Brust - Anja Zimmermann - E-Book

Brust E-Book

Anja Zimmermann

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Beschreibung

Obwohl als »sekundäres Geschlechtsmerkmal« bezeichnet, ist die weibliche Brust von primärem Interesse. Sie nährt, aber verführt auch, gilt als heilig oder verderbt – je nach Zeitalter und Kulturkreis, Kontext und Blickrichtung. An ihrer Einhegung und Tabuisierung wird der männliche Anspruch auf Kontrolle über den weiblichen Körper in vielfältiger Weise augenfällig. Frauenbrüste sind bis heute ein Politikum, wenn sie abseits von Sauna und FKK-Strand öffentlich gezeigt werden, und selbst ihre »haltlose« Sichtbarkeit unter der Kleidung wird als unziemliche Provokation empfunden. Anja Zimmermann untersucht diesen vieldeutig-vielseitigen Körperteil aus verschiedenen Perspektiven, immer aber mit politischer Fragestellung. Es geht um Kunst und Pornografie, um Moden und Geschlechternormen, um Mutterideal und Heteronormativität, um Body Positivity und Selbstbestimmung, Sexismus und Protest. Eine intensive Betrachtung der Bilder und Bedeutungen weiblicher Büsten, und tatsächlich: eine Befreiung!

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Seitenzahl: 377

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Eine ebenso bildstarke wie politische, sinnlich erzählte Geschichte von Verhüllung und Enthüllung: Diese einzigartige Kulturgeschichte bringt Tiefenschärfe in die aktuellen Debatten.

»Endlich ein Buch über das irritierende und sogar revolutionäre Potenzial der weiblichen Brust.«Mithu M. Sanyal

Anja Zimmermann

BRUST

Geschichte eines politischen Körperteils

Verlag Klaus Wagenbach    Berlin

POLITIK DER BRUST

Eine Einleitung

ANZIEHEN! AUSZIEHEN!

Ambivalenzen des un/sichtbaren Busens

Der Busen als politisches Organ. Die Rolle der Un/Sichtbarkeit

Lüste, Laster, Schmerzen. Bildnarrative sündiger und tugendhafter Sichtbarkeit

Das ›Früher‹ und ›Heute‹: Beispiel Kleidung

Das Korsett als Sichtbarkeitsmaschine

›Künstliche‹ und ›natürliche‹ Sichtbarkeiten: Der aufgeklärte Busen

Der ›befreite‹ Busen macht sich nützlich: Stillen

Neue Ansichten: Busen als medizinisches Problem

Moderne Busen und neue Sichtbarkeiten

Der Busen der ›Anderen‹: Die neue Sichtbarkeit der Brust als Rassismus

›Weiße‹ Brüste – ›Schwarze‹ Brüste

Busengrapscher und Sexattacken

VON DER VENUS ZUM PIN-UP – UND ZURÜCK

Der Busen zwischen Kunst und Pornografie

Venus

Scham-Ideale

Schamlos oder schamhaft? Wie weibliche Körper zur Venus werden

Paläo-Porno

Geschlechterpolitik des Blicks

Eine andere ›Andere‹: Die »Hottentottenvenus«

Akt, Macht, Pornografie

Busen zeigen. Feministische Provokationen

Schönheit

… und noch einmal: Venus

BRÜSTE UND ANDERE ILLUSIONEN DES NATÜRLICHEN

Fantasien und Fiktionen der Milchgabe

Politik macht Natur macht Wissenschaft: Stillpropaganda und die Klasse der Säugetiere

Die asexuelle Brust

Gift aus dem Busen

Tierbrüste – Menschenbrüste

Halbe Brüste

Busen und Fremdheit

Männliche Brustwarze und männliche Würde

Die Moral der künstlichen Brust

Breastfeeding/Chestfeeding und ein Gesetz

Busen, Ball und anderes Gerät

Narben

I AM GOD

Der Busen als Protestorgan

Sind Busen wie Schwerter?

Amazonen als Identifikationsfiguren

»Anarchistische Amazonen«: Die Busen der Achtundsechzigerinnen

Brennende BHs: Feminismus als Busen-Befreiung?

›Schöne Frauen‹: Grenzen des Protests

Hysterie, Ekstase und der Tanz der Mänade. Der nackte Busen als Zeichen des ›Anderen‹

Die zwei Körper der Kanzlerin: Busen und Macht

ZUM SCHLUSS: BUSEN VON GEWICHT

Dank

Anmerkungen

Literatur

Abbildungsverzeichnis

Index

POLITIK DER BRUST

Eine Einleitung

Die Brust wird an einem warmen Tag im Juni zum Politikum. Annähernd 35 Grad. Eine Frau geht mit ihrem sechsjährigen Sohn, einem Freund und dessen kleiner Tochter in den Park. Dort gibt es einen Wasserspielplatz, wo die Kinder durchs Wasser hüpfen und sich abkühlen. Die Frau und der Mann ziehen beide ihr Oberteil aus und sonnen sich mit nacktem Oberkörper. Doch nach kurzer Zeit fordern Sicherheitskräfte die Frau auf, ihren Busen zu bedecken. Der Park sei schließlich kein FKK-Bereich. Sie weigert sich, die Polizei wird gerufen, die kleine Gruppe verlässt mit den verängstigten Kindern den Park.

So geschehen im Sommer 2021 im Berlin. Doch die Frau, der das Entblößen ihres Oberkörpers verboten wurde, die Architektin Gabrielle Lebreton, wollte sich mit dieser Ungleichbehandlung nicht abfinden und klagte vor dem Berliner Landgericht auf Schadensersatz. Ihre Klage wurde in erster Instanz mit der Begründung abgewiesen, eine Diskriminierung sei nicht zu erkennen. Folgenlos war der Gang vor Gericht dennoch nicht, führte er doch dazu, dass die Nutzungsordnung des Wasserspielplatzes geändert wurde. Alle Menschen dürfen sich künftig mit unbekleidetem Oberkörper dort aufhalten. Auf den Münchner Isarwiesen wird dies schon länger praktiziert. Und auch die Stadt Göttingen ging 2022 nach einem Konflikt mit einer Schwimmer*in, die sich weder als männlich noch als weiblich sieht, dazu über, allen das Oben-ohne zu erlauben.1 Zu verdanken ist dies auch dem Einsatz von Gruppen wie dem Aktionsbündnis Gleiche Brust für alle, das die Auseinandersetzungen mit Petitionen und Demos begleitete. So fuhr im Juli 2022 ein Oben-ohne-Radkorso durch Berlin, bei dem Schilder mit Aufschriften wie »boobs have no gender« (»Brüste haben kein Geschlecht«) hochgehalten wurden. Das Bild zur Netzkampagne war eine Karikatur, die die Willkür beim Umgang mit Brüsten auf den Punkt bringt (Abb. 1).

1 »Oh Gott, Helen – so kannst Du unmöglich an den Strand gehen! Das ist obszön!« Mit diesem Cartoon wurden die Internetkampagnen #GleicheBrustfürAlle und #EqualBodyRights bebildert.2

Die anstößige Brust ergibt sich in diesem Bild aus zwei bescheidenen Hinweisen auf das Geschlecht: Frisur und geschminkte Lippen. Die Körperteile aber, um die es geht, sehen völlig identisch aus. Und so forciert der Cartoon Fragen. Wieso eigentlich ist der linke Oberkörper schamlos, der rechte nicht? Wieso hat der linke einen Busen und der rechte nicht?

Dieses Buch will zeigen, dass die Willkür der Zuweisung nicht bedeutet, dass sie zufällig oder wahllos geschieht, oder leicht zu ändern wäre. Die Macht des Busens ist enorm und wird dennoch fortwährend verkannt. Dabei ist allein in den letzten Jahren vor Gericht in so vielen Fällen um den Busen gestritten worden, dass es naiv wäre, ihm seine (gesellschafts-)politische Brisanz abzusprechen.3 Amerikanische Fernsehsender erreichte 2004 eine Bußgeldforderung in Höhe von 550 000 Dollar, nachdem während der Super-Bowl-Übertragung kurzzeitig die Brust der Popsängerin Janet Jackson zu sehen war. In Anlehnung an die Watergate-Affäre, die US-Präsident Nixon das Amt gekostet hatte, wurde das Ereignis als Nipplegate bezeichnet. Die politische Sprengkraft der weiblichen Brustwarze zündete damit zumindest sprachlich. Dabei geht es vor Gericht keineswegs immer nur um ein Verbot der Sichtbarkeit der Brust. 2016 sorgte ein in Frankreich erlassenes, später wieder zurückgenommenes »Burkiniverbot« für Aufregung, das Sicherheitskräfte ermächtigte, muslimische Frauen am Strand zu zwingen, ihren Burkini abzulegen.

Mitnichten also sind die Brüste wirklich private parts, wie es im Englischen heißt, sondern im Gegenteil von großem öffentlichem Interesse. Die Macht der Brust liegt aber nicht in einer ›natürlichen‹ Kraft. Sie wirkt vielmehr in Zuschreibungen, die sie wahlweise gleichzeitig oder einander ausschließend zum Zeichen für Weiblichkeit, Natürlichkeit, Mütterlichkeit oder Sexualität machen. Denn Körperteile sind »nur in der jeweiligen kulturellen Klassifikation und der (imaginären) Bezugnahme auf ein Ganzes existent«, wie die kulturwissenschaftliche Forschung zur Geschichte des Körpers betont.4 Und dieses »Ganze« strahlt in alle gesellschaftlichen Felder aus. Immer wieder kommt es dabei zu Konflikten. Solche, die vor Gericht ausgetragen werden und in Gesetze einfließen. Aber auch solche, in denen in Texten, Bildern, Kleidungsstücken, Ausstellungen, Fotografien, Altarbildern, Happenings und vielem mehr der Busen immer wieder neu erfunden und disputiert wird. Zum Beispiel wenn Theologen des 17. Jahrhunderts in erregten Pamphleten das Dekolleté als »Zünder böser Lüste« verteufelten. Und das, obwohl die mittelalterliche Theologie zuvor dem Busen alles andere als abgeneigt war. Sogar die Gesetzestafeln, die Moses nach dem Alten Testament auf dem Berg Sinai direkt von Gott erhielt, wurden als »Brüste« bezeichnet, aus denen die »Milch« der geistlichen Stärkung gepresst wird (quasi lac de uberibus duarum tabularum expressum).5 Nach dem theologischen, mal aufwertenden, mal abwertenden Blick kam der aufklärerische, der den Busen auf neue gesellschaftliche Felder führte. Er bezog sich auf die Natur, hatte mit Gott nichts mehr zu tun. Und schließlich gab es den Kampf um oder besser gegen das Korsett, der, über hundert Jahre später, auch ein Kampf der Frauenrechtlerinnen war. Die Feministinnen der 1960er Jahre gingen als Bra-Burners, als BH-Verbrennerinnen, in die Geschichte ein. Seit 2008 protestieren Aktivistinnen der in der Ukraine gegründeten Gruppe Femen für ihre politischen Anliegen, indem sie mit blankem Busen in der Öffentlichkeit auftauchen – und meist sofort abgeführt werden.

Das alles ist politisch. Ist Politik des Busens und Indiz für Konfliktlinien, die bis heute relevant sind. Etwa die Fetischisierung des weiblichen Busens als erotisches Objekt, die die Begründung für die Ungleichbehandlung der Nippel liefert. Oder die Abscheu vor der haltlosen Brust, die die Erfindung starrer Einpanzerungen durch das Korsett beförderte und auf die 2019 die Solidaritätsaktion #FreeTheNipple für die Kapitänin und Seenotretterin Carola Rackete reagierte, deren Auftritt ohne BH in der Presse als »Unverschämtheit« bezeichnet wurde. Heutige Auseinandersetzungen um den Busen sind damit Teil der weiter gefassten Debatten über Körper, Geschlecht und Feminismus, wie sie zunehmend im Netz und darüber hinaus geführt werden. Das aus feministischer Perspektive kritisierte Bodyshaming,6 dem Menschen ausgesetzt sind, deren Busen wahlweise mal zu groß, zu klein, zu sichtbar oder zu unsichtbar ist, gehört ebenso dazu wie die anlässlich der #metoo-Debatte diskutierte und dekonstruierte Vorstellung, Frauen seien ›selbst schuld‹ daran, wenn sie sexuell belästigt werden, weil sie sich beispielsweise zu ›offenherzig‹ kleideten. Die Frage dagegen, wie sich ein ›positives‹ Körperbild gewinnen lässt, das sich ohne Foto-Filter und Schönheits-OPs behaupten kann, und ob und unter welchen Umständen dies überhaupt wünschenswert ist, wird seit einiger Zeit durchaus kontrovers unter dem Hashtag #bodypositivity erörtert.7

Die Auswahl der Brustgeschichten, die hier erzählt werden, erklärt sich aus dieser heutigen, politischen Perspektive und der Verwunderung über Aufregungen, Zumutungen, Inkonsistenzen. Dieses Buch ist keine vollständige oder gar weltumspannende Kulturgeschichte der Brust von der Steinzeit bis zum Cyberspace, sondern ein interessegeleiteter Blick auf einen in der westlichen Kultur hochgradig politisierten Körperteil.

Es wird oft so getan, als ob es immer derselbe Körper wäre, um den da gestritten wird. Als wüssten alle, was gemeint ist, wenn vom Busen die Rede ist. Dabei legen schon die vielen unterschiedlichen Einschätzungen zu den genannten Hashtags nahe, dass das nicht sein kann. Um die widerstreitenden Positionen einordnen zu können, braucht es einen historischen Blick und vor allem die Erkenntnis, dass auch der Busen eine Geschichte hat. Deren nahezu einzige Konstante ist, dass aus den so verschiedenen Busendebatten jeweils unmittelbare Rückschlüsse auf die Theorie und Praxis der Geschlechterverhältnisse gezogen werden können. Abgesehen davon ist alles im Fluss und der Busen immer wieder ein anderer.

So gab es Momente, als Brüste keine Brüste waren, sondern Waffen, mit denen Feinde in die Flucht geschlagen wurden, wie in der Geschichte der Wikingerheldin Freydís Eiríksdóttir (Kapitel 4). Oder Gelegenheiten, bei denen Ziegeneuter zu Brüsten für die Kinder wurden, deren Mütter lieber »Spazierfahrten mitmachen, Theater und Bälle besuchen«, so ein Arzt 1816 (Kapitel 3). Außerdem gab es Zeiten, in denen Brüste nicht Muttermilch, sondern »Vatermilch« spendeten, wie es in in einem Bericht Alexander von Humboldts 1818 über stillende Männer hieß (Kapitel 3), oder die Brüste sogar zu Organen wurden, aus denen pures Gift floss (Kapitel 3).

Dieses Buch nimmt den Busen ausschnitthaft in unterschiedlichen Zeiten und Kontexten in den Blick und konzentriert sich auf sein transgressives Potential. Denn dieser augenfällige Körperteil überschreitet Geschlechtergrenzen, Grenzen zwischen dem Natürlichen und Künstlichen, Grenzen zwischen Mensch und Tier, Grenzen zwischen Geografien und ist damit wesentlich mehr als das, was zum Beispiel eine Google-Bildsuche im Juni 2023 zutage fördert (Abb. 2).

2 Das sind die Bilder, die eine Bildersuche 2023 im Netz zum Stichwort »Busen« produziert.

Dieses Mehr ist wichtig, weil es dabei helfen kann, das im positiven Sinne Irritierende am Busen schärfer zu konturieren. Fast alle Brüste, die man mit der Suchmaschine im Netz findet, sind ziemlich jung, ziemlich weiß und ziemlich erotisiert. Diese Brüste bekommen wir zu sehen, doch was ist mit all den anderen? Mit denen, die die gefälligen Oberflächen stören? Es sind jene, die wiederum ihre eigene Geschichte haben und etwas darüber verraten, wieso der öffentliche Busen bis heute so ambivalent und ideologisch aufgeladen ist. Welcher Busen zählt (als Busen)? Der alternde Busen jedenfalls wird selten gezeigt, er gilt als Zeichen des Verfalls und des Verlusts von Weiblichkeit, die maßgeblich anhand sexueller Attraktivität bemessen wird. Nahezu alle Debatten über die Frage des Oben-ohne im öffentlichen Raum setzen stillschweigend Busen voraus, die nicht alt sind. Der »Hass der alten nackten Brust«, den der Soziologe Jean-Claude Kaufmann in einer Studie zur Soziologie des Oben-ohne eindringlich beschreibt, manifestiert sich in Äußerungen wie der folgenden: »Wenn man diese Leute in einem bestimmten Alter sieht, deren Busen bis zum Nabel hängt, also meiner Meinung nach sollte man den lieber verstecken.«8 Vor diesem Hintergrund ergibt es Sinn, dass die meisten Brustvergrößerungen in Deutschland an Frauen im Alter zwischen zwanzig und dreißig durchgeführt werden (Quelle: Deutsche Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie). Zugespitzt: In diesem schmalen Zeitfenster des Lebens soll die Gleichung von Natürlichkeit, Attraktivität, Weiblichkeit und Brust unbedingt aufgehen und der Busen der Busen sein. Übrigens bezieht sich das »natürliche Aussehen«, das sehr weit oben in der Rangliste der Kriterien für einen gelungenen Eingriff steht, ausschließlich auf diesen Idealbusen. Obwohl ein schiefer Hängebusen ungleich ›natürlicher‹ sein kann. Das ›Künstliche‹ erst ermöglicht das ›Natürliche‹.

Die Frage der Echtheit durchzieht den Busendiskurs in mehrerlei Hinsicht. So wird der Busen einer trans* Person, der bei Geburt das männliche Geschlecht zugeordnet wurde, als nicht echt diskreditiert, weil »künstlich« produziert. Umgekehrt gelten womöglich die Brüste einer männlichen trans* Person, die bei der Geburt als weiblich identifiziert wurde, als Beweis dafür, dass sie ›eigentlich‹ eine Frau sei. Einmal Busen, immer Frau.

Wie sich hier schon andeutet, ist der Busen ein Körperteil in unglaublich eng definierten Grenzen. Aber gerade weil diese keineswegs so unverrückbar sind, wie man vielleicht denken mag, helfen sie mit, Gesellschaft zu ordnen, und erzielen dadurch politische Wirkung. Und dabei geht es keineswegs nur um Schönheit. Brüste sind auch ein hervorragender Anzeiger anderer sozialer Hierarchien und ein Körperteil, mit dem rassistische Abwertungen verknüpft werden. Wenn es im 19. Jahrhundert um »afrikanische Völker«, um »Egypten« oder »Portugal« ging, war die Rede von »ungewöhnlich großen Brüsten, die bis unter den Bauch herabhängen, über die Schultern geworfen, und unter den Armen durchgestekt werden können«.9 Der jüdische Sexualforscher Friedrich Salomo Krauss widmete 1904 in einem Buch über Die Anmut des Frauenleibes ein ganzes Kapitel ausschließlich der Brust.10 Den Begriff »Rassenunterschiede«11 setzte der Autor in distanzierende Anführungszeichen, ebenso wie wir das heute tun würden. Er kritisierte die »einzig verherrlichten, harten, apfelförmigen Brüste« als ein »Schönheitsideal«, das wenig mit der Realität zu tun habe.12 Eine Rolle bei Krauss’ hellsichtiger Skepsis mag gespielt haben, dass der Busen damals auch Teil antisemitischer Diskurse war. Deren Verfechter beharrten darauf, dass der ›jüdische Busen‹ Merkmale aufweise, die man durch Messungen und Berechnungen erheben könne.13 So war der Busen um 1900 nicht nur in ein Korsett eingepanzert, sondern auch in anthropologische Rassevorstellungen, die dafür sorgten, dass manche Busen auf der imaginären Skala idealer Weiblichkeit zur Norm wurden und andere zum Zeichen rassistisch begründeter ›Primitivität‹. Die Weiblichkeit, die Brüste jeweils signalisierten, wurde damit weniger als gemeinsames Merkmal aller Busenträgerinnen verstanden, sondern mittels des Busens entweder auf- oder abgewertet. Auch diese rassistischen Zuordnungen wirken weiter und zeitigen toxische Effekte. Sie reichen von höheren Sterblichkeitsraten unter afroamerikanischen Säuglingen, die mit dem Zwang zu Ammendiensten Schwarzer Frauen während der US-amerikanischen Sklaverei in Verbindung gebracht werden, bis hin zu den problematischen Wirkungen entsprechender Schönheitsnormen, deren unterdrückende Wirkung sich bis heute in der Werbung manifestiert (Kapitel 2.).14

Angesichts dieser kulturellen Bedeutsamkeit des Busens und der vielen gesellschaftlichen Felder, in denen er zum Thema wird, ist es einerseits verblüffend, wie gleichgültig er von der Forschung behandelt wird. Andererseits passt das zu einem kulturellen Muster, das jüngst unter dem Stichwort »Unsichtbare Frauen« zusammengefasst wurde.15 Frauen werden nicht berücksichtigt, weil männliche Perspektiven als allgemein oder neutral dargestellt werden. In einem kulturwissenschaftlichen Sammelband zur »kulturellen Anatomie« der Körperteile (auch hier kommt die Brust nicht vor) wird behauptet, dass »wohl kein Teil so anhaltend das kulturelle Imaginäre beschäftigt wie der Phallus«.16 Nun lässt sich nur schwer eine hieb- und stichfeste Quantifizierung des kulturellen Imaginären erstellen, aber schon die oben aufgeführten knappen Beispiele legen nahe, dass die kulturelle Wirkmacht der weiblichen Brust dramatisch unterschätzt wird. Ein sich theoretisch in den Vordergrund spielender Phallus, der von Sigmund Freuds »Penisneid« bis zu Jacques Lacans »imaginärem« und »symbolischem« Phallus zu viel Raum beansprucht, stiehlt dem Busen die Aufmerksamkeit.

Ein ähnliches Schicksal erfuhr die Vulva, die erst durch Bücher wie Monika Gsells Bedeutung der Baubo (2001) oder Mithu Sanyals Vulva (2009) in den kulturwissenschaftlichen Fokus geriet. In der Brust sah die Philosophin Iris Marion Young zwar bereits 1990 die hochgradig überdeterminierte Trennung zwischen Mutterschaft und Sexualität zugleich repräsentiert und infrage gestellt.17 Gerade darin besteht laut Young ihr Potential zum ›Skandal‹ innerhalb westlicher Gesellschaften, doch erst Jahre später (1997) nahm die Historikerin Marilyn Yalom die erste größere Kulturgeschichte dieses Körperteils in Angriff. Die Historikerin und Theologin Margaret R. Miles beschäftigte sich mit der Säkularisierung der Brust 1350–1750 (2008), während ältere Titel wie etwa Ingrid Olbrichts Verborgene Quellen der Weiblichkeit: die Brust (1985) weniger von historischem, sondern eher von psychologisch-medizinischem Interesse geleitet waren. Es gibt also noch einiges aufzuarbeiten. Weil der Busen für so viele gesellschaftliche Bereiche Relevanz hat, stößt man aber glücklicherweise immer wieder auf einschlägige Informationen über ihn, zum Beispiel in der Geschichte des Stillens, der Theologie, der Entwicklung der Schönheitschirurgie oder der Modetheorie.18 Überall dort und weit darüber hinaus ergeben sich neue Einsichten, wenn die Brust in den Fokus rückt.

Apropos Mode, abschließend noch einmal zum Thema Obenohne. Wie ein Stoff gewordener Kommentar avant la lettre zum Gerichtsurteil im Fall Lebreton wirkt Rudi Gernreichs Entwurf für den ›Monokini‹ von 1964. Der aus Österreich vor den Nazis in die USA geflohene Modeschöpfer löste mit dem Badeanzug, dessen zwei lange Träger mittig zwischen die nackten Brüste geführt sind, sogar Protest im Vatikan aus. Der damalige Papst Paul VI. erklärte Gernreich zum »Feind der Kirche«.19 Der aus der Zeit der sexuellen Revolution stammende ›Monokini‹ aber liefert ein elegantes Statement gegen die Hypersexualisierung der weiblichen Brust und einen Vorschlag für eine Badebekleidung in Zeiten gleichberechtigter Brüste. Die Person, die ihn trägt, muss nichts ausziehen und ist deswegen auch nicht ›oben ohne‹. Genauso wie ein Mann am Strand auch nicht ›oben ohne‹ auftritt, sondern einfach eine Badehose anhat. Freie Schwimmer*innen können das Modell seit 2019 wieder im Handel erwerben. Und so leistet der ›Monokini‹ weiter tapfer Widerstand gegen den Imperativ des »Hide your Nipples« (Verstecke deine Nippel), der 2023 über die Shoppingkanäle flirrt und den auch Paul VI. wahrscheinlich goutiert hätte (Abb. 3).

3 Show your nipples – Hide your nipples. R. Gernreich: Monokini, 1964; »Hide Your Nipples« (Produkt zur Abdeckung für Brustwarzen, 2023).

Die Frage des Oben-ohne und wie weibliche, männliche und andere Brüste in der Öffentlichkeit sichtbar werden dürfen, steht am Beginn dieser Geschichte(n) eines Körperteils, dessen Ein- und Entkleidung lange vor Berliner Badeordnungen mit einer grundlegenden Ambivalenz des Un/Sichtbaren verbunden war. Von diesen Ungleichzeitigkeiten ist im ersten Kapitel zu lesen, in dem das Paradox von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit an so verschiedenartigen, aber für den Busen einschlägigen Beispielen wie sakraler Kunst, Mode oder Anthropologie belegt wird. Das zweite Kapitel widmet sich der Frage nach der Entstehung der wirkungsvollen Idealvorstellungen des Busens (jung, weiß, fest) und den Notwendigkeiten und Möglichkeiten, sie zu verändern, während das dritte Kapitel untersucht, ob Brüste eigentlich grundsätzlich weiblich sind. Zum Schluss geht es um Busen, Protest und Macht und die Erkenntnis, dass Amazonen auch keine Lösung sind, wenn das Ziel eine progressive Busenpolitik ist.

ANZIEHEN! AUSZIEHEN!

Ambivalenzen des un/sichtbaren Busens

Der Busen als politisches Organ. Die Rolle der Un/Sichtbarkeit • Lüste, Laster, Schmerzen. Bildnarrative sündiger und tugendhafter Sichtbarkeit • Das ›Früher‹ und ›Heute‹: Beispiel Kleidung • Das Korsett als Sichtbarkeitsmaschine • ›Künstliche‹ und ›natürliche‹ Sichtbarkeiten: Der aufgeklärte Busen • Der ›befreite‹ Busen macht sich nützlich: Stillen • Neue Ansichten: Busen als medizinisches Problem • Moderne Busen und neue Sichtbarkeiten • Der Busen der ›Anderen‹: Die neue Sichtbarkeit der Brust als Rassismus • ›Weiße‹ Brüste – ›Schwarze‹ Brüste • Busengrapscher und Sexattacken

Die Brust gibt es nicht. Wie Brüste gesehen, gezeigt oder verborgen werden, das wird seit Jahrhunderten diskutiert und skandalisiert: in der aufgeregten Kritik an Angela Merkels Dekolleté beim Besuch der Osloer Oper ebenso wie bei verschiedenen Oben-Ohne-Aktionen politischer Aktivistinnen. In der Medizin ebenso wie in der Kunst: Immer ist der Busen ein Politikum, denn Gesellschaften verständigen sich anhand des Mediums Körper über sich selbst. Beim Busen sind sich alle uneins, mal soll er enthüllt, dann wieder muss er verborgen werden oder gar beides zugleich. Ein Beispiel illustriert den aufgeladenen Kontext dieser Zuschreibungen: 2016 tauchten Fotos in der Öffentlichkeit auf, die offenbar zeigten, wie französische Polizisten im Rahmen eines kurz zuvor ergangenen Burkiniverbots eine muslimische Frau an einem Strand dazu zwangen, sich zu entkleiden. In einer Rechtfertigung des Verbots behauptete Manuel Valls, der damalige französische Premierminister: »Marianne, das Symbol der Republik, hat eine nackte Brust, weil sie das Volk ernährt, und sie ist nicht verhüllt, weil sie frei ist« (Abb. 1 und 2).1

1 und 2 Die »freie« Brust steht für die freie Republik. Pressefoto zum Burkiniverbot, Frankreich 2016; Clément nach L.-S. Boizot: La France républicaine, 1792.

Die Brust, die nicht vom Burkini verhüllt, sondern im Bikini oder Badeanzug enthüllt wird – in dieser Debatte soll sie als Sinnbild für einen ›fortschrittlichen‹ Westen gelten und für dessen Überlegenheit über eine vermeintlich ›rückständige‹ islamische Kultur.2 Aber die nackte, sichtbar gewordene Brust, der Valls staatstragende Funktion zuwies, kann schnell ihre Bedeutung ändern. Als beispielsweise 2019 Carola Rackete, die Aktivistin und Kapitänin des Rettungsschiffs Sea Watch 3, zu einem Gerichtstermin ohne BH erschien, sprach die italienische Zeitung Libero von einer »Unverschämtheit ohne Grenzen«. Journalisten forderten »mehr Anstand«. Der sichtbare Busen, oder genauer: die Brustwarzen, die sich unter dem T-Shirt abzeichneten, waren hier kein Ausweis von Freiheit, sondern im Gegenteil Anlass, die Freiheit der Frau, die sich so kleidete, infrage zu stellen. International wehrten sich viele Frauen dagegen mit der Netzkampagne #freenipplesday und forderten die Gleichbehandlung der weiblichen und männlichen Brust in der Öffentlichkeit. Noch 2021 musste sich laut eines Berichts in der Zeit eine Lehrerin gegenüber der Gleichstellungsbeauftragten ihrer Schule rechtfertigen, weil sie es gewagt hatte, ohne BH zu unterrichten.3 Die Begründung lautete, pubertierende Schüler könnten sich im Unterricht nicht konzentrieren, wenn sie gezwungen seien, die ›ungehaltenen‹ Brüste ihrer Lehrerin zu sehen. Einige Leserbriefschreiberinnen erinnerten in Reaktion auf den Bericht daran, dass die zweite Frauenbewegung »häufig BHs öffentlich verbrannt« habe (dazu mehr in Kapitel 4), um gegen die Sexualisierung des weiblichen Körpers zu protestieren und dagegen, den »Oberkörper einzuzwängen und sich in Bewegungsfreiheit und Lebenslust reduzieren zu lassen«. Gleichzeitig schienen nicht wenige die Angelegenheit genauso wie die Gleichstellungsbeauftragte zu sehen. Einige forderten sogar »dienstrechtliche Maßnahmen« für die Lehrerin. Sie dürfe »das erotisch aufgeladene Sekundärmerkmal ›Brust‹ nicht zu Markte tragen«.4

Der Artikel und die dazugehörigen Leserbriefseiten sind Beispiele für die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Diskurse zur Brust. Frau kann über die eigene Brust augenscheinlich nicht wirklich frei verfügen, obwohl im Selbstverständnis offener, liberaler Gesellschaften des Westens genau diese Freiheit über den eigenen Körper als zentral angesehen wird.

DER BUSEN ALS POLITISCHES ORGAN. DIE ROLLE DER UN/SICHTBARKEIT

Im Folgenden soll es darum gehen, derartige Widersprüche im aktuellen gesellschaftlichen Umgang mit dem Busen zu erklären. Ziel ist keine umfassende Kulturgeschichte des Busens. Es geht vielmehr um eine notgedrungen fragmentarische Darstellung, die von Situationen, Bildern und Konflikten der sogenannten ›westlichen‹ Gegenwart ausgeht. Meist denkt man über den Körper, besonders die Brust, nicht unbedingt in Kategorien des Politischen. Dabei können persönliche Erfahrungen auch politisch sein. Die feministischen Bewegungen der 1970er Jahre haben dafür den Begriff body politics geprägt. Das Private ist politisch, so lautete ein bekannter Slogan der Frauenbewegung. Damit war ausdrücklich der Körper gemeint und das, was mit ihm getan wird, von der Sexualität bis zur Kleidung. Inzwischen ist body politics ein breites Forschungsfeld, das in vielen verschiedenen akademischen Disziplinen verhandelt wird, beispielsweise in Geschichte, Sozialwissenschaften, Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft.5 Ausgehend davon, dass der Körper weder natürlich noch ahistorisch ist, werden in diesem Buch besonders die politisch-gesellschaftlichen Aushandlungsprozesse in den Blick genommen, die ihn zu definieren suchten. Die konkreten politischen Debatten können dazu ebenso beitragen wie Schriften von Philosophen, die über das Wesen und die Bestimmung der Frau räsonieren, oder der Entwurf eines »Reformkleides«, mit dem Frauen um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert eine Alternative zum einschnürenden Korsett entwickelten. Dieses Buch ist so aufgebaut, dass es die Aufmerksamkeit auf die Gegenwart richtet und auf jene Momente, in denen die politische, potentiell konflikthafte Rolle des Busens aufscheint. Exkurse in die Vergangenheit werden den vielfältigen historischen Resonanzraum aktueller ›Busenpraktiken‹ und ihrer Widersprüche erhellen. Daraus entsteht ein Bild dessen, was der Busen in unserer Gesellschaft bedeutet, auf Grundlage dessen, wie er dazu geworden ist.

In diesem Kapitel soll zudem ermittelt werden, was den Busen so besonders macht. Warum wird über ihn mehr und anders gestritten als über Knie oder die Schulterblätter? Wie wird über ihn gestritten? Und was hat das mit (Körper-)Politik zu tun? Vermeintlich naheliegende Antworten wie »Der Busen ist verknüpft mit Sexualität« oder »Der Busen verweist auf Mutterschaft« greifen zu kurz. Denn das erklärt weder, warum die nackte Brust der Marianne begründen soll, dass eine Frau am Strand ein Dekolleté zeigen muss, noch, dass eine andere Frau eine bestimmte Unterwäsche tragen soll, wenn sie als Lehrerin arbeitet. Diese Beispiele haben jedoch eine grundlegende Gemeinsamkeit, die eine erste Spur zu möglichen Antworten legt: die Ambivalenz von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, die den westlichen Umgang mit der weiblichen Brust prägt.

Ein kursorischer Blick auf andere sexuell und damit auch politisch und sozial besonders aufgeladene Körperteile macht das Spezifische dieser Ambivalenz von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit der Brust augenfällig. In Bezug auf die Vulva hat die Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal vom »unsichtbaren Geschlecht« gesprochen.6 Was den Penis betrifft, so verblüffte in den 1990er Jahren Thomas Laqueur, Wissenschaftshistoriker an der Universität Berkeley, seine Leser*innen mit einem überraschenden Bildfund, den er spektakulär deutete.7 In anatomischen Darstellungen des 16. Jahrhunderts wurden die weiblichen Geschlechtsorgane in vollkommener Analogie zu den männlichen dargestellt. Vulva, Vagina und Gebärmutter erscheinen dort wie ein nach innen gestülpter Penis. Damit waren sie – zumindest visuell – Penis. (Bild-)-Historisch gesehen war der Penis, ganz anders als die Vulva, also nicht unsichtbar, sondern fungierte im Gegenteil als eine Art visuelles Paradigma, was dazu führte, dass er selbst dort sichtbar wurde, wo er gar nicht vorhanden war. Eine Art imaginäre Hyper-Sichtbarkeit. Der Mensch als ein Geschlecht, nur in zwei Qualitätsversionen. Die feministische Theoretikerin Luce Irigaray hatte das schon den 1970er Jahren als Grundproblem des westlichen philosophischen Kanons herauspräpariert, indem sie vom »Geschlecht, das nicht eins ist« sprach und feststellte: »Jede bisherige Theorie des Subjekts hat dem ›Männlichen‹ entsprochen.«8 Das Weibliche wurde, überspitzt gesagt, unsichtbar gemacht. Bei aller Kritik, die Laqueur später für seine These eines »Ein-Geschlechtermodells« erfahren hat, bleibt der faszinierende Befund, dass die »Unsichtbarkeit« (Sanyal) des weiblichen Geschlechts mit der hegemonialen Sichtbarkeit des männlichen zusammenhängt. Die Auffassung lautet, das weibliche Geschlechtsorgan zeichne sich dadurch aus, dass dort nichts ist, während beim männlichen dort etwas ist, nämlich der Penis.

Was aber unabhängig davon gleichermaßen für Vulva wie Penis gilt: Sie sind als sogenannte primäre Geschlechtsorgane im alltäglichen Leben so ziemlich denselben Regeln der Nicht-Sichtbarmachung unterworfen. Es mag enge Hosen geben, die es Männern ermöglichen, Größe und Form ihres Geschlechts zu präsentieren. Frauen können mit einem Minirock Fantasien des Blicks darunter anregen, und in Leggings zeichnet sich auch die Vulva ab. Es gibt aber nicht all die Zwischenstufen des Zeigens und Verbergens, die in den Strategien der Halbentblößung der Brust angelegt sind. Wie etwa mit Hilfe des Dekolletés oder durchsichtiger Spitzen, die die Brust nicht nur erahnen, sondern gerade erst sichtbar werden lassen, oder von Still-BHs, die für die Entblößung bei gleichzeitiger Bedeckung der Brust in der Öffentlichkeit entwickelt wurden.

Noch entscheidender aber ist, dass Be- und Entkleidung von Vulva und Penis auch nicht annährend dieselbe Fülle an visuellen und diskursiven Konfliktfeldern eröffnet, wie dies bei der weiblichen Brust der Fall ist. Gestritten wird um den (allzu) sichtbaren Busen, nicht aber um den öffentlichen Penis. Den oben erwähnten Fällen, in denen Frauen von der Bundeskanzlerin bis zur Lehrerin öffentlich die Bekleidung ihrer Brust diskutieren lassen mussten, steht kein einziges vergleichbares Ereignis gegenüber, das sich auf die Verwendung männlicher Unterwäsche bezog. Ein weiteres Indiz dafür, dass Zeigen und Verbergen als zwei widerstreitende, aber paradoxerweise auch füreinander konstitutive Imperative des Umgangs mit der Brust heute immer noch eine Rolle spielen. Eine vergleichbare Dauerskandalisierung anderer Körperteile gibt es nicht.

Es wird sich zeigen, dass die Dialektik von Bedecken und Präsentieren einen entscheidenden ersten Schlüssel zum Verständnis der politisch-gesellschaftlichen Bedeutung der Brust liefert. Es ist das konfliktvolle Neben- und Gegeneinander von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, das in ganz unterschiedlichen Feldern diskursiv bespielt wird. Dies gilt in der Kunst, wenn feministische Künstlerinnen Bildtraditionen der Brustdarstellung dekonstruieren und wie Ulrike Rosenbach 1976 Reflexionen über die Geburt der Venus mit Hilfe von Videoprojektionen anregen (Kapitel 2). Und es gilt auch für Praktiken wie dem Binding der Brust, durch welches trans* Männer den Busen als sichtbaren Marker von Weiblichkeit unsichtbar machen (Kapitel 3), oder für die Frage ›angemessener‹ Kleidung mächtiger Frauen, wenn ihnen zu viel Dekolleté vorgeworfen wird (Kapitel 4). Erst diese Ambivalenz von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit ermöglicht es, durch Verschiebung der nur lose aneinandergekettelten Grenzen, gesellschaftlichen Disput in Bewegung zu bringen. Dies ist zum Beispiel auch ein Grund dafür, dass der nackte Busen als Protestorgan funktioniert, der entblößte Penis aber nicht. Daher gibt es Oben-Ohne-Aktionen, in denen Frauen auf dem Altar ihre nackte Brust präsentieren, um auf die Misogynie der Kirche aufmerksam zu machen, aber keine vergleichbaren Penis-Aktionen aktivistischer Männergruppen für welche Belange auch immer (Kapitel 4).

LÜSTE, LASTER, SCHMERZEN. BILDNARRATIVE SÜNDIGER UND TUGENDHAFTER SICHTBARKEIT

Die Ambivalenz von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, die so grundlegend für die kulturelle Wirkung und den Umgang mit dem Busen ist, lässt sich anhand von Bildern nachverfolgen. Sie sind immer schon Teil der oben skizzierten Ambivalenz, weil sie zu sehen geben, aber in vielen Fällen dieses Zu-Sehen-Geben zugleich problematisieren. Gerade die kirchlich-religiösen Bildwelten, die vor der Moderne die Bildproduktion nahezu vollständig dominierten, zeigen den Blick auf den Busen einerseits als sündig; andererseits fordern sie zum Blick auf den Busen geradezu auf, nicht zuletzt im Fall der entblößten Brust der stillenden Muttergottes, der Maria lactans. Der Blick auf den Busen wird also gleichzeitig sanktioniert und herausgefordert, genauso wie Zeigen und Verbergen in den christlichen Busenbildern parallel verhandelt werden.

Bildwürdig wurde die Brust in der nachantiken Zeit, um die es hier gehen soll, sehr oft in abschreckender Absicht. Frühe Busenbilder sind vielfach Schmerzbilder. Die Luxuria – die Wollust, eine der sieben Todsünden – wurde sowohl in der mittelalterlichen Malerei als auch in der Skulptur dieser Epoche wiederholt dadurch gekennzeichnet, dass sie ihre Brust auf fürchterliche Art und Weise malträtiert. Sie durchstößt ihre Brüste mit einer Lanze, wie in einer Wandmalerei in der Krypta von St. Nicholas in Tavant aus der Mitte des 12. Jahrhunderts, oder zieht so heftig an ihnen, dass es schon beim Zuschauen wehtut (Abb. 3). An einem Kapitell des Langhauses von Vézelay ist die Brust einer Figur zu einem faltigen, spitzen Schlauch verformt, der nah am Kopf einer Schlange hängt, die sich in Richtung Busen um die Beine der Figur windet.

3Desperatio und Luxuria, Vézelay, Sainte-Marie-Madeleine, Kapitell des Langhauses, 1125–40.

Die Schlange an der Brust erinnert an das mittelalterliche Motiv der Schlangensäugerin. Dort ist die entblößte Brust mit der Schlange, dem (weiblichen) Symbol der Versuchung und des Bösen, in Verbindung gebracht. Möglicherweise wurde dabei auch die antike Tradition der nährenden Erdmutter Terra christlich umgedeutet, womit der Busen sich vom positiven Symbol zum abschreckenden Sinnbild religiös verurteilter Sinnlichkeit wandelte.9 Auf jeden Fall scheint der Wunsch, den Busen als Motiv sichtbar zu machen, im christlichen Kontext damit erkauft, dass der Blick darauf mit Schmerz und Abscheu verknüpft wird. Man kann diese Darstellung daher durchaus als eine Art Blickbestrafung beschreiben. Mit anderen Bildtypen der Luxuria, in denen diese zum Beispiel bei einem wilden Ritt auf einem Bock oder mit Spiegeln und Kämmen gezeigt wird, um sich zur Erregung der Wollust zu verschönern, hat die Schmerzdarstellung gemeinsam, dass sie die »Verbildlichung von Sexualität« auf den weiblichen Körper beschränkt.10 Eine entsprechende Darstellungskonvention für den männlichen Körper gibt es nicht.

Dafür aber gab es, neben der sanktionierten Sichtbarkeit des Busens, auch eine gegenteilige Strategie, die den sichtbaren Busen geradezu feierte und ihn damit erneut doppeldeutig visualisierte. Nicht bestraft, sondern im Gegenteil gefördert wurde der Blick auf den Busen der Muttergottes beim Stillen des kleinen Jesus. Beide Busen – der sündige der Luxuria und der heilige der Maria – wurden thematisiert, standen aber jeweils für zwei völlig unterschiedliche Arten der Sichtbarkeit. Während die schwere Sünde der Wollust im entkleideten Busen und dessen gleichzeitig dargestellter Malträtierung verbildlicht wurde, verwies die ansprechend gerundete, jugendliche Brust Mariens auf die Überwindung dieser und anderer Sünden mit Hilfe göttlicher Gnade und behauptete gerade die Abwesenheit des begehrenden Blicks. Es gibt einige christlich legitimierte Präsentationen der Brust, in denen beides koexistiert. In der vielfach verbildlichten Geschichte der Lucretia, einer römischen Frau, die sich nach einer Vergewaltigung aus Verzweiflung über den vermeintlichen Verlust ihrer »Ehre« das Leben nimmt und ein Messer in den Oberkörper rammt, ist der Blick im Moment kurz vor der Verletzung des blanken Busens an den Aufruf zur Tugendhaftigkeit gekoppelt (Abb. 4).

4 Schmerz, sadistischer Voyeurismus, Idealisierung. N. de Bruyn: Lucretia, 16./17. Jahrhundert.

Nicht selten wurde das Betrachten der jungfräulichen Brust zum eigentlichen Thema des Bildes, wenn etwa Heilige in verehrender Schau und Anbetung vor Maria knieten oder Stifter und Stifterinnen sich zur stillenden Muttergottes gesellten. Dabei wurde das Schwärmen von der Schönheit der Brüste der Maria als legitimer Bestandteil religiöser Erbauung verstanden. Der französische Abt Gautier de Coincy lobte im 13. Jahrhundert in Le miracles de Nostre Dame die Brüste der Jungfrau Maria als »so herrlich und schön, so klein und wohlgeformt«.11 Tatsächlich zeigen die meisten Bilder vom Typus der Maria lactans in derartiger Weise die Brust und das daran saugende Jesuskind und folgen dabei Coincy. Muttermilch ist dabei in der Regel nicht sichtbar, aber es gibt umso interessantere Ausnahmen. Eine stammt von einem unbekannten niederländischen Meister, der um 1480 den heiligen Bernhard von Clairvaux kniend vor einer Maria lactans malte (Abb. 5).

5 Milch der Gottesmutter. Unbekannter Meister: Lactatio Bernardi, 1480–85.

Deutlich sichtbar ist der Milchstrahl, der aus der rechten Brust Mariens in Richtung Auge und Stirn des Heiligen schießt, der in seinen Schriften auch von der Heilung einer Augenkrankheit durch göttliche Intervention berichtet. In vielen anderen Darstellungen dieses Themas vom Mittelalter bis in die Neuzeit trifft die Milch auf Bernhards Lippen und zeigt an, dass er von der Gottesmutter spirituell genährt wird. Andere Heilige wurden sogar direkt an der Brust Mariens saugend dargestellt.

Wie so oft übernahm die christliche Ikonografie hier antike, in diesem Fall altägyptische Vorbilder; bekannt sind Darstellungen, in denen ägyptische Könige an der Brust von Isis und anderen Göttinnen gesäugt werden. Auch die Erzählung von der Entstehung der Milchstraße, die dem griechischen Mythos zufolge dadurch entstand, dass Herakles zu fest an Heras Brüsten saugte, findet hier noch ihren Widerhall. Als Hera ihn wegschleudert, geht aus der verspritzten Körperflüssigkeit die Milchstraße hervor. Der griechische Halbgott Herakles, beziehungsweise sein römisches Pendant Herkules, war dank der göttlichen Milch mit übermenschlichen Kräften gesegnet, und diese Idee liegt auch der christianisierten Version der Geschichte zugrunde, denn auch Bernhard von Clairvaux empfing durch die Milch Gnade und Erleuchtung. Gewöhnliche Gläubige konnten daran Anteil haben, wenn sie die in flüssiger oder pulverisierter Form aufbewahrten Marienmilchreliquien des Spätmittelalters verehrten. Als anbetungswürdig galt die Milch der Jungfrau (!) ja nur deswegen, weil ihr Milchfluss nicht mit Sexualität in Verbindung gebracht wurde.12 Daher waren die Bilder des jungfräulichen Busens immer mit dem Problem behaftet, dass sie potentiell sexuell erregend gelesen werden konnten. Im Stich des unbekannten Meisters zielt die Milch der Maria auf Auge und Stirn Bernhards, womit erotische Assoziationen eingedämmt wurden, weil die Milch nicht in den Mund des Heiligen floss, wodurch die Betrachter*innen auf sinnlich-sündiges Terrain hätten geführt werden können. Dieser Gefahr wird hier auf bildlicher Ebene effektiv begegnet, denn der Milchstrahl, der Richtung Auge zielt, betrifft den Sehsinn. Als Distanzsinn ist er nicht in derselben Weise mit sinnlicher Berührung und Verführung verbunden wie der geöffnete Mund, in den die warme Flüssigkeit rinnt. Der Blick auf den Busen ist gebändigt. Ohne Bezug zur christlichen Heilserzählung gab es keinen Grund, die Brust sichtbar werden zu lassen. Bis heute wird unter Verweis auf entsprechende Bibelstellen züchtige Kleidung und die Bedeckung der Brust für Frauen gefordert:

»Ebenso [will ich], dass sich die Frauen in ehrbarem Anstand mit Schamhaftigkeit und Zucht schmücken, nicht mit Haarflechten oder Gold oder Perlen oder aufwendiger Kleidung, sondern durch gute Werke, wie es sich für Frauen geziemt, die sich zur Gottesfurcht bekennen.« (1 Tim 2,9–10)

Der Kölner Domvikar und Zeremoniar Tobias Hopmann wies noch vor einigen Jahren darauf hin, dass beim Besuch einer katholischen Kirche »Schultern und Knie der Frau« bedeckt sein sollten und auch »das Dekolleté nicht zu tief« sein dürfe.13 Immerhin werden dekolletierte Frauen nicht mehr mit der Exkommunikation bedroht, wie unter Innozenz XI. geschehen, der von 1676 bis 1689 Papst war.

DAS ›FRÜHER‹ UND ›HEUTE‹: BEISPIEL KLEIDUNG

Die Sprünge zwischen unserem heutigen Umgang mit dem Busen und den damit zusammenhängenden Konflikten und historischen Beispielen, die das ganze Buch strukturieren, erhellen sich wechselseitig, dennoch bedürfen die Verbindungen zwischen so disparaten Phänomenen wie einem mittelalterlichen Bild und den medial aufgerüsteten Debatten der Gegenwart um die Sichtbarkeit des Busens eines warnenden Hinweises. Oder anders formuliert: interessant sind die Unterschiede in den Gemeinsamkeiten. Denn auch wenn man die Spannung zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit als eine Konstante der kulturellen Imagination der Brust in westlichen Gesellschaften annehmen darf, ändert sich doch das, was diese beiden Begriffe auch als körperliche Praxis jeweils bedeuten. In Bezug auf die bisherigen Beispiele muss man sich etwa klarmachen, dass Sichtbarkeit im Mittelalter – in dem eine Kirchenbesucherin eine Luxuria ansehen konnte, je nach Stand gekleidet in einfache lange und faltenreiche Gewänder oder in luxuriöse Tuniken und einen fein bestickten Mantel, aber notabene ohne Dekolleté, das erst etwa ab dem 13./14. Jahrhundert breiten Einzug in die Frauenmode hielt – etwas anderes bedeutete als die dutzendfach vervielfältigte und abrufbare Sichtbarkeit der Brust beim Scrollen durch einen Instafeed von #freenipplesday.14 Die mittelalterliche Betrachterin hatte nicht nur gänzlich andere, in der Regel überwiegend sakrale Bilder des Busens vor Augen als die heutige Nutzerin des Internets, sondern mutmaßlich auch eine andere Körpererfahrung in einer Welt, die keine speziellen textilen Vorrichtungen für die weibliche Brust vorsah, weil die dekolleté-freie, lose Kleidung des Mittelalters sie noch nicht kannte. Umgekehrt mag die Kopplung des entkleideten Busens mit der Luxuria dagegen für die meisten der Frauen, die sich über das öffentliche blaming und shaming der Kapitänin Rackete wegen der Brustwarzen aufregten, die sich unter ihrem T-Shirt abzeichneten, wenig naheliegend sein. Die Kopplung von sichtbarem Busen und ›Schamlosigkeit‹ aber, die berechtigterweise zur feministischen Entrüstung geführt hat, diese Kopplung hat eine Geschichte, die bis zur Luxuria zurückreicht. Dass sie heute noch funktioniert, hat dagegen mit ihrer Modernisierung zu tun, also gerade damit, dass sie heute etwas anderes bedeutet. Rackete ist nicht deswegen ›unverschämt‹, weil ihre Brust die Nähe zu einer der sieben Todsünden signalisiert, die heute kaum noch jemand vollständig aufzuzählen in der Lage sein dürfte, aber Rackete kann mit dem Verweis auf ihre Brust diskreditiert werden, weil diese Verknüpfung von weiblichem Körper und Abscheu inhärenter Teil unseres kulturellen Narrativs zur Geschlechterdifferenz ist.

Ebenso wichtig, wie nach Verbindungen zwischen alten und neuen Umgangsweisen mit dem Busen zu suchen, bleibt daher auch die Identifikation von Brüchen, etwa der oben beschriebenen Art, die Teil der Modernisierung sind. Spätestens von dem Zeitpunkt an, zu dem das Dekolleté Teil der Frauenmode wurde, spielte Sichtbarkeit ebenso wie Unsichtbarkeit der Brust eine neue, zentrale Rolle. Das Korsett war die entscheidende Erfindung, durch die Blicke auf den Busen auf eine Weise gelenkt werden konnten, die zuvor nicht möglich war. Immer wieder, je nach herrschender Mode, waren mal möglichst große Sichtbarkeit und ein tiefes Dekolleté gefragt, dann wieder eine abgeflachte Brust und gar kein Dekolleté. In beiden Fällen aber wurde der Busen im Unterschied zum Frühmittelalter, als noch nicht in vergleichbarer Weise zwischen Ober- und Unterbekleidung unterschieden wurde, zu etwas, das mittels der Kleidung thematisiert wurde. Die Un/Sichtbarkeit dieses neu entdeckten Körperteils stand dabei immer auf die eine oder die andere Weise zur Debatte. In einer Adaption von Ovids Ars Amatoria, dem La Clef d’amours, das Ende des 13. Jahrhunderts Tipps zur Praxis der höfischen Liebeskunst zusammenstellte, wurde empfohlen: »Wenn Du einen schönen Busen hast, so sollst Du ihn nicht bedecken, sondern ein ausgeschnittenes Kleid tragen, damit ein jeder ihn begehre und davon träume«.15 Die Anregung zum Träumen gelang durch Sichtbarmachung und Bedeckung, denn der Ausschnitt gab selbstverständlich nicht die ganze Brust zur Ansicht frei, sondern nur einen Teil. Und der Autor des frühneuzeitlichen Liebesratgebers empfahl seinen Leserinnen sogar, sich nur im Dunkeln vor ihrem Liebhaber zu entkleiden, da es vieles gebe, bei dem die Verhüllung der Enthüllung vorzuziehen sei.16 Auch hier also gehört beides zusammen.

Zunächst wurde das Korsett entwickelt, um die Brust flach wie hinter einem Schild zu präsentieren und so den Eindruck kleiner Brüste hervorzurufen, sie im Grunde nahezu unsichtbar werden zu lassen. Sehr bald aber wurde mit Hilfe enger und steifer Konstruktionen der Busen möglichst weit nach oben gepresst, um den Eindruck von Jugendlichkeit zu erwecken und zugleich seinen oberen Teil über den Rand des Dekolletés zu schieben und so teilweise sichtbar werden zu lassen.17 Hatte man also vor Erfindung des Korsetts kaum eine Notwendigkeit gesehen, Kleidungsstücke zur Unterstützung der Brust zu entwerfen, so änderte sich dies in der Folge. Ab wann genau sich das Schnürmieder als übliche Unterkleidung durchsetzte, ist nicht ganz klar. Bereits um 1300 wurde in einem englischen Inventar von einem corset berichtet, das einer royalen Hausherrin gehörte. Aber inwieweit dieses Kleidungsstück, dessen Beschaffenheit und Aussehen nicht näher bestimmt wird, dem Korsett späterer Jahrhunderte entsprach, bleibt offen.

Meist wird in der Geschichtsschreibung des Korsetts auf den spanischen Hof verwiesen, der ab dem 16. Jahrhundert europäische Modetrends setzte, allerdings nur für adelige Kreise. Einen Großteil seiner Geschichte hindurch blieb das Korsett zudem nur mit Einschränkungen ein Kleidungsstück für »die« Frauen. Fast alle Modelle, von den frühen Exemplaren am spanischen Hof bis ins 19. Jahrhundert, konnten in der Regel nur mit entsprechender Hilfe von Dienstbotinnen angelegt werden. Diese selbst aber waren schon aus Kostengründen außerstande, auf solche zurückzugreifen, und mussten sich so kleiden, dass sie sich selbständig an- und ausziehen konnten. Abgesehen davon kann man sich in den am Rücken geschnürten, festen Korsetts schlecht bewegen, weshalb zum Beispiel im 19. Jahrhundert arbeitende Frauen oft darauf verzichteten und nur dann ein – allerdings einfacheres – Korsett trugen, wenn sie ausgingen.18 Erst um 1840 wurde die Konstruktion des Korsetts so verändert, dass es auf der Vorderseite zu öffnen und zu schließen war, wodurch seine Trägerinnen größere Unabhängigkeit beim Anlegen dieses Kleidungsstücks er hielten.19

Bevor es jedoch im Laufe des 19. Jahrhunderts Teil der Kleidung bürgerlicher Frauen wurde, war das Korsett der Aristokratie vorbehalten. Die am katholischen spanischen Hof zur Zeit der Gegenreformation eingeführte Art des Korsetts, die den Anfang dieser speziellen Brusteinkleidung markierte, schränkte die Beweglichkeit seiner Trägerin jedenfalls enorm ein. Durch die zwei festen Teile, die an den Seiten miteinander verbunden wurden, war der Oberkörper buchstäblich gepanzert. Für Frauen wie Männer galt, dass die Kleidung hochgeschlossen zu sein hatte; dunkle Farben wurden bevorzugt (Abb. 6). Die Brust wurde flachgedrückt und mehr oder weniger unsichtbar.

6 und 7 Korsett ist nicht gleich Dekolleté. S. Anguissola: Infantin Isabella Clara Eugenia, um 1590; P. Lely: Zwei Damen der Familie Lake, um 1660.

Das Korsett war zwar gelegentlich auch Teil der männlichen Kleidung, aber sein wirklicher Siegeszug in der Mode konzentrierte sich auf die Frauen. Und auch nur bei ihnen kam es zu dem schnellen Wechsel zwischen Zeigen und Verbergen. War das Korsett des spanischen Hofes, das in der Folge auch in der besseren Gesellschaft Englands und Frankreichs Anhängerinnen fand, dadurch gekennzeichnet, dass es den Busen gewissermaßen unsichtbar machte, da der Oberkörper durch die starren Apparaturen als eine mehr oder weniger glatte Oberfläche erschien, so gab es auch gegenteilige Entwicklungen. Im 17. Jahrhundert rutschte das Dekolleté wieder tiefer, der Busen wurde sichtbarer (Abb. 7).

Die tiefen Dekolletés im Barock und später im Rokoko waren, ebenso wie die Korsetts am spanischen Hof, aristokratisch. Die grande toilette einer adeligen Dame umfasste neben ausladenden Reifröcken, die durch ihre Sperrigkeit bei Bewegungen sonst verborgene Körperteile wie Füße, Knöchel oder Knie für kurze Momente freilegten, ebenso das erotisch aufgeladene, tiefe Dekolleté. Hoch aufgetürmte Perücken und elaborierter Kopfputz in Form von federgeschmückten Hüten rückten den gesamten weiblichen Körper ›ins Bild‹. Diese Einkleidung signalisierte den größtmöglichen Abstand von jenen Bevölkerungsschichten, die nicht an der luxuriösen, dem Genuss und der Verschwendung zugewandten Lebensführung des Adels teilhatten. Der dergestalt hergerichtete Körper konnte sich erotischen Spielereien und Verführungskünsten widmen, aber kaum produktiver (Lohn-)Arbeit – und sollte das auch gar nicht. Die ästhetische Erscheinung des Körpers drückte die Ideale der dominanten Klasse aus.20

DAS KORSETT ALS SICHTBARKEITSMASCHINE

Das Korsett war im Laufe seiner Geschichte von einer nahezu unübersehbaren Flut an Kritik begleitet.21 Zuerst waren es moralische Gründe, die die vorwiegend männlichen Korsett-Gegner auf den Plan riefen. Später artikulierten Ärzte medizinische Bedenken, weil sie schädliche Wirkungen auf den weiblichen Körper erkannten. Die jüngste Kritik im 19. und 20. Jahrhundert wurde dann maßgeblich von der Frauenbewegung bestimmt, und diese führte schließlich auch zum weitgehenden Verschwinden des Korsetts aus der Alltagsgarderobe der Frauen. In all diesen Phasen verband sich Geschlechterpolitik mit Sichtbarkeit.

Die Anfänge des kritischen Korsett-Diskurses konzentrierten sich auf einen thematischen Konnex, dem wir schon bei den Darstellungen der Luxuria begegnet sind: Busen und Sünde. Im Prinzip galt immer noch das für die frühmittelalterlichen Darstellungen bestimmende Moment der Abwehr des nackten Busens. Er machte sinnfällig, dass Frauen seit Eva vor allem als Verführerinnen der Männer agierten und als solche zu reglementieren seien. Viel von den jeweiligen Moden ist durch Literatur zu erfahren, in der zeitgenössische Bekleidungspraktiken kritisiert werden. Der Busen bildet dabei, wie wir gleich noch sehen werden, ein zentrales Thema. Fast immer geht es um die Frage, wie viel von ihm sichtbar sein darf. Im Fokus stehen weniger die Frauen als die Männer, die vor der Gefahr der Verführung geschützt werden sollen, die vom entblößten Busen ausgeht. Zunächst galt der Busen zwar als ähnlich eng mit Begehren und Sexualität verbunden wie die Vulva, aber er löste weder Erschrecken noch Abscheu aus. Es sollte nur »Auswüchsen« der Mode Einhalt geboten werden, wie sie der französische Prediger Michel Menot in den tiefer nach unten wandernden Dekolletés im 15. Jahrhundert erkannte. Er tadelte Damen, deren »Brust bis zum Bauch zu sehen ist, mit einem weißen Schleier darüber, hinter dem man jede Einzelheit erkennen kann«.22 Ein Beleg dafür, dass die Dekolletés tiefer wurden und die nackte Haut mit mehr oder weniger durchsichtigen Tüchlein bedeckt. Erst später häufen sich Belege, in denen die Brüste wegen ihrer Fähigkeit, Begehren zu entfachen, ähnlich der Vulva als ›schmutzig‹ bezeichnet werden. Mitte des 17. Jahrhunderts malte der französische Jesuit Paul de Berry den Trägerinnen freizügiger Dekolletés aus, was sie nach dem Tod erwartet: