich hinzuarbeiten lohnte.

Nach der feierlichen Angelobung der Gilde-Neulinge kamen die Zauberer aus Mauros Truppe in die Unterkunft. Ingram stellte ihnen Feren vor. Rüdiger freute sich für Ingram, dass dieser endlich wieder einen eigenen Kombat-Zauberer hatte. Nun musste er ihm nicht länger seine Ithryn ausleihen. Darüber hinaus interessierte sich der rotbärtige Almane nicht sonderlich für den Neuankömmling. Shui hatte ihm schon berichtet, dass an Feren nichts Besonderes war. Ähnlich fiel auch seine eigene Einschätzung aus: nichts an Feren lud dazu ein, sich näher mit ihm zu beschäftigen. Dass ihm gerade diese betonte Unauffälligkeit auffallen sollte, erkannte er zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Kurze Zeit später kam Bodir in die Unterkunft. Er eilte sogleich auf Feren zu: „Was sehen meine entzückten Augen? Feren hat den Weg zu uns gefunden!“ Die beiden tauschten einen verdeckten Händedruck, wie es unter Netzwerk-Kameraden üblich war. Bodir fasste Feren an der Schulter und sagte aus tiefster Überzeugung: „Wie bin ich froh, dass Du da bist. Beim Kampf am Mondteich hätten wir Dich gebraucht. Ich hoffe, Segur kommt auch bald.“ Die drei hatten gemeinsam unter Pado gedient.

Feren schüttelte den Kopf: „Da ist nichts zu machen. Segur hat entschieden, Mauern zu bewachen.“

Bodir lachte: „Mal sehen, wie lang ihm das Freude macht. Ich werde ihn besuchen.“

Serghey war der Ranghöchste unter Mauros jungen Zauberern. Weder Bodir noch Rüdiger konnten ihm diesen Anspruch streitig machen. Nun war Feren aufgetaucht. Serghey wollte dem Neuen, der einen Rang unter ihm war, gleich die Hackordnung klar machen. Sein Vorgesetzter Narghey hätte ihn warnen können, doch der wusste noch nichts von Ferens Ankunft.

Schon am nächsten Tag bot sich eine Chance. Als Serghey in Begleitung von zwei jüngeren Alicando-Zauberern zu den Ställen unterwegs war, kreuzte Feren seinen Weg. Er hatte sein Pferd und ein paar Sachen aus Segurs Haus abgeholt und ging zu seiner Unterkunft. Sofort stänkerte Serghey den Tolego an.

Feren ignorierte ihn, solange es ging. Er wusste genau, dass er sich mit einem Zweikampf Ärger einhandeln würde. Feren kämpfte nicht, um sich etwas zu beweisen. Schon jahrelang hatte kein anderer Zauberer mehr seine Vormachtstellung in Frage gestellt. Irgendwann wurde Serghey zu dreist. Dann musste es eben sein. Feren legte mit Ruhe und Sorgfalt den Packen zur Seite, den er gerade auf dem Rücken trug. Dann ging er ansatzlos in den Angriff über. Er wollte es schnell zu Ende bringen, wenn möglich ohne Serghey ernsthaft zu verletzen.

Serghey war ein durchaus ebenbürtiger Gegner, wendig und fintenreich. Feren merkte bald, dass es kein rasches Ende geben würde. Er nahm Tempo heraus und bediente sich aus der Trickkiste. Serghey traute seinen Augen nicht, denn die Angriffe waren nie das, was sie schienen. Feren stand einfach nicht dort, wo er eigentlich stehen müsste. Zug um Zug setzte er seinen Gegner matt. Schließlich hatte er ihn am Boden und kniete über ihm. Serghey versuchte ein letztes Mal, ihn abzuschütteln und wieder auf die Beine zu kommen. Feren griff zum Messer, um mit Nachdruck die Unterwerfung einzufordern.

Für Sergheys Begleiter sah es so aus, als wollte Feren dem auf dem Boden Liegenden die Kehle durchschneiden. Die beiden sprangen Feren in den Rücken. Feren sah sie kommen und rollte blitzschnell über Serghey weg aus der Angriffslinie. Nun hatte er es mit drei Gegnern zu tun. In seinem Kopf rastete etwas ein: der Modus >töten um zu überleben<. Blitzschnell verwandelte er sich in einen Skorpion – an dieser Angriffsform hatte er in Gralta monatelang gearbeitet. Er sprang dem jungen Mann, der durch sein Ausweichmanöver gestürzt war, an den Hals und stach zu. Dann schoss er zu dem anderen hinüber und stach ihn ins Bein. Der Junge schrie auf in blanker Panik.

Noch während Ferens Aufmerksamkeit durch die beiden Jungzauberer in Anspruch genommen war, sprang Serghey hoch und setzte neuerlich zum Angriff an. Doch er unterschätzte Ferens Schnelligkeit. Serghey war noch im Sprung, als Feren schon wieder auf den Beinen stand. In aller Ruhe bereitete er sich darauf vor, Serghey das Messer in den Bauch zu rammen.

Es kam nicht dazu. Mauro stand schon hinter ihm. Mit geschicktem Griff machte er Feren bewegungsunfähig und zog ihn zugleich aus der Angriffslinie. Serghey sprang ins Leere.

Ohne den Immobilisierungsgriff zu lockern, ließ Mauro Feren langsam vor sich auf den Boden gleiten. „Wer von Euch hat diesen Kampf begonnen?“

Die Frage beantwortete sich von selbst, denn Feren war alleine und die anderen zu dritt. Serghey fiel sofort vor dem König auf die Knie und stellte sich seiner Verantwortung.

„Schick mir Deinen Vorgesetzten. Narghey hat wohl seine Truppe nicht im Griff“, schnauzte Mauro den jungen Mann an.

Serghey wollte die Schuld auf sich nehmen, aber Mauro wies ihn mit einer ungeduldigen Geste fort. Zu Feren sagte er: „Alles in Ordnung?“

Feren nickte. Langsam löste Mauro seinen Griff. „Es ist wie früher“, sagte Mauro. „Sie provozieren Dich, bis es Dir reicht. Du kämpfst. Du zeigst Ihnen, dass Du besser bist. In der Wahl Deiner Mittel schießt Du immer noch übers Ziel hinaus. Willkommen daheim, Feren.“

Mauro bedeutete ihm, aufzustehen. Feren war kein zarter Junge mehr, sondern ein kräftiger Mann mit breiten Schultern. Er war gerade groß genug, um nicht als klein zu gelten. Jetzt stand er vor seinem König mit dem typischen ratlosen Blick, der sich im Nichts verlor. Feren wirkte mit einem Mal hilflos und schutzbedürftig.

Mauro musste insgeheim lachen. Der kleine Junge aus Orod Ithryn brauchte einen, der ihm die Welt erklärte – und Mauros Beschützerinstinkt sprang sofort darauf an. Allerdings war aus diesem Jungen mittlerweile ein ausgezeichneter Kombat-Zauberer und wahrscheinlich sogar ein mit allen Wassern gewaschener Schwarzmagier geworden. Feren wurde immer noch unterschätzt.

Mauro verlangte, dass Feren ihm ins Gesicht sah. Er war überrascht, in sein Spiegelbild zu blicken. Feren hatte dasselbe breitflächige Gesicht mit dem energischen Kinn und den hohen Backenknochen wie er selbst. Dann fiel Mauro ein, dass die Tolegos Verwandte seines Vaters Curon waren. Da konnte durchaus eine Familienähnlichkeit bestehen.

Mauro sah hinüber zu dem jungen Alicando, dessen Hals mittlerweile dick angeschwollen war. Er röchelte erbärmlich. „Wird er sterben?“ fragte er Feren.

Feren zuckte die Schultern: „Ich habe kein Gift verwendet. Nur einen Fluch.“

„Aha. Einen Fluch. Nur. Bring das in Ordnung“, verlangte Mauro.

Feren ging zu dem Jungen hin und legte ihm die Hand auf die Wunde. Mauro beobachtete, wie er sich erdete und die Fremdenergie in den Boden abfließen ließ. Feren bewegte sich ebenso knapp und präzise, wie er zu sprechen pflegte. Dieser Minimalismus ermöglichte seine enorme Geschwindigkeit.

Bald ging es den Jungen besser. Mauro blickte wohlwollend auf Feren: „Es ist gut, dass Du zu mir gekommen bist. Ab sofort stehst Du unter meinem Schutz. Wie früher in Orod Ithryn. Halte Dich künftig an die da, das sind die Netten.“ Mauro wies auf seine jungen Ithryn, die rund um ihn standen. „Du bleibst bei Ingram, doch Du giltst ab sofort als Ithryn des Königs. Auf Lebenszeit, mit allen Rechten und Pflichten, wie Sedh und Liu. Ab jetzt bist Du unantastbar. Zweikämpfe bedürfen der Genehmigung. Wenn sie stattfinden, dann unter regulären Wettkampfbedingungen. Die Ithryn müssen Vorbilder sein. Prügeleien in der Stallgasse will ich nie wieder sehen. Klar?“

Feren nickte.

Mauro legte ihm die Hand auf die Schulter: „Komm mit. Wir schauen uns die Gesellenprüfung der Nachwuchszauberer an.“

Feren ging an Mauros Seite hinüber zum Hauptgebäude. Er war erleichtert. Die Entscheidung, zum König zu gehen, war richtig gewesen. In Mauros Schatten fühlte er sich wohl. Wie früher in Orod Ithryn.

Im großen Saal hatte man schon auf den König gewartet. Barad, der Altmeister von Orod Ithryn, kam ihm sogleich entgegen. Mauro stellte Feren vor: „Das ist der junge Mann, der mich meinen Abschluss in Orod Ithryn gekostet hat. Ich übernahm die Verantwortung für seinen schwarzmagischen Übergriff auf einen Mitschüler und wurde von der Schule gewiesen.“

Feren sah Mauro überrascht an. Er hatte davon nichts gewusst.

Barad schüttelte Ferens Hand. „Ich bin froh, dass Ihr hier seid, Feren. Einen wie Euch hat man besser neben als gegen sich!“ Er warf einen Blick auf Ferens Zauberzeichen.

Mauro folgte Barads Blick: „Feren ist so gut geworden, wie Ihr es vorhergesehen habt. Grenzüberschreitungen und schwarzmagische Praktiken honoriert der Wolf von Orod Ithryn nicht. Wir sprachen kürzlich darüber. Eure ethischen Anforderungen lassen einen Schwarzmagier wie einen Anfänger aussehen. Großmeister Barren wäre nach Eurer Lesart wahrscheinlich ein Geselle niedrigen Ranges. Der Eispalast ist da nicht so zimperlich.“

Barad widersprach. Er erkannte ebenso wie Narghey, dass Ferens Entwicklung blockiert war, weil er sich einem wichtigen Lernschritt verweigerte.

Gildemeister Malfarin kam dazu und berichtete über den Stand der Prüfungen: „Die Masse derer, die mit Mühe die Gesellenprüfung schaffen, wollten wir Euch ersparen. Jetzt kommt die Abschlussprüfung im Kombat-Zaubern, zu der nur die wirklich talentierten Nachwuchszauberer antreten. Jeder von denen hat das Zeug zum Meister.“

„Es sind diesmal besonders viele“, erläuterte Hohepriester Keor, der die Oberhoheit über die Schule hatte. „Im letzten Frühjahr gab es keine Abschlussprüfung. Wir behielten die Jungs ein Jahr länger. Dadurch konnten wir sie auf Eure Anforderungen besser vorbereiten. Nun prüfen wir zwei Jahrgänge auf einmal.“

„Wir haben auch Mädchen in der Endauswahl – falls Fräulein Jorid Verstärkung braucht.“ Barad zwinkerte Jorid zu, doch sie stellte sich taub.

Mauro hingegen fand die Idee interessant: „Ich hätte gerne Kombat-Zauberinnen als persönliche Eskorte für meine Gattin. Achtet darauf, dass die Mädels gut reiten können. Die Eraindi möchte gerne das Umland erkunden“

Barad ging im Geiste die einzelnen Bewerberinnen durch. „Ein halbes Dutzend kann ich sofort aufbieten. Für mehr müssen wir den nächsten Jahrgang abwarten!“

Mauro war einverstanden: „Ich nehme das halbe Dutzend. Danke.“

„Hauptmann Rüdiger, für Euch haben wir nach speziellen Talenten gespürt. Mittlerweile habe ich begriffen, was die Ithryn des Königs können müssen. Wir haben den Ausbildungsplan angepasst. Seht Euch die beiden an.“ Malfarin deutete auf zwei junge Männer: „Die sind wie für Euch geschnitzt. Modus Beobachten, ein Gedächtnis wie ein Elephant und herausragende kombinatorische Fähigkeiten. Sie sind fit in Rhetorik und Fragetechnik, Heeres- und Landeskunde sowie sämtlichen Verhörmethoden. Sie können sich unsichtbar machen und über imaginierte Brücken gehen. Auch in Telepathie und Gedankenspionage haben wir sie unterwiesen. Die könnt Ihr sofort einsetzen.“

Rüdiger schaute verdutzt. Malfarins Worte klangen befremdlich an. Im Grunde hatte er die Anforderungen jedoch treffend beschrieben.

„Die beiden sehen nicht wie große Krieger aus“, bemerkte Ingram. „Der eine bewegt sich träge wie ein Bär. Der andere ist so hibbelig, dass man vom Zusehen schwindlig wird. Beim Reden schneidet er Grimassen. Kann mir nicht vorstellen, dass die im Kampf viel taugen.“

„Das sind keine Kombat-Zauberer“, bestätigte Malfarin. „Ihre Fähigkeiten sitzen im Kopf. Die beiden memorieren Euch eine komplette Konferenz.“

„Nicht uninteressant“, überlegte Rüdiger.

„Übernehmt sie, wenn Ihr wollt“, schlug Mauro Rüdiger vor. „Das Privileg >Ithryn des Königs< vergebe ich allerdings nur noch an ausgewählte Leute, wie heute an Feren. Die Neuen gehören formell meiner Garde an. Ihr könnt sie austauschen, falls ihr bessere findet.“

„Über die beiden seltsamen Figuren wird Bodir sich gewiss freuen!“ spottete Ingram.

„Ich nehme sie“, entschied Rüdiger und wandte sich wieder den Prüfungen zu.

Mauro war überwältigt von Zahl und Qualität der Prüflinge. Das große Furukiya offenbarte ihm endlich seine personellen Ressourcen. In Ostgilgart hatte er nach ihnen gefahndet, mit mäßiger Ausbeute. Stattdessen saßen sie in Mandrilar auf der Schule und warteten auf seinen Ruf. Jeder einzelne, der da unten sein Bestes gab, war sofort einsetzbar. Traurig stimmte ihn bloß, wie wenige von ihnen zehn Jahre später noch am Leben sein würden. Vielleicht hatte diese Generation ja bessere Chancen.

„Wir haben uns über jeden einzelnen dieser jungen Männer Gedanken gemacht. Sie sind schließlich die Zukunft des Landes“, erläuterte Malfarin. „Etwa ein Viertel von ihnen sind Alicandos. Als Clanchef seid Ihr für ihre Unterbringung verantwortlich. Narghey kümmert sich bereits darum.“ Malfarin war glücklich über die Fügung, dass sein Schwager Narghey die Clan-Angelegenheiten für den König versah. Das stärkte seinen eigenen Einfluss.

Mauro sah zu Narghey hinüber. Serghey stand gerade bei ihm und berichtete mit roten Ohren über den Vorfall von vorhin. Narghey schickte sich an, sofort zum König zu eilen, doch Mauro bedeutete ihm >jetzt nicht<. Seine Wut war längst verraucht. Serghey war kein übler Bursche. Mauro hatte seinerzeit selbst keine Gelegenheit für einen Zweikampf ungenutzt gelassen. Mit Feren hatte der Alicando allerdings den Falschen erwischt. Zum Glück konnte Mauro das Schlimmste verhindern. Er würde es mit einer Ermahnung bewenden lassen.

Hohepriester Keor war besorgt um die Zukunft der jungen Zauberer: „Früher erhielten die Jahrgangsbesten automatisch einen Ruf zu König Curons Garde. Wie wird das gehen, nachdem Ihr Auswahl und Ausstattung der Gardisten in die Hände der Fürsten gelegt habt?“

Malfarin sah kein Problem: „Jeder Fürst ist interessiert, die talentierten Leute beim König unterzubringen. Wir stehen untereinander im Wettbewerb. Die Fluktuation ist groß genug, dass wir die Jahrgangsbesten nachschieben können.“

Mauro nickte. Interessiert verfolgte er die Darbietungen der angehenden Kombat-Zauberer.

„Welche würdet Ihr nehmen?“ wollte Barad wissen.

Mauro zeigte ihm zwei.

„Ihr habt einen Blick für gute Leute“, bestätigte ihn Malfarin. „Der eine ist ein Tolego. Der wird nicht bleiben. Togwed Nôrden ist extra angereist, um seine Absolventen nach Hause zu holen. Der andere ist ein Mandrilane. Den wage ich Euch nicht anzubieten. Wir haben ihm einen Platz bei der Stadtwache besorgt.“

„Gut so“, sagte Mauro.

„Ihr solltet noch einmal über den Mandrilanen nachdenken“, wagte Keor sich vorsichtig vor. „Wenn wir den jungen Männern keine Chance geben, schließen sie sich unseren Feinden an.“

Mauro seufzte: „Ich verstehe Euren Einwand. Gewinnen wir sie jetzt nicht für uns, müssen wir sie später besiegen. Aber was, wenn sie längst auf der Seite unserer Feinde stehen?“

Keor zuckte die Schultern. Genau das war das Problem.

„Immerhin haben wir alle untergebracht!“ Malfarin war erleichtert. „Wer möchte schon die Jugend des Landes im Regen stehen lassen?“

Die Prüfungen waren vorbei. Die Absolventen hatten ihr Bestes gegeben und nahmen nun die Glückwünsche Ihrer Angehörigen und Ihrer zukünftigen Vorgesetzten entgegen. Viele von ihnen würden gar nicht erst heimkehren, sondern gleich in die Mannschaftsunterkunft der Garde übersiedeln, wie es Tradition war.

Feren hatte Grevens Sohn Stork sogleich erkannt. Nun steuerte er auf den Jungen zu und streckte ihm beide Hände entgegen.

Stork lief ihm entgegen und fiel ihm um den Hals: „Ich freu mich so. Die Prüfung lief ausgezeichnet. Ich habe als bester meines Jahrganges abgeschlossen!“

Feren gratulierte.

„Habe ich das richtig gesehen?“ fragte Stork leise. „Du bist jetzt beim König?“

Feren zögerte. Durch Stork würde die Neuigkeit bald den Weg zu Patron Greven finden. „Sieht so aus…“ erwiderte er ausweichend. Dann überlegte er: >Was kümmert mich Greven jetzt noch? Die Entscheidung ist gefallen<. Er schüttelte unwillkürlich den Kopf und wandte sich wieder dem Jungen zu: „Ja, ich bin beim König.“

„Bitte, bitte, holt mich nach!“ bettelte Stork. „Viele meiner Kameraden gehen zur Garde, bloß ich muss heim nach Tolego. Der hier…“ Er wies mit einer Kopfbewegung auf Nôrden, der weiter hinten in ein Gespräch vertieft war und senkte die Stimme: „geht uns mächtig auf die Nerven.“

„Ich bin nicht bei der Garde“, sagte Feren langsam, als glaubte er es kaum. „Ich bin ein Ithryn des Königs.“ Beim Gedanken an Mauros Unterstützung von eben fühlte er eine Welle der Wärme, die sich in einem sparsamen Lächeln niederschlug.

Nôrden hatte Feren mit dem König kommen sehen und steuert nun auf seinen Clansmann zu. „Habe ich das richtig gesehen, dass Ihr jetzt beim König Dienst tut?“ fragte er streng.

„Irgendwer musste sich ja um mich kümmern“, gab Feren abweisend zurück.

„Ich hätte Euch ohnedies nicht haben wollen“, erwiderte Nôrden geringschätzig. „Ihr geltet als aufsässig und ungehorsam. Pado gab Euch miserable Referenzen. Schon Condir Warden wollte sich das nicht antun. Mal sehen, wie lange der König Euch bei sich duldet!“ Er ließ Feren stehen und eilte mit den jungen Absolventen im Gefolge davon. Grevens Sohn winkte Feren noch zu, ehe er verschwand.

Der König beobachtete die Szene aus der Ferne. Dass Feren mit Nôrden nicht gut auskam, gefiel ihm. Immer mehr festigte sich seine Vermutung, dass etwas faul war im Hause Tolego.

Am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang war die große Halle voll mit jungen Zauberern in ihren weißen Trainingsgewändern. Mauro hatte alle seine Zauberer zur Morgenarbeit eingeladen. Er wollte die neu hinzugekommenen persönlich willkommen heißen.

Als er nun in den Raum trat, überraschte ihn, dass es so viele waren. Er hatte übersehen, dass unter den Gardisten, die er von Pado übernommen hatte, eine ganze Reihe rangniedriger Zauberer gewesen waren. In den Augen ihres strengen Vorgesetzten galten sie nicht viel. Jetzt waren alle hier.

Barad führte durch die traditionellen Übungen zur Stabilisierung des Energieflusses, wie sie sich in Orod Ithryn seit Generationen bewährt hatten. Es folgten Konzentrations- und Fokussierungsübungen. Nach einer ausgedehnten Aufwärmphase ging er über zu den Grundlagen der Manipulation von Energie. Barad hatte den ausdrücklichen Auftrag, Mauros Energiemanagement zu verbessern. Er hatte in den letzten Tagen schon einige Fortschritte erzielt. Nun brauchte Mauro einen Übungspartner, der ihn forderte. Er holte Serghey. Den musste er nicht schonen, denn er hatte eine Strafe verdient.

Barad gab die Angriffsart vor und Serghey warf sich mit vollem Einsatz Mauro entgegen. Dieser nutzte gnadenlos Sergheys Schwächen und ließ ihn immer wieder ins Leere laufen. Dabei achtete Mauro darauf, sich nicht zu verausgaben.

„Das Energiemanagement wird langsam besser“, kommentierte Barad seine Bemühungen.

Als Serghey vor Erschöpfung kaum mehr auf den Beinen stehen konnte, brach Mauro die Übung ab. Höflich dankten sie einander. Serghey war körperlich erledigt, doch seine Augen leuchteten. Selten hatte er an einem einzigen Tag so viel Neues gelernt wie eben von Mauro.

Nach dem Training diskutierte Mauro mit den jungen Männern, was einen guten Zauberer ausmachte. Er bat Feren, den Skorpion-Angriff vom Vortag zu demonstrieren.

Feren ging durch seine Vorbereitung. Er zentrierte sich, machte ein paar Schritte und bewegte bizarr seine Körperteile. Schon war die Verwandlung perfekt. Der Skorpion sprang einen fiktiven Angreifer an und setzte seinen Stachel. Gleich darauf stand wieder Feren da und verneigte sich. Alles ging so schnell, dass keiner wirklich etwas gesehen hatte. Die jungen Leute starrten Feren mit offenem Mund an.

„Wie wollt ihr das lernen?“ fragte Mauro.

„Er soll die Schritte langsamer vormachen“, schlug ein junger Mann vor.

Mauro schüttelte den Kopf: „Keine Chance, so funktioniert es nicht. Feren zeigt nicht eine Angriffstechnik nach Skorpion-Art. Er wird zum Skorpion. Das kann er nur, weil er den Skorpion versteht. Weil er ihn Stunden und Tage beobachtet hat. Weil er ihn in seinem tiefsten Wesen begreift. Weil er eins mit ihm ist.“

„Und weil er den Skorpion liebt“, ergänzte Barad. „Weil er in Ehrfurcht seine Schönheit und Einzigartigkeit ausleiht. Die Dinge enthüllen uns ihren wirkungsvollsten Zauber, wenn wir ihnen Liebe und Aufmerksamkeit schenken.“

„Ich werde zum Tiger, wenn ich eine schöne Frau sehe!“ flüsterte einer, der weit hinten saß.

„Hoffentlich stinkst Du nicht auch so!“ gab sein Kumpan zurück. Die neben ihm sitzenden hatten Mühe, das Lachen zu verbeißen.

„Schhht!“ murrten einige andere.

Mauro fuhr fort: „Das ist eine der Grundlagen der Zauberei: die Dinge in ihrem tiefsten Wesen zu begreifen. Eins mit ihnen zu werden, um sie zu beherrschen.“

„Und die anderen Grundlagen?“

„Zu verstehen, dass wir mit allem verbunden sind. Deswegen können wir zu allem werden und aus allem schöpfen. Wir müssen nur die Grenzen unserer Wahrnehmung überschreiten. Nicht einmal Raum und Zeit haben Bestand. Die alten Meister können jederzeit überall sein.“

„Woher kommt die Giftwirkung?“ fragte der Junge mit dem dicken Hals.

„Es ist die Wahrnehmung. Du siehst einen Skorpion, weißt dass er giftig ist und stirbst an Deiner Angst“, mutmaßte Lucca.

„Das ist nur ein Teil der Wahrheit“, korrigierte ihn Mauro. „Tatsächlich wirkt ein Fluch ganz ähnlich wie Gift. Er verursacht Turbulenzen in Deinem Energiesystem. Je nachdem, wie stark die Turbulenzen sind, kann er Dich sogar töten. Wenn Du einen Fluch abwehren willst, musst Du die eingebrachte Fremdschwingung neutralisieren. Das wirkt im Prinzip genauso, wie wenn Du ein Gegengift einsetzt.“

Die jungen Zauberer lauschten gebannt Mauros Worten. Sie brannten darauf, ihre Fähigkeiten im Kampf für ihren König zu beweisen. Dieser hoffte inständig, dass er den Einsatz ihres Lebens niemals fordern musste.

Die Konferenz der Caladrim

Nur selten hatte Mauro hochrangige Würdenträger aus Orod Ithryn um sich versammelt. Die Gelegenheit war wie geschaffen für eine gemeinsame Konferenz der schwarzen und der weißen Zauberer. Mauro bot an, sein mittlerweile recht umfangreiches Wissen über Barrens Labyrinth der 1000 Schrecken zu teilen. Im Austausch hoffte er, die noch fehlenden Mosaiksteinchen zu erhalten.

Gastgeber war die schwarze Gilde von Orod Ithryn. Die großen Meister der Furukim waren allesamt vertreten.

Bei den weißen Zauberern galt die Einladung vor allem den Meistern der Caladrim. Dem Bund der Lichtbringer gehörte Mauro seit Ostgilgart an. Heute teilte er sein Wissen vorbehaltlos mit allen Zaubergilden, die unter Barrens Grausamkeiten gelitten hatten. Dadurch fühlten sich jene bestätigt, die damals für seine Aufnahme in die Gemeinschaft der Caladrim gestimmt hatten.

Die Altmeister materialisierten sich der Reihe nach im großen Versammlungssaal des Schlosses. Fürst Torren erschien erstmalig persönlich im Palast von Mandrilar. Er hielt es für unverzichtbar, sich als ranghöchster Zauberer von Furukiya in diesem Kreis sehen zu lassen. Schließlich war das Labyrinth, um das es heute gehen sollte, zum Teil seine Schöpfung.

Mauro hatte inzwischen keine Mühe mehr, auf den mächtigen Zauberer zuzugehen. Er begrüßte ihn freundlich und sagte ihm ein Vier-Augen-Gespräch zu.

König Kelros von Aglar war gekommen. Mauro hieß ihn herzlich willkommen. Noch größer war die Freude, als bald darauf Schlobart eintraf.

Die jüngeren Großmeister, die ihren Körper noch nicht mit durch den Äther nehmen konnten, nahmen mit ihrem Astralleib an der Zusammenkunft teil. Einer von ihnen war Iarwains Sohn Neldor.

Die anderen weilten schon länger in Mandrilar: Hohepriesterin Suza, Hohepriester Keor, die Herren aus Orod Ithryn und natürlich Gildemeister Malfarin. Hanok war anwesend, weil er das Labyrinth kannte. Yvo, Jago, Lucca und Shui postierten sich an den Seiten des Raumes. Ihre Aufgabe war, die Teilnehmer zu beobachten und die Inhalte der Konferenz zu memorieren.

Hohepriesterin Suza nahm Yerions protokollarische Aufgaben wahr. Die Königin der alten Völker hatte wegen ihrer Schwangerschaft abgesagt. Das Kind war in dem denkwürdigen Fruchtbarkeitsritual gezeugt worden, als der Feuergott der Erdgöttin beiwohnte. Weil das als besonders gutes Omen galt, durfte Yerion kein Risiko eingehen.

Mauro fasste die Erkenntnisse zusammen: „Barrens Schrecken lassen sich auf eine begrenzte Zahl von Grundmustern reduzieren. Sobald man eine Hauptgestalt aufgelöst hat, verlieren alle anderen aus dem gleichen Muster ihre Macht. Dieses Wissen allein hilft wenig. Sie entwickeln immer neue Erscheinungsformen, die wir nicht auf Anhieb zuordnen können. Deshalb brauchen wir ihre Namen. Spricht man ein Geistwesen mit seinem richtigen Namen an, muss es gehorchen.“

Fürst Torren runzelte die Stirn: „Das klingt plausibel. Dennoch kann ich euch nicht helfen. Ich habe am Labyrinth mitgebaut, aber die Anzahl der Grundmuster kenne ich nicht. Und dann erst die Namen…“

„Vielleicht kennt nicht einmal Barren den Bauplan des Labyrinths?“ Diesen Verdacht hegte Mauro seit längerem. Er hatte einige der Figuren gegen ihren Meister gekehrt. Barren war ihren Schrecken ebenso hilflos ausgeliefert wie alle anderen.

„Das würde bedeuten, dass Barren und Torren intuitiv eine Quelle uralten Wissens angezapft haben. Bewusst besitzen sie keinen Zugang dazu. Wir müssen uns durch die Bibliotheken der alten Völker wühlen. Gewiss gibt es Aufzeichnungen...“ Meister Neldor war Spezialist für solche Recherchen. Allerdings war zu befürchten, dass sie auf die Ergebnisse ein halbes Jahrhundert warten mussten.

„Es gibt Aufzeichnungen. Ich habe in einer Vision ein Buch gesehen. Es stand in einer riesigen Bibliothek. Das Buch erkenne ich wieder, doch wo ist die Bibliothek?“

„Handelt es sich um die versunkene Bibliothek von Mandrilar?“ Fürst Torren war erstaunt. „Es gab Gerüchte, dass sie noch existiert. Barren und ich haben den Palast jahrelang durchsucht. Vielleicht gelingt es Euch….“

Schlobart war nicht bereit, so lange zu warten: „Eine jahrelange Suche bringt uns nicht weiter. Es muss einen anderen Weg geben.“

„Hat jemand eine spontane Eingebung? Sprecht sie aus!“

Hohepriesterin Suza rief aufgeregt: „Die Zahl sieben. Es gibt sieben Grundenergien, aus denen die Schöpfung gewoben ist.“

Barad war überrascht: „Auf den sieben Grundenergien basieren unsere Zaubertechniken. Könnten auch die 1000 Schrecken aus diesen Uressenzen gewoben sein?“

Fürst Torren überlegte: „Möglich wäre es.“

„Möglich?“ Suza geriet in Fahrt. „Alle energetischen Gebilde bestehen aus den sieben Urenergien. Ein Systembruch ist nicht denkbar. Ihr rüttelt an den Grundfesten unseres Weltbildes!“

König Mauro dachte zu Ende, was hier im Raum stand: „Wenn die 1000 Schrecken energetische Gebilde sind, die sich auf sieben Grundmuster reduzieren, und diese Grundmuster den Urenergien entsprechen, dann haben wir es hier mit den sieben Urängsten zu tun. Der Formenreichtum in Barrens Labyrinth basiert auf ihren Kombinationen und Abwandlungen.“

Im Raum wurde es still. Jeder reflektierte Mauros Worte für sich. Schließlich wiederholte Barad langsam: „Alles, was uns im Leben Furcht einflößt, basiert auf den sieben Urängsten. Das Labyrinth ist aus dieser Substanz gewoben.“

Torren bekräftigte: „Sieben mal sieben Kombinationsmöglichkeiten – mehr gibt es nicht.“

„In Barrens variantenreicher Bilderwelt sehen sie bloß nach mehr aus“, bestätigte Mauro.

Gildemeister Malfarin faltete die Hände vor dem Gesicht: "So einfach ist das! Mit diesem Wissen hätten wir viele wackere Männer retten können. Mein Vater war eines der Opfer. Erschöpft von den Kämpfen gegen Barrens Geister starb er eines frühen Todes."

König Kelros seufzte: "Wackere Männer haben im Labyrinth den Verstand verloren. Selbst die, die rausgekommen sind, litten bis an ihr Lebensende Höllenqualen"

Hanok wusste, wovon sie sprachen. Er selbst war in Barrens Labyrinth gefoltert worden. Bloß zuzuhören, wenn die anderen darüber redeten, war für ihn unerträglich. Kalter Schweiß lief über seinen Rücken hinunter. Immer wieder fokussierte er seine Augen. Er musste sich versichern, dass er nicht mit einem derben Sack über den Kopf vor Barren kniete. Sobald er die Augen schloss, fielen die Gespenster über ihn her.

"Wir Zauberer wissen mit Ängsten umzugehen. Schattenarbeit ist unser tägliches Brot.“ Zumindest für Mauro traf das zu.

Hohepriesterin Suza wollte das nicht gelten lassen: „Nach meiner Kenntnis habt ihr Zauberer mehr Erfahrung mit dem Kreieren von Ängsten als mit deren Heilung. Wie ich höre, setzt Ihr Euer Wissen inzwischen als Waffe ein."

Mauro ging nicht auf Suzas Kommentar ein. Er wollte nicht vor allen bekennen, dass sie Recht hatte. "Die Experten im Heilen von Ängsten sind die Hochelfen. Sie haben mich dereinst an ihrem Wissen teilhaben lassen. Vielleicht helfen sie uns, Leitlinien der Heilung zu erstellen."

Suza protestierte: "Diese Kunst sollte den Tempeln vorbehalten bleiben. Selbstverständlich stehen wir allen Menschen zur Seite, die Heilung brauchen. Das ist unser göttlicher Auftrag. Dieses brisante Wissen darf nicht in die falschen Hände geraten. Ihr habt erlebt, welchen Unfug man damit anstellen kann.“

"Lasst uns das Wissen erst in Händen haben, ehe wir es zu hüten beginnen.“ Barad kannte Suzas Empfindlichkeit.

"Bisher waren die Hochelfen nicht gerade kooperativ. Königin Galbereth teilt ihr hehres Wissen nicht mit jedermann", sagte Suza spitz. Das Verhältnis zwischen beiden Damen war nicht gerade herzlich.

Natürlich hatte Elfenkönigin Galbereth die Konferenz verfolgt. Sie war als Ringträgerin selbst ein Mitglied der Caladrim. Jetzt hielt sie die Zeit für gekommen, sich im Kreise der Anwesenden zu zeigen.

Galbereths Auftritte waren atemberaubend (möglicherweise der Hauptgrund, weshalb Suza sie nicht ausstehen konnte). Jeder der anwesenden Männer hätte geschworen, nie eine schönere Frau gesehen zu haben. Ein Strahlen begleitete die Elfenkönigin, dessen Quelle in ihrem Innersten zu sitzen schien. Sie ging nicht, sie schwebte. Ihre Stimme tönte wie Glockengeläut. In ihren blauen Augen meinte man Meereswellen zu erkennen.

König Mauro verneigte sich tief (ebenso wie die anderen Herren). "Herrin, es ist mir eine Freude, Euch wiederzusehen. Die Welt der Menschen braucht Eure Hilfe."