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Sehnsucht - Suche oder Sucht? In der Sehnsucht steckt beides: Führt die Suche zum Ziel, ist Sehnsucht eine Kraft, die Berge versetzen kann. Bleibt das Ziel nebulös, kann die Sehnsucht zur Sucht werden. Aber wozu ist sie überhaupt gut? Sehnsucht ist der Wegweiser zu uns selbst. In unserer Sehnsucht liegen unsere geheimsten Wünsche und tiefsten Hoffnungen verborgen. Auch wenn unsere Sehnsucht nach außen gerichtet ist - nach einer unerfüllten Liebe, nach einem paradiesischen Ort - stets hat sie ihre Quelle in uns selbst. Diese Quelle aufzuspüren, um unseren inneren Durst zu stillen, ist das eigentliche Ziel der Sehnsucht. "Ich gebe es unumwunden zu: Dieses Buch hat mich aufgewühlt. Von ihm geht eine Magie aus, der sich der Leser nicht entziehen kann." (Sahara, Patientenzeitung der Fachklinik Langenberg) "Der romantische, literarische und doch wieder analytische Stil dieses Buches wird jeden Leser - ob Laie oder Fachmann - begeistern." (AKF-Literaturdienst) "Dieses Buch ist in seiner Schlichtheit ein mutiger Text. Mit einfachen, nachvollziehbaren Fallbeispielen, Märchen und Filmgeschichten macht der Autor Zauber und Absurdität von Sehnsucht erfahrbar. Der Flucht in die hoffnungslose Dynamik unerfüllter Sehnsüchte stellt Chu den Glanz gegenüber, der sich einstellen kann, wenn wir unserem Alltag mit Hingabe begegnen. Er tut dies ohne Pathos. Und gerade weil sein Text keine Heilsbotschaft verkündet, erhält er durch seine ruhige Gewissheit eine verblüffende Überzeugungskraft." (Psychologie Heute)
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Veröffentlichungsjahr: 2014
Victor Chu
CASABLANCA
Oder wohin dich die Sehnsucht trägt
Unerfüllte Liebe und andere Leidenschaften
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Victor Chu
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oder wohin dich die Sehnsucht trägt
Unerfüllte Liebe und andere Leidenschaften
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Impressum:
© 2014 Dr. Victor Chu
Neuauflage
Erstauflage Kösel Verlag 1997
Lektorat: Gerhard Plachta und Dagmar Olzog
Umschlaggestaltung: UlinneDesign, Ulrike Linnenbrink, Neuenkirchen
Umschlagfoto: © artishoka – photocase.de
Korrektorat und Satz: Angelika Fleckenstein; spotsrock.de
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN:
978-3-8495-9455-8 (Paperback)
978-3-8495-9456-5 (Hardcover)
978-3-8495-9457-2 (e-Book)
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Inhaltsverzeichnis
Einführung
Aufbruch zu einer inneren Entdeckungsreise
Was ist Sehnsucht?
Formen und Quellen der Sehnsucht
Kindersehnsucht
Einige Unterschiede zwischen natürlichen und neurotischen Sehnsüchten
Die Romantik als Epoche der Sehnsucht
Wenn eine geliebte Person stirbt – Todessehnsucht und Lebensmut
Casablanca
»A kiss is still a kiss«
Traumwelt – reale Welt
Die innere Kammer – Sehnsucht nach dem göttlichen Geheimnis in uns
Wenn Kinder die Sehnsucht ihrer Eltern leben
Der Schatten der Sehnsucht – Spaltung der Wirklichkeit, Spaltung der Seele
Liebe und Sehnsucht
Liebe und Sehnsucht
Zerstörerische Reaktionen auf eine Liebesenttäuschung
Lösung und Befreiung aus einer unglücklichen Liebe
Unsere Sehnsucht leben
Gesellschaftliche Aspekte der Sehnsucht
Unsere Lebenssehnsucht erhalten im grauen Alltag
Lebensquelle Leidenschaft
Nachwort
Dank
Literaturhinweise
Quellenverzeichnis
Einführung
Aufbruch zu einer inneren Entdeckungsreise
Eine Frau kam einmal zur Psychotherapie und berichtete, dass sie gerade eine schwere seelische Krise durchmache. Der Auslöser für die Krise sei ein Erlebnis, mit dem sie nicht fertig werde:
Sie sei einmal abends mit einem Mann zusammengesessen, den sie eben auf einem Fest kennengelernt hatte. Sie habe ihn sehr sympathisch gefunden und habe sich auch erotisch zu ihm hingezogen gefühlt. Aber es sei bald klar gewesen, dass sie beide nicht frei waren. So habe sie einfach genossen, die Zeit mit ihm plaudernd zu verbringen.
Sie saßen also nebeneinander auf der Terrasse, schauten in die hereinbrechende Dunkelheit hinaus, weit draußen blitzte es. Plötzlich wurde es ihr in der Brust unheimlich schwer. Zugleich spürte sie in sich eine bis dahin unbekannte, unglaubliche Traurigkeit. Der Gedanke befiel sie, dass sie und der Mann, obwohl sie einträchtig nebeneinander saßen, keinen Platz auf der Erde hätten, an dem sie sich begegnen könnten. Sie fühlte eine tiefe Verzweiflung in sich aufsteigen, gepaart mit einer grenzenlosen Einsamkeit. Und die ganze Zeit über plauderten sie weiter miteinander.
Die Frau war bestürzt. So etwas hatte sie noch nie im Leben erlebt. Sie war ja gar nicht einmal so verliebt, wie sie es manchmal von sich kannte. Das konnte sie deutlich unterscheiden. Aber weshalb löste dieser Mann in ihr derart heftige, ja bedrohliche Gefühle aus?
Die Frau berichtete weiter: Dieses Erlebnis sei so unerwartet in ihr Leben eingebrochen, dass es ihre bisherigen Persönlichkeitsgrenzen gesprengt und ihr Selbstverständnis bis in die Grundfesten erschüttert habe. Sie habe den Mann nie mehr wieder gesehen, habe aber immer wieder an ihn denken müssen: Es sei geradezu wie ein innerer Zwang gewesen. Sie habe eine heftige Sehnsucht nach ihm gepackt, die ihr irrational, ja total verrückt erschien. Diese Sehnsucht treibe sie fast an den Rand des Wahnsinns.
Gleichzeitig aber habe sie solch großartige Gefühle in sich entdeckt, wie sie sie nie gekannt habe. Etwas habe sich tief in ihr aufgetan; ihre ganze Kreativität, die in ihrem bisherigen bürgerlichen Leben keinen Platz gehabt hat, sei wachgerufen worden. Sie habe sogar wieder zu musizieren und zu malen begonnen – etwas, was sie seit ihrer Kindheit nicht mehr getan habe.
Dieser beseelte Zustand habe jedoch nicht lange angedauert. Zu konträr sei er zu ihrem bisherigen Leben gestanden, auch zu ihrer bisherigen Lebenseinstellung. Sie habe begonnen, sich ihrer Leidenschaft zu schämen. Der Abstand zwischen ihrem Höhenflug und der grauen Realität sei zu groß, als dass sie die Spannung lange hätte aushalten können. Deshalb sei sie eingebrochen und in eine tiefe psychische Krise geraten.
So sehr diese Sehnsucht sie auch in ihrem bisherigen Leben verunsichert habe, so sehr möchte sie sie sich genauer anschauen. Denn sie ahne, dass dieses für sie bisher unbekannte Gefühl etwas Wichtiges, lang Verschüttetes aus ihrem Unbewussten an die Oberfläche befördern könne. Sie wolle es ernst nehmen und versuchen, ihm auf den Grund zu gehen. Da sie dies allein nicht schaffe, suche sie nach therapeutischer Begleitung.
Zu dem Gefühl der Sehnsucht sagte sie: »Wenn man es einmal erlebt hat, diese lebendige Mitte, dann bleibt eine ungeheure Sehnsucht zurück. Man kommt sich wie verkrüppelt vor, wenn man so weiterleben würde wie bisher – wie einer, der sich mit billigem Ersatz zufrieden gibt. Deshalb bin ich auf die Suche nach dieser lebendigen Quelle aufgebrochen. Ich möchte sie wieder finden.«
In der anschließenden Therapie ging die Frau ihrer Sehnsucht nach, so wie man einen Fluss bis an die Quelle zurückverfolgt. Sie litt dabei entsetzliche Qualen, hat sich aber nicht beirren lassen und ist ihren Gefühlen weiter auf den Fersen geblieben. Es war wie eine innere Entdeckungsreise. Während dieser Zeit tauchten immer wieder alte Bilder und Erinnerungen aus ihrer Kindheit auf – Stimmungen, Gesichter, körperliche Empfindungen. Dazwischen immer wieder Löcher, gähnende Leere, bis irgendwann die nächste Erinnerung aufstieg.
Am Ende dieser seelischen Odyssee entdeckte sie Folgendes: Sie war, ohne dass sie als Erwachsene eine bewusste Erinnerung mehr hatte, in den ersten Lebensjahren zusammen mit einem Onkel, einem jüngeren Bruder ihrer Mutter, aufgewachsen. Später waren sie, während der Flucht aus dem Osten, jäh voneinander getrennt worden. Sie hatte ihn nie mehr gesehen. Er war verschollen geblieben. Ihre Mutter hatte ihr zwar später von dem Onkel erzählt, aber sie hatte sich an nichts erinnern können.
Irgendetwas an dem Mann, den sie zufällig an dem besagten Abend traf, hatte sie an den Onkel erinnert. Dies war für sie völlig unbewusst abgelaufen. Sie glaubte, es war nicht einmal eine äußere Ähnlichkeit als vielmehr eine ähnliche emotionale Schwingung, die von diesem Mann ausging, und die hatte sie gespürt, als sie neben ihm saß.
Dies hatte wohl die heftige Reaktion in ihr ausgelöst, die für sie zunächst völlig unverständlich blieb. Erst im Laufe ihrer inneren Entdeckungsreise hatte sie gespürt, wie sehr sie den Onkel, damals wohl selbst noch ein halbes Kind, geliebt hatte, wie ein eigenes Geschwister, und wie sehr er ihr gefehlt hatte, nachdem er auf der Flucht plötzlich verschwunden war. Endlich verstand sie ihre Gefühle an dem besagten Abend, zum Beispiel die grenzenlose Einsamkeit. Sie verstand, weshalb sie das Gefühl gehabt hatte, für den Mann und sie gäbe es keinen Platz auf der Welt, an dem sie hätten zusammen sein können. Ihr Onkel und sie waren ja auf der Flucht gewesen, als sie voneinander getrennt wurden. Und schließlich verstand sie, weshalb sie in all den Jahren ihre Sehnsucht nach dieser ersten Liebe ihres Lebens verdrängt hatte. Sie hätte sie als Kind überwältigt.
Während ihrer Entdeckungsreise hatte sie ihre Mutter, die ihr nur zögernd Antwort gab, nach Einzelheiten der Beziehung zwischen dem Onkel und ihr gefragt, nach den Umständen seines Verschwindens und nach deren eigenen Schmerz über den Verlust ihres Bruders (die Tochter hatte wahrscheinlich auch einen Teil des verdrängten Schmerzes der Mutter mit übernommen). Sie trug dann für einige Monate ein altes Foto von dem Onkel bei sich, bis sie das Gefühl hatte, nun habe er einen guten Platz in ihrem Herzen bekommen. Dann hat sie es wieder ins Album zurückgelegt.
Die Sehnsucht nach dem Mann, den sie auf dem Fest kennen gelernt hatte, ließ ebenfalls nach. Sie relativierte sich, je klarer ihr wurde, woher dieses Gefühl stammte. Sie konnte es von der realen Person des Mannes trennen. Und sie war ihm dankbar, dass er ihr unbeabsichtigt geholfen hatte, diese kostbare Erinnerung aus der Verdrängung zu heben.
Am Ende der Therapie fand sie, es sei wert gewesen, die Mühen dieser inneren Entdeckungsreise auf sich genommen zu haben. Sie habe sich früher oft von anderen Menschen abgeschnitten gefühlt, und zwar gerade von den Menschen, die ihr nahe standen. Eine unsichtbare Mauer habe sie von ihrer Umwelt abgetrennt und ihr manchmal das Gefühl vermittelt, wie unter einer Käseglocke zu sitzen. Nun habe sie mehr das Gefühl, mitten im Leben zu stehen. Die Welt erscheine ihr auf einmal klarer, farbiger – als sei ein Filter zwischen ihr und der Welt entfernt. Sie spüre ihre Liebe zu sich selbst, zu anderen Menschen, zum Leben überhaupt. Und die Distanz, die sie bisher zu ihrer Mutter (als Zeugin des damaligen Unglücks) hatte, habe sich deutlich verringert.
Es sind Berichte dieser Art, die mich aufmerksam werden ließen für das Geheimnis der Sehnsucht. Was ist dies für eine magische Kraft, fragte ich mich, die eine Frau zum Beispiel dazu bringt, ihren guten Ruf und ihre Familie aufs Spiel zu setzen, um sich einem jungen Mann hinzugeben; die einen gut situierten Mann Karriere und Reichtum aufgeben lässt, um einen Jugendtraum zu realisieren; die ganze Völker in ferne Länder aufbrechen lässt, um ihre Freiheit oder ihre religiöse Erfüllung zu finden? Was ist das – Sehnsucht?
Was ist Sehnsucht?
Sehnsucht – Fassetten eines Phänomens
Sehnsucht – bei diesem Wort empfinden wir eine leise innere Erregung. Es ist eine innere Erregung, oft nicht einmal von außen sichtbar. Es ist, zumindest am Anfang, eine leise Erregung, wie von einer sanften Berührung. Und obwohl sie leise beginnt, hat sie die Fähigkeit, uns in ihren Bann zu ziehen – vielleicht ist es gerade ihre Zartheit, die unsere Sinne so erregt. Unmerklich zieht es uns immer mehr dorthin, bis wir uns völlig von ihr besetzt fühlen. Ja, unsere Sehnsucht kann manchmal zu einer solch heftigen Leidenschaft heranwachsen, dass wir bereit sind, alles aufs Spiel zu setzen, um ihrem Ruf zu folgen.
Was ist dies für eine seltsame Kraft, die Sehnsucht?
Die Sehnsucht hat viele Gesichter. Wir sollten vielleicht erst einmal ihre verschiedenen Seiten anschauen, bevor wir versuchen, sie zu ergründen.
Denken Sie an eine Mondnacht, rings um Ihnen Stille. Sie stehen an einen Baum angelehnt und schauen auf einen Fluss, in dem sich das Mondlicht spiegelt…
Oder stellen Sie sich vor, Sie stehen am Kai, vor Ihnen das endlose Meer, es legt gerade ein Segelschiff ab. Sie schauen ihm nach, bis es am Horizont verschwindet…
Sie sitzen drinnen im Klassenzimmer, der Unterricht ist todlangweilig. (Es ist egal, ob Sie Schüler oder Lehrer sind. Es kann ebenso gut Ihr Büro sein.) Sie schauen aus dem Fenster, auf die Wiesen und die Berge, in den Himmel, in die Weite. Draußen lockt die Freiheit, aber Sie sind hier drinnen eingesperrt, wie ein Gefangener. Sie wollen weit weg, in die Fremde, in die Ferne…
Oder umgekehrt: Sie sind durch Kriegswirren von Ihrem vertrauten Zuhause in die Fremde vertrieben worden. Sie sehnen sich nach der Heimat, bewahren ihr Andenken im Herzen, halten sich das Gastland auf Distanz. Nach Jahren können Sie endlich wieder heimfahren. Die alten Gebäude stehen noch. Aber Sie sind nicht mehr dieselbe Person. Sie fühlen sich auf einmal in der Heimat fremd. Wo gehören Sie nun hin?
Liebessehnsucht: Sie haben sich verliebt. Kommen gerade vom ersten Rendezvous. Sie sind noch ganz berauscht von der unerwartet intensiven Begegnung. Während Sie den Weg nach Hause zu Fuß antreten, lassen Sie die köstlichen Momente, die hinter Ihnen liegen, noch einmal vor Ihrem inneren Auge passieren, schmecken Ihnen nach. Sie spüren, wie alle Ihre Sinne hellwach sind, Sie spüren die Sonne auf Ihrer Haut, ziehen den Duft des Frühlings ein. Ihre Schritte sind leicht, fast schwebend. Während Sie dem Erlebten nachspüren, empfinden Sie schon einen ersten Hauch von Sehnsucht, den anderen wieder zu sehen, seine Stimme wieder zu hören, seine Nähe wieder zu spüren. Aber es wird eine Weile dauern, bis ein Wiedersehen möglich ist. Sie werden erst einmal nur miteinander telefonieren können.
Etwas später: Sie sitzen am Telefon. Er hat nach längerer Abwesenheit versprochen, heute Abend anzurufen. Sie haben sich schon so lange darauf gefreut. Die Minuten fühlen sich allmählich wie Stunden an. Um sich abzulenken, setzen Sie sich hin und beginnen, einen langen Brief an ihn zu schreiben, zerreißen das Geschriebene aber immer wieder. Sie fangen an, innere Dialoge mit ihm zu führen. Unruhe erfüllt Sie, Sie werden unsicher, der erste Hauch von Zweifel taucht auf. Sie versuchen, ihn zu verscheuchen.
Szenenwechsel: Sie sind Wissenschaftler und sitzen vor einer schwierigen Aufgabe. Alle bisherigen Antworten, die von früheren Forschern und heutigen Kolleginnen und Kollegen gefunden worden sind, können Sie nicht mehr befriedigen. Sie spüren, dass es eine andere Lösung geben muss, eine radikale, eine, die das gesamte bisherige Weltbild auf den Kopf stellen würde. Sie haben Angst, das zu denken, was Ihnen als Ahnung vorschwebt. Ist es nicht Größenwahnsinn? Aber etwas zieht Sie mit Macht dahin…
Noch eine andere Art der Sehnsucht: Sie entdecken nach vielen mühsamen Jahren, dass Ihr ganzer bisheriger Lebensentwurf falsch war. Sie haben sich getäuscht – in sich selbst, in anderen. Sie haben das Gefühl, Sie sitzen fest, in Ihren alten Verbindlichkeiten und Verpflichtungen. Sie wollen raus. Aber wohin? Ihr bisheriges Leben hat für Sie keinen Sinn mehr. Sie spüren die Leere, das innere Loch, den Stillstand. Es ist, als hätten Sie nie richtig gelebt. Wo ist Ihre einstige Hoffnung, Ihr Glaube geblieben? Woraus sollen Sie neue Kraft schöpfen?
Wenn Sie sich aber Zeit lassen und in sich hineinhorchen, spüren Sie, dass etwas Lebendiges unter dem Schutt der vergangenen Jahre vergraben liegt und leise Signale von sich gibt. Sollen Sie diesen Hilferuf ernst nehmen? Haben Sie noch die Kraft, die dicke Schicht aus erstarrten, aber lieb gewonnenen Gewohnheiten abzuräumen, um dorthin zu gelangen?
Sehnsucht nach Romantik, Liebe, Lust, Leidenschaft. Sehnsucht nach der Heimat, Sehnsucht nach der Ferne, nach dem Abenteuer, nach der Freiheit. Sehnsucht nach Erkenntnis. Sehnsucht nach Leben. Was ist ihnen gemeinsam?
Was ist Sehnsucht?
Sehnsucht beseelt uns. Sie berührt uns unmittelbar in der Tiefe unserer Seele. Sie erreicht ganz mühelos unser Innerstes.
Sehnsucht bewegt uns. Sie reißt uns aus der Lethargie, sie zerreißt den grauen Vorhang, der uns sonst von unseren inneren Gefühlen trennt. Sie reißt uns aus der Normalität des Alltags. Wir sind ganz bei uns, wenn wir unsere Sehnsucht spüren. Die Zeiten der Sehnsucht sind besondere Momente im Leben. Wir spüren sie mit äußerster Intensität.
In dieser Intensität liegt ein ungeheures Veränderungspotenzial. Es ist eine Kraft, die unser ganzes Leben verändern kann, wenn wir den Mut haben, ihr zu folgen. In der Sehnsucht finden wir die Quelle der Leidenschaft. Wir leben leidenschaftlich, wenn wir unserer Sehnsucht folgen. In der Erfüllung unserer Sehnsucht erfahren wir den Sinn unseres Lebens.
Sehnsucht ist auch die Quelle unserer Inspiration. Sie erweckt unsere Kreativität zum Leben. Sie ist, neben der Neugierde, eine wesentliche Triebkraft für künstlerisches Schaffen. Wir erschaffen Neues, wenn wir von Sehnsucht beseelt sind. Und das, was wir in diesem Moment produzieren, sei es ein Gedicht, ein Lied, ein Gemälde, ein Roman, ist »beseelt«, weil es Ausdruck unserer Seele ist. Der Betrachter des Bildes, der Hörer der Musik spürt den lebendigen Hauch, der aus dem Kunstwerk spricht. Auch er wird in seiner Seele berührt.
Den gleichen lebendigen Impuls gibt die Sehnsucht dem Philosophen, dem Politiker, dem Revolutionär. In der Sehnsucht steckt der Funke der Veränderung auch im gesellschaftlichen und politischen Bereich.
Dies ist das Wundervolle an der Sehnsucht. Deshalb ist die Sehnsucht ein großes Geschenk. Wir müssen sie nur ernst nehmen.
Aber weshalb hören wir so wenig auf ihre Stimme? Weshalb fühlen wir uns oft gar von ihr gestört? Weshalb haben wir, wenn wir ehrlich sind, sogar Angst vor ihr? Um dies zu verstehen, müssen wir uns den Schattenseiten der Sehnsucht zuwenden. Wo Licht ist, ist auch Schatten.
Sehnsucht verbindet uns mit unserem Unbewussten, mit den untergründigen Strömungen unserer Seele. Hier sind unsere vitalen Triebe beheimatet. Deshalb erfüllt uns Sehnsucht bisweilen mit einer solchen Vitalität und einem inneren Feuer, dass wir das Gefühl haben, darin zu verbrennen. Im Unbewussten sind aber auch unsere instinkthaften, animalischen Triebe zu Hause. Diese Kräfte stehen jenseits von Moral und Vernunft. Als archaische, lebenserhaltende Kräfte sind sie lange vor unserem Gewissen entstanden. Sie gehorchen dem Gesetz des Alles oder Nichts. Abwägen ist ihnen fremd. Deshalb kann uns die Sehnsucht in Leidenschaften stürzen, die wir weder mit unserem Verstand noch mit unserer Moral zu bändigen vermögen.
Andererseits verbindet uns Sehnsucht mit Gott, mit der Transzendenz. Sie weist über unser individuelles, kleines Ich hinaus und verbindet uns mit etwas, das größer ist als wir. Die Sehnsucht nach Gott, nach Sinn, nach der Anbindung an das Unendliche ist vielleicht die tiefste Empfindung, die wir zu spüren imstande sind. Es ist erstaunlich, wie nahe die animalischen, die so genannten niederen Instinkte der göttlichen Erleuchtung sein können. Beides finden wir in unserer Sehnsucht vereint. Um ein religiöses Bild zu benutzen: In der Sehnsucht scheinen Gott und Teufel gleichermaßen zu wirken. Unsere Sehnsucht kann aus uns Verräter und Verbrecher machen, und sie vermag uns zu Helden und Heiligen zu erheben.
Deshalb raubt uns Sehnsucht immer wieder den Schlaf. Sie stört uns im Alltag. Sehnsucht ist dysfunktional, sie erzeugt Reibung im alltäglichen Getriebe. Sehnsucht verunsichert uns, macht Angst. Sie löst in uns eine Verunsicherung aus, die wir nur schwer in Worte fassen können. Warum?
Dazu wenden wir uns der Phänomenologie der Sehnsucht zu und fragen: In welcher Form erscheint Sehnsucht?
Sehnsucht äußert sich vor allem als Stimmung. Es ist eine Stimmung, die wir in uns spüren. Als solche ist sie schwer mitteilbar. Es ist einfacher, die Objekte oder die Ziele unserer Sehnsucht zu benennen, als das Gefühl der Sehnsucht zu beschreiben. Die Worte Liebe, Glück, Erfolg sind leichter verständlich. Aber die innere Sehnsucht ist viel schwerer in Worte zu fassen, weil sie sprachlos ist, weil sie aus einer Welt stammt, die jenseits der Worte liegt.
Sehnsucht hat mit unserem inneren Geheimnis zu tun. Wenn wir nach unserer Sehnsucht gefragt werden, werden wir leicht verlegen, wir geraten ins Stottern oder wenden uns errötend ab. Denn die Sehnsucht ist ein intimes Gefühl, etwas, was viel über uns und unser inneres Wesen aussagt. Deshalb ist sie normalerweise mit Scham belegt. Die Scham schützt unsere Sehnsucht vor dem Zugriff fremder, uneingeweihter Menschen. Wir teilen unsere Sehnsüchte nur mit Menschen, die uns vertraut sind, bei denen wir sicher sind, dass sie das intime Wissen über uns nicht missbrauchen.
Sehnsucht ist ein einsames Gefühl, sie ist oft ein einseitiges Gefühl, das vom Sehnenden ausgeht und auf ein Ziel draußen ausgerichtet ist, ohne dass dieses auf ihn antwortet. Das Ziel kann eine andere Person sein (jemand, den wir lieben), ein Ort (die Ferne oder die Heimat), eine Tätigkeit (Abenteuer), ein innerer Zustand (Glück, Zufriedenheit, Lust) oder Gott. Aber immer ist das Ziel der Sehnsucht weit weg, es erscheint uns oft als unerreichbar. Es ist dort, wir sind hier. Das Objekt unserer Sehnsucht ist nie da, wo wir uns befinden. Ja, der Reiz der Sehnsucht scheint gerade in der Unerreichbarkeit ihres Zieles zu liegen, in der Nicht-Erfüllung, im beständigen Hungern nach dem, was uns fehlt.
Dies erscheint deshalb paradox, weil wir normalerweise nach Erfüllung unserer Wünsche streben, nach Befriedigung unserer Bedürfnisse. In der Gestalttherapie kennen wir vier aufeinander folgende Phasen des Kontaktes: Wir spüren ein Bedürfnis (wir nennen diese Phase »Vorkontakt«), suchen und finden das passende Zielobjekt (»Kontaktaufnahme«), vereinigen uns mit ihm (»Vollkontakt«) und nehmen es in uns auf (»Nachkontakt«).
In der ersten Phase, dem Vorkontakt, spüren wir einen Wunsch oder ein Bedürfnis, das sich gefühlsmäßig als Verlangen oder Begierde äußert. Diese beiden Gefühle sind wie die Sehnsucht auch auf ein Ziel gerichtet, aber sie treiben uns voran zum Objekt unserer Begierde, sie streben nach Erfüllung. Und wenn wir unser Ziel erreicht haben, legen sich unser Verlangen und unsere Begierde. Unser Hunger ist gestillt. Insofern sind sie eindeutige, motivierende Kräfte, die uns zum Ziel hin in Bewegung setzen.
Nicht so die Sehnsucht, vor allem wenn sie neurotisch gefärbt ist. (Der Unterscheidung zwischen natürlichen und neurotischen Sehnsüchten ist später ein eigenes Kapitel gewidmet.) Sie ist zwar auch zielgerichtet, aber sie lässt den Sehnenden bei sich bleiben. Die Sehnsucht scheint sich selbst zu genügen. Noch mehr: Es ist, als hätte sie sich selbst zum Ziel. Ihr Ziel scheint die weitere Steigerung und Intensivierung der Sehnsucht zu sein, nicht deren Lösung! Wir werden später im Kapitel »Casablanca« versuchen, diesem Rätsel auf den Grund zu gehen.
Profaner ausgedrückt: Diese Art von Sehnsucht ist manchmal wie ein Auto, das mit angezogener Bremse beschleunigt wird. Sie scheint aus mindestens zwei einander entgegengesetzten Kräften zusammengesetzt zu sein: einer vorwärts treibenden und einer bremsenden Kraft. Es gibt etwas, was uns mit allen Fasern unseres Herzens zum Objekt unserer Sehnsucht zieht. Gleichzeitig existiert auch eine andere Macht, die uns ebenso stark davon zurückhält.
Meist erleben wir die Anziehung bewusster. Die Abstoßung ist uns weniger bewusst, vielleicht ist sie uns auch weniger geheuer. Sie hat mit Angst, Scham, zuweilen mit Grauen zu tun. Hier offenbart sich die Nachtseite der Sehnsucht, das Dämonische, das uns mit dem Abgründigen in der menschlichen Natur verbindet. Vielleicht besteht gerade hierin die Faszination, die von der Sehnsucht ausgeht. Wir werden dieser Schattenseite der Sehnsucht später im Buch ein gesondertes Kapitel widmen. Hier zeigt sich auch, weshalb die Sehnsucht solch ambivalente Gefühle in uns hervorruft. Im Grunde besteht Sehnsucht aus einem Bündel äußerst widersprüchlicher Gefühle. In der Erfüllung der Sehnsucht hoffen wir auf neues Leben, neues Glück. Wir sind beflügelt von der Vision einer anderen, besseren Welt. Gleichzeitig liegen Tod, Scheitern und Absturz bedrohlich nahe.
Das macht den bitter-süßen Geschmack der Sehnsucht aus. Deshalb liegen in ihr Freud und Leid so dicht beieinander. Deshalb befällt den Sehnsüchtigen manchmal das schwindelnde Gefühl, auf einem schmalen Grat zu wandern.
Nun verstehen wir die ungeheure innere Spannung, die der Sehnsucht innewohnt. Diese extremen Gefühle sind auf Dauer schwer zu ertragen. Deshalb neigen sehnsüchtige Menschen dazu, sich zu betäuben – mit Alkohol, mit Drogen, mit exzessivem Essen, Trinken, Hungern, Fernsehen, Sex oder Arbeiten. Sehnsüchtige sind suchtgefährdet. Die Endung »-sucht« ist ein wesentlicher Bestandteil der Sehnsucht.
Dabei sind sehnsüchtige und suchtgefährdete Menschen der Wahrheit oft näher als ihre »normalen«, durchschnittlichen Mitmenschen. Sie sehen die Welt oft klarer und schärfer. Sie spüren früher als andere, wo etwas nicht stimmt, wo Veränderung Not tut. Nur: Sie besitzen nicht die Fähigkeit, ihre Vision in die Realität umzusetzen. Bei ihnen klaffen Vision und Realität zu weit auseinander. Sie können diese Kluft nicht überbrücken und stürzen leicht hinein.
Wenn es ihnen gelingt, mehr Boden unter die Füße zu bekommen, wenn sie lernen, besser zwischen Innen und Außen, zwischen Ich und Du, zwischen Illusionärem und Realisierbarem zu unterscheiden, dann können sie einen wichtigen Beitrag für die menschliche Gemeinschaft leisten. Viele Pioniere und Revolutionäre in der Kunst, der Wissenschaft, der Politik und der Religion waren Menschen, die von der Sehnsucht nach Neuem und Unergründlichem erfüllt waren und den Mut hatten, ihre Vision in die Tat umzusetzen.
So gesehen ist die Sehnsucht nicht nur ein privates Gefühl, das wir verschämt für uns behalten sollten. Sie hat eine große Bedeutung für die menschliche Gemeinschaft. Dieses privateste aller Gefühle birgt in sich eine unheimliche Kraft, die, bleibt sie unverstanden oder missdeutet, einen Menschen (manchmal auch seine Umgebung) ins Unglück stürzen und zugrunde richten kann. Sie hat in sich aber auch das Potenzial, demselben Menschen und seiner Umgebung Glück und Erfüllung zu bringen, wenn sie verstanden, angenommen und in der Realität verankert wird.
Formen und Quellen der Sehnsucht
Sehnsucht hat nicht nur einen Ursprung. Wenn wir sie genauer untersuchen, werden wir bald entdecken, dass sie wie ein Strom ist, der aus verschiedenen Quellen gespeist wird. Ich habe folgende Quellen der Sehnsucht genauer untersucht:
QUELLEN DER SEH NSUCHT
Sehnsucht von Kindern und Jugendlichen
Frühe Erfahrungen von Verlust, Entwurzelung und Entbehrung
Angst vor dem realen Leben
Angst vor Nähe
Flucht aus dem grauen Alltag
Stellvertretendes Ausleben der Sehnsüchte der Eltern
Die Suche nach dem eigenen Wesenskern und nach dem Sinn des eigenen Lebens
Wenn wir diese Quellen der Sehnsucht kennen, können wir in jedem Einzelfall überprüfen, welches der Motive gerade wirksam ist. Dies ist zum Beispiel für die Therapie wichtig, wenn jemand unter seiner Sehnsucht leidet. Eine Therapie setzt stets eine genaue Diagnose voraus. Wenn wir mit der betreffenden Person die Quelle ihrer Sehnsucht herausfinden können, sind wir besser imstande, ihr Leiden zu lindern.
Dabei sollten wir uns vor Augen halten, dass manche Formen der Sehnsucht von mehreren Motiven gleichzeitig gespeist werden können. Ähnlich wie bei einem Wasserlauf ist es gerade die Vermischung und Durchmischung verschiedener Zuflüsse, die den Strom der Sehnsucht sintflutartig anschwellen lassen können.
Wenn wir uns beispielsweise unsterblich verlieben, ist es oft nicht das erotische oder das sexuelle Moment allein, das uns so in Beschlag nimmt. Parallel dazu können folgende Prozesse gleichzeitig in uns ablaufen:
Mit dem Verliebtsein fühlen wir uns oft mit der ganzen Welt, ja mit dem ganzen Universum verbunden. Wir spüren gleichsam den göttlichen Hauch, der uns zu neuem Leben erweckt. Hier tritt der transzendente Aspekt der Sehnsucht auf, ohne dass die Verliebten sich dessen bewusst sind.
Zugleich werden uns alle früheren Erfahrungen von Lieben und Leiden auf einmal wieder gegenwärtig, als würden die Stimmen der Vergangenheit in dieser jetzigen Liebe in eine neue, gewaltige Melodie einmünden. Wenn man genauer hinhorcht, kann man immer wieder alte musikalische Motive durchklingen hören.
Wenn wir von einer neuen Liebe erfüllt sind, wird uns oft unser bis dahin nicht gelebtes Leben schmerzlich bewusst. Wir glauben dann, dass wir bisher gar nicht richtig gelebt haben, dass wir nur vor uns hin gedämmert haben, und wir spüren den sehnlichen Wunsch: »Jetzt will ich leben – oder nie!« Um solche Quellen der Sehnsucht genauer erkennen zu können, werden wir in den folgenden Kapiteln diese verschiedenen Formen und Quellen der Sehnsucht näher untersuchen. Daran anschließend werden wir anhand des Beispiels der unglücklichen Liebe die Chancen und Risiken der Sehnsucht diskutieren. Dabei werden wir versuchen, ihre tragischen und destruktiven Verstrickungen zu verstehen, aber auch die Möglichkeiten der Heilung und der Selbstfindung, die in unserer Sehnsucht liegen, zu beleuchten.
Kindersehnsucht
Kinder sind voller Sehnsucht. Für sie ist die Sehnsucht das Natürlichste in der Welt. In der Kindersehnsucht finden wir die Sehnsucht in ihrer Urgestalt. Aus der Kindersehnsucht können wir alle anderen Formen der Sehnsucht ableiten und verstehen.
Ein Kind legt sich ins Bett. Es fühlt sich ganz wohlig eingehüllt in seiner weichen Decke, es kuschelt sich hinein, saugt den Duft der frischen Wäsche in sich ein und freut sich auf die süßen Phantasien, die es sanft in den Schlaf hineinbegleiten werden, auf die Träume, auf deren Flügeln es durch die Nacht fliegen wird, und auf die sanfte Landung am nächsten Morgen, wenn es langsam aufwacht…
Ein kleiner Junge steht mit leuchtenden Augen vor einem Bagger. Er ist ganz fasziniert von dieser Riesenmaschine, die ihn um ein Vielfaches überragt. Er geht um sie herum und tätschelt zärtlich ihre Scheinwerfer, genauso zärtlich, wie seine Schwester mit ihren Puppen umgeht. Für ihn wäre solch ein Bagger das Ziel seiner Träume…
Ein Mädchen hört sich ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht als Gute-Nacht-Geschichte an. Es identifiziert sich dabei völlig mit dem Liebespaar, dem armen chinesischen Jungen Aladin, der im arabischen Original ‚Ala‘ ad-Dīn heißt, und der Prinzessin Badr el-Budûr, deren Namen wie ein geheimnisvoller Duft klingt. Tief bewegt lauscht es deren Abenteuer, wie sie mit Hilfe der Zauberlampe und deren Geist das schönste aller Schlösser bauen, wie der böse maurische Zauberer das Schloss samt Prinzessin raubt, wie ‚Ala‘ ad-Dīn mit Hilfe des Geistes des Rings sie wieder findet, den Zauberer und seinen Bruder tötet und sie zurück nach Hause führt. Wenn das Mädchen mit seinen Puppen spielt, spielt es das Märchen nach. Alle Rollen spricht es selbst. Wenn es eine Puppe in die Hand nimmt, spricht es aus der Puppe wie von selbst. Die Geschichte sprudelt aus ihm heraus. Es ist so sehr darin eingetaucht, dass es den Ruf zum Essen überhört…
Ein älterer Junge, bereits im Jugendalter, braucht sich die Bücher nicht mehr vorlesen zu lassen. Als er das erste Mal in die Stadtbücherei geht und dort erfährt, dass er beliebig viele Bücher mit nach Hause nehmen darf, kommt es ihm vor, als habe er das Paradies entdeckt. Tagelang, ja nächtelang vergräbt es sich in die ausgeliehenen Abenteuerbücher. Er liest von Piraten und entführten Jugendlichen, von Rittern und geraubten Edelfrauen, von griechischen und trojanischen Helden. Während des langweiligen Schulunterrichts zeichnet er heimlich in seinen Schulbüchern und -heften die Helden und Bösewichte nach. Er träumt davon, einmal ein großer Künstler zu werden und eine ebenso schöne Frau zu entführen wie einst Paris die Helena…
Ein anderer Junge geht am liebsten ins Kino, wo er im Dunkeln die Dramen von Liebe und Tod miterleben kann, als stünde er mitten drin. Einen Zeitungsausschnitt mit seiner Lieblingsschauspielerin trägt er im Geheimen überall mit sich. In seinen nächtlichen Träumen begegnet er ihr leibhaftig und malt sich alle Einzelheiten ihrer dramatischen Liebesgeschichte genauestens aus…
Eine Altersgenossin von ihm interessiert sich überhaupt nicht mehr für Bücher. Sie kauft sich Zeitschriften. Vor einigen Jahren waren es noch Pferdegeschichten, die sie leidenschaftlich verschlang. Aber nachdem sie die eine Popgruppe im Fernsehen singen und tanzen gesehen hat, kauft sie sich nur noch Musikzeitschriften. Sie reist »ihrer« Gruppe überallhin nach, findet heraus, in welchen Hotels sie übernachtet, und malt sich aus, wie es wäre, wenn sie sich dort einmietet, um ihren Idolen auch nach den Konzerten nahe zu sein. Ihr Zimmer ist von der Decke bis zum Boden mit Fotos und Postern der Bandmitglieder voll tapeziert, sie legt sich ein ganzes Archiv über sie an. Viele Aufnahmen ihrer Songs besitzt sie in mehrfacher Fassung in ihrer CD-Sammlung. Sie ist Mitglied mehrerer Fanclubs im In- und Ausland und korrespondiert regelmäßig mit ihnen.
Ein anderer Heranwachsender macht sich weniger aus Musik. Auch Mädchen interessieren ihn kaum. Er geht lieber stundenlang mit einem Schulfreund spazieren und diskutiert mit ihm über Gott und die Welt. Ob es Gott wirklich gibt, und wenn ja, wie kann man ihn beweisen? Und wenn nein, was würde das für die Gesellschaftsordnung bedeuten? Soll man in der Welt eher nüchterner Beobachter sein, oder soll man sich engagieren, wenn ja, worin? Klar ist es besser, sich auf einen objektiv-rationalen Standpunkt zu stellen als auf einen subjektiv-emotionalen, aber soll man das Weltgeschehen eher aus einem kritischen oder aus einem zynischen Blickwinkel betrachten? Was sagt die Wissenschaft dazu, was meinen die alten Philosophen?…
Wer von uns kennt solche Sehnsüchte nicht aus der eigenen Kindheit? Wenn wir uns zurückerinnern, kommt es uns fast vor, als sei unsere Kindheit mit Sehnsüchten und Tagträumen randvoll gefüllt gewesen, als wäre der sonstige kindliche Alltag mit Kindergarten, Schule und den häuslichen Pflichten bloße Unterbrechung im unendlichen Strom von Phantasien und Traumgebilden gewesen. Nur unfreiwillig ließen wir uns von den Erwachsenen aus unserer Phantasiewelt herausreißen. Transuse, Tunichtgut oder Eigenbrötler wurden wir von ihnen oft geschimpft, ohne zu verstehen, was sie eigentlich meinten oder was sie von uns wollten. Wenn wir ihnen im Wege standen, hieß es, wir sollten spielen gehen. Aber wenn wir im Spiel versunken waren, wurde uns Pflichtvergessenheit und Trödelei vorgeworfen.
Große Leute sind schon sehr komisch, konstatierten wir, und da wir sie nicht verstanden und sie uns nicht, lebten wir eigentlich in verschiedenen Welten, die sich nur gelegentlich überschnitten.
Heute sind wir selber groß und schütteln die Köpfe über unsere Kinder, die alles um sich auf dem Boden ausbreiten und keine Ordnung in ihrem Zimmer halten können (zumindest keine für uns sichtbare). Oder wir schimpfen auf den Jugendlichen, der stundenlang auf der Couch oder vor dem Fernseher herumlungert, statt an seinen Schularbeiten zu sitzen. Wir regen uns auf, weil er völlig abwesend antwortet, wenn man ihn anspricht. Wo sind die Kinder bloß mit ihren Gedanken?
Meist sind sie im Land ihrer Sehnsucht. Bloß kennen sie diesen Begriff noch nicht. Sie können daher den Zustand, in dem sie geistig viel Zeit verbringen, nicht benennen. Sie können ihn uns nicht begreiflich machen, ist doch die Welt ihrer Träume so flüchtig, gemessen an den handfesten Realitäten unserer Erwachsenenwelt…
Es gibt aber nichts Natürlicheres als Kindersehnsüchte – jedes normale Kind träumt und phantasiert. Unter den Sehnsüchten, von denen wir in diesem Buch noch einige kennen lernen werden, gibt es keine natürlicheren als die Sehnsüchte von Kindern und Jugendlichen. Stellen sie doch einen wesentlichen Bestandteil, eine unentbehrliche Würze in der gesunden Entwicklung eines Kindes und Jugendlichen dar.
Weshalb gehören Kindheit und Sehnsucht so innig zueinander? Gehen wir dieser Frage einmal näher nach.
Zeit der Reifung
Das Kindes- und Jugendalter ist die Zeit des Werdens und Reifens. Es ist die Zeit des Noch-nicht-Seins, aber zugleich die Zeit des Wachsens in die zukünftige Gestalt.
So wie im Samen der spätere Baum angelegt ist, so ist das spätere Leben eines Menschen bereits in seiner Kindheit angelegt. Aber die spätere, endgültige Gestalt kennen wir noch nicht. Das genetische Erbe gibt dem Individuum zwar einen gewissen Rahmen (auch Matrix genannt), in den es hineinwachsen kann, so wie im Samen eines Birnbaumes die allgemeine Form eines Birnbaumes angelegt ist. Aber wie dieser eine Baum später tatsächlich aussieht, wie hoch, wie verzweigt er sein, wie viele Früchte er tragen wird, hängt von vielen äußeren und inneren Bedingungen ab. So könnte man poetisch sagen: Der Same eines Baumes träumt seiner späteren Gestalt entgegen, so wie das Kind seiner späteren erwachsenen Gestalt entgegenträumt.
Die Sehnsucht ist das Medium, das diesen Lebenstraum durch die Zeit – aus der Gegenwart in die Zukunft – trägt. Auf den Schwingen der Sehnsucht träumt das Kind seiner Zukunft entgegen. Es webt das Hier und Jetzt in das bereits Gewordene ein und fügt seine Wünsche und Träume wie Gold- und Silberfäden hinzu.
Die Zukunftsschmiede
Die Kindheit ist der Frühling unseres Lebens. Im Frühling erwacht das Leben aus dem Winterschlaf. Die Tage werden länger, die Nächte sind noch kalt, aber wenn die Sonne aufgeht, steigt sie höher und wärmt uns. Die Pflanzen schicken vorsichtig ihre Sprossen aus der schützenden Erde. Die Vögel stimmen sich langsam in ihrem Gesang ein.
Frühling ist die Zeit der Hoffnung. Wir wissen noch nicht, was das Jahr uns bringen wird. Wir wissen nicht, ob es einen heißen oder regnerischen Sommer geben wird, ob der Herbst uns reiche Ernte bringen wird und der Winter Schnee und Frost. Im Frühling ist alles noch möglich, genau wie in der Kindheit. Das Buch des Lebens liegt noch weitgehend unbeschrieben vor uns.
