SCHAM UND LEIDENSCHAFT - Dr. Victor Chu - E-Book

SCHAM UND LEIDENSCHAFT E-Book

Dr. Victor Chu

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Beschreibung

"In unserer Scham und unserer Leidenschaft liegt das Wertvollste in uns verborgen." Scham ist lebenswichtig. Sie schützt unseren Wesenskern. Sie ist die Hüterin unserer Würde, besonders wenn wir seelisch verwundet sind. Scham isoliert uns aber auch, von uns selbst und von unseren Mitmenschen. Wir stehen nicht mehr richtig im Leben. Wenn es uns gelingt, unsere Scham zu überwinden, finden wir zu unserer eigenen Mitte. Dann kann sich unsere Leidenschaft entfalten und zur Quelle unseres Lebens werden. "Das Buch ermöglicht eine Auseinandersetzung mit den eigenen Erfahrungen von Scham und zeigt Wege zur Gewinnung gesunder Schamgrenzen, um dem Leben eine leidenschaftlichere, lebendigere Richtung zu geben." (Das Neue Buch) "Gekonnt wie selten bearbeiten die Autoren das Thema der Beschädigung und Heilung des 'inneren Kindes', ohne den gesellschaftlichen Rahmen außer acht zu lassen." (Publik-Forum) "Eine besondere Qualität der beiden Autoren ist ihr praxisorientiertes Erfahrungswissen. Die therapeutischen Überlegungen des Buches können sicher sowohl für Laien als auch für Professionelle eine bereichernde Unterstützung sein." (Systema)

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 317

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Victor Chu

Brigitte de las Heras

Scham und Leidenschaft

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Victor Chu

Brigitte de las Heras

Scham und Leidenschaft

Alle in diesem Buch enthaltenen Angaben, Daten, Ergebnisse usw. wurden von den Autoren nach bestem Wissen erstellt und von ihnen mit größtmöglicher Sorgfalt überprüft. Gleichwohl sind inhaltliche Fehler nicht vollständig auszuschließen. Daher erfolgen die Angaben etc. ohne jegliche Verpflichtung oder Garantie des Verlags oder der Autoren. Beide schließen deshalb jegliche Verantwortung und Haftung für etwaige inhaltliche Unrichtigkeiten aus, es sei denn im Falle grober Fahrlässigkeit.

Impressum:

© 2014 Victor Chu und Brigitte de las Heras

Überarbeitete Neuauflage 2014

Erstauflage: Kreuz Verlag AG Zürich, 1994

Umschlaggestaltung, Illustration: UlinneDesign, Ulrike Linnenbrink, Neuenkirchen

Umschlagfoto: © momcilog – iStockphoto.com

Korrektorat u. Satz: Angelika Fleckenstein; spotsrock.de

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN Paperback: 978-3-8495-9438-1

ISBN Hardcover: 978-3-8495-9439-8

ISBN e-Book: 978-3-8495-9440-4

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhaltsverzeichnis

Danksagung

Vier Thesen statt einem Vorwort

Einführung

1Wesenskern und intime Beziehungen

2Kinder kennen nur Intimität und sind deshalb für Scham empfänglich

3Die Entstehung natürlicher Scham bei Kindern

4Unser Gewissen – die zweite Quelle der Scham

5Verzweiflung

6Desintegration – Aufgabe der körperlichen und geistigen Gesundheit

7Die Masken der Scham

8Macht als Abwehr von Ohnmacht

9Die schamvolle Macht der Helfer

10Lebensbereiche, in denen die Intimsphäre gefährdet ist

11Intime professionelle Beziehungen

12Identität als Schamquelle

13Kollektivscham

14Scham der Flüchtlinge und Vertriebenen (von Brigitta de las Heras)

15Weitergabe von Scham in der Familie

16Das Schamrad: Schamgeprägte Familien und ihre Heilung

17Die Liebeswunde – Die Scham des Ungeliebten

18Beschämung und Gewalt in der intimen Partnerschaft

19Die Scham des Mannes über die Männergewalt

20Die Scham des Täters

21Die Scham des Opfers

22Die Scham des Zeugen

23Heilung der Scham bei Täter, Opfer und Zeugen

24Männerscham

25Frauenscham (von Brigitta de las Heras)

26Vertreibung aus dem Paradies oder das Ringen um die Öffnung der innersten Schamgrenze

27Scham vor der Schöpfung

28Heilung der Scham - Befreiung der Leidenschaft

Literatur

Danksagung

Wir danken

unseren Lehrern und Lehrerinnen und Kollegen und Kolleginnen

der Gestalttherapie,

deren Theorie der zwischenmenschlichen Beziehung wesentlich zu

unserem Verständnis von Scham und Leidenschaft beiträgt.

Wir danken

den Menschen, mit denen wir arbeiten durften und die dieses Buch

mit Ihrem persönlichen Wissen um

Scham und Leidenschaft

bereichert haben.

Vier Thesen statt einem Vorwort

1.Die angebliche Schamlosigkeit unserer Zeit ist Zeichen tiefer Scham. Scham ist unmodern, Schamlosigkeit ist in. Wir meinen aber, Schamlosigkeit ist nur eine Form der Schamabwehr. Wo wir uns schamlos zeigen, hat sich unsere eigentliche Scham längst verzogen an einen versteckteren Ort.

2.Scham stellt eine individualisierte Form tabuisierter gesellschaftlicher Konflikte dar.

In dem, wofür wir uns schämen, können wir die ungelösten gesellschaftlichen Konflikte unserer Zeit erkennen.

3.Scham ist ein Thema für Frauen wie für Männer:

Für Frauen ist es ein Ziel, ihre in Jahrtausenden anerzogene Scham abzulegen. Männer müssen ihre natürliche Scham, die sie verleugnen, erst wiederentdecken.

4.In unserer Scham und unserer Leidenschaft liegt das Wertvollste in uns verborgen. Wir müssen sie jedoch von ihren destruktiven Anteilen befreien.

Einführung

»Scham bezeichnet im Menschen die innere Grenze der Sünde. Wo er errötet, beginnt eben sein edleres Selbst.«

(Christian Friedrich Hebbel)

Warum ist es wichtig, uns des Themas »Scham« anzunehmen?

Übermäßige Scham und destruktive Leidenschaft können die Triebfeder für eine Vielzahl von psychischen Störungen sein, besonders von Selbst- und Fremd-Missbrauch und Abhängigkeiten, bis hin zu solch schweren Störungen wie Psychosen. Sie treiben die Betroffenen entweder in unkontrollierbare Ausbrüche, oder bannen sie in schamvolle Kontrollversuche. Solche pathologischen Formen von Scham und Leidenschaft stammen meist aus tiefen seelischen Verletzungen in früher Kindheit. Manchmal reichen die Wurzeln dieser Wunden sogar einige Generationen zurück. Diesen Wunden auf die Spur zu kommen, um sie zu heilen, ist eines der Ziele dieses Buches: Heilung übermäßiger Scham, die uns innerlich zerstört – Wiederbelebung unserer Leidenschaft und Lebenslust.

1. Scham

Scham ist doppelgesichtig. Zwar kann sie zum stärksten Hindernis für unsere Entwicklung werden, wenn sie uns überwältigt und unseren Kontakt zu uns selbst und zu anderen Menschen unterbricht.

Scham schützt jedoch auch unseren innersten Wesenskern. Sie ist »Hüterin der Unschuld« - gerade für Menschen, die in ihrer Kindheit tief verwundet worden sind. Ihre Scham schützt sie vor der Erinnerung an früher erfahrene Verletzungen. Und sie schützt den innersten Kern der Person, darin bewahrt sie den letzten Rest ihrer Würde und Integrität wie in einer unsichtbaren Hülle. Wer dieser letzten Schamhülle beraubt wird, wäre wirklich »scham-los«, er hätte sein Selbst ganz verloren.

Scham ist ein universelles Gefühl. Jeder Mensch weiß, wie es sich anfühlt, wenn er sich schämt. Jedes Kind in jeder Kultur kennt es. Aber: Man spricht nicht darüber. Denn Scham ist eines der unangenehmsten Gefühle überhaupt, für manche unerträglicher als Schmerz, Wut oder Trauer. Und vieles, was wir täglich tun, dient dazu, uns vor unserer eigenen Scham zu schützen, sie unsichtbar zu machen. Wir sollen sie nicht merken. Und wenn wir doch einmal von unserer Scham überrascht werden, wissen die meisten von uns, sie gut zu maskieren, damit mindestens die Menschen um uns herum nicht merken, dass wir uns schämen.

Was geschieht aber, wenn es doch jemand merkt? Eine weitere Eigentümlichkeit wird hier deutlich: Dieser schaut in der Regel weg! Es scheint uns fast genauso peinlich zu sein, Zeuge der Scham einer anderen Person zu werden. Scham ist ein für beide lnteraktionspartner peinlicher Vorgang.

Dies mag ein Grund dafür sein, weshalb es selbst in vielen Psychotherapien eine Seltenheit ist, dass sich der Klient in seiner innersten Scham dem Therapeuten oder der Therapeutin offenbart. Umgekehrt scheint es selbst für erfahrene, gut ausgebildete TherapeutInnen peinlich zu sein, Zeuge tiefster Beschämung von Seiten ihrer Gegenüber, den KlientInnen, zu werden. Denn dieser Vorgang würde sie an ihre eigenen Schamerlebnisse erinnern. Die Scheu der TherapeutIn vor der eigenen Scham spiegelt sich in der Angst der KlientIn vor deren Scham. So steht Scham ihrer eigenen Heilung im Wege.

Deshalb ist es ein weiteres Ziel dieses Buches, uns mit unseren eigenen Erfahrungen von Scham wieder vertraut zu machen, um dadurch auch Zugang zur Scham unserer Mitmenschen zu finden. In der Scham liegt nämlich das Wertvollste eines Menschen verborgen, sein innerster Kern. Wenn wir uns in unseren nahen Beziehungen zu unserem Partner, unseren Eltern und Kindern, unseren Geschwistern und Freundinnen übermäßig schämen, laufen wir Gefahr, das Wesentlichste im Kontakt mit diesen Menschen zu verpassen, da wir uns nicht zeigen, wie wir im Innern sind.

Wenn es uns jedoch gelingt, Menschen, die uns nahestehen, zu vertrauen und unsere inneren Scham-Barrieren zu überwinden, können wir erleben, wie beglückend und erleichternd es ist, uns einander gegenseitig in unseren schambesetzten Seiten anzuvertrauen.

Die Gemeinschaft der Schamvollen

Das Eindrucksvollste an solchen Begegnungen ist, dass alle Beteiligten merken: Jede/r hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Jede/r kann sich in das, was ein anderer erzählt, hineinversetzen. Der Gang zurück zur Schamwunde, das Mitteilen des so lange gehüteten Geheimnisses ist wie eine Erlösung, eine Befreiung aus dem inneren Gefängnis.

Das Erstaunliche dabei ist die Tatsache, dass bei allen solchen Berichten eine Gemeinsamkeit heraussticht: nämlich die maßlose Einsamkeit, die jede/r von uns damals erlebt hat, als die Scham uns zum ersten Mal befiel. Da gibt es keinen Unterschied zwischen Frauen und Männern, zwischen Alten und Jungen.

Wer in tiefe Scham versinkt, ist in diesem Moment der einsamste Mensch auf der Welt. Wenn ich mich schäme, falle ich aus der Geborgenheit der Gemeinschaft. Selbst wenn ich von Menschen umgeben bin, die sich liebevoll um mich bemühen – die Scham umgibt mich wie eine Glaswand, und die persönliche Kommunikation nach draußen ist jäh unterbrochen.

Dies ist das Tragische an der Erfahrung von Scham: Gerade da, wo die zwischenmenschliche Brücke so existentiell wichtig wäre, ist sie abgebrochen. Scham macht ihre eigene Heilung zunichte. Unsere Scham bricht die Brücken hinter uns ab, gerade dann, wenn der menschliche Halt uns vor der inneren Katastrophe retten könnte.

Daher werden wir uns in diesem Buch immer wieder fragen: Was brauchen wir, wenn wir uns schämen? Welchen Beistand brauchen wir von außen, und welche inneren Kräfte benötigen wir, um gut durch das Schamerlebnis zu kommen? Unser Ziel ist es, durch die Schamhülle zurück zu unserem innersten Wesenskern zu gelangen.

2. Leidenschaft – Leben aus unserem Kern heraus

Das Leben aus dem Kern ist leidenschaftlich. Wenn wir aus unserer Mitte heraus leben, ist unsere Kraft gebündelt, zielgerichtet, klar. Wir sind im Vollbesitz unserer Kraft, wir sind unserer selbst voll bewusst.

Leben wir voll aus unserer Mitte, wird unsere Leidenschaft zur Quelle für Hingabe, Lust und Begeisterung. Sie wird zur lebenswichtigen Triebkraft für Wachstum und Entwicklung. In unserer Leidenschaft finden wir die Antriebsenergie für unser Begehren, für Sexualität und Liebe, Spontaneität und Kreativität, für Grenzerweiterung und Ekstase. Sie gibt uns den Mut, gegen Ängste, Widrigkeiten und Einschränkungen in unserem Leben zu kämpfen. Sie lässt uns das Risiko des ungeschützten Lebens auf uns nehmen.

Sind wir leidenschaftlich bei einer Sache, können wir unsere ganze Energie hineinstecken. Wir sind mit unserem ganzen Wesen dabei, mit Leib und Seele. Wir sind in der Lage, uns mit unserem ganzen Wesen einer Sache oder einer Person hinzugeben und darin aufzugehen. Dadurch wächst unser Selbst. Denn Leidenschaft führt uns über die enge Begrenzung des Ichs hinaus zum Selbst, zu unserer inneren Quelle der Spiritualität. Und sie führt uns zum Anderen, zum Du. Sie öffnet unsere Grenzen für Hingabe, Liebe und Mitgefühl.

Kinder leben leidenschaftlich. Sie können vollkommen in einem Spiel aufgehen. Für sie ist die Welt noch so frisch! Wenn sie eine neue Entdeckung machen, tauchen sie voll hinein. Wie Fische schwimmen sie im Strom ihres Erlebens, und sie fühlen sich in ihrer Faszination in ihrem Element. Wichtig dabei ist die Tatsache, dass sie sich in ihrer Leidenschaft völlig sicher fühlen.

Diese Art des faszinierten Lebens können viele von uns bis ins Erwachsenenalter bewahren. Dann steht uns unsere Leidenschaft als positive, lebensspendende Kraft zur Verfügung.

Die destruktive Verformung unserer Leidenschaft:

Ist unser Kern von übermäßiger Scham umhüllt, dann bricht die Leidenschaft als destruktive Kraft heraus.

Das beschriebene leidenschaftliche Leben ist jedoch nur möglich, solange wir freien Zugang zu unserem Wesenskern haben, das heißt, solange seine Grenzen durchlässig sind. Dann kann Leidenschaft frei aus diesem Kern herausfließen.

Abb. 1

Die Leidenschaft kommt aus unserem Wesenskern heraus. Ist der Kern gut abgegrenzt und durchlässig, kann die Leidenschaft als Lebenskraft frei herausfließen.

Wir sind in diesem innersten Kern jedoch sehr verletzlich. Wenn wir in unserem Leben, vor allem in unserer Kindheit, unerträgliche innere und äußere Verletzungen erlitten haben, dann werden wir uns mit allen Mitteln zu schützen suchen. Wir umhüllen dann unseren Kern mit einer dichten Schutz- und Abwehrzone, so undurchdringlich wie mit einem Wall aus Stacheldraht, Mauern und Geschützen. Unsere Scham ist ein solcher Schutzwall. Und zwar ein doppelter Schutzwall:

Abb.2

Scham als zweischichtiger »Stacheldrahtzaun«: (a) um unsere Erinnerung an alte Verletzungen herum, (b) um unseren innersten Wesenskern, in dem die leidenschaftliche Lebenskraft beheimatet ist. (Vergleiche auch Abb. 7 S. 115)

Eine erste Schicht versteckt die Erinnerungen an bisherige Verletzungen (sodass wir die durch sie verursachten Schmerzen nicht mehr spüren), und eine zweite, noch undurchdringlichere Schicht legt sich um unseren Wesenskern: Hier soll keiner mehr drankommen, damit wir nicht noch einmal in unserem Innersten verwundet werden können.

Jetzt sind wir beschützt. Jetzt kann uns keiner mehr verletzen. Aber es kann uns auch keiner mehr berühren. Es kommt nicht mehr viel Persönliches von außen durch. Und es kommt auch nichts mehr von innen heraus. Der alte Schmerz, der alte Terror gelangen zwar nicht mehr zum Bewusstsein, aber wir spüren auch keine Leidenschaft, keine Lust, keine Freude mehr. Durch die unsichtbare Barriere der Scham eingesperrt kann sich das leidenschaftliche Leben nicht mehr entfalten. Es droht, unter dieser Glasglocke zu ersticken.

Aber das Lebendige ist stark, es stirbt nicht leicht. Es schafft sich seine Bahn. Wenn der Schutzwall nicht nachgeben will, dann wird es seinen Weg zu durchbrechen versuchen: Es wird gewaltsam, destruktiv.

Die lebendige Leidenschaft verwandelt sich dadurch in eine destruktive Macht. Wie Dynamit, das zu lange und zu dicht im Kern komprimiert worden ist, explodiert sie wie eine Bombe: ungerichtet, ziellos, erschreckend, lebensvernichtend.

Abb. 3

Unterdrückte Leidenschaft und Lebenskraft wird destruktiv und explosiv. Sie zerstört dabei sich selbst, die Grenzen des Selbst sowie dessen nahe Beziehungen.

Diese Kraft zerstört jedoch nicht nur die Mauern, sie zerstört auch den Kern. Sie sprengt nicht nur die Schammauern, sie zerstört auch die natürlichen Grenzen des Selbst. Die vormals lebensspendende Leidenschaft richtet ihre Kraft gegen die eigene Person und gegen alle Menschen, die ihr nahestehen.

Dabei gibt sie ihre Einheit auf, die Einheit von Geist, Seele, Körper und Beziehung. Der Geist trennt sich vom Körper, die Emotionen von ihrer Quelle, das Ich von seinen Beziehungen und seiner Umwelt. Das natürliche Moralempfinden geht zugrunde. Die ursprüngliche Ganzheit im Menschen wird fragmentiert. Es kommt zu Spaltungen, Polarisierungen, Projektionen.

Das, was vorher zusammengehörte, fällt auseinander (Fragmentierung). Und das, was nicht zusammengehörte und natürlicherweise abgegrenzt war, wird gewaltsam miteinander verschmolzen (Konfluenz).

Die Folge: Die durch übermäßige Scham erstickte Leidenschaft befreit sich gewaltsam von ihren Fesseln und verwandelt sich dabei in zerstörerische, radikale Gewalt.

Das typische Lebensalter für eine solche Entfesselung der Leidenschaft ist die Pubertät. Die Heranwachsenden, in denen die Lebenskraft und die Sexualität voll zur Blüte kommen, spüren ihre Fesseln und wollen sie sprengen. Dabei ist die Kraft, die sie bisher gebunden hat, überaus stark, nämlich die Treue und der Glaube an die Eltern und andere Autoritätsfiguren. Dies bringt sie in tiefe Gewissenskonflikte. Oft können sie sich nur gewaltsam von diesen geliebten Autoritäten befreien, daher die Radikalität ihres Protestes. Daher auch ihre Angewiesenheit auf gleichaltrige Peers, die ähnlich fühlen und denken wie sie. Sie brauchen die (oft uniform erscheinende) Gemeinschaft Gleichaltriger, damit sie ihre Bindung an die Eltern lösen können.

Es ist deshalb wichtig für erwachsene Bezugspersonen, diese oft verzweifelten Versuche der Selbstentfaltung der Heranwachsenden zu verstehen. Graf Dürckheim hat einmal gesagt, dass nirgendwo Echtheit, Leidenschaft, Sehnsucht nach Wahrheit und Schönheit so groß sei wie in der Pubertät.

Wenn Jugendliche jedoch kein Verständnis finden, wenn sie keine sinnvollen Entfaltungsmöglichkeiten finden, dann kann ihre Leidenschaft blind durchbrechen, in ungerichtete Zerstörungswut, in hasserfüllten Protest gegen die elterliche und staatliche Gewalt, oder aber resigniert in Drogenkarrieren verflachen.

Unterscheidung zwischen positiver und destruktiver Leidenschaft

Wie können wir in uns die positive Leidenschaft von ihrem destruktiven Bruder unterscheiden?

Bei der positiven Leidenschaft sind wir im vollen Kontakt mit unserem Selbst. Wir sind Herr unserer Sinne. Wir schwimmen zwar im Strom unserer Begeisterung, aber wir können unseren Kurs selbst bestimmen. Wir können anhalten, wenn wir es für erforderlich halten. Wir können mit unseren Kräften haushalten.

Demgegenüber sind wir außerhalb unserer selbst – wir sind tatsächlich »außer uns«, – wenn wir vom Strudel destruktiver Kräfte erfasst werden. Wir sind ihnen willenlos ausgeliefert. Wir können unseren Kurs nicht bestimmten. Wir können nicht anhalten, selbst wenn wir es wollen. Wie Nichtschwimmer drohen wir, in den Tiefen unserer Gefühle unterzugehen und zu ertrinken. Wir werden zum Objekt unserer eigenen Begierden und Leidenschaften. Exzessiv missbrauchen und verbrauchen wir uns. Der Exzess ist ein Kennzeichen destruktiver Leidenschaft.

Weil wir uns außerhalb unseres wahren Selbst fühlen, empfinden wir diese destruktiven Kräfte als etwas Wesensfremdes, als etwas, was nicht wirklich zu uns gehört. Sie kommen uns vor wie eine fremde Macht, die uns überfällt und in ihren Bann schlägt. Wir kommen uns wie Besessene vor.

Eine weitere Unterscheidung: Diese destruktiven Verhaltensweisen wiederholen sich immer wieder. Wir drehen uns wie auf einem Karussell. Während sich eine positive Leidenschaft frisch anfühlt und unser Interesse an neue, unbekannte Ufer führt, wiederholen sich bei der destruktiven Leidenschaft oft die Ausbrüche von Gewalt. Wir landen im suchtartigen Teufelskreis von Kontrolle und Kontrollverlust. (siehe S. 114ff)

Um diesen teuflischen Kreislauf von Kontrolle und Kontrollverlust zu verstehen und zu durchbrechen, müssen wir die innere Natur von Scham und Leidenschaft verstehen.

Die destruktiven Kräfte entspringen dem verletzten Kind in uns

Wenn wir beginnen, die innere Natur dieser Art von Selbst- und Fremdmissbrauch zu erforschen, werden wir erkennen, dass ihr Ursprung nicht im bösen Willen der betreffenden Person liegt, sondern in tiefen, schmerzlichen Verletzungen, die oft von Generation zu Generation weitergereicht worden sind.

Diese seelischen Wunden stecken tief in uns. Wie Stacheln bereiten sie uns ständig Schmerzen, ohne dass wir herausfinden können, woher sie kommen: Denn unsere Scham verwehrt uns die Einsicht in die tieferen Zusammenhänge. Das macht uns hilflos und wütend. Deshalb drücken wir unsere Hilflosigkeit in Form von Gewalt und Missbrauch aus.

Heilung des inneren Kindes

Wenn wir diesen Zusammenhang zwischen Gewalt und eigenem Verletztsein erkannt haben, können wir uns aufmachen, um das verletzte schamvoll versteckte Kind in uns zu finden. Erst die Heilung dieses inneren Kindes beendet den Teufelskreis von Missbrauch und Sich-missbrauchen-lassen. Moralische Empörung, selbstgerechte Bestrafung reichen nicht aus, um uns vor destruktiven Wiederholungen zu schützen.

Scham und Leidenschaft als Führer durch das Labyrinth

unserer Seele

Unsere Scham und unsere Leidenschaft werden uns als wertvolle Wegweiser beim Wiederauffinden der erlittenen Verletzungen dienen können. Diese Emotionen und die mit ihnen verknüpften Phantasien und inneren Bilder werden uns auf verschlungenen Pfaden bis an die Quellen unserer alten vergessenen Verletzungen führen. Dort werden wir auch unseren innersten Wesenskern wiederfinden. Hierin liegt der unschätzbare Wert von Scham und Leidenschaft: als Führer durch das Labyrinth unserer Seele.

Unser Ziel

Wenn wir mit der Zeit unsere Verletzungen geheilt oder gelindert haben, dann verlieren unsere Scham und unsere Leidenschaft an Destruktivität. Sie hören auf, »Leid zu schaffen«.

Natürliche Scham

Wir gewinnen unsere natürliche Scham wieder, die die innere Grenze zwischen uns als Individuum und dem anderen bildet und uns vor schädlichen Einflüssen schützt. (Somit ist Scham die Voraussetzung für jede Individuation.) Unser natürliches Schamgefühl kann unsere Sensibilität und Achtsamkeit stärken. Sie kann zum Ausgangspunkt für Güte, Verständnis und Mitgefühl werden, wenn wir erkennen, dass weder wir noch andere vollkommen sind.

Leidenschaft als Lebenskraft

Wenn unsere Leidenschaft von ihren destruktiven Anteilen geheilt worden ist, dann kann sie zur Quelle für unsere Hingabe, Lust, Begeisterung und Entschiedenheit werden. Gelingt es uns, unsere Leidenschaften zu zähmen, werden wir uns mit unserem ganzen Wesen einer Sache hingeben und darin aufgehen können, ohne dabei unser Selbst aufzugeben. Wir werden nicht mehr in unserer Leidenschaft verbrennen. Wir werden fähig, uns in tiefe menschliche Begegnungen und Beziehungen hineinzubegeben: So kann eine leidenschaftliche Intimität entstehen, die uns im Kern bewegt und verändert.

Was können Menschen gewinnen, wenn sie sich mit ihrer Scham und Leidenschaft auseinandersetzen?

Die Menschen, mit denen wir in unseren Seminaren und Therapien dieses Verständnis über Scham und Leidenschaft geteilt haben, wurden im Laufe dieses Prozesses weicher, zugleich aufrechter. Mit zunehmendem Verständnis für ihre Scham und ihre Sehnsüchte werden sie versöhnter und milder mit sich selbst und mit ihren Bezugspersonen. Sie können ihre Lebensziele klarer erkennen. Sie begnügen sich nicht mehr mit Umwegen oder Irrwegen. Und sie werden klarer in ihren Auseinandersetzungen mit ihrer Umwelt, sie schämen sich nicht mehr, anstehende Probleme anzusprechen.

Hier finden Sie einen Überblick über die Scham in Tabellenform:

1Wesenskern und intime Beziehungen

Scham ist ein Thema, das uns in der Tiefe unseres Wesens berührt. Deshalb werden wir uns am Anfang des Buches genauer anschauen, wie der Kern unseres Wesens beschaffen ist. Die Annahme eines Wesenskerns bildet die zentrale Hypothese in unserer Arbeit mit Scham und Leidenschaft. Von dieser zentralen Vorstellung leiten wir alle unsere weiteren Überlegungen ab.

Unser Wesenskern

In jedem von uns existiert ein Wesenskern. Das ist das Zentrum unseres Daseins. Er bestimmt unser ganzes Tun und Wollen. Wenn wir mit unserem Wesenskern in Kontakt sind, dann wissen wir instinktiv, was wir wollen, was wir tun müssen. Wir wissen, wozu wir auf der Welt sind und wohin wir uns entwickeln wollen. Wir beziehen den Sinn unseres Lebens aus diesem Kern.

Abb.4

Die Mitte: Quelle unseres Wesens

Nach fernöstlicher Vorstellung befindet sich die Mitte des Menschen im Zentrum seines Beckenraums. Auf Chinesisch heißt sie »Dantien«, auf Japanisch »Hara«.

Die Mitte: Quelle unseres Wesens

Unser Wesenskern steht nicht für sich allein da. Er ist mit einer Quelle verbunden, von der er gespeist wird. Diese Quelle befindet sich im Zentrum unseres Wesenskerns. Wir symbolisieren diese Quelle durch den Mittelpunkt eines Kreises. Der Kreis stellt unseren Wesenskern dar. Sein Mittelpunkt ist die Urquelle oder die Urmitte.

Abb. 5

Ein Kreis mit einem Punkt in dessen Mitte und einer Aura ringsherum.

Viele Religionen nennen diese Quelle »Gott« oder »Göttin«, die Chinesen nenne sie das Tao (den Weg), Existenzphilosophen nenne sie das »Sein«. Diese Quelle verkörpert eine universale Kraft, durch die alles in der Welt mit Leben erfüllt wird. Graf Dürckeim beschrieb diese Kraft mit den Worten »Immanenz« und »Transparenz«: »Immanenz« bedeutet, dass diese Kraft uns innewohnt. Die göttliche Kraft ist in uns, wir können sie spüren. »Transparenz« bedeutet, dass diese Kraft durch uns hindurch wirkt. In unserem Dasein wird sie offenbar.

Die Lebensenergie aus der Mitte: Chi (Qi)

Wir gehen davon aus, dass diese universale Kraft in der Mitte unseres Wesenskerns wohnt. Sie ist die Quelle unserer Lebensenergie. Wenn wir in unseren Körper hineinspüren, können wir körperlich fühlen, wie sie uns durchströmt. Sie zirkuliert in unserem Blutkreislauf. Sie fließt mit unserem Atem. In der chinesischen Sprache benutzen wir das gleiche Wort für Atem und Lebensenergie: »Chi« (Qi). Dies ist die Lebensenergie, die wir durch verschiedene körperliche und geistige Übungen zum Fließen bringen können.

Wenn wir im Kontakt mit unserer Mitte sind, dann spüren wir eine innere Harmonie und Ausgeglichenheit. Wir ruhen in uns selbst. Wir sind mit uns selbst im Frieden. Wir strahlen eine heitere Ausgeglichenheit aus. Wir sind ebenfalls im Besitz unseres inneren Wissens. In jedem von uns fließt eine Quelle ursprünglichen Wissens, jenseits aller Erziehung, jenseits aller kulturellen Überlieferung. Dieses Ur-Wissen ist Bestandteil unseres Ge-Wissens, wie wir es später im Kapitel 4 sehen werden. Wir sind aufgrund dieses inneren Wissens imstande, zu unterscheiden, was für uns gut oder schlecht ist. Wir sind imstande, zu entscheiden, was wir zu tun und zu lassen haben. Der Kontakt mit unserer Mitte, mit unserer Urquelle ist deshalb von großer Bedeutung für jede/n von uns.

Das Energiefeld um uns herum: die Aura, der intime Raum

Diese Lebensenergie strahlt von unserer Mitte nach allen Seiten aus und bildet ein Energiefeld um uns, das uns von allen Seiten umhüllt und geborgen hält. Wir sind in dieser unsichtbaren Energiehülle aufgehoben und gehalten. Sie schützt uns. Gleichzeitig stellt sie die energetische Verbindung zu allen anderen Wesen in unserer Umwelt her. Wir sind in unserer Umwelt eingebettet. Diese Energiehülle nennen wir manchmal unsere Aura. Im Zusammenhang mit Scham nennen wir sie unseren intimen Raum. Jede/r von uns ist also von einem intimen Raum eingehüllt. Dieser ist durch eine unsichtbare intime Grenze von draußen abgegrenzt. Der intime Raum und die intime Grenze sind wichtig für unser Verständnis von Scham. Wenn wir Scham erleben, ziehen wir uns in unseren intimen Raum zurück. Die Grenze um den intimen Raum wird zur Schamgrenze.

Zersprengung der Urquelle: Individualisierung

Nun gehen wir in unserer bildlichen Betrachtung weiter: In den meisten Schöpfungsmythen bestand am Anfang der Welt die Urquelle für sich. Wir können uns vorstellen, dass diese Urquelle oder Urmitte einmal zersprungen ist, und aus ihr sind unzählige kleine und kleinste Teile entstanden, nämlich alles, was wir in der Welt wiederfinden an lebendigen und nicht lebendigen Wesen. Man sagt dann, die Urquelle habe Gestalt angenommen in unserer sichtbaren Welt, sie habe sich manifestiert. Und jedes Teilchen trägt, wie ein Hologramm, das Abbild und die Energie der Urquelle in sich. Wir selbst und alle Wesenheiten wären solche Teilchen, die aus der Explosion der Urquelle entstanden sind.

Sehnsucht nach der Verbindung mit der Urquelle

Aus diesen Überlegungen heraus ergeben sich zwei existentielle Richtungen unseres Strebens. Die eine zielt nach innen, auf die Urmitte zu, auf die Urquelle unseres Daseins. Jeder Mensch trägt in sich die Sehnsucht nach dieser Urquelle (oder religiös ausgedrückt, nach dem Göttlichen).

Selbst wenn wir nichts mehr darüber wissen, kennt jede/r von uns die Wirkung der Urquelle: In den wesentlichsten Augenblicken unseres Lebens fühlen wir ihre Kraft in uns, wir fühlen uns in unserem innersten Wesenskern von ihr berührt. Wir leben leidenschaftlich. Leidenschaftliches Leben entspringt dem Wesenskern und wird gespeist von der Urquelle unseres Daseins.

Außerdem tragen wir in uns die Sehnsucht nach Erlösung aus dem Leiden und dem individuellen Schicksal. Wir sehnen uns nach der Aufhebung unseres individuellen Selbst in etwas Höherem. Wir suchen nach Sinn in unserem Leben. Daher meditieren wir, beten wir. Deshalb begehen wir – singend, tanzend, feiernd – immer wieder die symbolische Wiedervereinigung mit dem Göttlichen.

Sehnsucht nach dem intimen Kontakt mit dem anderen

Die zweite Richtung zielt nach außen, auf das andere, auf die Begegnung mit dem, was uns fremd ist. Dieses andere kann ein anderer Mensch, ein Tier, eine Pflanze, eine Landschaft sein. Es ist jedenfalls etwas, was außerhalb unseres Individuellen Daseins steht. Wir brauchen die Begegnung, die Beziehung mit dem anderen, genauso, wie wir Nahrung von außen brauchen.

Dabei sehnen wir uns hautsächlich nach dem intimen Kontakt mit dem anderen. Es ist hier nicht der alltägliche, gebrauchsmäßige Kontakt gemeint (den wir vielleicht den »instrumentellen« Kontakt nennen können). Wir möchten dem anderen in seinem Wesenskern begegnen. Wir wollen den Abstand zwischen unseren beiden Wesenskernen überbrücken, damit wir unmittelbar von unserem Wesenskern zu seinem Wesenskern kommunizieren können.

Um in unserem Bild zu bleiben: Die Universalenergie ist in Milliarden Funken auseinandergestoben. Jedes Teilchen trägt die Universalenergie in sich, sucht aber gleichzeitig die Vereinigung mit anderen Teilchen, um das Ursprüngliche, Göttliche wiederherzustellen. Wenn wir einander lieben, bringen wir etwas, das größer ist als wir, zum Ausdruck, zum Leben. Wozu aber dieser Austausch? Jeder von uns ist zwar ein Spiegelbild der Ur-Einheit. Aber jedes Spiegelbild ist anders. Es hat eine ureigene Ausprägung, ist einzigartig in seiner Gestalt, unverwechselbar in seiner Individualität. Daraus entsteht die unwiderstehliche Attraktion des anderen für uns. Wir möchten den anderen intim kennenlernen, weil wir hoffen, darin ein anders geartetes Spiegelbild des Göttlichen zu finden. Dann würden wir der Urquelle ein Stück näherkommen.

Dieses Streben nach der Vereinigung mit dem anderen und mit der Urquelle bildet die Grundlage unserer Leidenschaft.

Liebe

Hierin ist ein tiefer Grund der Liebe zu finden: Indem ich einen anderen liebe, erfahre ich das Göttliche in mir und im anderen. Und in der geschlechtlichen Vereinigung wird nicht nur die Einheit zwischen zwei Körpern, nicht nur die Einheit von zwei Seelen, sondern wird ein Stück der Ur-Einheit wiederhergestellt. In der sexuellen Vereinigung verwirklichen wir ebenfalls ein Stück der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst. Wir bringen Kinder hervor, Früchte unserer Liebe. Sodass, auch wenn wir als Individuen sterblich sind, das Leben sich durch uns fortführt. »Eure Kinder sind nicht eure Kinder. Es sind Söhne und Töchter von des Lebens Verlangen nach sich selber« (Khalil Gibran).

Die zwischenmenschliche Brücke

Wenn wir jemanden anderen lieben, dann baut sich, bildlich gesehen, eine zwischenmenschliche Brücke zwischen uns auf. Die Brücke verbindet dann unsere Wesenskerne miteinander. Unsere Mitte ist offen und steht im Austausch mit der Mitte des anderen.

Abb.6

Zwei Wesenskerne, die miteinander über eine Brücke verbunden sind. Um sie herum ein Kreis: der gemeinsame intime Raum

Die erste zwischenmenschliche Brücke in unserem Leben war die Nabelschnur, die uns mit unserer Mutter verband. Sie ist die sichtbarste Verbindung zwischen zwei Menschen. Aber auch nach unserer Geburt stellen wir immer wieder intime Verbindungen zu uns nahen Menschen her. Diese Art von intimem Austausch nennen wir Intimität. Und die zwei im Austausch Stehenden befinden sich in einem gemeinsamen intimen Raum.

Der gemeinsame intime Raum

Wir haben oben gesehen, dass jeder von uns von einem Energiefeld umhüllt ist, das wir seinen »intimen Raum« nennen. Wenn wir nun einem anderen Wesen näherkommen, verschmelzen unsere beiden intimen Räume miteinander: Ich nehme den anderen in meine intime Hülle auf, zugleich nimmt er mich in seine Hülle auf. Wir befinden uns in einem gemeinsamen intimen Raum. Dieser intime Raum um zwei Menschen ist ein sehr starkes Energiefeld. Er ist zwar nicht durch äußere Mauern abgegrenzt, aber wir können ihn trotzdem wahrnehmen. Z.B. wenn auf einem öffentlichen Platz zwei Menschen in ein intensives Gespräch vertieft sind, können Außenstehende an Stimme, Gestik und Mimik deutlich wahrnehmen, dass sie sich in einem intimen Austausch befinden, der Dritte ausschließt. Der intime Raum verbindet die Beteiligten miteinander. Gleichzeitig schirmt er sie gegen Außenstehende ab.

Der intime Austausch

In der intimen Begegnung werden sehr intensive Gefühle und Gedanken ausgetauscht. Positive Gefühle wie Liebe oder Zuneigung, negative Gefühle wie Antipathie oder Hass werden von beiden Partnern ausgesandt und empfangen. Dieser Austausch findet in Form von körperlichem oder psychischem Energiefluss statt. Der sexuelle Orgasmus stellt wohl den intensivsten Energieaustausch dar, der zwischen zwei Menschen möglich ist.

Ist die zwischenmenschliche Brücke intakt, dann fließt ungehindert Energie von einem Wesenskern zum anderen und zurück. Ist die zwischenmenschliche Brücke stabil und verlässlich, dann fühlen wir uns sicher und können in unserem Wesenskern offen sein. Wir öffnen uns im Wesenskern zum anderen hin, berühren den anderen und werden selbst im Innersten berührt.

Das Erleben im intimen Raum ist zeitlos, ganzheitlich, leidenschaftlich, lustvoll, bewusstseinserweiternd, entgrenzend. Der Energieaustausch über die zwischenmenschliche Brücke führt zur Ekstase, Leidenschaft, Liebe, Hingabe.

Im gemeinsamen Feld erfahren beide Liebenden eine unglaubliche Stärke. Sie sind gegen fast jede Anfechtung immun. Insofern sind Liebende scham-los. Sie sind tatsächlich ohne Scham, solange sie sich im intimen Raum aufhalten. Die intime Sphäre umhüllt sie, beschützt sie und erfüllt sie. Auch Kinder, die einen Spielkameraden oder -kameradin gefunden haben, die »auf ihrer Wellenlänge liegen«, können auf einmal schamlos werden und alles Mögliche anstellen, was sie sonst, wenn sie allein sind, nicht wagen würden. Diese Tatsache, dass Menschen, die in einer intakten intimen Begegnung eingebettet sind, ohne Scham sein können, ist äußerst wichtig für unsere weitere Betrachtung der Scham und ihrer Entstehung.

Die Verwandlung durch den intimen Austausch

Warum begeben wir uns also in den intimen Austausch?

1. Bedürfnisbefriedigung:

Um unser innerstes Bedürfnis nach Nähe, Liebe und Geborgenheit, aber auch um unser Bedürfnis nach Auseinandersetzung mit einem anderen Menschen zu befriedigen.

2. Heilung und Verwandlung:

Zugleich vollzieht sich eine tiefe Verwandlung in jedem der beiden Partner. Der gemeinsame Energiestrom durchflutet den ganzen Organismus, löst Enge, Ängste und Verpanzerungen auf. Dieser Energiefluss hat eine tiefe heilende Wirkung auf den gesamten Organismus, auf der körperlichen, geistigen und seelischen Ebene. Dadurch können früher erlittene Entbehrungen und Verletzungen gelindert oder geheilt werden: Durch die Liebe spüren wir, dass wir im Zentrum gut, liebenswert und wertvoll sind. Neue, ungeahnte Seiten werden in uns durch die Liebe und den Geliebten zum Leben erweckt, oder, wie Verena Kast es einmal ausdrückte: »herausgeliebt«.

3. Bestätigung unseres wahren Selbst / Wesenskerns:

Um uns als ganze Person zu erfahren, benötigen wir den Kontakt zu einem »Du«. Die Offenbarung meiner innersten Gefühle und Gedanken vor einem anderen Menschen und das Erleben, dass dieser mich versteht und mit mir fühlt, bestätigen mich in meinem Selbst. Ich spüre, dass ich wirklich bin.

4. Schöpfung neuen Lebens:

Überdies ist die Liebesenergie in der Tat schöpferisch, denn sie erschafft, in der Vereinigung von Frau und Mann, neues Leben. Es ist, als würde durch den Aufbau eines gemeinsamen Energiefeldes zwischen den beiden lntimpartnern eine Transformation der Materie stattfinden. Das Kind reift im Schutz dieser Hülle heran. Aus dem Zweierfeld entsteht ein Dreierfeld.

Voraussetzungen für den intimen Austausch

Es gibt jedoch wichtige Voraussetzungen für den intimen Austausch. Worauf sollen wir achten, wenn wir unseren intimen Raum einer anderen Person öffnen? Und umgekehrt: Worauf sollen wir achten, wenn wir den intimen Raum einer anderen Person betreten?

1. Freier Wille, Urteilsfähigkeit, Unabhängigkeit:

Beide Seiten verfügen über ihren eigenen Willen und können diesen angstfrei äußern. Sie können die Situation unabhängig voneinander einschätzen und fällen ihre Entscheidung für oder gegen den intimen Kontakt unabhängig voneinander.

2.Freiwilligkeit: Beide Partner gehen den intimen Austausch freiwillig ein. Zwang, Druck, Verführung oder Ausnutzung eines Abhängigkeitsverhältnisses verstoßen gegen diesen Grundsatz.

3.Gegenseitigkeit: Beide Seiten wünschen den intimen Austausch. Es genügt nicht, wenn nur einer der Partner den Kontakt will, der andere aber nicht oder nur widerwillig.

4.Intimität bedeutet respektvollen Abstand: Echte Intimität bedeutet, paradoxerweise, dass wir einen klaren, respektvollen Abstand vom Wesenskern des anderen beibehalten. Wie nahe wir uns auch fühlen mögen, wir sollen eine unsichtbare, aber eindeutige Grenze zwischen dem intimen Partner und uns ziehen. Eine Grenze, die wir, bei aller Liebe oder bei allem Hass, nicht überschreiten. Es ist eine Grenze der gegenseitigen Achtung vor der Würde des Partners und der eigenen Person. Die Würde eines Menschen ist unantastbar auch, ja gerade in intimen Beziehungen.

5.Beendigung ist jederzeit möglich: Wenn es sich herausstellt, dass der eingegangene intime Kontakt einem der Partner nicht gefällt, oder wenn er genug davon hat, dann kann er ihn jederzeit beenden. Der andere Partner muss diesen Wunsch respektieren.

All dies impliziert, dass niemand gegen seinen ausdrücklichen Willen gezwungen werden darf, einen intimen Austausch einzugehen oder gegen seinen Willen fortzusetzen.

Das Ende der intimen Begegnung

Jede intime Begegnung hat ein natürliches Ende. Nach dem intimen Austausch folgt die natürliche Trennung beider Partner. Sie gehen gesättigt aus dem Austausch. Sie empfinden tiefe Dankbarkeit für die Begegnung. Dieser Trennungs- und Trauerprozess ist von großer Bedeutung für die Weiterentwicklung beider Partner. Gelingt es, dann gehen beide verwandelt und gestärkt aus der Begegnung hervor. Sie sind wieder frei für andere Kontakte.

Gelingt die Trennung nicht, dann bleiben beide Partner aneinander kleben. Denn es ist manchmal nicht einfach, das Ende einer intimen Beziehung überhaupt zu registrieren. Wir gewöhnen uns leicht an das Schöne und möchten es gerne verlängern ins Unendliche. Auch dies kann zu schambesetzten und letztlich destruktiven Beziehungen führen, wie wir es sehen werden.

Zusammenfassend können wir sagen, dass unsere existentielle Sehnsucht in zwei Richtungen geht: nach innen, zum Urgrund hin, zur Zwiesprache mit Gott, und nach außen, zur intimen Begegnung mit dem anderen Menschen. Wenn wir das Glück haben, dass wir beides erfahren können, dann sind wir immun gegen viele Anfechtungen. Beide Erfahrungen schlagen tiefe Wurzeln in uns und geben uns die Kraft, die Stürme des Lebens zu bestehen.

2Kinder kennen nur Intimität und sind deshalb für Scham empfänglich

Was unterscheidet ein Kind von einem Erwachsenen?

Wir sagen: »Kinder sind unschuldig.« Das stimmt. Aber was meinen wir damit? Damit bringen wir ein außergewöhnliches Phänomen zum Ausdruck: nämlich die Tatsache, dass Kinder in ihrem Wesenskern offen sind. Sie haben noch keine Schutzhülle darum aufgebaut.

Wir haben oben gesehen, dass unser Wesenskern in direkter Verbindung zum Göttlichen (zur Urquelle) und zu den Menschen, die wir lieben, steht. Da Kinder in ihrem Wesenskern weit geöffnet sind, haben sie tatsächlich einen direkten Zugang sowohl zum Göttlichen als auch zu den Menschen ihrer Umgebung.

Die Verbindung des Kindes zum Göttlichen

Das Göttliche im Kind kommt beim Neugeborenen am stärksten zum Ausdruck. Wenn wir Neugeborene anschauen, strahlen sie eine Atmosphäre von fast überirdischer Gelöstheit und Gleichmut aus. Jeder, der einen schlafenden Säugling im Arm hält, spürt die wohlige Wärme und Geborgenheit, die von diesem kleinen Wesen ausgeht. Wir sind ganz nahe am Ursprung, wenn wir ein Kind im Arm halten.

Kinder kennen nur intime zwischenmenschliche Beziehungen

Auch zu anderen Menschen haben kleine Kinder eine unmittelbare Verbindung. Sie haben noch keine Schutzhüllen um ihren Wesenskern aufgebaut. Sie können sich daher nicht schützen. Alle Kontakte, die sie aufnehmen, sind intimer Natur. Jeder Blick, jede Berührung berührt ihr Wesen. Sie sind durchlässig für das »Unsichtbare« – für die Gedanken, die Stimmungen ihrer Umgebung, sei es in ihrer Familie, sei es in der Natur draußen.

Für ein kleines Kind gibt es nur Nähe. Jede Beziehung, die es aufnimmt, ist in seinen Augen bedeutsam. Aber es wird in den Schoß einer bestimmten Familie und einer bestimmten Umwelt hineingeboren. Es hat keine Wahl über seine Beziehungspartner in seinen ersten Tagen, Monaten, Jahren und Jahrzehnten, bis es erwachsen wird. Ein Kind »saugt« die vorherrschenden Gefühle und Stimmungen in seiner Familie auf, ohne dass es sich davor schützen kann. Wir werden später bei der Schamentstehung genauer darauf eingehen.

Auf der anderen Seite verstehen Kinder aber oft nicht die Bedeutung dessen, was sie aufnehmen. Sie besitzen nicht das notwendige Hintergrundwissen, über das wir Erwachsenen verfügen, um sich ein reales Bild über die Lage um sie herum zu machen. Sie wissen z.B. nicht, worüber sich die Mutter Sorgen macht, wenn diese deprimiert ist. Sie wissen nicht, warum der Vater auf die Mutter ärgerlich ist (vielleicht hat er finanzielle Sorgen oder Ärger am Arbeitsplatz). Sie wissen nicht, wieso alle in der Familie morgens so nervös sind (weil Termindruck herrscht; die älteren Geschwister müssen zur Schule, die Eltern zur Arbeit).

Da sie nur auf einen sehr beschränkten Wissensfundus zurückgreifen können, missdeuten sie Botschaften oft, oder sie beziehen das Verhalten der anderen auf sich, selbst wenn sie nicht gemeint sind. Welch komplizierte, verwirrende Kinderwelt! Hierin liegt eine der Quellen für die Entstehung von Scham und Selbstzweifeln bei Kindern.

Ein weiteres, gewaltiges Handicap besteht in der beschränkten Ausdrucksmöglichkeit kleiner Kinder. Sie verfügen nur über ihre Körpersprache und ihre Lautsprache. Sie können uns nicht sagen, was sie denken und fühlen. Sie können uns nicht fragen, was sie nicht verstehen. Sie verfügen über eine reiche, aber eher stumme, uns unverständliche Innenwelt. Wir sind im Zusammenleben mit ihnen auf unsere zwischenmenschliche Brücke zu ihnen angewiesen, d.h. die emotionale Schwingung zwischen ihnen und uns, um zu verstehen, was sie wollen und was sie uns sagen wollen. Auch hier können sehr häufig Missverständnisse entstehen, die bei Kindern Scham hervorrufen können.

Ein Beispiel