C.S. Lewis – Die Biografie - Alister McGrath - E-Book

C.S. Lewis – Die Biografie E-Book

Alister Mcgrath

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Beschreibung

Über Jahrzehnte hinweg haben C.S. Lewis' Narnia-Geschichten die Fantasie von Millionen von Lesern beflügelt. In dieser Biografie erzählt Alister McGrath nun von den ungewöhnlichen Lebensbahnen des Oxforder Universitätsdozenten, der hauptberuflich aufgeweckte Studenten in Englischer Literatur unterrichtete und in seiner Freizeit unzählige Bestseller für Kinder und Erwachsene schrieb. McGrath nutzt umfangreiche Forschungen, gründliche Untersuchungen von Lewis' Briefwechseln sowie archivarisches Material, um ein neues Bild von Lewis' Leben zu zeichnen. Diese maßgebliche Biografie porträtiert einen exzentrischen Denker, der, obgleich gegen seinen Willen, ein überzeugender Prophet unserer Zeit wurde.

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Seitenzahl: 716

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Endorsements fürC.S. Lewis – Die Biografie

Alister McGrath wirft viel neues Licht auf das Leben des unvergleichlichen C.S. Lewis. Dies ist ein wichtiges Buch.

ERIC METAXAS

Autor des New York Times-Bestsellers Bonhoeffer: Pastor, Agent, Märtyrer und Prophet

Alister McGraths neue C.S. Lewis-Biografie ist hervorragend. Sie steckt voller auf intensiver Forschung basierender Informationen und ist dennoch äußerst kurzweilig zu lesen. Nicht nur dem Charakter des Menschen Lewis wendet sie viel Aufmerksamkeit zu, sondern sie bietet auch scharfsinnige und ausgewogene Analysen seiner wichtigsten literarischen Werke. Ich gehörte zu jenen neu bekehrten amerikanischen Evangelikalen, die in den späten 1960ern und frühen 1970ern Lewis’ Werke gierig verschlangen. Sein Einfluss auf mich war tief und dauerhaft. Dr. McGrath macht anschaulich klar, warum noch heute so viele Gläubige und christliche Leiter dasselbe von sich sagen können.

TIMOTHY KELLER

Autor des Bestsellers Warum Gott? und Hauptpastor der Redeemer Presbyterian Church in New York

Viele von uns dachten, wir wüssten schon so ziemlich alles, was es über C.S. Lewis zu wissen gibt. Alister McGraths neue Biografie macht Gebrauch von Archiven und anderen Materialien, die die vielen Seiten eines der bemerkenswertesten Apologeten des Christentums klarer, tiefer und gründlicher erklären. Dies ist eine durchdringende und erhellende Studie.

N.T. WRIGHT

Autor des Bestsellers Simply Christian

Alister McGrath hat eine akribisch recherchierte, aufschlussreiche, ausgewogene und ehrliche Schilderung des Lebens eines faszinierenden Mannes geschrieben. Sein Buch zeichnet sich besonders dadurch aus, dass es Lewis in seine beruflichen und sozialen Kontexte hineinstellt, aber es bietet zugleich auch eine eindringliche Darstellung der Entwicklung von Lewis’ christlichem Denken. Dieses Buch wird für Lewis-Fans und -Forscher eine unverzichtbare Quelle sein.

ALAN JACOBS

Autor des Bestsellers Der Mann aus Narnia

Leute, die sich fragen, ob wir noch eine weitere Biografie über C.S. Lewis brauchen, werden angesichts von McGraths frischem, aufschlussreichem und bisweilen sehr originellem Porträt des gefeierten Oxforder Christen ihre Meinung ändern.

LYLE W. DORSETT

Herausgeber von The Essential C.S. Lewis

Eine willkommene Ergänzung der biografischen Literatur über C.S. Lewis, die einige wertvolle neue Perspektiven beinhaltet. McGraths Buch wird sich in der Lewis-Forschung durch seine brillante und meiner Meinung nach unwiderlegbare Neudatierung von Lewis’ Bekehrung zum Theismus einen bleibenden Platz erobern. Erstaunlich, dass wir alle das so lange übersehen konnten!

MICHAEL WARD

Autor von Planet Narnia

Alister McGrath

C.S. Lewis– Die Biografie –

Prophetischer Denker.Exzentrisches Genie.

www.fontis-verlag.com

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische

Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

Originally published in the U.S.A. under the title:

«C.S. Lewis – A Life, by Alister McGrath»

Copyright © 2013 by Alister McGrath

German edition © 2014 by Brunnen Verlag Basel

with permission of Tyndale House Publishers, Inc.

All Rights Reserved

Übersetzung: Christian Rendel, Witzenhausen

Copyright der deutschen Ausgabe:

© 2014 by fontis - Brunnen Basel

Umschlag: Spoon Design, Olaf Johannson, Langgöns

Umschlagfoto: Wolf Suschitzky, Getty Images

E-Book-Herstellung: mbassador GmbH, Luzern

E-ISBN 978-3-03848-590-2

INHALT

Abbildungsverzeichnis

Vorwort

TEIL 1: PRÄLUDIUM

Kapitel 1Die sanften Hügel von Down: Eine irische Kindheit, 1898–1908

Die Familie Lewis

Der ambivalente Ire: Das Rätsel der irischen kulturellen Identität

Umgeben von Büchern: Hinweise auf eine literarische Berufung

Einsamkeit: Warnie geht nach England

Erste Begegnungen mit der Freude

Flora Lewis’ Tod

Kapitel 2Hässliches England: Schulzeit, 1908–1917

Wynyard School, Watford: 1908–1910

Cherbourg School, Malvern: 1911–1913

Malvern College: 1913–1914

Bookham und der «Große Knock»: 1914–1917

Die drohende Einberufung

Lewis’ Bewerbung an der Universität Oxford

Kapitel 3Die «Ebnen Frankreichs»: Krieg, 1917–1918

Der seltsame Fall des unwichtigen Krieges

Ankunft in Oxford: April 1917

Offizierskadett am Keble College

Lewis’ Kriegszeiterlebnisse in Oxford

Abkommandiert nach Frankreich: November 1917

Verwundung im Kampf: Der Angriff auf Riez du Vinage, April 1918

Lewis und Mrs. Moore: Eine aufkeimende Beziehung

TEIL 2: OXFORD

Kapitel 4Täuschungen und Entdeckungen: Ein Oxforder Don im Werden, 1919–1927

Student der Altphilologie: University College, 1919

Albert Lewis’ Sorgen um seinen Sohn

Akademische Lorbeeren: Der Essaypreis des Kanzlers, 1921

Erfolg und Misserfolg: Akademische Auszeichnung und Arbeitslosigkeit

Mrs. Moore: Der Eckpfeiler in Lewis’ Leben

Student der englischen Sprache und Literatur, 1922–1923

Die Fellowship am Magdalen College

Kapitel 5Fellowship, Familie und Freundschaft: Die frühen Jahre am Magdalen College, 1927–1930

Fellowship: Magdalen College

Familienbande reißen: Albert Lewis’ Tod

Albert Lewis’ nachwirkender Einfluss

Familienbande werden neu geknüpft: Warnie zieht nach Oxford

Freundschaft: J.R.R. Tolkien

Kapitel 6Der widerwilligste Bekehrte: Ein «bloßer Christ» im Werden, 1930–1932

Die religiöse Renaissance der 1920er in englischen Literaturkreisen

Die erkennendeVorstellung: Lewis’ Wiederentdeckung Gottes

Lewis’ Bekehrungsdatum: Eine Neubewertung

Ein nächtliches Gespräch mit Tolkien: September 1931

Lewis’ Glaube an die Göttlichkeit Christi

Kapitel 7Ein Mann des geschriebenen Wortes: Literaturwissenschaft und Literaturkritik, 1933–1939

Lewis als Lehrer: Oxforder Tutorien

Lewis als Lehrer: Oxforder Vorlesungen

Das Schloss und die Insel (1933): Kartografierung der Landschaft des Glaubens

Die Inklings: Freundschaft, Gemeinschaft und Debatten

The Allegory of Love (1936)

Lewis über die Stellung und den Sinn der Literatur

Kapitel 8Nationaler Beifall: Der Apologet der Kriegszeit, 1939–1942

Lewis’ Freundschaft mit Charles Williams

Lewis als literarischer Geburtshelfer: Tolkiens Herr der Ringe

Über den Schmerz (1940)

Lewis’ Rundfunkansprachen während des Krieges

Kapitel 9Internationaler Ruhm: Der bloße Christ, 1942–1945

Dienstanweisung für einen Unterteufel (1942)

Pardon, ich bin Christ (1952)

Weitere Projekte der Kriegszeit

Die Verlagerung aufs Fiktionale: Die Ransom-Trilogie

Kapitel 10Ein Prophet, der nichts gilt? Spannungen und Probleme nach dem Krieg, 1945–1954

C.S. Lewis – Superstar

Die dunkle Seite des Ruhms

Demenz und Alkoholismus: Lewis’ «Mutter» und Bruder

Feindseligkeit gegenüber Lewis in Oxford

Elizabeth Anscombe und der Socratic Club

Lewis’ Zweifel an seiner Rolle als Apologet

TEIL 3: NARNIA

Kapitel 11Neuordnung der Wirklichkeit: Die Erschaffung Narnias

Die Ursprünge Narnias

Die Schwelle: Ein Schlüsselmotiv in Narnia

Die Lesefolge der Narnia-Serie

Tiere in Narnia

Narnia als Fenster zur Wirklichkeit

Narnia und die Neuerzählung der großen Geschichte

Kapitel 12Narnia: Auf Kundschaft in einer imaginativen Welt

Aslan: Das Verlangen des Herzens

Der tiefere Zauber: Sühne in Narnia

Die sieben Planeten: Mittelalterliche Symbolik in Narnia

Die Schattenlande: Platons Höhle neu gefasst

Das Problem der Vergangenheit in Narnia

TEIL 4: CAMBRIDGE

Kapitel 13Der Umzug nach Cambridge: Magdalene College, 1954–1960

Der neue Lehrstuhl in Cambridge

Renaissance: Die Antrittsvorlesung in Cambridge

Eine literarische Romanze: Joy Davidman betritt die Bühne

Die «sehr merkwürdige Ehe» mit Joy Davidman

Joy Davidmans Tod

Kapitel 14Verlust, Krankheit und Tod: Die letzten Jahre, 1960–1963

Über die Trauer (1961): Die Prüfung des Glaubens

Lewis’ nachlassende Gesundheit, 1961–1962

Letzte Krankheit und Tod

TEIL 5: NACHLEBEN

Kapitel 15Das Lewis-Phänomen

Die 1960er: Ein verblassender Stern

Wiederentdeckung: Das neue Interesse an Lewis

Lewis und die amerikanischen Evangelikalen

Lewis als literarischerMeilenstein

Schluss

Zeittafel

Danksagungen

Herangezogene Werke

I. Werke von C.S. Lewis

II. Sekundärstudien zu Lewis

III. Weitere herangezogene Werke

Anmerkungen

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

1.1

Royal Avenue, Belfast, 1897

1.2

Karte Irlands, wie C.S. Lewis es kannte

1.3

Die Familie Lewis vor dem Haus «Little Lea», 1905

1.4

Pension le Petit Vallon, Berneval-le-Grand, um 1905

1.5

C.S. Lewis und Warnie mit ihren Fahrrädern im August 1908

2.1

William Thompson Kirkpatrick (1848–1921), 1920

2.2

C.S. Lewis und Arthur Greeves, 1910

2.3

Lord Kitchener: «Your country needs you!»

2.4

Station Road, Great Bookham, 1924

3.1

Die Studenten des University College, Trinity Term 1917

3.2

Keble College, Oxford, 1907

3.3

C.S. Lewis und Paddy Moore in Oxford, Sommer 1917

4.1

Radcliffe Quadrangle, University College, 1917

4.2

Das Sheldonian Theatre, Oxford, 1922

4.3

Cornmarket Street, Oxford, 1922

4.4

«Die Familie»: C.S. Lewis, Maureen und Mrs. Moore, 1927

4.5

Magdalen College, Oxford, Winter 1910

5.1

Der Präsident und die Fellows des Magdalen College, Juli 1928

5.2

Das «New Building», Magdalen College, um 1925

5.3

Das letzte bekannte Foto von Albert Lewis, 1928

5.4

C.S. Lewis, Mrs. Moore und Warnie bei«The Kilns», 1930

5.5

J.R.R. Tolkien in seinen Räumen im Merton College in den 1970ern

6.1

Das Innere der Kapelle des Magdalen College, um 1927

6.2

Addison’s Walk, Magdalen College, 1937

6.3

Holy Trinity Church, Headington Quarry, Oxford, 1901

7.1

Die Examination Schools, Universität Oxford, 1892

7.2

Eine Gruppe der Inklings beim Pub «The Trout» in Godstow nahe Oxford

7.3

Duke Humfrey’s Library, Oxford, 1902

8.1

Parade der Oxford Home Guard, 1940

8.2

Der Romanautor und Dichter Charles Williams (1886–1945)

8.3

Broadcasting House, London, um 1950

10.1

C.S. Lewis und sein Bruder Warnie auf Urlaub in Irland, 1949

11.1

Herr Tumnus trägt Schirm und Päckchen durch den verschneiten Wald

11.2

Die vier Kinder entdecken den geheimnisvollen Kleiderschrank

12.1

Pauline Baynes’ Landkarte von Narnia

13.1

Magdalene College, Cambridge, 1955

13.2

Joy Davidman Lewis, 1960

13.3

Peter Bide im November 1960

14.1

Das Acland Nursing Home, Oxford, 1900

14.2

Brief, in dem C.S. Lewis J.R.R. Tolkien für den Literaturnobelpreis 1961 vorschlug

14.3

Inschrift auf C.S. Lewis’ Grabstein

15.1

C.S. Lewis in seinem Haus «The Kilns», 1960

VORWORT

Wer ist C.S. Lewis (1898–1963)? Für viele, wohl für die meisten, ist Lewis der Schöpfer der fabelhaften Welt Narnia, die zu den bekanntesten und meistdiskutierten Kinderbüchern des zwanzigsten Jahrhunderts zählen und immer noch auf eine begeisterte Leserschaft treffen und millionenfach verkauft werden. Fünfzig Jahre nach seinem Tod ist Lewis nach wie vor einer der einflussreichsten populären Schriftsteller unserer Zeit. Neben seinem ebenso berühmten Oxforder Kollegen und Freund J.R.R. Tolkien (1892–1973), dem Verfasser von Der Herr der Ringe, gilt Lewis weithin als literarisches und kulturelles Wahrzeichen. Die Welten der Literatur und des Kinos sind durch diese beiden Oxforder Schriftsteller tief geprägt worden. Doch ohne Lewis wäre Der Herr der Ringe vielleicht nie geschrieben worden. Lewis mag seine eigenen Bestseller geschaffen haben, doch er war auch Geburtshelfer für Tolkiens Meisterwerk und schlug Tolkien sogar aufgrund dieses epischen Werkes für den Literaturnobelpreis 1961 vor. Schon aus diesen Gründen lohnt es sich, die Geschichte von C.S. Lewis zu erzählen.

Doch hinter C.S. Lewis steckt noch weit mehr als dies. Wie sein langjähriger Freund Owen Barfield (1898–1997) einmal sagte, gab es eigentlich drei C.S. Lewisse. Neben Lewis als Autor von Bestsellerromanen gibt es eine zweite, weniger bekannte Persona: Lewis als christlicher Schriftsteller und Apologet, dem es darum ging, seine prächtige Vision der intellektuellen und imaginativen Kraft des christlichen Glaubens mitzuteilen und weiterzugeben – eines Glaubens, den er in der Mitte seines Lebens entdeckte und den er rational und spirituell unwiderstehlich fand. Sehr zum Ärger mancher Leute wird sein Buch Mere Christianity (dt. Pardon, ich bin Christ) heute oft als einflussreichstes religiöses Werk des zwanzigsten Jahrhunderts angeführt.

Vielleicht gerade wegen seines unverhohlenen öffentlichen Bekenntnisses zum Christentum ist Lewis bis heute eine umstrittene Gestalt. Bei manchen von denen, die seine Begeisterung für den christlichen Glauben teilen, trifft er auf Zuneigung und Bewunderung; bei manchen derer, die das nicht tun, auf Spott und Verachtung. Doch ob man das Christentum nun für etwas Gutes oder etwas Schlechtes hält, wichtig ist es allemal – und Lewis ist vielleicht der glaubwürdigste und einflussreichste populäre Vertreter des «bloßen Christentums», für das er sich starkmachte.

Doch es gibt noch eine dritte Perspektive auf Lewis, mit der vielleicht die meisten seiner Bewunderer und Kritiker am wenigsten vertraut sind: den angesehenen Oxforder Hochschullehrer und Literaturwissenschaftler, der vor überfüllten Hörsälen ohne schriftliche Vorlage seine Reflexionen über englische Literatur vortrug und später der erste Inhaber des Lehrstuhls für Englische Literatur des Mittelalters und der Renaissance an der Universität Cambridge wurde. Mag sein, dass heute nur noch wenige sein Preface to «Paradise Lost» (1942) lesen. Zu seiner Zeit hingegen setzte es durch seine Klarheit und seinen Scharfblick neue Maßstäbe.

Lewis’ professionelle Berufung lag in den Weihen der Wissenschaft. Seine Wahl zum Fellow der British Academy im Juli 1955 war eine öffentliche Beglaubigung seines hohen Ansehens als Gelehrter. Manche in der akademischen Welt freilich sahen seinen kommerziellen und populären Erfolg als unvereinbar mit dem Anspruch an, ein ernsthafter Wissenschaftler zu sein. Seit 1942 hatte Lewis Mühe, seine akademische Glaubwürdigkeit angesichts seiner eher populären Werke zu wahren, vor allem seiner humorvollen Gedanken über die diabolische Welt Screwtapes.

Wie also verhalten sich diese drei Lewisse zueinander? Sind sie getrennte Abteilungen seines Lebens oder gibt es Querverbindungen zwischen ihnen? Und wie hat sich jeder von ihnen entwickelt? Dieses Buch will die Geschichte erzählen, wie Lewis’ Denken geprägt wurde und seinen Ausdruck fand. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf seinen Schriften. Es geht hier nicht darum, jeden Aspekt von Lewis’ Leben zu dokumentieren, sondern den komplexen und faszinierenden Verbindungen zwischen Lewis’ Außen- und Innenwelt nachzuspüren. Darum gliedert sich diese Biografie nach den realen und den imaginären Welten, in denen Lewis lebte – vor allem Oxford, Cambridge und Narnia. Wie lässt sich die Entwicklung seiner Gedanken und Vorstellungen in den physischen Welten, die er bewohnte, nachzeichnen? Wer half ihm dabei, seine intellektuelle und imaginative Vision der Wirklichkeit zu schmieden?

In unserer Erörterung werden wir Lewis’ Aufstieg zum Ruhm und einige der dabei wirksamen Faktoren betrachten. Doch dass Lewis berühmt wurde, ist eine Sache; dass er es fünfzig Jahre nach seinem Tod immer noch ist, eine ganz andere. Viele, die sich damals in den 1960ern über ihn äußerten, waren der Meinung, Lewis’ Ruhm sei nur vorübergehend. Sein unvermeidlicher Abstieg in die Vergessenheit, so glaubten viele, sei nur eine Frage der Zeit – vielleicht höchstens eines Jahrzehnts. Aus diesem Grund versucht das letzte Kapitel dieses Buches nicht nur zu erklären, warum Lewis zu einer so einflussreichen Autorität geworden, sondern auch, warum dies bis heute so geblieben ist.

Einige der wichtigeren früheren Biografien wurden von Leuten geschrieben, die Lewis persönlich kannten. Diese Bücher bleiben von unschätzbarem Wert, weil sie schildern, was für ein Mensch Lewis war, und zugleich wichtige Einschätzungen zu seinem Charakter liefern. Die umfangreichen wissenschaftlichen Arbeiten der letzten beiden Jahrzehnte dagegen haben Fragen von historischer Bedeutung geklärt (wie etwa Lewis’ Rolle im Ersten Weltkrieg), sind Aspekten der intellektuellen Entwicklung Lewis’ nachgegangen und haben kritische Interpretationen seiner wichtigsten Werke geliefert. Diese Biografie versucht, diese Fäden miteinander zu verweben und ein Verständnis Lewis’ zu präsentieren, das fest auf frühere Untersuchungen gegründet ist und dennoch über sie hinausgehen kann.

Jeder Versuch, sich mit Lewis’ Aufstieg zur Prominenz zu befassen, muss auch sein Unbehagen davor erwähnen, eine öffentliche Rolle einzunehmen. Lewis war in der Tat ein Prophet für seine Zeit und darüber hinaus. Doch es muss auch gesagt werden, dass er ein widerwilliger Prophet war. Selbst seine eigene Bekehrung schien seinem Urteil zu widerstreben; und nachdem er sich dem Christentum zugewandt hatte, ergriff Lewis vor allem wegen des Schweigens oder der Unverständlichkeit derjenigen, die er für besser als sich selbst geeignet hielt, sich öffentlich zu religiösen und theologischen Fragen zu äußern, das Wort zu christlichen Themen.

Darüber hinaus erscheint Lewis in gewissem Maß als Exzentriker im eigentlichen Sinne des Wortes – als jemand, der von anerkannten, konventionellen oder etablierten Normen und Verhaltensmustern oder vom Zentrum der Dinge abweicht. Seine merkwürdige Beziehung zu Mrs. Moore, auf die dieses Buch mit einiger Ausführlichkeit eingehen wird, rückte ihn weit ab von den sozialen Normen im Großbritannien der 1920er Jahre. Viele seiner akademischen Kollegen in Oxford begannen um 1940, ihn als einen Außenseiter zu betrachten, sowohl wegen seiner unverhohlen christlichen Anschauungen als auch seiner einem Gelehrten nicht wohl anstehenden Gewohnheit, Romane und apologetische Werke auf populärer Ebene zu schreiben. Lewis selbst beschrieb seine Distanz zu den vorherrschenden akademischen Trends seiner Zeit, als er sich in seiner Antrittsvorlesung an der Universität Cambridge 1954 als «Dinosaurier» bezeichnete.

Diese Distanz vom Zentrum zeigt sich auch in Lewis’ religiösem Leben. Obwohl Lewis zu einem höchst einflussreichen Wortführer innerhalb der britischen Christenheit wurde, agierte er eher von deren Rändern her als aus ihrem Zentrum. Zur Pflege von Beziehungen zu den führenden Köpfen des religiösen Establishments hatte er keine Zeit. Vielleicht war es dieser Zug, den manche Medienvertreter, die auf der Suche nach einer authentischen religiösen Stimme außerhalb der Machtstrukturen der etablierten Kirchen waren, so sehr an ihm schätzten.

Diese Biografie strebt nicht danach, Lewis zu bejubeln oder ihn zu verdammen, sondern ihn zu verstehen – vor allem sein Denken und die Art und Weise, wie es sich in seinen Schriften ausdrückt. Diese Aufgabe wird dadurch erleichtert, dass mittlerweile nahezu alles von Lewis Geschriebene, was noch erhalten ist, veröffentlicht wurde. Ebenso steht ein beträchtlicher Apparat akademischer Literatur zur Verfügung, die sich mit seinen Werken und seinem Denken auseinandersetzt.

Die riesige Menge biografischen und wissenschaftlichen Materials, die heute über Lewis vorliegt, droht den Leser mit kleinsten Einzelheiten zu überwältigen. Wer sich ein Bild von Lewis zu machen versucht, wird mit einem «Meteoritenhagel von Fakten» bombardiert, der vom Himmel herabregnet,1 wie die amerikanische Dichterin Edna St. Vincent Millay (1892–1950) es nannte. Wie, so ihre Frage, lassen sich diese so miteinander verbinden, dass ein Sinn aus ihnen hervorgeht, statt dass sie nur eine bloße Anhäufung von Information liefern? Diese Biografie bietet Neues zu dem, was über Lewis’ Leben bekannt ist, während sie sich zugleich einen Reim darauf zu machen versucht. Wie lassen sich diese Fakten miteinander verweben, sodass sie ein Muster offenbaren? Diese Lewis-Biografie lässt nicht einfach ein weiteres Mal die riesige Armee von Fakten und Zahlen über sein Leben vorbeiparadieren, sondern sie versucht, die tiefer liegenden Themen und Anliegen seiner Lebensgeschichte zu erfassen und ihre Bedeutung zu bewerten. Dieses Buch ist keine Synopse, sondern eine Analyse.

Die Veröffentlichung der Gesamtausgabe der Briefe von C.S. Lewis, die in den Jahren 2000 bis 2006 von Walter Hooper sorgfältig mit Anmerkungen und Querverweisen versehen wurden, ist für die Lewis-Forschung von bahnbrechender Bedeutung. Diese Briefe, insgesamt etwa 3500 Seiten Text, bieten Einsichten zu Lewis, die einer früheren Generation von Lewis-Biografen einfach nicht zur Verfügung standen. Das Wichtigste daran ist vielleicht, dass sie einen durchgängigen narrativen Faden für die Schilderung von Lewis’ Leben bieten. Aus diesem Grund zitiert diese Biografie durchweg mehr aus diesen Briefen als aus irgendeiner anderen Quelle. Wie sich zeigen wird, zwingt ein genaues Studium dieser Briefe zu einem Überdenken und möglicherweise zur Revision einiger weithin angenommener Daten zu Lewis’ Leben.

Dies ist eine kritische Biografie, die Belege für bestehende Annahmen und Herangehensweisen überprüft und nötigenfalls korrigiert. In den meisten Fällen lässt sich das einfach und unauffällig bewerkstelligen, und ich habe keinen Anlass gesehen, auf diese Korrekturen besonders aufmerksam zu machen. Andererseits ist es nur fair, wenn ich meinen Lesern gleich zu Beginn sage, dass dieser ermüdende, aber notwendige Prozess, alles anhand dokumentierter Belege zu überprüfen, mich insbesondere zu einer Schlussfolgerung geführt hat, mit der ich mich nicht nur zu jedem Lewis-Forscher, den ich kenne, sondern auch zu Lewis selbst in Widerspruch setze. Ich meine das Datum seiner «Bekehrung» oder Wiedererlangung des Glaubens an Gott, die Lewis selbst in seinem Buch Überrascht von Freude im «Trinity Term 1929» ansiedelt (also in der Zeit zwischen dem 28. April und dem 22. Juni 1929).2

Diese Datierung wird in allen wichtigen Studien zu Lewis, die in letzter Zeit erschienen sind, treulich wiederholt. Mein genaues Studium des dokumentarischen Materials weist eindeutig auf ein späteres Datum hin, frühestens im März 1930, wahrscheinlicher jedoch im Trinity Term jenes Jahres. In diesem Punkt stehe ich in der Lewis-Forschung allein auf weiter Flur, und der Leser hat ein Recht zu wissen, dass ich in dieser Frage völlig isoliert bin.

Aus dem bisher Gesagten dürfte schon klar geworden sein, dass eine neue Lewis-Biografie aus Anlass der fünfzigsten Wiederkehr seines Todestages 1963 keiner Rechtfertigung bedarf. Aber vielleicht sind ein paar Worte zur Verteidigung meiner Person als seines Biografen angebracht. Im Gegensatz zu seinen früheren Biografen – etwa seinen langjährigen Freunden George Sayer (1914–2005) und Roger Lancelyn Green (1918–1987) – bin ich Lewis nie persönlich begegnet. Für mich war er jemand, den ich mit Anfang zwanzig durch seine Schriften entdeckte, ein Jahrzehnt nach seinem Tod, und der im Lauf von zwanzig Jahren immer mehr meinen Respekt und meine Bewunderung gewann, in die sich freilich auch anhaltende Neugier und nachhaltige Bedenken mischten. Ich habe keine erhellenden Erinnerungen, keine vertraulichen Offenbarungen und keine privaten Dokumente, aus denen ich schöpfen könnte. Sämtliche in dieser Biografie herangezogenen Quellen sind entweder bereits veröffentlicht oder der Öffentlichkeit zur Einsichtnahme und Prüfung zugänglich.

Dieses Buch ist geschrieben von jemandem, der Lewis durch seine Schriften entdeckte, und für andere, die Lewis auf dieselbe Art und Weise kennen gelernt haben. Der Lewis, den ich kennen gelernt habe, ist durch seine Worte vermittelt, nicht durch eine persönliche Bekanntschaft. Während andere Biografen Lewis in ihren Werken «Jack» genannt haben, hielt ich es für richtig, ihn durchweg «Lewis» zu nennen, hauptsächlich, um meine persönliche und kritische Distanz zu ihm zu unterstreichen. Ich glaube, dass dies der Lewis ist, als der er selbst künftigen Generationen bekannt sein wollte.

Warum? Wie Lewis in den 1930er Jahren betonte, sind die Texte, die sie schreiben, das eigentlich Wichtige an Autoren. Worauf es ankommt, ist das, was diese Texte selbst aussagen. Die Autoren selbst sollten kein «Spektakel» sein, sondern eher das «set of spectacles» (die Brille), durch das wir als Leser uns selbst, die Welt und den großen Zusammenhang der Dinge, dessen Teil wir sind, betrachten. Daher hatte Lewis überraschend wenig Interesse an der persönlichen Geschichte des großen englischen Dichters John Milton (1608–1674) oder an dem politischen oder sozialen Kontext, in dem er schrieb. Was wirklich zählte, waren Miltons Schriften – seine Gedanken. Die Art und Weise, wie wir uns nach Lewis’ Überzeugung Milton nähern sollten, muss auch prägend dafür sein dürfen, wie wir uns wiederum Lewis nähern. Darum habe ich in diesem Buch, wo immer möglich, versucht, mich mit seinen Schriften auseinanderzusetzen, ihre Aussagen zu erforschen und ihre Bedeutung zu bewerten.

Auch wenn ich Lewis persönlich nicht kannte, kann ich mich gut – vielleicht besser als die meisten – in zumindest einige Aspekte der Welten hineinversetzen, in denen Lewis lebte. Wie Lewis verbrachte ich meine Kindheit in Irland, hauptsächlich in Downpatrick, der Hauptstadt der Grafschaft Down, deren «lang gestreckte, sanfte Hügel» Lewis kannte und liebte und wunderbar beschrieb. Ich bin gewandert, wo er wanderte, habe innegehalten, wo er innehielt, und gestaunt, wo er staunte. Auch ich habe jenen Stich der Sehnsucht empfunden, wenn ich von meinem Elternhaus aus die fernen blauen Berge von Mourne sah. Wie Lewis’ Mutter Flora war auch ich Schüler am Methodist College in Belfast.

Auch Lewis’ Oxford kenne ich gut. Sieben Jahre lang habe ich dort studiert, ehe ich – nach einem kurzen Intervall an Lewis’ anderer Universität Cambridge – zurückkehrte, um fünfundzwanzig Jahre dort zu lehren und zu schreiben. Zum Schluss hatte ich den Lehrstuhl für Historische Theologie der Universität Oxford inne und wurde zu einem «Head of House», wie es in Oxford genannt wird. Wie Lewis war ich als jüngerer Mann ein Atheist, ehe ich die intellektuellen Schätze des christlichen Glaubens entdeckte. Wie Lewis entschied ich mich für die in der anglikanischen Kirche zu findenden konkreten Formen, um diesen Glauben auszudrücken und auszuleben. Und schließlich weiß ich als jemand, der oft gefordert ist, den christlichen Glauben in der Öffentlichkeit gegen seine Kritiker zu verteidigen, Lewis’ Gedanken und Herangehensweisen ebenso zu schätzen wie zu nutzen. Viele davon – wenn auch nicht alle – scheinen mir immer noch zumindest etwas von ihrem Funkeln und ihrer Kraft bewahrt zu haben.

Zum Schluss noch ein Wort über die Methode, die ich beim Schreiben dieser Biografie angewendet habe. Die wesentliche Recherche begann mit einer genauen Lektüre sämtlicher veröffentlichter Schriften von Lewis (einschließlich seiner Briefe) in der exakten chronologischen Reihenfolge ihrer Abfassung, um die Entwicklung seines Denkens und seines Schreibstils auf mich wirken zu lassen. Somit wurde The Pilgrim’s Regress (dt. Das Schloss und die Insel) dem August 1932 zugeordnet, als das Buch geschrieben wurde, nicht dem Mai 1933, als es erschien. Diesem Prozess der intensiven Auseinandersetzung mit den Primärquellen, der fünfzehn Monate dauerte, folgte die Lektüre – in manchen Fällen eine eher kritische erneute Lektüre – der umfangreichen Sekundärliteratur über Lewis, seinen Freundeskreis und den intellektuellen und kulturellen Kontext, in dem sie lebten, dachten und schrieben. Schließlich nahm ich mir unveröffentlichtes Archivmaterial vor, das zu einem großen Teil in Oxford lagert und weiteres Licht auf die Prägung des Denkens von Lewis und auf den intellektuellen und institutionellen Kontext wirft, in dem er arbeitete.

Schon früh wurde deutlich, dass es einer stärker akademisch ausgerichteten Untersuchung bedurfte, um auf manche der wissenschaftlichen Fragen einzugehen, die sich aus dieser detaillierten Recherche ergaben. Diese Biografie meidet solche Details der akademischen Auseinandersetzung. Anmerkungen und Bibliografie wurden auf das unbedingt notwendige Minimum beschränkt. In diesem Band geht es mir darum, eine Geschichte zu erzählen, nicht darum, irgendwelche bisweilen undurchschaubaren und unweigerlich detailreichen akademischen Debatten beizulegen. Vielleicht wird es meine Leser jedoch interessieren, dass ein stärker akademisch ausgerichteter Band in Kürze folgen wird, der manche Behauptungen und Schlussfolgerungen dieser Biografie wissenschaftlich beleuchtet und begründet.3

Aber genug der Entschuldigungen und Vorreden. Unsere Geschichte beginnt in einer lange vergangenen, weit entfernten Welt – in der irischen Stadt Belfast in den 1890er Jahren.

Alister E. McGrath

London

KAPITEL 1 | 1898–1908

DIE SANFTEN HÜGEL VON DOWN: EINE IRISCHE KINDHEIT

«Ich wurde im Winter 1898 in Belfast als Sohn eines Rechtsanwalts und einer Pfarrerstochter geboren.»4 Am 29. November 1898 wurde Lewis in eine Welt hineingeworfen, die vor politischem und sozialem Unmut brodelte und lauthals nach Veränderung verlangte. Die Aufteilung Irlands in Nordirland und die Republik Irland war noch zwei Jahrzehnte weit entfernt. Doch die Spannungen, die zu dieser künstlichen politischen Teilung der Insel führen sollten, waren für jedermann offensichtlich. Lewis wurde ins Herz des protestantischen Establishments Irlands (die «Ascendancy») hineingeboren, und das zu einer Zeit, als es in jeder Hinsicht – politisch, sozial, religiös und kulturell – bedroht war.

Irland wurde von englischen und schottischen Siedlern im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert kolonisiert, was zu einer tiefen politischen und sozialen Feindseligkeit der verdrängten einheimischen Iren gegenüber den Eindringlingen führte. Die protestantischen Kolonisten unterschieden sich sprachlich und religiös deutlich von den katholischen Einheimischen. Unter Oliver Cromwell wurden während des siebzehnten Jahrhunderts «protestantische Plantagen» entwickelt – englisch-protestantische Inseln in einem irisch-katholischen Meer. Die einheimische irische Oberschicht wurde rasch durch ein neues, protestantisches Establishment verdrängt. Durch den «Act of Union» von 1800 wurde Irland Teil des Vereinigten Königreiches und von nun an direkt von London aus regiert. Obwohl die Protestanten zahlenmäßig in der Minderheit waren und vor allem in den nördlichen Grafschaften Down und Antrim einschließlich der Industriestadt Belfast siedelten, dominierten sie das kulturelle, wirtschaftliche und politische Leben Irlands.

Doch all dies sollte sich bald ändern. In den 1880er Jahren begannen Charles Steward Parnell (1846–1891) und andere damit, für eine «Home Rule» (autonome Selbstverwaltung) Irlands zu streiten. In den 1890er Jahren begann der irische Nationalismus Schwung zu nehmen und schuf ein irisches kulturelles Identitätsbewusstsein, das der Home-Rule-Bewegung neue Energie zuführte. Diese Identität war stark vom Katholizismus geprägt und richtete sich entschieden gegen jede Form von englischem Einfluss in Irland, einschließlich solcher Sportarten wie Rugby und Kricket. Noch bedeutungsvoller war, dass man die englische Sprache als Instrument kultureller Unterdrückung zu betrachten begann. 1893 wurde die Gälische Liga (Conradh na Gaeilge) gegründet, um das Studium und den Gebrauch der irischen Sprache zu fördern. Auch dies wurde als Behauptung der irischen Identität gegenüber den zunehmend als fremd empfundenen englischen kulturellen Normen gesehen.

Je energischer und plausibler die Forderungen nach einer Home Rule für Irland wurden, desto stärker fühlten sich Protestanten bedroht und fürchteten die Aushöhlung ihrer Privilegien und die Möglichkeit öffentlicher Unruhen. Insofern ist es vielleicht nicht überraschend, dass die protestantische Bevölkerung von Belfast zu Beginn des 20. Jahrhunderts sich stark isolierte und soziale und berufliche Kontakte zu ihren katholischen Nachbarn nach Möglichkeit vermied. (C.S. Lewis’ älterer Bruder Warren [«Warnie»] erinnerte sich später, dass er bis zu seinem Eintritt ins Royal Military College in Sandhurst 1914 noch nie mit einem Katholiken gleicher sozialer Herkunft gesprochen hatte.)5 Der Katholizismus war das «Andere» – etwas, das fremd, unbegreiflich und vor allem bedrohlich war. Solche Feindseligkeit – und Abschottung – gegenüber dem Katholizismus sog Lewis mit der Muttermilch ein. Als der kleine Lewis an die Toilette gewöhnt wurde, nannte sein protestantisches Kindermädchen seinen Stuhl «kleine Päpste». Aufgrund seiner Ulster-protestantischen Wurzeln waren und sind viele der Auffassung, dass Lewis nicht der wahren irischen kulturellen Identität zugeordnet werden kann.

DIE FAMILIE LEWIS

Bei der irischen Volkszählung 1901 wurden die Namen aller Personen festgehalten, die am Abend des Sonntags, des 31. März 1901, im Hause Lewis im Osten Belfasts «schliefen oder wohnten». Das Verzeichnis enthält eine Fülle persönlicher Details – gegenseitige Verwandtschaft, Religion, Bildungsstand, Alter, Geschlecht, Rang oder Beruf und Geburtsort. Während die meisten Biografien angeben, dass die Familie Lewis damals in der «47 Dundela Avenue» residierte, wohnten sie den Volkszählungsunterlagen zufolge im «Haus 21 in der Dundella [sic] Avenue (Victoria, Down)». Der Eintrag für den lewisschen Haushalt verschafft uns einen genauen Schnappschuss der Familie zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts:

Albert James Lewis, Familienoberhaupt, Church of Ireland, Lesen & Schreiben, 37, M, Anwalt, verheiratet, Stadt Cork

Florence Augusta Lewis, Ehefrau, Church of Ireland, Lesen & Schreiben, 38, W, verheiratet, Grafschaft Cork

Warren Hamilton Lewis, Sohn, Church of Ireland, Lesen, 5, M, Schüler, Stadt Belfast

Clive Staples Lewis, Sohn, Church of Ireland, kann nicht lesen, 2, M, Stadt Belfast

Martha Barber, Bedienstete, presbyterianisch, Lesen & Schreiben, 28, W, Kindermädchen – Hausbedienstete, ledig, Grafschaft Monaghan

Sarah Ann Conlon, Bedienstete, römisch-katholisch, Lesen & Schreiben, 22, W, Köchin – Hausbedienstete, ledig, Grafschaft Down6

Wie der Zensuseintrag belegt, wurde Lewis’ Vater Albert James Lewis (1863–1929) in der Stadt und Grafschaft Cork im Süden Irlands geboren. Lewis’ Großvater väterlicherseits, Richard Lewis, war ein walisischer Kesselmacher, der Anfang der 1850er Jahre mit seiner Liverpooler Frau nach Cork eingewandert war. Bald nach Alberts Geburt zog die Familie Lewis nach Norden in die Industriestadt Belfast, damit Richard eine Partnerschaft mit John H. MacIlwaine eingehen konnte, um die erfolgreiche Firma «MacIlwaine, Lewis & Co., Ingenieure und Eisenschiffsbauer» zu gründen. Das vielleicht interessanteste Schiff, das von dieser kleinen Firma erbaut wurde, war die ursprüngliche Titanic – ein kleiner Frachtdampfer aus Stahl, der 1888 gebaut wurde und gerade einmal 1608 Tonnen wog.7

Doch in der Belfaster Schiffsbauindustrie gingen in den 1880er Jahren Veränderungen vor sich. Größere Werften wie Harland and Wolff und Workman Clark begannen den Markt zu beherrschen. Für die kleinen Werften wurde das wirtschaftliche Überleben immer schwieriger. 1894 wurde MacIlwaine, Lewis & Co. von Workman Clark übernommen. Die erheblich berühmtere Version der Titanic – die ebenfalls in Belfast gebaut wurde – lief 1911 bei Harland and Wolff vom Stapel. Sie wog 26.000 Tonnen. Während jedoch der Ozeanriese von Harland and Wolff bekanntlich 1912 bei seiner Jungfernfahrt sank, war das viel kleinere Schiff von MacIlwaine & Lewis unter anderen Namen bis 1928 in südamerikanischen Gewässern unterwegs.

1.1 Die Royal Avenue, eines der Geschäftszentren der Stadt Belfast, 1897. In der 83 Royal Avenue richtete Albert Lewis 1884 seine Anwaltskanzlei ein, wo er bis zu seiner letzten Krankheit 1929 arbeitete.

Albert zeigte wenig Interesse am Schiffsbau und machte seinen Eltern deutlich, dass er eine juristische Laufbahn einschlagen wollte. Richard Lewis, der vom hervorragenden Ruf des Lurgan College unter der Leitung von William Thompson Kirkpatrick (1848–1921) gehört hatte, beschloss, Albert dort als Internatsschüler anzumelden.8 Während seines Jahres dort gewann Albert einen bleibenden Eindruck von Kirkpatricks Fähigkeiten als Lehrer. Nach seinem Abschluss 1880 zog er in die irische Hauptstadt Dublin, wo er fünf Jahre lang bei der Kanzlei Maclean, Boyle und Maclean arbeitete. Nachdem er so die notwendige Erfahrung und berufliche Qualifikation als Anwalt erworben hatte, ging er 1884 zurück nach Belfast, um an der prestigeträchtigen Royal Avenue seine eigene Kanzlei zu eröffnen.

Der «Supreme Court of Judicature (Ireland) Act» von 1877 folgte der englischen Praxis, zwischen den juristischen Tätigkeiten eines «solicitor» und eines «barrister» deutlich zu unterscheiden. Angehende irische Anwälte mussten sich zwischen diesen beiden beruflichen Tätigkeiten entscheiden. Albert Lewis entschied sich dafür, ein «solicitor» zu werden, der direkt im Auftrag der Mandanten tätig wurde und sie vor den unteren Gerichtsinstanzen vertrat. Ein «barrister» spezialisierte sich auf den Rechtsbeistand im Gerichtssaal und wurde von einem «solicitor» damit beauftragt, einen Mandanten vor den höheren Gerichten zu vertreten.9

Lewis’ Mutter Florence («Flora») Augusta Lewis (1862–1908) wurde in Queenstown (heute Cobh) in der Grafschaft Cork geboren. Lewis’ Großvater mütterlicherseits, Thomas Hamilton (1826–1905), war Geistlicher in der Church of Ireland – ein klassischer Vertreter der protestantischen «Ascendancy», die in Gefahr geriet, als der irische Nationalismus zu einer immer bedeutenderen kulturellen Kraft im beginnenden zwanzigsten Jahrhundert wurde. Die Church of Ireland war in ganz Irland die etablierte Kirche gewesen, obwohl sie in mindestens 22 der 26 irischen Grafschaften eine Minderheitskonfession war. Als Flora acht war, nahm ihr Vater die Stellung des Kaplans in der Holy Trinity Church in Rom an, wo die Familie von 1870 bis 1874 lebte.

1874 kehrte Thomas Hamilton nach Irland zurück und übernahm die Pfarrstelle der Dundela Church im Viertel Ballyhackamore im Osten Belfasts. Dasselbe Behelfsgebäude wurde sonntags als Kirche und an den Wochentagen als Schule genutzt. Bald wurde deutlich, dass eine dauerhaftere Lösung erforderlich war. So wurde mit dem Bau eines neuen Kirchengebäudes begonnen, entworfen von dem berühmten englischen Kirchenarchitekten William Butterfield. Im Mai 1879 wurde Hamilton als Pfarrer der neu erbauten Kirche St. Mark’s in Dundela eingesetzt.

Irische Historiker verweisen heute regelmäßig auf Flora Hamilton als Beispiel für die zunehmende Bedeutung der Frauen im akademischen und kulturellen Leben Irlands im letzten Quartal des neunzehnten Jahrhunderts.10 Sie war als Tagesschülerin am Methodist College in Belfast eingeschrieben. Es wurde 1865 als reine Jungenschule gegründet. Auf öffentliches Verlangen hin wurden dann 1869 «Ladies’ Classes» eingerichtet.11 Diese Schule besuchte sie 1881 für einen Term, um dann an der Royal University of Ireland in Belfast (der heutigen Queen’s University) zu studieren. 1886 schloss sie ihr Studium in Logik mit «First Class» und in Mathematik mit «Second Class» ab.12 (Wie wir später sehen werden, erbte Lewis nichts von der mathematischen Begabung seiner Mutter.)

Als Albert Lewis die Kirche St. Mark’s in Dundela zu besuchen begann, fiel sein Blick auf die Pfarrerstochter. Langsam, aber sicher scheint es Flora zu Albert hingezogen zu haben, teilweise wegen seiner offensichtlichen literarischen Interessen. Albert hatte sich 1881 der Belmont Literary Society angeschlossen und galt bald als einer ihrer besten Referenten. Sein Ruf als Mann mit literarischen Neigungen begleitete ihn für den Rest seines Lebens. 1921, auf dem Höhepunkt seiner Anwaltskarriere, widmete die Zeitung Ireland’s Saturday Night ihm eine Karikatur. Dort ist er im typischen Gewand eines Anwalts jener Zeit zu sehen, mit einem Doktorhut unter dem einen und einem Band mit englischer Literatur unter dem anderen Arm. Jahre später wurde Albert Lewis in seinem Nachruf im Belfast Telegraph als «belesener und gebildeter Mann» geschildert, der für seine literarischen Anspielungen vor Gericht bekannt war und «seine Entspannung hauptsächlich weitab von den Gerichtssälen beim Lesen fand».13

Nachdem der Schicklichkeit mit einer angemessen ausgedehnten Zeit des Werbens Genüge getan war, heirateten Albert und Flora am 29. August 1894 in der Kirche St. Mark’s in Dundela. Ihr erstes Kind Warren Hamilton Lewis wurde am 16. Juni 1895 in ihrem Haus «Dundela Villas» im Osten Belfasts geboren. Clive war ihr zweites und letztes Kind. Aus der Volkszählung von 1901 geht hervor, dass dem lewisschen Haushalt damals zwei Bedienstete angehörten. Für eine protestantische Familie ungewöhnlich, beschäftigten die Lewis eine katholische Hausangestellte, Sarah Ann Conlon. Lewis’ nachhaltige Abneigung gegen religiöse Spaltungen – die sich in seinem Gedanken eines «bloßen Christentums» äußert – wurde vielleicht durch Erinnerungen aus seiner Kindheit angeregt.

Von Anfang an entwickelte Lewis eine enge Beziehung zu seinem älteren Bruder Warren, die sich auch in den Spitznamen zeigt, die sie sich gegenseitig gaben. C.S. Lewis war «Smallpigiebotham» (SPB) und Warnie «Archpigiebotham» (APB). Inspiriert waren diese Kosenamen durch die häufigen (und offenbar ernst zu nehmenden) Drohungen ihres Kindermädchens, ihnen einen Klaps auf den «Piggybottom» (Hintern) zu geben, wenn sie sich nicht anständig benahmen. Ihren Vater nannten die Brüder den «Pudaitabird» oder «P’dayta» (wegen seiner typischen Belfaster Aussprache des Wortes potato (Kartoffel). Diese Spitznamen aus der Kindheit gewannen erneut Bedeutung, als die Brüder sich Ende der 1920er Jahre wieder zusammenschlossen und ihre alte Vertrautheit erneuerten.14

Lewis selbst wurde von seinen Angehörigen und Freunden «Jack» genannt. Warnie datiert die Ablehnung des Namens Clive durch seinen Bruder auf einen Sommerurlaub im Jahr 1903 oder 1904. Damals erklärte Lewis plötzlich, er wolle von nun an «Jacksie» genannt werden. Dieser Name verkürzte sich allmählich zu «Jacks» und schließlich zu «Jack».15 Der Grund für diese Namenswahl bleibt im Dunkeln. Manche Quellen deuten zwar darauf hin, dass der Name «Jacksie» von einem Hund der Familie stammte, der bei einem Unfall umkam, doch dokumentarische Belege dafür gibt es nicht.

DER AMBIVALENTE IRE: DAS RÄTSEL DER IRISCHEN KULTURELLEN IDENTITÄT

Lewis war Ire – was manche Iren vergessen zu haben scheinen, falls sie es je wussten. Als ich selbst in den 1960er Jahren in Nordirland aufwuchs, wurde Lewis nach meiner Erinnerung, wenn überhaupt von ihm die Rede war, als «englischer» Schriftsteller bezeichnet. Doch Lewis verlor seine irischen Wurzeln nie aus den Augen. Die Anblicke, Geräusche und Düfte seines irischen Geburtslandes – wenn auch im Großen und Ganzen nicht seine Menschen – riefen bei dem späteren Lewis Heimwehgefühle hervor. Ebenso prägten sie auf subtile, aber nachdrückliche Weise seine beschreibende Prosa. In einem Brief von 1915 erinnert sich Lewis sehnsüchtig an Belfast: «das ferne Gemurmel der Werften», den weiten Bogen des Belfast Lough, den Cave Hill Mountain und die kleinen Täler, Auen und Hügel rund um die Stadt.16

Doch hinter Lewis’ Irland steckt mehr als nur seine «sanften Hügel». Seine Kultur war von einer Leidenschaft fürs Geschichtenerzählen gekennzeichnet. Dies zeigte sich sowohl in seiner Mythologie als auch in seiner Geschichtsschreibung sowie in seiner Liebe zur Sprache. Dennoch machte Lewis seine irischen Wurzeln nie zu einem Fetisch. Sie waren einfach ein Teil dessen, was ihn ausmachte, nicht sein hervortretendes Merkmal. Noch in den 1950er Jahren sprach Lewis regelmäßig von Irland als seiner «Heimat», nannte es «mein Land». Sogar seine verspätete Hochzeitsreise mit Joy Davidman im April 1958 verbrachte er dort. Lewis hatte die weiche, feuchte Luft seines Heimatlandes eingeatmet und vergaß niemals dessen Naturschönheiten.

Wer die Grafschaft Down kennt, dem werden die verschleierten irischen Vorbilder, die manche der wunderbar geschilderten literarischen Landschaften in Lewis’ Werk inspiriert haben könnten, wohl kaum verborgen bleiben. Lewis’ Schilderung des Himmels als einer «smaragdgrünen» Landschaft in Die große Scheidung erinnert an sein Geburtsland. Ebenso scheinen sich die Hügelgräber von Legananny in der Grafschaft Down, der Cave Hill Mountain von Belfast und der Giant’s Causeway allesamt in Narnia wiederzufinden – vielleicht sanfter und heller als ihre Vorbilder, aber doch deutlich von ihnen geprägt.

Lewis führte Irland oft als Quelle literarischer Inspiration an und sprach davon, wie stark seine Landschaften die Vorstellungskraft anregten. Von der irischen Politik wollte Lewis nichts wissen, und er neigte dazu, sich ein ländliches Irland vorzustellen, das nur aus sanften Hügeln, Nebelfeldern, Seen und Wäldern bestand. Ulster, so vertraute er einmal seinem Tagebuch an, sei «wunderschön, und könnte ich nur die Ulsterer deportieren und ihr Land mit einer Bevölkerung meiner Wahl füllen, so könnte ich mir keinen besseren Ort zum Leben wünschen.»17 (In mancher Hinsicht kann man Narnia als ein imaginäres und idealisiertes Ulster betrachten, bevölkert von Geschöpfen aus Lewis’ Fantasie statt von Ulsterern.)

Der Ausdruck Ulster bedarf einer näheren Erklärung. Ebenso, wie die englische Grafschaft Yorkshire in drei Teile aufgeteilt war (die «Ridings», nach dem altnordischen Wort für «ein Drittel», thrithjungr), teilte sich die Insel Irland ursprünglich in fünf Regionen (gälisch cúigi, von cóiced, «ein Fünftel»). Nach der normannischen Eroberung 1066 blieben davon noch vier: Connaught, Leinster, Munster und Ulster. Von nun an wurde statt des gälischen Wortes cúige vorwiegend der Ausdruck «Provinz» verwendet. Die protestantische Minderheit in Irland konzentrierte sich in der Provinz Ulster im Norden, die wiederum aus neun Grafschaften bestand. Bei der Teilung Irlands bildeten sechs davon die neue politische Einheit Nordirland. Heute wird der Name Ulster häufig gleichbedeutend mit Nordirland verwendet, wobei die Bezeichnung Ulsterman (Ulsterer) meist – wenn auch nicht durchweg – für einen «protestantischen Einwohner Nordirlands» steht. Dies hat sich eingebürgert, obwohl das ursprüngliche cúige Ulster ebenso die drei Grafschaften Cavan, Donegal und Monaghan umfasste, die heute zur Republik Irland gehören.

1.2 Karte Irlands, wie C.S. Lewis es kannte (Nordirland – Republik Irland – Atlantik – Irische See)

Sein Leben lang kehrte Lewis fast jedes Jahr zu seinem Jahresurlaub nach Irland zurück, wenn nicht Krieg oder Krankheit ihn daran hinderten. Dabei ließ er es sich niemals nehmen, die Grafschaften Antrim, Derry, Down (seine Lieblingsgrafschaft) und Donegal zu besuchen – allesamt der Provinz Ulster im klassischen Sinne zugehörig. Einmal dachte Lewis sogar daran, auf Dauer ein kleines Landhaus in Cloghy in der Grafschaft Down anzumieten,18 um es als Basis für seine jährlichen Wanderurlaube zu nutzen, die oft anstrengende Märsche in den Bergen von Mourne beinhalteten. (Letzten Endes kam er zu dem Schluss, dass seine Finanzlage ihm diesen Luxus nicht erlaubte.) Obwohl Lewis in England arbeitete, blieb sein Herz fest in den nördlichen Grafschaften Irlands verwurzelt, besonders in Down. Zu seinem irischen Studenten David Bleakley sagte er einmal: «Der Himmel ist Oxford, emporgehoben und in die Mitte der Grafschaft Down versetzt.»19

Wo manche irischen Schriftsteller ihre literarische Inspiration in den politischen und kulturellen Fragen im Zusammenhang mit dem Streben ihrer Nation nach Unabhängigkeit von Großbritannien fanden, fand Lewis die seine vor allem in den Landschaften Irlands. Diese, erklärte er, hätten schon die Prosa und Lyrik vieler anderer vor ihm inspiriert und geprägt. Das wichtigste Beispiel ist vielleicht Edmund Spensers Klassiker The Faerie Queene, ein Werk der elisabethanischen Zeit, das Lewis in seinen Vorlesungen in Oxford und Cambridge regelmäßig behandelte. Für Lewis spiegelten sich in diesem klassischen Werk voller «Suchen und Wanderungen und unauslöschlicher Sehnsüchte» eindeutig die vielen Jahre wider, die Spenser in Irland verbrachte. Wem fielen darin nicht «die weiche, feuchte Luft, die Einsamkeit, die gedämpften Umrisse der Hügel» oder «die herzzerreißenden Sonnenuntergänge» Irlands auf? Für Lewis, der sich hier selbst als waschechten «Iren» bezeichnet, führte Spensers anschließende Zeit in England zu einem Verlust an Vorstellungskraft. «Die vielen Jahre in Irland liegen hinter der größten Lyrik Spensers und die wenigen Jahre in England hinter seiner geringeren Lyrik.»20

Lewis’ Herkunft hallt auch in seiner Sprache wider. In seiner Korrespondenz verwendet Lewis regelmäßig anglo-irische Idiome oder Slangausdrücke, die aus dem Gälischen abgeleitet sind, ohne eine Übersetzung oder Erklärung anzubieten, zum Beispiel den Ausdruck «ein armes Maul machen» (vom gälischen an béal bocht, «über Armut klagen») oder «whisht, now!» («sei still», abgeleitet vom gälischen bí i do thost). Andere Idiome spiegeln statt einer sprachlichen Herkunft aus dem Gälischen eher lokale Eigenheiten wider, wie etwa der seltsame Ausdruck «so lang wie ein Spaten aus Lurgan» (in der Bedeutung «trübsinnig dreinblicken» oder «ein langes Gesicht ziehen»).21 Obwohl Lewis’ Stimme in seinen Rundfunkansprachen aus den 1940er Jahren typisch für die akademische Kultur Oxfords seiner Zeit ist, verrät seine Aussprache von Wörtern wie friend (Freund), hour (Stunde) und again (wieder) den subtilen Einfluss seiner Belfaster Wurzeln.

Warum also wird Lewis nicht als einer der größten irischen Schriftsteller aller Zeiten gefeiert? Warum findet sich kein Eintrag für «Lewis, C.S.» auf den 1472 Seiten des angeblich maßgeblichen Dictionary of Irish Literature (1996)? Der eigentliche Grund ist, dass Lewis nicht in die Schablone irischer Identität passt, die im späten zwanzigsten Jahrhundert vorherrschte – ja, man muss sagen, dass er sich zumindest teilweise nicht in sie einpassen wollte. In mancher Hinsicht repräsentiert Lewis genau die Kräfte und Einflüsse, gegen die sich die Vertreter einer stereotypen irischen literarischen Identität wenden wollten. Stand Dublin im Zentrum der Forderung nach Home Rule und des Wiedererstarkens der irischen Kultur im frühen zwanzigsten Jahrhundert, so war Lewis’ Heimatstadt Belfast das Herz der Opposition gegen jegliche derartigen Entwicklungen.

Einer der Gründe, warum Irland Lewis als einen der Seinen weitgehend vergessen hat, ist, dass er ein Ire von der falschen Sorte war. Noch 1917 hegte Lewis sicherlich Sympathien für die «New Ireland School» und dachte daran, seine Gedichte an Maunsel and Roberts zu schicken,22 einen Verlag in Dublin mit starken Verbindungen zum irischen Nationalismus, bei dem im selben Jahr die gesammelten Werke des großen nationalistischen Schriftstellers Patrick Pearse (1879–1916) erschienen waren. Lewis räumte ein, dies sei nur ein «zweitklassiges Haus», und äußerte die Hoffnung, dies könne vielleicht bedeuten, dass man dort seine Einreichung ernst nehmen würde.23

Doch ein Jahr später sah die Sache für Lewis ganz anders aus. In einem Brief an seinen langjährigen Freund Arthur Greeves äußerte Lewis seine Befürchtung, die New Ireland School würde letzten Endes kaum mehr als «eine Art kleine Nebengasse der intellektuellen Welt abseits der Hauptstraße» bleiben. Ihm war inzwischen klar geworden, dass es wichtig war, «auf der breiten Fahrbahn des Denkens» zu bleiben und für eine große Leserschaft zu schreiben statt für eine, die durch bestimmte kulturelle und politische Ziele eng eingegrenzt war. Bei Maunsel zu veröffentlichen, so erklärte Lewis, wäre gleichbedeutend damit, sich mit etwas in Verbindung zu bringen, was kaum mehr war als eine «Sekte». Seine irische Identität, die ja eher durch die irische Landschaft inspiriert war als durch Irlands politische Geschichte, sollte ihren Ausdruck im literarischen Mainstream finden, nicht auf irgendeinem seiner «Seitenpfade».24 Doch auch, wenn Lewis es vorzog, sich über die Provinzialität der irischen Literatur zu erheben, bleibt er dennoch einer ihrer leuchtendsten und berühmtesten Vertreter.

UMGEBEN VON BÜCHERN: HINWEISE AUF EINE LITERARISCHE BERUFUNG

Die physische Landschaft Irlands war fraglos einer der Einflüsse, die Lewis’ fruchtbare Vorstellungskraft prägten. Doch es gibt noch eine andere Quelle, die viel dazu beitrug, seine jugendliche Sichtweise zu inspirieren – die Literatur selbst. Eine der nachhaltigsten Erinnerungen, die er an seine Kindheit hatte, war ein Elternhaus, das gestopft voll mit Büchern war. Albert Lewis mochte seine Brötchen als Anwalt verdienen, aber sein Herz schlug für die Literatur, die er las.

Im April 1905 zog die Familie Lewis in ein gerade erbautes neues und geräumigeres Haus am Stadtrand von Belfast – «Leeborough House» an der Circular Road in Strandtown, geläufig auch «Little Lea» oder «Leaboro» genannt. In diesem riesigen Haus konnten die Lewis-Brüder ungehindert herumstreifen, und in ihrer Fantasie verwandelten sie es in geheimnisvolle Königreiche und fremdartige Länder. Beide Brüder lebten in imaginären Welten, die sie zum Teil schriftlich festhielten. Lewis schrieb über sprechende Tiere in «Tierland», während Warnie über «Indien» schrieb (später wurden beide zu dem ebenso imaginären Land «Boxen» verbunden).

Wie Lewis sich später erinnerte, traf er in diesem neuen Haus, wo er ging und stand, auf Bücher in Stapeln, Haufen und Regalen.25 An vielen Regentagen fand er Trost und Gesellschaft, indem er diese Werke las und ungehindert durch vorgestellte literarische Landschaften streifte. Unter den Büchern, die im «neuen Haus» so reichlich verstreut lagen, waren auch Romanzen und mythologische Werke, die für Lewis’ jugendliche Fantasie die Fenster aufstießen. So sah er die physische Landschaft der Grafschaft Down durch eine literarische Brille, die für ihn zum Durchgangstor in ferne Reiche wurde. Warren Lewis äußerte sich später über die Anreize für die Vorstellungskraft, die ihm und seinem Bruder durch das feuchte Wetter und die Sehnsucht nach etwas Befriedigenderem zuteilwurden.26 Vielleicht waren die fantasievoll ausgedachten Wanderungen seines Bruders ausgelöst durch das «Hinausstarren zu unerreichbaren Hügeln», die er durch den Regen unter grauen Himmeln liegen sah?

1.3 Die Familie Lewis vor dem Haus «Little Lea», 1905. Hinten (von links nach rechts): Agnes Lewis (Tante), zwei Hausbedienstete, Flora Lewis (Mutter). Vorn (von links nach rechts): Warnie, C.S. Lewis, Leonard Lewis (Cousin), Eileen Lewis (Cousine) und Albert Lewis (Vater) mit Nero (Hund).

Irland wird ja gerade wegen seines reichlichen Regens und seiner Nebelfelder, die für feuchte Böden und üppiges grünes Gras sorgen, «die smaragdgrüne Insel» genannt. Für Lewis lag es später nahe, dieses Gefühl der Eingeschlossenheit durch Regen auf vier kleine Kinder zu übertragen, die im Haus eines alten Professors festsaßen und nicht draußen auf Kundschaft ausgehen konnten, weil draußen ein «so dichter, gleichmäßiger Regen» fiel, «dass man weder die Berge noch die Wälder sehen konnte, wenn man aus dem Fenster schaute, nicht einmal den kleinen Bach im Garten».27 Hat das Haus des Professors in Der König von Narnia vielleicht etwas von Leeborough?

Von Little Lea aus konnte der junge Lewis die fernen Castlereagh Hills sehen, die ihm etwas von herzzerreißender Bedeutungsschwere zuzuraunen schienen und ihn mit ihrer unerreichbaren Ferne quälten. Sie wurden zu einem Symbol der Liminalität, des Gefühls, an der Schwelle zu einem neuen, tieferen und befriedigenderen Denken und Leben zu stehen. Eine unaussprechliche Empfindung intensiver Sehnsucht stieg in ihm auf, wenn er sie betrachtete. Wonach genau er sich sehnte, konnte er nicht sagen. Aber ihm wurde bewusst, dass er ein Gefühl der Leere in sich hatte, das die geheimnisvollen Hügel zu verstärken schienen, ohne es zu befriedigen. In The Pilgrim’s Regress (1933; dt. Das Schloss und die Insel) tauchen diese Hügel wieder auf als Symbol für das unbekannte Verlangen des Herzens. Wenn aber Lewis an der Schwelle zu etwas Wunderbarem und Bezauberndem stand, wie konnte er dann in dieses geheimnisvolle Reich eintreten? Wer würde ihm die Tür öffnen und ihn hindurchlassen? Von daher ist es vielleicht nicht überraschend, dass das Bild einer Tür für Lewis’ spätere Reflexionen über die tieferen Fragen des Lebens zunehmend Bedeutung gewann.

Die niedrige, grüne Silhouette der Castlereagh Hills, die in Wirklichkeit gar nicht so weit entfernt waren, wurde so zu einem Symbol für etwas Fernes, Unerreichbares. Diese Hügel waren für Lewis ferne Objekte des Verlangens. Sie markierten die Grenzen der Welt, die er kannte, von wo aus das Flüstern der lockenden «Hörner des Elfenlandes» zu ihm drang. «Sie lehrten mich die Sehnsucht und machten mich, zum Wohl oder Wehe, bevor ich sechs Jahre alt war, zu einem andächtigen Verehrer der Blauen Blume.»28

Bei dieser Aussage müssen wir einen Augenblick stehen bleiben. Was meint Lewis mit Sehnsucht? Das deutsche Wort, das Lewis auch im Original verwendet, steckt voller emotionaler und imaginativer Assoziationen. Der Dichter Matthew Arnold beschrieb sie als ein «wehmütiges, sanftes, tränenreiches Sehnen». Und was hat es mit der «Blauen Blume» auf sich? Führende Schriftsteller der deutschen Romantik wie Novalis (1772–1801) und Joseph von Eichendorff (1788–1857) verwendeten das Bild einer «Blauen Blume» als Symbol für das Wandern und Sehnen der menschlichen Seele, insbesondere in dem Sinne, dass dieses Sehnen durch die Natur hervorgerufen, aber nicht befriedigt wird.

Schon in diesem frühen Stadium also sondierte und hinterfragte Lewis die Grenzen seiner Welt. Was lag jenseits ihrer Horizonte? Doch eine Antwort auf dieses Fragen, die seine Sehnsüchte so aufreizend in seinem jungen Verstand auflodern ließen, wusste Lewis nicht. Worauf wiesen sie hin? Gab es einen Durchgang? Und wenn ja, wo war er zu finden? Und wohin führte er? Die Suche nach Antworten auf diese Fragen sollte Lewis für die nächsten 25 Jahre beschäftigen.

EINSAMKEIT: WARNIE GEHT NACH ENGLAND

Nach allem, was wir wissen, war Lewis 1905 ein einsamer, introvertierter Junge, der kaum Freunde hatte und sein Vergnügen und seine Erfüllung im einsamen Lesen von Büchern fand. Warum einsam? Nachdem er seiner Familie ein neues Zuhause verschafft hatte, befasste sich Albert Lewis nun damit, sich um die Zukunftsaussichten seiner Söhne zu kümmern. Als Säule des protestantischen Establishments in Belfast war er der Ansicht, es wäre den Interessen seiner Söhne am dienlichsten, wenn er sie auf Internate in England schickte. Alberts Bruder William hatte seinen Sohn bereits auf eine englische Schule geschickt, weil er dies als akzeptablen Weg zum gesellschaftlichen Fortkommen sah. Albert beschloss, es ihm gleichzutun, und holte sachkundigen Rat ein, welche Schule seinen Bedürfnissen am besten entspräche.

1873 war in London die Bildungsagentur Gabbitas & Thring gegründet worden, um geeignete Lehrer für führende englische Schulen zu rekrutieren und Eltern zu beraten, die ihren Kindern die bestmögliche Schulbildung angedeihen lassen wollten. Unter den Lehrern, die sie ausfindig machte, waren künftige Stars – wenn sie auch zugegebenermaßen nicht in erster Linie dafür bekannt sind, jemals Lehrer gewesen zu sein – wie W.H. Auden, John Betjeman, Edward Elgar, Evelyn Waugh und H.G. Wells. Als das Unternehmen 1923 sein fünfzigjähriges Bestehen feierte, blickte es auf über 120.000 vermittelte Lehrerstellen zurück, und nicht weniger als 50.000 Eltern hatten sich dort Rat im Blick auf die beste Schule für ihre Kinder gesucht. Darunter war auch Albert Lewis, der sich dort erkundigte, wohin er seinen älteren Sohn Warren schicken sollte.

Eine Empfehlung wurde ausgesprochen. Sie sollte sich als unsäglich schlechter Rat erweisen. Im Mai 1905 schickte Albert Lewis, ohne sich kritischer und eingehender zu erkundigen, wie mancher es von einem Mann in seiner Position erwarten würde, den neunjährigen Warren auf die Wynyard School in Watford, nördlich von London. Dies war vielleicht der erste von vielen Fehlern, die Lewis’ Vater im Blick auf seine Beziehung zu seinen Söhnen machen würde.

Jacks – wie Lewis inzwischen gern genannt werden wollte – und sein Bruder Warnie hatten erst einen Monat zusammen in Little Lea verbracht und ihr Reich in einem gemeinsamen «kleinen Endzimmer» im obersten Geschoss des weitläufigen Hauses errichtet. Nun wurden sie getrennt. C.S. Lewis blieb zu Hause und wurde privat von seiner Mutter und einer Gouvernante namens Annie Harper unterrichtet. Seine besten Lehrer freilich waren vielleicht die überall wuchernden Stapel von Büchern, von denen ihm kein einziges verboten war.

Zwei Jahre lang streifte der einsame Lewis durch die langen, ächzenden Korridore und geräumigen Dachböden des großen Hauses. Die unzähligen Bücher waren seine einzigen Gefährten. Seine innere Welt begann Form anzunehmen. Während andere Jungen in seinem Alter auf der Straße oder auf dem Land rund um Belfast spielten, konstruierte, besiedelte und erkundete Lewis seine eigenen ausgedachten Welten. Er war gezwungen, ein Einzelgänger zu werden – was ohne Frage seine Vorstellungskraft beflügelte. Da Warnie nun fort war, hatte er keinen Seelengefährten mehr, mit dem er über seine Träume und Sehnsüchte reden konnte. Die Schulferien gewannen höchste Bedeutung für ihn, denn das waren die Zeiten, in denen Warnie nach Hause kam.

ERSTE BEGEGNUNGEN MIT DER FREUDE

Irgendwann um diese Zeit nahm Lewis’ ohnehin schon sehr lebhaftes fantasievolles Innenleben eine neue Wendung. Später erinnerte er sich an drei frühe Erlebnisse, die er als prägend für eines der Hauptanliegen seines Lebens betrachtete. Das erste dieser Erlebnisse hatte er, als der Duft eines «blühenden Johannisbeerstrauchs» im Garten von Little Lea eine Erinnerung an seine Zeit im «alten Haus» wachrief – Dundela Villas, das Albert Lewis damals von einem Verwandten gemietet hatte.29 Lewis spricht davon, er habe ein flüchtiges, köstliches Verlangen empfunden, das ihn überwältigte. Noch ehe er sich darüber klar wurde, was in ihm vorging, war die Empfindung schon wieder vorbei und hinterließ in ihm «ein Sehnen nach der eben entglittenen Sehnsucht». Für Lewis schien es eine ungeheure Bedeutung zu haben. «In einem gewissen Sinn war alles andere, was mir je widerfahren war, im Vergleich dazu belanglos.» Aber was hatte das zu bedeuten?

Das zweite Erlebnis kam, als er Squirrel Nutkin (1903; dt. Die Geschichte vom Eichhörnchen Nusper) von Beatrix Potter las. Lewis bewunderte Potters Bücher zu dieser Zeit ohnehin, aber etwas an diesem Werk rief in ihm eine heftige Sehnsucht nach etwas hervor, was er offenbar nur mit Mühe beschreiben konnte – «die Vorstellung des Herbstes».30 Auch hier wieder empfand Lewis dasselbe berauschende Gefühl «übermächtiger Sehnsucht».

Zum dritten Mal passierte es, als er ein Gedicht von Henry Wadsworth Longfellow im Stil des schwedischen Dichters Esaias Tegnér (1782–1846) las:31

Ich hörte eine Stimme rufen:

Balder der Schöne

ist tot, ist tot ...

Lewis empfand die Wirkung dieser Worte als niederschmetternd. Ihm war, als öffneten sie ihm eine Tür, von deren Existenz er nichts geahnt hatte, und als ließen sie ihn ein neues Land jenseits seiner eigenen Erfahrung sehen, das zu betreten und zu besitzen er sich sehnlichst wünschte. Einen Moment lang schien nichts anderes mehr wichtig zu sein. «Ich hatte keine Ahnung, wer Balder war», erinnerte er sich, «doch sofort wurde ich in die riesigen Weiten des nördlichen Himmels entrückt und ersehnte mit quälender Intensität etwas, das ich niemals hätte beschreiben können (außer als etwas, das kalt, weiträumig, streng, blass und fern war).»32 Doch noch ehe Lewis wusste, wie ihm geschah, war das Erlebnis vorbei und ließ ihn mit der Sehnsucht zurück, es erneut erleben zu können.

Im Rückblick auf diese drei Erlebnisse verstand Lewis, dass sie als Aspekte oder Manifestationen ein und derselben Sache zu sehen waren: «ein unerfülltes Begehren, das an sich schon begehrenswerter ist als jede andere Erfüllung. Ich nenne [es] Freude.»33 Die Suche nach dieser Freude sollte zu einem zentralen Motiv in Lewis’ Leben und Schreiben werden.

Wie sollen wir uns nun diese Erlebnisse erklären, die in Lewis’ Entwicklung, besonders für die Prägung seines «inneren Lebens», eine so große Rolle spielten? Vielleicht können wir dazu aus der klassischen Untersuchung The Varieties of Religious Experience (1902; dt. Die Vielfalt religiöser Erfahrung) schöpfen, in der der Harvard-Psychologe William James (1842–1910) sich einen Reim auf die komplexen, starken Erfahrungen zu machen versuchte, die das Leben vieler religiöser Denker im Innersten prägten. James verarbeitete eine breite Palette veröffentlichter Schriften und persönlicher Zeugnisse und benannte vier charakteristische Merkmale solcher Erfahrungen.34 Das erste dieser Merkmale war, dass solche Erfahrungen «unbeschreiblich» sind. Sie lassen sich nicht ausdrücken und können in Worten nicht angemessen beschrieben werden.

Zweitens kommt James zu dem Schluss, dass Leute, die solche Erfahrungen machen, dadurch «Einsicht in Tiefen der Wahrheit» gewinnen, «die durch den diskursiven Intellekt nicht ausgelotet werden». Mit anderen Worten, sie werden als «Erleuchtungen, Offenbarungen voller Bedeutung und Wichtigkeit» erlebt. Sie rufen ein «enormes Empfinden innerer Autorität und Erleuchtung» hervor und verwandeln das Denken derer, die sie erleben. Oft werden sie zutiefst als «Offenbarungen neuer Tiefen der Wahrheit» wahrgenommen. Diese Motive sind eindeutig in Lewis’ Schilderung seiner frühen Erlebnisse der «Freude» vorhanden, etwa in seiner Aussage, alles andere, was er je erlebt habe, sei «im Vergleich dazu belanglos» gewesen.

Drittens unterstreicht James, dass diese Erfahrungen flüchtig sind; sie «lassen sich nicht lange aufrechterhalten». Meist dauern sie zwischen wenigen Sekunden und wenigen Minuten, und es ist nicht möglich, sich an ihre Beschaffenheit genau zu erinnern, auch wenn die Erfahrung wiedererkannt wird, wenn sie erneut auftritt. «Sobald sie verblasst sind, lässt sich ihre Beschaffenheit in der Erinnerung nur unvollkommen wiedergeben.» Dieser Aspekt in James’ Typologie der religiösen Erfahrungen spiegelt sich deutlich in Lewis’ Prosa wider.

Schließlich sagt James, diejenigen, die eine solche Erfahrung hatten, hätten das Gefühl, «von einer höheren Macht erfasst und festgehalten» worden zu sein. Solche Erfahrungen werden nicht von aktiven Subjekten erzeugt; sie überfallen Menschen, und das oft mit überwältigender Kraft.

Lewis’ ausdrucksvolle Schilderungen seiner Erfahrung der «Freude» passen sehr gut zu den von James genannten Charakteristika. Lewis empfand seine Erlebnisse als zutiefst bedeutsam. Sie stießen Türen einer anderen Welt auf, die sich dann im Nu wieder schlossen. Zurück blieben die freudige Erregung über das Geschehene und zugleich die Sehnsucht, es wiederzuerlangen. Diese Erlebnisse sind wie momentane, flüchtige Epiphanien, bei denen Dinge plötzlich eine überwältigende Klarheit und Schärfe bekommen, doch dann verblasst das Licht wieder; die Vision entflieht und hinterlässt nichts als Erinnerung und Sehnsucht.

Nach solchen Erlebnissen blieb Lewis ein Gefühl des Verlustes, ja des Verrats. Doch so frustrierend und verstörend sie gewesen sein mochten, brachten sie ihn doch auf den Gedanken, dass die sichtbare Welt womöglich nur ein Vorhang war, hinter dem sich riesige, unerforschte Reiche geheimnisvoller Meere und Inseln verbargen. Es war ein Gedanke, der, nachdem er sich einmal eingenistet hatte, nie wieder seinen imaginativen Reiz oder seine emotionale Kraft verlor. Doch wie wir sehen werden, gelangte Lewis bald zu der Überzeugung, das alles sei Illusion – ein Kindertraum, der durch das Aufdämmern der erwachsenen Rationalität als grausame Täuschung entlarvt wurde. Vorstellungen von einer transzendenten Welt oder von einem Gott mochten «durch Silber gehauchte Lügen»35 sein, aber Lügen waren sie dennoch.

FLORA LEWIS’ TOD

Nach dem Tode Königin Victorias 1901 bestieg Edward VII. den britischen Thron und regierte bis 1910. Unter dem edwardianischen Zeitalter stellt man sich heute oft eine goldene Zeit voller langer Sommernachmittage und eleganter Gartenpartys vor – eine Idylle, die durch den Ersten Weltkrieg von 1914 bis 1918 restlos zerstört wurde. Wenn diese stark romantisierte Sicht der edwardianischen Zeit auch vor allem die Nachkriegsnostalgie der 1920er Jahre widerspiegelt, gibt es doch keinen Zweifel, dass viele Menschen damals sie als eine gefestigte, sichere Periode ansahen. Zwar bahnten sich beunruhigende Entwicklungen an – vor allem die wachsende militärische und industrielle Macht Deutschlands und die wirtschaftliche Stärke der Vereinigten Staaten, die, wie viele erkannten, erhebliche Bedrohungen für die Interessen des britischen Empires darstellten. Doch trotz allem herrschte die Stimmung vor, dass das Empire gefestigt und stark sei, zumal seine Handelsrouten von der größten Seestreitmacht geschützt wurden, die die Welt je gesehen hatte.