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Eine leidenschaftliche Annäherung des bekannten Musikers Norbert Trawöger an die Musik Anton Bruckners. Die Leidenschaft für Anton Bruckner hat Norbert Trawöger im zarten Alter von acht Jahren erfasst und nie wieder losgelassen. In seinem Journal erzählt er lustvoll von seinen Erfahrungen mit Bruckner und seiner Musik, warnt davor, Schöpfer und Werk zu verwechseln – auch wenn sie in manchem zum Verwechseln ähnlich sind –, stößt dabei auf Schildkröten, Songs wie "Seven Nation Army", einen gefeierten Rockstar, schwimmende Orgeln oder einen frommen Extremisten. Vor allem aber führt seine Expedition in Riesenhöhlen von symphonischen Ausmaßen. Trawöger ist ein inspirierender Entstauber, zieht Verbindungen ins Jetzt, teilt seine ewige Begeisterung für das Wunder der Musik und erinnert daran, dass Kunst ein unverzichtbarer Begleiter unseres Menschseins ist.
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Seitenzahl: 169
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Norbert Trawöger
© 2024 Residenz Verlag GmbH
Salzburg – Wien
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
www.residenzverlag.com
Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte vorbehalten.
Keine unerlaubte Vervielfältigung!
Umschlaggestaltung: BoutiqueBrutal.com
Umschlagfoto: Maria Frodl
Typografische Gestaltung, Satz: Lanz, Wien
Lektorat: Stefanie Jaksch
ISBN ePub:
978 3 7017 4723 8
ISBN Printausgabe:
978 3 7017 3611 9
Zur Leidenschaft. Ein Präludium.
Der unfassbare Brückenbauer
Bruckner im Zwischenraum
Aussi, eina. Hauptsache Weltraum!
Ein Anfang mit der Vierten
Aus dem Kinderzimmer
Wären Sie käuflich, Anton?
Am Anfang steht Ansfelden.
Locus iste!
Dieser Ort ist Anfang und Ende
An Musik glauben?
Zwischen Empore und Stammtisch
Raum und Wirklichkeit
Wie im Himmel – ein Komponist erwacht
Lehrer und Schüler sein, ein Leben lang
Bruckners Transferhirn
Nachklingen
B wie Bruckner
Die Gegenwart, der Frohsinn und der Redoutensaal
Vom Scheitern und der Resilienz
Ein Orchester namens Bruckner
Erweckung zur Sinfonie
Romantisches Dadaadadadadaaaa!
Über Fassungslosigkeit und Staunen
Wien: Halleluja und Wahnsinn!
Eine Untersuchung an Anfängen
Ein irdisch Jenseitiger
Vereinnahmt als trotteliges Genie
Was haben Sie gesucht?
Unvollendet
Erinnerung
Der Unfassbare und der Affe
Zeittafel
Dank!
Für A.B.*
*Meiner Frau, aus deren familiärem Anfangsbuchstaben B durch Heirat mit mir ein T geworden ist und ich durch sie ein anderer, auch wenn mein äußerer Unordnungssinn unbeeindruckt geblieben ist.
Die Musik erinnert uns daran, was Liebe ist.
Wenn jemand vergessen haben sollte, was Liebe ist, dann sollte er Musik hören.
Adam Zagajewski, »Die kleine Ewigkeit der Kunst«
Mit der Leidenschaft ist es so eine Sache. Sie ist eine Entzündung, ein Fieber, das den ganzen Körper erfasst. In ihrem Ausbruch steckt immer auch ein Aufbruch, der von Dauer sein kann. Sie befreit uns von jeglichem Anführen von Gründen, von jeder Rechtfertigung, bedarf keinerlei Argumentation, lässt den Kopf verlieren, staunen, atemlos oder mit prall gefüllten Lungenflügeln sein. Wir atmen und staunen. Wer staunt, liegt niemals falsch, wer sich hingibt, erst recht nicht, denn es gibt kein falsches Staunen im richtigen Leben. Die Hingabe wiederum befeuert die Leidenschaft im Trieb zu mehr. In der Bewegung. In eine Sehnsucht.
Manche Leidenschaften werden schon in der Kindheit geweckt, begleiten uns ein Leben lang, ohne jemals zu versiegen. Sie schlafen in uns, bis sie geweckt werden. Es braucht nur jemand oder etwas anzuklopfen, um uns durch sie zu uns zu befreien. Und sie können zu wahrer Liebe führen. In ihr werden wir ganz Mensch, besinnungslos bei vollem Bewusstsein, sinnerfüllt ohne Vernunft, mit Hang zum Kontrollverlust, zur Selbstvergessenheit. Kinder verstehen sich spielerisch darauf.
Bei mir hat Bruckners Musik beunruhigend früh angeklopft und eine Leidenschaft entpuppt, deren Freilegung seit Jahrzehnten in Gang ist. Mag es an der Flüchtigkeit und dem ausgeprägten Gegenwartssinn der Musik liegen, dass sie anhält. Ich komme nicht auf die Idee, dafür Gründe ins Spiel zu bringen. Der antike Philosoph Aristippos hat uns gelehrt, dass für die Leidenschaften Ähnliches gilt wie für Schiffe und Pferde: Man beherrscht sie, indem man den regelmäßigen Umgang übt, und nicht, indem man sie meidet. Ich liebe die Musik, sie ist das Wunder meines Daseins. Bruckners Musik nimmt die Stellung einer Sonderleidenschaft ein, die auch mein Interesse an seiner Person geweckt hat, an seinem Lebenslauf, der in dem Landstrich begann, wo ich 147 Jahre später das Licht der Welt erblickte.
Musik verheißt Anfänge. Anfangen heißt Hören und Staunen. Bruckners Räume gehören zu mir wie meine Kinder, die rote Brille, mein wirrer Haarschopf. Wobei mir meine Kinder und Bruckner im Gegensatz zu meinem Sehbehelf nie gehören werden. Es ist ein Angehören im Hören, eine Zugehörigkeit, die sich nicht in erster Linie auf Geografie, Sprache, Mentalität und Brauchtum verständigt, und doch wird der Raum, die Höhle, die Atmosphäre, die Ausgrabung, das Luftschloss, die Skulptur, das Gebilde unser Thema bleiben. Bruckners Musik ist ein Raum, von Anfang an.
Dieses sehr persönliche Journal, in dem ich auch mein Faible als Briefeschreiber auslebe, führt zu Bruckner, in die Welt der Musik, in Himmel und Hölle oder in die Umlaufbahnen meiner Fantasie. Ich dokumentiere bruchstückhaft meine Erfahrungen und Beobachtungen, mein erfühltes und erlerntes Wissen, ziehe Verbindungen ins Jetzt und versuche Kunst als einen unverzichtbaren Zustand, einen Ort des Menschseins zu erinnern und in Erinnerung zu rufen. Kunst kann die Welt nicht retten, aber ohne sie ist sie, sind wir verloren. Musik ereignet sich in der Resonanz, braucht das Du und das Ich, das singt, spielt und hört. Unsere Gegenwart neigt wieder heftig zur Radikalisierung, zum Trennenden und Aussortierenden, zur Ordnung, die sich willkürlich an Äußerem festmachen will, ohne vom Inneren wissen zu wollen. Kunst schafft Raum für den zärtlichen Furor des Menschlichen und Zuhören Zugewandtheit.
Wenn Sie sich beim Lesen dieses Buches gelegentlich über die ihm innewohnende Sprunghaftigkeit wundern, laut auflachen oder inspiriert für was oder wen auch immer das Buch weglegen, bin ich völlig einverstanden.
Und noch etwas: Wer beim Finale der 8. Symphonie von Bruckner nicht den Kopf verliert, der oder dem ist nicht zu helfen oder die oder der hat nur nicht laut genug aufgedreht.
Hochwohlgeborener Herr Doctor Bruckner!
Darf ich so frei sein, Hochdenselben anzuschreiben, auch wenn ich den Tonfall gleich wieder verlasse, den Sie brieflich angewandt hätten, ganz Ihrer Zeit gemäß und doch anders, wie wenn wir miteinander sprächen: Wir hätten uns vermutlich gleich an unserem Dialekt erkannt. Ich trage ihn auch auf meiner oberösterreichischen Haut. Wie Sie.
Einen Brief an einen Toten zu verfassen, ist eine eigenartige Sache, aber mir ist danach, da ich mich Ihnen schon fast zeit meines Lebens immer wieder zuwende. Meine Zuwendung gründet in Ihrer Musik, die mich in einem Alter ergriffen hat, in dem Sie vermutlich schon fest auf der Ansfeldner Orgel experimentiert haben. Nehmen Sie es mir nicht übel, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich mir eine persönliche Begegnung mit Ihnen wünschen würde. Meine viel zu späte Geburt hält uns ohnehin auf Distanz, und ich finde, das ist gut so.
»Du sollst dir kein Kultbild machen und keine Gestalt von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde«, steht in der Bibel. Ich denke, mit Bibelworten können Sie etwas anfangen, und ein Treffen mit Ihnen würde mir einen Eindruck machen, den ich nicht mehr loswerde. Viel lieber nähere ich mich Ihnen von vielen Seiten an, der Eindrücke wegen. Wenn ich Ihre Musik höre, lieber Herr Doctor, glaube ich zu wissen, dass Sie die Vielheit lieben. Mag sein, dass Sie von einem Kern, einem Motiv ausgehen, aber Sie verstehen sich auf musikalische Kernspaltung, mindestens für eine Ihrer Sinfonien lang, von denen kaum jemand längere als Sie geschaffen hat. Eineinhalb Stunden Kernspaltung zur Schaffung eines Weltraums sind Ihnen bei Gott nicht fremd. Es mag kein Zufall sein, dass Ihr ehemaliger Klavierschüler Ludwig Boltzmann ein visionärer Physiker geworden ist, ein Wegbereiter der Quantenphysik, ein Verfechter der Atomistik.
Wie schreibt Demokrit: »Nur scheinbar hat ein Ding eine Farbe, nur scheinbar ist es süß oder bitter; in Wirklichkeit gibt es nur Atome und leeren Raum.« In Wirklichkeit gibt es nur Klang und Pausen, Stille. Den Raum, die Farbe, die Beschaffenheit hören wir. Wer sich auf Magie, Rätsel, das Ungreifbare versteht, braucht sie nicht beim Namen zu nennen oder zu kennen. Ich habe Sie als Zauberer in Verdacht, aber das wird Ihnen nicht gefallen, zu sehr steckt Ihnen Ihre ewige Ausbildung in den Knochen. Sie haben gerackert bis zum Umfallen, um sich ein Handwerk anzueignen, das Ihnen niemand mehr legen kann, bis heute! Aber was hilft das beste Handwerk, wenn man nicht an das Geheimnis glaubt, das in allen Wesen und Dingen singt. Natur entsteht nicht in der Beschreibung, sie wächst aus einem Keim, aus dem Boden. Ihre Musik beschreibt nichts, sie hat eine eigene Natur, die Sie freigelegt haben, schafft Walddächer, Himmel, Erdhöhlen, Hauptsache Weltraum: Atmosphäre ist vielleicht das Stichwort, und die bemerkt man sofort, sieht, riecht, spürt, fühlt sie, ohne vorgewarnt werden zu müssen. Ich weiß nicht, ob Sie mit meinen Gedanken etwas anfangen können. Aufs Anfangen haben Sie sich auf alle Fälle verstanden, immer wieder und wieder haben Sie Ihre Werke in viele Fassungen gebracht. Nein, ich mache mich nicht lustig, es inspiriert mich, dort nicht nachzulassen, wo man brennt.
Ach, hätten Sie eine Freude, wenn Sie wüssten, wie viele Kunstschaffende von Ihnen bis heute Bilder schaffen und geschaffen haben. In vielen Verfassungen blicken Sie uns an, in, an und vor Häusern, nicht nur in Oberösterreich. Im Wiener Stadtpark stehen Sie ebenso wie im Wiener Musikverein, wo Sie einiges erlebt haben und heute zu den meistgespielten Komponisten gehören. In diesem wohl berühmtesten Konzertsaal der Welt sind Sie mittlerweile restlos auf Erfolg gebucht, und ich muss Ihnen mitteilen, dass Ihre Musik sogar beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker gespielt wird. Keine Ihrer Sinfonien, die sind leider zu lang für dieses kurzweilige Ereignis, aber Ihre Klavier-Quadrille wurde orchestriert und erklingt neben Walzern und Polkas Ihres Verehrers Johann Strauss! Sie sind berühmt! Beruhigt Sie das?
Bilder habe ich viele von Ihnen in meiner Wohnung und noch mehr in meinem Kopf. »Je mehr ich weiß umso weniger kenn ich mich aus«, schrieb die Wiener Dichterin Elfriede Gerstl. Und genau so fühlt sich meine Bekanntschaft mit Ihnen an.
Ihre Persönlichkeit fasziniert mich aus der Distanz immer mehr, je länger ich mich mit Ihnen und Ihrer Musik beschäftige. Wobei ich Sie und Ihre Musik nicht verwechseln will. Ich finde Sie spannend, weil ich Sie nicht zu fassen kriege. Sie sind herrlich widersprüchlich und uneindeutig. Sie haben so viele Seiten. Besonders mag ich die Fotografie, auf der Sie als Dreißigjähriger zu sehen sind. Darauf ist kein behäbiger Mann, sondern ein flotter Bursche zu sehen, wenn Sie mir die Bemerkung erlauben.
Kultur ist kein Standbild, sondern eine Bewegung, und diese wird in all ihren Richtungsmöglichkeiten von den Feierlichkeiten zu Ihrem 200. Geburtstag in Ihrer Heimat Oberösterreich ausgelöst. Aber was sage ich Ihnen, Ihre Musik wird in der ganzen Welt gespielt. Bruckner ist der Brückenbauer, Anton hat den Klang im Namen schon eingeschrieben, der in der ersten oberösterreichischen KulturEXPO zum Programm wird: Im Wald, in Konzert-, Theater- oder Kirchenräumen, auf Schaukeln, Ortsplätzen, in Brucknerstraßen oder virtuellen Arealen wird ganz Oberösterreich zur Bühne der Gegenwart für kleine und große Menschen, Musikbegeisterte, Spaziergänger, Bruckner-Nerds, Wissenshungrige oder Liebhaberinnen des Unerwarteten. Beispiellos ist die zeitliche wie räumliche Vielfalt dieses flächengreifenden Ganzjahresfestivals. Sie vermitteln, vernetzen, sprengen Grenzen und öffnen die Tür in die Welt! Sie können sich gar nicht vorstellen, in welcher Vielfalt wir Sie feiern und uns dabei mit der Gegenwart beschäftigen. In einem Theaterstück wird Ihre Begegnung mit dem Wilheringer Affen Thema sein, ein Staatspreisträger hat einen Klangwald für Sie geschaffen. Ein Komponist namens Wagner, nicht Richard, sondern David, radelt wochenlang zu allen Brucknerstraßen im Land – derer gibt es mehr als sechzig – und sammelt Themen aus Ihren Sinfonien ein. Wagner ist zu Ihnen unterwegs, nicht umgekehrt. Im Alten Dom ereignet sich eine brandneue Kirchenoper rund um Sie. Ausstellungen gibt es in Ansfelden, St. Florian, Linz, Steyr und Wien. Das Bruckner Orchester Linz – ja, es gibt ein großartiges Orchester, das Ihren Namen trägt – spielt alle Sinfonien und nimmt diese in allen Fassungen auf. Junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schaffen ein erstes quantenphysikalisches Konzertereignis im Neuen Dom. Ja, auch der ist seit mehr als 100 Jahren fertig. Locus iste!
Experimentalfilme und Dokumentationen werden zu Ihren Ehren gedreht. Alle großen Orchester spielen Ihre Sinfonien. Beim Brucknerfest im Brucknerhaus erklingt ein kompletter Zyklus, von Null bis Neun! Und auf der »Schorgel«, einem Orgelspielplatz, werden kleine und große Kinder im ganzen Land schaukeln. Sie sind ein wahrer Brückenbauer, ein Pontifex musicus maximus.
Vielleicht hätten Sie zu Lebzeiten ein bisschen mehr Zuwendung, Ermutigung gebraucht. Ich bewundere Ihre Beharrlichkeit, sich auszubilden zu einem Genie, das Musik von einem anderen Stern geschaffen hat. Sie sind letztlich wie ein klingender Meteorit hier eingeschlagen. Ich zolle Ihnen Respekt. Ich möchte nicht Ihr historisch überzogenes Bild weiter überzeichnen, sondern Sie freilegen, in Ihrer Vielschichtigkeit. Das ist auf eine Art respektlos Ihrem Leben voller Kampf und Krampf, Arbeit und Zweifel, Liebe und Verlust gegenüber. Ich möchte versuchen, Sie als menschliche Inspiration zu sehen, dem Werden, dem Zweifel zu trauen.
Ich erspare Ihnen jedwede Heiligsprechung Ihrer Musik. Das hat sie nicht nötig, erst gar nicht von mir. Dass Ihre Seligsprechung betrieben wird, wird sogar Sie befremden. Dem lieben Gott haben Sie das Letzte gegeben, die letzte, unvollendete Sinfonie gar gewidmet, aber ich habe Sie letztlich als Ketzer in Verdacht, der die Institution umgeht, indem er sich besonders gefügig, treu und ergeben gibt, um dann über den Hintereingang das direkte Gespräch mit dem lieben Gott zu suchen. Den Rosenkranz braucht es nur, um dies in Ruhe zu tun. Ein Schutzschirm vielleicht, eine Ablenkung wie der Dialekt, das überlange Gewand und die leicht vorgetäuschte Behäbigkeit. Wir können Ihren menschlichen Fassungen, Verfassungen auf der Spur sein, da können wir viel lernen. Ich vermute, dass Ihnen Skurrilität in einem gewissen Maße nicht fremd war. Sie schützt gelegentlich, nichts Großes wurde jemals ohne Enthusiasmus geschaffen, erst recht nicht ohne Zweifel. Im Zweifel für den Selbstzweifel, aber dabei nie die Gewissheit aus den Augen und Ohren lassen! Das ist Ihnen nicht ungeläufig, oder? Standortwechsel, äußere Raumerweiterungen können Wachstum begünstigen. Lebendige Traditionen sind immer radikal zeitgenössisch, das wissen Sie, als alter, junger Traditionsavantgardist. Musik ist, was die Gegenwart der Zukunft schuldet, während sie zur Vergangenheit wird. Sie selbst schienen lange alt zu sein und waren doch oft jünger als die Jüngeren.
Die Wahrheit ist wie sehr gute Musik. Und manche können sehr gute Musik nicht aushalten, weil sie Auseinandersetzung und Ausdauer braucht. Sitzenbleiben würde manches Mal genügen. Und Sie wissen um die Schönheit des Scheiterns. Sie verlangt weiterzubauen, das Fundament tiefer zu legen. »Wer hohe Türme bauen will, muss lange beim Fundament verweilen« – haben Sie das wirklich gesagt? Und noch eine Frage: Wollten Sie wirklich, dass das »Te Deum« statt dem unfertigen Finale in der Neunten zur Aufführung kommt? Mir ist das zu kitschig. An Ihrem 200. Geburtstag machen wir es anders, zuerst das »Te Deum«, dann die Neunte. In St. Florian. Sie werden ja da sein, unten im silbernen Sarg. Für den Fall, dass Ihnen dies nicht gefällt, lassen Sie es mich wissen. Es war meine Idee, wie so manch anderes in Ihrem Festjahr. Sie inspirieren mich, verschaffen mir Gehör, das ich Ihnen und Ihrer Musik gerne schenke.
Musik ist sowieso die Lösung, erinnert mich ein Freund immer, Ihre ganz besonders. Dafür danke ich Ihnen, verehrter Herr Doctor! Ewiglich!
Hochachtungsvoll,
NT
PS: Eines muss ich Ihnen schon noch schreiben: Improvisieren hätte ich Sie gerne gehört. Dafür gäbe ich sehr viel, ich sitze immer wieder im Alten Dom, lausche in der Stille und warte mit gespitzten Ohren, dass Sie endlich auf Ihrer Orgel loslegen. Lebe wohl!
Es gibt nicht einen Bruckner, sondern mehrere. Und wenn ich dies so aufschreibe, dann meine ich ihn in seinen Klängen von der »Erinnerung« bis zur unvollendeten 9. Sinfonie, von der Kirche bis zum Wirtshaus, von der Erde zum Himmel und retour. Einen heldenhaften, einen zweifelnden, einen rätselhaften, einen sinnierenden, einen, dem ein einziges Tremolo genügt, um einen Raum aufzustoßen, einen, der sich auf die Gewalt der Sintflut versteht, einen, der auf den Tanz vertraut, einen, der sich vor der Tradition verbeugt, dazwischen singt, einen, der im Handwerk Sicherheit findet, um die Regeln und den Raum ins Unendliche zu expandieren, einen, der wie wenige vor ihm sein Drama nicht im Drama findet, sondern in einem Wald, der keiner ist, einer, der aber auch in das Wesen und Geheimnis der Natur eindringen will, einen, der die Grenze nicht akzeptiert, um Wände zu verschieben oder Durchlässigkeit zu beweisen, einen, der im Maschinenraum der Musik sein Ich verliert, um sich und uns Raum zu schaffen.
Es ist Musik, die offen ist, in die und in der man sich bewegen, reingehen, durch alle Poren der Klänge eindringen kann. Es ist keine Anbiederungs-Musik. Es gibt keinen Anfang und kein Ende, sondern nur ein Mittendrin, einen Weltraum, der Gestern und Morgen, das Dunkel und das Helle, Traum und Wirklichkeit umarmt. Eine Musik, die Zustand ist und wird. Hier kommt alles auf den Tisch, der, Sie ahnen es, keiner ist.
»Atmosphäre ist mein Stil«, hat der englische Maler William Turner (1775-1851) seine Art zu malen beschrieben. Landschaften, die Natur standen im Zentrum seines Schaffens. Diesen Satz würde ich Anton Bruckner nicht zutrauen, aber seinem Werk zumuten, das viel als Stimmung schafft. Das ist, was mich an Bruckner glauben lässt, seit ich als Kind in die Vierte gefallen bin wie in eine Höhle, an deren biegsamen Wänden faszinierende Malereien aus der Urzeit zu sehen sind, die mit Laserstrahlen aus der Zukunft tanzen. Ich muss aufpassen, dass ich nicht zu pathetisch werde in meinen Zuschreibungen. In die Aufführungsgeschichte von Bruckners Werk haben sich epische Breiten, Pathos und viel Weihrauch eingeschrieben, nein, eingespielt. Die Sinfonien kommen in einem Überwältigungsmodus daher, den man erst einmal »daschnaufn« muss, wie man auf gut Oberösterreichisch sagen würde. Dafür braucht es einen langen Atem und Ausdauer. Wer will sich schon ein Kunstwerk antun, das ohnehin von Länge ist und dabei noch anstrengend wird? Ich, würde ich naturgemäß rufen, und anmerken, dass die Pathosschicht eher auf als in der Partitur liegt. Der Partitur auf der Spur zu sein, heißt in dem Sinn nichts anderes, als sie genau zu untersuchen, sie im Jetzt zu befragen und zu decodieren. Die Antworten werden nicht weniger vielfältig ausfallen, denn letztlich entscheidet die Interpretin oder der Interpret, was zumindest für den Moment des Erklingens wahr ist. Fakt ist, dass in der Brucknerrezeption eine gewisse archäologische Freilegung im Sinne der historischen Aufführungspraxis in Gang gekommen ist. Wenn der Trumpf der Überwältigung nicht gezogen wird, offeriert sich eine Vielschichtigkeit und tritt mitunter eine Beweglichkeit ein, die an jeder Ecke einen Perspektivenwechsel bereithält. Bruckner schafft es, winzige Poren zu Riesenterritorien werden zu lassen oder umgekehrt. Dabei wird es nie eng, höchstens innig, wenn man an die ewig singenden Adagio-Sätze all seiner Sinfonien denkt.
Das Räumliche ist für mich bei Bruckner der Zentralbegriff. Wir betreten ein Zimmer, eine Arena, eine Landschaft oder ein Luftschloss und bemerken, ob wir wollen oder nicht, die Atmosphäre, die in der Luft liegt, die Temperatur, die uns umgibt. Weht der Wind? Wer tummelt sich darin und macht damit Stimmung, beunruhigende oder weitende, wärmende oder ernüchternde, anziehende oder eine, die man gleich wieder verlassen will? Wie fällt das Licht ein? Es gibt Territorien, in die wir uns vom ersten Augenblick verlieben, oder Plätze in unseren Behausungen, an denen wir uns besonders wohl fühlen. Ich sitze in unserer kleinen Küche, während ich diese Zeilen schreibe. Im geräumigen Wohnzimmer hängen zu viele Bilder an den Wänden, die mich ablenken würden, so sehr sie mir an anderen Tagen inspirierende Freude bereiten. Welche Qualitäten müssen Räume haben, um uns in eine bestimmte Stimmung zu versetzen? Es kommt auf ihre Aufgabe, ihre Absicht an. Dies führt mich zu dem kühnen Gedankenspiel, durch welche Stoffe und Beschaffenheit sich Bruckners Klangwelt auszeichnet. Welche Merkmale kann ich ins Spiel bringen?
Mich beeindruckt der präzise und sinnliche Einsatz der musikalischen Baustoffe Melodie, Harmonie und Rhythmus. Diesen Satz könnte man über viele Komponistinnen und Komponisten und ihre Musik sagen. Aber Bruckner scheint in einem unglaublichen Handwerk, einem alten Wissen um den Gebrauch der Materialien durch den hörenden Menschen verwurzelt zu sein und gleichzeitig das eigentliche Wesen dieser Materialien freizulegen. Ihr Aufbau wirkt klar und durchsichtig – in Bruckner-Zusammenhängen ein interessantes Eigenschaftswort, wenn man an die oft zu aufgeladene, dem Pathos zugeneigte Aufführungspraxis denkt. Die Klangmächtigkeit verführt dazu, die groß angelegten Melodiebögen im Namen des Geheimnisses dem Überschwang zu überlassen, was eine treffsichere Wirkmächtigkeit mit sich bringt, aber auf Kosten der Rhetorik, der Beweglichkeit geht und im Nebel die Details des Innenlebens verschleiert.
