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Die Türkei bietet nicht nur traumhafte touristische Ziele, sondern auch eine prosperierende Wirtschaft mit einem bemerkenswerten Wachstum. Darüber hinaus macht sie ihre geografische Lage zu einer optimalen Brücke in den vorderasiatischen und asiatischen Raum. Das Land ist damit ein wichtiger Handelspartner für den deutschsprachigen Raum. Die Folge: Immer mehr Firmen engagieren sich in der Türkei – und immer mehr Geschäftsleute reisen in die Türkei. Damit die Businessbeziehungen und -reisen jedoch von Erfolg gekrönt werden, müssen Geschäftsreisende vorab gut über Land und Leute informiert sein. Nur so lassen nicht nur erfolgreich Geschäfte abschließen und gute Kontakte knüpfen, sondern auch die Herzen vor Ort gewinnen. Isnay Kemmler liefert hierfür die wesentlichen Fakten über Mentalität, Geschäftsgepflogenheiten und das Business am Bosporus. Städteschwerpunkte: Istanbul
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Seitenzahl: 220
Veröffentlichungsjahr: 2008
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 978-3-636-01550-1 | Print-Ausgabe
ISBN 978-3-86881-065-3 | E-Book-Ausgabe (PDF)
E-Book-Ausgabe (PDF): © 2009 by Redline Verlag, FinanzBuch Verlag GmbH, München.www.redline-verlag.de
Print-Ausgabe: © 2008 by Redline Wirtschaft, FinanzBuch Verlag GmbH, München.
Umschlaggestaltung: Eiler2 GmbH, München Foto S. 5: Arno Kemmler Foto S. 64, 181, 186: Dr. Seyfi Pehlivan Satz: Manfred Zech, Landsberg am Lech Printed in Austria
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Einleitung
1. Türkei – Türkiye
1.1 Geografie
1.2 Infrastruktur
2. Geschichte und Politik .
2.1 Historischer Überblick
2.2 Politisches System
2.3 Weltsicht und Selbstverständnis des Landes
2.4 Beziehungen zu Deutschland
3. Gesellschaft und Kultur
3.1 Bevölkerungsstruktur und -entwicklung
3.2 Das Bildungssystem
3.3 Werte, Traditionen und Eigenarten
3.4 Religion
3.5 Kultur, Sport und Medien
4. Wirtschaft
4.1 Wirtschaftssystem und -struktur
4.2 Wirtschaftliche Entwicklung
4.3 Wichtige Branchen und bedeutende Unternehmen
4.4 Außenhandel und Wirtschaftsbeziehungen zu Deutschland
5. Verhalten und Besonderheiten im türkischen Geschäftsleben
5.1 Arbeitskultur und -gepflogenheiten
5.2 Dos and Don’ts
5.3 Begrüßung und Vorstellung
5.4 Geschäftskleidung
5.5 Meetings und Verhandlungen
5.6 Teamarbeit
5.7 Präsentationsstil
5.8 Geschäftseinladungen und -essen
5.9 Small Talk
5.10 Recht und Verträge
5.11 Korruption
5.12 Kontakte/Netzwerke
5.13 Frauen im Geschäftsleben
6. Istanbul .
6.1 Kurze Stadtgeschichte
6.2 Die wichtigsten Sehenswürdigkeiten
6.3 Geschäftshotels
6.4 Restaurants
6.5 Einkaufsmöglichkeiten
6.6 Ausgehtipps
7. Praktische Informationen von A bis Z
7.1 Apotheken
7.2 Außenhandelskammer
7.3 Autofahren
7.4 Deutsche Zeitungen
7.5 Ärzte und Krankenhäuser
7.6 Diplomatische Vertretungen
7.7 Essen und Trinken
7.8 Feiertage und Feste
7.9 Geld/Geldautomaten
7.10 Mietwagen
7.11 Öffnungszeiten
7.12 Sicherheit
7.13 Taxifahren
7.14 Telefonieren/Notruf
8. Kleiner Sprachführer
Literaturverzeichnis und Internetadressen
Stichwortverzeichnis
Merhaba,
durch die Globalisierung rückt uns die Welt näher, mithilfe des Internets sind Informationen oft nur einen Mausklick entfernt. Neue Geschäftsfelder eröffnen sich, die Produktionsstandorte verlagern sich in andere Länder, und die Außenhandelsvolumina steigen kontinuierlich. Dabei spricht jeder von der Herausforderung der kulturellen Unterschiede und der Bedeutung der interkulturellen Kompetenz bei erfolgreichen Geschäftsbeziehungen. Und es stellt sich für einige die Frage: Wieso sind manche Geschäftsleute in unterschiedlichsten Ländern und Kulturkreisen so erfolgreich? Sie können sich doch nicht mit jeder Kultur hervorragend auskennen. Doch eines haben diese Menschen gemeinsam: Sie nähern sich einem fremden Land und einer unbekannten Kultur offen und bringen keine fixe Idee, wie die Menschen dort sind, in das jeweilige Land mit. Als mehrsprachig und international geprägter Mensch bin ich aufgrund meiner Lebens- und Berufserfahrung überzeugt, dass jeder mit Aufgeschlossenheit und Fingerspitzengefühl gepaart mit den landestypischen Informationen überall erfolgreich sein kann.
Mit diesem Buch möchte ich Ihnen mein Herkunftsland etwas näher bringen: Weg von den Klischees und Vorurteilen, die wir oft nicht vermeiden können, möchte ich Ihnen allgemeine Informationen über die Landeskultur, Werte, Wirtschaft, Politik und Geschichte der Türkei sowie einige praktische Tipps geben. Ein altes türkisches Sprichwort sagt »Bilmemek değil,öğrenmemek ayıptır – Etwas nicht zu wissen ist keine Schande, etwas nicht zu lernen ist eine.«
Wenn Sie sich einiges von diesen Informationen merken können und gegebenenfalls in den Gesprächen mit Ihren Geschäftspartnern nutzen, zeigen Sie diesen gegenüber nicht nur Ihr Interesse und Ihre Wertschätzung, sondern Sie machen auch einen großen Schritt für den Beziehungsaufbau und somit für erfolgreiche Geschäfte.
Darüber hinaus finden Sie – verstreut in den verschiedenen Kapiteln – Sprichwörter, kurze Geschichten und witzige Anekdoten von Nasrettin Hoca/Nasreddin Hodscha. Diese sollen Ihnen nicht nur das Lesen dieses Buches unterhaltsamer machen, sondern auch die türkische Mentalität etwas näher bringen. Für die Türken ist Humor sehr wichtig, und sie möchten auch mit Geschäftspartnern lachen können. Vielleicht ergibt sich für Sie ein Anlass, eine der landesweit und bei Jung und Alt bekannten Anekdoten von Nasreddin Hodscha zu erzählen und somit erstaunte und gleichzeitig erfreute Blicke zu ernten. Es kann dann passieren, dass Sie, ohne es zu merken, neben Geschäftspartnern auch Freunde in der Türkei gewinnen.
Zu guter Letzt darf die einzige Stadt auf der Welt, die auf zwei Kontinenten liegt, mein Istanbul, die nach Meer riecht und über die schon so viel gesagt und geschrieben wurde, auch nicht zu kurz kommen. Die faszinierende Metropole, das pulsierende Herz der türkischen Kultur und des Handels möchte ich Ihnen als Kennerin dieser Stadt mit Geheimtipps vorstellen. Ich hoffe, Sie werden die Muße haben, diese unglaubliche Stadt zu entdecken, kennen und lieben zu lernen.
Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen und viel Freude und Erfolg mit Ihren türkischen Geschäftsfreunden!
Hoşça kalın, Ihre Işınay Kemmler
Die Türkei ist aufgrund ihrer Lage eine »Brücke«, über die sich die alte asiatische türkische Kultur nach Europa erstreckt. Um ein anderes Bild zu gebrauchen, kann man das Land auch als ein »Fenster« des Westens zum Osten bezeichnen. Immerhin 3 Prozent der Landesfläche liegen auf dem europäischen Kontinent, und die beiden Bosporus-Brücken verbinden Europa mit Asien.
Seine Lage machte Anatolien zur Wiege vieler Kulturen und Völker: Etwa zwei Dutzend Kulturen haben in der heutigen Türkei ihre Spuren hinterlassen, und das Land beherbergte schon in der ältesten Zeit (4. bis 3. Jahrtausend v.Chr.) menschliche Siedlungen. Über 5.000 antike Städte und sonstige Überreste kann man in der heutigen Türkei noch besichtigen. Von den sieben Weltwundern der Antike befanden sich zwei in der heutigen Türkei: das Artemision von Ephesos und das Mausoleum von Halikarnassos. Von den drei berühmtesten Bibliotheken der Antike befanden sich zwei in Anatolien: in Ephesos und in Pergamon. Das erste Geld als Zahlungsmittel in goldenen und silbernen Münzen wurde in Anatolien von den Lykern geprägt. Die Türkei verfügt über Naturwunder wie die Kalksinter-Terrassen von Pamukkale und die Tuffstein-Höhlen in Kappadokkien. Über 1.000 Thermalquellen sprudeln auf dem türkischen Boden. An den Küsten der anatolischen Halbinsel, die auf drei Seiten vom Meer umgeben ist, erstrecken sich Tausende Kilometer herrlicher Strände und Buchten als ideale Ankerplätze …
Die einzige Stadt auf der Welt, die sich über zwei Kontinente erstreckt, Istanbul, ist die größte Stadt der Türkei, hat Gründung und Fall von Imperien erlebt und war der Schauplatz welthistorischer Veränderungen. So ist es nicht verwunderlich, dass Istanbul neben dem Ruhrgebiet (»Metropole Ruhr«) und der ungarischen Stadt Pécs die dritte Kulturhauptstadt Europas im Jahr 2010 sein wird.
Siehe Tabelle
Geografisch erstreckt sich die Türkei über zwei Kontinente und verbindet Europa und Asien, sie liegt am Schnittpunkt zwischen Nahem Osten, Kaukasus und Südosteuropa. Zudem liegt das Land in der Mitte der sogenannten »strategischen Energieellipse«, die von Zentralasien bis zum Persischen Golf reicht. Die der Form eines Rechtecks ähnelnde Türkei erstreckt sich über eine Breite von etwa 550 Kilometern und eine Länge von etwa 1.500 Kilometern mit einer Gesamtfläche von über 800.000 Quadratkilometern; davon macht der asiatische Teil des Landes, Anatolien (türkisch: Anadolu), auch Kleinasien genannt, ungefähr 97 Prozent aus. Der europäische Teil, der das östliche Thrakien bildet, umfasst mit 23.623 Quadratkilometern 3 Prozent der Landesfläche.
Das Land wird in sieben geografische Gebiete beziehungsweise Regionen unterteilt: Die Marmararegion befindet sich in der Nordwestecke des Landes und wird vom Marmarameer, dem Bosporus und den Dardanellen begrenzt. Obwohl diese Region flächenmäßig klein ist, ist sie am stärksten bevölkert, da sie das wirtschaftliche Zentrum der Türkei bildet. Die Industrie- und Handelsstädte Istanbul, Kocaeli und Bursa liegen hier. Die Millionenstadt Bursa ist gleichzeitig eine Kurstadt und berühmt für ihre Schwefelquellen und Thermalbäder. Sie liegt zu Füßen des bis zu 2.543 Meter hohen Uludağ-Gebirges, welches das ganze Jahr über ein beliebtes Ausflugsziel und im Winter Skisportzentrum des Landes ist. Die Ägäische Region befindet sich im Westen an der Ägäischen Küste und erstreckt sich nach Osten in das Landesinnere. Izmir ist die bekannteste Stadt dieser Region, und zahlreiche touristische Orte befinden sich ebenfalls hier. Baumwolle, Oliven, Weintrauben, Orangen und Tabak werden in dieser fruchtbaren Gegend angepflanzt. Die Mittelmeerregion erstreckt sich von der Mittelmeerküste in Richtung Norden in das Landesinnere. Das Taurusgebirge verläuft parallel an der Küste entlang. Hauptsächlich werden hier Zitrusfrüchte, Baumwolle, Bananen, Erdnüsse und Tomaten angepflanzt. Die Schwarzmeerregion wird im Norden von der Schwarzmeerküste begrenzt und erstreckt sich im Süden in das Landesinnere und verläuft parallel zur Küste. Wichtigste Agrarprodukte dieser Region sind Haselnüsse, Tabak, Tee und Mais. Den Osten des Landes bildet Ostanatolien, wo sich der höchste Gipfel des Landes befindet, der Ararat (türkisch: Ağrı, 5.137 Meter), und der größte See der Türkei, der Van-See mit einer Gesamtfläche von 3.173 Quadratkilometern. Südostanatolien ist geografisch gesehen die kleinste Region und grenzt im Südosten des Landes an Irak und Syrien. Die Flüsse Euphrat (türkisch: Fırat) mit 2.736 Kilometern Länge und Tigris (türkisch: Dicle) mit 1.899 Kilometern Länge entspringen hier. Zentralanatolien bildet das Zentrum des Landes, in dem auch die Hauptstadt Ankara liegt. Hier befinden sich der Salzsee (türkisch: Tuz Gölü) mit 32 bis 36 Prozent Salzgehalt und das einzigartige Tuffsteingebiet Kappadokien.
Die administrative Gliederung der Türkei weist 81 Provinzen auf. Die größte Stadt des Landes und das wichtigste wirtschaftliche und kulturelle Ballungszentrum ist Istanbul (früher Konstantinopel), gelegen am Bosporus. Die Stadt wird von der Meerenge geteilt und liegt so auf zwei Kontinenten. Sie hat eine Fläche von ca. 1.269 Quadratkilometern, in der gesamten Region leben auf einer Fläche von ca. 5.220 Quadratkilometern ungefähr 13 Millionen Menschen. Istanbul ist eine der größten Städte der Welt. Die zweitgrößte Stadt des Landes ist die Hauptstadt Ankara mit ca. 4 Millionen Einwohnern. Izmir als drittgrößte Stadt weist ca. 2,7 Millionen Einwohner und den zweitgrößten Handelshafen der Türkei auf.
Die Türkei ist im Allgemeinen ein hoch gelegenes Land mit einer abwechslungsreichen Landschaft. Sie ist an drei Seiten vom Meer umgeben, und große Flächen werden von Bergen eingenommen. Daneben gibt es aber auch viele flache Gebiete, also Ebenen, Plateaus und Becken. 26,2 Prozent der Gesamtfläche der Türkei bestehen aus Wäldern und ca. 36,3 Prozent werden landwirtschaftlich genutzt. Die Türkei gilt als das Land mit der vielfältigsten und abwechslungsreichsten Flora im Nahen Osten, so findet man hier rund 9.000 verschiedene Pflanzenarten.
Im westlichen Anatolien und an der Südküste ist das Land sehr fruchtbar. In diesen Gebieten wird hauptsächlich Baumwolle, Wein, Tabak, Oliven, Zitrusfrüchte und Gemüse angebaut.
Der Größe des Landes gemäß ist es nicht möglich, von einem einheitlichen Klima zu sprechen. Obwohl die Türkei in der gemäßigten Klimazone liegt, herrschen in den verschiedenen Regionen unterschiedliche klimatische Bedingungen vor, da das Land über eine sehr reich gegliederte Landschaft verfügt und die Berge parallel zur Küste verlaufen. In den Küstenregionen herrscht ein angenehmes Meeresklima, während die von Bergen umgebenen inneren Teile unter dem Einfluss des Kontinentalklimas stehen. In der Mittelmeerregion ist es im Sommer heiß und trocken und im Winter angenehm warm und niederschlagsreich. Auch das ägäische Gebiet und der Süden der Marmararegion stehen unter dem Einfluss des Mittelmeerklimas. So liegen die Temperaturen in Westanatolien zwischen 9 Grad im Winter und 29 Grad im Sommer. In der Schwarzmeerregion mit ihrem angenehmen niederschlagsreichen und feuchten Meeresklima ist es im Winter durchschnittlich 7 und im Sommer 23 Grad warm. In den inneren Regionen herrschen Bedingungen des Steppenklimas; im Sommer ist es wärmer und es werden weniger Niederschläge verzeichnet, die Winter sind kalt und schneereich. Im kontinentalen Klima des anatolischen Hochlandes gibt es große Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht mit Durchschnittstemperaturen von 23 Grad im Sommer und minus 2 Grad im Winter. In Ostanatolien ist es im Sommer angenehm kühl und im Winter sehr kalt und niederschlagsreich mit Durchschnittstemperaturen von minus 13 im Winter und 17 Grad im Sommer. In manchen Jahren bleibt der Schnee von November bis April liegen. Dagegen ist es in Südostanatolien im Sommer heiß und trocken und im Winter nicht sehr kalt.
Die Türkei grenzt im Nordosten an das Schwarze Meer und hat gemeinsame Grenzen mit Georgien (252 km), Armenien (268 km) und Aserbaidschan (9 km); im Osten mit dem Iran (499 km), im Südosten mit dem Irak (352 km), im Süden mit Syrien (822 km) und wird dort vom Mittelmeer begrenzt; im Westen liegt das Ägäische Meer und im Nordwesten schließen sich Bulgarien (240 km) und Griechenland (236 km) an. Die Landesgrenzen haben eine Gesamtlänge von ungefähr 9.850 Kilometern, von denen 7.200 Kilometer vom Meer umschlossen sind. Die Grenzen zu den acht Nachbarländern wurden zum Großteil in Abkommen nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches beziehungsweise nach dem Ende des Unabhängigkeitskriegs der Türken (türkisch: Kurtuluş Savaşı) im Anschluss an den Ersten Weltkrieg festgelegt.
Durch ihre langen Küsten und ihre Brückenrolle zwischen den Kontinenten war die Türkei stets Zentrum von Handelsstraßen und Wanderungsrouten. Vielleicht auch aus diesem Grund ist die Türkei Mitglied der NATO und spielt bei dem Ausbau der wirtschaftlichen Kooperation unter den islamischen Ländern eine aktive Rolle. Die Türkei ist strategisch gesehen ein bedeutender Partner, da 10 Prozent der weltweiten Energieversorgung durch sie in ihre Zielländer gelangen.
Aufgrund seiner Lage als Knotenpunkt zwischen Europa und Asien ist der Verkehrssektor eine wichtige Einnahmequelle in der Türkei. Das Land erfüllt mittlerweile die Anforderungen an einen effizienten und kostengünstigen Gütertransport. Nach Angaben der Agentur für Wirtschafts- und Investitionsförderung in der Türkei verfügt das Land über die Kapazität, 121 Millionen Tonnen Öl pro Jahr in die Weltmärkte zu befördern. Derzeit laufen zahlreiche internationale Pipeline-Projekte, um diese Kapazität zu erhöhen beziehungsweise Energiequellen zu sichern. Mit dem Abschluss dieser Projekte soll die jährliche Transitkapazität auf 221 Millionen Tonnen Öl und 43 Milliarden Kubikmeter Erdgas ansteigen. Trotz dieser positiven Entwicklungen gibt es einige Sorgenkinder bei der Infrastruktur: Die unerwartet extreme Trockenheit und der dadurch entstandene Wassermangel im Sommer 2007 hat die Grenzen der bestehenden Anlagen aufgezeigt. Stromausfälle gehören immer wieder zum Alltag. Das Verkehrschaos von Istanbul droht auch regelmäßig mit einem Kollaps zu enden. Wie es meistens in der Türkei so ist, geht es irgendwie dann doch. Um EU-Standards zu erreichen, müssen ca. 50 Milliarden Euro in die kommunale Infrastruktur fließen, schätzt Wolfram Erhardt, der Direktor des KfW-Büros in Ankara. Speziell im Verkehrsbereich soll nun stärker als bisher auf Privatisierung gesetzt werden. Nachdem die symbolträchtige Veräußerung der Istanbuler Bosporus-Brücken in den 1980er Jahren zu heftigen Diskussionen im Parlament geführt hatte und letztlich zu den Akten gelegt wurde, steht sie nun zusammen mit der Privatisierung von mehreren Autobahnstrecken erneut auf der Agenda. Ein Beraterkonsortium unter Führung der Türkiye Sınai Kalkınma Bankası (TSKB, Industrielle Aufschwung-Bank der Türkei) hat die Übertragung vorbereitet. Im Mai 2008 wurde der Gesetzentwurf genehmigt, dass Bau, Entwicklung und Betrieb der Autobahnen und Brücken mit Ausschreibungen privatisiert werden. Nach Angaben der TSKB fließen derzeit 95 Prozent des Personenverkehrs und 76 Prozent des Güterverkehrs in der Türkei über die Straße.
In den letzten Jahren wurde außerdem verstärkt in das Schienennetz investiert: Das Silk-Road-Verbindungsprojekt sichert eine einheitliche Bahnverbindung zwischen Europa, der Türkei, dem Nahen Osten und dem Fernen Osten überall in der Türkei. Seit März 2005 bietet der deutsche Logistikdienstleister Railog mit dem »Türkei Container Shuttle« eine direkte wöchentliche Zugverbindung zwischen Deutschland und der Türkei an.
Siehe Tabelle
Siehe Tabelle
Die Türkei liegt wie ein riesiges Rechteck zwischen Ost und West, Asien und Europa, Orient und Okzident. Ein Flug von Istanbul im Nordwesten nach Van im Osten dauert ca. zwei Stunden. Diese Lage wurde vom Westen je nach Situation als Riegel oder Brücke wahrgenommen und macht die geostrategische Bedeutung des Landes einzigartig. Während der Zeit des Kalten Krieges kam der Türkei die Rolle eines Wächters der NATO zu. Seit dem Ende der bipolaren Weltordnung hat sich das Bild zwar verändert, wechselt aber je nach den aktuellen Entwicklungen und schwankt zwischen dem Vorposten des Westens in einem schwierigen Krisengebiet, der Quelle von Flüchtlingsmassen, dem Pufferstaat sowie dem Vorbild für eine Verbindung von Islam und Demokratie.
Oft tauchen in Darstellungen der türkischen Geschichte vor der Gründung der Republik die Begriffe »Seldschuken« und »Osmanen« auf: Diese Völker waren unabhängig voneinander existierende Stämme der Ogusen (Turkvölker), die in den asiatischen Steppen als Nomaden, Jäger und Krieger lebten. Die Weite der Steppen reichte nicht für alle nomadisierenden Stämme, was Kriege zur Folge hatte. Manche wurden vertrieben, andere zogen freiwillig weiter, in der Hoffnung auf ein besseres Leben in ergiebigeren Weidegründen, und kamen nach Anatolien.
Einen historischen Überblick gibt die folgende Zeittafel beginnend mit dem Sieg der Seldschuken über die Byzantiner bei Manzikert in Ostanatolien, worauf der Einzug der Türken in Kleinasien folgte.
Siehe Tabelle
Nach Artikel 2 der aktuellen Verfassung, die am 7. November 1982 in Kraft trat, ist die Türkei »ein demokratischer, laizistischer und sozialer Rechtsstaat«. Die Türkische Republik ist eine parlamentarische Demokratie, in der eine Gewaltenteilung zwischen der Legislative, der Exekutive und der Judikative herrscht. Die Legislative (die Gesetzgebung) obliegt dem türkischen Parlament beziehungsweise der Großen Nationalversammlung der Türkei (türkisch: Türkiye Büyük Millet Meclisi), die Exekutive dem Staatspräsidenten und dem Kabinett und die Judikative den unabhängigen Gerichten.
In der türkischen Verfassung werden als Wesensmerkmale der Republik die Respektierung der Menschenrechte, der Bezug auf den Nationalismus von Atatürk und der demokratische, laizistische und soziale Rechtsstaat festgelegt. Die Kontrolle der Gesetzgebung wird durch das Verfassungsgericht gewährleistet, während die Kontrolle der Tätigkeiten der ausübenden Gewalt den Verwaltungsgerichten obliegt. Nach der Verfassung »geht alle Souveränität bedingungslos vom Volk aus«. Das Volk übt die Souveränität durch Wahlen direkt und über die betreffenden Gewalten indirekt aus. Nach den Prinzipien des Rechtsstaates darf keine Person oder kein Organ staatliche Vollmachten benutzen, die nicht aus der Verfassung abgeleitet sind.
In der Verfassung wurde das Prinzip des Staates als Einheit zur Grundlage genommen. Der türkische Staat, sein Gebiet und seine Nation sind ein unteilbares Ganzes. Nach dem gesetzlich verankerten Grundsatz des Laizismus darf die soziale, wirtschaftliche, politische und rechtliche Grundordnung in keiner Weise auf religiösen Normen basieren, und niemand darf aus politischen oder persönlichen Interessen oder um seinen Einfluss zu vergrößern, religiöse Gefühle oder im religiösen Sinne als heilig geltende Werte missbrauchen.
Einige Paragrafen der türkischen Verfassung können nicht geändert werden beziehungsweise deren Änderung darf nicht vorgeschlagen werden:
Der türkische Staat ist eine Republik. Die Türkische Republik ist ein demokratischer, laizistischer und sozialer Rechtsstaat, der unter Wahrung des sozialen Friedens, der nationalen Solidarität und der Gerechtigkeit die Menschenrechte achtet, sich zum Nationalismus Atatürks bekennt und auf den eingangs aufgeführten Prinzipien beruht. Das Gebiet und die Nation des türkischen Staates sind ein unteilbares Ganzes. Die offizielle Sprache der Türkei ist Türkisch. Die Fahne der Türkei besteht aus einem weißen Halbmond mit Stern auf rotem Grund. Der Unabhängigkeitsmarsch bildet die türkische Nationalhymne. Die Hauptstadt der Türkei ist Ankara.Wenn mindestens ein Drittel der Mitglieder des türkischen Parlaments (184 Abgeordnete) einen schriftlichen Antrag einreicht, die betreffenden Paragrafen im Parlament zweimal behandelt werden und drei Fünftel aller Mitglieder des Parlaments (330 Abgeordnete) der Änderung in einer geheimen Abstimmung zustimmen, können andere Paragrafen der Verfassung geändert werden. Der Staatspräsident hat allerdings die rechtliche Möglichkeit, die Änderungsvorschläge zum Zwecke einer erneuten Behandlung an das Parlament zurückzuschicken oder diese Änderungen einer Volksabstimmung vorzulegen. So wurde die aktuelle Verfassung von 1982 seit ihrer Annahme neunmal geändert. Diese Veränderungen betrafen hauptsächlich im Rahmen der EU-Beitrittsverhandlungen erforderliche Rechte und Freiheiten und den demokratischen Aufbau des Staates. 2002 wurden beispielsweise 32 Paragrafen der Verfassung dahingehend verändert, dass die Grundrechte und Freiheiten aus den Prinzipien der Europäischen Konvention der Menschenrechte übernommen wurden. Beispiele der Veränderungen sind wie folgt:
Das Verbot der politischen Parteien ist erschwert. Festgenommene oder verhaftete Personen müssen vom Zeitpunkt der Überführung an innerhalb von 48 Stunden beziehungsweise 4 Tagen bei gemeinsam verübten Straftaten dem nächsten Gericht vorgeführt werden. Die Grenzen der Meinungs- und Äußerungsfreiheit wurden erweitert. Hausdurchsuchungen dürfen nur noch auf schriftliche Anordnung hin erfolgen. Es wurde akzeptiert, dass jeder im täglichen Leben unterschiedliche Sprachen, Dialekte oder Mundarten sprechen kann.Mit der Verfassungsänderung vom Mai 2004 wurde die Todesstrafe, die seit 1984 in der Türkei nicht mehr praktiziert wurde, ganz abgeschafft. Es wurde gesetzlich geregelt, dass Pressefahrzeuge nicht beschlagnahmt oder außer Betrieb gesetzt werden dürfen. Um die internationalen Abkommen zu den Menschenrechten sicherzustellen, wurde die Verfassung so geändert, dass die internationalen Abkommen zur Grundlage genommen werden, wenn zwischen nationalem und internationalem Recht Unstimmigkeiten bestehen sollten.
Das türkische Parlament besteht aus 550 Parlamentariern, die vom Volk direkt für fünf Jahre gewählt werden. Das Parlament kann über vorgezogene Wahlen entscheiden und im Kriegsfall die Wahlen um ein Jahr verschieben. Unter den in der Verfassung angegebenen Bedingungen kann der Staatspräsident über die Wiederholung von Wahlen entscheiden. Die Abgeordneten können wiedergewählt werden. Über Aufhebung der Immunität und des Mandats als Abgeordneter entscheidet das Parlament; gegen ein solches Urteil kann beim Verfassungsgericht Widerspruch eingelegt werden. Ab dem 18. Lebensjahr ist jeder Staatsbürger in der Türkei wahlberechtigt und auch wahlpflichtig. Landesweit gilt eine 10-Prozent-Hürde für den Einzug ins Parlament. Aus den Wahlen am 22. Juli 2007 ging erneut die 2001 gegründete religiös-konservative AKP (Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei) mit 46,6 Prozent der Stimmen als deutlicher Sieger hervor. Sie verfügt über 340 der 548 Sitze und damit weiterhin über die absolute Mehrheit im Parlament. Hauptoppositionspartei bleibt die national-kemalistische CHP (Republikanische Volkspartei, 98 Abgeordnete) mit 20,9 Prozent der Stimmen. Zweitstärkste Oppositionskraft ist die rechtsnationale MHP, der mit 14,3 Prozent der Stimmen der Wiedereinzug ins Parlament gelungen ist. Sie verfügt über 70 Abgeordnete. Die kurdisch orientierte DTP (Demokratische Gesellschaftspartei) stellt mit 20 Abgeordneten die vierte und kleinste Parlamentsfraktion.
Die türkische Verwaltung ist zentralistisch organisiert. Das Territorium ist in 81 Provinzen und deren Landkreise unterteilt. Die Gouverneure (Vali) beziehungsweise Landräte (Kaymakam) agieren als Repräsentanten der Zentralregierung in Ankara (vertreten durch den Innenminister). Daneben gibt es auf der Ebene der Städte und Gemeinden lokale Verwaltungen, deren Kompetenzen strikt getrennt sind. Städte und Gemeinden besitzen lokale Verwaltungen, deren Leitung von der örtlichen Bevölkerung gewählt wird. Sie verfügen nur in relativ geringem Umfang über eigene Einnahmen und sind daher finanziell auf Zuwendungen der Zentralregierung angewiesen. Eine Verwaltungsreform mit stärkerer Dezentralisierung wurde im Sommer 2004 vom Parlament beschlossen, ist aber nach einem Veto des früheren Staatspräsidenten Sezer bis heute nicht in Kraft getreten. Mit Sorgen um die »Einheit des Staates« und wegen einer möglichen Lockerung des Kopftuchverbots im öffentlichen Bereich hat der damalige türkische Staatspräsident Ahmet Necdet Sezer sein Veto gegen die von der AKP-Regierung geplante Verwaltungsreform begründet.
Der Staatspräsident und der Ministerrat bilden die Exekutive, zu der auch Institutionen wie der Hochschulrat, Berufseinrichtungen des öffentlichen Rechts, die »Türkische Radio- und Fernsehanstalt«, der »Hohe Rat für Kultur, Sprache und Geschichte« oder das »Amt für Religiöse Angelegenheiten« gehören. Der Staatspräsident wird mit Zweidrittelmehrheit vom Parlament unter den Kandidaten gewählt, seine Amtszeit beträgt sieben Jahre. Der Staatspräsident beauftragt den Parteivorsitzenden der Mehrheitspartei mit der Bildung der Regierung. Regierungschef ist der Ministerpräsident, der die Mehrheitspartei oder die Regierungskoalition repräsentiert. Der Staatspräsident kann bei Vorliegen von bestimmten Bedingungen die Wiederholung von Parlamentswahlen beschließen.
Der Ministerpräsident und die Minister bilden den Ministerrat (türkisch: Bakanlar Kurulu). Die Minister werden vom Ministerpräsidenten gewählt und vom Staatspräsidenten ernannt. Der Staatspräsident kann außerdem auf Vorschlag des Ministerpräsidenten Minister ihrer Ämter entheben.
Das Rechtssystem ist in drei behördliche Bereiche aufgeteilt: in die ordentlichen Gerichte, die Verwaltungsgerichte und die Militärgerichte. Paragraf 143 der Verfassung wurde 2004 aufgehoben und die staatlichen Sicherheitsgerichte wurden somit abgeschafft. Das Verfassungsgericht ist der oberste Gerichtshof der Türkei und entscheidet über die Verfassungsmäßigkeit der vom Parlament verabschiedeten Gesetze. Zu den Aufgaben des Verfassungsgerichts gehört des Weiteren, als Staatsgerichtshof den Staatspräsidenten, die Mitglieder des Ministerrats und die Präsidenten, Mitglieder und Oberstaatsanwälte der Gerichte der höchsten Instanz, des »Hohen Rates der Richter und Staatsanwälte« und des Rechnungshofes sowie den Oberstaatsanwalt bei Gesetzesverstößen im Zusammenhang mit ihren Ämtern zur Rechenschaft zu ziehen. Es entscheidet darüber, ob eine politische Partei geschlossen wird oder auf Forderung der Staatsanwaltschaft des Obersten Revisionsgerichts geschlossen werden soll. Es überprüft Beschlüsse des türkischen Parlaments zur Aufhebung der Immunität oder Entlassung eines Abgeordneten und wählt den Präsidenten und die stellvertretenden Präsidenten des Schiedsgerichts. Erstmals wurde 2005 mit Tülay Tuğcu eine Frau zur Vorsitzenden des höchsten Gerichts der Türkei gewählt (seit Juni 2007 im Ruhestand).
Die Bezeichnung »Türke« war im Osmanischen Reich eher ein Schimpfwort und ein Symbol für Rückständigkeit und Zurückgebliebenheit. Türke bedeutete »Bauerntrottel«, der im krassen Gegensatz zur herrschenden Schicht der Osmanen stand. Das Türkische galt als primitiv, und Anatolien wurde wirtschaftlich und kulturell vernachlässigt. Auf dieses türkische Kernland griff man stets zurück, wenn Truppen für Kriege ausgehoben werden mussten. Diese Kriege ziehen sich wie ein roter Faden durch die imperialistische Geschichte der Osmanen. Als das Osmanische Reich am Ende des Ersten Weltkrieges zerfallen war, retteten diese »Bauerntrottel« unter der Führung Mustafa Kemals das osmanische Kernreich, nämlich Anatolien, vor der Zerstückelung. Die Türken fochten einen schweren Kampf, kämpften dabei aber nicht für die alte Ordnung des Osmanischen Reiches und für den Sultan, der sie in diese Lage gebracht hatte, sondern sie kämpften zum ersten Mal in ihrer Geschichte für ihr eigenes Land, für sich selbst. Dank ihres Mutes und ihrer Tapferkeit – und nicht zuletzt weil Kemal Atatürk ihnen den Glauben an sich selbst zurückgegeben hatte – konnten sie diesen Kampf um ihre Unabhängigkeit gewinnen. Es versteht sich von selbst, dass die Türken mit dem Althergebrachten, welches das Volk an den Rand seiner Existenz geführt hatte, nichts mehr zu tun haben wollten. Unter Atatürk gelang es dem einfachen Volk, die Alliierten aus dem Lande zu treiben, das Sultanat und das Kalifat wurden abgeschafft, die neue Republik wurde gegründet und die Türkei mit diktatorischen Mitteln auf ein demokratisches System westlicher Prägung hin ausgerichtet.
Seit der Geburt der Republik 1923 ist die Türkei wie kein anderes Land auf das Ziel Europa festgelegt. Der Orient und generell der Osten waren für Atatürk gleichbedeutend mit Rückständigkeit, Europa und der Westen dagegen standen für das Moderne. Die Türkei wurde schon 1952, drei Jahre früher als Deutschland, NATO-Mitglied; ein Assozierungsabkommen mit der damaligen Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, der Vorläuferin der EU, wurde 1963 abgeschlossen. Am 3. Oktober 2005 begannen die Beitrittsverhandlungen zwischen der EU und der Türkei. Damit steht die Türkei vor der Aufgabe, Politik, Gesellschaft und die Wirtschaft nach europäischen Standards zu verändern und nachhaltig zu entwickeln. Atatürk gab den Türken den Auftrag, das Land nach Europa zu bringen. Noch nicht einmal die Kräfte, die dem Modernisierungs- und Demokratisierungsprozess eher wenig begeistert gegenüberstehen, können es sich leisten, offen gegen das EU-Projekt der Türkei zu sprechen. Auf der anderen Seite mehren sich in der Türkei auch die Stimmen derer, die eine durchgreifende Europäisierung nicht den Interessen der Türkei entsprechend sehen. Eine zu weit gehende Demokratisierung destablisiere das Land. Umfragen zufolge glaubt jedoch über die Hälfte der Türken, dass sich die EU positiv auf verschiedene Bereiche des öffentlichen Lebens auswirkt. Viele sind der Ansicht, dass das gesellschaftliche Klima im Land in den vergangenen Jahren freier geworden ist und dies auf den Druck aus Brüssel zurückzuführen sei.
Die Beziehungen zu den USA als geopolitisch-strategischem Partner sind neben den Bemühungen um den EU-Beitritt der Eckpfeiler zur Westintegration des Landes. Der amerikanische Kolumnist Thomas Friedman nannte die Außenpolitik der Türkei einen »Albtraum von 360 Grad«, da das Land am Schnittpunkt der Krisenregionen liegt: der Kaukausus im Nordosten, das feindliche Armenien, das Mullah-Regime des Irans im Osten, der Problemfall Zypern im Südwesten, das instabile Bürgerkriegsland Irak, die Diktatur in Syrien im Süden, der Erbfeind Griechenland im Westen sowie der alte Rivale Russland im Norden über dem Schwarzen Meer. Die Türkei ist das einzige Land, das den krisenanfälligen Balkan ebenso zur unmittelbaren Nachbarschaft zählt wie das Kampfgebiet Tschetscheniens oder den turbulenten Nahen Osten. Zu Freunden kann man diese Krisengebiete nicht zählen. Die Türkei bewegt sich durch ihre geografische Lage in einem heterogenen und schwierigen außen- und sicherheitspolitischen Umfeld. Zwar fühlt sich das Land nicht unmittelbar militärisch bedroht, es sieht aber beträchtliche sicherheitspolitische Risiken jenseits ihrer Grenzen, die auf das eigene Staatsgebiet übergreifen könnten. Zu diesen Risiken zählen etwa nationale, ethnische und religiöse Konflikte zwischen und innerhalb der Nachbarstaaten der Türkei sowie Terrorismus und organisierte Kriminalität.
Die Türkei sieht sich in einer besonderen Rolle als säkularer Staat in der islamischen Welt. Ungewöhnlich ist es für viele, dass ein mehrheitlich von Muslimen bewohnter Staat gute Beziehungen zu Israel pflegt. Die innenpolitische Instabilität wie auch der Kurdenkonflikt haben die Türkei lange daran gehindert, ihre geostrategische Bedeutung auf der internationalen Bühne zu nutzen. Dies ändert sich langsam, und die Türkei versucht ferner, eine Führungsrolle im Nahen Osten und bei den von Turkvölkern bewohnten Staaten Zentralasiens einzunehmen und ihre Beziehungen zu den autonomen Turk-Republiken und Regionen politisch und wirtschaftlich zu verbessern. Sogar viele Türkei-Skeptiker in Europa glauben inzwischen, dass es der EU nur mit Aufnahme des Landes gelingen wird, die Entwicklungen im Nahen Osten entscheidend zu beeinflussen.
