Liebe ist herzlos - Kim Fielding - E-Book

Liebe ist herzlos E-Book

Kim Fielding

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Beschreibung

Klein, aber oho – das könnte Detective Nevin Ngs Motto sein. Auch ein harter Start ins Leben hat ihn nicht davon abhalten können, jetzt beim Portland Police Bureau seine Pflicht zu erfüllen und für seine Mitmenschen da zu sein, wann immer sie ihn brauchen. Er lässt sich nichts gefallen und ist nicht an einer Beziehung interessiert. Bis er zu einem alten Herrn gerufen wird, der von Unbekannten zusammengeschlagen wurde. Und Nevin dort den reichen und etwas steifen Vermieter des Opfers kennenlernt. Der Bauunternehmer und Immobilienmanager Colin Westwood ist mit all dem aufgewachsen, wovon Nevin nie zu träumen gewagt hätte – Geld im Überfluss und einer Familie, die ihn liebt und unterstützt. Vielleicht sogar etwas zu viel, denn Colin litt als Kind an einer schweren Krankheit und seine Familie hat immer noch nicht begriffen, dass er mittlerweile ein erwachsener Mann ist, der sich um sich selbst kümmern kann. Colin ist sehr wohl an einer Beziehung interessiert, aber bisher ist daraus nie etwas geworden. Deshalb hat er beschlossen, sich in Zukunft vielleicht mit dem zufriedenzugeben, was ihm über den Weg läuft. Weniger Erwartungen, aber dafür mehr Aufregung. Bis er Zeuge eines – oder sogar mehrerer – fürchterlichen Verbrechen wird. Darauf war er nicht vorbereitet gewesen. Obwohl sie unterschiedlicher nicht sein könnten, fliegen die Funken, wann immer Colin und Nevin sich begegnen. Aber Funken haben keine lange Lebenserwartung, vor allem nicht angesichts der wenigen Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Männern und der immer brutaleren Machenschaften, mit denen sie konfrontiert werden. Die Frage ist, ob sie das Herz und die Kraft haben, diese Funken dauerhaft zum Leuchten zu bringen.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhalt

Zusammenfassung

Danksagung

Prolog

1

2

3

4

5

6

7

8

9

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22

23

24

Epilog

Liebe hat keinen Plan

Biographie

Von Kim Fielding

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Copyright

Liebe ist herzlos

 

Von Kim Fielding

Band 2 in der Serie Liebe ist …

 

Klein, aber oho – das könnte Detective Nevin Ngs Motto sein. Auch ein harter Start ins Leben hat ihn nicht davon abhalten können, jetzt beim Portland Police Bureau seine Pflicht zu erfüllen und für seine Mitmenschen da zu sein, wann immer sie ihn brauchen. Er lässt sich nichts gefallen und ist nicht an einer Beziehung interessiert. Bis er zu einem alten Herrn gerufen wird, der von Unbekannten zusammengeschlagen wurde. Und Nevin dort den reichen und etwas steifen Vermieter des Opfers kennenlernt.

Der Bauunternehmer und Immobilienmanager Colin Westwood ist mit all dem aufgewachsen, wovon Nevin nie zu träumen gewagt hätte – Geld im Überfluss und einer Familie, die ihn liebt und unterstützt. Vielleicht sogar etwas zu viel, denn Colin litt als Kind an einer schweren Krankheit und seine Familie hat immer noch nicht begriffen, dass er mittlerweile ein erwachsener Mann ist, der sich um sich selbst kümmern kann. Colin ist sehr wohl an einer Beziehung interessiert, aber bisher ist daraus nie etwas geworden. Deshalb hat er beschlossen, sich in Zukunft vielleicht mit dem zufriedenzugeben, was ihm über den Weg läuft. Weniger Erwartungen, aber dafür mehr Aufregung. Bis er Zeuge eines – oder sogar mehrerer – fürchterlichen Verbrechen wird. Darauf war er nicht vorbereitet gewesen.

Obwohl sie unterschiedlicher nicht sein könnten, fliegen die Funken, wann immer Colin und Nevin sich begegnen. Aber Funken haben keine lange Lebenserwartung, vor allem nicht angesichts der wenigen Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Männern und der immer brutaleren Machenschaften, mit denen sie konfrontiert werden. Die Frage ist, ob sie das Herz und die Kraft haben, diese Funken dauerhaft zum Leuchten zu bringen.

Danksagung

 

 

ICH DANKE der unvergleichlichen Amy Lane, die mir einen Teil des Namens für eine bestimmte Punkband überlassen hat.

Prolog

 

 

September 1997

 

DIESE VERFLUCHTEN Handschellen taten höllisch weh. Die dumme Kuh von den Bullen hätte auch Zipties benützen können. Aber nein, sie musste ihm Handschellen umlegen, die so eng waren, dass sie ihm ins Handgelenk schnitten. Und die Knöchel seiner rechten Hand brannten von dem Hieb, den er diesem Bastard versetzt hatte. Nevin trat wütend an die Tür des Polizeiautos, in dem er saß, und verzog das Gesicht. Jetzt tat ihm auch noch der Fuß weh.

Die Polizistin stand noch draußen und unterhielt sich in aller Ruhe mit seinem Pflegevater. Der Kerl hieß Price, aber Nevin nannte ihn nur den Bastard. Weil er einer war. Wie jetzt zum Beispiel. Jetzt stand der Bastard in der Einfahrt und seine Glatze glänzte in der Sonne. Er wedelte mit beiden Händen und erzählte wahrscheinlich in dramatischen Worten, was heute Nachmittag passiert war. Und er log, dass sich die Balken bogen. Da war sich Nevin ganz sicher.

Er zog eine Grimasse. Der Bastard hatte eine geschwollene Nase und auf seinem Polohemd waren Blutflecken. Gut so.

Der Bastard war mittlerweile wieder im Haus verschwunden und die Polizistin sprach in ihr Funkgerät. Sie seufzte, als sie sich endlich hinters Steuer setzte und die Tür zuschlug. Dann sagte sie lange Zeit nichts. Nevin wartete nervös ab.

„Mach schon“, knurrte er, als er es nicht mehr aushielt. „Der Knast wartet.“

Sie drehte sich zu ihm um und sah ihn durch das Metallgitter an. „Wie alt bist du, Nevin?“

„Fünfzehn.“ Er sah jünger aus. Wenn frühere Pflegeeltern mit ihm in ein Restaurant gegangen waren – was selten genug passierte –, hatte er immer die Speisekarte für Kinder und Buntstifte zum Malen bekommen. Nevin hasste das.

 

 

„BALD BIST du zu alt für die Jugendstrafanstalt“, sagte die Polizistin.

„Na und?“

„Was glaubst du wohl, was mit einem hübschen Jungen wie dir passiert, wenn er im Gefängnis landet?“

Er bleckte die Zähne. „Wenn mir eines von diesen Arschlöchern zu nahe kommt, reiße ich ihm die Eier ab.“ Jawohl. Nevin konnte es locker mit Kerlen aufnehmen, die doppelt so groß waren wie er selbst.

Die Polizistin lachte prustend. „Du bist ein harter kleiner Kerl, wie?“ Ihr Blick wurde freundlicher. „Ich mache dir einen Vorschlag. Lass uns kurz essen gehen, damit wir uns in Ruhe unterhalten können.“

„Du willst mir einen Burger spendieren, bevor du mich einsperren lässt?“

„Ich dachte an etwas Besseres als einen Burger. Und wenn alles gut geht, muss ich dich nicht einsperren lassen.“

Nevin kniff die Augen zusammen. „Das sagst du nur, damit ich Ruhe gebe. Ich weiß genau, dass dieser Bastard Anzeige erstattet.“

„Das ist ganz allein meine Entscheidung. Diesem B… Mr. Price bleibt nichts anderes übrig, als sich damit abzufinden. Und wenn ich dich anzeige, wirst du dem Jugendstrafanwalt vorgeführt, der darüber entscheidet, wie es mit dir weitergeht.“ Sie schaute wieder nach vorne, legte sich den Sicherheitsgurt um und ließ den Motor an.

Nevin schmerzten immer noch die Handgelenke, aber wenigstens hatte er jetzt etwas zum Nachdenken. Er wusste nicht, ob sie ihm die Wahrheit gesagt hatte. Er wusste auch nicht, was sie damit erreichen wollte. Was zum Teufel dachte sich diese Frau? Er überlegte hin und her, aber nichts machte Sinn.

Die Polizistin bog in die Macadam ab, was ihn überraschte. Normalerweise hätte er damit gerechnet, dass sie die I-5 nach Nordosten nahm, wo sich die Jugendstrafanstalt befand. Stattdessen fuhr sie auf den Parkplatz eines kleinen Einkaufszentrums und hielt an. Sie stieg aus, öffnete für ihn die Tür und musterte ihn von oben.

„Kann ich dir die Handschellen abnehmen, ohne dass du wegläufst?“

„Mit den Dingern kann ich nicht essen, Lady.“

„Ich könnte dich füttern. Aber so mütterlich bin ich nicht veranlagt. Na gut, ich nehme sie ab. Aber ich warne dich – wenn du Reißaus nimmst, erwische ich dich. Und dann wirst du sehr lange sehr schlecht auf Staatskosten essen.“

„Ich hasse den Fraß dort.“

Sie grinste. „Dann lauf nicht weg.“

Er dachte kurz über Flucht nach, als sie die Handschellen öffnete. Aber sie machte einen sportlichen Eindruck und hatte sehr lange Beine. Außerdem waren sie hier nicht in einer Gegend, in der man sich gut verstecken konnte. Und Hunger hatte er auch. Also folgte er ihr über den Parkplatz.

Sie gingen zu einem mexikanischen Restaurant, in dem man vollwertig essen konnte. Merkwürdig. Nun, es gab Enchiladas und er durfte sich sogar zusätzlich Pommes und Guacamole bestellen, also schlug er zu, sobald das Essen geliefert wurde. Die Frau hielt den Löffel in der Hand und sah ihn über ihren Teller mit Bohnen und Reis an.

„Dafür, dass du so klein bist, hast du einen ziemlichen Appetit.“

Er warf ihr einen ärgerlichen Blick zu. „Lady …“

„Für dich Officer Pender. Oder Ma’am.“

Nevin verdrehte die Augen und schob sich ein großes Stück Enchilada in den Mund. Officer Pender sah nicht schlecht aus. Etwas alt zwar – mindestens dreißig –, aber mit glatter, brauner Haut und kurzen schwarzen Haaren. Vielleicht sollte er lieber flirten, als sich bockig zu stellen. Könnte ja sein, dass sie darauf hereinfiel, obwohl sie ein Bulle war.

Bevor er seinen Charme auspacken konnte, zeigte sie mit dem Löffel auf ihn. „Wieso hast du Price gedeckt?“

Nevin lächelte schwach. Er musste daran denken, wie sich die Nase des Bastards angefühlt hatte, als sie mit seiner Faust Kontakt bekam. Als Officer Pender die Augenbrauen hochzog, runzelte er die Stirn. „Sie haben mich nicht über meine Rechte informiert.“

„Weil ich dich nicht festgenommen habe und dich nicht verhöre.“

„Warum fragen Sie dann?“

„Weil ich glaube, dass Mr. Price mich angelogen hat.“

Das überraschte ihn. Er griff nach seiner Cola und überlegte kurz. „Ja? Wieso?“

„Er hat mir gesagt, du hättest deine Hausaufgaben nicht machen wollen, ihn beschimpft und dann zugeschlagen. Und ich habe einen verdammt guten Lügendetektor, mein Junge. Bei Price hat er mächtig ausgeschlagen. Außerdem habe ich mit deiner Sozialarbeiterin gesprochen. Sie hat mir gesagt, du hättest zwar Probleme mit Autorität, aber obwohl du ständig die Schule wechseln musst, hast du nur die besten Noten.“

Er zuckte mit den Schultern. Die Hausaufgaben fielen ihm leicht. Sie machten ihm sogar Spaß. Vielleicht, weil sie ihn von seinem beschissenen Leben ablenkten.

„Warum hast du zugeschlagen?“, fragte Officer Pender.

„Das würden Sie mir nie glauben.“

„Versuch’s doch.“

Er schob den leeren Teller weg und verschränkte die Arme. Dieses Spiel kannte er nur zu gut. Er würde ihr alles sagen, aber sie würde in ihm nur den kleinen Rotzbengel sehen, der schon in so vielen Pflegefamilien und Heimen gewesen war, dass er sich nicht mehr an alle erinnern konnte. Für sie war er nur das Problemkind, der Junge, den keiner wollte und der früher oder später sowieso im Knast landen würde. So war es ihm jedes Mal gegangen, wenn er jemandem über diesen Bastard erzählt hatte. Officer Pender würde ihn in die Jugendstrafanstalt bringen – oder wohin auch immer, Hauptsache, er wurde weggeschlossen – und der einzige Vorteil daran war, dass er nicht mehr zu Price zurück musste. Was allerdings den Nachteil hatte, dass Becka jetzt mit dem Bastard allein war und niemand mehr auf sie aufpasste.

Mist. Er musste es wenigstens versuchen.

„Der Bastard hat noch ein Pflegekind“, sagte er. „Becka. Sie ist … ich weiß auch nicht. Elf oder zwölf. Aber sie denkt wie ein kleines Kind. Sie kann noch nicht einmal das ABC aufsagen. Und sie ist trotzdem lieb.“ Becka konnte seinen Namen nicht aussprechen und nannte ihn immer Nin. Und wenn er aus der Schule kam, wollte sie mit ihm Zeichentrickfilme sehen. Sie hatte Haarspangen mit kleinen Plastikblumen. Die brachte sie ihm jeden Morgen und er musste sie ihr in die blonden Locken stecken.

Officer Penders warme braune Augen wurden plötzlich kalt. „Was ist mit ihr?“

„Der Bastard hat … Becka sagt, er hätte sie angefasst. Sie kennt die richtigen Worte nicht, also weiß ich nicht genau, was er getan hat.“ Nevin schüttelte den Kopf. „Ich weiß nur, dass es ihr nicht gefallen hat.“

„Hast du das schon gemeldet?“

„Ich habe es versucht. Ich habe es der Sozialarbeiterin gesagt. Sie meint, ich würde mir den Mist ausdenken, weil Price zu streng wäre und ich von ihm weg wollte.“ Nevin hatte nicht damit gerechnet, dass die dumme Kuh ihm glauben würde. Als er vor einigen Jahren von einem anderen Pflegevater verprügelt worden war, hatte sie ihm auch nicht geglaubt. Weil er keine blauen Flecken hatte oder so.

Die Polizistin kniff die Lippen zusammen. „Was hast du dann getan?“

„Ich wollte mit der Frau des Bastards reden, aber sie hat mich nicht aussprechen lassen. Die kümmert sich nur um sich selbst, die alte Fotze.“

„Lass das. Ein junger Mann sollte respektvoll mit Frauen umgehen.“

„Wie soll ich vor ihr Respekt haben, wenn ihr Alter ein solches Arschloch ist und sie nichts dagegen tut? Außerdem habe ich dem Bastard gesagt, wenn er Becka noch einmal anrührt, schneide ich ihm die Eier ab, wenn er schläft. Er wollte mich packen und ich habe zugeschlagen.“

„Du hast ihn mächtig erwischt“, sagte sie und ihre Mundwinkel zuckten. „Klein, aber oho.“

Nevin schlürfte an seiner Cola, weil er nicht wusste, was er von der Bemerkung halten sollte.

Officer Pender aß endlich ihren Reis mit Bohnen. Sie schwieg und sagte auch nichts, als er mit seinem Strohhalm spielte und mit den Beinen wackelte. Als sie alles aufgegessen hatte, wischte sie sich mit der Serviette den Mund ab und sah ihn durchdringend an. „Du hast Becka gern.“

„Ich denke schon.“

„Du kennst sie erst seit ein paar Monaten.“

„Na und?“

„Warum verteidigst du sie?“

Er schaute zur Seite. Drei junge Frauen – um die zwanzig – kamen in das Restaurant und nahmen einige Tische weiter Platz. Sie machten einen glücklichen Eindruck. Es war so verdammt unfair. Vor Jahren hatte er noch davon geträumt, eines Tages auch glücklich zu werden. Auch wenn er nie die richtigen Pflegeeltern fand – so hatte er gedacht –, würde er doch eine eigene Familie gründen und glücklich werden können, wenn er erst erwachsen war. Jetzt wusste Nevin es besser. Was waren Träume schon wert? Träume waren was für Idioten.

„Sie ist noch ein kleines Kind“, sagte er leise. „Ich weiß nicht, was mit ihrer Familie passiert ist, aber niemand kümmert sich um sie.“

„Außer dir.“

Nevin zuckte mit den Schultern.

Officer Pender setzte sich gerade auf und wischte sich einen eingebildeten Krümel vom Revers. Wenn man eine so schicke Uniform trug, musste man sie vermutlich sauber halten.

„Du stehst an einem Scheideweg, Nevin Ng“, sagte sie.

Er schaute durchs Fenster auf den Parkplatz. „Hä?“

„Metaphorisch gesprochen. Das Leben hat dir schlechte Karten gegeben. Ich kann verstehen, dass dich das nervt, mein Junge. Du kannst dich in der Scheiße wälzen, bis sie dich von oben bis unten bedeckt. Bis du selbst zu Scheiße wirst. Und du kannst ein noch so harter Knochen sein, wenn das passiert, landest du im Knast. Falls du überhaupt so lange lebst.“

„Und weiter?“, fragte er und biss die Zähne zusammen.

„Aber das musst du nicht tun. Wenn du wirklich so hart bist, wie du denkst, kannst du diese Scheiße besiegen. Anstatt dein Leben zu vergeuden, kannst du versuchen, den Beckas dieser Welt zu helfen. Weil es verdammt viele von ihnen gibt, nicht wahr? Glaub mir, ich kenne mich damit aus.“

Es schnürte ihm die Kehle zu. „Ich kann niemandem helfen.“

„Unsinn. Heute – in genau diesem Moment – kannst du etwas tun, um dir selbst zu helfen. Damit musst du anfangen. Und es wird leichter, wenn dir jemand dabei hilft. Und ich glaube auch, dass ich weiß, wo du die richtigen Leute findest. Wenn du einige Jahre mehr auf dem Buckel hast – und vielleicht einige Zentimeter größer bist –, kannst du ausziehen und die Welt retten.“ Sie grinste und polierte mit einer Hand ihre Dienstmarke. „Kostüm und Maske optional.“

Nevin warf ihr einen düsteren Blick zu, aber sie lächelte nur freundlich. Was dann passierte, war seltsam. Er musterte sie kritisch und sah die Wahrheit, nichts als die Wahrheit in ihren Augen. Sie meinte es wirklich ernst. Sie glaubte sogar an das, was sie gesagt hatte. Vielleicht … vielleicht glaubte sie sogar an ihn. Ein kleines bisschen jedenfalls.

Nevin beugte sich seufzend vor. „Wer sind diese Leute, von denen du sprichst?“

1

 

 

Juni 2015

 

NEVIN STAND, einen Pappbecher Kaffee in den Händen, auf der kleinen Veranda und sah zu, wie der Regen fiel. Juni in Oregon. Ein Polizist in Uniform kam über den Rasen gelaufen und trampelte die Treppe zur Veranda hoch. Wenn Nevin nicht die Hand gehoben und ihn zurückgehalten hätte, wäre er direkt ins Haus gelaufen.

„Füße abtreten, du Trampel.“

Der Polizist öffnete den Mund, um zu protestieren, überlegte es sich dann aber anders und trat sich sorgfältig die Schuhe ab.

„Seid ihr Gorillas da drin fertig?“, erkundigte sich Nevin.

Die Polizisten waren daran gewöhnt, dass Nevin sie so adressierte. Wenn sie befördert wurden und ihre Uniform loswurden, konnten und würden sie es sich auch leisten.

Dieser schüttelte den Kopf. „Es dauert noch eine Weile.“

„Mist. Schick den Vermieter raus. Ich will mit ihm reden.“

Ein oder zwei Minuten später tauchte der Vermieter auf, sein Gesicht bleich und die blauen Augen weit aufgerissen. Er fuhr sich mit den Fingern durch die sandfarbenen Locken, was dazu führte, dass sie wild in alle Himmelsrichtungen abstanden. Dann zog er an der Fliege um seinen Hals – sie war getüpfelt –, die daraufhin schief saß. „Sie wollten mit mir reden, Herr Polizist?“

„Detective. Nevin Ng. Ja.“

„Colin Westwood.“ Der Mann hielt ihm die fein manikürte Hand hin. Nevin schüttelte sie. Westwoods Hand fühlte sich feucht an, was gut zu seiner grünlichen Gesichtsfarbe passte. Er sah aus wie der Typ Mann, der sich laut schreiend auf einem Stuhl in Sicherheit brachte, wenn er in der Badewanne eine Spinne entdeckte. Man musste ihm allerdings lassen, dass er geduldig auf das Eintreffen von Nevins uniformierten Kollegen gewartet hatte, bevor er aus dem Haus lief und sich hinter einem Rhododendrenbusch übergab. Davor hatte er sich um das Opfer gekümmert und dabei sogar darauf geachtet, der Spurensicherung keine Probleme zu machen.

Die Veranda war, von einer Fußmatte und einigen leeren Blumentöpfen abgesehen, leer. Nevin hatte keine Lust mehr, hier rumzustehen. „Folgen Sie mir.“ Er ging zum Bürgersteig, wo er seinen Wagen geparkt hatte.

Obwohl die Lage ernst war, lächelte Westwood, als er das Auto sah. „Ich wusste nicht, dass die Polizei in Portland so attraktive Dienstfahrzeuge hat.“

Nevin streichelte über die Kühlerhaube und wischte einige Regentropfen ab, die auf dem Lack glitzerten. „Diese Schönheit gehört nur mir allein. Baujahr 1967, ein 4004er Achtzylinder mit 335 PS unter der Haube.“

„Er ist … lila.“

„Die Originalfarbe. Pflaume im Nebel. Sie heißt Julie.“

Westwood blinzelte. „Julie? Warum?“

„Julie war das erste Mädchen, das ich gefickt habe. Steigen Sie ein, bevor wir ertrinken.“ Er folgte seinem eigenen Ratschlag und setzte sich auf den bequemen Fahrersitz. Was er Westwood verschwiegen hatte – aber das ging ihn auch nichts an – war, dass er der weniger auffälligen, aber zuverlässigen 2008er Camaro, den er vor Julie gefahren hatte, Luis genannt hatte. Nach dem ersten Jungen, den er gefickt hatte.

 

 

NACHDEM SICH Westwood auf den Beifahrersitz gesetzt und die Tür geschlossen hatten, streichelte er über die holzverkleidete Konsole. „Ist das auch noch original?“

„Teilweise. Die Lederbezüge nicht, aber mit gefällt das dunkle Grau. Das meiste restauriert oder mit Originalteilen ersetzt.“

„Wow. Ich, äh … kenne mich mit Autos nicht sonderlich gut aus.“

Das überraschte Nevin nicht. Vermutlich fuhr Colin den langweiligen BMW, der in der Einfahrt stand. „Ich wollte nicht mit Ihnen über Autos reden, Mr. Westwood. Erzählen Sie mir, was hier heute passiert ist.“

„Colin. Und ich habe das alles schon …“

„Tu mir den Gefallen, Colin.“

„Na gut.“ Colin seufzte. „Ich bin gekommen, um nach ihrer Toilette zu sehen. Mrs. Ruskin hat mich gestern angerufen und gesagt, sie wäre kaputt.“

„Du hast einen ganzen Tag gebraucht, um einer alten Dame die Toilette zu reparieren.?“

Colin rollte mit den Augen. „Es war die Gästetoilette. Sie hat noch eine andere. Und außerdem ruft sie jede Woche an, weil etwas repariert werden muss. Es sind immer nur Kleinigkeiten. Letzte Woche war ihr Fenster kaputt, aber sie hatte nur die Schnüre der Jalousie verheddert und konnte sie nicht mehr erreichen. Sie sucht nur Gesellschaft.“

„Keine Familie?“

„Eine Nichte, aber die lebt in Delaware.“

Nevin zog einen Notizblock und einen Stift aus der Tasche, schlug eine leere Seite auf und notierte sich einige Worte. „Jemand muss die Nichte benachrichtigen.“

„Das habe ich schon getan. Mrs. Ruskin hat mir vor Jahren ihre Kontaktinformationen gegeben.“

„Ich brauche ihren Namen und die Telefonnummer.“

Colin klopfte an die Brusttasche und verzog das Gesicht. „Verdammt. Ich habe mein Handy im Haus gelassen.“ Er griff zur Wagentür, aber Nevin hielt ihn zurück.

„Nicht jetzt“, sagte er. „Das hat Zeit. Die Nichte ist die einzige Verwandte?“

„Ja. Mrs. Ruskin hat noch einige Freunde, aber die sind alle in ihrem Alter. Die meisten fahren nicht mehr, also sehen sie sich nur noch selten. Ich sage ihr oft, sie sollte darüber nachdenken, in ein Seniorenheim zu ziehen.“

„Du willst sie loswerden, damit du die Miete erhöhen kannst. Oder das Haus abreißen und Eigentumswohnungen bauen.“

Colin hatte eines dieser Gesichter, denen man jedes Gefühl ansah. Und jetzt sah er verletzt aus. „Nein. Ich dachte nur, dort wäre sie nicht so einsam. Und sicherer.“

Das interessierte Nevin. „Du wusstest, dass sie hier in Gefahr war?“

„Nicht … so.“ Colin schüttelte sich. „Nur, weil sie so alt ist. Sie könnte stürzen oder so.“

„Oder so.“

Colin drückte die Hände im Schoß so fest zusammen, dass seine Knöchel weiß wurden. Er sah Nevin verzweifelt an. „Detective Ng … sie wird doch überleben, nicht wahr?“

Der Mann sorgte sich offensichtlich wirklich um die alte Frau. Nevin wurde sofort freundlicher. „Nevin. Ich weiß es nicht.“ Das stimmte nicht ganz. Nevin war zwar erst eingetroffen, als die alte Frau schon abtransportiert worden war, aber er hatte die Gesichter seiner Kollegen gesehen. Mrs. Ruskin würde sich wahrscheinlich nicht mehr über den Schlamm ärgern können, den sie ins Haus geschleppt hatten. Was noch lange nicht hieß, dass diese Idioten sich nicht ihre verdammten Füße hätten abputzen können.

Colin atmete erleichtert aus. „Sie ist eine so nette alte Dame. Ich repariere oft Sachen für sie, die gar nicht repariert werden müssen. Das Haus ist immer sauber und ordentlich. Ich glaube fast, dass sie extra putzt, bevor ich komme. Wir trinken zusammen Tee und reden über Filme oder das Theater. Sie war früher Maskenbildnerin und hat viele berühmte Leute kennengelernt.“ Er lächelte schwach.

Der Regen trommelte aufs Dach und malte seine Muster auf die Windschutzscheibe. Nevin fühlte sich wie benommen und nahm sich vor, Joggen zu gehen, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Vielleicht hatte Jeremy Lust, ihn zu begleiten. Jeremy war muskulös und abgehärtet und kümmerte sich nicht ums Wetter. Er war so groß, dass er vermutlich sein eigenes Mikroklima verursachte.

„Du bist also gekommen, um ihre Toilette zu reparieren und von alten Musicalstars zu schwärmen. Was ist passiert, als du hier angekommen bist?“

„Die Haustür war nicht verschlossen. Das ist immer so, wenn sie mich erwartet. Sie lässt die Tür auf, damit sie meinetwegen nicht aufstehen muss, wenn sie es sich schon im Wohnzimmer bequem gemacht hat. Es fällt ihr manchmal schwer.“ Er schluckte hörbar.

„Dann bist du also einfach ins Haus gegangen?“

„Nein. Ich habe vorher geklingelt, damit sie weiß, dass ich komme. Dann … habe ich sie gefunden.“ Er wurde noch blasser, als er sowieso schon war.

„Kotz mir nicht ins Auto!“

Colin kniff die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf. Nevin ließ ihm einige Sekunden Zeit, sich wieder zu erholen. Colin war Zivilist und solche Szenen nicht gewöhnt. Außerdem machte er keinen sehr robusten Eindruck – gelbkariertes Hemd, Fliege und ein hübsches Jungengesicht, obwohl er wahrscheinlich schon Ende zwanzig war. Er war schlank und zierlich mit bescheidenen Muskeln, die er – wie Nevin vermutete – seiner Mitgliedschaft in einem Fitnessstudio verdankte. Und er war ungefähr zehn Zentimeter größer als Nevin, was ihn aber auch nicht gerade zu einem Riesen machte. Nevin war nämlich nur gut Eins sechzig groß. Colins sanfte Stimme hatte ihn wahrscheinlich während seiner Schulzeit – natürlich in einer teuren Privatschule – sowohl zu einem begehrten Mitglied der Theatergruppe als auch zum bevorzugten Opfer von Mobbing und Schikanen gemacht.

„Tut mir leid“, flüsterte Colin und kratzte an einem eingetrockneten Blutfleck auf seinem Hemd.

„Lass das. Wir brauchen das noch für die Spurensicherung.“

Colin sah ihn erschrocken an. „Spurensicherung?“

„Ja.“ Nevin musste jemanden darum bitten, ihm saubere Ersatzkleidung zu besorgen. Mrs. Ruskins Kleider waren dazu nicht geeignet. „Was hast du getan, nachdem du sie entdeckt hast?“

„Ich … ich bin zu ihr gelaufen. Ich dachte erst, sie wäre tot. Dann habe ich gesehen, dass sie noch atmet. Ich habe es mit erster Hilfe versucht, aber es ist lange her, seit ich es gelernt habe und ich wusste nicht, wie …“

Nevin nickte. In den Erste-Hilfe-Kursen der Schule lernte man normalerweise nicht, wie man sich um ältere Gewaltopfer kümmerte. „Du warst es, der 911 angerufen hat?“

„Ja.“

„Ist dir etwas Ungewöhnliches aufgefallen, als du vor dem Haus angekommen bist? Hast du jemanden gesehen?“

Colin überlegte kurz und schüttelte dann den Kopf. „Nein. Aber ich war abgelenkt. Ich habe nicht sehr gut aufgepasst.“

„Wodurch warst du abgelenkt?“

Colin warf ihm einen resignierten Blick zu. „Mein Freund hat gestern Abend mit mir Schluss gemacht.“ Er drückte die Schultern durch. Vermutlich erwartete er eine abfällige Bemerkung.

Nevin zuckte mit den Schultern. „Es ist wirklich nicht deine Woche, Mann.“

„Das kann man wohl sagen.“ Colin lehnte sich zurück und schloss die Augen.

Nevin kritzelte in seinem Notizblock. Er malte eine Burg – klein, aber mit festen Mauern. Er stellte sich vor, dass sie einem Prinzen gehörte, dessen Familie sicher hinter diesen Mauern lebte, während er unterwegs war, um die Geschichte von drei seltenen Drachenarten zu erforschen. Nachdem er das letzte Türmchen gemalt hatte – gekrönt von einer kleinen Fahne –, summte er zufrieden ein Liedchen vor sich hin.

Colin drehte sich zu ihm um und sah ihn überrascht an. „Ist das etwa Neil Sedaka?“

„Breaking up is hard to do.“

„Das …“ Colin schnaubte. „Du bist ganz anders, als ich mir einen Detective immer vorgestellt habe.“

„Wieso?“

„Es fängt schon mit dem Auto an. Und dann dein Anzug! Ich dachte immer, ein Detective müsste einen schwarzen Polyesteranzug tragen. Aber deiner ist richtig schick.“

„Anzüge von der Stange passen mir nicht.“ Er hatte schon erlebt, dass Verkäufer ihn in die Kinderabteilung schicken wollten. Danach hatte er sich einen Schneider gesucht, der gelegentlich – aus Hongkong! – nach Portland kam, Nevin von oben bis unten vermaß und mit ihm über Stoffe, Farben und Stile sprach. Einige Wochen später kam dann ein Paket mit neuen Anzügen, Hemden und allem, was er brauchte. Und es passte und stand ihm verdammt gut.

Zu Nevins Überraschung musste Colin lachen. „Guter Gott. Musicals und Maßanzüge. Wenn wir jetzt noch über Inneneinrichtung und Haarstile reden, haben wir beide eine Medaille verdient. Für das schwulste Gespräch, dass wir in dieser Woche geführt haben.“

Nevin musste an den heißen Twink denken, den er vor einigen Tagen getroffen hatte. „Sorry, Colin, aber da müsstest du dich noch etwas anstrengen.“

„Soll das heißen, ich bin nicht schwul genug?“ Colin schüttelte den Kopf. „Schade. Normalerweise bin ich darin recht gut.“

„Du kannst nachher noch ins Silverado gehen, um deinen Ruf wieder aufzupolieren.“

Colin schnaubte. „In einen Stripclub? Polierst du so dein Selbstbewusstsein wieder auf, wenn du dich von einem Mann getrennt hast?“

„Ich habe mich noch nie von einem Mann getrennt.“

„Ehrlich?“

Nevin fragte sich, warum er mit dem Mann über sein Sexualleben diskutierte, anstatt ihn zu verhören. Aber immer noch besser, als draußen im Regen zu stehen. „Ich komme und gehe und wenn jemand einen Nachschlag will, kann er den bekommen. Mehr aber nicht. Das ist mein Motto.“ Das und vertraue niemandem dein Herz an, der darauf rumtrampeln könnte. Manche Männer waren an Beziehungen interessiert – wahre Liebe und ein strahlender Regenbogen und so –, aber Nevin wusste, was es mit ihnen anrichten konnte. Jeremy hatte sich von der letzten Katastrophe immer noch nicht erholt, obwohl es Jahre zurücklag und der Kerl sowieso ein Arschloch gewesen war.

Colin schüttelte den Kopf. „Ich nicht. Ich bin das Gegenteil von … wie nennt man das? Beziehungsscheu? Als ich noch zur Schule ging, habe ich schon stundenlang meine Hochzeit geplant, obwohl mir alle sagten, ich dürfte gar nicht heiraten. Ich wollte einen weißen Anzug tragen mit einer schwarzen Fliege. Und es würde Erdbeeren mit Schokolade geben und B-52 und David Bowie zum Empfang.“

„Lad mich ein“, sagte Nevin. „Ich tanze gern.“

„Wird gemacht. Sobald ich jemanden finde, der mich heiraten will.“ Das Lächeln verschwand aus Colins Gesicht. „Aber darüber sollten wir jetzt nicht reden. Mrs. Ruskin …“

„Vergiss es. Das Leben geht weiter.“

„Sie ist eine nette alte Dame. Wir sind sogar Freunde. Glaube ich.“

Es war Zeit, wieder zum Thema zu kommen. „Kannst du dir vorstellen, warum ihr das jemand antun würde?“

Colin verzog das Gesicht. „Ob sie Feinde hat, meinst du? Das bezweifle ich. Sie ist wirklich sehr nett. Sie hat eine Sammlung mit kleinen Löffeln aus jedem Bundesstaat und bis ihre Knie nicht mehr mitgemacht haben, hat sie im Garten gearbeitet.“

„Keine Verflossenen?“, fragte Nevin sicherheitshalber nach.

„Ihr Mann ist im Koreakrieg ums Leben gekommen. Keine Kinder. Sie hat danach nicht wieder geheiratet und mir gesagt, sie hätte sich sowieso immer mehr für Frauen interessiert als für Männer, aber damals nicht den Mut gehabt, dazu zu stehen. Ich habe ihr versichert, dreiundachtzig wäre doch kein Alter und sie wäre noch jung genug, um es zu versuchen.“

„Du bist wirklich ein unverbesserlicher Romantiker.“

„Schon möglich.“

Nevin wollte Colin Westwood mit seiner lächerlichen Fliege, seinen Miethäusern, seinen Ex-Freunden und dem verdammten BMW hassen. Der Mann hatte ein Innenleben, das nur so von kleinen Engeln und regenbogenfarbenen Hochzeitsplanern wimmelte. Aber wie konnte man einen Mann hassen, der sich jede Woche mit einer alten Dame zum Tee traf und sich so sehr um sie sorgte?

Er klappte seinen Notizblock zu und steckte ihn weg. „Lass uns die Adresse der Nichte holen, ja?“

 

 

„WICHSER!“ NEVIN machte einige passende Gesten, die der Busfahrer, der ihnen den Weg abgeschnitten hatte, glücklicherweise nicht sehen konnte. Er sehnte sich nicht oft nach der alten Zeit zurück, als er noch einen Dienstwagen fuhr und Strafzettel verteilte. Jetzt war allerdings ein solcher Moment. Am liebsten hätte er das Arschloch rechts rangewinkt und ihm einen Strafzettel verpasst, dass ihm hören und sehen verging. So blieb ihm nichts anderes übrig, als fluchend hinter dem Bus herzufahren.

Er grummelte immer noch vor sich hin, als er in die Tiefgarage fuhr. Und Hunger hatte er auch. Er war nach seinem Gespräch mit Colin noch ins Providence Medical Center gefahren in Hoffnung, dass Mrs. Ruskin vielleicht bei Bewusstsein wäre und ihm mehr über den Überfall sagen konnte. Danach wollte er ursprünglich mit Jeremy zum Joggen, sich einige Tacos besorgen, essen und duschen und sich dann auf die Suche nach einem Mann machen. Aber als er im Krankenhaus ankam, hatten ihm die Ärzte gesagt, Mrs. Ruskin hätte nicht überlebt. Er würde nichts mehr von ihr erfahren, ohne sich vorher ein Ouijabrett zu besorgen. Danach war er bei Frankl und Blake von der Mordkommission hängengeblieben, die beschlossen hatten, dass er es wäre, der Mrs. Ruskins Nichte über das Ableben ihrer Tante informieren sollte. Schließlich, so sagten sie, hätte er den Fall zuerst aufgenommen. Arschlöcher. Und die Nichte? Schien sich mehr darüber zu ärgern, dass sie sich jetzt um die Beerdigung kümmern musste. Der Tod ihrer Tante ging ihr offensichtlich nicht sonderlich nahe.

Jetzt war es schon dunkel und zu spät, um noch Joggen zu gehen. Außerdem knurrte ihm der Magen, aber er hatte keine Lust mehr, sich noch Tacos zu besorgen. Mist. Hoffentlich gab es im Kühlschrank noch was, das er sich in die Mikrowelle schieben konnte.

Seine Wohnung lag im vierten Stock. Sie hatte ein Schlafzimmer und eine kleine Küche mit Blick auf den Hinterhof. Dafür war man von hier schnell in der Innenstadt oder auf der Autobahn, Julie fühlte sich wohl und es gab einen kleinen Fitnessraum im Keller, in dem trainieren konnte, wenn er keine Zeit hatte, um in ein Studio zu gehen. An den Wänden hingen einige seiner besseren Zeichnungen und an der Kühlschranktür Dankeskarten von Opfern, denen er in der Vergangenheit geholfen hatte.

Nevin warf sein Jackett über einen Sessel und ging in die Küche, um sich auf die Suche nach etwas Essbarem zu begeben. Was er fand, war eine Schachtel mit einem chinesischen Fertiggericht. Sie lag schon so lange im Gefrierfach, dass sie über und über vereist war.

„Hühnchen von General Tso. So chinesisch wie ich“, grummelte er und schob den Inhalt in die Mikrowelle.

Als es endlich klingelte, hatte er eine Jogginghose und ein T-Shirt angezogen. Er kippte das angeblich chinesische Essen auf einen Teller, holte sich eine Gabel aus der Schublade und öffnete eine Flasche Bier. Dann ließ er sich in seinen Lieblingssessel fallen – den vor dem Fernseher – und schlug zu.

Am ersten Bissen verbrannte er sich die Zunge, der zweite war noch halb gefroren. Ein interessantes Geschmackserlebnis. Es war fast wie russisches Roulette, aber das war ihm egal. Es schmeckte sowieso beschissen. Selbst das Bier – normalerweise schmeckte ihm Full Sail recht gut – war heute schal. Nevin musste immer wieder an Colin Westwood denken, wie er in dem karierten Hemd mit den Blutflecken vor ihm gestanden hatte. Die alte Dame war totgeschlagen worden und der einzige Mensch, dem es naheging, war ihr Vermieter.

Mist.

Er war zu jung, um sich schon so ausgebrannt zu fühlen. An Tagen wie diesem dachte er oft darüber nach, seinen Job zu kündigen. Aber was wäre die Alternative? Nevin hatte bei der Polizei arbeiten wollen, seit er fünfzehn Jahre alt war. Er hatte sich nie eine andere Arbeit vorstellen können – abgesehen von seiner jugendlichen Spinnerei, eine Gaunerlaufbahn einzuschlagen. Aber das war davor gewesen. Jetzt hatte er einen Collegeabschluss in Strafrecht. Mehr hatte er nicht vorzuweisen. Es war sein einziges Talent.

Er stocherte resigniert in den Resten des Hühnchens, als sein Handy klingelte.

Heute nicht, schickte er zurück, obwohl er wusste, dass es vergeblich war.

Nicht verhandelbar.

Leck mich.

15 Minuten.

Nevin stellte den Teller und die leere Bierflasche weg und schlurfte ins Schlafzimmer, um im Schrank nach schwarzen Klamotten zu suchen.

 

 

„DU SIEHST höllisch aus“, sagte Ford, als Nevin zu ihm in den Truck stieg.

„Du hast doch selbst gesagt, dass sich schwarz tragen soll.“

„Mann, ich rede nicht von deinen Klamotten. Obwohl sie eher an FBI erinnern als an NOFX.“

Nevin zeigt ihm den Vogel. „Wir können einen kurzen Abstecher machen. Dann lasse ich mir noch schnell ein Anarcho-Symbol auf die Stirn tätowieren.“

„Zu extrem. Aber ein Mohawk wäre nicht schlecht. Steht dir.“ Ford rubbelte ihm über den Kopf.

Nevin boxte ihn an den Arm. „Idiot. Wenn du nicht fahren müsstest, hätte ich jetzt härter zugeschlagen.“

„Ja, ja. Angeber.“ Ford fuhr los und fädelte sich in den Verkehr ein. Er trug das Übliche – Stiefel, ausgewaschene Jeans und ein altes T-Shirt mit dem Logo einer Heavy Metal-Band. Seine Glatze glänzte. Als Ford die erste kahle Stelle entdeckte, hatte er sich sofort eine Glatze rasiert. Der Truck roch nach Erde und Dünger, aber bis auf einige leere Fast-Food-Tüten war er einigermaßen sauber.

Nevin versuchte es noch einmal mit einem Protest, obwohl es dazu schon längst zu spät war. „Ich bin heute nicht in der Stimmung, um auszugehen.“

„Langweiler.“

„Ford …“

„Ich bin jedenfalls in der Stimmung nach weiblicher Gesellschaft und wir wissen beide, dass wir als Team erfolgreicher sind. Also halt den Mund und vergiss, was die bei der Arbeit über die Leber gelaufen ist. Du wirst dich betrinken, wir tanzen und wenn wir Glück haben, finden wir Gesellschaft für den Abend.“

Nevin lehnte sich zurück und schmollte.

Ford fuhr in eine Kellerbar, die etwas außerhalb an der Division Street lag. Die Hipster hatten sie offensichtlich noch nicht entdeckt oder wenn, waren sie inkognito – mit alten Lederjacken und Piercings – gekommen. Die meisten Besucher waren jünger als Nevin und Ford. Nur eine Handvoll sah aus, als hätten sie noch alte Schallplatten von den Ramones zuhause.

Während die Band sich aufwärmte, trank Nevin ein Bier und sah sich um. Ford hielt sich an Cola. Seine biologischen Eltern waren Alkoholiker gewesen, also ging er dem Zeug aus dem Weg, auch wenn er nicht fahren musste. Für Nevin war das höchst praktisch, weil er so immer einen sicheren Fahrer hatte und sich betrinken konnte, wann immer er wollte.

Er zeigte mit der Bierflasche zur Bühne. „Wie heißt die Band?“

„Dick Zipper and the Jizz Parade.“

„Wirklich? Gefällt mir. Einprägsam und kultiviert.“

„Niemand kennt sich da besser aus als du, Brüderchen.“

Wie sich herausstellte, war Dick Zipper musikalisch gesehen eine Katastrophe. Aber die Band spielte laut und schnell, sodass es kaum auffiel. Nevin trank noch ein Bier, dann ging er auf die Tanzfläche und schob sich zwischen die anderen verschwitzten Leiber. Gelegentlich legte er eine Pause ein und trank noch ein Bier, damit die Wirkung nicht nachließ. Er fühlte sich nicht sonderlich gut, aber immerhin war er noch am Leben. Halleluja aber auch!

Irgendwann ließ seine Energie dann nach. Er nahm Ford, der gerade mit einer Wasserstoffblonden tanzte, am Arm und zog ihn von der Tanzfläche in eine ruhige Ecke.

„Ich muss morgen früh arbeiten“, schrie er ihm ins Ohr. Es war schon nach Mitternacht.

„Das nennst du Arbeit? Ich muss morgen in aller Herrgottsfrühe Rosenbüsche umpflanzen!“

„Rutsch mir den Buckel runter mit deinen Rosenbüschen, Fordor. Ich nehme ein Taxi.“

Aber Ford folgte ihm nach draußen auf den Parkplatz. „Ich habe Hunger“, verkündete er und zeigte auf das Schnellrestaurant auf der anderen Straßenseite. „Komm mit, ich lade dich ein.“

Nevin nahm das Angebot an. Es konnte nicht schaden, den Alkohol mit etwas fester Nahrung zu unterfüttern. Auf unsicheren Beinen folgte er Ford über die Straße.

Er war noch nie hier gewesen, aber es roch vertraut nach Kaffee, Würstchen und falschem Ahornsirup. Als Bulle verbrachte man viel Zeit in solchen Restaurants, besonders während der Nachtschicht. Etwa ein Viertel der Tische war mit den üblichen Verdächtigen besetzt – Lastwagenfahrer, Stoner, Studenten und Leute, die erst spät von der Arbeit kamen. Einige der Gäste kamen aus dem Club gegenüber. Sie waren an ihren absichtlich zerrissenen Klamotten und kunstvoll gegelten Haaren leicht zu erkennen.

Sie wurden von einer müde aussehenden, jungen Frau bedient, die ihre Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. Kaum hatten Ford und er Platz genommen, schenkte sie ihnen Kaffee ein. Nevin lächelte sie dankbar an.

„Meinst du, sie hätten hier Köche?“, fragte er, während er die Speisekarte studierte. „Oder kommt alles aus der gleichen Fertigmischung? Vielleicht müssen sie nur auf den richtigen Knopf drücken, und eine Maschine spuckt Waffeln oder Rührei aus.“

„Du bist betrunken.“

„Na und? War das nicht dein Plan?“

Ford öffnete den Mund, schloss ihn aber wieder in fing zu winken an. Nevin drehte sich zur Tür um. Es war die Wasserstoffblonde. Sie wurde von einer etwas pummeligen, hübschen Frau mit feuerroten Haaren begleitet. Die Frauen winkten zurück und kamen auf ihren Tisch zu. Ford rutschte zur Seite – die Blonde setzte sich sofort zu ihm – und Nevin blieb nichts anderes übrig, als es ihm nachzumachen. Die Rothaarige grinste ihn an und setzte sich ebenfalls zu ihnen an den Tisch.

Ford stellte sie vor. „Nevin, das ist Cat und das, äh …“

„Riley“, sagte die Rothaarige.

„Meine Damen, das ist Nevin, mein kleiner Bruder.“

„Bruder?“, fragte Riley und schaute zwischen ihnen hin und her.

„So gut wie.“

Das schien ihr zu reichen, was ein gutes Zeichen war. Nevin hatte keine Lust, ihr die Hintergründe zu erklären. Es ging sie nichts an, dass Ford und er zwei Jahre lang in derselben Pflegefamilie gelebt hatten. Dann war Ford achtzehn geworden, einige Monate vor Nevin. Sie hatten in einer ganzen Reihe beschissener Aushilfsjobs gearbeitet und sich eine billige Wohnung geteilt, während Nevin aufs College ging.

Die Kellnerin kam an ihren Tisch zurück und schenkte den beiden Frauen Kaffee ein. Dann nahm sie ihre Bestellungen auf. Ford entschied sich für einen riesigen Frühstücksteller, die Frauen bestellten Heidelbeerpfannkuchen und Nevin beließ es bei Obstsalat mit Toast.

Nachdem die Kellnerin wieder gegangen war, drehte Riley sich zu Nevin um. „Wo kommst du her?“, fragte sie strahlend. Sie roch nach Nelkenzigaretten.

„Portland.“

„Nein, ich meinte vorher.“

Oh Gott. Nicht schon wieder das. Nevin seufzte. „Ich bin von hier.“

Sie nickte und kräuselte ihre süße kleine Stupsnase. „Was bist du?“

Manchmal hatte er auf diese Frage eine kluge Antwort. Manchmal dachte er sich auch irgendwelchen Unsinn aus und erzählte, seine Eltern wären mongolische Hirten gewesen, die ihn für eine Waschmaschine an einen Missionar verkauft hätten. Heute hatte er zu beidem keine Lust mehr, also sagte er ihr die Wahrheit. „Ein halber Chinese, der Rest ist unbekannt.“ Sollte seine Mutter mehr darüber gewusst haben, hatte sie das verschwiegen. Auf seiner Geburtsurkunde war die betreffende Zeile jedenfalls leer geblieben. Und dann hatte sie ihn sitzenlassen, bevor er alt genug war, um sie danach zu fragen.

 

 

„ICH BIN irisch, schottisch, deutsch und französisch“, informierte ihn Riley. „Und ein Sechszehntel Cherokee.“

„Wie interessant“, log Nevin.

Sie rutschte näher, bis sich ihre Beine berührten. „Und was arbeitest du?“

Normalerweise sprach er nicht über seinen Beruf. Die meisten Leute reagierten darauf entweder verschreckt und zogen sich zurück oder es setzte ein Kopfkino in Gange, in dem schlechte Pornos liefen. Nicht, dass er etwas gegen Pornos hätte, aber er hatte seine Ansprüche. Und die Geschichten mit dem Mann-in-Uniform hatten ihn noch nie angemacht.

Nevin lächelte. „Ich bin professioneller Kung Fu-Kämpfer.“ Gab es das überhaupt?

Riley brach in ein bewunderndes Ohh… aus und Ford trat ihm ans Schienbein. Nevin hätte beinahe laut aufgeschrien und nahm sich fest vor, es Ford später heimzuzahlen.

Dann kam das Essen. Riley unterhielt sie mit Geschichten über Jimbo, ihren Corgi, ihren Job in einer Fahrradwerkstatt und die Bands, die sie in den letzten drei Jahren live gesehen hatte. Sie war recht lustig und nachdem Nevin seine Vorbehalte über sie abgelegt hatte, stellte er fest, dass sie auch nett war. Er bekam ein schlechtes Gewissen, weil er sie angelogen hatte. Glücklicherweise war es nicht schlimm genug, um ihr die Wahrheit zu sagen.

Die Kellnerin brachte frischen Kaffee und als Nevin das nächste Mal aufs Handy schaute, war es schon zwei Uhr nachts. „Mist. Ich habe morgen tonnenweise Berichte zu schreiben.“

„Müssen Kung Fu-Kämpfer Berichte schreiben?“

Er zuckte mit den Schultern. „Äh, ja. Über die Wettkämpfe.“

Sie kuschelte sich an ihn. „Schade. Ich hätte dir zu gerne Jimbo vorgestellt. Ich wette, ihr hättet euch gut verstanden.“

Nevin warf Ford einen fragenden Blick zu, aber der wackelte nur mit den Augenbrauen und drückte Cat an sich. Wie es aussah, würde er heute Nacht Cat nach Hause fahren, nicht ihn.

„Weißt du was?“, sagte er und hoffte, es würde sich einigermaßen begeistert anhören. „Ich würde Jimbo gerne kennenlernen. Bist du mit dem Auto hier?“

2

 

 

Juli 2015

 

COLIN LAG nackt im Bett. Es war brütend heiß. Wenn man bedachte, was die Wohnung ihn kostete, sollte man eigentlich eine funktionierende Klimaanlage erwarten können. Aber sie funktionierte eben nicht und jedes Mal, wenn er deswegen einen Handwerker anrief, wurde er vertröstet. Sie würden gerne vorbeikommen und sich um das Problem kümmern. Irgendwann im nächsten Monat oder so. Offensichtlich fielen überall in der Stadt gerade die Klimaanlagen aus. Es musste daran liegen, dass der Juli der heißeste Monat des Jahres war und die Dinger überall auf Hochtouren liefen. Colin hätte sich liebend gern beim Vermieter beschwert, aber dummerweise war er das selbst.

Er griff in die kleine Schale auf dem Nachttisch und fischte sich einen Eiswürfel heraus, den er sich auf den Bauch legte. Es war ein angenehmes Gefühl, wenn das Eis schmolz. Colin schüttelte sich leicht.

Er hätte sich der Hitzefolter in der Wohnung nicht aussetzen müssen. Es war zwar Samstag, aber er hätte ins Büro gehen können, wo es immer Arbeit gab. Oder ins Kino oder zum Einkaufen oder in ein gemütliches kleines Café. Er hätte sogar seine Eltern in ihrem riesigen Haus im Westen der Stadt besuchen können. Dort würde keine Klimaanlage der Welt es wagen, nicht zu funktionieren. Dafür würde seine Mutter schon sorgen. Dummerweise kam das alles nicht in Frage, weil er Legolas nicht allein zuhause lassen wollte. Also schmachtete er aus Solidarität in der Hitze vor sich hin. Leg schien sich nicht um das Opfer zu kümmern, das Colin ihm brachte. Er lag im Badezimmerwaschbecken und schlummerte zufrieden.

Von dem Eiswürfel auf seinem Bauch war nur noch eine warme Pfütze übrig. Das Wasser lief an ihm herab, als er sich umdrehte, um sich einen neuen Eiswürfel aus der Schale zu holen. Dieses Mal legte er ihn auf seine Brust, direkt zwischen die Nippel. Der Eiswürfel blieb in der Narbe liegen und das Wasser floss über die längliche Vertiefung nach unten ab. Er stellte sich vor, dass ein kleines Boot über seinen Körper segelte und der Kapitän dem Steuermann zurief, vorsichtig zu sein, damit ihr Boot nicht an den Brusthaaren auf Grund lief. Captain Hook vielleicht. Nein, doch nicht. Lieber Jack Sparrow.

„Jo-hoo“, sang er, hörte aber schnell wieder auf. Er fühlte sich einfach zu schlaff. Er gähnte und versuchte es noch einmal: „Ahoi!“ Dann streichelte er sich versuchsweise über den Schwanz, aber es dauerte eine Weile, bis sein Körper Interesse zeigte. Obwohl Colins Freunde sich schon lange abmühten, ihn wieder zu verkuppeln – selbst seine Mutter hatte schon den zweiten Anlauf hinter sich –, war solo und keusch geblieben, nachdem Trent ihm vor sechs Wochen den Laufpass gegeben hatte. Er seufzte und gab auf. Es war einfach zu heiß, um sich einen runterzuholen. Vielleicht sollte er sich Leg zum Vorbild nehmen und ein Nickerchen machen.

Seine Augenlider schlossen sich gerade, als ein Klingeln ertönte. Er tastete blind nach dem Handy, warf es dabei vom Nachttisch auf den Boden und schaffte gerade noch, das Ding wieder aufzuheben, bevor sich die Mailbox einschalten konnte.

„Hallo?“

„Hey, Colin. Hier ist Manuel. Meinst du, du könntest mir einen großen Gefallen tun?“ Manual Ceja hörte sich aufgeregt an, aber das war bei ihm fast immer der Fall. Er führte Bright Hope, eine Wohltätigkeitseinrichtung, die ältere und kranke Menschen der LGBT-Community versorgte. Manuel machte diese Arbeit hervorragend, aber Colin befürchtete manchmal, er würde sich zu viel zumuten.

„Für dich immer“, sagte er beruhigend.

„Du bist ein Schatz, Colin Baby. Debbie sollte heute Roger Grey besuchen, aber sie hat gerade angerufen und gesagt, dass ihr Auto auf dem Heimweg von Lincoln City zusammengebrochen ist und sie es zeitlich nicht schafft, und ich weiß, dass du ihn dienstags immer besuchst und mache mir Sorgen um ihn, weil es heute so heiß ist und wenn du ihn besuchen könntest, wäre ich dir fürchterlich dankbar.“

Colin bekam Mitleid mit Manuels überforderter Lunge und atmete aus Solidarität einige Male tief durch. „Sicher. Kein Problem“, sagte er dann. Obwohl Roger ziemlich weit weg wohnte.

„Du bist mein Prinz.“

„Sie kauft auch für ihn ein, nicht wahr?“

„Ja. Ich schicke dir die Liste. Wenn du das Geld vorlegen kannst, gebe ich es dir …“

„Ich kümmere mich um alles. Sieh es als zusätzliche Spende für Bright Hope an.“

Manuel summte einige Takte von God save the Queen und lachte. „Du bist gerade vom Prinzen zum Monarchen befördert worden.“

„Na prima. Ich wollte schon immer ein Krönchen.“

Es kostete ihn Überwindung, aufzustehen und sich anzuziehen. Die alten Menschen, die Bright Hope betreute, bekamen nicht oft Besuch. Deshalb zog er sich meistens schick an. Sie fühlten sich geschätzt, wenn man sich ihretwegen etwas Mühe gab. Außerdem – so hatte ihm schon mehr als einer gestanden – freuten sie sich besonders, wenn sie von einem gut aussehenden Mann umsorgt wurden. Heute allerdings konnte sich Colin nicht dazu überwinden. Er beschränkte sich auf enge Shorts und ein Tanktop. Wenigsten hatten die Kunden im Supermarkt dann einen Grund, ihn anzustarren.

Legolas miaute verschlafen, machte sich aber nicht die Mühe, das kühle Waschbecken zu verlassen, als Colin sich von ihm verabschiedete. Vielleicht sollte er sich einen Hund zulegen. Hunde wussten ihr Herrchen wenigstens zu schätzen. Andererseits hatte Legolas immer in Trents Schuhe geschissen, wenn das Arschloch bei ihm übernachtete. Rückblickend gesehen, hatte Legolas also bessere Menschenkenntnis bewiesen als er selbst. Das war auch nicht zu verachten.

In seinem Auto war es mindestens zehn Grad wärmer als draußen. Er drehte die Klimaanlage auf, wischte sich den Schweiß aus den Augen und wartete ab, bis das Lenkrad abgekühlt war. Er zog eine Grimasse. Nicht wegen der Hitze, sondern wegen dem Auto. Er hatte noch nie viel über Autos nachgedacht. Sein erstes Auto hatten ihm seine Eltern geschenkt – einen zuverlässigen Pkw. Und dann, nachdem er in die Firma seines Vaters eingestiegen war, löste ein BMW den anderen ab. Sein Vater meinte, es wäre wichtig, bei ihren Kunden den Eindruck von Erfolg und Klasse zu erwecken. Damit mochte er recht haben. Aber Colin beneidete plötzlich Menschen, die es sich leisten konnten, einen lilafarbenen Wagen zu fahren. Wie Nevin Ng.

Colin lächelte, als er an Nevin dachte. Dieser Detective Ng war ein verdammt interessanter Mann. Und nach dem Schock über den Überfall auf Mrs. Ruskin war Nevin sogar unerwartet tröstend gewesen.

Die Fahrt dauerte ewig. Die ganze Stadt schien sich in Zeitlupe zu bewegen. Aber dafür war der Supermarkt himmlisch. Besonders die Kühlregale waren eine willkommene Erfrischung. Colin schlich um sie herum, bis er eine Gänsehaut bekam und einer der Angestellten ihn misstrauisch beäugte.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte er Colin und stützte sich auf seinen Besen.

„Ich, äh … bewundere nur das Joghurt.“

Damit wurde er den jungen Mann schnell los.

Natürlich hatte sich das Auto, während Colin im Supermarkt seine Zeit vergeudete, wieder in einen Brutofen verwandelt. Der kurze Weg zu Roger Grey reichte nicht aus, um es wieder abzukühlen. Als Colin endlich an die Wohnungstür klopfte, lief ihm der Schweiß in Strömen übers Gesicht.

„Du bist nicht Debbie“, begrüßte ihn Roger, als er die Tür öffnete.

„Enttäuscht?“

„Nicht im Geringsten. Debbie ist eine nette junge Frau, aber du, mein Junge, bist eine Augenweide.“

Colin hob die Einkaufstüten hoch. „Kann ich das erst wegräumen?“

„Sicher.“

Rogers Wohnung war nicht viel größer als ein Hotelzimmer. Sie enthielt ein Schrankbett, eine kleine Küchenzeile, einen Tisch mit zwei Metallstühlen und einen Polstersessel. Colin hatte den Verdacht, dass Roger oft in dem Sessel schlief. An der Wand stand noch ein Bücherregal, das den Rest des freien Platzes dominierte. Es war vollgestopft mit Büchern, vor allem Taschenbüchern, aber auch einigen gebundenen Ausgaben. Überall im Zimmer lagen Zeitungen und Magazine herum.

Die Hängeschränke über der Küchenzeile waren klein, aber trotzdem nahezu leer. Auch im Kühlschrank gab es nicht viel. Während Colin die Lebensmittel verstaute, nahm er sich vor, Manuel zu bitten, öfter nach Rogers Vorräten zu schauen. „Ich habe Brathähnchen mitgebracht“, sagte er zu Roger, der es sich im Sessel bequem gemacht hatte. „Und Kartoffelpüree mit Soße. Willst du dazu Salat oder Gemüse?“ Er hielt die beiden Plastikbehälter hoch, die er an der Delikatessentheke gekauft hatte. „Grüne Bohnen.“

„Du musst mir nicht das Essen machen.“

„Will ich aber. Meine Katze mag keine grünen Bohnen. Es wäre eine schöne Abwechslung.“

Roger lachte krächzend. „Dann will ich dir dein Vergnügen nicht nehmen. Leg los.“

Während Colin alles vorbereitete, berichtete er Roger von Debbies Autopanne. Debbie war auf dem Rückweg von der Küste gewesen und die Geschichte löste in Roger Erinnerungen aus. Er wurde nostalgisch und erzählte Colin von einem Urlaub mit fünf Freunden in einem Ferienhaus bei Cannon Beach. Es musste die reinste Orgie gewesen sein. „Sie sind jetzt alle tot“, sagte Roger und starrte auf sein Tablett. „AIDS. Bis auf Emmett. Emmett hat Neunundachtzig Selbstmord begangen. Gleich nach dem Tod seines Partners.“

Colin drehte einen Stuhl zu Roger um und setzte sich. „War das eure erste Party?“, fragte er freundlich.

Die Geschichten, die Roger ihm daraufhin erzählte, waren so wild, dass Colin nicht wusste, was davon stimmte und was nicht. Er hörte aufmerksam zu, war aber in Gedanken woanders. Er war nach der Trennung von Trent in Selbstmitleid verfallen, ganz anders als Roger. Und was hatten der alte Mann und seine Generation alles mitgemacht! Roger hatte seine Eltern Geschwister schon vor Jahrzehnten verloren, weil sie sich weigerten, seine Homosexualität zu akzeptieren. Er hatte hilflos zusehen müssen, wie seine Freunde starben und sein Geliebter. Er war selbst HIV-positiv, aber er lebte schon seit zwanzig Jahren damit. Der Virus, die Behandlungen und die Medikamente hatten seine Gesundheit und sein Bankkonto mächtig angegriffen. Für einen Mann Anfang siebzig war er schon sehr gebrechlich, lebte in einem Schuhkarton von Wohnung und war auf Hilfe angewiesen, um genug zu essen und gelegentlich menschliche Gesellschaft zu haben.

„Ich nehme an, heute hat sich das alles geändert“, sagte Roger nachdenklich und riss Colin damit aus seinen Gedanken. „Apps und Gummis und alles das.“

„Wahrscheinlich. Ich kenne mich damit nicht sehr gut aus.“

„Hast du mir nicht gesagt, du wärst single?“

„Ja.“ Colin stand auf, sammelte das Geschirr ein und stellte es in die Spüle.

„Du bist doch ein so attraktiver Mann. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich das männliche Schönheitsideal seit meiner Zeit so verändert haben kann.“

Colin grinste. „Danke. Aber ich habe deine Fotos gesehen und du hast wesentlich besser ausgesehen als ich.“

„Ich war ein Herzensbrecher. Doch das habe ich nicht gemeint. Was hält dich davon ab, deine Jugend zu genießen?“

Um ehrlich zu sein, war sich Colin nicht sicher, jemals eine Jugend gehabt zu haben. Jedenfalls nicht so, wie Roger es meinte. Manchmal kam er sich vor, als wäre er schon alt geboren. „Ich bin mehr der Typ, der von einem Häuschen mit Gartenzaun träumt. Und ich habe noch nicht den richtigen Mann dafür gefunden.“

„Was spricht dagegen, dir die Zeit bis dahin mit einem anderen Mann zu überbrücken?“ Roger grinste kopfschüttelnd. „Es ist alles so fremd für mich. Diese Sache mit der Heirat …“

„Hättet ihr geheiratet, wenn es möglich gewesen wäre? Frank und du?“

„Ich weiß es nicht. Wir haben uns geliebt, daran besteht kein Zweifel. Aber heiraten … Das ist alles so normal. Wir haben nicht in diesen Kategorien von Normalität gedacht und ich kann nicht sagen, ob wir es gewollt hätten.“

Colin nickte, stellte das gespülte Geschirr auf den Ablauf und drehte sich um. Roger sah ihn nachdenklich an. „Du bist noch nicht lange als Freiwilliger bei Bright Hope, nicht wahr?“