Der düstere Wanderer - Solveig Kern - E-Book

Der düstere Wanderer E-Book

Solveig Kern

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Beschreibung

Furuks Erbe ist ein neunbändiges Fantasy-Epos mit mehreren Ebenen: Die offensichtliche Ebene ist die Heldenreise: Der wandernde Zauberer Mauro gerät in eine Reisegruppe, an deren Mission er keinen Anteil zu haben meint. Zug um Zug wird er mit unangenehmen Wahrheiten konfrontiert und muss sich seiner Seelenaufgabe stellen. Die Fantasy-Welt stellt Hindernisse wie Drachen, Irrgärten und Trolle bereit, während wir den Helden im Wachstumsprozess beobachten. Die zweite Ebene ist die Auseinandersetzung mit der Königs-Energie und den Prinzipien der Führung: was befähigt den Auserwählten, siegreich zu bleiben, wenn alle anderen versagen? Wie verhält sich ein geborener Anführer in feindlicher Umgebung? Wie beeinflussen Charakter und archetypische Ängste das Verhalten? Auf der dritten Ebene geht es um energetische Prozesse: Auf der Metaebene ist alles im Fluss. Vieles ist menschen-möglich. Der Mächtigste kann in den Strom eingreifen. Vielleicht haben Sie sich auch schon gefragt: Wo hört Kampfkunst auf und wo beginnt Zauberei? Die Grenzen sind fließend!

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Seitenzahl: 375

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Solveig Kern

Der düstere Wanderer

Furuks Erbe Band 1

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1: Der Hexenhorst von Yian Mah

Kapitel 2: Ein Wanderer kehrt heim

Kapitel 3: Die neue Herrin

Kapitel 4: Im Königreich der Elfen

Landkarte Band 1

Anhang

Impressum neobooks

Kapitel 1: Der Hexenhorst von Yian Mah

Die Hexenkönigin

Die Sonne brannte vom Himmel, als wollte sie noch einmal ihre ganze Kraft zeigen, ehe die eisigen Herbststürme die Herrschaft über die ausgedorrte Steppe übernahmen. Der Wind strich über eine bunte Jurte, die sich im staubigen Boden festkrallte. Am östlichen Horizont tauchte ein Reiter auf. Er näherte sich im Schritt dem Großen Fluss, der sich wie ein flirrendes Band durch die karge Landschaft schlängelte.

Der Reiter stieg am Ufer ab und ließ das Pferd trinken. Wachsam blickte er in alle Richtungen, ehe er sich selbst zum Wasser hinabbeugte. Nichts rührte sich. Nur ein leichter Windstoß trieb eine Fontäne Gischt von den gekräuselten Wogen in sein Gesicht. Er sprach zu seinem Pferd, wie es Menschen tun, die oft alleine unterwegs sind: "Bald haben wir es geschafft. Heute Abend gibt es ein Dach über dem Kopf und reichlich zu Essen. Wir müssen bloß noch über den Fluss."

Der Reiter blickte suchend umher. Neben der Jurte schaukelte ein einzelnes Floß in den Wellen. „Was meinst Du, Äsekiel, ist das die Fährstation? Hier lagen früher dutzende Boote. Am Ufer boten Händler ihre Waren feil. Das war ein Geschrei! Und jetzt? Kein einziger Fährmann ist zu sehen!" Er ging um die Jurte herum und rief: "Hallo, ist da jemand?"

Die Eingangsplane hob sich. Eine alte Frau steckte den Kopf heraus: "Geduld, Geduld. Ich komme ja schon!"

Der Fremde feilschte um den Fährlohn. Er sprach den örtlichen Dialekt mit nördlichem Akzent. Sein krauses dunkles Haar und die tief gebräunte Haut ließen allerdings eher auf einen Mann aus dem Süden schließen. Er wurde sich mit der Fährfrau rasch handelseinig und schickte sich an, die Falbstute aufs Floß zu führen.

Äsekiel spreizte die Beine in den Boden und schüttelte energisch den Kopf.

"Kannst auch nebenher schwimmen, wenn Du das lieber magst", sagte der Mann gleichgültig.

Die Falbstute sah ihn an, als wollte sie sagen: >meinst Du das ernst?<

Der Mann zuckte die Schultern und ging an Bord. Äsekiel entblößte die Vorderzähne, tat durch lautes Wiehern ihren Unmut kund und trottete hinter ihrem Herrn her.

Während die Alte das Floß mit kundiger Hand durch die Wogen steuerte, taxierte sie ihren Fahrgast. Der Mann war um die vierzig, mittelgroß und grobknochig. Er hatte ein energisches Kinn und einen durchdringenden Blick. In seinem dunklen, kräftigen Haar zeigten sich die ersten Silberfädchen. Die Art, wie er die Schwankungen des Bootes mit minimalen Bewegungen seines Körpers ausglich, hatte etwas Raubtierhaftes an sich. Das war gewiss keiner, der mit sich spaßen ließ.

>Ein Zauberer<, dachte die Alte. Nicht dass er die Zeichen seiner Zunft offen zur Schau trug, doch wer sonst würde in diesen unruhigen Zeiten an dieser Stelle den Fluss überqueren? Die Route führte von der berühmten Zauberschule Orod Ithryn im Osten direkt zum Hexenhorst von Yian Mah. Dahinter lag Furukiya, das Land des berüchtigten Zauberkönigs Curon.

Der Mann beachtete die Fährfrau nicht. Sein Blick ging übers Wasser in die Ferne, wo die Zinnen des Hexenhorstes von Yian Mah aufragten. Er überließ sich den Erinnerungen. Sechs Jahre hatte er in dieser Gegend verbracht – eine harte Zeit. An der Zauberschule von Orod Ithryn wollte er seine Ausbildung abschließen. Daneben kämpfte er mit den Kriegern von Yian Mah gegen die ins Land strömenden Almanen. Erstmalig fühlte er die Macht der dunklen Seite und kostete sie voll aus. Er badete in Blut und nackter Gewalt – als gäbe es weder Regeln noch Grenzen.

Eines Tages ging er zu weit. Er verweigerte dem Feldherrn von Yian Mah den Gehorsam. Zwar konnte er den Kampf zu ihren Gunsten wenden, doch für seine Disziplinlosigkeit wies man ihm die Tür. Damals empörte er sich über diese Ungerechtigkeit. Inzwischen war sein Blick klarer und sein Urteil milder geworden. Der harte Schnitt war nötig gewesen, um ihn zur Besinnung zu bringen. Sonst hätte er sich selbst zerstört.

Viele Jahre waren seither ins Land gegangen. Er war durch die Welt gewandert, bis weit hinter die östlichen Steppen und hatte mehr gesehen als die meisten seiner Zeitgenossen. Allmählich fiel es ihm leichter, auf der Gratwanderung zwischen Licht und Schatten die Orientierung zu behalten. Nun war er auf dem Rückweg in seine nördliche Heimat. Es galt, vergangenes Unrecht gut zu machen und Zeichen der Versöhnung zu setzen. In Yian Mah wollte er damit beginnen.

Ein Rabe kam geflogen und ließ sich auf der Schulter der Alten nieder. „Schau ihn Dir genau an, Akila“, murmelte sie halblaut vor sich hin. „Ich frage mich, was der hier will?“

"Akila? Eine Botin der Hexenkönigin?“ Der Mann war verwundert. „Ihr seid also eine Hexe aus Yian Mah. Wie kommt es, dass Ihr selbst das Ruder führt? Wo sind die Fährmänner? Und wo die Menschen, die hier am Flusse lebten?"

"Hier gibt es schon lang keine Fährmänner mehr. Die Stämme sind fortgezogen, fort mit dem Steppenwind. In diesen harten Zeiten sind wir Hexen auf uns alleine gestellt", knurrte die Alte missmutig. "Die Wahl fiel auf mich, weil ich trotz meiner schwachen Augen mehr sehe als die Jungen. Ihr wart wohl lange nicht in dieser Gegend?"

"Ich war weit fort, wo die Steppe den Horizont berührt." Er deutete mit einer ausladenden Bewegung nach Osten. "Gut fünfzehn Jahre sind ins Land gegangen, seit ich das letzte Mal diesen Fluss überquerte. Sagt an, ehrwürdige Alte, lebt Königin Merowe noch? Ich möchte ihr meine Aufwartung machen."

"So, so. Zu Königin Merowe wollt Ihr. Wen soll Akila melden?" fragte die alte Hexe ein wenig freundlicher. "Falls die Herrin Euch überhaupt empfangen möchte.“

"Man nennt mich Mauro. In der alten Sprache bedeutet >maur< düster."

"Mauro, der Düstere" wiederholte die alte Frau und musterte ihn unverhohlen. "Ein passender Name!" Sie gab Akila ein Zeichen, sich auf den Weg zu machen.

Die Falbstute verließ das Floß ohne zu scheuen und forderte dafür von ihrem Reisegefährten eine Belohnung ein. Ross und Reiter waren auf einander eingespielt. Sie ritten schon viele Jahre zusammen. Auch sonst verbanden sie zahlreiche Ähnlichkeiten. Wie Mauro war die Stute muskulös und grobknochig, mit kantigem Kopf, breitem Kreuz und kräftigen Beinen. Mauro war kein sonderlich feinfühliger Reiter, und Äsekiel kein sonderlich sensibles Pferd. So kamen sie bestens mit einander aus.

Mauro verabschiedete sich und händigte der Alten den vereinbarten Fährlohn aus. Ohne Eile setzte er seinen Weg fort. Sein wachsames Auge nahm die Eindrücke am Wegesrand wahr. Das dürre Steppengras wogte im Wind. Wie ein abgenagtes Gerippe ragten die schwarzen Balken eines niedergebrannten Dorfes in den Himmel. In den Ruinen wuchsen Gras und kleinere Sträucher. Das Dorf war schon länger zerstört. Man hatte es nicht wieder aufgebaut.

Die Ebene ging in Hügelland über und der Weg wurde steiniger. Mauro fand den Einstieg in den gewundenen Pfad, der nach oben zum Hexenhorst führte. Das letzte Stück war in den Felsen gehauen. Man merkte, dass die Bewohner überwiegend durch die Lüfte ein- und ausgingen. Reiter waren oft ungebetene Gäste, denen man den Weg nicht erleichtern mochte. Keines der zahlreichen Feindesheere, die der Steppenwind herangetragen hatte, konnte je den Horst erobern.

An der Pforte musste man immer noch drei Fragen aus dem Hexen-Einmaleins beantworten. Mauro konnte den Text auswendig. Mit einem Schmunzeln gab er die richtigen Antworten. Wenigstens etwas, das Bestand hatte.

Kurze Zeit später wurde er in die große Halle geführt. Die Hexenkönigin saß in vollem Ornat auf dem Thron, umgeben von sieben Raben. Die Klügste von ihnen, Akila, hockte auf ihrer Schulter. Königin Merowe trug den spitzen Hexenhut und eine dunkle Robe mit dazu passenden Pantöffelchen. Ihr Umhang war mit magischen Zeichen in dunkelgrüner Seide bestickt. Ihre schwarz geschminkten Augen blickten ernst.

Der Besucher verneigte sich ehrerbietig: "Herrin, ich bin auf der Durchreise und möchte Euch meine Referenz erweisen. Ich bin Mauro, der Sohn des Luchtir aus Brig."

Die Hexenkönigin erinnerte sich: „Du warst ein ungestümer Jüngling. Tapfer, doch ohne Selbstbeherrschung. Heerführer Tandim hat Dich fort geschickt."

"Er hatte Recht."

"Du bist erwachsen geworden, Mauro. Offensichtlich hast Du Deine Fehler eingesehen, sonst wärest Du nicht zurückgekommen." Die Hexenkönigin sah Mauro traurig an: "Der, dem Du das sagen wolltest, ist nicht mehr unter uns.“

Die Trauer dieser mächtigen Frau um ihren langjährigen Gefährten berührte Mauro. Die Hexen von Yian Mah folgten dem Mutterrecht. Merowe war die Herrin, Tandim ihr Feldherr. Offenbar konnte auch in dieser Form von Beziehung Liebe und Vertrautheit existieren.

Merowe erkannte auch in Mauros Blick jene schmerzliche Leere, die der plötzliche Verlust eines lieben Menschen hinterlässt. Sie lächelte und nahm den spitzen Hut ab. Ihr graues Haar war streng nach hinten gekämmt. "Komm, sei unser Gast. Mach Dich zum Essen frisch. Danach können wir reden!"

Vom Staub der Reise befreit kehrte Mauro in die große Halle zurück. Die Bewohner von Yian Mah hatten sich für das Abendessen versammelt. Die meisten von ihnen waren typische Steppenbewohner mit breiten Gesichtern und schräg stehenden Mandelaugen. Wie auf Kommando wandten sie ihre Blicke dem Eintretenden zu.

Frisch gebadet und mit getrimmtem Haar war Mauro ein durchaus erfreulicher Anblick. Er stand in der Kraft seiner besten Jahre und vibrierte vor Energie. Seine Ausstrahlung füllte den Raum. Tuschelnd steckten die Damen die Köpfe zusammen.

Mauro kniff die Augen zusammen, um sich an das Halbdunkel zu gewöhnen. Er sah überwiegend Frauen und Greise. Es gab zu wenige Kinder, und die wehrfähigen Männer fehlten fast vollständig. Das war ungewöhnlich. Die berüchtigten Krieger von Yian Mah hatten ihren Horst stets gut bewacht. Nun wehte ein Hauch von Verfall durch die Halle.

In einer Ecke entdeckte Mauro Menschen eines ganz anderen Schlages: sie hatten längliche, hellhäutige Gesichter, aus denen das kantige Kinn und die Hakennase prominent hervorragten. Neben den Steppenbewohnern erschienen sie groß. Sie hatten krause Haare und dunkle Augen. Ihre Kleidung war mit Goldfaden bestickt und mit farbenprächtigen Borten verziert.

Einer dieser Menschen kam geradewegs auf Mauro zu. Er schien etwas sagen zu wollen, doch er fand keine Worte. Stumm breitete der Mann die Arme aus.

Auch Mauro sah den Fremden an, als wäre er eine Erscheinung aus einer anderen Welt.

Sie gingen auf einander zu. Mauro betastete den anderen, als könnte er nicht glauben, dass er aus Fleisch und Blut bestand: "Hamon! Bist Du es wirklich?" Die beiden fielen einander um den Hals.

Mauro wollte wissen, was Hamon nach Yian Mah führte. Die beiden Freunde hatten einander seit vierzehn Jahren nicht mehr gesehen. Damals studierten sie in Orod Ithryn die magischen Künste. Hamon kam aus dem Wüstenstromland im Süden und Mauro aus dem Winterland im Norden. Sie unterschieden sich wie Feuer und Wasser, ihre bevorzugten Elemente. Gerade deshalb verstanden sie sich so gut. Mauro in seinem Taumel überschritt alle Grenzen. Hamon, der Besonnene, mahnte zur Mäßigung und deckte Mauro, wenn es eng wurde.

Als Mauro von der Schule gewiesen wurde, verloren sie sich aus den Augen. Hamon schloss seine Ausbildung ab und kehrte ins Wüstenstromland zurück. Er schlug die Beamtenlaufbahn ein, gründete eine Familie und lebte ein biederes Leben – bis vor wenigen Monden.

Ähnlich wie die alte Kultur von Ambar ging auch das hoch entwickelte Wüstenstromland zu Grunde. Die Menschen hatten mit ihrer Vorstellkraft Monumente von unvorstellbarer Größe und Schönheit errichtet. Die herrschende Schicht verfügte über ein enormes Wissen. Sie legten Bibliotheken an und beobachteten die Sterne. Alltägliche Verrichtungen hingegen interessierten sie nicht. Sogar für die Verteidigung holten sie Fremdlinge ins Land, die sich über Generationen an den Fleischtöpfen satt aßen.

Eines Tages mochten sich die fremden Feldherren nicht länger dem Herrschaftsanspruch des Gottkönigs unterwerfen. Was über Jahrhunderte entstanden war, ging in wenigen Wochen in Rauch auf. Das Land versank im Chaos.

Hamon hatte anfangs gedacht, die neuen Herren würden ihn als Verwaltungsexperten brauchen. Als die Lage immer unsicherer wurde, entschloss er sich zur Flucht. An vielen Orten wies man ihn fort. In dieser unsicheren Zeit waren zusätzliche Esser nicht willkommen.

In Yian Mah fand Hamon mit seiner Sippe gnädige Aufnahme. Hier fehlte es an Menschen, die den Horst versorgten. Zupacken war nicht gerade Hamons Stärke, doch als Zauberer konnte er einiges bewegen, was den Alltag der Hexen erleichterte.

Bald kam das Gespräch auf die Situation in Yian Mah: das stolze Hexenreich, das dem Anbranden der Steppenvölker Jahrhunderte lang standgehalten hatte, existierte nicht mehr.

Der Niedergang hatte vor drei Generationen mit einer verheerenden Pestepidemie begonnen. In der Folge wurde das alte Volk durch Kriege, Seuchen und Hungersnöte so dezimiert, dass es sich vom Großteil seiner Flächen zurückziehen musste. In die aufgegebenen Weidegebiete wanderten landlose Almanenstämme ein.

Die berüchtigten Krieger der Hexenkönigin hielten die Eindringlinge unter Kontrolle, bis der Almanenkönig ein Bündnis mit König Curon einging. Vor etwa zehn Jahren unterwarf der Erain Norn das Hexenkönigreich. Er forderte so viel Tribut, dass nichts fürs Volk übrig blieb. Die tapferen Krieger von Yian Mah setzte er fern der Heimat ein und verheizte die Jugend des Landes in der vordersten Schlachtreihe. Daraufhin zogen sich die Nomaden in die hintere Steppe zurück. Die Hexen kontrollierten bloß noch diese eine Burg und die Ebene am Fluss.

Den letzten Schlag versetzte König Curon seiner alten Feindin Merowe erst kürzlich. Er ließ ihren Gefährten und Feldherrn Tandim unter einen Vorwand gefangen nehmen. Curons Bruder Barren schickte ihn ins Labyrinth der 1000 Schrecken, das er aus den Tiefen seiner abgründigen Bosheit gewoben hatte.

Tandims Sohn Sedh zog aus, den Vater zu befreien. Vor zwei Wochen hatte er beinahe Erfolg. Er brachte ihn aus dem Verließ ans Tageslicht. Doch Tandim hatte unter der Folter durch Barrens Gespenster den Verstand verloren. Er wähnte sich von einem Geist verfolgt und stürzte sich schreiend von der Festungsmauer in die Tiefe. Die Wachen wurden auf Sedh aufmerksam und nahmen ihn gefangen. Nun erwartete er einen grausamen Tod.

Die Stimme der Hexenkönigin zitterte, als sie auf ihre Lieben zu sprechen kam. All die erlittene Schmach, die Demütigungen der letzten Jahre, mischten sich mit der Trauer. Sie fasste Mauros Arm und sah ihm tief in die Augen: "Du bist stark und mutig, Mauro. Dich schickt ein gnädiger Himmel. Schütze Yian Mah! Räche Tandim und rette Sedh! Es soll Dein Schaden nicht sein. Was ist es, das Dein Herz begehrt? Gold, Edelsteine, die schönsten Frauen? Was ich besitze, sei Dein. Du bist nicht zufällig zum jetzigen Zeitpunkt zurückgekehrt. Lass mich in der Stunde der Not nicht im Stich!"

Mauro hielt ihrem Blick stand. Er legte seine Hand behutsam auf die ihre: "Euer Vertrauen ehrt mich, hohe Frau. Ich verstehe, wie Euch zu Mute ist. Es gab Zeiten, da wäre ich für weniger in den Kampf gezogen. Doch mein Sinn steht nicht nach Rache und Zerstörung. Ich bin zurückgekehrt, um zu versöhnen."

Er hielt inne, ehe er entschied, weiter zu sprechen: "Auch ich habe die Frau verloren, die meinem Leben Sinn und Orientierung gab. Oh, ich wünschte, ich hätte sie bloß aus einem Verließ zu befreien gehabt. Sie starb in einem Kampf, den ich nicht verstand. Ich war nicht da, als sie mich brauchte." Er konnte nicht verhindern, dass Bitterkeit in seinen Worten mitschwang: "Wie könnte ich Euch schützen? Gegenüber der, die meinem Herzen am nächsten stand, habe ich versagt."

Die Hexenkönigin ließ ihre Hände sinken. Sie wandte sich kurz ab und gewann ihre Fassung wieder: "Verzeih, dass ich Dich mit meinen Sorgen quäle. Ich spüre die Last, die Du selbst zu tragen hast." Mit traurigem Lächeln fügte sie hinzu: "Sei nachsichtig mit einer alten Hexe, die über den Ruinen ihres Lebens wacht wie ein Vogel über seinem zerstörten Nest!"

Yerions Beute

In Yian Mah wählten die Hexen die Väter ihrer Kinder nach eigenem Gutdünken. Mauro konnte davon ausgehen, dass er diese Nacht nicht allein verbringen würde. Ein wandernder Zauberer war eine begehrte Jagdtrophäe. Einige hübsche Mädchen hatten bereits Interesse signalisiert. Die Wahl verpflichtete niemanden. Yian Mah kannte kein eheähnliches Treueversprechen. Dennoch ermutigte Mauro keines der kichernden jungen Dinger, die ihn verheißungsvoll anhimmelten. Er wartete auf eine, die ihm ebenbürtig war.

Sie kam in Gestalt von Yerion, der jüngsten Tochter der Hexenkönigin. Sobald sie den Saal betrat, richteten sich alle Blicke auf sie. Yerion gab den rangniedrigeren Frauen ein Signal, sich zurückzuziehen. Dann warf sie den Kopf in den Nacken und sah Mauro prüfend an. Der Tanz konnte beginnen.

Mauro kannte Yerion aus einer Zeit, als sie gerade an der Schwelle zur Frau stand. Niemals hätte der Jüngling sich einer Tochter der Hexenkönigin zu nähern gewagt. Dass sie ihn jetzt erwählte, schmeichelte seiner Eitelkeit. Dennoch war er nicht naiv genug, diese Ehre seinem Charme zuzuschreiben. Yerion wusste, was sie wollte und wie sie es bekommen konnte. Wenn sie ihm ihre Gunst erwies, hatte das seinen Preis. >Vorsicht< mahnte Mauros Verstand. Doch die Augen folgten jeder ihrer Bewegungen.

Yerion war gewiss keine Schönheit. Ihr Mund war ein wenig zu breit, doch ihre Lippen wirkten sinnlich. Ihr Hang zur Trägheit hatte etwas Laszives. Sie war etwas zu klein für ihr Gewicht. Wenn sie aber wie jetzt die Hüften schwang, schienen ihre Rundungen zum Hineinsinken aufzufordern.

Yerion kannte ihre Wirkung. Sie wusste genau, was es brauchte, um einen Mann gefügig zu machen. Jedes Lächeln und jede Geste war kalkuliert. Sie vermied unnötige Anstrengungen. Deshalb ging sie ohne Umschweife auf ihr Ziel los: „Ihr sagt, Ihr wollt nicht für Yian Mah in den Kampf ziehen. Selbst Gold und Edelsteine können Euch nicht locken. Ist das wahr?“

„Es ist wahr. Eure Mühen sind vergebens.“ Mauros Verstand rang um Kontrolle: > Lass Dich nicht einwickeln. Sie spielt mit Dir wie die Katze mit der Maus. Such das Weite, ehe es zu spät ist! < Doch das Raubtier in ihm hatte längst ihre Witterung aufgenommen.

Inzwischen gehörte ihnen die Halle allein. Alle anderen hatten sich in ihre Gemächer zurückgezogen. Yerion wählte eine Säule in Mauros Nähe und schmiegte sich mit dem Rücken dagegen. Jede ihrer Bewegungen war pure Provokation. Dass Mauro ihr nicht sofort zu Füßen lag, machte das Spiel umso reizvoller: „Vielleicht war der Preis, den meine Mutter bot, zu gering?" Die Art, wie Yerions Hände die Säule umspielten, ließ ahnen, welchen Preis sie im Sinn hatte.

"Ich bin nicht käuflich, hohe Dame.“ Doch statt ihr die kalte Schulter zu zeigen, kam Mauro auf sie zu.

Yerion bemerkte es und lachte: "Ich glaube Euch nicht." Sie fuhr fort, sich provokativ an der Säule zu räkeln. "Jeder hat seinen Preis. Nennt den Euren!"

Mauro rief sich zur Ordnung. Ein Handel mit Yerion war nicht zu seinem Vorteil – vor allem, wenn sie die Bedingungen diktierte. "Vergesst es", sagte er harsch und wandte sich ab.

Yerion bewegte sich wie eine Katze, die schnurrend um seine Beine strich: „Wie könnte ich vergessen, welch machtvoller Krieger Ihr seid?"

„Ein jähzorniger Krieger und düsterer Zauberer.“ Mauro lachte bitter. „Zu lange habe ich gekämpft, zu viele unsinnige Schlachten geschlagen. Für mich ist es Zeit, das Schwert niederzulegen. Mein Sinn steht nach Versöhnung."

„Ihr werdet keine Versöhnung finden, ehe Ihr Euch mit Euch selbst versöhnt", schnurrte die Katze Yerion. „Das kann dauern. Bis dahin könnt Ihr ebenso gut für mich kämpfen." Mittlerweile hatte sie ihn schon weit in ihre Welt hineingezogen. Die Konturen der Halle waren verschwunden. Nun gab es nur noch sie beide.

Mauro merkte, wie sie seine Sinne verwirrte. Sein Bestreben, die Kontrolle zu behalten, kämpfte gegen das Verlangen und den Reiz der Gefahr. Er wusste, es ging um Macht. Er konnte sie nur gewinnen, wenn er sich nicht unterwarf. War er stark genug, um in diesem Spiel zu bestehen?

Yerion verstand es meisterlich, seine Begierde anzufachen. Immer, wenn seine Lippen die ihren beinahe berührten, entzog sie sich: "Ihr kennt den Preis. Unterwerft Euch. Zieht für Yian Mah in den Kampf."

"Das wird nicht geschehen."

"Warum sträubt Ihr Euch? Als Jüngling habt Ihr eine Schlacht für uns entschieden. Wie viel stärker seid Ihr heute, als Zauberer und als Mann!" Während sie ihn umschmeichelte, gelang es ihr, mit einem Bannzauber seine Hände an einer Säule zu fixieren. Ungehindert berührte sie seinen Körper, bis er vor Verlangen aufstöhnte. "Seht her, Ihr bekommt Euren Preis als Vorschuss. Holt ihn Euch." Ihr Gesicht war dem seinen ganz nah.

Yerion manipulierte Mauros Wahrnehmung und verwandelte sich in einen Panther. Sie fauchte und fuhr ihm mit ihren Krallen über die Brust: "Es ist wenig genug, was ich für meine Dienste verlange. Schwört mir Gefolgschaft!"

Mauro setzte ihr seinen unbändigen Willen zur Unabhängigkeit entgegen und brach ihren Bannzauber. Dadurch konnte er seine Hände aus der Umklammerung lösen. "Ihr seht das zu einseitig. Auch ich besitze etwas, das Ihr haben wollt. Unterwerft Euch mir, so will auch ich mich Euch unterwerfen!" Mit diesen Worten wurde er ebenfalls zum Panther. Eine Weile umschlichen sie einander. Dann setzte Mauro zum Sprung an. Er packte und duckte sie, wie ein Kater es mit der Katze tun würde.

Die unterlegene Position gefiel Yerion nicht. Sofort nahm sie wieder ihre menschliche Gestalt an: "Nackte Gewalt. Ist das alles, was Ihr mir entgegenzusetzen habt?"

Auch Mauro richtete sich wieder zur menschlichen Gestalt auf: "Der Kater antwortet der Katze, der Mann der Frau, der Zauberer der Hexe. Auf welcher Ebene wollt Ihr mit mir sprechen?"

Yerion begriff ihren Irrtum. Gelänge es ihr, ihn zu besiegen, wäre er wertlos für ihr Ziel. Es gab nur einen Weg, ihn zu gewinnen: "Ich spreche als Herrscherin meiner Welt zum Herrscher Eurer Welt. Auf gleicher Augenhöhe."

"Da könnten wir uns treffen."

Als er jetzt seinen Arm nach ihr ausstreckte, entzog sie sich ihm nicht. Mauro näherte sich vorsichtig. Sie kam ihm entgegen und forderte mehr. Während sie einander küssten, fasste Yerion Mauro am Gürtel und dirigierte ihn zu ihrem bevorzugten Divan. Sie ließ sich in die weichen Polster fallen und zog ihn zu sich. Sobald Mauro sicher war, dass sie keine Tricks mehr versuchen würde, ließ er seiner Leidenschaft freien Lauf.

Als Yerion sich bei Tagesanbruch anschickte, ihr gemeinsames Lager zu verlassen, fiel ihr Blick auf Mauros entblößten Oberarm. Da war der Wolfskopf, das eintätowierte Zunftzeichen der Zaubergilde von Orod Ithryn. Es saß nicht an seiner üblichen Stelle am Trizeps, sondern weiter unten. Man hatte es dort angebracht, um das Zunftzeichen der weißen Gilde des Eispalastes zu überdecken. Das war nicht gelungen. Die Zunftzeichen besaßen ein Eigenleben, sie konnten sich verändern und offenbar auch schützen. Die beiden feindlichen Zeichen waren untrennbar ineinander verwoben. Oben drüber, an der Stelle wo sonst der Wolfskopf saß, prangte ein schwarzer Drache.

Mauro folgte ihrem Blick. "Das ist nicht, was Ihr denkt. Ich bin kein Nachkomme des Königshauses von Ambar, nur der Sohn eines einfachen Schmiedes aus Brig. Brig liegt dort, wo die Welt zu Ende ist, " fügte er mit einem Schmunzeln hinzu. Er nahm nicht an, dass Yerion seine Heimatstadt kannte. "Dieser Drache ist ein Zauberzeichen aus dem Land der Drachenkrieger, mit denen ich zwölf Jahre gelebt habe. Ich erwarb das Recht, ihn zu tragen, indem ich eine bescheidene Meisterschaft in ihren Künsten erreichte. Ihr Fürst schenkte mir sein Vertrauen und verlieh mir den Ehrentitel >Drachensohn<."

>Alle Drachenkinder stammen aus dem gleichen Nest. Sie erkennen einander, wo immer sie sich begegnen<, dachte Yerion bei sich. Laut sagte sie nur: "Was habt Ihr für ihn getan, dass er Euch solcher Ehre für würdig erachtete?"

"Ich war so etwas wie ein Berater für ihn. Oft ritt ich mit seinen Truppen, denn sie waren ständig in Händel verwickelt. Sie lernten von mir und ich noch viel mehr von Ihnen. Sie waren Meister der Selbstbeherrschung und der Manipulation von Energie. Ihr Wissen über die Kriegskunst stellt alles in den Schatten, was ich jemals an unseren Höfen sah", schwärmte Mauro. "Zwölf Jahre konsequenten Übens reichten gerade, um mir einen winzigen Teil davon zu erschließen."

"Ihr seid ein Meister der Kriegskunst, doch Ihr tragt kein Schwert?"

"Ich besaß ein wunderbares Schwert, schmäler und leichter als unsere Schwerter. Es war so scharf, dass es eine Feder in der Luft zerteilte. Der Griff lief aus in einem Drachenkopf – wie der, den ich am Arm trage. Im Maul trug der Drache einen Zauberstein, in dem sich das Licht in hunderten Facetten brach. Ich bin kein guter Schwertfechter, doch sein Zauber hat mir und dem Volke der Drachenkrieger ruhmreiche Siege beschert."

Yerion nickte. Auch ihr Volk war vor vielen Generationen durch die östlichen Steppen hierher gekommen. Sie verstand die Symbolik jenes fernen Stammes, den Mauro die >Drachenkrieger< nannte. "Ein solches Schwert bekommt man nicht geschenkt."

"Natürlich nicht. Ich musste mich dessen als würdig erweisen."

"Und doch habt Ihr es nicht bei Euch?"

"Das Zauberschwert ist das Erbe der Drachenkrieger. Ich hatte kein Recht, es zu behalten. Als sich unsere Wege trennten, brachte ich es in den Tempel zurück. Die nächste Generation wird den Kampf aufnehmen, wenn die Zeit gekommen ist. Shio Bans Sippe ist verpflichtet, ihren Tod zu rächen." Mauro weigerte sich, an seine tote Gefährtin zu denken. Nicht jetzt, wo Yerions Küsse noch auf seinen Lippen brannten. "Das ist nicht der Moment, Erinnerungen nachzuhängen."

Yerion ließ sich wieder in seine Arme ziehen und blieb noch ein Weilchen.

Mauro blieb mehrere Wochen in Yian Mah. Eines Abends erzählte er, weshalb er dem Lande der Drachenkrieger den Rücken gekehrt hatte: „Sie wussten um die Unsterblichkeit der Seele und um die Ebenen seelischen Wachstums. Jede Erfahrung, ob schmerzhaft oder angenehm, begrüßten sie als hilfreichen Lernschritt für die Vollendung ihres Seelenzyklus. Doch sie lebten nicht abgehoben und friedfertig wie die Weisen im Wüstenstromland. Im Gegenteil. Blutige Fehden bestimmten ihr Leben. Der Weg des Kriegers galt ihnen unter den Wegen zur Vervollkommnung als der ehrenvollste.

Die Drachenkrieger nahmen mich bereitwillig auf, um von mir Dinge zu lernen, die Vorteile gegenüber ihren Feinden versprachen. Ich gewann das Vertrauen ihres Fürsten und die Zuneigung der mächtigen Hexe Shio Ban. Fast zehn Jahre lang war ich Shio Bans Gefährte. Doch hinter die Kulissen ihrer Welt, dorthin wo sie wirklich lebte, gewährte sie mir keinen Einblick. Ihren strikten Ehrenkodex habe ich bis zum Schluss nicht verstanden.

Die letzten Wochen vor ihrem Ende war Shio Ban anders als sonst. Ich spürte, dass sie sich Sorgen machte, doch sie weigerte sich, mit mir darüber zu sprechen. Unter einem Vorwand schickte sie mich fort. Statt meinem Instinkt zu folgen und zu bleiben, gehorchte ich. Als ich zurückkam, fand ich sie in ihrem Blute. Man hatte sie auf abscheuliche Weise zu Tode gefoltert."

Mauro stockte in seiner Erzählung. Die Bilder nahmen in seiner Erinnerung Gestalt an. Er fühlte erneut die Wut und die Trauer. Als er sich wieder gefangen hatte, fuhr er fort: "Mein erster Gedanke war Rache. Ich stürmte in den Palast und bat den Fürsten um Truppen. Doch er wollte nichts davon hören. Er sagte zu mir: >Bringt das Drachenschwert zum Tempel zurück. Es darf den Feinden nicht in die Hände fallen. Die Saat des Drachen wird aufgehen. Seine Kinder werden das Unrecht vergelten. Ich kämpfe nicht mehr<.

Ich beschwor den Fürsten, zu fliehen. Als Eingeweihter des alten Wissens hatte er die Pflicht, die Lehren der Unsterblichen für die Nachkommen zu bewahren. Ich gemahnte ihn an seine Verpflichtung, doch er lehnte ab: >Die immerwährende Wahrheit kann nie verloren gehen. Sie ist so mächtig, dass keiner von uns sie je in ihrer Gesamtheit begreifen wird. Wenn wir aussterben, schließt sich nur eine Türe: der Zugang, den wir gefunden hatten, geht verloren. Die nächste Generation findet einen neuen Zugang, der anders, doch nicht schlechter ist. Wir machen ihnen den Weg frei. Auf den Ruinen des Alten kann Neues gedeihen<. Ich bedrängte ihn, doch er herrschte mich an: >Stört mich nicht länger in den Vorbereitungen für die Heimkehr zu meinen Vätern. Das ist nicht Euer Kampf! Kehrt in Eure Heimat zurück<. Zum Schluss gab er mir ein heiliges Symbol seines Volkes: einen Ring, der seinen Träger selbst wählt."

"Was mag das wohl bedeuten?" wunderte sich Hamon. "Innerhalb kurzer Zeit gehen zwei alte Zivilisationen in unterschiedlichen Teilen der Welt unter. Zwei Freunde treffen am Rande der Trümmer wieder zusammen."

"Unsere Welt unterliegt einem zyklischen Wandel. Das Althergebrachte trägt uns nicht mehr." Yerion sprach so nüchtern, als wäre ihre Existenz nicht unmittelbar bedroht. „Das Mutterrecht hat ausgedient, die Zeit des Patriarchats beginnt.“

"Das mag sein. Auch die Drachenkrieger folgten dem Mutterrecht. Doch für die Weitergabe des alten Wissens hätten sie Sorge tragen müssen." Mauro haderte immer noch mit der Entscheidung des Fürsten.

"Sie haben es ja weitergegeben!“ ereiferte sich Hamon. „Du hast viel davon über hunderte Tagreisen nach Westen gebracht. Auch das Wissen aus dem Wüstenstromland wäre ohne unsere Flucht nie so weit nach Norden gekommen."

Mauro widersprach: "Weder Du noch ich haben alles gelernt, was die Weisen unserer Gastländer wussten. Nur ein kleiner Teil des alten Wissens wird überdauern."

Hamon hatte längst begriffen, dass die Zerstörung der alten Kulturen die nachdrängenden jungen Völker bereicherte: "Ist der Becher nun halb voll oder halb leer? Jeder Verlust birgt eine Chance. Zu lange war das alte Wissen in den steinernen Tempeln eingesperrt – wie Wasser in einem Fass, aus dem nur wenige schöpfen durften. Nun ist das Fass zerborsten und jede Pflanze im Umkreis bekommt einen Tropfen, mit dem sie gedeihen kann. Selbst die Tropfen, die auf den Weg fallen, kehren mit dem Regen zurück."

"Was tun die jungen Völker mit diesem Regen?“ ereiferte sich Mauro. „Sie schaffen Götter nach menschlichem Ebenbild und machen sie verantwortlich für alle Misslichkeiten. Wissen mutiert zu Aberglauben. Zauberer werden verfolgt, weil die Menschen unsere Macht fürchten und unsere Kunst nicht verstehen. Der steinige Weg der Einweihung ist ihnen zu mühsam."

"Die jungen Völker sind wie Kinder, sie spielen Kinderspiele“, seufzte Hamon. „Du weißt es selbst, Mauro: Kindseelen haben das Recht, ihren eigenen Weg zur Weisheit zu finden. Sie müssen nicht in die Fußstapfen der Eltern treten."

Nun mischte sich auch Hexenkönigin Merowe in die Unterhaltung ein: "Jeder, der einen Schluck aus dem Becher der Weisheit trinken darf, geht eine Verpflichtung ein. Wer soll den Kontakt zu den anderen Welten pflegen und die Botschaft der Unsterblichen bewahren, wenn nicht wir? Die Zeitenwende sollten wir begleiten wie liebevolle Eltern: lehren, ermutigen und Fehler verzeihen.“

„Auch, wenn unsere leiblichen Kinder dabei zu Grunde gehen?“ begehrte Yerion auf.

Mauro pflichtete ihr bei: „Wir sind Menschen, keine Götter. Wir kennen die Angst und fürchten den Tod – auch wenn wir wissen, dass er nicht das Ende ist. Soll ich mich vierteilen lassen und dann großmütig verzeihen, dass Kindseelen eben Fehler machen?"

Merowe lächelte milde: "In Dir wohnt die Seele eines alten Kriegers, Mauro. Niemand weiß besser, wann nachgeben angesagt ist und wann es sich zu kämpfen lohnt."

Yerion hatte sich in den letzten Tagen rar gemacht. Seit sie wusste, dass sie schwanger war, hatte das Beisammensein mit Mauro jeglichen Reiz verloren. Sie mochte Männer nicht besonders. So sehr sie es genoss, sie zu erobern, so wenig mochte sie sie hinterher besitzen. Nun überließ sie das Privileg des Beischlafes anderen Frauen. Zuletzt hatte sie eine junge Hexe mitgenommen, die den finalen Akt für sie übernehmen sollte. Mauro missdeutete ihr Ansinnen als Kompliment an seine Manneskraft und schlief mit beiden. Deshalb blieb Yerion jetzt lieber ganz weg.

Mauro dachte, es wäre Yerion, als eine zierliche Gestalt ins Dunkel seines Zimmers huschte. An ihren Bewegungen erkannte er bald seinen Irrtum. Er wusste, dass die Frauen von Yian Mah ihn als Samenspender benutzten. Dass sie jedoch über seinen Kopf hinweg entschieden, wer als nächste mit ihm ins Bett gehen durfte, ging ihm zu weit. Er schob das Mädchen unwillig zur Seite und zündete eine Kerze an. Nun staunte er, wer da herein geschneit war: vor ihm kauerte Sedhs Gefährtin.

Gianmey nahm schützend die Hände vors Gesicht, als fürchtete sie Schläge. "Zürnt mir nicht, edler Herr. Ich wollte ... ich möchte ..." stammelte sie. Schließlich rückte sie mit der Sprache heraus: "Niemand weiß, dass ich hier bin. Ich wollte Euch persönlich meine Dienste anbieten!"

Mauro schwankte zwischen Zorn und Mitleid. Er schätzte die sanfte Gianmey, doch ihre Absicht war allzu offensichtlich. Die Sorge um Sedh brach ihr das Herz. Mauro schüttelte unwillig den Kopf. Sedhs missliche Lage war wirklich nicht sein Problem.

„Bitte, Herr, weist mich nicht ab. Mein Geschenk verpflichtet Euch zu nichts."

Mauro war jegliche Lust vergangen. "Ihr liebt ihn sehr, nicht wahr?"

Gianmey nickte nur. In ihren Augen schwammen Tränen. Flehentlich sah sie Mauro an und versuchte, näher heranzurücken.

"Lasst das sein. Ihr wollt mich nicht wirklich, und ich habe kein Verlangen nach anderer Männer Frauen!"

„Wir Hexen von Yian Mah binden uns nicht an einen einzelnen Mann. Die Ehe, wie Ihr sie kennt, gibt es hier nicht“, versicherte Gianmey.

"Ja, ich weiß. Tatsächlich läuft es nicht anders als bei uns. Königin Merowe und Heerführer Tandim waren ein Paar, solange ich denken kann. Manche Eheleute werden nie ein Paar. Die Liebe fordert mitunter Dinge, die gegen die Konvention sind – und umgekehrt. Die Liebe ist meist stärker."

Gianmey senkte den Kopf und schwieg.

"Wie lange ist Sedh schon Euer Gefährte?" wollte Mauro wissen.

"Neun Jahre, Herr. Drei Kinder habe ich ihm geboren."

"Neun Jahre. Eine lange Zeit. Ihr und die Kinder scheinen ihm nicht viel zu bedeuten. In dieser Situation hinter Tandim herzurennen ist nicht gerade ein Liebesbeweis!" schimpfte Mauro.

Gianmey sah ihn verstört an. Dieser Gedanke quälte sie am allermeisten.

"Sedh ist seit mehreren Monden in den Händen des Tyrannen. Wahrscheinlich haben sie ihn längst umgebracht oder zumindest halb tot gefoltert. Da ist nicht mehr viel zu retten. Tandim hat auch nicht überlebt."

"Herr, ich weiß, dass er am Leben ist. Jeden Abend bin ich in Gedanken bei ihm und spreche ihm Mut zu. Sie gehen rau mit ihm um, doch sie haben ihn nicht schlimm gefoltert. Er ist ein mächtiger Zauberer. Als Mitglied einer geheimen Bruderschaft weiß er Dinge, die andere gefährden. Seine Seele würde freiwillig den Körper verlassen, sobald sie ihn zu sehr quälen."

"Großartig. Ein Geheimnisträger, der für andere ein Risiko ist, versteigt sich in eine aussichtslose Operation. Da habt Ihr Euch einen speziellen Helden angelacht. Verliebt Euch in Zukunft besser in einen Kerl mit mehr Verantwortungsbewusstsein gegenüber Familie und Kameraden!" Mauro wusste sich nicht anders zu helfen, als zynisch zu werden. Die Situation war zu absurd.

"Ihr schätzt ihn falsch ein. Sedh ist ein rauer Bursche. Manche halten ihn für brutal und rücksichtslos. Sie raten mir, ihn schnellstmöglich zu vergessen. Doch ich kenne ihn besser. Im Grunde seines Herzens ist er ein guter Mann. Er hat nicht verdient, dass wir ihn fallen lassen." Gianmey fing zu weinen an.

Mauro nahm sie in den Arm und strich begütigend über ihr langes, weiches Haar: "Weint Euch an meiner Schulter aus. Ich weiß, dass Ihr nicht wählen könnt, wen Ihr liebt. So ist es eben." Nach einer Weile fügte er hinzu: „Sedh stürzt sich ins Verderben. Nun soll ein anderer hinter ihm her springen. Am besten einer wie ich – ein Vagabund ohne feste Bindungen, um den keiner trauert. Ist es das, was Ihr mir sagen wollt?" Es war mehr eine Feststellung denn ein Vorwurf.

"Nein Herr, so habe ich das nicht gemeint..." Gianmey fuhr erschrocken auf. Sie wollte nicht, dass ihm ein Leid geschah.

"Wie habt Ihr es dann gemeint? Weshalb sollte ausgerechnet ich mein Leben für diesen verrückten Kerl aufs Spiel setzen?"

"Ich hatte eine Vision“, sagte sie zaghaft. „Ich habe Euch neben Sedh in den Kampf reiten sehen!"

"Das war wohl mehr ein Wunschtraum als eine Vision.“ Mauro wurde energisch: „Werte Dame, ich respektierte Euren Einsatz für das Leben Eures Gefährten. Doch lasst mich aus dem Spiel. Geht jetzt. Bitte!"

Gianmey warf sich untertänig auf den Boden, als wäre sie eine gemeine Magd. Dann huschte sie hinaus. >Wie ein verstörtes Tier< dachte Mauro. Plötzlich schmeckte alles schal. Schon am nächsten Tag ließ Mauro seine Gastgeber wissen, dass er bald weiterreisen würde.

Die Hexen baten Yerion, Mauro umzustimmen. Sie lehnte ab: "Er muss seinen Weg gehen. Was er hier tun konnte, hat er getan." Vieles hatte sie über ihn erfahren. Dinge, die ihm selbst nicht bewusst waren. Yerion wollte, ja sie durfte ihn nicht zurückhalten.

Hamon machte einen letzten Versuch: "Warte ab, bis der Krieg vorüber ist. Für den Erain Norn lohnt es sich nicht, in Yian Mah einzumarschieren. Hier sind wir sicher."

Mauro blieb hart: „Wenn ich den Sund erreichen will, bevor das Spektakel losgeht, muss ich jetzt aufbrechen.“

„Was treibt Dich an den Sund? Das Wetter hier ist besser und die Frauen sind schöner!“ Für Hamon war es unvorstellbar, dass ein vernünftiger Mensch weiter nach Norden wollte. Ihm war Yian Mah mit seinen eisigen Steppenwinden schon zu frostig.

„Ich habe mich im Mondtempel zu Minox an meiner Ritual-Partnerin schuldig gemacht. In der jungen Priesterin erkannte ich meine Jugendliebe. Da geriet ich in Raserei und wollte sie mit mir fortnehmen. Doch sie stand zu ihrem Eid und ihrer Pflicht. Man jagte mich aus dem Tempel. Getrieben von Todessehnsucht stürzte ich mich in jede erdenkliche Gefahr. Ich hörte erst auf zu wüten, als Heerführer Tandim mich durch sein hartes Urteil zur Besinnung brachte.“ Mauros Blick wanderte in die Ferne, als vor seinem geistigen Auge die Erinnerung vorüberzog. „Es ist an der Zeit, nach Minox zurückzugehen und Frieden zu machen. Vielleicht erfahre ich etwas über die Priesterin, die meine Mutter war."

Yerion fragte erstaunt: "Ich dachte, Ihr seid der Sohn eines Schmiedes?"

"Das ist wohl nicht die Wahrheit. Die Frau des Schmieds, die ich für meine Mutter hielt, war eine ehemalige Priesterschülerin. Auf ihrem Sterbebett übergab sie mir das Medaillon meiner leiblichen Mutter. Sie schickte mich zum Mondtempel, wo ich mehr erfahren sollte. Dort hielt man mich für unwürdig und verweigerte die Auskunft. Kein Wunder, bei meinem Benehmen! Hoffentlich sind die Priesterinnen nicht nachtragend."

Während er sprach, holte Mauro das Medaillon heraus und drehte es spielerisch zwischen den Fingern. Er wischte darüber und warf einen Blick darauf. Plötzlich stutzte er und sah genauer hin. Zum ersten Mal konnte er auf der Oberfläche die Konturen eines ihm unbekannten Wappens erkennen. Das Zaubermedaillon war bereit, sein Geheimnis preis zu geben. Er steckte es ein wenig zu hastig ein und wandte Yerion und Hamon wieder seine Aufmerksamkeit zu.

Hamon meinte, nicht richtig gehört zu haben: "Warum hast Du nie erwähnt, dass Du Dir Deiner Abstammung nicht sicher bist?"

"Ich gebe nicht viel auf Blutlinien. Eine Seelenverwandtschaft ist ein viel stärkeres Band als die leibliche Abstammung. Im Ernst, Hamon, es ist nicht wichtig, wer mich gezeugt hat. Ich bin Gal Dúath, Licht und Schatten. Diesen rituellen Namen habe ich mir aus eigener Kraft erworben!"

Diese Überzeugung teilte Yerion keineswegs. Nicht nur die Seelenfamilie, sondern auch die Blutlinie hatte einen prägenden Einfluss. Nicht umsonst hatten die Hexen von Yian Mah seit Generationen große Sorgfalt auf die Auswahl der Väter ihrer Kinder gelegt. Die Kinder erbten die Schulden der Eltern und waren verurteilt, sie zu tilgen. Yerion sah sich in ihrer Wahl bestätigt. Mauro war gewiss nicht der Sohn des Schmiedes von Brig. Zu stark war die alte Macht in ihm, als dass eine Laune der Natur ihn zu einem so mächtigen Zauberer gemacht hätte.

Tamdins Heimkehr

Am Tag vor Mauros geplantem Aufbruch erreichte sie eine Nachricht: Tandims Gefolgsleute brachten die sterblichen Überreste ihres Heerführers nach Hause.

Alle versammelten sich im Hof, um den Tross zu empfangen. Die Hexenkönigin in ihrem dunklen Ornat strahlte Distanz und Würde aus. Kein Laut der Klage kam über ihre Lippen, wie sehr auch die Trauer innerlich an ihren Kräften zehrte. Sie hieß die Heimkehrer willkommen: "Seid gegrüßt, Männer von Yian Mah. Schwer ist die Bürde, die ihr tragt!"

Der Anführer antwortete ebenso formell: "Gruß und Ehrerbietung zolle ich Euch, meine Königin. Wir sahen es als unsere Pflicht, dem edelsten der Feldherren die Heimkehr zu ermöglichen!"

"Mein Dank sei Euch gewiss. Nicht unter fremder Erde im Kreise seiner Feinde soll er ruhen. Hier unter seinen Vätern ist sein Platz!"

"Kein Geringer wird er sein unter den Ahnen, denn tapfer war er und furchtlos..." Es folgte ein längeres Loblied auf Tandim. Statt zuzuhören betrachtete Mauro die Neuankömmlinge. Einige von ihnen kannte er von früher – kleine, schlitzäugige Männer von großer Zähigkeit, mit denen er manche Schlacht geschlagen hatte. Lag es an der langen Reise, dass sie müde und kraftlos wirkten? Oder kreisten die schwarzen Vögel des Untergangs auch über Yian Mahs Kriegern? Eine Frage der Hexenkönigin riss ihn wieder aus seinen Gedanken: "Ich wagte nicht zu hoffen, dass der Erain Norn die Heimkehr gestattet. Wie großzügig von ihm, dass wir unseren Feldherrn in traditioneller Weise bestatten können!"

Wie viele vermied die Hexenkönigin den Namen "Curon" auszusprechen. Die Nennung des Namens galt als Respektlosigkeit. Sie lenkte die Aufmerksamkeit eines Zauberers auf den Sprecher. Der Genannte hörte vielleicht aus der Ferne zu, was über ihn gesagt wurde. Um das zu vermeiden, nannte man Curon den >Erain Norn<, den strengen König.

"Großzügigkeit wäre zu viel gesagt. Euer Neffe Shui lieferte sich ihm aus, als Pfand für unsere Rückkehr."

Betretenes Schweigen breitete sich aus. Alle wussten, was das bedeutete.

Yerions Schwester Emyon nahm kein Blatt vor den Mund: "Großartige Heldentat. Glaubt ihr ernsthaft, dass der Erain Norn Shui wieder gehen lässt? Wie viele Lebende wollt ihr noch den Toten opfern? Erst dieser selbstmörderische Einsatz von Sedh, jetzt auch noch Shui! Seid ihr von Sinnen?"

"Ihr tadelt uns zu Unrecht, Schwester!" sprach ein jüngerer Mann mit zornigem Blick. Mauro kannte ihn. Shigat war einer der Söhne der Hexenkönigin. "Wenn der Erain Norn Yian Mah vernichten will, wird er es tun. Jeder von uns ist dem Tode geweiht, ob im Gefängnis oder auf dem Schlachtfeld. Durch Shuis Opfer gewinnen wir Zeit. Unsere Sorge gilt der nächsten Generation. Wir müssen unsere Kinder auf die Zauberschule bringen, wo sie dem Zugriff des Erain Norn entzogen sind. Mit den Herren von Orod Ithryn wagt er sich nicht anzulegen. Die Kinder werden unser Vermächtnis weiter tragen und uns eines Tages rächen!"

Mauro spannte die Kiefermuskeln an. Yian Mahs Situation schien in der Tat verzweifelt. Selbst Orod Ithryn könnte sich als trügerischer Schutz erweisen. König Curons Tod allein vermochte Yian Mah zu retten. Doch wer sollte gegen ihn aufstehen?

Die Hexen hatten Tandim gewaschen, gesalbt und in seiner Festtagstracht aufgebahrt. In seiner goldbestickten Robe sah er aus wie ein König. Nichts anderes war er gewesen: der König eines dem Untergang geweihten Reiches. Bald würde er ein Häufchen Asche sein.

Mauro erwies seinem alten Meister die letzte Ehre. Er sah zu, wie die Flammen den Körper auflösten. Danach wurde die Asche in alle Winde verstreut: was die Erde hervorbrachte, holt sie am Ende wieder zurück. Auf dass etwas Neues entstehe im ewigen Kreislauf des Lebens.

In seiner letzten Nacht auf Yian Mah fand Mauro keine Ruhe. Die Gedanken kreisten in seinem Kopf. Sollte er bleiben und dem bedrohten Volk beistehen? Er fühlte sich den Menschen verbunden. Yerion hatte ihn mit allen Mitteln ihrer Kunst für Yian Mahs Sache zu gewinnen versucht. Er hätte sich in ihre Arme fallen lassen und zu ihrem willfährigen Werkzeug werden können. Früher wäre er ohne Zögern für sie in den Kampf gezogen.

Heute wusste Mauro, dass sie einander nichts zu geben hatten. Die Lust schmeckte schal, weil die Intention dahinter spürbar war. Sie benutzten einander, und zwar gegenseitig: Yerion half Mauro über die Leere nach Shio Bans Tod hinweg. Sie ermöglichte ihm die Flucht vor sich selbst. Instinktiv war Mauro bewusst, dass er den Weg zurückgehen und jeden Schritt seines Lebens nochmals betrachten musste. Es galt, das Tal der Leere zu durchschreiten und mit neuen Inhalten zu füllen. Er mußte den Schmerz zurückholen und überwinden. Wenn er sich seiner inneren Führung anvertraute, würde er Ruhe und Zufriedenheit finden. Der einzige Sieg, der wirklich zählte, war der Sieg über sich selbst.

Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit hatte eben erst begonnen. Mauro sah die Parallelen zwischen Yian Mah und den Drachenkriegern, zwischen Yerion und Shio Ban. Hatte auch die Gefährtin ihn benutzt? War das, was er für Liebe hielt, nüchternes Kalkül gewesen?

Nein, das konnte, das durfte nicht sein. Er rief Shio Ban – wollte sich im Schmerz verlieren – doch er konnte keine Verbindung zur Vergangenheit herstellen. Zu präsent war Yian Mah mit seinen Menschen und der lauernden Bedrohung.

Unwillig sprang Mauro von seinem Lager auf, um ein wenig frische Luft zu schnappen. Sein Weg führte auf die Zinnen des Horstes. Eine Weile stand er im Dunklen und blickte hinaus ins monddurchflutete Land. Da löste sich wenige Schritte entfernt die alte Königin aus dem Schatten. Sie hatte auf ihn gewartet. "Wir wissen, dass der Tod nur eine Transformation ist, ein Übergang von einem Zustand in einen anderen. Nichts ist auf ewig verloren. Und doch schmerzt der Verlust. In diesem Leben, in dieser Existenzform, wird Tandim nie mehr zu mir zurückkehren."

Mauro versuchte, die alte Dame zu trösten: "Ihr habt nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, um Euren Gefährten zu trauern. Das Wissen um die andere Welt enthebt uns nicht der Notwendigkeit, Zorn und Schmerz zu durchleiden."

"Zu durchleben und durchleiden, um sie zu überwinden. Jenseits des Schmerzes wartet das tiefe Wissen, dass alles Irdische eitel ist. Die Seele wertet nicht. Für sie ist jeder Schritt bloß eine weitere Erfahrung.“ Die Hexenkönigin seufzte: "Wir haben die Lehren der Weisen vernommen. Unser Verstand kennt die Wahrheit. Und doch muss jeder von uns sie auf seinem ganz persönlichen Weg für sich begreifbar machen."