Breeds - Jonas' Gefährtin - Lora Leigh - E-Book

Breeds - Jonas' Gefährtin E-Book

Lora Leigh

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Beschreibung

Er bestimmt das Schicksal aller Breeds, doch sein eigenes liegt in der Hand einer Frau ... Jonas Wyatt, Direktor des Council, ist ein Mann der Macht und der Intrigen. Als er seine Assistentin und deren Kind mit seinen Ränkespielen in Gefahr bringt, fordert sie seinen Schutz ein, den er ihr vor Jahren zugesichert hat. Denn Jonas weiß schon lange, dass sie seine Gefährtin ist, und nun ist es an der Zeit, seinen Anspruch geltend zu machen. "Lora Leigh erfüllt alle Erwartungen!" ROMANCE REVIEWS TODAY Band 15 der erfolgreichen "Breeds"-Serie von NEW-YORK-TIMES-Bestseller-Autorin Lora Leigh

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EPUB

Seitenzahl: 547




Inhalt

Titel

Zu diesem Buch

Widmung

Prolog

1

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3

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5

6

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8

9

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Epilog

Leseprobe

Die Autorin

Die Romane von Lora Leigh bei LYX

Impressum

Lora Leigh

Breeds

JONAS’ GEFÄHRTIN

Roman

Ins Deutsche übertragen von Silvia Gleißner

Zu diesem Buch

Jonas Wyatt, Direktor des Büros für Breed-Angelegenheiten, ist ein Mann der Macht und der Intrigen. Als er seine Assistentin Rachel und deren Kind mit seinen Ränkespielen in Gefahr bringt, fordert sie seinen Schutz ein, den er ihr vor Jahren zugesichert hat. Denn Jonas weiß schon lange, dass sie seine Gefährtin ist, und nun ist es an der Zeit, seinen Anspruch geltend zu machen.

Für Lachen, Liebe und Freiheit

Prolog

Jonas Wyatt, Direktor des Büros für Breed-Angelegenheiten und ein Löwen-Breed mit Geheimnissen, die ihn vernichten könnten, starrte die Tür an, durch die soeben seine seiner Ansicht nach größte Schwäche eingetreten war. Dann wandte er sich Prima Merinus Lyons zu, der gepaarten Gefährtin des Anführers der Raubkatzen-Breeds.

Man hätte ihr ihr Alter ansehen sollen, dachte Jonas kritisch, als er ihr faltenloses Gesicht, den klaren Blick ihrer dunkelbraunen Augen und die jugendliche Krümmung ihrer Lippen musterte. In ihrem langen dunkelbrünetten Haar gab es nicht eine graue Strähne, nichts, was darauf hindeuten würde, dass sie auf die vierzig zuging, zwei Kinder hatte und ein Leben führte, bei dem jede andere Frau ein Fall für den Seelenklempner wäre.

Jonas wusste genau, dass sie körperlich nicht einen Tag gealtert war, seit sie sich vor zwölf Jahren mit dem Rudelführer der Raubkatzen, Callan Lyons, gepaart hatte.

Körperlich mochte sie also nicht gealtert sein, aber Jonas konnte bestätigen, dass Merinus offensichtlich an Stärke gewonnen hatte. Vielleicht nicht an Weisheit, dieser neuesten Nummer von ihr nach zu urteilen – aber es bestand kein Zweifel, dass sie ein Rückgrat aus Stahl entwickelt hatte.

Nur damit konnte sie es fertigbringen, ihm mit diesem siegesgewissen kleinen Lächeln um die Mundwinkel gegenüberzusitzen und ihn mit herausfordernd hochgezogener Augenbraue anzusehen.

Wäre sie nicht schon mit einem Rudelführer gepaart, wäre sie eindeutig eine Frau gewesen, für die Jonas sich interessiert hätte. Also, vor heute.

»Sie ist schwanger.« Die Worte drangen als eisiger Ausdruck seiner Missbilligung über seine Lippen. Nicht wegen der Schwangerschaft an sich, sondern weil Merinus in Betracht ziehen wollte, die Frau in diesem Zustand einzustellen, damit sie für ihn arbeitete. Weil sie eine derart verwundbare Frau in sein Leben brachte – überhaupt in das Leben irgendeines Breeds – und erwartete, dass sie das überstand.

»Ach wirklich?« Merinus zog gespielt schockiert die Augenbrauen hoch. »Also, Jonas, das muss mir entgangen sein. Sag mir doch bitte mal, wie ich so nachlässig sein konnte, das nicht bemerkt zu haben.«

Er zuckte nicht zusammen, aber genau diese Reaktion hatte er schon bei ihrem Ehemann Callan beobachtet, wann immer sie diesen Tonfall anschlug, der ihn warnte, jetzt ganz vorsichtig zu sein. Jonas wusste, was für eine subtil gefährliche Gegnerin sie sein konnte. Wenn sie wollte, konnte sie ihm das Leben extrem schwer machen. Sie war ihm übergeordnet, zumindest in der Hierarchie des Rudels. Was an den meisten Tagen wahrlich das Einzige war, das zählte.

Allerdings hatte Jonas sich über die Jahre gern eingeredet, dass ihre Macht nicht bis hierher, ins Büro, reichte. Das Büro für Breed-Angelegenheiten mit Hauptquartier in D. C. war sein Baby, sein Spielplatz, sein Hobby und seine Geliebte. Er hatte sich einzureden versucht, dass sie es nie wagen würde, ihre zu neugierige und zu durchtriebene kleine Nase in den alltäglichen Ablauf der politischen Gesetzesvollzugsmaschine zu stecken, die er über die letzten zehn Jahre aufgebaut hatte.

Aber da hatte er sich wohl total geirrt. Und diese Erkenntnis steigerte seine ohnehin schon gereizte Stimmung ins Unermessliche.

Jonas beugte sich vor, stützte die Ellbogen auf den Schreibtisch und starrte Merinus mit kühler Entschlossenheit an. Vor ihr Schwäche zu zeigen, bekäme ihm nicht gut.

»Das mit ihr wird nicht klappen, Merinus«, teilte er ihr kurz und bündig mit. »Eine Stunde, und ich habe sie so weit, dass sie einen hysterischen Anfall bekommt. Ich will mich aber nicht mit einer weiteren überemotionalen Kleinen herumplagen, schon gar nicht mit einer, die so kurz vor der Geburt steht. Und was ist später, wenn das Kind erst mal da ist? Das hier ist weder ein verdammter Kindergarten noch ein geregelter Bürojob.«

Er musste die Worte über seine Lippen zwingen. Er befahl seiner Zunge, sie auszusprechen, noch während er die winzigen Drüsen dort an den Seiten in drohendem Unheil jucken fühlte.

Nicht nur Unheil, sondern Paarungsrausch. Eine sich anbahnende Katastrophe, soweit es sein Leben betraf.

Schon spürte er den Zorn in sich brodeln in dem Wissen, dass ein anderer Mann in ihrem Leib Leben erschaffen hatte. Dass sie einem anderen gehört hatte. Dass, vielleicht sogar jetzt, ein anderer Mann mit ihr das Bett teilte.

Alles, was die Macht seines Zorns im Zaum hielt, war die Tatsache, dass ihrem zierlichen Körper kein Duft eines anderen Mannes anhaftete. Es gab kein Paarungsmal, kein Anzeichen für männlichen Besitzanspruch, der ihren süßen, zarten Duft verdarb.

Wenn es anders wäre – hätte er es ertragen können?

»Sie kann mit dir umgehen.« Merinus stand auf und erwiderte seinen Blick mit königlicher Haltung trotz ihrer nachlässigen Kleidung in Jeans und Shirt, die ihr die Erscheinung einer jugendlichen Streunerin verlieh. »Noch wichtiger ist, dass ich mir ziemlich sicher bin, dass sie das schafft, ohne dabei hysterisch zu werden.«

Jonas schwor, dass er förmlich spürte, wie seine Hände seine Prima durchschütteln wollten. Ein gewisses Gefühl von Panik stieg in ihm auf, schnürte ihm die Kehle zu und drohte ihm die Stimme zu rauben.

Er hatte noch nie im Leben Angst empfunden. Hölle, er hatte keine Ahnung, was wahre Angst war, bis Merinus ihm den Rücken zuwandte und zur Tür ging.

»Wieso?« Die Frage war ein leises, wildes Grollen, das Merinus verärgert stehen bleiben ließ, bevor sie sich langsam zu ihm umdrehte.

Jonas biss die Zähne zusammen, bevor sich seine Züge zu einer angespannten Grimasse verzogen und er sich zwang, sich abzuwenden. Sie verdiente denselben Respekt, den er seinem Rudelführer entgegenbringen würde, und dieses Grollen war die äußerste Respektlosigkeit, die er aufbringen durfte.

»Wieso?« Jetzt war ihr Tonfall tödlich. »Weil, Jonas, ich es satthabe mit anzusehen, wie wirklich gute Sekretärinnen durch deine vollständige Missachtung von Anstand zu neurotischen Verrückten werden. Ich kenne Rachel. Ich kenne ihre Fähigkeiten ebenso wie ihr Temperament.« Und jetzt drehte ihm Merinus’ triumphierendes Grinsen wirklich den Magen um. »Und ich weiß, dass Rachel mit dir umgehen kann. Wenn sie im zarten Alter von sechzehn mit meinem Bruder Kane klarkam und es tatsächlich geschafft hat, seine Finanzen und seinen Zeitplan in Ordnung zu halten, dann habe ich keinen Zweifel, dass sie es auch mit deiner diabolischen und manipulativen Persönlichkeit aufnehmen kann und es vielleicht sogar schafft, dem Büro ein gewisses Maß an Seriosität zu verleihen, bevor du den letzten Anschein von Anstand vernichtest, den es vielleicht noch haben könnte.« Sie ging zur Tür und drehte sich dann noch einmal zu ihm um. »Betrachte es als eine Art Gefälligkeit. Und vergiss nicht, Rachel ist eine meiner liebsten und besten Freundinnen auf der Welt. Tu ihr weh, Wyatt, und es ist dasselbe, als würdest du mir wehtun.«

Mit dieser Warnung, die genau ins Ziel traf, zog sie die Tür auf und verließ den Raum. Hinter ihr schloss sich die Tür mit einem leisen Klick und ließ Jonas in der kühlen Stille seines Büros zurück, während man im anderen Zimmer Stimmengemurmel hören konnte.

Sie hatte gerade dafür gesorgt, dass er Rachel nicht anbrüllen und nicht feuern konnte. Mit ihren Worten hatte Merinus ihm so sehr die Hände gebunden, als hätte sie sie einfach abgehackt. Sie hatte deutlich gemacht, dass er seine neue Sekretärin nicht mehr loswurde.

Langsam setzte Jonas sich wieder. Er legte die Handflächen flach auf den Schreibtisch und holte tief Luft. Er war ein Breed. Erwachsene Männer zitterten vor Angst vor ihm. Verdammt, seine eigene Spezies zitterte vor Angst vor ihm. Dafür hatte er gesorgt. Er hatte hart gearbeitet, diese Angst hervorzurufen, diese drängende Vorsicht, die keinerlei Zurückweisung irgendwelcher Forderungen, die er stellte, gestatten würde.

Doch wie es schien, hatte er Merinus keinen Eindruck davon vermittelt, wie gefährlich er sein konnte. Entweder das, oder es war ihr wirklich völlig egal.

Er fragte sich, ob es wohl zu spät wäre, dieses kleine Detail noch richtigzustellen?

Ein leises Klopfen an der Tür, ein dezenter, sanfter Duft, der in seine Sinne drang, und er versteifte sich, als die Tür sich öffnete.

»Mr Wyatt, wenn Sie sich einen Augenblick Zeit nehmen würden, um Ihren Reiseplan mit mir zu besprechen, dann könnte ich anfangen.«

Da stand sie, und die leichte Wölbung ihres Bauches war kleiner, als er bei ihrem Stadium der Schwangerschaft vermutet hätte. Im fünften Monat hätte diese kleine Rundung größer sein müssen. Langes, sehr langes dunkelrotes Haar war im Nacken zu einem Knoten zusammengebunden, und auf ihrer Nase saß eine zierliche Brille. Tiefe, sehr tiefgrüne Augen blickten ihn mit kühler Eindringlichkeit an.

Eine gut sitzende schwarze Hose, gepaart mit einer weißen Bluse, die fließend über den gerundeten Bauch bis über die Hüften fiel. Flache, konservative schwarze Schuhe, in denen kleine Füße steckten.

Sie war eine Fee, dachte er sich. Ein wunderliches Geschöpf, das kein Mann anzurühren wagte aus Angst, den Zorn irgendeiner finsteren Macht zu wecken, die mit ihrem Schutz betraut war. Soweit es ihn betraf, war diese finstere Macht Merinus Lyons, das böse Ungeheuer seines Lebens.

»Mr Wyatt?« Ihr Tonfall war neutral und höflich. »Ihr Reiseplan, Sir.«

Sein Reiseplan. Natürlich wollte sie den. Wie sonst konnte sie wirkungsvoll seine Welt zerstören, wenn sie nicht wusste, wie er sich in ihr bewegte?

»Keine Sorge wegen des Reiseplans«, knurrte er. Er gab sich keine Mühe, das tiefe Grollen zu unterdrücken. »Um den kümmere ich mich selbst. Machen Sie …« Er winkte in Richtung Vorzimmer. »Machen Sie einfach Ablage oder so.«

Fast in Zeitlupe zog sie eine dunkle Augenbraue nach oben.

Und dann tat sie etwas überaus Erstaunliches. Sie schloss leise die Tür und ließ ihn nicht eine Sekunde aus den Augen, als sie bis vor seinen Schreibtisch schritt.

Jonas beobachtete sie wie eine Kobra, die jeden Moment angreifen würde. Zur Hölle, sie war noch gefährlicher als eine Kobra.

»Mr Wyatt, ich bin keine bessere Aushilfe, die Sie von oben herab behandeln können«, sagte sie zuckersüß. So zuckersüß, dass ihre Stimme vor Honig tropfte, während diese wilden grünen Augen herausfordernd funkelten. »Sie werden mir Ihren Reiseplan geben, und das rechtzeitig, sodass ich daraus schlau werden und alle vielleicht nötigen Anpassungen vornehmen kann. Alle Termine gehen ab jetzt über meinen Tisch, ebenso wie angesetzte Geschäftsreisen und Meetings. Soweit ich es verstehe, war das letzte Finanzmeeting in Sanctuary eine Farce. Rudelführer Lyons und seine Prima haben mich angewiesen, sicherzustellen, dass das nächste auch wirklich realistische Zahlen enthält oder zumindest dem Betrag nahekommt, der von den Konten des Büros genutzt wird. Wir können das auf die leichte Tour machen.« Ihr Lächeln war sanft und milde. »Oder wir können deswegen herumzicken.« Ihr Lächeln wurde eisig.

Jonas stand langsam auf, die Hände weiter auf den Schreibtisch gestützt. Er vergewisserte sich, dass er über ihr aufragte, als er sie finster ansah.

»Viel Glück«, erwiderte er kurz und bündig. Aber nur deswegen, weil seine Zunge sich derart verknotet hatte, dass er kaum denken, geschweige denn sprechen konnte.

Während sie dastand, klappte er seinen Laptop zu und schob ihn in die Laptoptasche, zusammen mit der externen Festplatte, die die Dateien enthielt, die er brauchte.

Rachel sah wortlos zu, wie er die Laptoptasche zuzog, am Henkel nahm und aus dem Büro ging.

Sie fühlte sich, als sollte sie einen tiefen, dringend benötigten Atemzug nehmen, als die Anspannung im Raum sich langsam legte. Aber sein Abgang brachte auch eine seltsame Art von Leere mit sich. Als sei das Leben aus dem Büro gesaugt worden. Nun war es nicht mehr als eine Hülle.

Bei dem Gedanken verzogen sich ihre Lippen, bevor sie das Gefühl abschüttelte und zurück in ihr eigenes Büro ging. Mit diesem Job hatte Merinus ihr neuen Lebensmut geschenkt – wenn sie das hier aushielt.

Sie legte die Hand auf ihren Bauch. Sie musste es aushalten, eine andere Wahl hatte sie nicht. Jonas mochte der Angst einflößendste Mann sein, dem sie je begegnet war, und wahrscheinlich der gefährlichste. Mit diesen Quecksilberaugen und dem harten, sehnigen Körper, der so offensichtlich sexy und tödlich war, war er bei Weitem der faszinierendste Mann, dem sie je begegnet war.

Kurzes schwarzes Haar, gerade lang genug, um seine Kopfhaut zu bedecken, das seinen harten wie gemeißelten Zügen eine wilde, diabolische Erscheinung verlieh. Und dann diese Augen.

Quecksilber. Augen, die in die Seele eines Menschen blickten.

Augen, die einen verbrannten.

Augen, die sie fast gelähmt hatten.

Wenn sie nicht sehr, sehr vorsichtig war, würde Jonas Wyatt am Ende ihre Seele besitzen, so wie er offenbar die aller anderen besaß.

Und das wäre einfach nicht gut. Sie hatte das Gefühl, dass Jonas möglicherweise ein klein wenig verwöhnt war. Was bedeutete, dass sie ihm das eindeutig abgewöhnen musste.

Sie ging zum Schreibtisch, setzte sich und rief Merinus an.

»Er ist auf der Flucht«, berichtete sie.

Sie konnte das Lächeln, das um Merinus’ Lippen spielte, fast hören. »Das ist okay. Ich weiß, wohin er flüchtet. Pack eine Tasche und bring deinen Laptop mit. Es ist Zeit, Jonas die Macht des Breed-Rates vor Augen zu führen. Und ich kann mir dafür keinen besseren Zeitpunkt vorstellen als jetzt.«

Rachel fragte sich, ob Jonas je zurückblicken und erkennen würde, dass Merinus ihn zu retten versuchte, statt ihn zu verärgern. Laut der Prima der Raubkatzen-Breeds befand sich Jonas Wyatt auf dem Weg in die Selbstzerstörung, soweit es das Büro anging.

»Denkst du, mit ihm darüber zu diskutieren wird helfen, Merinus?«, fragte Rachel, jetzt in wachsamem Ton. Jonas schien kein Mann zu sein, den man verärgern sollte.

»Callan und Dash haben sich schon den Mund fusselig geredet.« Merinus seufzte. »Er kann mit ihnen streiten. Sein instinktiver Ehrenkodex befiehlt es ihm regelrecht. Wenn er nicht aufhört, Misstrauen zu schüren in Bezug auf das Büro, wird man ihn abwählen. Das ist etwas, das ich nicht kommen sehen will. Nein, Rachel, wir sind jetzt die Einzigen, die zu Jonas durchdringen können.«

»Sind wir das?« Rachel hatte da so ihre Zweifel.

»Du bist es«, korrigierte Merinus. »Geh einfach so mit ihm um, wie du es mit Kane gemacht hast. Vertrau mir, er wird nicht wissen, wie er dagegen ankämpfen soll. Jonas war immer derjenige, der andere terrorisiert. Soweit ich weiß, hat noch nie jemand dieselbe Taktik bei ihm angewandt. Sehen wir doch mal, was passiert, wenn es jemand tut.«

»Dann beißt er diesem Jemand ein Stück aus dem Hintern?«, fragte Rachel, und ein Bild dieser tödlichen Reißzähne blitzte vor ihren Augen auf.

Merinus’ Lachen darauf war leise und verdächtig wissend.

»Also, Rachel, glaubst du wirklich, dass er dich beißen würde?«

»Nur wenn ich ihm zu nahe komme«, brummte sie.

»Dann komm ihm nicht zu nahe«, riet ihr Merinus mit einem deutlichen Anflug von Belustigung. »Gib gut acht, Rachel, ihm nicht zu nahe zu kommen.«

DREI MONATE SPÄTER

»Habe ich Sie gebeten, ein Meeting mit Senator Racert anzusetzen?«

Jonas Wyatt kam aus seinem Büro, voll kalter Empörung, um sich der eisigen Gelassenheit im Porzellangesicht und den eiskalten ozeangrünen Augen seiner Sekretärin zu stellen.

Einen Moment lang, nur einen Herzschlag, erstarrte sein gesamter Organismus, seine Beherrschung war dahin, und das Tier, das direkt unter seiner Haut lauerte, befreite sich. Ein einzelner Augenblick jenseits der Zeit, als jede Zelle seines Körpers ihm zubrüllte, dass er Anspruch auf seine Gefährtin erheben solle.

Doch genauso schnell hatte er das Tier wieder in seiner Gewalt, bekam die Reste seiner Beherrschung zu fassen und kämpfte gegen die Begierde an, die in ihm tobte.

Wie immer war die Schlacht beinahe verloren angesichts Rachels perfekter Gelassenheit. Er hatte schon mehr als einmal davon geträumt, diese Gelassenheit zu durchbrechen.

Unglücklicherweise wurde er jedes Mal, wenn er daran dachte, diesen Fantasien nachzugeben, brutal auf die reife Erscheinung von Mutterschaft gestoßen. Sie erwartete ein Kind. Doch das hinderte ihn nicht, sie zu wollen oder zu brauchen. Es hielt ihn nicht davon ab, alles zu tun, was er konnte, um ihr das Leben leichter zu machen, den Job leichter zu machen, um ihr den Mann zu bieten, der er innerlich war – zumindest so weit wie möglich.

Zu ihr war er behutsam, während er mit anderen schroff umging. Er räumte ihr einen Platz in seinem Leben ein, während er andere auf Abstand hielt. Und trotzdem schien sie immer noch so kühl und emotionslos wie an dem Tag, an dem sie begonnen hatte für ihn zu arbeiten.

»Genau genommen hat Senator Racert um das Meeting gebeten«, antwortete Rachel mit eisiger Geringschätzung. »Sie haben ihn über sechs Wochen lang abgewiesen, und dabei hat er die Kontrolle über die Regierungsgelder des Büros und dazu bedeutendes Gewicht im Bewilligungskomitee der Breeds.«

»Deren Regierungsgelder könnten mir nicht gleichgültiger sein.« Er lehnte sich an den Türrahmen, verschränkte die Arme vor der Brust und wollte sie finster anfunkeln.

Es war verdammt schwierig, seine Gefährtin finster anzusehen, vor allem, wenn das Kind, das sie so beschützend abschirmte, zuhörte und so prompt auf jedes Wort reagierte, das er sagte.

Er konnte es wahrnehmen. Das Mädchen, das sie in sich trug, stockte jedes Mal, wenn es seine Stimme hörte, ebenso wie dann, wenn es seine Mutter hörte. Sonst bei niemandem. Der Kleinen war völlig egal, wenn irgendein anderer etwas sagte. Himmel noch mal, er konnte nicht einmal mehr fluchen. Und dagegen etwas zu tun, war verdammt schwierig gewesen. Aber er sorgte dafür, dass das Kind ruhig blieb. Wenn das Kind ruhig blieb, bedeutete das, dass die Mutter es auch war. Sie während ihrer Schwangerschaft nicht aufzuregen, um dafür zu sorgen, dass das Kind gesund und damit seine Mutter glücklich blieb, war alles, was ihm wichtig war.

»Senator Racerts Stimme ist wichtig für die Gemeinschaft der Breeds als Ganzes.« Rachel stand von ihrem Stuhl auf, immer noch anmutig und von exquisiter Schönheit, als sie durch das Büro zum Aktenschrank ging.

Er folgte ihr. Er konnte nicht anders. Dieser verdammte Aktenschrank war größer als sie.

Er erreichte ihn vor ihr und zog die oberste Schublade auf, nahm ihr dann die Akte aus der Hand und sortierte sie an der richtigen Stelle ein.

Er war sich ihres misstrauischen Blickes aus schmalen Augen mehr als bewusst, als er die Schublade zuschob und ihr dann zurück zum Schreibtisch folgte.

»Stornieren Sie den Termin mit Racert«, forderte er, als sie sich wieder setzte.

In ihrem Blick lag ein Hauch von Misstrauen, als sie zu ihm aufblickte.

»Hören Sie auf, so über mir zu stehen.« Sie sagte es mit einer Eiseskälte, als berühre seine Präsenz sie in keiner Weise.

Er hätte es vielleicht geglaubt, wenn das Kind, ein perfektes Barometer für die Gemütslage seiner Mutter, nicht gerade in diesem Moment ein lautloses Wimmern des Kummers von sich gegeben hätte. Die Mutter war offensichtlich aufgebracht, aus dem Gleichgewicht, hatte vielleicht sogar Angst. Denn welches Gefühl auch immer sie empfand – dasselbe empfand auch das Kind.

Jonas wich drei vorsichtige Schritte zurück und wartete angespannt darauf, dass das Kind die Ruhe wiedererlangte, die er sich für die Mutter wünschte.

Es geschah langsam. Einen Schritt nach dem anderen. Rachel wandte sich wieder dem Computer zu und dem unmöglichen Reiseplan, an dem sie arbeitete.

»Racert hintergeht uns«, erklärte er schließlich und achtete dabei darauf, seinen Tonfall leise zu halten. »Er ist auf Informationen aus.«

»Die Sie ja so selten und mit so perfekten Manieren geben«, antwortete sie spöttisch.

Er schnaubte auf die Bemerkung. Ihr würde er alles sagen, was sie wissen wollte, sie musste nur fragen. Racert jedoch war etwas ganz anderes.

»Stornieren Sie das Meeting«, befahl er erneut.

»Nein!« In ihrer Stimme lag reine, sture Weigerung.

Seine Lippen wurden schmal.

»Schön, ich verlasse das Büro.« Er ging zurück zur Tür.

»Nur zu.« Er hörte förmlich das Schulterzucken in ihrer Stimme. »Ich kümmere mich selbst um das Meeting. Ich glaube, es beinhaltet den neuesten Budgetplan, den Sie noch nicht eingereicht haben. Damit komme ich sicher zurecht.«

Jonas redete sich ein, dass er ganz sicher nicht blass wurde beim bloßen Gedanken daran, dass Miss Finanzgeizhals sein Budget erstellte.

Ein Knurren drang über seine Lippen, bevor er es aufhalten konnte.

Rachel zog eine Augenbraue hoch, und Verachtung trat in ihre Miene. Aber von ihrem Kind nahm er etwas ganz anderes wahr, etwas, wogegen er nach seiner Überzeugung zumindest protestieren sollte.

Belustigung. Das Baby war amüsiert, was bedeutete, die Mutter war noch weit mehr amüsiert.

»Lachen Sie etwa über mich?« Er trat zurück an ihren Schreibtisch, legte die Hände flach auf das dunkle Holz und beugte sich vor. Nahe genug, um ihren einzigartigen Duft zu wittern. So nahe, dass das Verlangen, das in seinen Eingeweiden tobte, so scharf wie der Stich eines Dolches wurde. »Vorsicht, kleines Mädchen«, warnte er sie leise, hielt ihrem Blick stand und sah zu, wie das wilde Grün in ihren Augen noch dunkler und noch wilder wurde. »Oder du bekommst vielleicht weit mehr, als du wolltest.«

Die Belustigung schwand, und etwas Finsteres trat an ihre Stelle.

Jonas wich zurück. Er zwang sich, sich von der plötzlich draufgängerischen Vorfreude zu entfernen, die von der Frau ausstrahlte, trotz ihrer gelassenen Miene, dem eisernen Willen und der sturen Entschlossenheit. Langsam richtete er sich auf, drehte sich um und zwang sich, zurück in sein Büro zu gehen.

Dort lag Begehren, in ihrem süßen Duft, in der Anspannung, die zwischen ihnen aufstieg, jedes Mal, wenn er in ihre Nähe kam. Begierde. Ihr Duft war wie ein sanfter Sommerregen. Frisch, gefärbt mit dem Duft der Erde selbst, und einer süßen Feuchte, von der er wusste, dass sie süchtig ohne Ende machen konnte.

Die Frau war der Traum einer Gefährtin, den er sich nie zu träumen erlaubt hatte. Denn das war die größte Gefahr, der er sich aussetzen und die er der Zukunft der Breeds bringen konnte.

Dies war eine Versuchung, der er nie erliegen durfte, das war ihm klar. Es war ein Versprechen, das er sich selbst gegeben hatte. Es war ein Gelöbnis. Und diese kleine Frau zerstörte seine Entschlossenheit mit einem einzigen Blick, einem Wort, einem Atemzug nach dem anderen.

Seine Gefährtin würde den Paarungsrausch nie kennenlernen.

1

VIER MONATE SPÄTER

Zum ersten Mal im Leben hatte Rachel Broen Angst. Es war nicht nur Furcht. Es war seelenvernichtendes, betäubendes und lautlos brüllendes Entsetzen.

Sie konnte nicht laut schreien, denn das würde mehr Aufmerksamkeit erregen, als ihre Tränen und ihr Schluchzen, als sie ihren unauffälligen kleinen Civic auf den verlassenen Parkplatz des Büros für Breed-Angelegenheiten lenkte.

Der diensthabende Nachtwächter am Tor hatte ihren Pass ohne viele Umstände akzeptiert. Er kannte ihr Auto und hatte genug von ihr gesehen, um zu wissen, wer sie war. Es war nicht unüblich für sie, spät zu gehen oder früh anzukommen, wenn der selbstherrliche Direktor des Büros, Jonas Wyatt, es ihr befahl.

Der Wächter hatte ohne Weiteres ihre hastige Ausrede akzeptiert, dass sie vergessen hätte, Jonas’ Memos und den morgendlichen Terminplan zu aktualisieren, und dass sie es deshalb heute Nacht tun müsse.

Er hatte weder ihre zerrissene Bluse bemerkt noch das Jackett, das sie trug, um diese zu verbergen. Er hatte weder den Bluterguss gesehen, dessen Ausbreitung über ihre rechte Gesichtshälfte sie schon spürte, noch das angeschwollene rechte Auge.

Der Schlag war ganz überlegt ausgeteilt worden.

Sie sprang aus dem Wagen und spürte, wie der raue Asphalt in ihre nackten Füße schnitt, als sie stolperte und dann zur Tür rannte. Sie brauchte zwei Versuche, um mit ihrer elektronischen Zugangskarte die Tür zu aktivieren und aufzusperren.

Ein schwaches Schluchzen drang aus ihrer Kehle, als sie fast durch die Tür fiel und zur Treppe rannte, die in den dritten Stock zu den privaten Büroräumen von Direktor Jonas Wyatt führte.

Jonas. Dieser manipulative, berechnende Bastard. Es war seine Schuld. Er hatte zu viele Spielchen gespielt. Er hatte die falschen Leute zu weit getrieben und fälschlicherweise angenommen, dass diese Leute nur hinter ihm her wären.

Sie stolperte, schlug sich das Knie an einer Stufe auf, und ein abgehackter Schrei aus Wut und Schmerz drang über ihre Lippen.

Und jetzt bezahlte sie dafür.

Oh Gott. Sie bezahlte dafür. Sie bezahlte für ihre Sturheit, ihre Entschlossenheit … Nein, nicht dafür bezahlte sie. Die Blutergüsse, der quälende Schmerz im Bein, der Schmerz in der Seite von dem Faustschlag, den sie zuvor kassiert hatte, die Blutergüsse im Gesicht – das alles war gar nichts. Diese Schmerzen würde sie noch tausendmal erdulden. Sie würde die Feuer der Hölle erleiden, wenn nur ihr Kind in Sicherheit war.

Jonas. Er war hier.

Ein erstickter Schrei drang über ihre Lippen, als sie um Atem rang, um den zweiten Treppenabsatz hinaufzurasen. Nur noch einer. Lieber Gott, sie war fast da.

Jonas war hier. Sie wusste es. Er hatte sie heute Abend gewarnt, dass sie morgen nicht zur Arbeit kommen solle. Er hatte gewusst, dass seine Feinde ihm auf der Spur waren. Er hatte es gewusst, der Bastard. Er hatte Bescheid gewusst, genauso wie sie ihn vor Monaten gewarnt hatte, dass, wenn seine Feinde zuschlugen, dann nicht er das Ziel sein würde.

Doch sie hätte nie geglaubt, dass ihr Kind zum Ziel werden könnte.

»Jonas!« Sie versuchte seinen Namen zu schreien, während sie an der Tür zu den zentralen Büros mit der Zugangskarte kämpfte.

Sie zog sie noch einmal durch, und noch einmal, und es klappte immer noch nicht.

»Jonas, bitte …«, schrie sie wieder, voller Angst, dass er sie ignorieren würde und wissend, dass er sie hören musste.

Er war schließlich ein Breed.

Die schwere Stahltür entriegelte sich, flog auf und warf sie fast um, während sich gegenüber die Tür zu Jonas’ Büro öffnete.

Er war da, und er war nicht allein. Aber die anderen sah sie kaum. Nur ihn, gehasst und doch geliebt. Seine Augen loderten im bronzefarbenen Gesicht, lebhaftes Quecksilber, als er zu ihr lief und sie gerade noch auffing, bevor sie zu Boden fiel.

»Du Bastard!« Eine Ohrfeige klatschte ihm ins geschockte Gesicht, und sie schluchzte, die Augen verschwommen vor Tränen, als die Angst sie erstickte und ihr die Luft zum Atmen raubte. »Ich habe dich gewarnt! Ich habe dich gewarnt, dass sie nicht auf dich losgehen werden!«

»Rachel!« Ein schreckliches Grollen vor Wut, ein gedämpftes Aufbrüllen, drang über seine Lippen, als er sie an den Armen festhielt, die Finger fest darum geschlossen, und sie energisch schüttelte.

»Sie haben Amber!«

Die Kraft wich aus ihren Beinen, aus ihrem ganzen Körper. Sie sank an seine Brust, krallte die Fingernägel in seine Arme in verzweifeltem Verlangen nach der Kraft, die sie in ihm wusste, und um ihren Verstand kämpfend in einer Welt, die plötzlich um sie herum explodierte.

»Sie wollen diese Akten. Sie werden sie umbringen.« Wild und verängstigt wusste sie, dass er es nie tun würde. Sie wusste, dass er ihr Baby niemals retten würde. »Bitte, Jonas. Gib mir die Akten. Rette mein Baby. Oh Gott, rette mein Baby.«

Jonas war, als wiche alles Leben aus seinem Körper. Zum ersten Mal in seinem Leben empfand Jonas Wyatt reines unverfälschtes Entsetzen, das ihn vollständig erfasste.

Sein unerschütterlich cooler Inbegriff einer Sekretärin, die Gefährtin, die er partout nicht beanspruchen wollte, starrte ihn mit tränennassen dunkelgrünen Augen an. Ihr Gesicht war schrecklich misshandelt.

Der Duft ihrer Angst und ihre Verletzungen waren ein Angriff auf seine Sinne, und das Wissen, dass das Kind, das er vor vielen Monaten als sein eigenes beansprucht hatte, sich in der Schusslinie befand, ließ das Tier in ihm vor Wut aufbrüllen.

»Chimera.« Er drehte den Kopf zur Seite, als die Jaguar-Breed hinter ihm aus dem Büro kam, vorbei an den drei Männern, die rasch Waffen aus einem sonst verborgenen Tresorraum holten und sich umschnallten. »Übernimm sie.«

Er schob Rachel zu der Enforcerin hin und sah im klaren Raubtierblick der anderen Frau den Drang zu kämpfen, statt zurückzubleiben.

»Nein! Jonas, nein!« Rachel klammerte sich an ihn und riss ihm das Herz aus der Brust, als die qualvolle Wut in ihrer Stimme in seinen Verstand drang.

Ein Schrei der Wut raste durch seinen Kopf, und nur Jahre der Geduld und Stärke, Jahre des Trainings, hielten die instinktive Reaktion zurück, als seine Gefährtin um Stärke kämpfte und darum, nicht den Verstand zu verlieren im Angesicht der Gefahr, in der sich ihr Kind nun befand.

»Rachel, hör mir zu.« Er schüttelte sie noch einmal sachte und starrte in ihre wunderschönen dunkelgrünen Augen. »Ich hole das Baby zurück. Ich schwöre es dir.«

Panik stand in ihren Augen. Er hätte nicht gedacht, dass ihr Gesicht noch bleicher werden konnte. Der Duft ihrer Angst schnitt sich in seinen Leib wie ein gezacktes Messer, und ihr Schluchzen zerriss seine Seele.

»Die werden sie umbringen«, wollte sie schreien, aber die heisere Verzweiflung in ihrer Stimme kam nur als Flehen heraus. »Ich habe keine Zeit.« Sie wollte sich aus seinem Griff losreißen. »Gib mir die Akten. Bitte. Oh Gott, bitte, Jonas.«

»Jonas, wir müssen los.« Dane Vanderale, der Sohn und Erbe des Leo, des stärksten Löwen-Breeds, der je erschaffen worden war, trat an seine Seite. »Wir haben eine Ortsbestimmung. Brandenmores Limo parkt bei ihrem Haus. Eine Einheit ist schon auf dem Weg dorthin.«

»Zurück.« Jonas fuhr herum und knurrte den Mann an, der durch seine Genetik als Bruder mit ihm verbunden war, während dieser Pläne machte – nicht um das Kind zu retten, sondern stattdessen den Feind zu fassen. »Ruf dein Team zurück. Zu viele sind gefährlich.« Er wandte sich an die Männer, von denen er wusste, dass er ihnen vertrauen konnte. »Rule, lass den Blazer herbringen.« Der speziell modifizierte City-SUV würde Platz für das Team und die Waffen bieten. »Lawe, Mordecai, macht euch auf – nur Aufklärung.«

Die Männer rückten aus, und Dane hinter ihm fluchte.

Jonas hielt Rachel in den Armen. Ihr fortwährendes Bitten, dass er kein Team losschicken solle, klang wie eine abgehackte Litanei aus Verzweiflung, während sie ihn anflehte, ihr einfach die Akten zu geben.

»Chimera, die Akten liegen auf meinem Tisch.«

Er hatte auf Brandenmores Männer gewartet. Die Akten mit den Informationen, die der Bastard wollte, lagen bereit, deutlich sichtbar, als sie die Falle für ihn gelegt hatten. Eine Falle, der Brandenmore zu entkommen glaubte, indem er ein Kind benutzte.

»Rachel, genug.« Ihr Schluchzen machte ihn fertig, als sie sich von ihm lösen wollte, um an die Akten zu kommen und mit ihnen zu entfliehen, obwohl sie wusste, dass er das nie zulassen würde.

»Nein, Jonas.« Ihr tränennasses, misshandeltes Gesicht ging ihm ebenso nahe wie ihre leise Stimme, so oft kühl und doch mit einem Unterton von Belustigung, aber jetzt voller Zorn. »Du treibst keine Spielchen mit dem Leben meines Kindes.«

So viele Monate arbeitete sie schon für ihn, mit ihm. Und immer noch hatte sie nicht darüber hinausgeblickt, was andere Spielchen nannten.

Er ließ ihren Arm los und strich mit den Fingern über ihre unverletzte Wange. Seine Kehle war ihm qualvoll eng, weil die eine Person, die er langsam in seinen inneren Kern gelassen hatte, noch immer nur seine äußere Fassade sah.

»Gib mir die Akten«, bettelte sie, obwohl er die Wut in ihren Augen sah und das Wissen, dass er das nie tun konnte.

»Jonas, die Akten.« Chimera blieb neben ihm stehen, während Dane, Rule und Mordechai an der Tür in Position gingen, absolut bereit, die Waffen sorgfältig unter Jacken und in den Reisetaschen verborgen, die sie bei sich hatten.

»Komm mit.« Er traf die Entscheidung schnell, und sein harter Blick begegnete dem von Chimera mit einem lautlosen Befehl. Er wusste, dass sie ihn verstehen würde.

Sie hatte die alleinige Verantwortung für Rachels Leben, sobald sie das kleine Haus erreichten, in dem das Baby festgehalten wurde. Jonas würde mit Dane und den anderen eindringen, um das Kind zu sichern und dafür zu sorgen, dass jene, die es bedrohten, dies nie mehr einer lebenden Seele antaten.

»Jonas?« Rachel stolperte wieder, nur um sich in seinen Armen wiederzufinden. Sein breiter, muskulöser Brustkorb unter ihr, seine harte, grob gemeißelte Miene mehr Tier als Mensch in diesem Moment.

Zorn tobte in den lebhaften Tiefen dieser Quecksilberaugen. Wie eine Bestie, getrennt von dem Mann, die nun in ihm tobte.

»Die Akten werden das Kind nicht retten.« Seine Stimme war ein hartes, heiseres Knurren. »Das weißt du so gut wie ich, Rachel. Die werden sie töten, und dich auch. Das werde ich nicht zulassen.«

Sie wusste es. Ihr Mutterherz hatte es in Brandenmores Augen gesehen, jedes Mal, als er sie schlug, mit brutaler Faust, mit Genuss im Blick – und Vorfreude.

»Er weiß nicht, dass du auf ihn gewartet hast.« Sie zwang die Worte über ihre Lippen. »Ich habe es ihm nicht gesagt, Jonas.«

Aber sie hatte es gewusst. Jonas hatte es auch ihr nicht gesagt, aber mit den Monaten hatte sie den Mann kennengelernt, für den sie arbeitete. Sie hatte gelernt, nicht nur seine Bedürfnisse, sondern auch seine Handlungen vorauszuahnen, und sich entsprechend darauf vorzubereiten.

»Ich weiß, dass du es ihm nicht gesagt hast, Rachel.« Sie gingen über den Flur zu einer Seitentür, durch die nur Personen mit höchstem Sicherheitslevel Zugang hatten.

»Wir müssen wissen, in was wir da hineingehen.« Dane Vanderales sonst spöttisch-belustigte Stimme war nun eiskalt wie der Tod. Rachel konnte fast glauben, dass auch er ein Breed war, als seine unheimlichen, smaragdgrünen Augen sie ansahen. »Was ist passiert?«

Der Albtraum dieser Nacht lag in ihrer Stimme, als sie davon erzählte.

Sie war nach Hause gefahren. Ihre Babysitterin war nicht da, und Amber hatte geweint. Sie war erst drei Monate alt. Sie hatte Hunger, eine nasse Windel, und sie hatte Angst. Rachel hatte das Schreien des Babys gehört, kaum dass sie den Fuß auf die kleine Veranda hinter dem Haus gesetzt hatte.

Sie hatte nicht überlegt, sondern reagiert. Sie war zu ihrem Baby geeilt – und war den gnadenlosen Augen der Männer begegnet, die stattdessen auf sie warteten.

»Ist das Baby unverletzt?«, fragte Jonas, als sie die Schrecken des Abends wiedergegeben hatte. Er eilte aus dem Lift, sobald der sie alle in eine unterirdische Garage entließ, von deren Existenz sie nichts gewusst hatte.

»Sie war es, als ich ging.« Ihre Stimme zitterte.

Jonas hatte nie Ambers Namen in den Mund genommen. Sie war immer »das Kind« oder »das Baby«.

»Sie hat Hunger«, flüsterte Rachel und blickte zu ihm auf. »Und sie friert. Sie haben ihre Decken weggenommen. Und ich weiß, dass sie nicht gewickelt wurde.«

Sie starb innerlich. Amber war so ein braves Baby. Sie weinte nie, außer ihr war kalt oder sie hatte Hunger. Sie liebte es, die Welt zu betrachten, und sie liebte es, ihre Mutter zu betrachten. Die wenigen Male, als Rachel sich Jonas’ Anweisungen widersetzt und Amber mit ins Büro genommen hatte, schien die Kleine jedes Mal wie gebannt von seiner Stimme. Sie hörte zu. Sie beobachtete. Und jetzt war sie allein, ohne Wärme oder Trost.

»Ich halte das nicht aus, Jonas.« Ihr Bauch verkrampfte sich vor Schmerz, sowohl von dem Schlag, den sie erlitten hatte als auch dem Wissen, dass ihr Kind hungrig war und fror. Verwirrt. Verängstigt. »Bitte, Jonas, lass nicht zu, dass sie ihr wehtun.«

»Niemand wird ihr wehtun.« Er ging zu dem SUV und setzte sie auf den Rücksitz.

Chimera stieg auf der anderen Seite ein, während Jonas neben Rachel Platz nahm, sodass sie zwischen den beiden saß, während Dane das Lenkrad übernahm und Lawe den Beifahrersitz belegte.

»Waffen.« Lawe drehte sich um, eine offene Tasche zu seinen Füßen, und schob Jonas die Waffen zu.

Rachel sah mit wachsendem Entsetzen zu, als Jonas sich noch mehr als die tödlichen Laser und mit explosiver Munition bestückten Waffen umschnallte.

Sie sah eine kleine Armee, die sich für die Schlacht rüstete, und ihr Kind, ihr drei Monate altes Baby, so wehrlos und winzig, würde sich mitten in diesem Krieg befinden.

»Jonas, bitte.« Sie konnte nicht atmen. Ihr wurde eng ums Herz vor Panik und einem Gefühl von Angst, so überwältigend, dass es ihr die Luft abzuschnüren drohte.

Er drehte den Kopf, und lebhafte Wut blitzte in seinen unheimlichen Silberaugen auf, als er sie ansah.

»Ich stelle das Leben dieses Kindes über mein eigenes«, erklärte er plötzlich, und das Grollen in seiner Stimme war nun schrecklich anzuhören. Dies war das Tier, von dem sie hatte flüstern hören, der Breed, den so viele fürchteten.

Rachel senkte den Blick und sah zu, wie er rasch seine Waffe prüfte, während seine Worte in ihrem Verstand nachhallten. Jonas stellte zu viele Leute über sich selbst, hatte sie sich oft gedacht. Er war manipulativ und berechnend, aber abgesehen von seinem Gebaren war nichts an ihm kalt oder grausam.

»Wie viele sind dort?« Dane Vanderales Tonfall war noch härter, falls das möglich war, und kälter. Rachel hätte sich nicht vorgestellt, dass irgendwer härter und kälter sein konnte als Jonas, aber Dane schlug ihn darin.

»Es sind vier. Phillip Brandenmore ist bei ihnen.«

Lange Momente herrschte Schweigen im Wagen.

»Lawe ist vor Ort«, sagte Rule in die Stille. »Innen sind vier Männer. Brandenmore hat das Kind in einer Babytrage neben sich.«

»Er will das Baby mitnehmen«, stellte Dane fest.

»Halt die Klappe, Dane«, knurrte Jonas, und Rachel begriff die Bedeutung der Aussage.

Ihr war, als würde sie von innen und außen zittern. Sie wusste genug über die Geschichte der Breeds, die Labore und die Wissenschaftler, um zu wissen, dass ihr Baby zu einem bloßen Forschungsobjekt werden sollte.

Schmerz fuhr ihr in den Bauch bei dem Gedanken. Ein Schluchzen schnürte ihr die Kehle zu und erstickte sie fast.

»Sieh mich an.« Der schroffe Klang von Jonas’ Stimme zwang sie, ihn anzusehen. »Niemand wird dieses Kind verletzen. Hörst du mich?«

»Jonas.« Danes Tonfall war warnend. »Konzentrieren wir uns darauf, zu tun, was wir können.«

Gib keine Versprechen, die sich nicht halten lassen. Sie hörte die Botschaft dahinter, als Jonas ihr in die Augen sah. Seine Augen mit der darin wabernden Farbe wirkten Angst einflößend.

»Niemand wird dieses Kind verletzen.« Sein Blick glitt über sie, und seine Miene wurde unerbittlich, als er die Hand ausstreckte und mit einem Finger über den Bluterguss in ihrem Gesicht fuhr. »Und für das hier werden sie sterben.«

Die Blutergüsse in ihrem Gesicht waren ein Affront für das Tier, das in ihm lauerte und knurrte. Er konnte die Bestie fühlen, und die brutale Wildheit, gegen die er immer ankämpfte, drohte an die Oberfläche zu dringen.

Dies war seine Gefährtin. Es spielte keine Rolle, dass er keinen Anspruch auf sie erhoben oder nicht die Absicht hatte, sie sich zu nehmen. Sie war sein, und Gott helfe denen, die es gewagt hatten, Hand an sie zu legen.

Er konnte den Duft ihres Blutes wittern, ihren Schmerz. Noch jetzt war ihr Körper fest angespannt durch die körperliche Qual, die in ihr tobte.

»Ruf Sanctuary an«, befahl er Chimera. »Lass den Helijet in der Nähe warten, um uns nach Hause zu fliegen. Ich will, dass Ely und das medizinische Personal bereit sind, wenn wir einfliegen.«

Chimera nickte knapp.

»Lawe, Dane, gebt die Anweisung durch.« Dane warf Jonas einen Blick durch den Rückspiegel zu. »Das Leben des Kindes hat Priorität«, befahl er ihnen. »Nichts anderes zählt.«

Überraschung flackerte in Danes Blick auf, bevor er sich wieder umdrehte. Dasselbe fühlte Jonas von Chimera und Lawe ausgehen.

Schon seit Jahren versuchte er Brandenmore und seine Kohorten zu fassen, noch bevor sie überhaupt bemerkt hatten, wer oder was Informationen aus Sanctuary stahl oder warum. Im letzten Jahr war nichts wichtiger gewesen, als den Bastard zu erwischen, lebend und auf frischer Tat bei dem Versuch, die Informationen zu stehlen, die er wollte.

Sie brauchten ihn lebend. Sie brauchten die Chance, die Gelegenheit und den Grund, um ihn bei der Vernehmung dem Breed-Law zu unterstellen.

Die Vernehmung spielte keine große Rolle gegenüber dem Leben des Kindes.

Seines Kindes.

Gott, wie sehr er wünschte, dieses Kind wäre seines und nicht das eines anderen. Wie sehr er wünschte, er wäre derjenige gewesen, der das Baby gezeugt hatte, der Rachel in den Armen gehalten und ihr Lust bereitet hatte.

Wenn die Welt ein anderer Ort wäre und er ein anderer Mann. Wenn es nicht riskanter wäre, zu nehmen, was sein war, als auf Abstand dazu zu bleiben.

»Wir gehen rein«, teilte Dane leise mit.

»Jonas, bitte.« Rachels Stimme klang heiser. Sie griff seinen Arm, und ihre Nägel gruben sich in die Ärmel seines schwarzen Kampfanzugs. »Bitte, Jonas, lass nicht zu, dass sie Amber wehtun. Bitte.«

Amber. Das Baby. Seine Seele riss auseinander bei dem Gedanken an das Kind in Gefahr.

»Bleib im Wagen, Rachel.« Er warf Chimera noch einen Blick zu und erhielt ein knappes Nicken zur Antwort.

Rachels Leben lag in ihren Händen. Ihre einzige Aufgabe war der Schutz seiner Gefährtin.

Der SUV hielt an, und Jonas ließ das Tier, das er sonst immer an der Leine hielt, frei.

Jeder Breed hatte zwei Seiten, wechselnde Aspekte seiner Psyche, die häufig zusammenarbeiteten. Doch unter bestimmten Umständen wurde der eine dominanter als der andere.

Der Löwe, der in ihm tobte, forderte nun die dominante Rolle ein. Seine Gefährtin war angegriffen und verletzt worden. Das Kind, auf das Tier und Mann vor so vielen Monaten Anspruch erhoben hatten, war nun in Gefahr.

Nicht ein Mann würde dieses Haus verlassen, ohne kostbares Lebensblut zu vergießen für seinen Anteil an den Blutergüssen im Gesicht seiner Gefährtin. Für seinen Anteil an der rasenden Angst, die Jonas selbst jetzt noch von dem Kind spürte.

Er bewegte sich in den kleinen Garten und nutzte die Schatten, die das Haus umgaben. Die Wohngegend mit Rachels Haus war klein und ruhig. Hier lebten Familien. Kinder lachten und Eltern achteten auf sie.

Jonas glitt neben das Wohnzimmerfenster und erhaschte einen Blick auf Phillip Brandenmore, den Eigentümer von Brandenmore Research. Der Mann, der entschlossen war, die Breeds zur Entwicklung eines Medikaments zu benutzen, das den Alterungsprozess aufhalten konnte und sich für Millionen pro Anwender verkaufen ließe, saß vor einem Flachbildfernseher und runzelte die Stirn, als das Baby neben ihm wimmerte.

Amber war müde. Das Tier witterte ihre Müdigkeit. Sie hatte geweint bis zur Erschöpfung. Ihr war kalt und sie war hungrig. Niemand hatte sie gefüttert. Niemand hatte sie gewickelt. Niemand hatte eine Decke über ihren zierlichen Körper gelegt, um die Kühle im Zimmer abzuwehren.

Ihre Mutter hielt das Haus warm. Das Erste, was diese Fremden getan hatten, war, die Heizung abzudrehen und Amber die Wärme zu rauben. Danach hatten sie ihr Trost und Sicherheit geraubt.

Das Tier in Jonas nahm Ambers Angst wahr und ging entschlossen in Lauerhaltung.

»Sie haben einen Kojoten dabei.« Rule meldete sich durch das Headset an Jonas’ Ohr. »Im Moment ist er in der Küche mit einer Kanne Kaffee. Dämlicher Bastard.«

Kojoten konnten träge sein. Sie waren brutal im Kampf, gnadenlos im Rudel, aber diejenigen, die beim Council blieben oder in die weniger akzeptablen Gebiete der Welt zogen, waren schlichtweg faul.

»Schalt ihn als Ersten aus«, befahl Dane, während Jonas am Fenster entlangschlich und die Positionen Brandenmores und des Kindes prüfte, bevor er sich zurückzog.

»Ich gehe durch das Fenster rein«, sagte er den anderen. »Brandenmore ist allein im Wohnzimmer.«

»Der Kojote ist in der Küche, ein Wachposten auf der vorderen Veranda und einer oben im Schlafzimmer«, berichtete Rule. »Sie rechnen nicht mit Problemen.«

Die hatten heute Abend niemanden im Büro erwartet. Sie hatten gedacht, sie könnten Rachel zurückschicken, sie zwingen, ihre Drecksarbeit zu machen und sie dann töten. Und nur Gott wusste, was sie mit dem Kind vorhatten.

»Jonas, er wird das Baby benutzen.« Danes Stimme klang sachlich, bedauernd, aber realistisch.

»Das Kind hat Priorität«, wiederholte Jonas.

»Keine Chance, Brandenmore zu erwischen, bevor er das Baby erreicht«, stellte Dane fest. »Bedenke das, Jonas.«

Jonas blickte wieder durchs Fenster. Brandenmores Waffenhand lag nur Zentimeter von Ambers Kopf entfernt und hielt die kurzläufige Laserwaffe.

Das Tier in ihm brüllte. Vom ersten Moment, als Jonas erkannt hatte, dass Rachel seine Gefährtin war, hatte er eine Verbindung zu dem Kind gehabt. Wehrlos, und doch seines Platzes in der Welt seiner Mutter sicher. Die Kleine hatte keine Gefahr und keine Angst gekannt – bis jetzt.

Jetzt lernte sie Gefühle kennen, die sie nie hätte erfahren dürfen. Erschöpfung. Hunger. Drogen.

Jonas atmete langsam ein. Das Baby war müde, aber auch still, denn es war dazu unter Drogen gesetzt worden.

Die Kleine hatte Angst.

Er hörte das leise Maunzen, die kleinen Quietscher, während sie immer wieder die Fäustchen ballte. Sie wollte weinen, aber ihr fehlte die Kraft dazu.

»Dane, wenn dieses Kind verletzt wird, haben wir ein Problem.« Jonas hörte das Knurren in seiner eigenen Stimme und fühlte die verborgenen Klauen, die sich unter dem normalen Nagelbett durch seine Fingerspitzen schoben und herausdrängten.

Mit blutigen Spitzen, gekrümmt und scharf. Seine Finger bewegten sich, seine Sinne wurden schärfer, wachsam durch den Hunger nach Blut und Rache.

Das Problem war bereits da. Der Löwe, immer so sorgfältig unter Kontrolle, hatte sich befreit. Ein Moment der Schwäche, eine Gewissheit der Gefahr, der sich das Kind – sein Kind – gegenübersah, und er war da.

Ein Knurren drang über seine Lippen, Reißzähne blitzten im Dunkel auf, und ein tiefes Raubtierknurren grollte in seiner Brust.

»Boss, wir sind in Position.« Rule kannte den Laut. »Ich übernehme den Kojoten, Lawe den Wachposten vorne.«

»Dane hat sich Brandenmore genähert.« Mordecai, der Kojote im Team, gab die letzte Anweisung, als Jonas, Mann und Tier zugleich, loslegte.

Das Genetics Council, das die Breeds gezüchtet hatte, hatte dabei nur ein Ziel im Sinn gehabt: die ultimative Tötungsmaschine. Die Breeds wurden erschaffen, verbessert und gedrillt für jede mögliche vorstellbare Situation.

Sie waren nicht erschaffen worden, um Leben zu retten, nicht ausgebildet worden, um zu behüten, sich zu paaren oder zu lieben. Aber das, worauf man sie nicht gedrillt hatte, hatte sie besser, schneller und stärker gemacht.

Es hatte sie zu den gefährlichsten Geschöpfen auf der Erde gemacht.

Zur ultimativen Waffe.

Glas zerbarst klirrend.

Es hatte wertvolle Minuten gekostet und eine Geduld, die Rachel nie zu haben geglaubt hatte, bevor sie die Chance bekam, die Tür aufzureißen und aus dem SUV zu stürmen.

Sie schaffte es bis neben das Haus, nicht weiter. Harte Finger packten ihren Arm und zerrten sie zurück, während sie sah, wie die dunkle, knurrende Gestalt sich durch das Wohnzimmerfenster warf.

Das Geräusch von berstendem Glas und das Knurren eines Tieres waren die einzigen Geräusche in der Nacht. Ein Schatten bewegte sich auf der vorderen Veranda, und Silhouetten drehten und wendeten sich in den Vorhängen des Küchenfensters.

Doch das zerbrochene Glas war das, was ihre entsetzte Aufmerksamkeit fesselte.

Scherben, mit dunklem Blut befleckt, hingen gezackt im Rahmen. Kein Geräusch war zu hören, nicht einmal das Wimmern eines Kindes.

»Lass mich los.« Ihre Stimme klang dünn und heiser, während ihr die Tränen erneut übers Gesicht liefen.

»Er würde mich umbringen.« Chimeras Tonfall war bedauernd. »Ich habe schon genug riskiert, indem ich dich so nahe herangelassen habe.«

Rachel wandte ruckartig den Kopf zu der Frau. »So nahe?«

Unheimliche grüne Augen blickten zum Haus, bevor sie wieder auf Rachel ruhten. Chimeras im Schatten liegende Züge spannten sich in einem namenlosen Gefühl an. »Sie ist deine Tochter. Du hast das Recht dazu.«

Kaum war das letzte Wort über Chimeras Lippen gekommen, schien die Hölle loszubrechen.

Ein Brüllen, wie Rachel es noch nie im Leben gehört hatte, erschütterte die Stille der Nacht.

Jonas stürzte sich durchs Fenster. Er spürte, wie das Glas in seine Schultern schnitt, fühlte das Tier in seinem Körper toben und ging auf den Feind los.

Brandenmore hatte nicht mit einem Angriff gerechnet. Statt daran zu denken, das Kind zu packen, kam er in Windeseile auf die Füße. Die Waffe zielte, feuerte und verfehlte Jonas’ Kopf nur knapp, bevor Brandenmore zur Tür stürmte.

Ein Brüllen drang aus seiner Kehle. Jonas wusste, dass ein solcher Laut noch nie über seine Lippen gekommen war, als ihn der volle Duft des Kindes traf.

Er sprang zwischen das Baby und die Tür, stellte sich dem anderen Mann, die eigene Waffe bereit, fest in den krallenbewehrten Fingern, und knurrte Brandenmore an.

Brandenmores Gesicht war voller Falten von Grausamkeit und Alter, als er lächelte, ein kaltes, spöttisches Grinsen, worauf Jonas’ Finger am Abzug sich anspannte. Brandenmore hielt die Waffe auf das Baby gerichtet.

»So viele Informationen.« Brandenmore schüttelte den Kopf und schnalzte mit der Zunge. »So viele Experimente. Wir haben eine Menge gelernt, seit du geflohen bist, Alpha Eins.«

Aus zusammengekniffenen Augen sah er sein Gegenüber an.

»Dieses Baby.« Brandenmore nickte in Richtung des viel zu stillen Babys. »Es ist ein Testobjekt, nicht mehr als du ein Testobjekt warst. Nicht mehr als jeder andere seither. Man braucht kein Labor, um ein Experiment durchzuführen, nicht wahr, Alpha Eins?«

Jonas würde ihn erschießen, aber die geringste Bewegung von Brandenmores Finger am Abzug genügte, und der Laser würde Amber töten, allen Versuchen von Jonas zum Trotz, sie zu schützen.

»Ich werde Sie töten«, versprach Jonas und starrte in die kalten, gnadenlos grausamen Augen des anderen.

Brandenmore grinste wieder. »Das versuchst du schon eine ganze Weile, Alpha Eins. Bisher hattest du noch keinen Erfolg.« Er warf einen Blick auf die Trage, in der das Kind lag. »Und du wirst auch jetzt keinen Erfolg haben.«

Bevor Jonas sich auf ihn stürzen konnte, stürmte Brandenmore durch die Tür davon.

Ein wütendes Brüllen drang über Jonas’ Lippen. Adrenalin und reine animalische Wut ließen ihn zur Tür stürmen – doch dann blieb er stehen, drehte sich um und ging stattdessen zu dem Kind.

Er nahm das kleine Wesen aus der Trage und drückte es an seine Brust. Und dann stürzte er sich durch das Fenster, nur Sekunden bevor Feuer und Hitze hinter ihm explodierten und ihn durch die Luft schleuderten, während um ihn herum die Nacht zur Hölle zu werden schien.

2

SANCTUARY, HAUPTQUARTIER DER RAUBKATZEN-BREEDS

BUFFALO GAP, VIRGINIA

Der Helijet der Breeds setzte im Garten des Haupthauses auf, ein fast unerhörtes Ereignis. Teams aus verschiedenen Breeds – Raubkatzen, Wölfe und Kojoten – umringten das Gelände, mit kalten Augen und gezogenen Waffen, während der äußere Zugang zu den Laboren aufschwang, gerade als die Türen des Helijetzs aufglitten.

Jonas Wyatt sprang aus dem schwarzen Jet. Seine Kleidung war versengt und sein dunkles Gesicht verschmiert mit Dreck und Blut, als er ein kleines Bündel an seine Brust drückte und zum Labor rannte.

Dicht hinter ihm kamen die Raubkatzen-Breeds Lawe Justice und Rule Breaker, jeder einen zerbrechlichen Arm von Jonas’ Sekretärin Rachel Broen im Griff.

Tränen und Dreck standen in Rachels Gesicht. Ihr dunkelrotes Haar lag nicht mehr in seinem sorgfältig angeordneten kleinen Knoten. Es umfloss ihr Gesicht in langen Wellen, die ihr bis mitten auf den Rücken fielen, während sie in den Bunker unter dem Haupthaus gebracht wurde.

»Ich will sofort Elizabeth und Ely hier haben«, rief Jonas, als sie durch die mit Stahl und Zement verkleideten Korridore zum Hauptlabor rannten.

»Sie warten schon im Labor.« Rudelführer Callan Lyons stürmte an seine Seite, während Sicherheitschef Kane Tyler und Sanctuarys leitender Enforcer Mercury Warrant die Nachhut bildeten. »Elizabeth war noch vor Ort, als du anriefst. Sie und Ely haben alles vorbereitet.«

»Jonas, was ist los?« Rachel fühlte Grauen durch ihren Körper toben.

Der haarsträubende Flug von D. C. nach Virginia hatte im Helijet nicht länger als fünfzehn Minuten gedauert. Der war mit voller Kraft nach Sanctuary gerast, während Jonas den Piloten anbrüllte, schneller zu fliegen, und Amber schlaff und leblos in seinen Armen lag.

Er wollte sie ihr Kind nicht halten lassen. Amber hatte weder gewimmert noch geweint.

»Hier ist die Spritze. Sie lag neben ihr in der Babytrage.« Jonas drückte Callan die kleine Druckspritze in die Hand, die Rachel noch gar nicht bemerkt hatte. »Ich will eine volle Analyse von Amburg, und zwar pronto!«

Callan gab die Spritze an Mercury weiter, der eilig in einen anderen Korridor einbog und verschwand.

Jeffrey Amburg, die Geißel der Gemeinschaft der Breeds. Vor den Befreiungsaktionen vor zwölf Jahren war er in den Laboren als Schlächter bekannt gewesen.

Kane Tyler, mit dunklem, militärisch kurz geschnittenem Haar und eisblauen Augen erstarrte vor Wut, übernahm die Führung und öffnete die Türen zur Hauptebene der Laborräume, wo zwei Frauen aus einem nahe gelegenen Büro herbeiliefen.

»Wir haben alles bereit.« Elizabeth Vanderale hatte das dunkle Haar zu einem festen Pferdeschwanz zusammengebunden, und ihr weißer Laborkittel wehte hinter ihr her, als sie eine weitere Tür aufstieß, während Ely Morrey, die leitende Wissenschaftlerin der Breeds, zu einem Inkubator eilte, der in der Mitte des Raumes aufgebaut war.

»Jonas.« Kaum im Zimmer, musste Rachel stehen bleiben und sah entsetzt zu, wie Amber zügig das kleine Nachthemd und die Windel ausgezogen wurden, bevor sie in den Inkubator gelegt wurde.

»Wir brauchen sofort Blut-, Speichel- und Gewebeproben«, rief Elizabeth und ging zügig mit Ely an die Arbeit.

»Was ist los?« Rachel riss sich von den beiden Breeds los, die sie festhielten, und umklammerte Jonas’ Arm. Wut und Angst tobten in ihr, als sie in seine vor Zorn brodelnden Augen starrte. »Verdammt noch mal, rede mit mir. Was hat der Bastard mit meinem Kind gemacht?«

Entsetzen zerrte an ihrem Verstand und bohrte sich in ihre Seele. Gott helfe ihr, wenn ihrem Baby etwas zustieß, das würde sie nicht überleben.

Sie hatte Jonas angefleht, mit ihr zu reden, seit der Sekunde, als er auf die Füße gerollt war, direkt vor dem Feuerball, der ihr Haus in einer Explosion aus Feuer in Schutt und Asche gelegt hatte.

»Rachel, gib ihm Raum.« Kane griff ihren Arm, um sie zurückzuziehen – nur um sich der knurrenden, animalischen Wut gegenüberzusehen, die sich von Jonas auf ihn richtete.

Rachel wich fast selbst zurück, als Jonas den Kopf senkte, die Zähne fletschte und die Reißzähne aufblitzen ließ. Eine Hand packte ihren Arm, und als Rachel den Blick senkte, sah sie noch die tödliche Krümmung scharfer Krallen, die sich unter seinen Fingernägeln hervorgeschoben hatten.

Langsam hob sie den Blick. »Jonas, bitte. Erzähl mir, was passiert ist.«

Ein Grollen drang aus seiner Kehle.

»Miss Broen, im Augenblick ist mein Sohn mehr Tier als Mensch. Er kann denken und reagieren, aber noch kontrolliert das Tier den Mann.«

Rachel wirbelte herum und sah sich Leo Vanderale gegenüber. Er war fast eine Kopie von Callan Lyons – oder vielleicht war es präziser zu sagen, dass Callan eine Kopie von ihm war.

Lang fließendes dunkelblondes Haar mit schwarzen und roten Strähnen. Grimmige Züge umrahmten goldene Augen, und die Macht, die förmlich aus jeder Pore auszustrahlen schien, strafte den kultivierten Schnitt seines dunkelgrauen Anzugs Lügen.

Jonas knurrte Leo an, woraufhin der langsam vortrat und die Reißzähne aufblitzen ließ.

Dann blieb er stehen und starrte eine lange Sekunde in den Inkubator, bevor er sich an Jonas wandte. »Traust du mir so weit, dass ich über ihre Sicherheit wache, während du über das Kind wachst?«

Jonas biss die Zähne zusammen. »Nein!« Das Wort war ein Grollen der Wut.

Leos Lippen wurden schmal. »Willst du dich wirklich heute Nacht mit mir anlegen, Welpe?«, knurrte er. »Oder diese Frau dazu bringen, dass sie dich hasst?«

Jonas knurrte erneut, ließ aber endlich zu, dass Rachel sich von ihm losriss.

»Bring sie hier raus, Leo«, rief ihm Elizabeth zu, die gerade mit einer Spritze zum Inkubator ging, um Blut abzunehmen.

Das Gerät mit Druckaktivierung arbeitete schnell und schmerzlos, aber im Augenblick sah es wie eine Todesmaschine aus, die sich dem winzigen Arm ihres Babys näherte.

»Jonas, bitte.« Ihre Nägel gruben sich in seinen Arm, als sie sich an ihn klammerte. Zorn und Angst hielten sie in unmenschlichem Griff. »Was stimmt nicht mit meinem Baby?«

»Brandenmore«, knurrte er ihr zu. »Er hat ihr etwas gespritzt, Rachel. Wir müssen herausfinden, was.«

Die Worte klangen kaum menschlich. Ihre Bedeutung war ein Albtraum.

Langsam ließ Rachel ihn los und presste die Hände auf ihren Bauch, als der sich vor Entsetzen verkrampfte und drohte, das wenige von sich zu geben, das sie heute zu sich genommen hatte.

Ihr Blick huschte zu der besinnungslosen Gestalt ihres Babys, und sie begann zu zittern, nun erfüllt von solcher Angst, dass sie sich fragte, wie sie sich noch auf den Beinen halten konnte.

Amber sah so winzig aus in diesem Inkubator. Sie war mit Untergewicht zur Welt gekommen, zwar nicht krank, aber ihr geringes Gewicht hatte Rachel wochenlang Sorgen gemacht.

Jetzt lag sie blass und reglos da, die dichten rotgoldenen Locken schlaff um ihr Köpfchen. Rachel ließ langsam Jonas’ Arm los und wich vor ihm zurück.

»Amburg untersucht gerade die Spritze«, berichtete Kane, einen Finger an den kleinen Kommunikationsknopf an seinem Ohr gedrückt. »Er erwartet einen ersten Bericht innerhalb von dreißig Minuten.«

»Fünf Minuten, oder er stirbt.« Jonas wandte sich Kane zu. Sein finsteres Gesicht war um ein Vielfaches wilder als normal und erfüllt von der Gnadenlosigkeit eines Raubtieres. Rachel hatte keinen Zweifel, dass er seine Worte ernst meinte.

Kalt wiederholte Kane den Befehl.

Offensichtlich widersprach Amburg nicht.

»Warum?« Rachel wandte sich an den einzigen Mann, der bereit war, ihr Antworten zu geben – den Mann, der Jonas seinen Sohn genannt hatte. Bis zu diesem Augenblick hatte Rachel keine Ahnung gehabt, dass Leo Vanderale ein Breed war. Bis sie seine scharfen Reißzähne sah, die er sonst immer verborgen hielt. »Warum sollte er Amber töten wollen?«

Leo schüttelte den Kopf. »Ich bezweifle ernsthaft, dass er die Absicht hatte, sie zu töten. Alles, was Brandenmore tut, tut er mit der Absicht zu experimentieren, nicht mehr. Ihm ist schlicht egal, ob sie überlebt.«

Jonas knurrte Leo wieder an.

»Wieso?«, rief Rachel wieder, und ihre Stimme wurde lauter, als ihr die Angst langsam die Sinne zu rauben drohte. »Wieso sollte er das tun?«

»Weil gewisse Tests bewiesen haben, dass Sie ebenso wie Ihre Tochter eine brauchbare Breed-Gefährtin sind.« Es war Callan Lyons, der ihr antwortete, trotz des wütenden Knurrens, das von Jonas kam. »Letzten Monat ist es Brandenmore gelungen, Informationen aus Sanctuary zu stehlen, Ms Broen. Diese Informationen enthielten die Ergebnisse mehrerer Tests, die in Bezug auf Paarung der Breeds durchgeführt wurden. Ihre Tests.«

Rachel schüttelte den Kopf. Paarung bei den Breeds war doch angeblich nicht mehr als ein Gerücht, obwohl sie sich oft genug gefragt hatte, ob da etwas Wahres dran war.

Fassungslos starrte sie Callan an. Weder er noch Merinus schienen in den zwölf Jahren, die sie nun schon zusammen waren, gealtert zu sein. Und dann Kane. Sie hatte früher für ihn gearbeitet. Er war Mitte vierzig, wirkte aber zehn Jahre jünger.

Gute Gene – das hatte sie als Ausrede gehört.

Es hatte jede Menge Gründe gegeben, die man der Presse hingeworfen hatte, ebenso wie den Wissenschaftlern, die das Phänomen zur Debatte gestellt hatten. Doch kein Breed hatte je zugegeben, dass es den Paarungsrausch gab.

»Tests«, flüsterte sie und versuchte dabei die Übelkeit unter Kontrolle zu halten, die in ihr aufstieg. »Ich wurde getestet?«