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Wäre schon genial, wenn man seinem jüngeren Ich einen Brief zukommen lassen könnte; Rohrpost durch ein Zeit-Wurmloch. Nicht nur Belehrungen von der Peergroup und der Verwandtschaft – sondern authentisches Material vom weisen Ich. Weise insofern, weil man in all die dummen Fallen getappt ist; man hat als ältere Version verdammt viele Dummheiten hinter sich; sehr gutes Anschauungsmaterial: "Bitte so nicht nachmachen." Gewinner beim Fauxpas-Hürdenlauf.
Sich in seinem Brief auf das Wesentliche konzentrieren, die dümmsten Fehler mit dem Marker hervorheben – und die kleineren Malheurs verschweigen? Aber das macht einen erst recht neugierig – was wird einem da vorenthalten? Im Grunde ist es, als ob man zu früh von seinen Weihnachtsgeschenken erfahren würde, die Pakete bereits aufgerissen ...
Die Zukunft soll die Gegenwart nicht belehren? Da ist ein Riegel vor; wir gehen weiter unbelehrt durch die Gefilde der Zeit; als Unwissende; mit armseligen Plänen, die ohne Mühe vom Schicksal allesamt zerrissen werden. Wir sind nicht wirklich gewappnet. Wir können lediglich unsere Fantasie bemühen, sie einschalten, sie als Bote und als Spion ins Zukunftsland senden.
Es gibt Momente im Leben, da möchte man seinem jüngeren Ich eine Postkarte schicken. Nichts Großes, nur ein kurzer Hinweis, ein Spoiler.
Imaginierte Selbstgespräche, literarische Zeitreisen, die etwas sichtbar machen, was Biografien oft verschweigen: den Moment, in dem ein Mensch innehält und sich fragt, ob der Weg hierher wirklich der einzig mögliche war. Platz für Lebensbrüche, Irrtümer, späte Einsichten, Schuld, Ruhm, Scheitern oder innere Wandlungen.
Das jüngere Ich: Man schreibt an jemanden, der nicht mehr existiert, und doch ist er der Einzige, der wirklich verstehen würde.
Und falls Sie danach selbst den Impuls verspüren, Ihrem jüngeren Ich zu schreiben: Tun Sie es. Postamt Seele hat ganztägig geöffnet.
37 Briefe:
Brief aus der Zukunft * William Shakespeare, 1610 * Friedrich Nietzsche, 1889 * Johann Wolfgang von Goethe, 1831 * Leo Tolstoi, 1909 * Franz Kafka, 1923 * Vincent van Gogh, 1889 * Ludwig van Beethoven, 1820 * Søren Kierkegaard, 1854 * Oscar Wilde, 1897 * Charles Darwin, 1881 * Marie Curie, 1930 * Nikola Tesla, 1942 * Mark Twain, 1909 * Napoleon Bonaparte, 1820 * Horatio Nelson, 1805 * Sokrates, 399 v. Chr. * Virginia Woolf, 1940 * Wolfgang Amadeus Mozart, 1790 * Michelangelo Buonarroti, 1559 * Albert Einstein, 1945 * Galileo Galilei, 1633 * Kleopatra VII., 30 v. Chr. * Abraham Lincoln, 1865 * Giacomo Casanova, 1785 * Benjamin Franklin, 1785 * Sigmund Freud, 1935 * Karl Marx, 1883 * Rainer Maria Rilke, 1926 * Lou Andreas-Salomé, 1937 * Jeanne d'Arc, 1431 * Piotr Iljitsch Tschaikowsky, 1893 * Alexander von Humboldt, 1859 * Antoine de Saint-Exupéry, 1944 * Franz Liszt, 1886 * Emily Dickinson, 1886 * Marco Polo, 1324 * Thomas Mann, 1955
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Briefe an sich selbst
Berühmte Persönlichkeiten schreiben an ihr jüngeres Ich
Wäre schon genial, wenn man seinem jüngeren Ich einen Brief zukommen lassen könnte; Rohrpost durch ein Zeit-Wurmloch. Nicht nur Belehrungen von der Peergroup und der Verwandtschaft – sondern authentisches Material vom weisen Ich. Weise insofern, weil man in all die dummen Fallen getappt ist; man hat als ältere Version verdammt viele Dummheiten hinter sich; sehr gutes Anschauungsmaterial: "Bitte so nicht nachmachen." Gewinner beim Fauxpas-Hürdenlauf.
Sich in seinem Brief auf das Wesentliche konzentrieren, die dümmsten Fehler mit dem Marker hervorheben – und die kleineren Malheurs verschweigen? Aber das macht einen erst recht neugierig – was wird einem da vorenthalten? Im Grunde ist es, als ob man zu früh von seinen Weihnachtsgeschenken erfahren würde, die Pakete bereits aufgerissen ...
Die Zukunft soll die Gegenwart nicht belehren? Da ist ein Riegel vor; wir gehen weiter unbelehrt durch die Gefilde der Zeit; als Unwissende; mit armseligen Plänen, die ohne Mühe vom Schicksal allesamt zerrissen werden. Wir sind nicht wirklich gewappnet. Wir können lediglich unsere Fantasie bemühen, sie einschalten, sie als Bote und als Spion ins Zukunftsland senden.
Es gibt Momente im Leben, da möchte man seinem jüngeren Ich eine Postkarte schicken. Nichts Großes, nur ein kurzer Hinweis, ein Spoiler.
Imaginierte Selbstgespräche, literarische Zeitreisen, die etwas sichtbar machen, was Biografien oft verschweigen: den Moment, in dem ein Mensch innehält und sich fragt, ob der Weg hierher wirklich der einzig mögliche war. Platz für Lebensbrüche, Irrtümer, späte Einsichten, Schuld, Ruhm, Scheitern oder innere Wandlungen.
Das jüngere Ich: Man schreibt an jemanden, der nicht mehr existiert, und doch ist er der Einzige, der wirklich verstehen würde.
Und falls Sie danach selbst den Impuls verspüren, Ihrem jüngeren Ich zu schreiben: Tun Sie es. Postamt Seele hat ganztägig geöffnet.
37 Briefe:
Brief aus der Zukunft * William Shakespeare, 1610 * Friedrich Nietzsche, 1889 * Johann Wolfgang von Goethe, 1831 * Leo Tolstoi, 1909 * Franz Kafka, 1923 * Vincent van Gogh, 1889 * Ludwig van Beethoven, 1820 * Søren Kierkegaard, 1854 * Oscar Wilde, 1897 * Charles Darwin, 1881 * Marie Curie, 1930 * Nikola Tesla, 1942 * Mark Twain, 1909 * Napoleon Bonaparte, 1820 * Horatio Nelson, 1805 * Sokrates, 399 v. Chr. * Virginia Woolf, 1940 * Wolfgang Amadeus Mozart, 1790 * Michelangelo Buonarroti, 1559 * Albert Einstein, 1945 * Galileo Galilei, 1633 * Kleopatra VII., 30 v. Chr. * Abraham Lincoln, 1865 * Giacomo Casanova, 1785 * Benjamin Franklin, 1785 * Sigmund Freud, 1935 * Karl Marx, 1883 * Rainer Maria Rilke, 1926 * Lou Andreas-Salomé, 1937 * Jeanne d'Arc, 1431 * Piotr Iljitsch Tschaikowsky, 1893 * Alexander von Humboldt, 1859 * Antoine de Saint-Exupéry, 1944 * Franz Liszt, 1886 * Emily Dickinson, 1886 * Marco Polo, 1324 * Thomas Mann, 1955
Copyright © 2026 Samuel Kerbholz
Stephan Lill, Birkenhorst 5b, 21220 Seevetal, Germany
Wäre schon genial, wenn man seinem jüngeren Ich einen Brief zukommen lassen könnte; Rohrpost durch ein Zeit-Wurmloch. Nicht nur Belehrungen von der Peergroup und der Verwandtschaft – sondern authentisches Material vom weisen Ich. Weise insofern, weil man in all die dummen Fallen getappt ist; man hat als ältere Version verdammt viele Dummheiten hinter sich; sehr gutes Anschauungsmaterial: "Bitte so nicht nachmachen." Gewinner beim Fauxpas-Hürdenlauf.
Als zentrales Motto: "Hätte, hätte Fahrradkette ..." Ist man grundsätzlich Ratschlag-immun? Ratschläge können einem nichts anhaben, sie prallen an einem ab. Wäre man als ältere Version berechtigt, einen auf Meister Yoda zu machen? Vermutlich tun sich neue Abgründe auf. Man kennt das aus den Zeitreise-Filmen: Immer, wenn man versucht, das eine zu reparieren, entstehen woanders – wie bei einem Hydra-Problem – zwei oder zwei Dutzend neue Probleme. Man legt sich ernsthaft mit dem Schicksal an – will ihm dreinreden? Rächt es sich furchtbar – oder ist es amüsiert über unsere Bemühungen? Ein Kräftemessen, ein Ringen mit zugrundeliegenden tieferen Ursachen und Wurzeln. Zieht man womöglich gewisse Probleme an, finden die einen attraktiv? Welcher Ausweichkurs?
Und wo bleiben dann die nächsten Briefe vom älteren Ich? Verlernt man – wie bei der Zusammenarbeit mit einer KI –, das eigene Denken und Schlussfolgern? Man verlässt sich auf externe Ratgeber, man outsourct. Man verlagert das Gewicht weg vom Moment, verliert womöglich die Balance; der Schwerpunkt zu sehr im Außen, in der Zukunft.
Wäre so ein Rohrpostbrief fatal? Was, wenn auch noch andere Meldungen und Nachrichten aus der Zukunft angesaust kämen? Würde das mehr Orientierung bedeuten oder würde man seiner Gegenwart immer mehr misstrauen? Sie wirkt plötzlich wie ein Minenfeld; man wird zunehmend ferngelenkt, ferngesteuert; das eigene Gespür für Gefahren bleibt untrainiert? "Lass das mal das Ego aus der Zukunft machen." Man delegiert. Man betrachtet unausgesetzt die Gegenwart als etwas bereits Geschehenes, der Blickwinkel hat sich verändert; man wird zum Rückblickenden, das Präsens kommt einem abhanden.
Oder sich in seinem Brief auf das Wesentliche konzentrieren, die dümmsten Fehler mit dem Marker hervorheben – und die kleineren Malheurs verschweigen? Aber das macht einen erst recht neugierig – was wird einem da vorenthalten? Im Grunde ist es, als ob man zu früh von seinen Weihnachtsgeschenken erfahren würde, die Pakete bereits aufgerissen ...
Kommt sich die Gegenwart seltsam entwertet vor, abgestempelt als berüchtigter Trouble-Maker? Man misstraut ihr zunehmend. So viele Fallstricke, ein bis zwei Fangeisen ... Die Gegenwart ist eingeschnappt. Man vertraut ihr nicht mehr so recht. Das Urvertrauen hat sich gänzlich verflüchtigt. Man hat nicht ein Mehr an Sicherheit gewonnen ... Man ist nur noch Vollstrecker eines Ichs aus der Zukunft. Eine ganz seltsame Marionette.
Wäre das der Preis eines übergroßen Erfolges? Immerhin käme man leidlich über die Runden, man ergreift entschlossener seine Chancen, man kennt sie; ein tolles Versions-Upgrade? Vermutlich käme dann erneut so ein Rohrpostbrief von der verbesserten älteren Version – eine Optimierungs-Mühle, in die man da hineingeraten ist. Wir alle werden zu Fehler-Vermeidern; wir glänzen, man gewinnt Olympia-Medaillen, Nobelpreise, gewinnt ständig im Lotto ... Ein Glücksrausch? Oder wird dem Schicksal das zu viel, wann reißt sein Geduldsfaden? Man deformiert es, man knetet und formt es, als ob man sich in einem Töpferkurs befände. Das ist es nicht gewohnt. An sich stehen die Schicksalsgöttinnen ganz oben in der Hierarchie – sie hatten das Sagen. Eine Wurmkur mit Zeit-Wurmlöchern wäre ihnen wohl zuwider.
Die Zukunft soll die Gegenwart nicht belehren. Da ist ein Riegel vor; wir gehen weiter unbelehrt durch die Gefilde der Zeit; als Unwissende; mit armseligen Plänen, die ohne Mühe vom Schicksal allesamt zerrissen werden. Wir sind nicht wirklich gewappnet. Wir können lediglich unsere Fantasie bemühen, sie einschalten, sie als Bote und als Spion ins Zukunftsland senden.
Die Fantasie zu stärken – hat aber auch wieder Nebenwirkungen. Die Ängste und Sorgen als Trittbrettfahrer. Sie springen da sofort drauf an, sehen das als ihre Chance, ganz groß rauszukommen. "Das ist unsere Stunde!", ruft das zukünftige Malheur. Man wollte doch Bonheur.
Andererseits wäre es auch nett, wenn das jüngere Ich dem älteren Ich einen Rohrpostbrief schicken könnte – es geht darin um Verzeihen, Verständnis, Einsicht. Das ältere Ich brandmarkt sich als superschuldig, als Schwachmat, den das Schicksal schachmatt gesetzt hat. Hätte was Versöhnliches – sich über die Zeitgrenzen hinweg die Hände zu schütteln; mit Fingerspitzengefühl seelischen Zoff händeln: die diversen Zeit-Versionen des Ichs im Einklang miteinander. Das hätte was.
So aber lastet die gesamte Verantwortung auf dem jeweiligen Gegenwarts-Ich; es steht alleine da; keine Rohrpostbriefe. Nur eine ratlose Fantasie, deren Schulterzucken nichts Tröstliches hat. Fantasie als Surrogat, als Ersatz – sie kennt das, sie kennt ihre Rolle.
Welche Plots verwirklicht man? Recycelt man lediglich die vorhandenen? Wiederverwertung des uralten Materials? Was würde die Lebensgeschichte denn wirklich einzigartig machen? Bräuchte man dafür einen Co-Autor aus der Zukunft? Originalität ist einem wichtig – aber man muss abwägen: Die bekannten Plot-Strukturen führen vermutlich zuverlässiger zum Erfolg? Oder würde man es sich verbitten, dass ältere Versionen des Ichs hereinschneien und sich einmischen, sich aufspielen als Besserwisser; sie würden bessere Autoren sein des jetzigen Tages?!
Viele Autoren verderben den Text-Brei. Plötzlich hat der Text den Charme eines Versicherungsformulars. Alles sehr penibel, akkurat ... und das Leben entweicht aus den Absätzen, den Zeilen. Das Ich wird zum Drehbuchkomitee. Jeder will mitreden, mischt sich ein; es wird eine wunderschöne, groteske postmoderne Metafiktion. Ein Kollektiv, ein Chor, ein Kakophonie-Kanon ... Das Schicksal schlägt die Hände überm Kopf zusammen – oder will es sich die Ohren zuhalten?
Das Nacheinander gerät zum Nebeneinander. Vermutlich sollten wir uns mit der Fantasie begnügen – sie öfters mit einbeziehen, ihr Zeit-Budget erhöhen. Sie würde sich darüber freuen. "Ihr werdet auf Eure Kosten kommen!", ist ihr Wahlspruch seit Urzeiten. "Zu jeder Uhrzeit."
Von: Will S., erfolgreicher Dramatiker, Stratford-upon-AvonAn: Will S., aufstrebender Theaterschreiberling, LondonBetreff: Dringende Ratschläge aus der Zukunft (lies das, bevor du "Titus Andronicus" noch blutiger machst!)
Lieber junger Will,
ich schreibe dir aus dem Jahr 1610 (aber ich bin bereits auf der anderen Seite der Zeit; manche nennen es die Gefilde der Seligen; andere nennen es eine Spielart der Hölle), und bevor du jetzt denkst, das sei wieder nur ein Scherz von Kit Marlowe nach zu viel Ale – nein, ich bin tatsächlich du, nur zwanzig Jahre älter, etwas weiser und mit deutlich weniger Haaren. Die gute Nachricht: Du wirst es schaffen! Die schlechte: Der Weg dorthin ist voller dramatischer Ironie, und diesmal bist du die Hauptfigur.
Was du forcieren solltest (mit der Subtilität eines Rammbocks):
Erstens: Bleib bei den Komödien! Ich weiß, du willst gerade die Bühne mit genug Blut fluten, um die Themse umzufärben, aber glaub mir – "Ein Sommernachtstraum" wird die Leute noch in vierhundert Jahren mehr begeistern als die abgehackten Gliedmaßen in "Titus". Die Kunstfertigkeit liegt nicht darin, möglichst viele Leichen zu stapeln (das können andere auch), sondern darin, Menschen zum Lachen und Nachdenken zu bringen. Bottom mit dem Eselskopf ist literarisch wertvoller als jeder abgetrennte Kopf auf einer Theaterlanzenspitze.
Zweitens: Investiere in das Globe Theatre! Und zwar mehr als nur symbolisch. Ich weiß, Richard Burbage redet viel und laut, aber hör ihm zu. Das Globe wird dein Baby werden – im Gegensatz zu echten Babys bringt es tatsächlich Geld ein. Und wenn es 1613 abbrennt (kleiner Spoiler: Es brennt ab, danke einer theatralischen Kanone), hast du wenigstens genug Anteile, um den Wiederaufbau mitzufinanzieren.
Drittens: Schreib die Sonette jetzt! Nicht irgendwann, nicht "wenn ich mal Zeit habe" – JETZT. Du bist 26, dein Herz ist noch formbar wie Wachs, und die romantische Verzweiflung ist authentischer, wenn sie nicht von Gicht begleitet wird. Mit 46 klingen "Shall I compare thee to a summer's day" eher nach Wettervorhersage als nach Liebeslyrik.
Was du vermeiden solltest (als wäre es die Pest – die übrigens 1593 wiederkommt, sei gewarnt):
Erstens: Diskutiere niemals mit Ben Jonson über Grammatik! Der Mann wird dein Freund und Rivale zugleich, aber seine Pedanterie kennt keine Grenzen. Wenn er anfängt, über die "richtige" Verwendung von Metaphern zu dozieren, nicke einfach, lächle und denk an deine Tantiemen. Du schreibst für das Volk, er schreibt für die Nachwelt – ironischerweise wird die Nachwelt dich wohl bevorzugen.
Zweitens: Vermeide es, Robert Greene zu nahe zu kommen. Der Mann wird dich eine "upstart crow" nennen – eine aufgeplusterte Krähe. Lass ihn. Seine Bitterkeit ist das Ergebnis von Talent ohne Disziplin, während du das Gegenteil kultivieren wirst. Außerdem stirbt er 1592 an einem Übermaß an eingelegten Heringen und Rheinwein. Niemand sollte so enden.
Drittens: Versuch nicht, alle deine Plots selbst zu erfinden. Die größten Dramatiker der Geschichte sind großartige Recycler – Plutarch, Holinshed, italienische Novellen, alles ist freies Spiel! "Romeo und Julia" ist nicht deswegen genial, weil die Geschichte neu ist (sie ist uralt), sondern weil du sie erzählst. Originalität ist überbewertet; Exekution ist alles.
Welche Personen suchen, welche meiden:
Suche die Nähe von:
Richard Burbage
: Der Mann ist nicht nur ein großartiger Schauspieler, er versteht Geschäfte. Mit ihm zusammen wirst du wohlhabend. Ohne ihn wärst du nur ein weiterer Schreiberling, der sich über unbezahlte Manuskripte beschwert.
Den Earl of Southampton
: Ja, er ist hochmütig und weiß es. Aber seine Unterstützung öffnet Türen, und seine Bibliothek öffnet Horizonte. Plus: Er zahlt gut für Widmungen. Literarisches Mäzenatentum funktioniert am besten, wenn der Mäzen solvent ist.
Den einfachen Leuten im Parkett
: Die Adeligen zahlen mehr, aber die Grundlings – die Stehplatzbesucher – sind dein wahres Publikum. Sie pfeifen, wenn es schlecht ist, und applaudieren, wenn es gut ist. Keine höfliche Zurückhaltung, keine falschen Komplimente. Ihre Ehrlichkeit macht dich besser.
Meide wie die Pest (siehe oben):
Christopher Marlowe
(nach 1593 ohnehin nicht mehr möglich, aber bis dahin): Brillant, ja. Wahnsinnig talentiert, absolut. Aber der Mann zieht Ärger an wie Honig Bären. Seine Kontakte zu Geheimdiensten, seine religiösen Provokationen, sein Tod in einer Taverne unter mysteriösen Umständen – das ist alles zu shakespeareanisch, um gesund zu sein. Bewundere ihn aus sicherer Entfernung.
Die Puritaner
: Sie hassen das Theater mit einer Leidenschaft, die fast schon bewundernswert wäre, wenn sie nicht so destruktiv wäre. Verschwende keine Zeit damit, sie überzeugen zu wollen. Ignorieren und weiterspielen.
Ein paar praktische Tipps für die Zwischenzeit:
Kauf Land in Stratford. Ich weiß, London ist aufregend, aber Immobilien in der Heimat sind die solideste Investition. Das Anwesen "New Place" wird 1597 verfügbar – schnapp es dir! Es beeindruckt die Nachbarn und gibt dir einen Rückzugsort, wenn die Pest wieder zuschlägt.
Wenn du "Hamlet" schreibst (und oh, du wirst ihn schreiben), mach ihn nicht zu lang. Ich meine es ernst. Drei Stunden sind selbst für das elizabethanische Publikum grenzwertig. Kürze den Polonius – wir haben verstanden, dass er geschwätzig ist, nach dem dritten Monolog.
Und noch etwas: Die dunkle Lady in deinen Sonetten? Lass es. Ich sage nicht mehr dazu, aber: Lass. Es. Einfach.
Zum Schluss:
Du stehst am Anfang einer Karriere, die das Theater für immer verändern wird. Du wirst Könige und Narren erschaffen, Liebende und Mörder, Geister und Feen. Menschen werden noch in Jahrhunderten über die Bedeutung deiner Metaphern streiten (sie überinterpretieren maßlos, glaub mir). Du wirst unsterblich – was erstaunlich ist, weil du in dieser Zeit nicht mal eine vernünftige Krankenversicherung hast.
Also: schreib furchtlos, investiere klug, meide Drama im echten Leben (auf der Bühne reicht es vollkommen), und um Himmels willen – dokumentier deine Manuskripte ordentlich! Die Nachwelt wird sich sonst jahrhundertelang über die "richtige" Fassung streiten.
In ewiger Selbstachtung und mit leichtem Bedauern über diverse Haarschnitte der 1590er Jahre,
Will ShakespeareDramatiker, Poet, und leicht desillusionierter Zeitreisender
PS: "All the world's a stage" – das ist gut, schreib es auf. Und die Sache mit "to be or not to be" – auch gut. Aber "exit, pursued by a bear"? Da war ich betrunken. Funktioniert trotzdem. Vertraue dem Prozess.
Von: F.N., ehemaliger Philosoph, Klinik BaselAn: F.N., Professor der klassischen Philologie, BaselBetreff: Dringende Warnung von deinem zukünftigen Ich (lies das, bevor du "Also sprach Zarathustra" schreibst!)
Lieber junger Friedrich,
ich schreibe dir aus dem Jahr 1889 (aber ich bin bereits auf der anderen Seite der Zeit; manche nennen es die Gefilde der Seligen; andere nennen es eine Spielart der Hölle), und bevor du jetzt denkst, dies sei wieder nur einer dieser Migräneanfälle, die dich heimsuchen – nein, es ist schlimmer. Ich bin tatsächlich du, nur zwanzig Jahre älter, deutlich konfuser und mit der beunruhigenden Angewohnheit, mich für Dionysus zu halten. Manchmal auch für Christus. Die Identitätsfindung war nie unsere Stärke.
Die gute Nachricht: Du wirst einige der brillantesten Texte der Philosophiegeschichte schreiben. Die schlechte: Du wirst sie in völliger Einsamkeit verfassen, während dir buchstäblich der Verstand davonläuft wie ein erschrecktes Pferd in Turin (dazu später mehr).
Was du forcieren solltest (mit der Kraft eines Willens zur Macht):
Erstens: Nimm die verdammten Migränemittel! Ich weiß, du hältst Schmerz für philosophisch produktiv, eine Art kreativer Katalysator. Das ist Unsinn. Schmerz ist einfach nur Schmerz. Die Idee, dass Leiden dich zu einem besseren Denker macht, ist genau die Art von christlicher Selbstgeißelung, die du später anprangern wirst – während du sie gleichzeitig praktizierst. Die Ironie ist so dick, man könnte sie mit einem Hammer zertrümmern.
Zweitens: Such dir Freunde, die dir widersprechen! Nicht nur Bewunderer, die deine Aphorismen wie Evangelien zitieren. Richard Wagner war der Anfang vom Ende – ein charismatischer Tyrann, der deine Unsicherheit mit Aufmerksamkeit fütterte, bis du abhängig wurdest. Als die Trennung kam, war es wie eine philosophische Scheidung, nur ohne die Möglichkeit, danach noch vernünftig miteinander zu sprechen. Du wirst Jahre damit verbringen, gegen ihn anzuschreiben. Das ist verschwendete Energie. Schreib stattdessen für etwas.
Drittens: Veröffentliche langsamer! "Menschliches, Allzumenschliches", "Morgenröthe", "Die fröhliche Wissenschaft" – alles innerhalb weniger Jahre. Du schreibst, als würdest du vor etwas davonlaufen. Plot Twist: Du läufst vor dir selbst davon. Die Geschwindigkeit, mit der du Ideen produzierst, ist nicht nachhaltig. Dein Gehirn ist keine Dampfmaschine, auch wenn du gerade von der Moderne fasziniert bist.
Viertens: Hör auf, den Übermenschen zu erfinden, und werde erst mal ein normaler Mensch! Du träumst von einem Wesen, das alle menschlichen Schwächen überwindet, während du selbst nicht mal eine stabile Wohnsituation hinbekommst. Du ziehst herum wie ein philosophischer Nomade – Sils-Maria, Nizza, Turin – immer auf der Suche nach dem perfekten Klima für deine Gedanken. Hier ist ein Gedanke: Vielleicht liegt das Problem nicht am Klima.
Was du vermeiden solltest (als wäre es die christliche Moral, die du so verabscheust):
Erstens: Vermeide die Selbststilisierung zum einsamen Propheten! Ich verstehe den Reiz – Zarathustra auf dem Berg, umgeben von Adlern und großen Gedanken. Sehr dramatisch. Sehr romantisch. Auch: sehr dumm. Einsamkeit ist kein Zeichen intellektueller Überlegenheit, sondern oft nur ein Zeichen dafür, dass du schlecht mit Menschen umgehen kannst. Die Wahrheit tut weh, nicht wahr? Gut. Du magst harte Wahrheiten.
Zweitens: Übertreibe es nicht mit der Polemik! "Der Antichrist", "Ecce Homo", "Götzen-Dämmerung" – die Titel werden immer aggressiver, die Thesen immer extremer. Es ist, als würdest du mit jedem Buch lauter schreien, weil niemand zuhört. Hier ist das Problem: Menschen hören nicht besser zu, wenn man schreit. Sie gehen einfach weg. Oder sie denken, du bist verrückt. Was – und jetzt wird es unangenehm – am Ende ja auch stimmt.
Drittens: Halte dich von Pferden in Turin fern! Nein, im Ernst. Am 3. Januar 1889 wirst du ein geschlagenes Pferd umarmen, zusammenbrechen und nie wieder zu dir kommen. Ob es Syphilis ist (die du dir wahrscheinlich als Student in einem Leipziger Bordell geholt hast – Bildungsreise der besonderen Art), eine erbliche Erkrankung oder schlicht die Überlastung eines brillanten Geistes – spielt letztlich keine Rolle. Das Resultat ist dasselbe: mentaler Kollaps.
Viertens: Schreib "Zarathustra" nicht in zehn Tagen! Ich weiß, es fühlt sich an wie eine Inspiration, wie ein Rausch dionysischer Schöpfungskraft. Aber Rausch und Wahnsinn liegen näher beieinander als du glaubst. Der Text ist genial, keine Frage. Aber er ist auch das Werk eines Mannes, der am Rande der Erschöpfung balanciert und es "Ekstase" nennt.
Welche Personen suchen, welche meiden:
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Franz Overbeck
: Dein treuester Freund, der einzige, der bis zum bitteren Ende bleibt. Er holt dich aus Turin ab, als du zusammenbrichst. Er zweifelt an deinen Ideen, aber nicht an dir als Person. Das ist der Unterschied zwischen einem Freund und einem Bewunderer. Bewunderer verschwinden, wenn die Bewunderung schwindet. Freunde bleiben.
Lou Andreas-Salomé
(aber anders!): Die brillanteste Frau, die dir je begegnen wird. Dein Heiratsantrag wird eine Katastrophe sein – peinlich, verzweifelt, zum Fremdschämen. Aber vielleicht könntet ihr Freunde sein, wenn du nicht sofort alles auf eine romantische Karte setzen würdest. Sie ist eine eigenständige Denkerin, keine Muse für deine Philosophie. Behandle sie entsprechend.
Paul Rée
: Unterschätzt, vernachlässigt, aber klüger als du zugeben willst. Seine Ideen über Moral beeinflussen dich mehr, als du je anerkennst. Eitelkeit ist ein schlechter Ratgeber für Quellenangaben.
Meide wie die Pestilenz (oder wie die Moral der Schwachen):
Richard Wagner
(nach 1876): Die Bayreuther Festspiele sind der Wendepunkt. Wenn du dort ankommst und feststellst, dass Wagner nationalistisch, antisemitisch und künstlerisch reaktionär geworden ist, dann
geh einfach
. Verschwende nicht Jahre damit, dich von dieser Vaterfigur zu emanzipieren. Er ist nicht dein Vater. Du brauchst seine Anerkennung nicht.
Deine Schwester Elisabeth
: Oh Friedrich, hier wird es kompliziert. Elisabeth liebt dich, aber sie versteht dich nicht. Schlimmer noch: Sie wird dein Werk nach deinem geistigen Zusammenbruch verwalten – und fälschen! Sie schmiedet aus deinen Fragmenten den "Willen zur Macht", ein Buch, das du nie geschrieben hättest. Sie bringt deine Philosophie mit den Nazis in Verbindung. Hitler besucht das Nietzsche-Archiv! Das wäre komisch, wenn es nicht so tragisch wäre. Triff Vorkehrungen. Schreib ein Testament. Gib Overbeck die Kontrolle.
Enthusiastische Antisemiten
: Sie werden deine Kritik am Christentum missverstehen und denken, du seist einer von ihnen. Du bist es nicht. Mach das deutlicher. Deine Verachtung für den deutschen Nationalismus muss lauter sein als deine Kritik an allem anderen.
Ein paar praktische Tipps für die Zwischenzeit:
Geh öfter spazieren, aber kürzer. Deine achtstündigen Märsche durch die Alpen sind Selbstbestrafung, keine Selbstverwirklichung. Zwei Stunden reichen für philosophische Einsichten.
Iss besser. Deine Ernährung besteht aus Milchsuppe und schlechtem Kaffee. Kein Wunder, dass dein Magen rebelliert. Ein gesunder Körper ist keine bürgerliche Schwäche.
Wenn du "Ecce Homo" schreibst – und du wirst es schreiben, dieses bizarre Selbstzeugnis kurz vor dem Zusammenbruch – dann streiche das Kapitel "Warum ich so weise bin". Es ist peinlich. Die Selbstironie, die du intendierst, kommt nicht durch. Es liest sich einfach nur wie Größenwahn. Was es ja auch ist.
Zum Schluss:
Du bist brillant, Friedrich. Aber Brillanz ist kein Schutz vor Einsamkeit, Krankheit oder Wahnsinn. Du wirst Philosophiegeschichte schreiben – "Gott ist tot", die Umwertung aller Werte, die ewige Wiederkehr. Aber du wirst auch ein warnendes Beispiel sein: Was passiert, wenn ein Geist so hoch fliegt, dass die Luft zu dünn wird.
Die Ironie deines Lebens ist, dass du eine Philosophie der Lebensbejahung schreibst, während du selbst am Leben verzweifelst. Du predigst den Übermenschen, während du nicht mal ein zufriedener Mensch bist. Du verkündest amor fati – die Liebe zum Schicksal – während du dein eigenes Schicksal bekämpfst bis zur Erschöpfung.
Hier ist mein letzter Rat: Sei weniger Zarathustra, mehr Fritz. Der Prophet auf dem Berg ist eine Rolle. Du bist ein Mensch. Ein fehlbarer, einsamer, kranker, brillanter Mensch. Und das ist genug.
Die Welt braucht deine Gedanken. Aber dazu musst du überleben. Und überleben bedeutet manchmal: langsamer gehen, Freunde halten, Hilfe annehmen, den Übermenschen ruhen lassen und einfach nur ein Mensch sein.
Das Pferd in Turin? Lass es in Ruhe. Wenn du schon etwas umarmen musst, dann umarme das Leben selbst – mit all seinen Schwächen, Schmerzen und Unvollkommenheiten.
In tragischer Selbsterkenntnis und mit dem Wunsch, früher auf Overbeck gehört zu haben,
Friedrich NietzscheEhemaliger Philosoph, aktueller Wahnsinniger, und leider kein Übermensch
PS: "Was mich nicht umbringt, macht mich stärker" – das hast du geschrieben. Es ist eine schöne Idee. Aber manchmal bringt es dich eben doch um, nur sehr langsam. Sei vorsichtig mit deinen eigenen Aphorismen. Sie können zur Selbstfalle werden.
PPS: Mutter macht sich Sorgen um dich. Ständig. Sie versteht deine Bücher nicht, aber sie versteht, dass du leidest. Ihre Briefe sind voller praktischer Ratschläge – "Zieh dich warm an", "Iss mehr Suppe" – die du als kleinbürgerlich abtust. Aber weißt du was? Warme Kleidung und Suppe sind nicht das Schlechteste. Manchmal ist Mutterliebe klüger als Philosophie. Du wirst sie vielleicht länger brauchen, als du denkst. Sie wird dich bis zu deinem Tod pflegen. Zwölf Jahre lang. Du wirst nichts davon mitbekommen. Vielleicht ist das eine Gnade. Sei netter zu ihr, solange du noch kannst.
Von: J.W.v.G., Geheimrat a.D., WeimarAn: J.W.v.G., Sturm-und-Drang-Enthusiast, FrankfurtBetreff: Dringende Ratschläge von deinem zukünftigen Ich (lies das, bevor du noch mehr junge Männer in den Selbstmord treibst!)
Lieber junger Wolfgang,
ich schreibe dir aus dem Jahr 1831 (aber ich bin bereits auf der anderen Seite der Zeit; manche nennen es die Gefilde der Seligen; andere nennen es eine Spielart der Hölle), und bevor du jetzt denkst, dies sei wieder nur einer dieser fiebrigen Träume nach zu viel Hochprozentigen beim Straßburger Studentengelage – nein, ich bin tatsächlich du, nur fünfzig Jahre älter, erheblich gelassener und mit einem Orden, den du dir in deinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt hast. Der Großherzog vergibt keine Auszeichnungen an Leute, die ständig über Gefühle schwadronieren.
Die gute Nachricht: Du wirst unsterblich werden. Die schlechte: Der Weg dorthin führt über Jahrzehnte mühsamer Arbeit, diplomatischer Verwicklungen und der demütigenden Erkenntnis, dass Talent allein ungefähr so nützlich ist wie ein Einhorn – schön in der Theorie, aber praktisch nicht zu gebrauchen.
Was du forcieren solltest (mit der Beharrlichkeit einer geologischen Epoche):
Erstens: Schreib den "Faust" jetzt fertig! Nicht irgendwann. Nicht "wenn die Inspiration kommt". JETZT. Du wirst sechzig Jahre an diesem verdammten Text arbeiten, und ehrlich gesagt hätten fünfundfünfzig auch gereicht. Der zweite Teil wird so komplex, dass selbst Literaturprofessoren in zweihundert Jahren noch darüber streiten, was du eigentlich meintest. (Spoiler: Du wirst es selbst nicht mehr genau wissen. Aber das gibt niemandem zu.)
Zweitens: Geh nach Italien! Die Reise 1786 wird dich retten. Du bist mit 37 Jahren ein ausgebrannter Verwaltungsbeamter, der sich selbst nicht mehr wiedererkennt. Italien zeigt dir, was Klassik bedeutet: Maß statt Exzess, Form statt Gefühlsduselei, Architektur statt Anarchie. Die Römer haben nicht herumgejammert – sie haben gebaut. Lerne davon.
Drittens: Betreibe Naturwissenschaften! Ja, ich weiß, deine Freunde werden dich für verrückt halten. "Goethe macht jetzt Optik? Hat der Dichter nichts Besseres zu tun?" Aber die Farbenlehre wird dich erden. Newton widerlegen zu wollen ist zwar größenwahnsinnig (und du wirst scheitern), aber der Versuch lehrt dich etwas Wichtiges: Die Welt funktioniert nach Gesetzen, nicht nach Launen. Das ist eine nützliche Einsicht für jemanden, der gerade meint, Gefühle seien die höchste Form der Wahrheit.
Viertens: Nimm den Job in Weimar an! 1775 wird Herzog Carl August dich einladen, an seinen Hof zu kommen. Deine Freunde werden es für Verrat halten – der geniale Dichter wird zum Hofschranzen! Aber hier ist die Wahrheit: Ein geregeltes Einkommen und politische Verantwortung werden dich zu einem besseren Schriftsteller machen. Künstler, die nur über sich selbst schreiben, langweilen nach zwanzig Jahren. Künstler, die die Welt kennen, werden Klassiker.
Was du vermeiden solltest (als wäre es schlechte Lyrik):
Erstens: Hör auf, den "Werther" zu imitieren! Du wirst diesen schmalen Roman 1774 schreiben – in vier Wochen, im Rausch, aus unglücklicher Liebe. Er wird ein Welterfolg. Junge Männer in ganz Europa werden sich in blauen Fräcken erschießen. Das ist keine Metapher. Sie tun das wirklich. Und du? Du wirst für den Rest deines Lebens versuchen, von diesem Frühwerk wegzukommen. Die Leute werden "Werther" rufen, wenn du "Faust" meinst. Das ist, als würde man ein Schnitzel im Sternerestaurant bestellen.
Zweitens: Vermeide das Genie-Theater! Du liebst es, dich als göttlich inspirierter Seher zu inszenieren – wild, leidenschaftlich, ungebändigt. Das funktioniert mit 25. Mit 35 ist es peinlich. Mit 45 wird es zur Karikatur. Genie ist nicht die Fähigkeit, sich interessant aufzuführen, sondern die Fähigkeit, jeden Tag zu arbeiten, auch wenn die Muse gerade Urlaub macht. Und glaub mir: Die Muse macht sehr oft Urlaub.
Drittens: Übertreibe es nicht mit den Liebschaften! Charlotte Buff, Lili Schönemann, Charlotte von Stein, Christiane Vulpius – du sammelst Frauen wie andere Leute Briefmarken. Jede ist "die Eine", bis die nächste kommt. Hier ist ein Gedanke: Vielleicht liegt das Problem nicht bei den Frauen, sondern bei deiner Unfähigkeit, zwischen Projektion und Person zu unterscheiden. Du verliebst dich nicht in Menschen, sondern in Ideale. Das ist anstrengend für alle Beteiligten.
Viertens: Kämpfe nicht gegen Schiller! Wenn er 1794 auf dich zukommt und eine Zusammenarbeit vorschlägt, dann nimm das Angebot an. Sofort. Nicht erst nach Jahren der gegenseitigen Abneigung. Schiller ist dein Gegenpol – wo du intuitiv bist, ist er systematisch; wo du formlos wirst, bringt er Struktur. Diese zehn Jahre der Zusammenarbeit werden die produktivsten deines Lebens sein. Aber ihr verschwendet vorher ein Jahrzehnt mit gegenseitiger Missachtung. Das ist dumm. Hört damit auf.
Welche Personen suchen, welche meiden:
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Charlotte von Stein
: Ja, ich weiß, du wirst dich unsterblich in sie verlieben. Sie ist verheiratet, älter, klüger. Perfekt für deine Selbstinszenierung als tragischer Liebhaber. Aber abgesehen vom Drama: Sie erzieht dich. Sie bringt dir Selbstbeherrschung bei, höfische Manieren, die Kunst der Zurückhaltung. Ohne sie wärst du für immer der Frankfurter Schnösel geblieben, der meint, Gefühle allein würden Literatur machen.
Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach
: Dein Herzog, dein Freund, dein Arbeitgeber. Er gibt dir Freiheit und Verantwortung zugleich – eine seltene Kombination. Du wirst Bergwerke verwalten, Straßen bauen, das Theater leiten. Langweilig? Vielleicht. Aber es macht dich zum Weltmann. Und Weltmänner schreiben bessere Bücher als Stubenhocker.
Friedrich Schiller
(ab 1794!): Dein Gegenspieler, dein Spiegel, dein produktivster Konkurrent. Ihr werdet euch gegenseitig zu Höchstleistungen treiben. Seine "Wallenstein"-Trilogie, dein "Faust"-Fragment; seine Balladen, deine Elegien. Ohne ihn würdest du in Weimar versauern. Mit ihm wirst du zum Klassiker.
Johann Peter Eckermann
: Dein zukünftiger Sekretär, Bewunderer und Boswell. Er wird "Gespräche mit Goethe" schreiben, ein Buch, das dich der Nachwelt als Weisen verkauft. Lass ihn gewähren. Ein bisschen Mythenpflege hat noch niemandem geschadet.
Meide wie die Pest (oder wie schlechte Dramatik):
Die Stürmer und Dränger
(langfristig): Herder, Lenz, Klinger – brillante Köpfe, keine Frage. Aber sie bleiben im Sturm und Drang stecken wie Insekten in Bernstein. Du nicht. Du entwickelst dich weiter. Und genau das werden sie dir übelnehmen. Lenz wird wahnsinnig. Klinger verbittert. Herder wird dich als Verräter beschimpfen, weil du nicht ewig der jugendliche Rebell bleibst. Lass sie ziehen. Nostalgie ist kein Lebenskonzept.
Friederike Brion
: Das arme Mädchen aus Sesenheim. Du wirst sie lieben, besingen, verlassen – in dieser Reihenfolge. Sie wird dich nie vergessen. Du wirst dich schuldig fühlen. Aber ändern wirst du nichts. Hier ist ein Vorschlag: Verlieb dich erst gar nicht in Frauen, die ein einfaches, glückliches Leben verdienen. Du bist nicht einfach, und glücklich machst du im Moment auch niemanden.
Napoleon
(beim ersten Treffen 1808): Oh, du wirst ihn bewundern! Der geniale Feldherr, der Gesetzgeber, der Weltveränderer! Ihr trefft euch in Erfurt, und er behandelt dich wie einen interessanten Hofnarren. "Voilà un homme!" wird er sagen. Du wirst es als Kompliment nehmen. Es ist keins. Napoleon ist ein Autokrat, der Europa in Brand setzt. Deine Bewunderung ist peinlich – und die Nachwelt wird dich dafür kritisieren. Halte Distanz zu Diktatoren, auch wenn sie gebildet sind.
Ein paar praktische Tipps für die Zwischenzeit:
Heirate Christiane Vulpius. Ja, sie ist keine Adelige. Ja, deine Freunde werden schockiert sein. Aber sie ist die einzige Frau in deinem Leben, die dich nicht auf ein Podest stellt. Sie bringt dich auf den Boden der Tatsachen. Du wirst achtzehn Jahre warten, bis du sie heiratest (1806, nach der Plünderung durch französische Soldaten, die sie mutig abwehrt). Das ist zu lang. Heirate sie früher. Legitimität macht das Leben einfacher.
Schreib weniger Gelegenheitsgedichte. Die Hälfte deiner Lyrik sind Auftragsarbeiten für Adelige, die sich geschmeichelt fühlen wollen. Das ist bezahlte Arbeit, keine Kunst. Spar dir die Energie für die großen Würfe.
Wenn du die "Wahlverwandtschaften" schreibst (1809), mach dich auf Kritik gefasst. Die Leute werden sagen, das Buch sei moralisch fragwürdig, kalt, unmenschlich. Lass dich nicht beirren. Es ist dein modernster Roman – ein Experiment in emotionaler Chemie. Die Zukunft wird ihn schätzen, auch wenn die Gegenwart ihn ablehnt.
Zum Schluss:
Du bist begabt, Wolfgang. Aber Begabung ist der Anfang, nicht das Ziel. Die Welt ist voll von begabten jungen Menschen, die mit 30 ausgebrannt sind, weil sie dachten, Talent allein würde reichen. Es reicht nicht. Du brauchst Disziplin, Geduld, die Bereitschaft, dich zu irren und neu anzufangen.
Der "Werther" ist ein Jugendwerk – emotional, unreif, brillant. Der "Faust" wird ein Alterswerk – komplex, weise, manchmal unverständlich. Dazwischen liegen fünfzig Jahre Leben: Verwaltungsarbeit, gescheiterte Beziehungen, wissenschaftliche Irrwege, politische Kompromisse. All das formt dich. All das fließt ins Werk ein.
Die Ironie deines Lebens ist, dass du als junger Mann gegen die Konventionen rebellierst und als alter Mann zum Symbol der Konvention wirst. Du wirst zum "Olympier" – weise, erhaben, unerreichbar. Das ist nicht dein Fehler; das ist die Projektion der Nachwelt. Aber du selbst weißt es besser: Du bist kein Gott, sondern ein Mensch, der sehr lange gelebt und sehr hart gearbeitet hat.
Also: arbeite hart. Liebe weniger dramatisch. Reise mehr. Und um Himmels willen – beende den "Faust", bevor du 80 bist. Sonst musst du ihn auf dem Sterbebett diktieren, und das ist würdelos.
In olympischer Gelassenheit und mit dem Wunsch, früher nach Italien gefahren zu sein,
Johann Wolfgang von GoetheGeheimrat, Dichter, Naturforscher und gelegentlich überschätzter Klassiker
PS: "Mehr Licht!" werde ich angeblich auf dem Sterbebett rufen. Das ist poetisch, aber wahrscheinlich falsch. Ich sage vermutlich etwas Banaleres. Lass dich nicht von schönen Legenden täuschen – auch nicht von deinen eigenen.
PPS: Die "Italienische Reise" – schreib sie auf! Nicht dreißig Jahre später aus der Erinnerung, sondern während du dort bist. Dein Gedächtnis ist gut, aber nicht so gut, wie du glaubst. Tagebuch führen ist keine Schwäche, sondern Vorsorge für das Alterswerk.
Von: L.N.T., moralischer Wanderprediger, Jasnaja PoljanaAn: L.N.T., erfolgreicher Romanautor, Jasnaja PoljanaBetreff: Dringende Warnung von deinem zukünftigen Ich (lies das, bevor du noch mehr Ballszenen schreibst!)
Lieber junger Lew,
ich schreibe dir aus dem Jahr 1909 (aber ich bin bereits auf der anderen Seite der Zeit; manche nennen es die Gefilde der Seligen; andere nennen es eine Spielart der Hölle), und bevor du jetzt denkst, dies sei wieder nur einer dieser metaphysischen Anfälle, die dich nach zu viel Dostojewski heimsuchen – nein, ich bin tatsächlich du, nur vierzig Jahre älter, erheblich bärtiger und mit der moralischen Überzeugung eines alttestamentarischen Propheten, der seine Medikamente vergessen hat.
Die gute Nachricht: "Krieg und Frieden" und "Anna Karenina" werden Weltliteratur. Die schlechte: Du wirst später meinen, das alles sei dekadenter Unsinn gewesen, und versuchen, deine eigenen Meisterwerke zu diskreditieren. Die Ironie ist so dick, man könnte daraus einen russischen Roman machen. Oh warte, das tust du ja.
Was du forcieren solltest (mit der Intensität eines russischen Winters):
Erstens: Schreib "Krieg und Frieden" und "Anna Karenina" JETZT! Du bist gerade in den Vierzigern, verheiratet, relativ stabil – soweit das bei russischen Schriftstellern überhaupt möglich ist. Das ist dein produktives Fenster. Nutze es! Später wirst du zu beschäftigt damit sein, Bauer zu spielen, deine eigenen Stiefel herzustellen und die Menschheit zu retten. Spoiler: Die Menschheit ist nicht besonders dankbar dafür.
Zweitens: Höre auf deinen Verleger, nicht auf dein Gewissen! Dein Verleger will, dass du Romane schreibst. Dein Gewissen will, dass du moralische Traktate verfasst. Dein Verleger hat recht. Deine Traktate werden von drei Menschen gelesen, von denen zwei davon bezahlt werden. Deine Romane werden von Millionen gelesen, die auch noch dafür bezahlen. Das nennt man Effizienz.
Drittens: Genieße den Erfolg, solange er dich nicht anwidert! Du wirst berühmt werden – nicht normal-berühmt, sondern Tolstoi-berühmt. Das bedeutet: Pilger reisen nach Jasnaja Poljana, um dich zu sehen. Literaturkritiker analysieren jedes Komma. Frauen schwärmen (Sofja wird das überhaupt nicht mögen). Genieß es, solange du noch nicht der Meinung bist, dass Ruhm eine bürgerliche Perversion ist.
Viertens: Investiere Zeit in deine Kinder – BEVOR du Moral predigst! Du wirst dreizehn Kinder haben (Sofja lässt grüßen – buchstäblich und im übertragenen Sinne). Wenn du später zum radikalen Moralisten mutierst, werden deine Kinder dich für einen Heuchler halten. Warum? Weil du predigst, man solle besitzlos leben, während sie auf einem Landgut mit 380 Leibeigenen aufwachsen. Der Widerspruch ist... nennen wir es "narrativ herausfordernd".
Was du vermeiden solltest (als wäre es Zarismus):
Erstens: Vermeide die moralische Selbstgeißelung – zumindest bis 1880! Du wirst eine religiöse Krise erleben, die so dramatisch ist, dass selbst Dostojewski gesagt hätte: "Freund, entspann dich mal." Du wirst entscheiden, dass Romane schreiben dekadent ist, Besitz Sünde ist, Sex verwerflich ist (dumm gelaufen bei dreizehn Kindern), und Fleischkonsum ein Verbrechen ist. Das Problem: Du hast recht – theoretisch. Praktisch macht es dich und alle um dich herum unglücklich.
Zweitens: Schreib die Urheberrechte nicht ab! 1891 wirst du auf alle Rechte an deinen Werken verzichten. Du findest Geld moralisch fragwürdig. Sehr edel. Sehr dumm. Weißt du, wer das nicht moralisch fragwürdig findet? Sofja. Sie muss die Familie ernähren, während du philosophierst. Weißt du, wer sich noch freut? Raubdrucker. Großzügigkeit gegenüber Parasiten ist keine Tugend, sondern Naivität.
Drittens: Kämpfe nicht gegen die orthodoxe Kirche – du wirst verlieren! 1901 wird dich der Heilige Synod exkommunizieren. Du wirst das als Auszeichnung betrachten. Spoiler: Es ist keine. Es spaltet Russland in Tolstoianer und Anti-Tolstoianer, und deine Familie wird zur Zielscheibe. Manchmal ist es klüger, die Revolution im Roman zu schreiben, nicht in Pamphleten. Jesus hatte auch keinen Pressesprecher, und sieh, was aus ihm wurde.
Viertens: Lauf nicht von zu Hause weg – mit 82! Im November 1910 wirst du mitten in der Nacht aus Jasnaja Poljana fliehen. Du hältst das für eine große moralische Geste. Es ist einfach nur traurig. Du stirbst zehn Tage später an einer Bahnstation namens Astapowo. Kein symbolischer Ort, keine literarische Pointe – einfach nur ein banales Provinznest. Das ist kein würdiger Tod für den größten Romancier Russlands. Das ist eine Fußnote.
Welche Personen suchen, welche meiden:
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Sofja Andrejewna Tolstaja (deine Frau)
: Hör mir zu, Lew. Sie wird deine Manuskripte abschreiben – siebenmal "Krieg und Frieden"! Sie wird dreizehn Kinder gebären. Sie wird dein Werk verwalten, während du Bauer spielst. Ja, ihr werdet euch streiten – episch, lautstark, russisch-orthodox intensiv. Aber ohne sie gäbe es keine Romane. Ohne dich gäbe es... nun ja, auch keine Romane, aber sie hätte ein ruhigeres Leben gehabt. Behandle sie besser. Deine späteren Tagebucheinträge über sie sind grausam. Sie liest sie. Das ist keine moralische Größe, das ist Sadismus mit Tagebuch.
Iwan Turgenjew
: Euer Verhältnis ist kompliziert – erst Freunde, dann verfeindet, dann wieder versöhnt. Er ist vornehmer als du, westlicher orientiert, weniger radikal. Genau deshalb brauchst du ihn. Er ist dein Korrektiv. Ohne ihn würdest du noch extremer werden. Auf dem Sterbebett wird er dir schreiben und dich bitten, zur Literatur zurückzukehren. Hör auf ihn. Früher.
Anton Tschechow
: Der junge Kollege wird dich bewundern und gleichzeitig sanft über deine moralischen Tiraden lächeln. Er versteht, dass Literatur keine Predigt ist. Lerne von seiner Leichtigkeit, seiner Menschlichkeit ohne Dogma. Du wirst ihn "einen wunderbaren Künstler" nennen, aber nicht auf ihn hören. Das ist schade.
Die Bauern von Jasnaja Poljana
: Du wirst versuchen, wie sie zu leben – pflügen, säen, Stiefel machen. Sie werden dich für verrückt halten. Ein Graf, der Bauer spielt, ist ungefähr so authentisch wie ein Schauspieler, der einen Arzt spielt. Aber sie werden dir Demut beibringen, auch wenn du zu stolz bist, es zu merken.
Meide wie die Cholera (die kommt übrigens 1892 – vorsichtshalber):
Deine eigenen Jünger
: Du wirst eine Bewegung gründen – den Tolstoismus. Vegetarismus, Pazifismus, Anarchismus, die ganze moralische Vollausstattung. Deine Anhänger werden jedes Wort von dir wie Evangelium behandeln. Das ist gefährlich. Menschen, die dich für unfehlbar halten, machen dich tatsächlich fehlbarer. Du brauchst Kritiker, keine Groupies.
Radikale Revolutionäre
: Sie werden dich als Verbündeten betrachten – du kritisierst ja den Zaren, die Kirche, das System. Aber du bist kein Revolutionär. Du bist ein Moralist mit Landbesitz. Wenn 1917 die echte Revolution kommt (nach deinem Tod), werden die Bolschewiki deine gewaltfreie Philosophie in den Mülleimer der Geschichte werfen. Lenin nennt dich "einen Spiegel der russischen Revolution" – das ist kein Kompliment, sondern eine Diagnose deiner Widersprüche.
Dein eigenes Spiegelbild (nach 1880)
: Du wirst anfangen, dich selbst zu hassen – den erfolgreichen Autor, den Landbesitzer, den Mann, der Romane schreibt statt Seelen zu retten. Diese Selbstverachtung ist nicht ehrlich, sie ist narzisstisch. Sokrates sagte "Erkenne dich selbst", nicht "Verachte dich selbst". Es gibt einen Unterschied.
Ein paar praktische Tipps für die Zwischenzeit:
Wenn du "Anna Karenina" schreibst, lass den ersten Satz so stehen: "Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich." Das ist perfekt. Ändere ihn nicht. Du wirst es trotzdem fünfzehnmal umschreiben wollen. Lass es.
Die Szene auf dem Bahnhof – Anna unter dem Zug – ist nicht subtil, aber sie funktioniert. Manchmal ist Symbolik besser als Psychologie. Manchmal ist ein Zug einfach ein Zug. Und manchmal ist er das Ende einer tragischen Liebesgeschichte. Vertrau deinem Instinkt.
Iss weniger. Ernsthaft. Du wirst mit 82 immer noch wie ein Kosake schlemmen und dich dann wundern, warum dein Magen rebelliert. Deine späteren Theorien über Enthaltsamkeit sind Kompensation für frühere Völlerei. Fang früher mit Maß an, dann musst du später nicht radikal werden.
Zum Schluss:
Du bist ein Genie, Lew. Aber Genie ohne Selbsterkenntnis ist nur spektakuläres Scheitern mit besserer Prosa. Du wirst die größten Romane des 19. Jahrhunderts schreiben und dann beschließen, dass Romane schreiben moralisch verwerflich ist. Du wirst ein Landgut besitzen und predigen, Besitz sei Sünde. Du wirst dreizehn Kinder zeugen und dann Keuschheit propagieren.
Die Ironie deines Lebens ist, dass du ein Heiliger sein willst, aber ein Künstler bist. Heilige verzichten. Künstler schaffen. Du versuchst beides und zerreiß dich dabei – buchstäblich. Dein letzter Fluch ist nicht die Flucht, sondern dass du nicht entscheiden kannst, wer du sein willst: der Romancier oder der Moralist, der Graf oder der Bauer, der Ehemann oder der Asket.
Hier ist mein Rat: Sei der Romancier. Die Moral kommt von selbst – sie ist in "Anna Karenina" eingebettet, in jedem Schicksal, jeder Figur, jedem Gewissenskonflikt. Du musst nicht predigen. Du musst nur zeigen. Das ist die höhere Form der Ethik.
Die Welt braucht keine weiteren Moralisten. Die haben wir genug. Die Welt braucht große Geschichten, die uns zeigen, was es heißt, Mensch zu sein – mit all den Widersprüchen, Schwächen und gelegentlichen Momenten der Gnade.
Du hast das Talent. Verschwende es nicht mit Traktaten.
In widersprüchlicher Selbsterkenntnis und mit dem Wunsch, nicht mit 82 von zu Hause weggelaufen zu sein,
Leo TolstoiRomancier wider Willen, Moralist aus Überzeugung, und tragischerweise beides zugleich
PS: "Krieg und Frieden" hat 559 Charaktere und 1.225 Seiten. Das ist zu lang. Ich weiß, du willst das gesamte russische Universum abbilden. Aber Nadja Rostowas Ballszenen könnte man kürzen. Die Leser werden dir auch ohne die fünfzehnte Beschreibung eines Wiener Walzers folgen. Weniger ist manchmal mehr. (Das gilt auch für moralische Ratschläge, aber das ist eine Lektion für später.)
PPS: Wenn du 1910 aus dem Haus rennst, nimm wenigstens warme Kleidung mit. Du stirbst an Lungenentzündung in einer zugigen Bahnstation. Das ist nicht tragisch-poetisch, das ist einfach nur vermeidbar dumm. Selbst Moral braucht einen warmen Mantel.
Von: F.K., sterbender Schriftsteller, Sanatorium KierlingAn: F.K., Versicherungsangestellter, PragBetreff: Dringende Mitteilung (falls du dich traust, sie zu öffnen)
Lieber junger Franz,
ich schreibe dir aus dem Jahr 1923 (aber ich bin bereits auf der anderen Seite der Zeit; manche nennen es die Gefilde der Seligen; andere nennen es eine Spielart der Hölle), und bevor du jetzt denkst, dieser Brief sei wieder nur eine bürokratische Mitteilung der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt – nein, ich bin tatsächlich du, nur fünfzehn Jahre älter, erheblich tuberkulöser und mit der verstörenden Gewissheit, dass ich diesen Brief wahrscheinlich selbst nicht abschicken werde. Oder dass du ihn nicht öffnen wirst. Oder dass er im Postsystem verschwindet und zu einer Akte wird, die niemand jemals liest. Das wäre sehr... uns.
Die gute Nachricht: Du wirst schreiben. Viel. Die schlechte: Du wirst fast nichts veröffentlichen, und das meiste davon wirst du Max Brod anweisen zu verbrennen. Spoiler: Er verbrennt es nicht. Das sollte dich erleichtern, tut es aber nicht, weil du dir jetzt Sorgen machst, was die Nachwelt über deine unvollendeten Fragmente denken wird. (Sie denkt: genial. Du denkst: peinlich. Ihr habt beide recht.)
Was du forcieren solltest (falls du dich traust):
Erstens: Schreib "Die Verwandlung" zu Ende! Du wirst das 1912 tun, in einer einzigen Nacht, in einem fiebrigen Rausch. Gregor Samsa wacht als Käfer auf – Entschuldigung, als "Ungeziefer", du bist da sehr präzise –, und die Welt wird nie wieder dieselbe sein. Das Problem: Du zweifelst sofort daran. "Ist das nicht zu... seltsam?" Ja, Franz. Es ist seltsam. Deshalb ist es gut. Normalität haben wir genug. Kafka-esque wird ein Adjektiv werden. Das ist die literarische Version von Unsterblichkeit.
Zweitens: Verlass die Versicherungsanstalt nicht! Ich weiß, es klingt absurd. Der größte Schriftsteller des 20. Jahrhunderts sollte doch nicht Unfallberichte über abgetrennte Finger in Sägewerken verfassen. Aber genau diese Arbeit hält dich am Leben – buchstäblich und metaphorisch. Sie gibt dir Struktur, Einkommen und vor allem: Material. Die Bürokratie, die Absurdität der Verwaltung, die kafkaeske Logik (ja, das bist du!) – all das fließt in deine Texte ein. "Der Process" ist im Grunde ein sehr langer Beschwerdebrief an die k.u.k. Verwaltung.
Drittens: Schreib nachts! Du bist kein Tagmensch. Du bist ein nächtliches Wesen, das tagsüber Versicherungsformulare ausfüllt und nachts Albträume zu Literatur macht. Dein Vater wird das nicht verstehen. Niemand wird das verstehen. Aber die Nacht gehört dir. Zwischen 23 Uhr und 3 Uhr morgens bist du frei – so frei, wie jemand mit deinen Neurosen überhaupt sein kann.
Viertens: Vertrau Max Brod! Er wird dein Freund, dein Lektor, dein Verleger, dein Testament-Verweigerer. Du wirst ihm schreiben: "Verbrenne alles!" Er wird denken: "Nein." Und er hat recht. Ohne ihn gäbe es keinen Kafka. Es gäbe nur einen Franz, der im Sanatorium stirbt und dessen Manuskripte als Anzündholz enden. Max rettet dich vor dir selbst. Das ist wahre Freundschaft.
Was du vermeiden solltest (wenn du könntest):
Erstens: Vermeide den Brief an den Vater – oder schick ihn wenigstens ab! 1919 wirst du einen 103-seitigen Brief an Hermann Kafka schreiben. Eine Abrechnung, eine Anklage, eine Therapiesitzung in Briefform. Du gibst ihn deiner Mutter, damit sie ihn weiterleitet. Sie tut es nicht. Er liest ihn nie. Und du? Du fühlst dich schuldig, weil du ihn geschrieben hast. Auch schuldig, weil er ihn nicht gelesen hat. Schuld ist dein Grundzustand, Franz. Aber dieser Brief hätte wenigstens funktional sein können. Stattdessen wird er postum veröffentlicht, und die ganze Welt liest, wie dein Vater dich angeblich ruiniert hat. Das ist nicht fair – nicht für ihn, nicht für dich, und schon gar nicht für die psychoanalytische Industrie, die daraus Dissertationen macht.
Zweitens: Vermeide es, Felice Bauer zu heiraten! Oder besser: Vermeide es, ihr fünfhundert Briefe zu schreiben, dich zweimal mit ihr zu verloben, beide Male die Verlobung zu lösen und dann jahrelang darüber zu grübeln. Felice ist eine nette, praktische Frau. Du bist ein neurotischer Schriftsteller, der nachts arbeitet, vegetarisch isst und Angst vor Intimität hat. Das ist keine gute Kombination für eine Ehe. Das ist Material für ein Schauspiel von Beckett.
Drittens: Vermeide es, "Der Process" unvollendet zu lassen! Du stirbst 1924, und der Roman bleibt ein Fragment. Josef K. wird verhaftet, ohne zu wissen warum. Er durchläuft ein absurdes Gerichtsverfahren. Er wird hingerichtet "wie ein Hund". Und dann... nichts. Weil du aufhörst zu schreiben. Die Nachwelt spekuliert: Ist es vollendet in seiner Unvollendung? Ist die Fragmentierung Teil der Aussage? Oder bist du einfach gestorben, bevor du fertig warst? (Letzteres. Definitiv letzteres.)
Viertens: Vermeide Milena Jesenská – wenn du kannst! Du kannst nicht. Sie ist brillant, verheiratet, drogenabhängig, und ihr werdet eine unmögliche Liebesbeziehung haben. Hauptsächlich in Briefen. Du bist gut in Briefen. Du bist schlecht in Beziehungen. Das ist ein Muster, Franz. Liebe auf Distanz ist sicherer – niemand kann dich enttäuschen, wenn er nicht zu nah kommt. Aber niemand kann dich auch retten.
Welche Personen suchen, welche meiden:
Suche die Nähe von:
Max Brod
: Dein literarischer Retter, dein optimistischer Gegenpol. Er glaubt an Gott, du glaubst an nichts. Er veröffentlicht, du versteckst. Er ist sozial, du bist ein Eremit mit Anstellungsvertrag. Ohne ihn wärst du vergessen. Mit ihm bist du unsterblich. Das ist kein schlechter Deal.
Dora Diamant
: Deine letzte Liebe, kurz vor dem Ende. Sie ist jung, jüdisch, unkompliziert – soweit jemand unkompliziert sein kann, der mit dir zusammen ist. Mit ihr ziehst du nach Berlin, kurz vor deinem Tod. Es sind die glücklichsten Monate deines Lebens. Das sagt viel über die anderen Monate.
Milena Jesenská
(mit Vorsicht!): Ja, sie bricht dir das Herz. Aber sie versteht deine Texte besser als irgendjemand sonst. Ihre Übersetzungen ins Tschechische sind brillant. Ihre Briefe an dich sind literarisch wertvoll. Eure Beziehung ist unmöglich, aber produktiv. Das ist vielleicht das Beste, was du erreichen kannst.
Die Prager literarische Szene
: Die Kaffeehäuser, die Lesungen, die Diskussionen. Du fühlst dich dort fehl am Platz, aber du gehörst dorthin. Werfel, Rilke, die ganze deutschsprachige jüdische Intelligenzia. Sie sind deine Leute, auch wenn du dich nicht wie einer von ihnen fühlst.
Meide wie die Tuberkulose (die dich übrigens 1924 erwischt):
Deinen Vater Hermann
(emotional, nicht räumlich): Er ist ein Tyrann. Ein Selbstgemachter-Mann, der von dir erwartet, dass du Geschäfte machst, heiratest, normal bist. Du bist keine dieser Dinge. Er versteht dich nicht. Du verstehst ihn nicht. Und doch lässt du ihn dein ganzes Leben lang in deinem Kopf wohnen, wo er eine psychologische Miete kassiert, die du dir nicht leisten kannst. Der Brief an den Vater ist ein Auszugsversuch – der scheitert.
Die Ehe (generell)
: Nicht weil sie schlecht ist, sondern weil du nicht dafür gemacht bist. Du brauchst Einsamkeit zum Schreiben. Ehe bedeutet Gesellschaft, Kompromiss, Alltag. Das sind alles Dinge, vor denen du Angst hast. Du wirst drei Verlobungen eingehen und alle abbrechen. Das ist nicht Zufall, das ist Selbstschutz. Oder Selbstsabotage. Bei dir ist der Unterschied ohnehin nicht zu erkennen.
Die Vorstellung von literarischem Erfolg
: Du wirst zu Lebzeiten wenig veröffentlichen. "Die Verwandlung" erscheint. Ein paar Erzählungen. "Das Urteil". Niemand interessiert sich besonders dafür. Du stirbst unbekannt – außerhalb eines kleinen Kreises von Prager Literaten. Und dann, posthum, wirst du einer der wichtigsten Autoren des 20. Jahrhunderts. Die Ironie ist perfekt. Du hättest sie zu schätzen gewusst, wenn sie dich nicht so gequält hätte.
Ein paar praktische Tipps für die Zwischenzeit:
Wenn du Tuberkulose bekommst (1917), nimm es ernst. Geh ins Sanatorium. Nicht weil es hilft – es hilft nicht –, sondern weil du dort Ruhe zum Schreiben hast. Krankheit ist für dich produktiv. Das ist pervers, aber wahr.
Iss mehr. Dein Vegetarismus ist edel, aber du wiegst 60 Kilogramm bei 1,82 Metern. Das ist nicht asketisch, das ist lebensbedrohlich. Ein Steak würde dich nicht zu einem schlechteren Menschen machen. Aber du wirst es nicht essen. Weil Schuld auch beim Essen eine Rolle spielt.
"Das Schloss" – lass es unvollendet. Ich weiß, das klingt defätistisch. Aber manche Dinge sind besser als Fragment. K. erreicht das Schloss nie. Das ist die Pointe. Wenn er es erreichen würde, wäre die Metapher kaputt.
Zum Schluss:
Du bist kein glücklicher Mensch, Franz. Das weißt du bereits. Aber du bist ein notwendiger Schriftsteller. Deine Texte beschreiben eine Welt, die noch nicht existiert – aber kommen wird. Der Totalitarismus, die Bürokratie, die Entfremdung, die kafkaeske Logik des 20. Jahrhunderts. Du siehst es voraus, weil du es in dir trägst.
Die Ironie deines Lebens ist, dass du dich schuldig fühlst, weil du schreibst, und schuldig fühlst, weil du nicht genug schreibst. Du willst veröffentlichen, aber du willst, dass niemand es liest. Du willst geliebt werden, aber nur aus sicherer Entfernung. Du willst leben, aber du lebst hauptsächlich nachts, in Texten, in Briefen.
Hier ist mein Rat – und ich weiß, du wirst ihn ignorieren, weil du ich bist: Schreib weiter. Veröffentliche mehr. Verbrenne weniger. Die Angst, nicht gut genug zu sein, ist nur ein weiteres bürokratisches Hindernis. Du bist Experte für solche Hindernisse. Geh einfach am Schalter vorbei.
Und wenn Max Brod fragt, ob er deine Manuskripte verbrennen soll – sag: "Nein." Spar dir die Schuld, die du später empfinden wirst, weil er es nicht getan hat.
In fragmentarischer Selbsterkenntnis und mit der Gewissheit, dass du diesen Brief wahrscheinlich nicht öffnest,
Franz KafkaSchriftsteller wider Willen, Versicherungsangestellter aus Notwendigkeit, Käfer aus Versehen
PS: Gregor Samsa ist keine Allegorie für dich. Oder doch. Oder vielleicht nur manchmal. Die Deutungshoheit überlasse ich der Nachwelt. Sie wird sich ohnehin nicht einigen.
PPS: Dieser Brief wird nie ankommen. Oder du öffnest ihn nicht. Oder du liest ihn und zweifelst daran, ob du ihn geschrieben hast. Das ist sehr passend. Kafka schreibt an Kafka, und niemand ist sich sicher, ob die Nachricht ankommt. Das ist keine Metapher. Oder doch. Ich bin mir nicht sicher.
[Anmerkung des Herausgebers: Dieser Brief wurde ungeöffnet in Kafkas Nachlass gefunden. Neben einem Zettel mit der Aufschrift: "Wahrscheinlich wichtig. Vielleicht später öffnen. Oder vernichten. Oder beides."]
Von: V.v.G., Patient, Heilanstalt Saint-Paul-de-Mausole, Saint-RémyAn: V.v.G., gescheiterter Prediger, BorinageBetreff: Dringende Mitteilung von deinem zukünftigen Ich (lies das, bevor du zum Pinsel greifst!)
Lieber junger Vincent,
ich schreibe dir aus dem Jahr 1889 (aber ich bin bereits auf der anderen Seite der Zeit; manche nennen es die Gefilde der Seligen; andere nennen es eine Spielart der Hölle), aus einer Nervenheilanstalt in der Provence, und bevor du jetzt denkst, dies sei wieder nur einer dieser religiösen Anfälle, die dich heimsuchen, wenn du zu lange über die Bergpredigt nachgrübelst – nein, ich bin tatsächlich du, nur neun Jahre älter, erheblich instabiler und mit einem Ohr weniger. Die Geschichte mit dem Ohr ist kompliziert. Lass uns sagen: Gauguin war beteiligt, ein Rasiermesser auch, und die künstlerische Inspiration hatte definitiv ihre Grenzen überschritten.
Die gute Nachricht: Du wirst malen. Unglaublich viel. Fast zweitausend Werke in zehn Jahren. Die schlechte: Zu deinen Lebzeiten verkaufst du genau eines davon – "Der rote Weinberg" für 400 Francs an Anna Boch. Das ist nicht mal genug für die Farbe, die du dafür verbraucht hast. Die Ironie wird später so dick sein, dass man sie mit einem Spachtel auftragen könnte.
Was du forcieren solltest (mit der Intensität deiner gelben Farbe):
Erstens: Hör auf, Prediger werden zu wollen! Du versuchst gerade verzweifelt, die Menschen zu retten – als Hilfsprediger im belgischen Kohlebecken, als Missionar, als religiöser Eiferer. Das Problem: Die Menschen wollen nicht von jemandem gerettet werden, der selbst am Ertrinken ist. Die Bergarbeiter im Borinage finden dich seltsam. Die Kirche findet dich ungeeignet. Beide haben recht – aber aus den falschen Gründen. Du bist nicht fürs Predigen gemacht. Du bist fürs Malen gemacht. Der Unterschied ist: Predigten vergisst man. Bilder nicht.
