Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Brutus führt ein einsames Leben in einer Welt, in der Magie nichts Ungewöhnliches ist. Er ist über zwei Meter groß, hässlich, und stammt aus einer Familie von schlechtem Ruf. Niemand, er selbst eingeschlossen, hält ihn für gut genug, mehr als nur Knochenarbeit zu verrichten. Aber Heldentum kommt in allen Formen und Größen. Als er bei der Rettung eines Prinzen schwer verletzt wird, ändert sich sein Leben schlagartig. Er wird in den Palast von Tellomer gerufen, um als Wärter für einen Gefangenen zu dienen. Das hört sich recht einfach an, stellt sich aber als die größte Bewährungsprobe seines bisherigen Lebens heraus. Wenn man den Gerüchten Glauben schenken darf, ist Gray Leynham ein Hexer und Verräter. Sicher ist nur, dass er Jahre im Elend verbracht hat: blind, in Ketten gelegt und nahezu stumm durch sein fürchterliches Stottern. Und er träumt vom Tod anderer Menschen. Träume, die sich bewahrheiten. Brutus gewöhnt sich an das Leben im Palast und lernt Gray kennen. Er entdeckt dabei seinen eigenen Wert – erst als Freund, dann als Mann, und schließlich als Geliebter. Brutus lernt auch, dass Helden manchmal vor schwierige Entscheidungen gestellt werden und dass es nicht ungefährlich ist, die richtige Entscheidung zu treffen.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 470
Veröffentlichungsjahr: 2023
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Inhalt
Zusammenfassung
Anmerkung
Vorwort
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
Biographie
Von Kim Fielding
Mehr Bücher von Kim Fielding
Besuchen Sie Dreamspinner Press
Copyright
Von Kim Fielding
Brutus führt ein einsames Leben in einer Welt, in der Magie nichts Ungewöhnliches ist. Er ist über zwei Meter groß, hässlich, und stammt aus einer Familie von schlechtem Ruf. Niemand, er selbst eingeschlossen, hält ihn für gut genug, mehr als nur Knochenarbeit zu verrichten. Aber Heldentum kommt in allen Formen und Größen. Als er bei der Rettung eines Prinzen schwer verletzt wird, ändert sich sein Leben schlagartig. Er wird in den Palast von Tellomer gerufen, um als Wärter für einen Gefangenen zu dienen. Das hört sich recht einfach an, stellt sich aber als die größte Bewährungsprobe seines bisherigen Lebens heraus.
Wenn man den Gerüchten Glauben schenken darf, ist Gray Leynham ein Hexer und Verräter. Sicher ist nur, dass er Jahre im Elend verbracht hat: blind, in Ketten gelegt und nahezu stumm durch sein fürchterliches Stottern. Und er träumt vom Tod anderer Menschen. Träume, die sich bewahrheiten.
Brutus gewöhnt sich an das Leben im Palast und lernt Gray kennen. Er entdeckt dabei seinen eigenen Wert – erst als Freund, dann als Mann, und schließlich als Geliebter. Brutus lernt auch, dass Helden manchmal vor schwierige Entscheidungen gestellt werden und dass es nicht ungefährlich ist, die richtige Entscheidung zu treffen.
DAS SCHREIBEN von Brutus, der Dorftrottel begann etwas widersprüchlich.
Ich hatte davor noch keine Erfahrung mit dem Schreiben von Romanzen, und in denen, die ich gelesen habe, mussten die Helden gut aussehend sein, da die Leser sie sonst nicht zu schätzen wissen würden. Ich war anderer Meinung. Jeder hat das Recht, unabhängig ihres Aussehens, zu lieben und geliebt zu werden. Außerdem weiß ich, dass die Leser scharfsinnig genug sind, um die innere Schönheit eines Charakters zu erkennen. Nicht ein schönes Gesicht, sondern das Verhalten macht jemanden zu einem Helden.
So wurde der Charakter Brutus geboren – ein Mann, der von seinen Nachbarn aufgrund des schlechten Rufs seiner Familie verunglimpft wird und über zwei Meter groß und hässlich ist, aber dessen eigentlicher Wert sich zu erkennen gibt, als er die Chance erhält, sein wahres Ich zu zeigen.
Ein anderer Gedanke inspirierte mich, als ich Gray erschuf. Ich habe daran gedacht, wie vorschnelle Entscheidungen, die man manchmal trifft - vor allem wenn man jung ist -, zu Konsequenzen führen können, mit denen man für den Rest seines Lebens leben muss.
Mit ihnen beiden wollte ich zeigen, wie Freundschaft und Liebe helfen können, schwere Hindernisse zu überwinden und das eigene Potenzial auszuschöpfen.
Obwohl die Kulisse meines Buches erfunden ist, so gibt es doch immer wieder kleine Überschneidungen mit Orten, die ich selbst bereist habe. Der Tower of London, die Stadtmauern von Dubrovnik, verschiedene Schlösser und mittelalterliche Städte in Europa sowie magische Bergseen an der Westküste der USA. Aus diesem Grund fühlt es sich so an, als hätte ich persönlich im Palast des Königreiches gelebt.
Das Schreiben von Romanen ist ein extrem persönlicher Prozess. Jedes von mir geschriebene Buch ist eines meiner Kinder und einige von ihnen – so wie Brutus, der Dorftrottel – sind meine Lieblinge. Daher freut mich nichts mehr, als zu sehen, dass meine Leser sich ebenfalls in Brutus und Gray verliebt haben, aber auch in Alys und Warin, und vielleicht sogar ein wenig in Prinz Aldfrid und Lord Maudit. Umso mehr begeistert es mich, wenn sie auf dem Weg zum Happy End mitfiebern.
Brutus, der Dorftrottel war mein fünfter Roman; vor Kurzem veröffentlichte ich meinen 33. Roman. Wenn ihr Brutus, der Dorftrottel noch nicht gelesen habt, hoffe ich, dass ihr Brutus’ Geschichte genießt. Wenn ihr seine Geschichte schon gelesen habt, hoffe ich, dass das erneute Lesen sich anfühlt, als würdet ihre einen alten, geliebten Freund besuchen.
Ich bin dankbar für meine Lektoren, denn ohne ihre Hilfe wäre ich nicht so weit gekommen, und für die Unterstützung von Dreamspinner Publications. Der größte Dank gebührt meinen Lesern, denn sie begleiten mich auf dieser Reise und teilen meinen Glauben, dass Liebe ein Geschenk ist, das jedem Menschen zuteilwerden kann.
Kim Fielding
September 2022
DIESE GESCHICHTE ist schon lange in meinem Kopf herumgegeistert. Ich möchte mich bei allen bedanken, die mir geholfen haben, sie endlich zu Papier zu bringen.
Ich danke meinen Freunden Sheree Adams, Jan M. Mike und Ginny Palmieri, die Entwürfe und Manuskripte zu diesem Roman gelesen und mir versichert haben, dass auch meine Leser Brutus lieben würden. Durch ihre Hilfe ist seine Geschichte noch besser geworden. Mein herzlicher Dank gilt auch Karen Witzke, die Brutus aufpoliert und zum Glänzen gebracht hat. Und wie immer, bedanke ich mich auch bei Dennis, Allison und Quinn, die mich unermüdlich angefeuert und unterstützt haben. Sie sind das Licht meines Lebens.
MUSIK WAR sein Begleiter.
Brutus sang von einer Liebe, die dem Meer zum Opfer fiel, während er sich eine schwere Steinplatte auf die breiten Schultern hievte und langsam den gewundenen, engen Pfad hinaufstieg. Er sang leise, weil er wusste, dass er sich mit seiner tiefen Stimme und der Unfähigkeit, den Ton zu halten, fürchterlich anhörte. Wenn er zu laut sang, erntete er deshalb von den anderen Männern böse Blicke. Aber wenn er leise sang, war niemand nahe genug, um ihn zu hören. Die Musik erleichterte ihm seine Last und selbst der trügerische Pfad unter seinen Füßen fühlte sich sicherer an. Er sang die schlüpfrigen Trinklieder, die aus der Taverne unter seinem Zimmer durch die Decke schallten. Er sang die wehmütigen Balladen, die er von den Frauen hörte, wenn sie sich in der Dämmerung am Brunnen trafen. Manchmal summte er sogar die Wiegenlieder, an die er sich noch aus längst vergangenen Kindertagen erinnerte.
Es hatte die ganze Nacht geregnet und der Weg war sehr schlüpfrig, obwohl der Himmel jetzt wieder klar war. Brutus setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Seine nackten Zehen versanken tief im Schlamm und gaben ihm etwas mehr Halt. Vor einigen Jahren hatte er Geld gespart, um sich ein Paar Stiefel anfertigen zu lassen – die vorgefertigten, billigeren Stiefel des Schuhmachers waren ihm viel zu klein gewesen –, aber so gut sie auch gearbeitet waren, sie waren bald durchgelaufen. Brutus hatte daraus gelernt und vergeudete seine wenigen Münzen nicht mehr für solchen Luxus.
„Beeilung!”, schallte es ungeduldig vom Hügelkamm. Brutus ignorierte den Ruf. Er hatte nicht vor, auszurutschen und unten auf den scharfkantigen Felsen zu landen. Einen Schritt nach dem anderen schleppte er sich nach oben und sang dabei von einem Sturm und einem Schiffsuntergang, bis das Gelände flacher wurde. Grunzend ließ er die Steinplatte auf den Boden gleiten, wo sie mit einem leisen Platschen aufschlug.
Ohne sich damit aufzuhalten, die verspannten Muskeln zu lockern, drehte er sich um und machte sich auf den Rückweg, um den nächsten Stein zu holen. Er wurde von dem Vorarbeiter zurückgehalten, der ihn am Arm packte. Darius war ein schlanker Mann, dessen hartes, wettergegerbtes Gesicht permanent missmutig dreinblickte. „Du bist heute ziemlich langsam. Morgen kommt der Prinz persönlich, um unseren Fortschritt zu begutachten. Und ich will verdammt sein, wenn wir ihm keinen Fortschritt zu zeigen haben.”
„Der Pfad ist schlüpfrig.”
„Das ist mir scheißegal, und dem Prinzen wird es auch scheißegal sein. Setz deinen Arsch in Bewegung.”
Die harschen Worte waren nichts Ungewöhnliches und sie verletzten Brutus nicht. Sie trieben ihn aber auch nicht zur Eile an. So sehr Darius auch unter Druck stand, die Brücke schnell zu bauen, er konnte es sich nicht leisten, einen Arbeiter zu verlieren. Besonders nicht einen Arbeiter, der die doppelte Last eines normalen Mannes tragen konnte und die engen, gefährlichen Passagen des Pfades schneller bewältigte, als ein Pferd oder Maultier es gekonnt hätte. Brutus’ außergewöhnliche Größe und Kraft sicherten ihm seinen Arbeitsplatz, solange sein Rücken durchhalten würde.
Noch dreimal den Hügel runter, wo die Brüder Osred und Osric aufhörten zu meißeln, um eine weitere Granitplatte in die einfache Trageschlinge zu packen. Noch dreimal den Hügel hoch, mit dem warmen Schlamm unter den Füßen und einem Wiegenlied auf den Lippen.
Brutus kam gerade wieder oben an, da hörte er einen Aufschlag und lautes Fluchen. „Rühr das nicht an, verdammt!”, brüllte Darius einen anderen Arbeiter an. „Warte auf Brutus.”
Sie warteten, bis Brutus den Stein abgeladen hatte. Zwei Dutzend Augenpaare starrten ihn an, als wäre er persönlich für das Schlamassel verantwortlich. „Bring das hier weg”, befahl Darius und zeigte auf den Boden.
Ein enormer Baumstamm – er war in den Wäldern des Nordens gewachsen, bevor er gefällt, entrindet und hierhergebracht wurde, um als Baugerüst zu dienen – war vom Wagen gefallen und an den Rand der Klippe gerollt. Der halbe Stamm ragte ins Nichts. Wenn er in den Fluss fallen und weggeschwemmt werden würde, wäre es ein teurer Verlust.
„Steh hier nicht rum wie ein Idiot, Brutus. Hol das verdammte Ding zurück.”
„Das können auch die Pferde tun.”
„Ich werde keine Zeit vergeuden und die Pferde abschirren, an den Stamm spannen und dann wieder anschirren.”
Brutus sah den Stamm an und überlegte, ob er ihn alleine bewegen konnte und wie groß das Risiko war, dass sie beide über die Klippe stürzten und im Fluss landeten.
Darius kam auf ihn zu, die Hände zu Fäusten geballt. „So schwer ist es nicht. Selbst du solltest das sehen. Du nimmst das Scheißding und ziehst es von der Klippe weg. Fertig.”
Brutus überlegte, ob es sich weigern sollte, aber sein Vertrauen in seine Arbeitsplatzsicherheit war nicht unbegrenzt. Darius würde ihn ohne zu zögern rausschmeißen, wenn Brutus ihm allzu lästig wurde. Und vor allem würde er dafür sorgen, dass keiner der anderen Vorarbeiter ihm einen neuen Job gab. Brutus hatte keine Ausbildung und konnte nur die einfachsten körperlichen Arbeiten verrichten. Darius bezeichnete ihn manchmal als einen Ochsen mit Händen. Und ohne Job … na ja. Brutus hatte genügend Münzen gespart, um sechs Wochen davon leben zu können. Wenn er weniger aß, würden sie vielleicht zwei Monate reichen. Aber sobald der Winter kam, würde er verhungern oder erfrieren.
Die anderen Arbeiter standen im Kreis um sie herum und starrten ihn an. Vielleicht hofften sie auf eine Auseinandersetzung zwischen Brutus und Darius. So, wie sie Brutus manchmal ansahen, war ihm klar, dass sie ihn für einen übellaunigen Bären hielten, der jederzeit gewalttätig werden konnte. In Wahrheit sah er zwar furchteinflößend aus, hatte aber seit seiner Kindheit nicht mehr die Hand gegen einen Menschen erhoben. Und Darius war nicht sehr beliebt. Die Männer hätten nichts dagegen, wenn er ordentlich zurechtgestutzt und Brutus anschließend dafür gefeuert wurde. Aber vielleicht hofften sie auch einfach nur auf eine kurze Arbeitspause und etwas Abwechslung.
Was immer die Männer sich auch erhofften, von Brutus sollten sie es nicht bekommen. Er nickte Darius kurz zu und ging zu dem Baumstamm, um ihn sich genauer anzusehen. Er könnte ihn vielleicht die paar Meter bis zum Wagen zurückziehen, aber seine Arme waren – trotz ihrer Länge – zu kurz, um den Stamm ganz zu umfassen. „Ihr müsst ihn an mich binden”, sagte er, ohne jemanden speziell anzusprechen.
Einige der Männer ahnten eine neue Form der Unterhaltung und kamen sofort zu ihm. Sie schafften es mit einigen Schwierigkeiten, ein dickes Seil um den Stamm zu binden. Dann gaben sie das lange Ende des Seils an Brutus weiter, der es sich um die Brust schnürte. Brutus holte noch einige Male tief Luft, beugte dann die Knie und begann zu ziehen.
Am Anfang passierte gar nichts. Nur das Seil schnitt ihm schmerzhaft in Brust und Schultern. Brutus machte sich Sorgen um sein Hemd. Es würde eine weitere Reparatur wahrscheinlich nicht überleben. Er hätte es vorher ausziehen sollen. Dann hätte er sich zwar die Haut eingerissen, aber die heilte wieder. Doch dafür war es jetzt zu spät. Er holte wieder tief Luft und warf sich beim Ausatmen mit seinem ganzen Gewicht nach vorne.
Der Stamm bewegte sich etwas. Unglücklicherweise kam er aber auch ins Rollen, sodass er jetzt noch weiter über die Klippe ragte. Es fehlte nicht mehr viel, dann würde der in den Fluss fallen und Brutus mit sich ziehen. Und der würde den Sturz nicht so gut überstehen wie der Baumstamm. Brutus war an der Grenze zur Panik, als der Stamm ihn immer weiter nach hinten zog und seine Versuche erfolglos blieben, in dem feuchten Schlamm Halt zu finden. „Helft mir!”, rief er, aber niemand bewegte sich. Sie standen nur da und beobachteten sensationslüstern seinen vergeblichen Kampf. Wenn sie mehr Zeit gehabt hätten, sie hätten wahrscheinlich Wetten auf den Ausgang des Unternehmens abgeschlossen. Brutus fragte sich, wie sie seine Chancen wohl eingeschätzt hätten.
Das Seil schnitt tief in seine Brust und seinen Rücken. Er sagte sich, dass ein Sturz über die Klippe und auf die harten Felsen mehr schmerzen würde, dann brüllte er laut und warf sich wieder mit aller Macht nach vorne. Dieses Mal bewegte sich der Baumstamm in die richtige Richtung.
Sein Publikum reagierte sofort. Einige der Männer jubelten und feuerten ihn an, andere zischten enttäuscht. Brutus ignorierte sie und setzte keuchend einen Fuß vor den anderen. Seine Last wurde etwas leichter, weil er jetzt die Schwungkraft auf seiner Seite hatte. Aber sie war immer noch schwer und Brutus’ Herz schlug so wild, als wollte es seinen Brustkorb sprengen. Der Schweiß lief ihm übers Gesicht und brannte in den kleinen Wunden, die er sich im Laufe des Tages zugezogen hatte. Brutus ließ sich nicht irritieren, beugte sich vor und zog, was seine Kräfte hergaben.
Erst als er gegen den Wagen stieß, merkte er, dass er die Augen geschlossen hatte. Seine Beine gaben nach und er fiel auf den weichen Boden, wo er auf dem Rücken liegenblieb und keuchend nach Luft schnappte, froh, seine Last endlich los zu sein.
„Bewegt eure faulen Ärsche”, knurrte Darius. „Ladet den verdammten Baumstamm wieder auf den Wagen.”
Brutus blieb regungslos liegen, während sie das Seil vom Baumstamm lösten. Sie brauchten jeden einzelnen Mann, um das Mistding hochzuheben. Jemand trat Brutus auf die Hand, aber der schlammige Boden bewahrte ihn vor einer ernsthaften Verletzung. Der Stamm fiel mit einem lauten Schlag auf den Wagen. Brutus lag immer noch auf dem Boden, als die Pferde das Gespann wegzogen.
„Aufstehen”, sagte Darius und trat ihm ans Bein.
Brutus rappelte sich auf. Er spürte jeden Zentimeter seiner zwei Meter zwanzig, jedes Gramm seiner hundertfünfzig Kilo. Nicht zum ersten Mal wünschte er sich, er wäre ein normaler Mann mit normalen Aufgaben. Aber er hatte schon vor langer Zeit – noch bevor er die Worte kannte, um seinen Gedanken Ausdruck zu verleihen – gelernt, dass Wünsche nutzlos waren.
„Zurück an die Arbeit”, sagte Darius.
„Mir reicht’s für heute.”
Darius warf einen Blick in den Himmel. „Es ist noch eine Stunde hell.”
Brutus schüttelte den Kopf. „Mir reicht’s.”
„Ich ziehe dir einen halben Tag vom Lohn ab.”
Sie wussten beide, dass es unfair war. Brutus hatte mehr gearbeitet als die anderen Männer, von dem Baumstamm gar nicht zu reden. Aber Darius war stur und Brutus wusste, dass Fairness im Wortschatz des Vorarbeiters nicht vorkam. Er zuckte nur mit den Schultern, drehte sich um und ging den Pfad hinab.
Die Leute auf der Straße starrten ihm nach, als er ins Dorf ging, aber keiner schaute ihm in die Augen. Vor einigen Jahren hatte er es eine Zeit lang mit Freundlichkeit versucht. Er hatte gelächelt und die Menschen begrüßt. Keiner hatte zurückgelächelt oder ihm einen Guten Tag gewünscht, also hatte er es wieder aufgegeben. Wenigsten machten die alten Leute heute nicht das Zeichen gegen den bösen Blick, als er an ihnen vorbeiging. Die Kinder lachten ihn auch nicht aus und nannten ihn ein Monster. Trotzdem war es ein schier endloser Weg und sein Rücken fing zu jucken an, als der Schlamm trocknete und abfiel.
Der Vermieter im Weißen Drachen – ein rundlicher Mann namens Cecil – war Darius’ Cousin, aber das traf auf fast alle Dorfbewohner zu. Die wenigen, die nicht direkt mit dem Vorarbeiter verwandt waren, standen auf die eine oder andere Weise in der Schuld der Geddings. Darius’ Vater war jahrelang Sheriff gewesen, bis sein ältester Sohn, Darius’ Bruder, ihn abgelöst hatte. Der Priester des kleinen Tempels war ebenfalls ein Bruder und die Heilerin eine Tante von Darius. Daher konnte Brutus nicht viel dagegen unternehmen, dass sein Vermieter ihm viel zu viel Geld für Unterkunft und Verpflegung abverlangte. Die anderen Arbeiter lebten bei Verwandten oder in kleinen Hütten am Rand des Dorfes – die sie natürlich von den Geddings gemietet hatten –, aber Brutus musste sich mit einem winzigen Zimmer über der Gaststube des Weißen Drachen zufriedengeben, einem Zimmer mit einem zu kleinen Bett und mit Mäusen in den Wänden.
Im Hof hinter dem Gasthaus gab es einen Brunnen. Die Pferde im Stall schnaubten leise, als Brutus das Hemd auszog und sich einen Eimer Wasser über den Kopf kippte. In einem kleinen Schuppen hinter dem Haus gab es eine zerbeulte Badewanne, aber sie war zu klein für Brutus. Außerdem verlangte Cecil zwei Kupferstücke, wenn er sie benutzen wollte. Deshalb badete Brutus nur selten und meistens im Winter, wenn er das kalte Brunnenwasser nicht mehr ertragen konnte. Doch heute war es genau das, was er brauchte. Er rieb sich mit dem Hemd den schlimmsten Schmutz vom Leib und nahm sich vor, es heute Abend noch zu waschen. Dann sah er an seinem nackten Oberkörper herab. Lange blaue Flecken bildeten sich, wo er das Seil um die Brust gebunden hatte. Bis morgen würden sie noch schlimmer werden.
Brutus wusch sich die Füße und trank noch zwei Becher Wasser, dann stieg er die Treppe hinauf und ging in sein Zimmer.
Da er normalerweise von kurz nach Sonnenaufgang bis zum Einbruch der Dunkelheit arbeitete, sah er das Zimmer nur selten bei Tageslicht. Das sanfte Licht der untergehenden Sonne war nicht sehr schmeichelhaft in seiner Wirkung. Der nackte Holzfußboden war zerkratzt, an den Wänden klebte der Dreck von Jahrzehnten und die Vorhänge waren nicht mehr als armselige Stofffetzen. Das ganze Zimmer stank nach Rauch, Fett und abgestandenem Bier. Als Brutus den Deckel der Truhe öffnete, in der er seine wenigen Habseligkeiten aufbewahrte, quietschten die Scharniere.
In der Mitte der Truhe lang sein einziges anderes Hemd, sauber und ordentlich gefaltet. Es war ursprünglich für einen kleineren Mann angefertigt worden und der Schneider hatte es mit breiten Stoffbahnen passend gemacht, die am Saum und an den Seiten angenäht waren. Es war nicht sehr elegant, aber Brutus hatte schon lange aufgegeben auf seine Kleidung zu achten. Er zog das Hemd an und fuhr sich mit den Fingern durch die feuchten Haare – sie waren schon wieder zu lang geworden –, dann ging er nach unten in die Gaststube.
Cecil warf ihm einen missmutigen Blick zu. „‘s ist noch früh”, knurrte er.
Brutus ersparte sich eine Antwort. Er ignorierte die neugierigen Blicke der anderen Gäste und ging gesenkten Hauptes zu der Bank auf der anderen Seite der Gaststube. Es war die dunkelste Ecke des Raumes, selbst jetzt, wo die letzten Sonnenstrahlen sich noch durch die offene Tür stahlen. Als Brutus, er war damals fast noch ein Junge gewesen, vor Jahren im Weißen Drachen eingezogen war, hatte Cecil ihm diesen Platz zugewiesen. „Ich will nicht, dass du den anderen Gästen den Appetit verdirbst”, hatte Cecil gesagt, obwohl die Qualität des Essens das auch allein schaffte. Aber Brutus hatte sich nicht getraut, das laut zu sagen.
Kaum hatte er sich auf die Bank gesetzt, brachte Cecil ihm einen Krug abgestandenen, verwässerten Biers und einen Blechteller mit einem riesigen Berg … etwas. Brutus war oft dankbar, dass er in seiner dunklen Ecke nicht erkennen konnte, was sich auf dem Teller befand. Was immer es auch war, es schmeckte alles gleich: fad, leicht nach Wild, mit viel Fett und der verkochten Masse eines nicht mehr identifizierbaren Gemüses. Dazu gab es einen Brocken Brot, den Brutus in die Soße dippte, weil sein großer Körper jeden Bissen Nahrung brauchte, den er bekommen konnte.
Er aß schnell und spülte den Geschmack mit großen Schlucken aus dem Bierkrug runter. Bald war der Teller sauber und der Krug leer. Brutus wusste nicht, wie alt er war – wahrscheinlich siebenundzwanzig oder achtundzwanzig –, aber heute fühlte er sich wie achtzig. Jeder Muskel schmerzte, als er aufstand und durch die Gaststube ging. Weder Cecil noch seine Frau oder ihr Sohn wünschten ihm eine Gute Nacht. Es wäre auch das erste Mal gewesen.
Glücklicherweise hatte er das schmutzige Hemd mitgebracht und musste nicht extra die Treppe hochgehen, um es zu holen. Es wusch es in dem Trog am Brunnen so gut wie möglich aus und hoffte, dass die scharfe Seife den Schmutz einigermaßen entfernte, ohne das Gewebe noch mehr anzugreifen. Aber als er das Hemd hochhielt, entdeckte er einige neue Risse. Brutus seufzte frustriert und verschob das Flicken auf einen anderen Tag. Er konnte nicht sehr gut mit Nadel und Faden umgehen und war außerdem viel zu müde, um noch geradeaus zu sehen.
Yffi, der Stalljunge, kam vorbeigehumpelt, bevor Brutus das Haus erreichte. Er grinste Brutus schief an. Brutus grinste zurück. Yffi war mit einem verkrüppelten Fuß und einer Hasenscharte auf die Welt gekommen. Er hatte kaum mehr Glück im Leben als Brutus, aber seine Mutter war eine Gedding. Deshalb hatte man ihm eine Arbeit gegeben, mit der er zurechtkam. Er schlief im Stall auf dem Heu, was vermutlich bequemer war als das Bett in Brutus’ Zimmer. Außerdem sparte Yffi seinen Lohn, weil er eines Tages das schüchterne Mädchen heiraten wollte, das in der Küche des Sheriffs arbeitete. Yffi machte sich nie über Brutus lustig und ab und zu tauschten sie einige freundliche Worte aus. Deshalb versuchte Brutus, ihn nicht zu beneiden.
Die Treppe war heute besonders steil und knirschte lauter als gewöhnlich. Der Lärm aus der Gaststube drang durch den Fußboden ins Zimmer: Schreie, Gelächter, das Scheppern der Blechteller und Bierkrüge, die lauten Schritte der schweren Stiefel. Brutus bedauerte, dass heute Nacht niemand ein Lied sang, denn er war zu müde, um auch nur vor sich hin zu summen. Er hängte das nasse Hemd über die Lehne seines einzigen Stuhls, zog die Hose, sein Hemd und den Lendenschurz aus und faltete sie zusammen. Dann ging er nackt ins Bett. Er musste sich auf die Seite legen und die Beine anziehen, weil es zu kurz für ihn war. Die durchgelegene Matratze ließ nur eine Position zu, in der man halbwegs bequem liegen konnte. Brutus rutschte hin und her, bis er sie gefunden hatte. Dann sank er in einen tiefen, traumlosen Schlaf.
DIE HÄHNE krähten noch vor Sonnenaufgang. Kurz darauf waren vom Hof die ersten Geräusche zu hören. Götter, ihm tat jeder Muskel weh. Brutus stand vorsichtig auf und streckte sich, um die Verspannungen loszuwerden. Er drückte mit dem Finger auf die blauen Flecken, die das Seil hinterlassen hatte, und kratzte sich die behaarte Brust. Seine Hand glitt nach unten zu seinem Schwanz, der, wie jeden Morgen, sinnlos vorwitzig war. Sein Schwanz war der einzige Teil von ihm, der den Optimismus nie aufgab. Manchmal fragte Brutus sich, wie lange der dumme Kerl das noch durchhalten würde.
Einmal im Jahr, während des Herbstmondfestes, musste selbst Darius seinen Männern einen Tag freigeben. Dann wickelte Brutus seine gesparten Kupferstücke in ein Stück Tuch und machte sich auf den dreistündigen Fußweg in die Königsstadt Tellomer. Hocherhobenen Hauptes ließ er die Blicke und Hänseleien über sich ergehen, die hier noch schlimmer waren als in seinem Heimatdorf, wo die Menschen wenigstens an seinen Anblick gewöhnt waren. In den engen schmutzigen Gassen, in denen sich die Bordelle befanden, war am Nachmittag des Festes wenig Betrieb. Die Menschen verbrachten die Zeit mit ihren Familien. Nur die Ärmsten der Armen unter den Männern und Frauen warteten auf Kundschaft. Brutus ging zu dem düstersten, armseligsten Haus dort, das noch nicht einmal ein Schild oder einen Namen hatte. Der Mann an der Tür verlangte den doppelten Eintritt von ihm und dann ging der Streit los, bis einer der Prostituierten ausgedeutet wurde, der mit ihm gehen musste.
Brutus wartete immer geduldig in dem schmutzigen kleinen Empfangsraum ab, bis sie sich geeinigt hatten. Er versuchte, sich einen Rest seiner Würde zu bewahren, bis einer der armen Jungs – meistens der älteste und verlebteste – ihm ungeduldig zuwinkte und ihn mit in ein kleines Hinterzimmer nahm. Brutus sehnte sich nach Zärtlichkeit, wollte über zarte Haut streicheln und sich Zeit lassen. Aber wenn er das versuchte, würde der Junge – eigentlich der Mann, denn die meisten der Prostituierten waren älter als Brutus – nur angeekelt das Gesicht verziehen. Es endete meistens damit, dass sie sich nicht einmal auszogen. Brutus ließ die Hose runter, der Junge tat es ihm nach und leckte Brutus nachlässig über den Schwanz, um ihn zu befeuchten, drehte sich dann um und präsentierte Brutus seinen Arsch.
Auf dem Heimweg nahm Brutus sich jedes Mal vor, nie wieder in dieses Haus zurückzukehren. Doch wenn das nächste Fest kam, machte er sich wieder auf den Weg. Es war der einzige Tag im ganzen Jahr, an dem er von einem Menschen berührt wurde, und so bedeutungslos diese Berührungen auch waren, ohne sie würde er wahrscheinlich austrocknen und sterben. Oder – noch schlimmer – auch noch den Rest seiner Menschlichkeit verlieren und zu dem Monster werden, für das die anderen Menschen ihn jetzt schon hielten.
Bis zum Herbstmondfest dauerte es noch Monate und heute hatte er auch keine Zeit für die einzige andere Berührung, die sein Schwanz kannte – die seiner rechten Hand. Brutus warf dem aufdringlichen Körperteil einen warnenden Blick zu und zog sich an. Sein zerrissenes Hemd war mittlerweile getrocknet.
Brutus’ morgendliche Routine war nicht sehr abwechslungsreich. Er ging zur Latrine, die in einer Ecke des Hofs stand, wusch und rasierte sich an dem Waschtrog beim Brunnen und ging dann in die Taverne, wo Cecil ihm wortlos eine Schüssel mit klumpigem Brei und zähem Fleisch vorsetzte. Manchmal hatte Brutus Glück. Wenn Cecil besonders gut gelaunt war und die Hennen hatten besser gelegt, bekam er ein oder zwei Eier dazu. Heute war nicht so ein Tag. Er aß sein Frühstück und schnappte sich den Blecheimer, der auf der Theke stand. In dem Eimer war sein Mittagessen, das aus einer großzügigen Portion der geschmacklosen Pampe bestand, die der Weiße Drache üblicherweise servierte.
Brutus überholte auf dem Weg zum Fluss mit seinen langen Schritten einige der anderen Arbeiter. Sie wirkten nervös und er erinnerte sich daran, dass heute der Prinz erwartet wurde, der den Fortschritt der Bauarbeiten inspizieren wollte. Brutus hatte noch nicht oft adelige Herrschaften gesehen, aber manchmal ritt einer auf seinem feinen Pferd durchs Dorf. Brutus war sich nicht sicher, wie er sich gegenüber dem königlichen Besuch verhalten sollte. Wahrscheinlich war es das Beste, er hielt sich im Hintergrund und machte einfach seine Arbeit, wie es von einem Dorftrottel wie ihm erwartet wurde.
Der Prinz war noch nicht eingetroffen und Darius schon wieder der Raserei nahe. Einige Mitglieder seiner Familie standen ungeduldig am Fuß des Hügels und warteten auf den königlichen Besuch – der Sheriff mit seiner Frau, der Priester und drei seiner Ministranten, der frühere Sheriff und einige ältere Familienmitglieder sowie ein halbes Dutzend der reicheren Händler des Dorfes. Mit Ausnahme des Priesters und seiner Ministranten, die ihre weißen Roben trugen, waren alle in ihre Festtagsgewänder gekleidet. Die Schleppen an den Kleidern der Frauen schleiften im Dreck.
„Hört auf, so dumm zu gucken!”, brüllte Darius die Arbeiter an. „Ihr werdet für eure Arbeit bezahlt, nicht um hier rumzustehen wie die Idioten.” Einige der Frauen lachten und die Arbeiter gingen an ihren Platz zurück. Osred und Osric meißelten an einem Stein, um ihn in Würfelform zu bringen. Sie würden im Lauf der nächsten Woche wahrscheinlich genug Steine produziert haben, um das Fundament und die Pfeiler der Brücke fertigzustellen. Andere Männer liefen den Hügel auf und ab, um die anderen Einzelteile für das Bauwerk an ihren Platz zu bringen. Brutus suchte nach der Trageschlinge, die er gestern einfach liegengelassen hatte. Es schmerzte, als er sie umlegte, aber glücklicherweise saßen die Gurte einigermaßen locker und schnitten nicht allzu tief ein.
Osric und Osred beluden ihn mit einem Stein, dann begann Brutus den ersten Aufstieg dieses Tages.
Der Morgen war bereits halb um, als der Prinz mit seinem Gefolge eintraf. Brutus war gerade auf dem Weg hügelabwärts, da hörte er das Klappern der Hufe, noch bevor die Reiter sichtbar wurden. Er war erleichtert über ihr Eintreffen, denn die wartende Menge wurde zunehmend unruhig und Darius von Minute zu Minute bösartiger. Der Vorarbeiter hatte eine Gerte in der Hand, mit der normalerweise die Zugpferde angetrieben wurden. Wahrscheinlich hätte er sie am liebsten gegen seine Männer eingesetzt.
Brutus ließ sich durch die Ankunft des Prinzen in seiner Arbeit nicht unterbrechen. Er wartete stoisch ab, bis ihm der nächste Stein auf den Rücken gepackt wurde. Die wartende Menge begrüßte den königlichen Besucher mit lautem Jubel. Bis der Prinz endlich vom Pferd stieg, war Brutus schon wieder auf halbem Weg zur Hügelkuppe.
Als er wieder unten ankam, stand der Prinz immer noch unten und unterhielt sich laut mit dem Sheriff über die Transportkosten. Brutus warf ihm einen verstohlenen Blick zu, während er auf Osric und Osred wartete. Prinz Alfrid war ein hochgewachsener Mann Mitte dreißig. Er sah recht gut aus, hatte volle, blonde Haare und einen Spitzbart. Seine Reisekleidung war hervorragend gearbeitet, aber einfach geschnitten und ohne überflüssige Verzierungen. Sie hob sich auffallend von der Bekleidung der Dorfhonoratioren ab, die mit ihren Festtagsgewändern protzig und sogar etwas lächerlich wirkten. Brutus hätte ihn nie für den Sohn eines Königs gehalten, wenn die anderen ihn nicht so ehrfurchtsvoll behandelt hätten.
Brutus lächelte still vor sich hin, als sich Prinz Alfrid plötzlich umdrehte und ihn sah. „Was ist denn das?”, rief der Prinz mit dröhnender Stimme.
Darius runzelte die Stirn. „Niemand. Nur einer der Arbeiter.”
Prinz Alfrid lachte. „Er sieht aus wie mehrere der Arbeiter.” Während die Geddings und ihre Begleiter Brutus missbilligend musterten, kam der Prinz zu ihm, blieb einige Schritte vor ihm stehen und sah an ihm auf – und auf und auf – und wieder herab.
Brutus wusste nicht, was er tun sollte. Sollte er sich verbeugen? Sollte er etwas sagen? Er kam sich doppelt so groß und dreimal so hässlich vor. Also blieb er einfach stehen wie eine schwachsinnige Statue.
Der Prinz legte den Kopf schräg. „Wer bist du?”, wollte er wissen.
„I-Ich bin …”
„… Brutus, der Hässliche”, vollendete Darius den Satz für ihn. „Er ist unwichtig, Euer Hoheit. Er ist nur ein dummer Trottel und Träger. Wenn Ihr jetzt mit unserem Baumeister reden wollt …”
„Ich will mit Brutus reden”, unterbrach ihn der Prinz. „Ich nehme doch an, dass er reden kann.” Die Worte waren scherzhaft gemeint und Brutus konnte den Humor in den blauen Augen des Prinzen aufflackern sehen. Es war ein gutmütiger Humor.
„Kann ich. Reden. Euer Hoheit.” Brutus hoffte, den richtigen Titel benutzt zu haben.
„Reden und tragen. Ein Mann mit vielen Talenten. Und wenn es zu heiß wird, kannst du den einfachen Sterblichen um dich herum auch Schatten spenden.”
Prinz Alfrid lächelte und Brutus musste ebenfalls grinsen. „Und Schutz bei Regen und Sturm, Euer Hoheit.”
Brutus gefiel das Lachen des Prinzen. Es war laut, als wäre er Publikum gewöhnt, aber es war ehrlich. Und er lachte Brutus nicht aus. Er lachte über den kleinen Witz, wie Freunde miteinander lachten, wenn sie im Gasthaus saßen. Wie Osred über Osric lachte, wenn sein Bruder Darius nachmachte. Der Prinz schlug Brutus sogar lachend auf den Arm. „Bist du jemals auf den Gedanken gekommen, der königlichen Garde beizutreten?”, fragte er.
„Der königlichen Garde?”
„Wir müssten dich kaum ausbilden. Wir müssten dir nur eine Streitaxt in die Hand drücken und dich vor den Palasttoren postieren. Kein Bösewicht würde es wagen, an dir vorbeizukommen.”
Brutus sah sich für einen kurzen Moment in prächtiger Uniform und einem Schild in der Hand, wie er stolz den Prinzen bewachte. Er hätte wahrscheinlich sogar Stiefel, schwarz und glänzend. „Ich, äh …”
„Er ist nur ein Lasttier, Euer Hoheit”, unterbrach Darius. „Für mehr fehlt ihm der Verstand. Außerdem ist er nicht der Typ, der etwas bewachen sollte. Sein Vater ist als Dieb gehängt worden und seine Mutter war eine billige Hure. Deshalb sieht er so aus, wie er aussieht.”
„Das war sie nicht”, flüsterte Brutus kaum hörbar.
Der Prinz sah Darius an, rollte mit den Augen und drehte sich wieder zu Brutus um. „Wenn ich mit meiner Tour fertig bin, unterhalten wir uns weiter, ja?” Die hässlichen Worte des Vorarbeiters schienen ihn nicht im Geringsten beeindruckt zu haben.
„Natürlich, Euer Hoheit”, murmelte Brutus. Prinz Alfrid berührte ihn noch einmal kurz am Arm und ließ sich dann weiterführen.
Die bunt gekleidete Menge folgte dem Prinzen und seinen Begleitern auf den Hügel. Ihre Unterhaltung war laut und aufgeregt. Sie kamen Brutus vor wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen. Brutus blieb stehen und ließ sich von den Brüdern einen Stein in die Schlinge packen. Er musste an die freundliche Art denken, mit der der Prinz ihn behandelt hatte und vergaß darüber fast seine verkrampften Muskeln und die Schmerzen in der Brust. Prinz Alfrid sah ihn als ein Wunder, als einen Mann mit Potenzial, nicht als einen hässlichen Idioten und Dorftrottel. Brutus lächelte und summte leise vor sich hin, als er den Hügel hinaufstieg.
Für Brutus war die Brücke kein Wunderwerk der Baukunst. Doch was wusste er schon darüber? Der Prinz schien sich jedenfalls nicht mehr losreißen zu können. Brutus lief sechsmal den Hügel rauf und runter, während der Prinz die Pfeiler besichtigte, die schon fast fertiggestellt waren. Bald würde man mit dem Bau des hölzernen Brückendecks beginnen, aber damit hatte Brutus nichts mehr zu tun. Er würde dann auf der anderen Seite des Flusses arbeiten, wo die neue Straße gebaut wurde. Wenn man den Gerüchten Glauben schenken durfte, die im Dorf die Runde machten, würden die Brücke und die neue Straße die Reisezeit zwischen Tellomer an der Küste und der Stadt Harfaire im Inland um fast einen Tag verkürzen. Außerdem würden viele Reisende durch das kleine Dorf kommen und die Geddings kalkulierten wahrscheinlich schon die Gewinne, die ihnen der Durchgangsverkehr bringen würde.
Als Brutus das siebte Mal den Hügel hinaufstieg, sah er den Prinzen am Rand der Klippe stehen und auf den Fluss hinausblicken. Brutus fand, dass er sehr königlich aussah. Wie ein Mann, der leicht die ganze Welt erobern konnte.
Die Dorfbewohner standen etwas weiter entfernt und unterhielten sich mit den Männern aus der Gefolgschaft des Prinzen. Vermutlich waren auch die Geldgeber des königlichen Bauprojekts darunter. Jedenfalls hatten sie alle den geschäftstüchtigen, raffinierten Blick von Menschen, die ihren Lebensunterhalt mit dem Zählen von Münzen verdienten. Brutus fragte sich, wie die Geddings es wohl geschafft hatten, dass der König die Brücke ausgerechnet hier bauen ließ, anstatt in einem der Dörfer flussabwärts, die näher bei Tellomer lagen.
Vielleicht interessierte Prinz Alfrid sich nicht für die finanziellen Angelegenheiten. Jedenfalls schien er die Gespräche zu ignorieren und ging weiter auf die Klippe zu, bis seine Fußspitzen über den Abgrund ragten.
Und dann gab der Boden nach.
Wenn Brutus später an diesen Moment zurückdenken würde, sollte er erkennen, dass der Regen den Boden aufgeweicht haben musste und die Kante gestern durch das Gewicht des Baumstamms wahrscheinlich noch zusätzlich an Stabilität verloren hatte. Vielleicht hätte jemand darauf achten sollen. Darius hätte den Prinzen warnen sollen, sich nicht zu nahe an die Kante zu begeben. Aber das hatte Darius nicht getan, und jetzt gab der Boden nach. Prinz Alfrid schrie erschrocken auf, dann war er auch schon verschwunden.
Die Geddings, die Begleiter des Prinzen, die Arbeiter, Brutus … sie alle standen nur mit offenem Mund da und starrten auf die Stelle, an der eben noch der Prinz gestanden hatte. Brutus war der Erste, der sich wieder bewegte. Obwohl er viel weiter weg war als die meisten Anwesenden, lief er mit seinen großen Schritten auf die Kante zu und kam als erster dort an. Ohne auf seine eigene Sicherheit zu achten, warf er einen Blick in die Tiefe.
Prinz Alfrid war etwa zwölf Meter tief gefallen und lag, mit dem Gesicht nach unten, unbeweglich auf einem kleinen Felsvorsprung. Eines seiner Beine stand in einem unnatürlichen Winkel vom Körper ab. Der Vorsprung war so klein, dass die Arme des Prinzen über den Rand hingen. Wenn er sich auch nur einen Zentimeter zur Seite rollte, würde er noch tiefer fallen und wahrscheinlich auf den harten Uferfelsen aufschlagen.
Brutus murmelte einige kurze Worte an die Adresse der Götter – richtige Gebete hatte er nie gelernt – und ließ sich über den Rand der Klippe gleiten.
Bis zum Alter von neun oder zehn Jahren war er ein ganz normaler Junge gewesen, vielleicht sogar etwas kleiner als seine Altersgenossen. Er war natürlich auch damals schon hässlich gewesen und der verwaiste Sohn eines Diebes. Die anderen Jungen hatten ihn das erbarmungslos spüren lassen und ihn gejagt. Er war mehr als einmal verprügelt worden, weil sie alle wussten, dass ihn niemand beschützen würde. Brutus hatte seine Tage damit verbracht, Botengänge zu erledigen und die Ställe seines Großonkels auszumisten. Wann immer er etwas Zeit fand, war er zum Fluss gelaufen, wo er auf die Felsen kletterte und sich in einer kleinen Höhle versteckte. Manchmal hatte er in warmen Nächten sogar dort geschlafen, immer dann, wenn sein Onkel so betrunken war, dass er nach dem Rohrstock griff. Der Großonkel war im selben Jahr gestorben, in dem Brutus plötzlich seinen Wachstumsschub bekam. Seitdem hatte er seine Besuche am Fluss aufgegeben und angefangen, seinen Lebensunterhalt zu verdienen.
Jetzt war er viel größer und wog ein Vielfaches seines damaligen Körpergewichts. Aber seine Hände und Füße erinnerten sich noch gut daran, wie man an den Felsen Halt fand. Und jetzt war er auch so stark, dass er sein Gewicht mit den Händen halten konnte, wenn seine Füße keinen Halt mehr fanden. Langsam kletterte er nach unten und schaute nur ab und zu nach oben, wo aufgeregte Gesichter jede seiner Bewegungen verfolgten.
Es dauerte nicht lange, bis er auf dem kleinen Vorsprung ankam. Er musste vorsichtig sein, weil er den Prinzen nicht erschrecken und mit ihm in den Abgrund stürzen wollte. Brutus kniete sich auf den Boden und war erleichtert, als der Prinz leise stöhnend den Kopf bewegte.
„Er lebt!”, rief er den Leuten oben zu. „Nicht bewegen, Euer Hoheit. Bitte nicht bewegen”, sagte er dann leiser zu dem Prinzen.
Prinz Alfrid stöhnte wieder und drehte den Kopf zur Seite. Dann öffnete er blinzelnd die Augen. „Brutus?”, krächzte er.
Brutus war unerklärlich froh, dass der Prinz sich an seinen Namen erinnerte. „Ihr seid gefallen, Sir. Ich … ich helfe Euch zurück nach oben.”
Der Prinz wollte sich bewegen und stöhnte wieder, als Brutus ihn an der Schulter packte. „Nicht!”, befahl Brutus. „Ihr … seid sehr nahe an der Kante.”
„Ich … Oh. Ich glaube, mein Bein ist gebrochen.”
Erst jetzt fiel Brutus das Blut auf, das den Felsen rot färbte. Viel Blut. „Äh … Euer Hoheit?”
„Hör um Himmels willen mit der Hoheit auf. Jedenfalls so lange, bis du mich gerettet hast.”
„Äh, ja.” Brutus schaute wieder nach oben, aber niemand machte Anstalten, ihnen zu helfen. „Wenn wir dich in meine Trageschlinge packen würden, könntest du dich dann festhalten, bis ich uns wieder hochgebracht habe?”
„Verdammt … Ich gebe mein Bestes.”
Der Prinz hörte sich schon wieder etwas besser an und Brutus schöpfte Hoffnung. Vorsichtig brachte er ihn in eine bessere Position, aber als er das gebrochene Bein bewegen musste, schrie der Prinz vor Schmerzen auf. „Verdammter Narr”, grummelte der Prinz.
„Verzeihung!”
„Nicht du. Ich!”
Dem konnte Brutus nicht widersprechen. Der Prinz hätte vorsichtiger sein sollen. Schweigend und so rücksichtsvoll wie möglich manövrierte er den Prinzen in seine Trageschlinge, ohne den nahen Abgrund aus den Augen zu lassen. Der Prinz gab sich alle Mühe, ihm dabei zu helfen. Sobald er sicher in der Schlinge saß, schlang er die Arme von hinten um Brutus’ Hals.
„Erwürge mich nicht”, warnte Brutus.
„Das wäre in der Tat kontraproduktiv.”
Der Rückweg war eine Herausforderung. Das Gewicht des Prinzen war fast zu viel für Brutus’ Arme und brachte ihn außerdem aus dem Gleichgewicht, weil es ihn nach hinten zog. Dazu kam, dass der heiße Atem in seinem Nacken eine fürchterliche Ablenkung gewesen wäre, hätte er sich nicht darauf konzentrieren müssen, den Halt nicht zu verlieren und mit seiner wertvollen Last abzustürzen.
Als sie halb oben waren, fing Darius mit einiger Verspätung an, Befehle zu brüllen. „Nimm den Fels da! Nein, den nicht, du Idiot! Pass auf, wo du deine Füße absetzt!”
Brutus ignorierte ihn. „Was für ein Arschloch”, flüsterte der Prinz ihm ins Ohr. Unter anderen Umständen hätte Brutus laut gelacht. Aber die Stimme des Prinzen hörte sich erschöpft an und sein Griff wurde schwächer. Wenn er das Bewusstsein verlor, würde er fallen und Brutus wahrscheinlich mit sich in die Tiefe reißen.
„Fast geschafft”, log Brutus. Seine Arme und Schultern brannten, sein Rücken war ein einziger Muskelkrampf und seine Beine fühlten sich an wie Cecils verkochte Nudeln. Die Prellungen vom Vortag waren wie Messerstiche in seinen Rippen. Wenn er diesen Aufstieg überlebte, würde er den Rest des Tages wieder freinehmen. Und wehe, wenn ihm Darius dafür auch nur ein Kupferstück vom Lohn abzog.
Brutus war noch ungefähr fünf Meter von der rettenden Kante entfernt, als seine linke Hand abrutschte. Sie glitten nach unten, Prinz Alfrid stöhnte vor Schmerz und ihr Publikum hielt die Luft an. Brutus war sich sicher, dass sie dieses Mal nichts mehr retten konnte. Dann fand er mit der rechten Hand Halt, klammerte sich fest und schob seine Füße in eine Felsspalte. Er taste mit der linken Hand über den Felsen und fand eine Unebenheit, an der er sich festhielt.
Brutus atmete tief durch und begann seinen Aufstieg von neuem.
Er konnte seine Finger und Zehen nicht mehr spüren. Er sah nichts mehr, außer dem grauen Felsen vor seiner Nase, und alles, was er hörte, war der keuchende Atem des Prinzen in seinem Nacken. Seine Lippen schmeckten nach Salz von dem Schweiß, der ihm übers Gesicht lief und er sehnte sich nach einem kühlen Bier. „Fast geschafft”, wiederholte er und dieses Mal war es die Wahrheit. Sekunden später, sie waren eine weitere Armlänge näher an der Kante, griffen Hände nach ihnen und zogen sie hoch. Brutus suchte mit den Füßen Halt, während er und der Prinz in Sicherheit gezogen wurden.
Dann lag er mit dem Gesicht in dem zertrampelten Gras. Seine Beine hingen immer noch über der Kante. Er hatte das Gefühl, der Prinz wollte ihn nicht loslassen, selbst als die Umstehenden ihn aus der Schlinge befreien und von Brutus’ Rücken ziehen wollten. Der plötzliche Verlust seiner Last war nicht die Erleichterung, mit der Brutus gerechnet hatte. Er wollte wissen, wie schwer die Verletzungen des Prinzen waren, war aber zu schwach, um seine Frage in Worte zu fassen. Er hätte sowieso keine Antwort bekommen. Alle – die Geddings, die Arbeiter und die Begleiter des Prinzen – redeten wild durcheinander, nahezu hysterisch wegen des fürchterlichen Schicksals ihres Prinzen. Keiner verschwendete einen Gedanken an Brutus.
Vielleicht war das auch gut so, denn als der Boden wieder nachgab, war Brutus der Einzige, der in die Tiefe fiel.
Für einen kurzen Augenblick hatte er das Gefühl zu schweben. Er schwebte über dem Fluss wie eine Wolke an einem windstillen Sommertag. Er hatte fast das Gefühl, als könnte er fliegen – weg von der Klippe und weg von diesem Dorf. Einfach nur weg. Stattdessen konnte er nicht mehr atmen und stürzte immer tiefer, schlug mit den Schultern und dem Rücken an die Felsen, bis es nicht mehr weiterging. Er hörte ein lautes Knacken, spürte aber keinen Schmerz. Dann schlug er mit dem Kopf auf und ihm wurde schwarz vor Augen.
BRUTUS WUSSTE nicht, ob seine Mutter wirklich eine Hure gewesen war. Doch er wusste, dass sie seinen Vater geliebt hatte. Und sein Vater hatte seine Mutter geliebt. Sie lebten damals in einer kleinen Hütte aus Stein und Holz am Rand des Dorfes. Brutus konnte sich erinnern, dass sie oft zusammen gesungen hatten. Wahrscheinliche hatten seine Eltern auch oft getrunken, denn er konnte sich an den Geruch von Bier und Wein erinnern. Aber sie waren glücklich gewesen. Sie lachten oft zusammen und als Brutus noch sehr, sehr klein war – so klein, dass die ganze Welt zu groß war, um sie zu erfassen –, ließen sie ihn manchmal bei sich im Bett schlafen. Es war warm und weich und sie kitzelten ihn und sagten ihm, dass er eines Tages ein wunderbares Leben haben würde. Vielleicht glaubten sie es sogar selbst. Aber vermutlich waren sie doch nur betrunkene Narren gewesen.
Eines Tages hörte er Brüllen, Schreien und Weinen. Seine Mutter brach auf dem Boden zusammen, schlug die Hände vors Gesicht und schluchzte herzergreifend. Brutus versuchte vergebens, sie zu trösten. Danach sah er seinen Vater nur noch ein einziges Mal – auf dem kleinen Dorfplatz, wo er bleich und ängstlich auf einem improvisierten Podest aus Holz stand. Die Hände waren hinter seinem Rücken gefesselt und der Sheriff stand mit düsterer Miene an seiner Seite. Brutus’ Vater lächelte ihm und seiner Mutter noch einmal zitternd zu, dann war ein fürchterliches Krachen zu hören und er schwang an dem Seil, das ihm um den Hals gelegt worden war.
Am Nachmittag waren die Männer gekommen und hatten alles mitgenommen. Die Hühner und die Ziege, die Töpfe und das Geschirr. Sie hatten auch die wunderschönen Holztiere mitgenommen, die Brutus’ Vater geschnitzt und ihm zum letzten Herbstmondfest geschenkt hatte. Und den weichen, warmen Schal seiner Mutter und ihre hübschen Ringe, selbst die Stiefel seines Vaters. Dann hatten sie den Tisch und die Stühle und die Kommode und Brutus’ kleines Bett aus dem Haus getragen und – ganz zum Schluss – das große Bett seiner Eltern. Er hatte seitdem nie wieder in einem so wunderbaren Bett geschlafen.
Nicht lange danach – vielleicht war es sogar noch am selben Tag gewesen – hatte Brutus’ Mutter ihn umarmt und auf den Kopf geküsst und ihm gesagt, er wäre ein guter Junge und sie würde ihn sehr, sehr lieben. Dann hatte sie etwas aus einer kleinen Flasche getrunken. Es roch bitter und scharf und Brutus hatte sich gefragt, warum die Männer die Flasche nicht auch mitgenommen hatten. Minuten später hatte seine Mutter sich auf dem Boden gekrümmt und Schaum stand ihr vor dem Mund.
Sein Großonkel hatte ihn nur widerstrebend aufgenommen. Brutus verbrachte die Nächte zusammengerollt und in zwei grobe Decken gehüllt in der Ecke einer weiteren Hütte. Es war eine sehr schmutzige Hütte. Als sein Großonkel schließlich starb, war Brutus in den Stall umgezogen. Es war eine Verbesserung. Dort hatte er weiches Heu und die Pferde gaben ihm von ihrer Wärme ab und leisteten ihm Gesellschaft. Sie rochen auch besser als sein Großonkel. Brutus fing mit einer Geschwindigkeit zu wachsen an, die ihm selbst Angst machte. Er stolperte oft über seine eigenen Füße und warf Dinge um, weil er sich noch nicht daran gewöhnt hatte, so groß zu sein. Damals wurde gerade mit dem Bau der Brücke begonnen und Darius gab ihm Arbeit als Träger. Brutus war aus dem Stall ausgezogen. Seitdem lebte er im Weißen Drachen in dem kleinen Zimmer mit dem Ungeziefer, den Mäusen und dem durchgelegenen, viel zu kleinen Bett.
Und deshalb musste er jetzt tot sein, denn er spürte eine weiche Matratze unter sich, ein Kissen unter seinem Kopf und warme, weiche Decken, in die er eingewickelt war. Alles roch sauber wie eine Frühlingswiese nach dem Regen. Das musste das Jenseits sein.
Aber nein. Er hatte Schmerzen am ganzen Leib. Sein Bein pochte, es hämmerte in seinem Kopf, seine linke Hand war verkrampft und wollte sich nicht öffnen lassen und seine Hüften waren irgendwie festgeschraubt. Solche Schmerzen konnte man im Jenseits nicht mehr spüren, oder?
Er wollte die Augen öffnen, aber seine Lider waren schwer wie Blei. Fast hätte er laut gelacht. Er, das große Lasttier, schaffte es nicht, seine Augenlider zu heben. Das Rätsel um seinen Aufenthaltsort wurde zu viel für seinen hämmernden Schädel. Brutus gab auf.
Danach schien die Zeit einen merkwürdigen Verlauf zu nehmen. Manchmal wachte er schmerzgeplagt auf und versuchte, in den verschwommen Formen und Farben und in den verzerrten Geräuschen einen Sinn zu erkennen. Dann wieder schien ihm die Wirklichkeit ins Gesicht springen zu wollen und das Licht veränderte sich oder jemand flößte ihm eine bittere Flüssigkeit ein. Brutus blieb nie lange genug bei Bewusstsein, um seine Umgebung wahrzunehmen und schon gar nicht, um wieder Ordnung in seine verwirrten Gedanken zu bringen.
Und dann, ganz langsam, konnte er wieder klar sehen und erkannte über sich dunkle Deckenbalken und weißen Verputz. Seine Schmerzen waren nur noch ein dumpfes Pochen, obwohl er die Hand immer noch nicht öffnen konnte. „Trink”, sagte eine scharfe Stimme, die ihm irgendwie bekannt vorkam.
Brutus drehte den Kopf zur Seite und konzentrierte sich. Ah. Hilma Gedding, die Heilerin des Dorfes. Sie war knochig gebaut und, seit er sie kannte, in mittleren Jahren. Vermutlich war sie schon in diesem Alter zur Welt gekommen und würde auch in diesem Alter sterben, denn älter wurde sie jedenfalls nicht. Eine graue Haube bedeckte ihre grauen Haare, sie trug ein graues Kleid und sogar ihre Augen waren grau. Sie hielt einen grauen Zinnbecher in einer ihrer großen Hände. „Trink”, wiederholte sie.
Brutus streckte den Hals, als sie den Becher an seine Lippen setzte. Es war kein Wasser, wie er gehofft hatte, sondern etwas Saures, das leicht nach Gras schmeckte. Er schluckte es trotzdem, weil er sich dachte, dass es ihm wahrscheinlich beim Heilen helfen sollte. Hilma nickte zufrieden und stellte den Becher ab. Dann zog sie die Decke von seiner Brust und drückte ihre Hände auf seinen Brustkorb. Einmal, als er noch klein gewesen war, hatte Hilma ihn geheilt, nachdem sein Großonkel ihm den Arm gebrochen hatte. Er hatte ihr sagen müssen, er wäre vom Heuboden gefallen. Sie hatte nie erkennen lassen, ob sie ihm die Geschichte abnahm oder nicht. Auch als Erwachsener hatte er sich schon zwei- oder dreimal schwer genug verletzt, um die paar Kupferstücke auszugeben, die sie für ihre Dienste verlangte. Deshalb wusste er, was ihn jetzt erwartete – ein leichtes Prickeln, das sich von seiner Brust auf seinen ganzen Körper ausbreitete, begleitet von einer angenehmen Wärme und Hilmas leisen Beschwörungen. Als sie die Hände wieder von seiner Brust nahm, hatten die Schmerzen etwas nachgelassen.
„Schlaf jetzt”, sagte sie.
„Aber …”
„Schlaf.”
Brutus wusste nicht, ob sie ihren Befehl mit Magie untermauerte, aber sie hatte es kaum gesagt, da sank er auch schon in einen erholsamen Schlaf.
Als er das nächste Mal aufwachte, gab sie ihm Tee und Brühe und legte die Hände auf seine Beine, bis er sie wieder einigermaßen problemlos bewegen konnte. Danach wusch sie ihn von oben bis unten. Es war Brutus etwas peinlich, aber er fand nicht die Kraft, sich dagegen zu wehren. Außerdem war das Tuch weich und das Wasser warm und die Seife roch nach Lavendel, so wie die kleinen Lavendelkissen, die seine Mutter immer in den Wäscheschrank gelegt hatte.
Es mochte am selben Tag gewesen sein oder erst am nächsten, als er im Nachbarzimmer Stimmen hörte und feststellte, dass er endlich wieder klar denken und das Gespräch verstehen konnte.
„… den Wagen morgen bereit, Euer Hoheit”, an der Brutus den Sheriff erkannte. Er lächelte erleichtert, weil der Prinz offensichtlich noch am Leben und in der Nähe war.
„Ich würde lieber reiten.”
„Euer Bein ist noch nicht verheilt”, widersprach Hilma. „Wenn Ihr reiten wollt, müsst Ihr noch eine Woche warten.”
„Götter, nein! Ich bin für eure Gastfreundschaft dankbar, aber ich möchte nach Hause.”
„Selbstverständlich.”
Die drei unterhielten sich noch einige Zeit über die Reisevorbereitungen des Prinzen. Brutus war schon fast wieder eingeschlafen, als der Prinz fragte: „Und was ist mit ihm?”
„Er heilt”, erwiderte Hilma. „Bald kann er wieder laufen.”
Brutus lächelte wieder, weil der Prinz nach ihm gefragt hatte. Er konnte sich nicht erinnern, dass sich nach dem Tod seiner Eltern jemals ein Mensch für sein Wohlbefinden interessiert hätte.
„Aber was wird aus ihm?”, wollte der Prinz wissen und Brutus’ Lächeln verwandelte sich in eine Grimasse.
Der Sheriff hörte sich ungeduldig an. „Um ihn braucht Ihr Euch keine Sorgen zu machen, Euer Hoheit. Ich bin sicher, Ihr habt wichtigere Dinge …”
„Er hat mir das Leben gerettet. Der Rest von euch hat nur dagestanden und zugesehen, aber er hat sein eigenes Leben für mich riskiert. Das macht ihn zu einer sehr wichtigen Angelegenheit.” Das betretene Schweigen wurde nur durch das Geräusch eines Krugs unterbrochen, der auf dem Tisch abgestellt wurde. „Hat er jemanden, der sich um ihn kümmert?”
„Sein Vater …”, fing der Sheriff an.
„… ist gehängt worden. Ich weiß. Sonst jemand?”
„Er hat sich immer um sich selbst gekümmert.”
Der Sheriff hatte recht, und doch spürte Brutus ein merkwürdiges Ziehen in der Brust. Er konnte sich sehr gut um sich selbst kümmern. Er sagte sich immer wieder, dass er keinen anderen Menschen brauchte. Er schaffte das schon. Er war stark.
Aber die nächsten Worte des Prinzen brachten seine Welt ins Wanken. „Er wird nicht mehr an seine bisherige Arbeit zurückkehren können.”
Wahrscheinlich redeten sie noch länger darüber, doch Brutus konnte nichts mehr hören, so laut war das Rauschen in seinen Ohren. Er schloss die Augen und sehnte sich nach dem entrückten Zustand zurück, in dem er die letzten Tage verbracht hatte. Brutus konnte die Wahrheit für kurze Zeit verdrängen, aber er konnte sie nicht ungehört machen. Er öffnete die Augen und zog langsam die Arme unter der Decke hervor.
Seine rechte Hand war in Ordnung. Sie hatte einige verblasste Narben und frische Wunden, aber die langen, kräftigen Finger ließen sich bewegen wie immer, ließen sich zur Faust ballen und wieder öffnen.
Er schaute auf seine linke Hand.
Sie war kein schockierender Anblick, wirklich nicht. Sie war nämlich nicht mehr da. Er sah seinen Arm, muskulös und stark, eine saubere, weiße Bandage, und … und nichts. Nichts Schreckliches, nur eine Hand, die nicht mehr da war.
Ein ersticktes Geräusch entrang sich seiner Kehle und er wollte aus dem Bett kriechen, als könnte er so vor sich und seiner Verstümmelung entfliehen. Doch seine Beine verhedderten sich in den Decken und wollten ihn nicht tragen, weil sie sein Gewicht nicht mehr gewohnt waren. Er fiel mit einem lauten Schlag auf den Boden.
Hilma und der Sheriff kamen ins Zimmer gerannt. Der Sheriff verzog das Gesicht und die Heilerin schüttelte den Kopf. Dann legten die beiden ihn wieder auf die Matratze und Hilma zog ihm die Decke über die nackten Beine und die Brust. Seine Arme ließ sie frei.
„Was …?”, fing er an. Er schluckte tief, zweimal sogar, aber er konnte die Frage nicht zu Ende bringen.
„Sie war vollkommen zerschmettert. Ich konnte sie nicht retten. Sie musste amputiert werden, sonst wäre sie verfault.”
„Aber … Meine Hand …”
„Sei froh, dass du noch lebst”, sagte der Sheriff. „Du bist in der kleinen Bucht nördlich der Brücke ans Ufer geschwemmt worden. Darius hat fast alle seine Männer gebraucht, um dich hierher zu bringen.”
Komisch. Brutus fühlte sich nicht sehr dankbar. Mit nur einer Hand konnte er nicht arbeiten. Seine paar Kupferstücke würden nicht lange reichen und dann … Nun, sie hätten ihn im Fluss liegen lassen sollen. Es wäre schneller gegangen.
Er wandte den Kopf ab und schloss die Augen.
BRUTUS WAR schon wach, als sich am nächsten Morgen jemand zu ihm aufs Bett setzte. Aber erst, als sich eine warme Hand auf seine Schulter legte und zudrückte, öffnete er die Augen. „Es tut mir leid”, sagte Prinz Alfrid. „Wenn ich mich nicht so unvorsichtig verhalten hätte, wäre dir das nicht passiert.”
Brutus war über die königliche Entschuldigung so überrascht, dass er sich für einen kurzen Augenblick besser fühlte. „Ich bin froh, dass es Euch gut geht, Euer Hoheit.”
„Ich werde noch einige Zeit humpeln müssen, aber damit kann ich leben.” Der Prinz lächelte und – Götter! – er war ein schöner Mann. „Ich glaube, mein Kopf ist nicht so dick wie deiner. Wenn ich da runtergefallen wäre, hätte ich es wahrscheinlich nicht überlebt. Vielen Dank.”
„Es … es ist mir eine Ehre.” Das stimmte. Brutus mochte ein hässliches Biest sein – und jetzt auch noch ein Krüppel –, aber er hatte das Leben eines Prinzen gerettet. Seine Mutter hatte doch recht gehabt.
Prinz Alfrid drückte wieder seine Schulter. „Du bist ein guter Mann. Pass auf – sobald es dir wieder besser geht und du reisen kannst, möchte ich, dass du in den Palast kommst.”
„Nach … nach Tellomer?”
„Ja. Du bist ein Held und verdienst eine Belohnung.”
Brutus überlegte, wie eine solche Belohnung wohl aussehen mochte. Eine Medaille? Eine Urkunde für seine tapferen Taten? Ein … ein neuer Hut vielleicht? Alles schön und gut, aber keine große Hilfe für einen Arbeiter mit nur noch einer Hand.
Der Prinz musste Gedanken lesen können, denn er lachte. „Eine Arbeit. Eine gute Arbeit mit einer Unterkunft, die besser ist als alles, was du in diesem Dorf finden kannst. Und ohne den verdammten Vorarbeiter.”
