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Eine weitere Reihe falscher Entscheidungen führt dazu, dass Parker Levin wieder bei seiner Mutter wohnt und in ihrem Café aushilft. Er fühlt sich wie ein kompletter Versager. Dann erfährt er, dass sein ehemaliger Freund Selbstmord begangen haben soll, was die Sache nur noch schlimmer macht. Er hat nicht mehr viel zu verlieren, als er in dem Café einen attraktiven Mann kennenlernt. Wes Anker hat vor zehn Jahren einen schweren Fehler gemacht. Seither lebt er zurückgezogen und hat kaum noch Kontakt zu anderen Menschen. Seinen Lebensunterhalt verdient er als Möbelschreiner. Als er zufällig einen faszinierenden jungen Mann - Parker - kennenlernt, lässt er sich überreden, ihm zu helfen. Vielleicht kann er seinen einstigen Fehler so wiedergutmachen. Sie freunden sich schnell an und fühlen sich zueinander hingezogen. Aber Wes wird immer noch von den Dämonen der Vergangenheit gejagt und Parker stolpert ohne Plan und Ziel durchs Leben. Dann finden sie heraus, dass der Tod von Parkers Ex vielleicht gar kein Selbstmord war, stoßen aber immer wieder auf Hindernisse, und überall lauert Gefahr. Ihr Weg führt ins Unbekannte. Führt er sie auch zu wahrer Liebe?
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Seitenzahl: 402
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Inhalt
Zusammenfassung
Prolog
1
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Epilog
Biographie
Von Kim Fielding
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Copyright
Von Kim Fielding
Band 3 in der Serie Liebe ist…
Eine weitere Reihe falscher Entscheidungen führt dazu, dass Parker Levin wieder bei seiner Mutter wohnt und in ihrem Café aushilft. Er fühlt sich wie ein kompletter Versager. Dann erfährt er, dass sein ehemaliger Freund Selbstmord begangen haben soll, was die Sache nur noch schlimmer macht. Er hat nicht mehr viel zu verlieren, als er in dem Café einen attraktiven Mann kennenlernt.
Wes Anker hat vor zehn Jahren einen schweren Fehler gemacht. Seither lebt er zurückgezogen und hat kaum noch Kontakt zu anderen Menschen. Seinen Lebensunterhalt verdient er als Möbelschreiner. Als er zufällig einen faszinierenden jungen Mann – Parker – kennenlernt, lässt er sich überreden, ihm zu helfen. Vielleicht kann er seinen einstigen Fehler so wiedergutmachen.
Sie freunden sich schnell an und fühlen sich zueinander hingezogen. Aber Wes wird immer noch von den Dämonen der Vergangenheit gejagt und Parker stolpert ohne Plan und Ziel durchs Leben. Dann finden sie heraus, dass der Tod von Parkers Ex vielleicht gar kein Selbstmord war, stoßen aber immer wieder auf Hindernisse, und überall lauert Gefahr. Ihr Weg führt ins Unbekannte. Führt er sie auch zu wahrer Liebe?
Portland, Oregon
November 2006
„PARKER HERSHEL Levin, hör sofort auf, mit dem Ding zu spielen, und mach deine Hausaufgaben.“
„Das mache ich doch, Mom.“ Parker legte den iPod auf den Schreibtisch. „Ich habe nur Musik gehört. Es hilft mir dabei, den Aufsatz zu schreiben.“
„Wie kommt es dann, dass du erst sechs Wörter geschrieben hast? Wenn ich erwachsen bin, will ich … Was willst du? Deine Zeit damit vergeuden, mit diesen Dingern zu spielen? Bei deinen Eltern im Souterrain wohnen, weil du über die neunte Klasse nicht hinausgekommen bist?“
„Mooom“, grummelte Parker und ließ den Kopf auf den Schreibtisch fallen. Der Tisch roch nach Radiergummi und der Cola, die er letzte Woche verschüttet hatte. Wenigstens hatte er den Computer nicht ruiniert, obwohl … so schlimm wäre das eigentlich gar nicht gewesen. Dann müsste er den Aufsatz jetzt mit der Hand schreiben und könnte das leere Blatt Papier leichter vor seiner Mutter verstecken.
Sie wuschelte ihm durch die Haare. „Komm schon, Junge. Was liegt dir denn heute auf der Seele? Abgesehen von den Hausaufgaben und dem Teenagersein im Allgemeinen?“
Parker stöhnte. Er wollte nur allein sein und in seinem Elend vor sich hin leiden, aber das ließ seine Mom nicht zu. Wenn Rhoda Levin sich erst mal an etwas festgebissen hatte, ließ sie nicht mehr los. Sie hätte für diesen dämlichen Aufsatz vermutlich keine fünf Minuten gebraucht.
„Ich soll über meine Berufsziele schreiben“, jammerte er.
„Und?“
„Ich habe keine.“ Seit er ein kleiner Junge gewesen war, hatten ihn Erwachsene immer wieder gefragt, was er denn werden wollte, wenn er groß war. Als er ungefähr vier Jahre alt war, hatte er kurz mit dem Gedanken gespielt, Müllmann werden zu wollen. Aber diese Phase war schnell wieder vergangen und seitdem war er ratlos.
Seine Mutter sah ihn nachdenklich an. Dann nickte sie, als wäre sie zu einem Entschluss gekommen. „Lass uns eine Ausfahrt machen.“
„Aber meine Hausaufgaben …“
„Aus denen wird sowieso nichts. Komm jetzt.“
Seine Mutter ermutigte ihn nicht oft, seine Pflichten zu vernachlässigen, also wollte Parker die Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen. Er stand auf, schlüpfte in Tennisschuhe und Hoodie und strich sich vor dem Spiegel die Haare glatt. „Wo fahren wir hin?“
„Wirst du schon sehen.“
Sie fuhren auf dem Sunset Highway Richtung Osten. Die Rushhour war schon vorbei und sie kamen gut voran. Parker schaute sehnsüchtig aus dem Fenster, als sie sich der Innenstadt von Portland näherten. Er hasste es, in einem Vorort zu leben. Beaverton war so … langweilig. So gewöhnlich. Hier war es viel interessanter. Aber seine Eltern erlaubten ihm nur selten, die Stadt zu besuchen, obwohl es eine Busverbindung gab. Du kannst deine Freunde besuchen, sagten sie. Oder ins Kino gehen oder in die Mall. Klasse. Die Mall. In der Mall gab es weder einen coolen Klamottenladen noch einen Antiquitätenladen mit den coolen Möbeln, die er so bewunderte und mit denen er sich eines Tages sein eigenes Zuhause einrichten wollte.
Auch heute Abend blieben sie nicht in der Innenstadt. Seine Mom fuhr weiter, über den Fluss und in den Osten der Stadt. Wie merkwürdig. Hierher kamen sie nur selten. Die Häuser waren älter als in Beaverton und sahen nicht alle gleich aus. Er stellte sich Geheimtüren und Dachböden voller mysteriöser Kisten mit alten Schätzen vor. Oder einen Keller. Was ihn wieder an die Angst seiner Mutter erinnerte, er würde die neunte Klasse nicht schaffen.
Nach einigen Kilometern hielt seine Mutter am Straßenrand an und stellte den Motor ab. „Lass uns aussteigen“, sagte sie und öffnete die Tür.
Was wollte sie hier? Parker stieg neugierig aus und zog sich die Kapuze über den Kopf, denn es hatte begonnen zu regnen. Dann folgte er seiner Mutter zu einem zweistöckigen Geschäftshaus mit einer zerfledderten Markise, die sie – mehr schlecht als recht – vor dem Regen schützte. Vor einem großen Schaufenster blieb sie stehen.
„Was hältst du davon?“, fragte sie ihn und zeigte auf das Fenster.
Er schaute durch die schmutzige Scheibe nach innen, konnte aber nicht viel sehen, da kein Licht brannte. Nur einige alte Tische und Stühle und eine Art Theke waren zu erkennen. „Es ist die reinste Müllhalde.“
„Jetzt vielleicht. Aber lass deine Fantasie spielen. Räum das Gerümpel raus, renoviere den alten Holzfußboden, streiche die Wände neu und hänge Bilder auf. Stell dir vor, an der Hinterwand steht eine große Glastheke mit Kuchen Gebäck und in den Regalen hinter der Theke Stapel mit hübschen Tellern und Tassen. Der Raum ist mit gemütlichen Stühlen und kleinen Tischen möbliert. Eine Musikanlage und … hmm. Vielleicht sogar ab und zu Livemusik. Ja, das ist eine gute Idee.“ Ihre Augen glänzten vor Begeisterung und sie lächelte strahlend.
Parker legte ihr den Arm um die Schultern. Es war immer noch ein merkwürdiges Gefühl, größer als seine Mutter zu sein. „Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst, Mom.“
„Von einem Café. Davon spreche ich.“
„Starbucks?“
Sie schnaubte verächtlich. „Nein, so was ganz bestimmt nicht. Ein einmaliges Café. Schrullig. Skurril sogar. Ein Café, in dem sich Menschen treffen und kennenlernen können, warm und gastfreundlich. Eine friedliche Oase für nette Leute. Und mit richtig gutem Kaffee.“
Parker kniff die Augen zusammen und schaute wieder durchs Fenster. Ja, wenn er sich etwas Mühe gab, konnte er sich vorstellen, was seine Mutter ihm beschrieben hatte. Es würde sogar richtig nett aussehen. Ein Ort, an dem er sich auch gerne aufhalten würde. „Und warum spielen wir dieses Spiel?“
„Weil es eines Tages vielleicht kein Spiel mehr sein wird.“ Sie schob ihm eine Locke hinters Ohr. „Wenn dein Dad aus Boise zurückkommt, will ich es ihm zeigen. Und wenn es ihm genauso gut gefällt wie mir, werden wir es vielleicht mieten.“
„Ihr … was?“ Parker fiel es oft schwer, Erwachsene zu verstehen, aber dieses Mal stand er vor einem kompletten Rätsel.
„Es mieten. Instandsetzen – mit deiner Hilfe natürlich, mein Junge – und ein Café eröffnen.“
Er ließ den Arm fallen, trat einen Schritt zurück und starrte sie ungläubig an. Nein, es war kein Scherz. Sie meinte es ernst. „Aber warum?“
„Du zitterst. Warum ziehst du immer diesen alten Fetzen an anstatt der kuscheligen Winterjacke, die ich dir gekauft habe?“ Sie seufzte vernehmlich. „Lass uns zurück ins Auto gehen.“
Er fror wirklich, aber das hätte er niemals zugegeben. Anstandslos folgte er ihr zum Auto und setzte sich auf den Beifahrersitz. Sie ließ den Motor an und schaltete die Heizung ein, fuhr aber noch nicht los. Stattdessen wühlte sie in ihrer Handtasche, bis sie eine Tüte Bonbons fand, ihm eines davon reichte und ein zweites auswickelte, um es sich in den Mund zu schieben. Sie hatte immer Bonbons dabei. Und Kleenex und Kugelschreiber und Kopfschmerztabletten und Fettstifte für die Lippen und Pflaster und Desinfektionsspray und Feuchttücher und Gummibänder und Büroklammern und Cracker. Parker war fest davon überzeugt, dass ihre Handtasche ein magisches Universum enthielt.
„Als ich in derselben Klasse war wie du, mussten wir keinen Aufsatz über unsere Berufswünsche schreiben“, sagte sie. „Wir haben einen Test gemacht. Auf einem Computer. Das war damals eine Riesensache, weil noch niemand einen Computer zuhause hatte. Der Computer hat uns dann gesagt, was wir werden sollten.“
Parker hätte nichts dagegen gehabt, wenn ihm ein Computer die Entscheidung abgenommen hätte. „Und was hat er dir geraten?“
„Dass ich Bauholz verkaufen soll.“
Parker hätte sein Bonbon beinahe wieder ausgespuckt. „Bauholz?“
„Die Software wurde von der Holzindustrie gesponsort, also hatten alle Vorschläge damit zu tun. Förster. Sägemühlenbetreiber. Fahrer für Holztransporte.“
Okay. Unter diesen Umständen war es vielleicht doch keine so gute Idee, die Sache einem Computer zu überlassen. „Aber du hast den Vorschlag nicht angenommen, oder?“
Sie antwortete nicht sofort, musterte stattdessen konzentriert die Konsole und fing an, mit einem Kleenex den Staub abzuwischen. Parker zupfte an einem losen Faden seines Hoodies.
„Weißt du, was ich wirklich werden wollte?“, fragte sie dann verträumt, als würde sie mit sich selbst reden.
Er schüttelte den Kopf. Woher sollte er das wissen?
„Ich wollte eine Talkshow moderieren. Wie Johnny Carson. Damals gab es kaum Frauen, die ihre eigene Show hatten. Keine Ellen DeGeneres und keine Oprah Winfrey. Aber das war mein Ziel. Und ich wollte keine Berühmtheiten interviewen, sondern ganz normale Menschen. Du weißt schon … Lehrer, Gärtner, Verkäufer. Ich war davon überzeugt, dass jeder Mensch interessante Geschichten zu erzählen hatte. Wir bekommen sie nur nie zu hören, weil wir nicht die richtigen Fragen stellen. Und das wollte ich tun – ihnen die richtigen Fragen stellen.“ Sie seufzte schwer. „Alle haben mir gesagt, es wäre ein lächerlicher Traum. Also habe ich stattdessen einen Abschluss als Diplomkauffrau gemacht und bin in der Personalabteilung einer Versicherung gelandet, anstatt normale Menschen im Fernsehen interessant zu machen.“
Parker wäre nie auf den Gedanken gekommen, dass seine Mutter jemals so außergewöhnliche Ambitionen gehabt hatte. Sie war für ihn einfach seine Mom, mehr nicht. Sie ging zur Arbeit, kam nach Hause und sorgte dafür, dass er den Termin beim Zahnarzt nicht vergaß und seine Hausaufgaben machte. Sie las die Zeitung, beschwerte sich über Kommunalpolitik und naschte Schokoriegel, wenn sie dachte, er würde es nicht bemerken. Sie half ehrenamtlich im Tierheim aus, weil sie Tiere liebte, während Parker auf alle allergisch war. Sie bestand auf Familienabenden. Wenn sie Trivial Pursuit spielten, gewann sie haushoch gegen Parker und seinen Dad, aber bei Monopoly und Cluedo war sie hoffnungslos schlecht. Sie war eine wunderbare Mutter, auch wenn sie ihm manchmal peinlich war. Deshalb konnte er sich kaum vorstellen, dass sie auch unerfüllte Träume und Wünsche hatte.
„Du verdienst doch recht gut in deinem Job, oder?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Sicher. Aber ich bin nicht mit dem Herzen dabei. Ich mag meine Kollegen. Teilweise jedenfalls. Aber ich hasse die vielen Formulare und diese verdammte Bürozelle mit ihren beigen Wänden. Ich hasse es, ständig professionell gekleidet sein zu müssen. Und weißt du, was ich noch hasse? Dass dein Dad seine Arbeit auch nicht sonderlich liebt, weil er geschäftlich so viel reisen muss. Nach Boise oder Louisville oder … wie hieß das noch davor?“
„Keine Ahnung. Ich glaube, es war irgendwo in Ohio.“
„Richtig.“ Sie tätschelte ihm das Knie. „Wir reden schon lange darüber und jetzt, mit dem Geld, das deine Großmutter uns vor einem Jahr hinterlassen hat, können wir diesen Traum endlich wahrmachen. Wir wollen unsere Jobs kündigen und ein Café eröffnen. Ich kann mich anziehen und die Wände streichen, wie ich will. Dein Dad bleibt in der Stadt. Ich bin mir sicher, wir werden beide sehr, sehr viel glücklicher sein als jetzt.“
Parker rieb sich das Kinn. Er musste sich noch nicht rasieren, hoffte aber, dass es bald so weit sein würde. Und vielleicht würde er sogar einige Muskeln zulegen und breitere Schultern bekommen. Er war es leid, wie ein Kind auszusehen.
„Das hört sich gut an, Mom. Echt cool. Bekomme ich dann freie Drinks und so?“
Sie lachte. „Aber selbstverständlich. Und einen bezahlten Job am Wochenende, falls du interessiert bist. Das Geld kannst du fürs College sparen. Oder dir ein neues Sweatshirt davon kaufen.“
Einen Job. Ihm gefiel der Gedanke, sein eigenes Geld zu verdienen. Und besser bei seinen Eltern als in irgendeiner Hamburger-Bude. „Okay.“
„Dann sind wir uns einig, Gonzo?“
Er wäre fast zusammengezuckt. Der alte Spitzname stammte noch aus der Zeit, als er keine Sendung der Muppets verpasste. „Sind wir, Stan.“
„Gut. Die Geschichte hat übrigens auch eine Message. Ich bin schon viel älter als du, Parker. Ich habe Jahrzehnte gebraucht, um eine Beschäftigung zu finden, die mir nicht nur Spaß macht, sondern bei der ich auch genug zum Leben verdienen kann. Du solltest kein schlechtes Gewissen haben, dich mit vierzehn Jahren noch nicht entscheiden zu können. Aber wenn du dann eine Idee hast? Lass sie dir von niemandem ausreden. Warte nicht ab, bis du so alt bist wie ich, um endlich etwas zu tun, woran du Freude hast.“
„Du bist noch nicht alt, Mom.“ Fünfundvierzig war in seinen Augen zwar schon ziemlich alt, aber das hätte er nie laut gesagt.
Sie lachte nur, legte den Gang ein und fuhr wieder los.
Auf der Rückfahrt sagte er lange nichts. Kurz bevor sie den Fluss erreichten, räusperte er sich. „Hey, Mom?“
„Ja, mein Schatz?“
Es war leichter, wenn sie sich auf die Straße konzentrieren musste und ihn nicht ansehen konnte. Die Scheibenwischer, die tapfer gegen den prasselnden Regen ankämpften, gaben ihm das Gefühl, sich an einem sicheren Ort zu befinden. Behütet zu sein. „Ich, äh … ich muss dir etwas sagen.“
Sie drängte ihn nicht, zu reden und damit rauszurücken – weder, als sie die Brücke überquerten, noch, als sie durch die Innenstadt fuhren. Sie wartete geduldig ab, bis er so weit war. Das liebte Parker so an seiner Mutter. Sie konnte sich in ein Thema verbeißen wie eine Bulldogge, aber wenn Parker über etwas nicht reden wollte, bedrängte sie ihn nicht. Sie ließ ihm Zeit, seine Gedanken zu ordnen, bevor er etwas sagte.
Sie kamen zum Highway und fuhren durch den Tunnel auf die andere Seite des Flusses. Als Parker noch ein kleines Kind gewesen war, hatte er seinen Vater oft angebettelt, hier unten auf die Hupe zu drücken. Manchmal hatte Dad sogar nachgegeben und ihm seine Bitte erfüllt. Heute erwähnte er das nicht. Er sagte kein Wort, bis sie schließlich an die Abfahrt zum Zoo kamen.
„Mom, ich bin schwul.“
Die Welt ging nicht unter. Vom Himmel wurden keine Blitze geschleudert und auf dem Sunset Highway öffnete sich kein Abgrund, um sie zu verschlingen. Seine Mom erschrak noch nicht einmal und baute einen Unfall, obwohl sie ihm einen kurzen Seitenblick zuwarf, bevor sie die eine Hand vom Lenkrad nahm und ihm das Knie tätschelte. „Danke für dein Vertrauen. Ich bin froh, dass du es mir gesagt hast.“
„Du rastest nicht aus?“
„Ich raste nicht aus.“ Wieder ein kurzer Seitenblick. „Ich habe es schon seit einer Weile vermutet. Und wenn du jetzt denkst, dass du mir deswegen weniger bedeutest, mein Junge … dann kennst du mich schlecht. Das gilt übrigens auch für deinen Dad.“
Das Herz schlug ihm immer noch bis zum Hals, aber er konnte wieder frei atmen. Es war nicht so, dass er damit gerechnet hatte, aus dem Haus geworfen zu werden. Seine Eltern waren keine bigotten Arschlöcher. Aber es war doch eine ziemlich große Sache, die er ihr jetzt so einfach vor die Füße geknallt hatte. Und es hatte ihm schon lange auf der Seele gelegen.
„Okay“, sagte er.
„Gonzo, du bist ein wunderbarer Junge. Du bist klug und freundlich und siehst immer nur das Beste in den Menschen. Wenn ich einen Zauberstab hätte und etwas an dir ändern könnte, würde mir nichts einfallen. Ich liebe dich. Wir lieben dich. Und zwar genau so, wie du bist.“
„Soll das etwa heißen, ich wäre perfekt?“, fragte er und lächelte schüchtern. Er hatte als Kind gerne Mary Poppins gelesen und die alten Musicalfilme geliebt, die für Kinder gedreht wurden. Eigentlich war es kein Wunder, dass seine Mutter über sein Geständnis nicht sonderlich überrascht war.
„So gut wie. Wenn du jetzt noch deine Hausaufgaben machen würdest …“
„Mom!“
Lachend nahm sie die Abfahrt zum Highway 217. Es war eine lange, enge Kurve. Als Kind hatte er hier immer auf dem Rücksitz gesessen, beide Arme ausgestreckt und sich vorgestellt, er wäre ein Flugzeug. Zu schade, dass er für solche Spiele mittlerweile zu alt war.
Als sie wieder geradeaus fuhren, summte seine Mutter leise. „Gibt es jemanden? Einen Jungen, der besonders ist?“
„Mooom!“, rief er laut und wurde feuerrot. Um ehrlich zu sein, war er in seinen Freund Troy verschossen, und Troy hatte auch schon angedeutet, dass es ihm mit Parker genauso gehen könnte. Parker war aber bisher zu feige gewesen, etwas zu unternehmen. Was, wenn er sich getäuscht hatte? Wenn Troy hetero war oder gar nicht auf ihn stand? Mein Gott, wäre das peinlich.
„Schon gut, schon gut. Nur … es wird kein leichter Weg sein, mein Junge. Lass mich wissen, wenn es Probleme gibt oder jemand ein Arschloch ist.“
Er lächelte. Wenn sie fluchte, meinte sie es ernst. Sie fluchte nur selten, aber wenn, dann war es ihr verdammt ernst. Sie waren jetzt fast wieder zuhause und er wechselte das Thema. „Ich weiß immer noch nicht, was ich in diesem dämlichen Aufsatz schreiben soll.“
„Denk dir was aus. Schließlich ist es nicht so, dass dein Lehrer dir dann rückwirkend eine schlechtere Note geben kann, wenn sich in zwanzig Jahren herausstellt, dass es anders gekommen ist.“
Das? War eine hervorragende Idee. Seine Mom war die Beste.
Sie verließen den Highway und hielten vor einer roten Ampel an. Sie drehte sich zu ihm um und lächelte. Es war ein ehrliches Lächeln, das fiel ihm sofort auf. Sie war nicht enttäuscht von ihm. Ganz und gar nicht. Er fühlte sich warm und zufrieden, als hätte er gerade eine Tasse heißer Schokolade getrunken. Obwohl er immer noch nicht wusste, was er nach der Schule werden wollte, bereite ihm das keine Sorgen mehr. Schließlich war er erst vierzehn Jahre alt. Und er wurde geliebt.
„Wie willst du das Café nennen?“, fragte er sie. „Rhoda’s?“
„Zu langweilig.“
„Levin’s Café?“
„Gähn. Dein Vater und ich sind noch in Verhandlungen, haben aber bisher noch keinen Namen gefunden, der uns gefällt.“
„Wie wäre es mit … P-Town? Du weißt schon – wie der Spitzname für Portland. Außerdem hört es sich hip an und … Pee. Weil die Gäste so viel trinken, dass sie ständig pinkeln müssen. Aber das musst du ihnen nicht verraten.“
Die Ampel war mittlerweile grün geworden, aber das war seine Mutter egal. Sie warf den Kopf in den Nacken und lachte. „Das ist spitze! Das gefällt mir, Gonzo. Danke! P-Town. So nennen wir es.“
Sie trat aufs Gas und schoss los. Parker feuerte sie grinsend an.
Seattle, Washington
November 2018
PARKER SAß auf dem Bordstein, lehnte sich an seinen Koffer und starrte trübsinnig auf den schwarzen Bildschirm seines Handys. Er war einigermaßen dankbar, dass es wenigstens nicht regnete, aber dafür fror er. Sein dunkelrosa Hoodie war für diese Jahreszeit nicht warm genug. Er fühlte die Blicke der Autofahrer auf sich gerichtet, die sich wahrscheinlich wunderten, was ein dürrer Kerl mit leuchtend orangefarbenen Haaren, roten Jeans, einem Koffer und drei vollgepackten Pappkartons hier zu suchen hatte. Er hätte gern zurückgestarrt, konnte aber nicht die Energie dazu aufbringen. Vielleicht war er auch nur zu feige.
Also hielt er den Kopf gesenkt und zitterte vor sich hin. Er schaute noch nicht einmal auf, als ein Wagen vor ihm anhielt und eine Tür zuschlug. Kurz darauf sah er ein Paar Stiefel vor sich stehen. Sie kamen ihm bekannt vor – lila Designerstiefel. Trotzdem hielt er den Blick stur auf sein Handy gerichtet.
Lange war nichts zu hören, dann … Ja. Da war es. Dieses Seufzen. „Du brauchst eine wärmere Jacke, Parker.“
„Mom.“ Mehr sagte er nicht. Nur dieses eine warnende Wort. Dann stand er auf, steckte das Handy in die Hosentasche und bereitete sich auf die unvermeidliche Umarmung vor. Und auf den Kuss, nur komplett mit Lippenstift auf der Wange. Unter Folter hätte er vielleicht zugegeben, dass er für die Umarmung und den Kuss dankbar war und sie ihm verdammt guttaten. Dass er ohne sie zusammengebrochen wäre. Aber – wie gesagt: dazu hätte man ihn schon foltern müssen.
Seine Mutter ließ ihn los und musterte ihn schweigend. Sie trug gelbe Leggings, ein schwarzes Kleid mit grauen aufgedruckten Bumerangs – jedenfalls erinnerten die merkwürdigen Formen ihn daran –, dazu einen kuscheligen lila Schal. Keine Jacke. Aber sie hatte auch nicht die letzten vier Stunden in der Kälte verbracht. Ihre Haare waren kürzer als das letzte Mal, als er sie gesehen hatte. Obwohl sie das natürliche Grau nicht mehr verbarg, hatte sie vorne eine lila Strähne. Und sie sah müde aus.
Parker hatte keine Ahnung, was sie sah, als sie ihn betrachtete. Vermutlich eine eins fünfundsiebzig-große Enttäuschung.
Er beugte sich und hob die größte der drei Kisten auf. Rhoda öffnete mit ihrem Transponder den Kofferraum des bescheidenen SUVs und packte die Kiste hinein. Sie packte erst den Koffer, dann die beiden anderen Kisten. Es passte problemlos. Er hatte nicht viel.
Sie schloss den Kofferraum und sie stiegen ins Auto. Seine Mom fuhr los und fädelte sich in den Verkehr ein. Sie hatten Tacoma schon fast erreicht, als endlich das erste Wort fiel.
„Ich muss pinkeln“, sagte sie. „Und essen. Ich habe das Mittagessen verpasst.“
„In Ordnung.“
„Hast du gegessen?“
„Ich habe keinen Hunger.“
Sie schnaubte nur.
Einige Meilen später wagte er den nächsten Schritt. „Wenn du willst, kann ich fahren. Falls du müde bist.“
„Nicht nötig.“
Und das war alles, bis sie die Ausfahrt in Chehalis erreichten, wo sie tankte und dann vor einem Burgerville anhielt. Sie ließ ihn im Auto sitzen und ging in das Bistro. Er lehnte den Kopf ans Fenster und stellte sich schlafend.
Als sie zehn Minuten später zurückkam, brachte sie eine Papiertüte und zwei Pappbecher mit. Sie stieg ein und reichte ihm einen der Becher. „Schokolade“, sagte sie und zog dann ein eingewickeltes Sandwich aus der Tüte, das sie ihm ebenfalls reichte. „Du musst es nicht essen. Aber du kannst.“
Das Sandwich roch appetitlich und er bekam tatsächlich Hunger. Außerdem gab es in Seattle keine Burgervilles und er liebte ihre Putenburger und Milkshakes. Also aßen sie schweigend. Seine Mutter schaltete noch nicht einmal das Radio ein, um von dem Schweigen abzulenken. Dabei hätte er seine Seele dafür verkauft, wenn sie jetzt eine diese Sendungen hören könnten, die ihr nicht gefielen und über die sie sich immer so aufregte.
Nach dem Essen sammelte Parker den Verpackungsmüll zusammen und brachte ihn in einen Mülleimer in der Nähe. Als er wieder im Auto saß, lehnte er sich zurück und schloss die Augen. Er spürte das Rollen der Räder unter sich, während sie weiterfuhren. Meile um Meile versuchte er, sein gebrochenes Herz nicht noch mehr in Stücke fallen zu lassen.
„Ich mochte ihn sowieso nie leiden“, sagte seine Mutter schließlich, als sie an einem Hinweisschild zum Mount St. Helens vorbeifuhren.
„Mom.“
„Er ist unzuverlässig und ich bin mir sicher, er hat dich nicht gut behandelt. Als ihr uns besucht habt, hat er dich ständig unterbrochen, wenn du etwas sagen wolltest.“
Parker verdrehte die Augen und schaute aus dem Seitenfenster. Seine Mutter hatte recht. Logan ließ ihn nie ausreden. Und er war – selbst nach Parkers Standards – unzuverlässig.
„Selbst wenn er der perfekte Gentleman gewesen wäre – es ist nie eine gute Idee, sich mit einem Kollegen einzulassen.“
Ach nein? Parker hätte es beinahe laut gesagt, aber ihm fiel noch rechtzeitig ein, dass er keine zwölf mehr war. Und obwohl er schon wieder von seiner Mutter gerettet werden musste, wollte er wenigstens so tun, als wäre er erwachsen. Also verzog er nur das Gesicht.
Er hatte natürlich genau gewusst, dass es keine gute Idee war. Und noch dämlicher war es gewesen, mit Logan in eine gemeinsame Wohnung zu ziehen. Sicher, bei manchen Menschen ging es gut aus, aber … Parker? Hatte, was seine Beziehungen anging, nicht gerade die beste Erfolgsbilanz vorzuweisen. Seine längste Beziehung hatte ganze vier Monate gehalten und das auch nur, weil der fragliche Mann für einen dieser vier Monate in Colorado gelebt hatte.
Parker hatte die Tendenz, nicht lange nachzudenken und sich sofort auf jede Idiotie einzulassen. Das hatte ihm seine Mutter schon mehr als einmal gesagt. Natürlich hatte sie es nie Idiotie genannt, sondern ihn nur vor seiner Impulsivität gewarnt. Aber das kam letztendlich aufs Gleiche raus.
„Logan war so süß“, murmelte er. „Wir hatten viel Spaß zusammen.“
Jetzt war es seine Mutter, die mit den Augen rollte. Anstatt ihm zu antworten, fing sie an zu fluchen, als vor ihnen ein BMW die Fahrspur wechselte. „Pass doch auf, du Schwachkopf!“
Parker musste lachen. „Du hast wieder zu viel Zeit mit Nevin verbracht, wie?“
Nevin war ein Freund seiner Mutter und Stammgast im P-Town. Er fluchte mehr als jeder andere Mensch, den Parker jemals kennengelernt hatte. Aber er war auch ein guter Bulle. Außerdem waren Nevin und sein Mann Colin ein absolut liebenswertes Paar. Ihre Beziehung zueinander war beneidenswert.
„Wenn Nevin jetzt hier wäre, würde ich ihn bitten, diesem Arschloch einen Strafzettel auszustellen“, sagte seine Mutter. „Obwohl wir wahrscheinlich nicht in seinem Bezirk sind.“
Parker war schon oft aufgefallen, dass sie vermutlich eine gute Detektivin wäre. Sie war neugierig, ging allem auf den Grund und ihre Verhörmethoden waren unübertroffen. Was sie kurz darauf prompt demonstrierte, indem sie ihm aufmunternd das Knie tätschelte. „Und jetzt will ich wissen, was zwischen dir und Logan vorgefallen ist.“ Sie spielte offensichtlich den guten Bullen.
„Puh …“
„Puh?“
„Das Apartment war unter seinem Namen gemietet, weil er schon vorher dort wohnte, ok? Also habe ich ihm jeden Monat meinen Anteil für die Miete und die Nebenkosten gegeben, damit er sie bezahlen kann. Was er aber nicht getan hat. Stattdessen hat er die Mahnungen weggeworfen, damit ich sie nicht sehe.“
„Und was hat er mit dem Geld gemacht?“
Parker schnaubte. „Er behauptet, er hätte es angelegt, was ich aber bezweifle. Oh … und er hat jetzt dieses riesige Tattoo auf seinem Rücken.“ Wirklich, es war ein Kunstwerk und musste ein Vermögen gekostet haben. Als Parker ihn fragte, wie er sich das leisten könnte, antwortete Logan, der Tätowierer wäre ein Freund und würde ihm Rabatt geben.
„Er hat dich also bestohlen?“
„Er … ja. Ja, so kann man es wohl nennen.“ Unter diesem Aspekt hatte Parker das Problem bisher noch nicht betrachtet. „Heute früh ist die Hausverwalterin aufgetaucht, während Logan schon auf der Arbeit war. Sie sagte, wenn wir nicht bald die ausstehende Miete bezahlen, würden wir rausgeworfen.“ Parker war nicht sonderlich geschockt gewesen, als er erfuhr, dass Logan die Rechnungen nicht bezahlt hatte. Es passte zu ihm.
„Hast du Logan darauf angesprochen?“
„Ja. Ich war stocksauer, Mom. Also bin ich während der Arbeit zu ihm gegangen. Es gab einen Heidenstreit und unser Boss hat uns beide gefeuert.“ Es war wirklich dämlich gewesen, Logan während der Arbeit im Tierheim damit zu konfrontieren. Aber wenigstens hatte Logan ebenfalls seinen Job verloren und die Wohnung würde bald folgen. Logans Familie lebte irgendwo in Oklahoma – wohin ihn nichts zurückzog. Wenn er also zu seinen Eltern zurückkehren musste, würde er es dort wenigstens hassen. Diese Vorstellung befriedigte Parker ein bisschen.
„Es tut mir leid, Gonzo. Du hast deine Arbeit geliebt.“
Das hatte er. Es wurde nicht sehr gut bezahlt, sich um fremde Hunde zu kümmern, machte aber Spaß. Die Beagles und Retriever verurteilten ihn nicht. Sie vermittelten ihm auch nicht das Gefühl, minderwertig zu sein, ganz im Gegenteil. Sie freuten sich, wenn er sie hinter den Ohren kraulte oder mit ihnen spielte.
Sie schwiegen, bis sie den Stadtrand von Vancouver, Washington, erreichten. „Danke, dass du mich abgeholt hast“, murmelte Parker. „Obwohl ich ein solcher Versager bin.“
„Ich hole dich immer und überall ab, wenn du mich brauchst. Und du bist kein Versager, auch wenn du manchmal Fehler machst. Wirst du dieses Mal länger in Portland bleiben? Ich könnte Hilfe im Café gebrauchen, weil wir bald nur noch zwei Baristas haben. Ptolemy hat eine Stelle als Postdoktorand bekommen und Deni erwartet demnächst ihr Baby.“
Es wusste nicht, ob sie ihn wirklich brauchte oder ihm nur helfen wollte, sich besser zu fühlen. „Sicher, ich kann eine Weile bleiben.“ Wieder bei seiner Mutter leben und im P-Town arbeiten. Es war nicht gerade ein schweres Schicksal, aber er lebte schon damit, seit er sechzehn geworden war. Er hätte sich wirklich gefreut, wenn es ihm in den letzten zehn Jahren gelungen wäre, etwas erwachsener und unabhängiger zu werden. Parker stellte sich vor, wie er mit neunzig immer noch durch das Café schlurfte und von seiner Mutter Tipps bekam, wie mach sich als erwachsener Mann verhielt. Und … oh ja. Er würde natürlich auch noch zuhause in seinem schmalen Bett schlafen – ein Single, an dem die Zeit vorbeigezogen war. Tragisch.
Uff.
Vielleicht sollte er Mönch werden. Einer von denen, die sich in ihre Zelle einschlossen und ein Schweigegelübde ablegten. Gab es das noch? Parker kannte nur die, die in Mount Angel arbeiteten und dort Toffees herstellten. Vielleicht konnten sie ihn dort brauchen? Das konnte schließlich nicht allzu schwierig sein. In einer schwarzen Robe rumlaufen, Bonbons machen und beten. Dumm nur, dass er Jude war und nicht religiös.
Er musste dringend einen weltlichen Weg finden, endlich auf eigenen Füßen zu stehen.
RHODA PARKTE in der Einfahrt. Es war nicht das Haus in Beaverton, in dem Parker aufgewachsen war. Seine Eltern hatten es verkauft, nachdem er die Oberschule abgeschlossen hatte. Das neue Haus war im Südosten der Stadt, näher am Café. Es war schon über hundert Jahre alt und hatte aufgrund seiner interessanten architektonischen Details viel mehr Charakter als ihr altes Haus. Nur die Küche und die Badezimmer waren modernisiert.
Sie half Parker, sein Gepäck ins Haus zu bringen, wo sie die Kisten im Wohnzimmer abstellten. „Dein Zimmer ist noch nicht vorbereitet. Diese Krise kam etwas überraschend für mich.“
Er verzog das Gesicht. „Ich kann mir das Bett durchaus selbst machen.“
„Freut mich, das zu hören.“ Sie verschwand nach oben. Vermutlich wollte sie sich umziehen. Das oberste Stockwerk – Schlafzimmer, Wohnzimmer und Badezimmer – gehörte nur ihr, seit Parkers Vater gestorben war. Parker hatte ein Zimmer im Erdgeschoss, ein anderes diente Rhoda als Büro. Das Badezimmer befand sich auf der anderen Seite des Flurs.
Er brachte den Koffer in sein Zimmer, setzte sich seufzend aufs Bett und betrachtete das Bild an der Wand. Es zeigte Bigfoot und ein Einhorn, die mitten in einem Wald saßen und fernsahen. Einer von Rhodas Freunden hatte es gemalt und ihr geschenkt. Sie meinte, Parkers Zimmer wäre der perfekte Platz für das Bild. Womit sie recht hatte.
Trotz des Bildes und der Tatsache, dass er dieses Zimmer in den letzten acht Jahren mehr als einmal bewohnt hatte, fühlte er sich nicht ganz zuhause. Nicht, dass er sehr lange mit Logan zusammengelebt hätte. Er hatte nie irgendwo lange gelebt, sah man von seiner Kindheit in Beaverton ab. Wenn man es zusammenrechnete, hatte er in diesem Zimmer vermutlich sogar mehr Zeit verbracht als anderswo. Hier landete er immer, wenn er mal wieder Mist gebaut hatte oder etwas schiefgelaufen war. Und doch … war es nicht das, wonach sein Herz sich sehnte. Aber natürlich hatte ihm sein Herz – dieses dämliche Ding – bisher noch nie gesagt, was es sich eigentlich wünschte.
Er stand auf, zog die Bettwäsche ab und legte sie neben die Tür, um sie später in den Keller zu bringen, wo die Waschmaschine stand. In einer der Schubladen unter der Matratze befanden sich frische Laken und Bezüge. Es war ein Kapitänsbett und supercool gewesen, nachdem er aus dem Feuerwehrauto herausgewachsen war, in dem er als Kleinkind geschlafen hatte.
Parker hatte es gerade frisch bezogen, als Rhoda an die offene Tür klopfte. Sie hatte ihren Schal abgelegt und anstelle der lila Stiefel trug sie knallgrüne Clogs. „Alles okay hier?“
„Ja, alles bestens.“
„Ich gehe für einige Stunden ins Café. Deni meint, es wäre viel Betrieb und sie könnte Hilfe brauchen. Willst du mitkommen?“
Er schüttelte den Kopf. „Ich packe erst aus und kümmere mich um die Wäsche. Und dann will ich Trübsal blasen. Soll ich uns etwas kochen?“
Sie kam zu ihm und schob ihm eine Locke hinters Ohr. „Das wäre schön. Ich habe Pasta im Haus, Hühnerbrüstchen und vielleicht …“
„Ich finde schon was, Mom.“ Er war kein großer Koch, aber er hatte während seiner Schulzeit gelernt, einfache Mahlzeiten zuzubereiten, weil seine Eltern damals oft lange im P-Town zu tun hatten.
„Ich weiß. Ich habe volles Vertrauen in dich.“
Autsch. Sie meinte es gut, aber es traf ihn trotzdem. „Es tut mir leid, dass ich schon wieder Mist gebaut habe“, murmelte er.
„Oh, mein Schatz. Du bist vertrauensvoll und hast ein so offenes Herz. Es wäre schade, wenn du es verschließen würdest. Nur … vielleicht könntest du in Zukunft etwas vorsichtiger sein?“
Er neigte sich zu ihr hinab und küsste sie auf die Wange. „Ich will es versuchen.“ Und das wollte er auch. Wirklich. Er war nur nicht allzu optimistisch, was die Erfolgsaussichten anging.
AM NÄCHSTEN Morgen stand Parker pünktlich auf, ging unter die Dusche und zog sich an. Er wollte seine Mutter nicht schon am ersten Tag enttäuschen. Kaffee zu trinken schien ihm überflüssig, weil es davon im P-Town mehr als genug gab. Also saß er gähnend neben ihr, während sie die zweieinhalb Meilen zum Café fuhr.
„Hast du mein Fahrrad noch?“, fragte er sie, weil sie nicht immer zur gleichen Zeit arbeiten würden.
„Es steht im Keller. Willst du wirklich mit dem Rad fahren? Es ist kalt und regnet ständig.“
„Ich werde schon nicht schmelzen.“
„Wie sieht es mit einem Regenmantel aus? Sag mir, dass du wenigstens eine wasserdichte Jacke hast.“
Er entschied sich wohlweislich, ihre Frage zu überhören.
Sobald sie angekommen waren und Rhoda die Tür aufgeschlossen hatte, machte er sich an die Arbeit. Während sie die Kasse vorbereitete und die Backwaren in Empfang nahm, rückte er die Stühle gerade, richtete die Jalousien und füllte die Behälter auf den Tischen mit Milch, Zucker und Zitronenscheiben. Dann half er Rhoda, die Theke mit Kuchen und Torten zu füllen, und machte eine kurze Pause, um sich einen Plunder mit einer Füllung aus Kirschen und Mandeln zu gönnen. Köstlich. Er wischte die Theke ab und bereitete einige Krüge Eistee vor. Jeder Handgriff war ihm noch aus seiner Jugend vertraut. Seine Mutter und er arbeiteten perfekt zusammen. Als die Kaffeemaschine zu Gurgeln anfing, öffneten sie das Café für die ersten Gäste.
„Parker! Seit wann bist du wieder in der Stadt?“
Verlegen begrüßte Parker den großen Mann in seiner grünen Uniform. „Hi, Jeremy. Ich bin gestern erst angekommen.“
„Willkommen zuhause!“
„Danke.“
Parker lächelte leicht. Er hatte kein Problem mit Jeremy Cox, ganz im Gegenteil. Jeremy war ein Prachtkerl: muskulös, kantiges Kinn und kurze, blonde Haare. Seine grüne Uniform – Jeremy war Ranger – vervollständigte das Bild. Er sah aus wie ein Superheld und handelte auch so. Als Parker noch zur Schule ging, war er fürchterlich in Jeremy verschossen und betete ihn geradezu an. Wenn Jeremy ihn ansprach, wurde ihm schwindelig und er fing an zu stottern, und während des Unterrichts malte er kleine Herzchen in seine Schulhefte. Aber Jeremy war nur wenige Jahre jünger als Rhoda und Parker wurde bald klar, dass die Sache hoffnungslos war. Es hatte ihn allerdings nicht davon abgehalten, insgeheim weiter von Jeremy zu träumen. Das alles lag zwar schon Jahre zurück, aber es war ihm immer noch peinlich, wenn der Held seiner Jugendträume Zeuge seines Versagens wurde. Und – bei Gott – noch peinlich wäre es, wenn jemand erfahren würde, wie sehr er den Ranger früher angehimmelt hatte.
„Das Übliche?“, fragte er Jeremy.
„Yep.“
Das Übliche war ein großer Kaffee ohne Milch, der ihm in einem riesigen Becher serviert wurde, den Rhoda extra für ihn bereithielt. „Was zu essen dazu?“
„Nein. Qay liegt mir ständig damit in den Ohren, ich sollte auf Zucker und Fett verzichten. Wir werden schließlich nicht jünger, meint er. Bla bla bla … Also werde ich später vernünftig, gesund und stinklangweilig frühstücken.“
Parker lächelte, als er Jeremys verliebtes Gesicht sah. „Wie geht es Qay? Er geht schon auf die Graduiertenschule, nicht wahr?“
Jeremy strahlte. „Ja. Nur noch ein paar Jahre, dann ist er Dr. Hill. Und es geht ihm bestens. Alles läuft hervorragend. Bist du heute Nachmittag hier? Dann sage ich ihm, er soll nach dem Unterricht hier vorbeikommen.“
„Das bin ich und ja, das wäre schön.“
Parker freute sich, das zu hören. Qay hatte kein gutes Leben hinter sich: Drogenabhängigkeit, psychische Erkrankungen und kleinere Probleme mit dem Gesetz. Er war als Kind von seinen Eltern misshandelt und abgelehnt worden. Im Vergleich dazu ging es Parker golden. Aber Qay war es gelungen, sein Leben wieder in die richtigen Bahnen zu lenken, den wunderbaren Jeremy Cox zu heiraten und eine wissenschaftliche Karriere zu machen. Wenn ein Mann wie Qay das schaffte, gab es auch für Parker noch Hoffnung. Er wünschte nur, er müsste nicht erst Mitte vierzig werden, bis es endlich so weit war.
Im P-Town herrschte bald Hochbetrieb, aber mittlerweile waren Deni und zwei weitere Mitarbeiter eingetroffen, sodass sie alles im Griff hatten. Parker war froh, beschäftigt zu sein. Es lenkte ihn von seinen persönlichen Problemen ab und gab ihm das Gefühl, gebraucht zu werden. Viele der Gäste waren Stammkunden und kannten ihn noch von früher, aber alle waren nett und unkompliziert. Rhoda hatte eine frappierende Begabung, nur freundliche Gäste anzuziehen. Es musste ihre Superkraft sein, anders konnte es sich Parker nicht erklären. Und die Gäste kamen aus den unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen – reich und arm, schwul und hetero, jung und alt. Jede nur denkbare ethnische Herkunft war vertreten. Sicher, einige waren etwas … exzentrisch. Aber auch das war cool. Parker freute sich über jeden und jede von ihnen.
„Hey, Gonzo. Zeit für deine Mittagspause.“
Parker, der gerade vor dem randvollen Spülbecken stand, schaute auf. „Wenn ich hier fertig bin.“
„Benny ist gerade gekommen. Er kann sich darum kümmern. Du besorgst dir jetzt was Vernünftiges zu essen und legst für eine halbe Stunde die Beine hoch.“
Parker wollte keine Pause machen. Wenn er zu viel Zeit hatte, würde er nur wieder über seine Fehler nachgrübeln. Andererseits wollte er sich aber auch nicht auf einen Streit mit seiner Mutter einlassen. Also drehte er den Wasserhahn zu und trocknete sich die Hände ab. „Soll ich dir noch etwas bringen?“
„Ich habe mir Reste mitgebracht. Mach dich davon. Husch, husch.“
Einige Minuten später stand er auf dem Bürgersteig unter der Markise und überlegte, was er essen sollte. Es gab in der Nachbarschaft einige Optionen, die er sich mit seinen bescheidenen Mitteln leisten konnte. Ein Mann in Jeansjacke, die blonden Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, kam zur Tür und nickte ihm zu. Parker lächelte freundlich. Der Mann sah recht gut aus und summte leise vor sich hin, machte aber einen abgelenkten, besorgten Eindruck. Als er im Café verschwand, widmete Parker sich wieder den Optionen für sein Mittagessen.
Er hatte sich gerade für das Thai-Bistro entschieden und auch schon einige Schritte in dessen Richtung gemacht, als sein Handy klingelte. Parker erkannte den Namen nicht, der auf dem Bildschirm angezeigt wurde, aber die Vorwahl deutete auf Seattle hin.
„Hallo?“
„Spreche ich mit Parker Levin?“
„Ja. Und wer sind Sie?“
„Detective Jocelyn Saito, Seattle Police Department. Ich möchte Ihnen einige Fragen stellen.“
NORMALERWEISE GENOSS Wes die Fahrt aus dem südlichen Oregon nach Portland. Sie führte durch dicht bewaldete Berge ins Willamette Valley mit seinen grünen Feldern und fernen Hügeln. Sicher, je näher er Portland kam, umso mehr Verkehr herrschte auf der Straße, aber das störte ihn nicht sonderlich. Er hatte es selten eilig. Außerdem machte sich während der langen Fahrt die teure Musikanlage bezahlt, die er sich gegönnt hatte.
Heute war das anders. Graue Wolken hingen am Himmel, drohten mit Regen, der aber nicht fallen wollte. Die Straße unter den Rädern seines Transporters – er hatte ihn Morrison getauft – fühlte sich ungewöhnlich holprig an. Morrison brummte irritiert und schien sich seiner Kontrolle entziehen zu wollen wie ein störrisches Maultier. Die Musik ging ihm so höllisch auf die Nerven, dass er sie schließlich ausschaltete. Aber das wahre Problem lag noch vor ihm.
Erst musste er die Möbel abliefern. Daran lag es nicht. Er würde den Tisch und die Stühle, die er mit so viel Sorgfalt geschreinert hatte, dem Ladenbesitzer übergeben und dafür einen fetten Scheck in Empfang nehmen. Danach würde er sich eine gute Pizza leisten, weil man dort, wo er lebte, selten in diesen Genuss kam. Oft ging er auch noch in eine Eisenwarenhandlung und suchte nach antiken Beschlägen und Armaturen, die er vielleicht für ein zukünftiges Projekt verwenden konnte. Oder er fuhr zu Powell’s und stöberte einige Stunden in den Bücherregalen. Wenn der Berufsverkehr nachließ, fuhr er entweder nach Hause zurück oder machte sich auf die Suche nach Gesellschaft. Dazu war er früher meistens in eine der Bars gegangen, aber in letzter Zeit verließ er sich zunehmend auf seine neue App. Wieder zuhause angekommen, machte er sich an die Vorbereitungen für sein nächstes Projekt – sei es eine Kommode, ein Bücherregal oder war auch immer.
Das war der normale Ablauf seiner Besuche in Portland. Heute jedoch … Nachdem er die Möbel abgeliefert hatte, musste er sich den Geistern seiner Vergangenheit stellen. Wes hasste Geister.
„Aber wenn du dich ihnen nicht stellst, suchen sie dich immer wieder heim.“ Er zog eine Grimasse und schaltete die Musik wieder ein. Sie war immer noch besser, als sich selbst kluge Ratschläge zu erteilen.
Black Lightning Innenausstattung befand sich in einer ehemaligen Keksfabrik am Rande des Pearl Districts. Die Eigentümer der alten Fabrik hatten viele der ursprünglichen architektonischen Details erhalten, als sie das Gebäude umbauten. Im Erdgeschoss befanden sich Läden mit Schaufenstern und in den oberen Stockwerken Wohnungen. Wes parkte auf einem Lieferantenparkplatz vor dem Gebäude. Er lächelte, als er eines seiner Stücke im Schaufenster sah. Es war ein Buffet aus Walnuss- und Ahornholz mit alten Stahlbeinen. Er schickte eine SMS an Miri, die Ladenbesitzerin, um ihr seine Ankunft anzukündigen. Kurz darauf tauchte sie mit zwei Mitarbeitern auf.
„Hast du das Buffet noch nicht verkauft?“, erkundigte sich Wes, nachdem er ihr die Hand geschüttelt hatte.
„Doch, wir haben es schon nach einem Tag verkauft. Aber die Käufer renovieren ihr Haus, deshalb bleibt es bei uns im Schaufenster stehen, bis alle Arbeiten abgeschlossen sind.“ Sie lachte herzlich. „Ich hätte das Ding seitdem ein Dutzend Mal verkaufen können. Und es waren gute Angebote dabei. Ich glaube, ich muss die Preise für deine Stücke anheben.“
Wes hielt die achttausend Dollar, die sie dafür verlangt hatte, schon für ein halbes Vermögen, wenn man bedachte, dass es nur ein besserer Geschirrschrank war. Aber er wollte sich nicht darüber beklagen. Schließlich verdiente er gut daran mit.
Da sie zu viert waren, hatten sie den Tisch und die Stühle schnell abgeladen und in den Laden gebracht. Miri hatte schon einen Platz freigeräumt, an dem das Tageslicht, das durch die Fenster fiel, die Einlegearbeiten besonders gut zur Geltung brachte.
„Wunderschön“, sagte sie und streichelte über die gebogene Lehne eines der Stühle. „Das ist wirklich hervorragende Arbeit, Wes.“
„Danke. Es ist mir eine Freude, mit dir Geschäfte machen zu können.“ Er hätte auch im Süden Käufer finden und sich die lange Fahrt nach Portland sparen können, aber niemand bezahlte so gut wie Miri. Außerdem hatte er so einen Grund, gelegentlich seine Wildnis zu verlassen und sich in die Zivilisation zu begeben.
„Du weißt doch, es ist mir ein Vergnügen.“
Sie gingen durch den Laden. Miri zeigte ihm einige Stücke, von denen sie wusste, dass sie ihm gefallen würden. Sie hatte einen hervorragenden Geschmack – sonst würde sie nicht bei ihm kaufen! – und er nahm die Chance wahr, sich neue Inspirationen zu holen. Als sie in ihr Büro kamen, zeigte sie auf die Espressomaschine, die sich zwischen Stapeln an Katalogen und Fachzeitschriften zu behaupten versuchte. „Kaffee?“, fragte sie.
Er schüttelte sich, als ihm einfiel, was sein nächstes Ziel war. „Nein danke. Ich habe auf der Fahrt schon zu viel getrunken.“
„Es ist eine lange Fahrt. Und langweilig vermutlich auch.“ Miri zog ein Scheckheft aus der Schreibtischschublade. „Ich könnte zehnmal mehr von deinen Möbeln verkaufen, wenn du mir nur mehr bringen würdest.“
„Ich tue, was ich kann. Aber ich müsste billigeres Material verwenden oder schlechter arbeiten, um mehr zu schaffen. Und das werde ich auf keinen Fall tun.“
„Oh, so war das nicht gemeint. Ganz und gar nicht.“ Sie unterschrieb den Scheck, riss ihn aus dem Heft und gab die Summe in ihre Kasse ein. „Ich dachte nur, du könntest vielleicht einige Mitarbeiter einstellen. Leute, von denen du weißt, dass sie gute Handwerker sind. Vielleicht sogar eine Werkstatt eröffnen, irgendwo in der Nähe von Portland.“
„Ich kann nicht …“
„Ich habe darüber nachgedacht, Wes. Ich weiß, dazu bräuchtest du Startkapital. Wir könnten uns mit meinem Buchhalter zusammensetzen und die Zahlen durchgehen. Vielleicht Geschäftspartner werden. Oder ich leihe dir das Geld. Wir finden schon eine Lösung.“
Mist. Die meisten Leute würden sich über ein solches Angebot freuen. Miri hatte einen sehr guten Ruf. Nicht nur in Portland, sondern an der gesamten Westküste. Sie hatte Kunden, die extra aus Los Angeles nach Portland kamen, um sich von ihr beraten zu lassen und bei ihr zu kaufen. Aber bei Wes zog sich die Brust zusammen, wenn er nur daran dachte, auf ihren Vorschlag einzugehen.
„Das … kann ich nicht. Es muss so bleiben, wie es ist“, sagte er leise.
Vielleicht hatte sie ihm die Panik angehört, denn sie verzog zwar das Gesicht, verfolgte das Thema aber nicht weiter. Sie reichte ihm den Scheck. „Es war mir ein Vergnügen, Wes. Ich hoffe, bald mehr von dir zu sehen.“
„In einigen Wochen vermutlich.“ Wie üblich legte er sich weder auf einen Zeitpunkt noch ein Projekt fest. Miri hatte ihn vor einiger Zeit gefragt, ob er sie nicht vorher informieren könnte, hatte ihm sogar eine Liste mit Wünschen ihrer Kunden gegen wollen, damit er sich inspirieren lassen konnte. Er hatte es abgelehnt. Es würde, so hatte er ihr erklärt, seine Kreativität beschneiden. Was nur zum Teil gelogen war.
Sie unterhielten sich noch einige Minuten über Belanglosigkeiten, dann verabschiedete er sich. Er fuhr die paar Meilen zur Bank, löste den Scheck ein und hob einige hundert Dollar ab, die er ins Portemonnaie steckte. Falls er seinen nächsten Termin nicht überleben sollte, sollte das Geld wenigstens für eine anständige Beerdigung ausreichen.
Und das war nur zum Teil als Scherz gemeint.
Nachdem ihm keine Ausreden mehr einfielen, seinen Termin zu verschieben, fuhr er über die Morrison Bridge und folgte der Belmont Street, bis er Mount Tabor erreichte. Er suchte sich einen Parkplatz, stellte den Motor ab und verbrachte die nächste Viertelstunde damit, sich selbst zu verfluchen. Nach einer Weile zog er sich in seine mentale Kuschelecke zurück, wo er immer dann Ruhe suchte, wenn sich die Welt um ihn herum zu schnell drehte. Er schloss Wagenfenster und Augen und fing zu singen an: „Sloop John B …“
Er musste das Lied dreimal singen, bevor es ihm besser ging und er weiterfahren konnte.
Zurück auf der Belmont Street konnte er keinen Parkplatz für Morrison finden. Er fuhr fast zehn Minuten hin und her, bis er endlich, vier Blocks von seinem Ziel entfernt, eine ausreichend große Parklücke fand. Ein längerer Spaziergang stand ihm bevor. Lange genug, um wieder nervös zu werden und Reißaus nehmen zu wollen.
„Oh nein“, sagte er, als er den Transporter abschloss. „Reiß dich zusammen. Niemand will dich umbringen.“ Wahrscheinlich.
Er summte leise vor sich hin – immer noch Sloop John B – und machte sich auf den Weg.
Als er sich seinem Ziel näherte, sah er unter der Markise einen Mann stehen. Der Mann wirkte nachdenklich. Und sah aus wie ein Regenbogen: orangefarbene Haare, ein knallrosa Hoodie, gelbe Jeans und grüne Turnschuhe. Er war ein leuchtender Farbfleck in einer grauen Landschaft. Ein sehr attraktiver Farbfleck, aber viel zu jung für Wes, der die Dreißiger schon hinter sich gelassen hatte. Dieser Junge sah aus, als ginge er noch aufs College. Nichtsdestotrotz beruhigte sein Anblick Wes’ Nerven und er nickte ihm zu, als er die Tür erreichte. Der Junge lächelte zurück. Oh ja. Definitiv attraktiv. Sehr sogar.
