Spiel - Norbert Trawöger - E-Book

Spiel E-Book

Norbert Trawöger

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Beschreibung

"Der Spielraum ist das menschliche Zauberterritorium, in dem wir uns verlieren, ohne verloren gehen zu können und dabei immer von etwas gefunden werden." Wir spielen uns auf, wir bringen uns ins Spiel, wir spielen die erste Geige oder sind lediglich Ersatzspieler, wir sind verspielt oder verspielen alles. Eine Sache jedoch vergessen wir gern, sobald wir dem Kindesalter entwachsen zu sein glauben: Spiel ist Selbstvergessenheit, Versunkenheit, innere wie äußere Bewegtheit, ein Möglichkeitszustand. Spielen ist ernst, aber nimmt sich nicht ernst. Einer Schaukelbewegung gleich schwingt sich Norbert Trawöger durch federleicht miteinander verknüpfte Geschichten. Es geht um Improvisation, das Absichts- und Zwecklose, um Drausbringer und Anarchisten, um Mut und um Regeln, die man kennen sollte, um sie zu brechen. Es geht um einen Großvater beim Sensenmähen, um das Staunen der Kinder, wenn sie nach dem Sinn ihres Spiels gefragt werden, und um Toni Sailer, der "seine Schi aafoch laffn lost". Wir stehen gern mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen. Doch wirklich ins Spiel kommen wir erst, wenn wir kurz schwerelos werden. Willkommen auf dem Spielplatz!

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Seitenzahl: 82

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Spiel

Norbert Trawöger

Zur besseren Verständlichkeit wird im folgenden Essay auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen nicht nur nicht verzichtet, sondern es wird ein Spiel der Möglichkeiten gepflegt. Das Geschlecht spielt eine Rolle. Sollte das generische Femininum zur Anwendung kommen, sind alle Geschlechter gleichermaßen gemeint.

Männer (aus und außerhalb von Flake), bleibt ruhig und im Spiel.

Aus dem Wollen hinaus. Tieferzu einer anderen Grenze, der Schwung,der sie findet, ist der Anfang …

Alfred Kolleritsch

Für meine Töchterund für alle,die sich gelegentlich auf den Kopf stellen,um auf die Füße zu fallen.

Inhalt

Wir spielen alle

Aufforderung zum Tanz

Bitte nicht stören!

Auf dem Spielplatz

Oscillo, ergo sum

Mein Spielplatz

Stillsitzen ist eine ernste Sache

Du bist Künstler und ich Überlebenskünstler!

Kreativität ist ein sperriges Wort

Ich, Luftikuss

Statt eines Plädoyers, ein Brief

Übersehen ist auch verspielt

4’ 33’’

Mein Großvater und der Elch

Der Sternenstaub des Unerwarteten

My dear Glenn

Wir schlagen nicht, wir spielen

Eine Frage der Kultur

Auf der Hinterbühne der Macht

Liebeserklärung an die Spielverderbenden

Spü di!

Epilog

Postludium

Anmerkungen

Wir spielen alle

Vorspiel

Ven ich ervagseng bin. Nur für einen Augenblick hatte ich das Zimmer verlassen, um mich bei meiner Rückkehr zu fragen, was mir über die Tastatur gelaufen war. Durch lautes Lesen machte ich Bedeutung und Urheberin aus. Kann man mit einem verballhornten Satz ein Buch anfangen? Man kann, wenn man will. Meine siebenjährige Tochter konnte und ich wollte. „Papa, jetzt lerne ich dir etwas, was die Erwachsenen noch nicht können!“, hat es ihre kleinere Schwester in anderem Zusammenhang auf den Punkt gebracht. Zum Beispiel dem Unbegreiflichen, dem Unsinnigen nicht gleich zu misstrauen, denn das hält uns im Spiel. Um dieses soll es in diesem persönlichen Versuch der Annäherung gehen, den ich wage, auch wenn ich erwachsen bin. Ich meine es ernst mit dem Spiel.

Wir spielen Ball, Flöte, Roulette oder die Heldin. Die Zeit spielt uns in die Hände, wieder andere spielen auf Zeit. Er will ja nur spielen, heißt es, wenn die Lage scheinbar ungefährlich ist. Kinder spielen einfach, viele trainieren es, manche Erwachsene betreiben es beruflich. Wir verderben (jemandem) das Spiel, spielen mit dem Feuer, Verstecken oder Katz-und-Maus. Das Geschlecht spielt keine Rolle, behauptet der, der den starken Mann spielt. Wir setzen aufs, kommen ins Spiel. Spielen ist Kochen ohne Rezept. Musizierende spielen Bach, Heranwachsende am Bach. Wir spielen ein doppeltes Spiel, uns mitunter um Kopf und Kragen. Nur verspielen will (sich) niemand. Wir spielen auf, an, um, ab und zu. Aber wenn es ernst wird, haben wir ausgespielt. Dann gelten andere Spielregeln und die Spielplätze werden versperrt. Wir spielen alle. Spielen ist Zustand und Arbeit, Absicht und Zufall, Ausnahme und Regel. Es geschieht einfach, wir arbeiten hart dafür oder vergessen völlig darauf.

Spielen wir mit offenen Karten: Ich habe mich ins Spiel gebracht und bin Flötenspieler. Das habe ich studiert, jahrelang Tag und Nacht geübt und spiele nun trotzdem oft die erste Geige, ohne sie je gelernt zu haben. Ich bin Künstlerischer Direktor eines der größten Spielkollektive Österreichs, des Bruckner Orchester Linz, und war schon einmal Zirkusdirektor: „Sie waren doch Zirkusdirektor bei der Kinderklangwolke vor sechs Jahren?“, fragt mich ein Mann auf der Straße, an der Hand seine Tochter im Volksschulalter. Ich nicke überrascht. „Sie haben damals unseren Kindern empfohlen, mehr mit uns Erwachsenen zu spielen, denn wir Erwachsenen würden dies ganz notwendig brauchen. Das habe ich mir gemerkt.“ Wie das Leben spielt, der Unbekannte hat mich daran erinnert, dass ich ihn damals daran erinnert habe, was mich unablässig bewegt und was wir nicht vergessen dürfen: das Spielerische, das Spielen. Das Spiel in all seinen Aggregatzuständen begleitet mich mein Leben lang. Ich bin professioneller Spieler, meide Spiele des Glücks und des Sports und könnte mir ein Dasein ohne das Spielerische nicht vorstellen. Es eröffnet Möglichkeiten: manchmal die, bei vollem Bewusstsein fliegen zu können oder einfach mit den Herausforderungen des Lebens umzugehen.

Prinz Philip eröffnete 1969 eine Veranstaltung in Kanada mit den Worten: „I declare this thing open, whatever it is.“ Ich erkläre die Spiele für eröffnet, welche immer sie sein mögen, was Sie schon am Anfang dieses Buches bemerken konnten. Erwarten Sie keine Wettspiele, zwischen Spiel und Spiel ist ein Unterschied, der im Englischen mit „play“ und „game“ präzis benannt ist. „Game“ bedeutet meist Wettkampf, wie etwa beim Tennis- oder Kartenspielen. Das „play“ ist viel mehr und auch für das „game“ niemals auszuschließen. Ich spiele in diesem Buch persönliche Spielzüge aus, die wie in einem Mobile zusammenhängen. Ein frei hängendes, leichtes Gebilde, das Sie in seinen Einzelteilen, in welcher Reihenfolge auch immer, betrachten und ausbalancieren können. Dieses Spielmobile bewegt sich in den Luftzügen Ihrer Wahrnehmung. Wenn Sie der eine oder andere zu eigenen Spielzügen anstiftet, haben wir alle gewonnen. Wer wagt, gewinnt – zumindest an Erfahrung.

Wenn Sie sich nicht angespielt fühlen, lassen Sie sich keinesfalls aus der Ruhe bringen, den Ball vorbeirollen und klappen Sie das Buch zu.

Aufforderung zum Tanz

Noch ein Vorspiel

Eine befreundete Tänzerin erzählte mir, dass sie inmitten der „lockdownfreien“ Pandemiezeit nach einem Workshop mit ihrer Tanzgruppe mit der U-Bahn gefahren sei. Die Rolltreppe, die ins Freie führte, habe plötzlich angehalten. Die Menschen rundherum seien nach allen Seiten gefallen und umgekippt, nur die Tänzerinnen hätten sich mühelos in Balance gehalten. Sie seien elastisch und wach im Spiel geblieben, trotz abrupten Stillstands. Die Tänzerinnen hätten durchlässig reagiert und seien nicht in Verfestigung erstarrt, die einen bei Eintritt eines unerwarteten äußeren Ereignisses ausgeliefert sein lässt.

Diese Geschichte hat mich als Bild ergriffen, das für unsere Zeit stehen könnte. Das Virus und seine Auswirkungen halten uns in einem unberechenbaren Stop-and-go-Modus. Jene, die bereit sind, die Möglichkeiten oder Unmöglichkeiten wach anzunehmen, bleiben im Spiel. Dazu gehört, dass die Möglichkeitsmuskulatur aktiviert ist, wie das beim Tanzen der Fall ist. Lassen wir sie verkümmern, berauben wir uns bei Verlassen des Normalzustands der Beweglichkeit und unserer Handlungsfähigkeit. Dies gilt nicht nur in Pandemiezeiten. Die oder der Spielgeübte und -bereite bleibt handlungsfähig, wenn es ernst wird.

Bitte nicht stören!

„Was habt ihr heute im Kindergarten gemacht?“, frage ich meine Tochter. „Gespielt haben wir!“, antwortet sie mit offenkundiger Verwunderung über meine Frage. „Was habt ihr gespielt?“, bohre ich weiter. „Einfach gespielt!“, sagt sie. Als alter Verfechter der menschlichen Räume des Zweckfreien, des Ungreifbaren, wie sie in der Kunst häufig erfahrbar sind, fühle ich mich ertappt.

Kinder nennen die Dinge beim Namen, nicht beim Nutzen. Wer spielt, spielt einfach. Mehr geht nicht, mehr braucht es nicht. Es ist keine Frage nach dem Was, Warum oder Wie, noch zielt das Spiel in erster Linie auf Unterhaltung ab. Kein Mensch würde fragen: „Was hast du heute geatmet?“ Spielen gehört zur Grundanlage, zur Werkseinstellung von uns Menschen. Wir kommen spielbereit auf die Welt, die wir uns spielerisch erobern. Auf dem Rücken liegend versetzen wir in der Babywiege mit unseren kurzen Armen über uns Hängendes in Bewegung, was uns in begeisterte Verzückung bringt.

Etwas später ziehen wir den Sessel heran, nicht unbedingt, um auf die heiße Herdplatte zu greifen, sondern etwa, um Türen zu öffnen. Wir ziehen Töpfe aus dem Kasten, spielen Schlagwerk, Kochen oder Verkaufen. Nehmen Bücher aus dem Regal, blättern darin, betrachten auf dem Kopf stehende Bilder und lesen mit lauter Stimme unsere erfundenen Geschichten vor, obwohl wir des Lesens noch nicht mächtig sind. Nichts geht uns über Selbstermächtigung, wir wissen es nur noch nicht. Im Sand errichten wir Burganlagen mit hohen Türmen, Mondlandschaften mit tiefen Kratern oder Flussdeltas mit unzähligen Armen und Verläufen. Vorerst brauchen wir keine Spielgefährtinnen oder -gefährten, die kommen später als imaginäre oder reale Freundinnen ins Spiel. Die Unwirklichkeit des Imaginativen wird uns noch früh genug klargemacht.

Spielen ist keine Frage des Könnens, sondern des Tuns. Wer will, der kann, wenn sie oder er Lust dazu hat. Spielen ist Zustand, Tätigkeit und Energie. Wir sind erfüllt von Möglichkeiten, die uns ergreifen, indem wir danach greifen. Das ist die Lebenszeit, in der das Offensichtliche und das Unsichtbare zum Verwechseln ähnlich sind. Die Fantasie beim Spielen macht das Unsichtbare sichtbar. Das ist der Ernst des Lebens, mit dem wir geboren werden.

Diese Erkenntnis hier so aufzuschreiben, kann wiederum nur einem Erwachsenen wie mir einfallen. Es ist ernst und unernst zugleich, und würde ich vom Vergnügen schreiben, dann steckten wir sofort in einem Dilemma: Vergnügen bedeutet, nicht mehr der Ernsthaftigkeit bezichtigt werden zu können. Oh, da will es sich einer leicht machen! Der Spielraum ist das menschliche Zauberterritorium, in dem wir uns verlieren, ohne verloren gehen zu können, und dabei immer von etwas gefunden werden. Dort halten wir uns selbstverständlich auf, um zu erfahren, dass wir Erfahrungen machen können. Es ist die Lichtung, auf der wir uns als Fantasiebegabte begreifen lernen, die Fertigkeiten im Unfertigen finden, ohne gleich auf ein Ziel oder eine Lösung losgehen zu müssen. Dabei sind wir unentwegt begeistert und staunen über uns selbst und die Welt. Wer staunt, liegt niemals falsch, denn es gibt kein falsches Staunen im richtigen Leben. Wir müssen nur in Ruhe gelassen werden, uns darf die Langeweile nicht genommen werden, um die Aussichten in uns finden zu können. Unschätzbar wertvoll ist die Erfahrung, den Schwerpunkt mitten in uns selbst zu finden. Das Recht auf Langeweile und das auf Spiel sollten in die Charta der menschlichen Grundrechte aufgenommen werden.

Immer öfter beobachte ich Eltern, die ihren Kleinkindern ihre Smartphones unter die Nase halten. Die Erziehungsberechtigten verabreichen dem Nachwuchs ein Narkotikum, um in Ruhe gelassen zu werden, und verspielen damit einiges an Erziehungsberechtigung. Das bricht mir das Herz, weil die menschliche Souveränität, mit sich selbst zu sein, aufs Spiel gesetzt wird. Zweijährige sitzen auf ihren Hochstühlen und starren wie hypnotisiert auf die kleinen Bildschirme. Die Sucht, untätig von außen belebt und unterhalten zu werden, ist kaum wieder loszuwerden. Die grundgelegte Spielmuskulatur beginnt zu verkümmern, das Spielvermögen wird verspielt.