Liebe, Treue und Verrat - Dr. Victor Chu - E-Book

Liebe, Treue und Verrat E-Book

Dr. Victor Chu

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Beschreibung

Warum ist es bloß so schwer, treu zu sein? Hat mein Partner wirklich einen zentralen Platz in meinem Herzen? Welche Rolle spielen dabei unsere verflossenen Partner und unsere Eltern? Was ist, wenn Kinder da sind? Kann ich gleichzeitig meinem Partner und mir selbst treu sein? Normalerweise glauben wir, mit einem Treuebruch sei eine Beziehung zerstört. Das muss jedoch nicht sein. Wenn die Partner den Mut haben, sich ehrlich mit sich und dem Partner auseinander zu setzen, kann aus diesem 'Verrat' ein erster Schritt zu einem tieferen Verständnis füreinander werden. "Vor allem am Beispiel der Liebesbeziehungen zeigt der Autor einfühlsam, unter welchen Bedingungen sich die Partner einander treu und wann sie einander verraten (müssen). Faszinierend ist, wie sich der dabei ergebende Treue-Konflikt auch auf familiäre, soziale und politische Beziehungen übertragen lässt." (Caritas-Mitteilungen) "Chu beschreibt nicht nur Wege zum Verrat, sondern auch Möglichkeiten des Neubeginns nach dem Verrat." (Südwestfunk Buchzeit) "Ich halte dieses Buch für eine Pflichtlektüre für alle, die in der Arbeit mit Paaren oder Familien stehen, und kann es wegen seiner klaren Sprache allen Partnern und Eltern empfehlen." (AKF-Literaturdienst) "Eine eindeutige Empfehlung: lesenswert." (INTAMS Review)

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EPUB
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Seitenzahl: 372

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Victor Chu

Liebe, Treue und Verrat

Von der Schwierigkeit, sich selbst und dem Partner treu zu sein

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Victor Chu

Liebe, Treue und Verrat

Von der Schwierigkeit, sich selbst und

Alle in diesem Buch enthaltenen Angaben, Daten, Ergebnisse usw. wurden vom Autor nach bestem Wissen erstellt und von ihm mit größtmöglicher Sorgfalt überprüft. Gleichwohl sind inhaltliche Fehler nicht vollständig auszuschließen. Daher erfolgen die Angaben etc. ohne jegliche Verpflichtung oder Garantie des Verlags oder des Autors. Beide schließen deshalb jegliche Verantwortung und Haftung für etwaige inhaltliche Unrichtigkeiten aus, es sei denn im Falle grober Fahrlässigkeit.

Impressum:

© 2014 Dr. Victor Chu

Neuauflage

Erstauflage Kösel Verlag GmbH & Co., München 1995

Lektorat: Gerhard Plachta und Dagmar Olzog

Umschlaggestaltung: UlinneDesign, Ulrike Linnenbrink, Neuenkirchen

Umschlagfoto: © Olly – fotolia.com

Korrektorat und Satz: Angelika Fleckenstein; spotsrock.de

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN:      

978-3-8495-9505-0 (Paperback)

 

978-3-8495-9506-7 (Hardcover)

 

978-3-8495-9507-4 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhaltsverzeichnis

Einführung

Treue und Verrat als Entwicklungsprozess

Ist eine Heilung vom Verrat möglich?

Das Phänomen Verrat

Was ist Verrat?

Der Preis des Verrats

Der Doppelagent – Zur Psyche des Verräters

Der erste und der zweite Verrat

Macht, Angst und Verrat – Das System des Verrats

Treue und Verrat in intimen Beziehungen

Der Platz im Herzen – Die Grundbedingung für Treue

Treue zur Geschichte unserer Beziehungen

Vom Verliebtsein bis zum Lieben

Die Scham vor dem Erkanntwerden und die Begegnung mit dem fremden Kontinent

Liebe macht hilflos – Gegenliebe kann man nicht erzwingen

»Du bist zu gut für mich« – Die Auswirkung von Scham- und Schuldgefühlen in der Liebesbeziehung

Im Guten wie im Bösen – Vom geteilten Leid und von der geteilten Schuld

Begierde und Hingabe – Zum Unterschied zwischen Beliebigkeit und Treue

Sexuelle Erfüllung und Kinderwunsch

Wenn ein Paar schwanger wird

Der Mann im Hintergrund

Schwangerschaftsabbruch und seine Heilung

Die Bedeutung der Sexualität der Eltern für die Kinder

Ödipale Treue

Warum eignet sich Sexualität so gut als Medium für Treue und Verrat?

Seitensprünge und ihre Gründe

Anhang

Anmerkungen

Empfohlene Literatur

Einführung

Treue und Verrat sind Themen, die die meisten Menschen tief bewegen. In unseren Beziehungen streben wir nach Treue und Verlässlichkeit, aber immer wieder fühlen wir uns von unseren Partnern verraten, missverstanden oder im Stich gelassen. Und wir finden uns selbst immer wieder in der Rolle des Verräters, des Abtrünnigen, des Untreuen. Ist Treue nur eine Fiktion? Ist Verrat unvermeidlich?

Diese Fragen haben mich seit Jahren bewegt, lange bevor es Mode geworden ist, nach den Jahren der freien Sexualität wieder die Treue zu propagieren. Treue und Verrat sind aber keine Modeerscheinungen, auch wenn sie gewissen Modetrends unterworfen sind. Vielmehr beschreiben sie ein grundlegendes Dilemma in menschlichen Beziehungen, vielleicht sogar ihr innerstes Drama: Können wir in einer intimen Beziehung uns selbst und unserem Partner treu sein? Es scheint, als würde sich in dem Thema von Treue und Verrat die unlösliche Spannung zwischen dem Ich und dem Du kristallisieren.

Was uns tief bewegt, versuchen wir verstandesmäßig zu fassen. Und wenn es uns misslingt (zum Beispiel weil die Problematik zu komplex ist oder weil es um Sachverhalte geht, die mit dem Verstand allein nicht zu erfassen sind), greifen wir schnell auf normative, moralisch überlieferte Maßstäbe zurück, um uns rückzuversichern und innerlich wieder Halt zu finden. Dies ist ein verständlicher psychologischer Abwehrmechanismus, besonders wenn uns die Orientierung verlorenzugehen droht und wir in Angst und Haltlosigkeit stürzen.

Moralische Normen sind wertvoll, wenn sie aus unmittelbaren menschlichen Erfahrungen schöpfen und auf einem breiten gesellschaftlichen Konsens basieren. Wenn sie jedoch vorwiegend zur Angstabwehr eingesetzt werden, neigen wir dazu, sie zu verabsolutieren und nicht mehr zu hinterfragen. Dann drohen sie sich von unserem Selbst, vom Menschlichen überhaupt zu lösen und ein eigenständiges, zuweilen despotisches Dasein zu führen. Wenn wir uns ihnen unterwerfen, leben wir zwar sicherer, aber wir sind nicht mehr wir selbst. Wir leben dann entfremdet. Treu zu sein, weil es (wie es vor allem früher der Fall war) von uns verlangt wird oder weil es gerade Mode ist, trifft uns nicht im Wesenskern. Eine solch außenbestimmte Treue berührt uns nicht in der Tiefe unserer Seele, sie hilft uns nicht in unseren menschlichen Verstrickungen, in die wir in unseren intimen Beziehungen geraten können.

Ich habe deshalb versucht, im ersten Teil dieses Buches Treue und Untreue nicht als moralische Kategorien zu beschreiben, sondern als polare Kräfte des Bewahrens und des Wandels, die sich gegenseitig bedingen. Dabei geht es mir darum, die inneren Prozesse, die im »treuen« und »untreuen« Partner ablaufen, transparent und verständlich zu machen. Treue und Verrat erscheinen dann als notwendige Gegensätze im spiralförmigen Prozess der Wandlung. Daraus folgt auch die Einsicht, dass es in menschlichen Beziehungen immer Schuld geben wird, aber auch die Chance zur Versöhnung und Weiterentwicklung.

Im zweiten Teil bin ich dem nachgegangen, was wir unter Verrat verstehen, was ein Verräter fühlt und denkt, was er durch den Verrat gewinnt, welchen Preis er zahlt. Dabei habe ich auch die Rolle der Macht untersucht: Wieso hängt man die kleinen Verräter und lässt die großen laufen?

Im dritten Teil geht es um Treue und Verrat in der Liebesbeziehung. Beim Schreiben hatte ich zunächst versucht, vom Phänomen des Verrats auszugehen. Bald aber hatte ich so viele Erscheinungsformen von Liebesverrat zusammengetragen, dass vor lauter Bäumen der Wald nicht mehr zu erkennen war. Die rettende Idee kam mir, als ich das Thema umdrehte: Statt mit dem Verrat zu beginnen, fing ich an, über Treue nachzudenken. Zu meiner Überraschung fügten sich auf einmal die Puzzlestücke wie von selbst zu einem Mosaik zusammen.

Grundbedingungen für Treue

In dem Maße, wie es mir gelang, Grundbedingungen für Treue zu formulieren, desto klarer wurde es für mich, weshalb die einen Partner einander treu sind und weshalb andere damit Probleme haben, wirklich zueinander zu stehen. Für meine therapeutische Arbeit mit Partnerproblemen erwies sich die Kenntnis dieser Grundbedingungen als überaus wertvoll, da sie mir Kriterien für die Einschätzung der Festigkeit oder Brüchigkeit einer Liebesbeziehung zur Hand gab.

Ich habe folgende Grundbedingungen für Treue gefunden: Der Platz im Herzen: Entscheidend ist der Platz, den mein Partner in meinem Herzen innehat. Steht er dort an zentraler Stelle oder eher peripher? Muss er seinen Platz mit anderen Menschen teilen, die mir nahestehen? Ist sein Platz unumstritten, oder steht er zur Disposition? Wird sein Platz in meinem Herzen gestört durch Vor-Beziehungen, von denen ich mich noch nicht wirklich gelöst habe? Hier spielen die Beziehungen zu früheren Liebespartnern und zu den Eltern (»ödipale Treue«) eine große Rolle.

Erfüllte Sexualität: Die zweite Grundbedingung für eine stabile Liebesbeziehung ist eine erfüllte Sexualität. Erst sie macht zwei Menschen, die sich gut verstehen, zu einem Liebespaar.

Leider haben wir keinen oder nur wenig Einfluss darüber, ob wir uns mit einem bestimmten Partner sexuell gut verstehen oder nicht. Eine gute sexuelle Beziehung lässt sich nicht erzwingen.

Sie ist nur bedingt »erlernbar«. Darüber machen wir uns leider oft falsche Hoffnungen.

Kinderwunsch: Aus einer sexuell und menschlich erfüllten Beziehung erwächst der natürliche Wunsch nach einem »Dritten«, in den meisten Fällen der Wunsch nach einem Kind. Im Kind wird das schöpferischkreative Potential, das der Liebe innewohnt, am deutlichsten sichtbar. Wo ein gemeinsames Kind nicht möglich ist, wird das Paar andere Möglichkeiten gemeinsamen Schöpfens finden müssen.

Gemeinsame Elternschaft: Zeugen zwei Menschen ein Kind, dann stellen sie eine lebenslange Bindung zueinander her. Die gemeinsame Elternschaft verbindet zwei Menschen auf sehr elementare Weise. Durch die Elternschaft stellt sich gleichzeitig die Kontinuität zur Ursprungsfamilie her. Hier ist die Nahtstelle, an der sich Vergangenheit und Zukunft treffen.

Selbstachtung und Fremdachtung: Weiterhin wichtig für den Bestand einer Liebesbeziehung sind unsere Selbstachtung und die Achtung, die wir unserem Partner entgegenbringen. Wo ich mich selbst verachte und ablehne, kann ich den Menschen letztlich nicht achten, der mich liebt. Ich werde seine Liebe über kurz oder lang verraten, um mein Gefühl des Unwertes zu bestätigen.

Scham- und Schuldgefühle: In diesem Zusammenhang können unbewusste Scham- und Schuldgefühle, die wir aus unserer Lebens- und Familiengeschichte mit in die Beziehung hineinbringen, einen störenden, manchmal zerstörenden Einfluss auf die Paarbeziehung ausüben.

Liebe macht machtlos: Ein Grundsatz, der prinzipiell für alle menschlichen Beziehungen gilt, kommt in der Liebesbeziehung besonders zum Tragen: Es ist die Tatsache, dass wir im Grunde nur uns selbst verändern können, nicht aber unseren Partner.

Wo wir diese Tatsache nicht anerkennen, entbrennen fruchtlose Machtkämpfe und Manipulationsspiele. Liebe aber macht uns machtlos. Wir können uns zwar unseren Lebenspartner aussuchen, aber wir müssen ihn akzeptieren, so, wie er ist.

Das Akzeptieren lebenslangen Wandels: Dies führt zu einem weiteren Grundsatz: Eine lebenslange Beziehung ist ständigem Wandel unterworfen. Denn das Leben kennt keinen Stillstand. Jeder der Partner entwickelt sich weiter. Diese individuelle Entwicklung kann die Paarbeziehung befruchten und vertiefen, sie kann sie aber auch stören und zerstören. Außerdem können vorhersehbare und unvorhersehbare Ereignisse ins Leben des Paares einbrechen. Auch sie stellen nicht selten die Partnerschaft in Frage. Wenn beide Partner begreifen, dass sich Treue nicht durch das Festhalten am Bestehenden »bewerkstelligen« lässt, wenn sie begreifen, dass Veränderung nicht unbedingt Verrat bedeutet, dann sind sie gefeiter gegen die Herausforderungen ihrer Beziehung.

»Natürliche Treue«: Je mehr ich die inneren Zusammenhänge einer Liebesbeziehung verstehe, desto »natürlicher« erscheint mir die Treue.

Dies war für mich das faszinierendste Ergebnis der Untersuchung. Appelle an die moralische Gesinnung, an Pflicht und Verantwortung verlieren ihr erdrückendes Gewicht vor dem inneren Bewusstsein dessen, was stimmt, was stimmig ist. Ich wünsche den Lesern, dass sie am Ende des Buches das Gefühl haben: »Treue lohnt sich«, und zwar nicht, weil sie moralisch besser ist, sondern weil sie unseren Beziehungen Tiefe und Intensität verleiht.

Besonderen Wert habe ich in meinen Ausführungen auf die Ausleuchtung der männlichen Position gelegt, etwa in Bezug auf den Hang der Männer, sich bei einer Schwangerschaft, in der Kinderbetreuung und -erziehung und im Haushalt aus der Verantwortung zu stehlen. Männer können sehr viel mehr an Lebensfreude und Lebenssinn gewinnen, wenn sie ihren Beziehungen mehr Aufmerksamkeit schenkten, wenn sie sich mehr einließen auf ihre Partnerin, ihre Kinder und auf ihre eigenen Gefühle.

Schwangerschaft und Schwangerschaftsabbruch habe ich breiten Raum gegeben, weil ich glaube, dass sich hierin das entscheidende Drama in der Beziehung zwischen Mann und Frau abspielt. Denn Sexualität ist immer mit der Möglichkeit der Empfängnis verknüpft. Und ein gemeinsames Kind bindet das Paar lebenslang miteinander. Ich bin der Frage nachgegangen, was eine Schwangerschaft für eine Frau bedeutet, was sie von ihrem Mann, ihrer Umgebung und der Gesellschaft braucht, wenn sie schwanger wird und ein Kind bekommt. Aus den Berichten vieler Frauen ist mir deutlich geworden, dass eine Frau dann zum Schwangerschaftsabbruch neigt, wenn die Unterstützung von außen fehlt. Wenn dies geschieht, erleidet die Liebesbeziehung einen tiefen Einbruch.

Hier kommt dem Mann eine entscheidende Rolle zu. Bei der Arbeit zu diesem Buch habe ich erkannt, dass es zu den wichtigsten Aufgaben eines Mannes gehört, seiner Partnerin während der Schwangerschaft, der Geburt und der Stillzeit beizustehen. Ich habe dies die »haltende Funktion des Mannes« genannt. Sie ist für den Bestand einer Beziehung mindestens so wichtig (wenn nicht wichtiger) wie die traditionellen männlichen Aufgaben wie Broterwerb, Hausbau und Karriere.

In einem Buch über Treue und Untreue darf das Thema Seitensprung nicht fehlen. Ihm habe ich ein ausführliches Kapitel gewidmet. Darin bin ich den unterschiedlichen Gründen und Ursachen von Seitensprüngen und Nebenbeziehungen nachgegangen. Ich habe mich auch gefragt, weshalb sich Sexualität so gut als Medium für Treue und Verrat eignet. Ich hoffe, dass das Verständnis für die inneren Motive eines Seitensprungs einem Paar hilft, besser mit der Krise fertig zu werden, die durch den Seitensprung eines der Partner ausgelöst wird (beziehungsweise durch ihn zum Vorschein kommt).

Mit diesem Buch möchte ich ein neues Verständnis für unsere intimen Beziehungen erwecken. Dabei hat das Buch eine »progressive« und eine »altmodische« Ausrichtung. Es ist progressiv, wo Treue und Verrat als wichtiger intrapsychischer und interpersoneller Wandlungsprozess begriffen werden. Es ist »altmodisch«, wo es die Bedeutung von Intimität und Herzensverbindung hervorhebt.

Das Buch wurde aus dem Bewusstsein geschrieben,

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dass es sich lohnt, zu lieben und um die Liebe zu kämpfen,

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dass es zu den schönsten Dingen im Leben gehört, Familie (heute ein fast antiquiertes Gebilde) zu leben, nicht nur zu haben,

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dass in unserer Zeit die Liebesbeziehung zwischen Mann und Frau nur dann eine reale Chance hat, wenn wir uns in Richtung Partnerschaft entwickeln, statt unser Heil im »coolen« Single-Dasein oder aber im Zurückfallen auf die moralischen Normen von Gestern (vor allem die des patriarchalischen Systems) zu suchen.

Treue und Verrat als Entwicklungsprozess

Es gibt nur wenige Themen, die uns mehr faszinieren als Geschichten über Treue, Verrat, Rache und Versöhnung. Sie berühren ein existentielles Grundthema. Es gibt kaum ein menschliches Drama, in dem nicht Treue und Verrat eine Rolle spielen. Es gibt keine seelische Störung, die nicht von diesem Grundkonflikt gespeist wird – gerade die schwersten psychischen Störungen können daraus hervorgehen. Jeder von uns war schon einmal Verräter und Verratener. Das Thema berührt uns alle.

Wir lieben die Treue. Aber wir hassen den Verräter: Er verletzt ein Tabu. Wir reagieren kollektiv mit Entsetzen und Abscheu. Dadurch sind wir nicht mehr fähig, darüber nachzuforschen, wie es zum Treuebruch gekommen ist. Beim näheren Hinsehen entfaltet sich ein Verrat oft als ein schon lange vorher angelegter Entwicklungsprozess, in dem die beteiligten Personen in einem besonderen Verhältnis zueinander standen und in dem die Gesellschaft, das System, eine wichtige Rolle spielt.

Normalerweise meinen wir, mit einem Treuebruch sei eine Beziehung zerstört. Das muss jedoch nicht sein. Wenn die Beteiligten den Mut haben, sich ehrlich mit sich selbst und dem oder den anderen auseinanderzusetzen, kann aus dem Verrat eine Chance zum Wachstum für das gesamte System werden. Gelingt dies nicht, scheitern alle.

Wo spielen Treue und Verrat eine Rolle?

Treue und Verrat dienen uns als wichtige Grundlage für unsere Identität und Selbstfindung, ebenso wie für unseren Stolz und unsere Scham. Sie stellen uns die Grundfragen in jeder menschlichen Beziehung:

Kann ich mich auf dich verlassen? Wirst du zu mir halten, oder muss ich befürchten, von dir im Stich gelassen zu werden? Wie sicher ist der Boden geschaffen, auf dem wir gemeinsam stehen?

Treue und Verrat spielen in allen wesentlichen Beziehungen in unserem Leben eine Rolle, zum Beispiel

in unseren Familienbeziehungen:

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zwischen dem Liebespaar (das vielleicht einmal Eltern wird)

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zwischen Eltern und Kindern

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zwischen den Geschwistern

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innerhalb der Verwandtschaft

in unseren sozialen Beziehungen

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zwischen Freunden

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zwischen Arbeitskollegen

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zwischen Vorgesetzten und Untergebenen

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zwischen Lehrern und Schülern

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zwischen Institutionen

in unseren politischen Beziehungen

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zwischen politischen Gruppierungen

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zwischen politischen, religiösen und ethnischen Gruppen

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zwischen Staaten

in unseren religiösen Beziehungen

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zwischen Mensch und Gott

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zwischen Gläubigen und Kirche

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zwischen den Kirchen und

in unserer Beziehung zur Natur.

Ich habe im Folgenden versucht, das Gestrüpp von Gefühlen und Vorurteilen, die um Treue und Verrat ranken, zu lichten, um die Grundstrukturen dieser Beziehung freizulegen. Wir werden dabei ein hochinteressantes Zusammenspiel zwischen Individuum und Gesellschaft, zwischen unserem Wunsch nach Wachstum und unserem Wunsch nach Sicherheit entdecken. Wir werden auf den Ursprung mancher psychischer Störungen und Tragödien stoßen, die sonst schlicht als »krank« oder »pervers« gelten. Vor allem können wir aber von der gängigen Verurteilung des Verrats hin zu einem Verständnis der inneren Dynamik dieses Phänomens gelangen.

Vorurteile über den Verrat

Wenn wir uns mit dem Thema Verrat befassen, müssen wir mit einigen Vorurteilen aufräumen.

Unsere gängigen Vorurteile in Bezug auf Verrat:

Verrat ist ein moralisch verabscheuens- und verdammenswerter Akt.

Der Verräter ist allein schuld am Verrat. Deshalb hat er allein den Verrat zu verantworten.

Der Verratene ist völlig unschuldig. Er ist Opfer der Gemeinheit und Hinterhältigkeit des Verräters.

Die Gesellschaft hat gar nichts mit dem Verrat zu tun. Der Verräter ist allein schuldig. Wenn er seine gerechte Strafe erhalten hat, ist alles wieder in Ordnung.

Diese Meinungen über den Verrat sind, wie die meisten Vorurteile, tief in uns verankert. Wir reagieren auf einen Verrat automatisch mit heftigen Gefühlen von Entsetzen, von Empörung über den Verräter und Mitleid für den Verratenen. Den Täter wollen wir bestraft sehen, das Opfer beschützt und getröstet, die Tat gesühnt.

Dies wäre ja ganz einfach, wenn… ja, wenn wir nicht selbst immer wieder persönlich involviert wären! Wenn wir uns nicht immer wieder selbst in der Rolle des Täters und Opfers von Verrat finden würden – in unseren intimen Beziehungen, unter Freunden, im Wirtschaftsleben, in der Politik. Wieso findet Verrat so häufig statt? Auf der Titelseite jeder Tageszeitung steht mindestens ein Akt bodenlosen Verrats und Vertrauensbruchs beschrieben, mit dicken Lettern angeprangert, den wir wieder kopfschüttelnd lesen. Sind Politiker solch schlechte Menschen? Sind wir samt und sonders solch gemeine Wesen, unfähig, in Treu und Glauben miteinander zu leben? Es scheint irgendetwas nicht mit unserer Art zu stimmen, mit diesem Thema umzugehen. Unsere moralischen Grundsätze scheinen auch nichts zu nutzen. Denn wenn Akte des Verrats so verabscheuenswürdig sind, würde doch jeder davor zurückschrecken, selbst so etwas zu tun! Dann blieben nur noch gewissenlose Menschen, Psychopathen, die solche Taten begehen, und das ist eine kleine Minderheit. Wieso begeht aber die Mehrheit von uns so oft Verrat?

Die christlich-abendländische Kultur ist begründet auf einem Akt von Verrat: dem Verrat an Jesus durch seinen Jünger Judas. Ohne diesen für viele hinterhältigsten Verrat gäbe es aber den Tod am Kreuz nicht, somit auch nicht die Auferstehung und die christliche Heilsbotschaft. Vor der gesamten christlichen Gemeinschaft gilt Judas Iskarioth als habgieriger, gewissenloser Einzeltäter, vor dem man sich schaudernd abwendet, um sich die Hände in Unschuld zu waschen. Ohne seinen Verrat gäbe es aber den Tod und die Auferstehung Christi nicht. Damit würde das Zentrum des christlichen Glaubens wegfallen. Jesus wäre vielleicht »nur« ein wunderbarer Prophet und Erneuerer des jüdischen Glaubens gewesen. Müssten wir eigentlich Judas nicht dankbar sein, dass er durch seinen Verrat unwillkürlich den Grundstein zum Christentum gelegt hat? Ein ketzerischer Gedanke, den wir eigentlich nicht weiterdenken dürfen!

Denn wenn wir versuchen, uns Gedanken über das Thema Verrat zu machen, begegnen wir als erstes einer Art Denkhemmung. Unsere eingefleischte, automatisierte Reaktion rastet sofort ein. Wir haben anscheinend nicht die innere Distanz, um ruhig und unvoreingenommen darüber nachdenken zu können.

Stoßen wir hier auf ein gesellschaftliches Tabu, das sich so stark in uns eingeprägt hat, dass wir automatisiert und uniform, mit Entsetzen und Abscheu darauf reagieren? Entsetzen und Abscheu sind aber gute Mittel, um uns von einer Annäherung an einen Gegenstand abzuhalten. Wir müssen sehr starke innere, das heißt internalisierte, sozial verankerte Hemmungen überwinden, um in das Thema einzudringen.

Das Thema Verrat ist mit sehr viel Scham und Schuld verbunden und rüttelt an den Grundfesten unserer Identität. Wir haben aber die Hoffnung, dass wir am Ende dieser Betrachtung unsere Grunderfahrung von Beziehung und Treue (zu uns selbst und zur Gemeinschaft) besser verstehen können. Indem wir den Prozess des Verrats verstehen, können wir möglicherweise unsere Beziehungen so gestalten, dass wir künftig weniger das Leid des Verratenmüssens und Verratenwerdens erfahren.

Verrat als Interaktionsprozess

Ich möchte die folgenden Thesen als Gegenüberstellung zu den obengenannten Vorurteilen über Verrat aufstellen:

Verrat als Interaktions- und Entwicklungsprozess

Verrat kann als Teil eines besonderen Wachstums- oder Entwicklungsprozesses verstanden werden, der unter besonderen Voraussetzungen stattfindet.

In diesem Entwicklungsprozess sind mindestens drei Parteien beteiligt: die beiden Partner (der Verräter und der Verratene) und die Gesellschaft (die Gemeinschaft, in der Verräter und Verratene leben).

Der Akt des Verrats findet im Mittelteil des gesamten Entwicklungsprozesses statt. Wenn wir ihn nur isoliert aus der moralischen Perspektive sehen, übersehen wir den gesamten Entwicklungsablauf und damit auch die Entwicklungschancen für alle Beteiligten, die in diesem Prozess enthalten sind.

Im Gegenteil: Die Moralisierung hilft nur, den Entwicklungsprozess zu verschleiern und zu tabuisieren. Im schambesetzten Tabu steckt die Angst vor Entwicklung und Wachstum, sowohl bei den Beteiligten wie auch in der Gesellschaft.

Umgekehrt bietet die gemeinsame Verarbeitung des Verrats, seiner Vorgeschichte und zukünftigen Perspektive die Chance des Wachstums und der Weiterentwicklung, sowohl für den Einzelnen, die Partnerschaft als auch für die Gesellschaft.

Wir werden diesen Entwicklungsprozess am Beispiel einer Paarbeziehung, in der Verrat stattfindet, untersuchen. Er lässt sich jedoch auf viele andere Beziehungen übertragen. Der Entwicklungsprozess lässt sich in zehn Phasen unterteilen:

Phase 1:

Eine besonders intime Beziehung entsteht.

Phase 2:

Aufkeimen von Zweifeln und Veränderungswünschen, die aber verleugnet und tabuisiert werden.

Phase 3:

Innerer Verrat und innere Scheidung durch Unterbrechung der Kommunikation.

Phase 4:

Um ein Auseinandergehen zu vermeiden, wird die Beziehung durch einen gesellschaftlich sanktionierten Vertrag institutionalisiert – damit Erstickung aller kritischen Stimmen.

Phase 5:

Verstärkung der inneren Gewissenskonflikte des potentiellen »Verräters«; systemimmanente Reformversuche.

Phase 6:

Heimliche Untreue, Verzweiflung und selbstdestruktive Lösungsversuche.

Phase 7:

Offener Verrat.

Phase 8:

Schock.

Phase 9:

Rache des Verratenen und der Gesellschaft am Verräter.

Phase 10:

Rückbesinnung und behutsamer Neubeginn oder aber Klärung und Beendigung der Beziehung.

Phase 1: Eine besonders intime Beziehung entsteht

Der Ausgangspunkt für einen (späteren) Verrat ist stets eine besonders intensive Beziehung. Je stärker und inniger die innere Bindung war, desto mehr wird die spätere Trennung als Verrat empfunden.

Beziehungen binden uns innerlich besonders stark,

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wenn sie uns in der Vergangenheit lebenswichtig oder lebensrettend gewesen sind,

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wenn sie uns im Wesenskern, im Herzen berühren,

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wenn wir mit den Partnern innig identifiziert sind,

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wenn sie die ersten Beziehungen darstellen,

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wenn sie einen persönlichen und/oder sexuellen Charakter haben,

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wenn sie geheim sind,

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wenn sie ambivalent erlebt werden,

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wenn sie einen Schock ausgelöst haben,

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wenn Gewalt im Spiel ist (mit Täter und Opfer),

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wenn sie schambesetzt sind.

Die allerersten Lebensbeziehungen

Es gibt keine stärkere Treuebeziehung als die zwischen Eltern und Kindern. Denn die Beziehung zwischen Eltern und Kindern ist einzigartig: Sie kann mit keiner anderen Beziehung verwechselt und durch keine andere ersetzt werden. Sie ist fürs Kind zumindest in den ersten Jahren lebenswichtig und lebenserhaltend. Sie ist identitätsstiftend, sowohl aufgrund der biologischen Vererbung als auch aufgrund der sozialen Identifikation. In den ersten Jahren besteht eine natürliche Symbiose zwischen Mutter (beziehungsweise Bezugsperson) und Kind, die eine »Untreue« von Seiten des Kindes überhaupt undenkbar macht. Dieses Thema taucht bei einer normalen Entwicklung erst in der Pubertät, in der Ablösungsphase des Kindes vom Elternhaus, auf.

Auch die Eltern sind durch immense innere Kräfte ans Kind gebunden: durch den Stolz auf das Kind, durch die Identifikation mit dem eigenen Nachwuchs, durch die tägliche Pflege und Fürsorge, die Begleitung durch die Jahre des Wachstums, die Krisen und die Krankheiten, mit allen damit verbundenen Freuden und Sorgen.

Auch die erste Liebe ist solch eine besondere Beziehung. Vor allem wenn wir die Kindheit unglücklich erlebt haben, wenn wir uns einsam, abgelehnt und ausgestoßen gefühlt haben, kann die erste Liebesbeziehung eine lebenswichtige Beziehung werden. Wir treffen dann zum ersten Mal auf jemanden, der uns liebt und uns zum Aufblühen bringt. Eine solche erste Liebe, die einen prägt, kann zu einem festen Fundament unseres Lebens werden, so dass jeder Zweifel daran, jede Schwankung des Gefühls zwischen den Liebenden sich wie eine Lebensbedrohung anfühlt, ja tatsächlich lebensbedrohlich werden kann, sodass manche bei einem Scheitern der Liebesbeziehung sogar Selbstmord begehen.

Auch die erste Erfahrung sexueller Erfüllung kann eine prägende Wirkung auf uns haben. Oder der erste mitreißende Lehrer, mit dem wir uns besonders stark identifizieren. Wir neigen dazu, solche Beziehungen zu idealisieren. Wir glauben, auf der ganzen Welt gäbe es keinen besseren Partner, keinen besseren Lehrer usw. Das gleiche gilt für religiöse und politische Gruppen, die ein hochgestecktes Ideal und Ziel verfolgen.

Intimität

Wir nennen eine Beziehung, in der sich zwei Menschen in ihren Wesenskernen, das heißt in der Tiefe ihres Wesens begegnen, eine intime Beziehung. Intime Beziehungen haben die Eigenschaft, die Beteiligten besonders stark zu binden, manchmal sogar lebenslang. Wenn der Austausch einen persönlichen und/oder sexuellen Charakter hat, erhöht dies die Intimität der Beziehung und damit die Bindung.

Ambivalent erlebte Beziehungen verstärken die Bindung, weil die innere Ambivalenz eine ständige Spannung in den Betreffenden erzeugt, die sie nicht in Ruhe lässt und immer wieder an den anderen erinnert. Besonders wenn zu Beginn einer Beziehung neben den positiven auch (verdeckt) negative Gefühlsanteile beteiligt sind, kann es später zu Akten des Verrats kommen – die zunächst schamvoll verdrängten Gefühle von Zweifel, Demütigung, Ekel oder Feindseligkeit tauchen dann aus ihrem Versteck auf.

Wenn intime Beziehungen geheim sind, erhöht dies ebenfalls die Bindung. Die meisten intimen Beziehungen finden im Verborgenen statt, abseits von der öffentlichen Kontrolle durch Dritte. Gemeinsame Geheimnisse binden.

Die schamvolle Bindung zwischen Täter und Opfer

Intimität kann auch entstehen, wenn wir etwas Schlimmes, Grauenvolles oder Schamvolles mit jemandem zusammen erleben, sowohl als gemeinsame Täter oder gemeinsame Opfer als auch in den geteilten Rollen von Täter und Opfer. Menschen, die zum Beispiel eine Katastrophe gemeinsam überlebt haben wie den Krieg (sowohl als aktive Soldaten als auch als Kriegsopfer), können sich stark miteinander verbunden fühlen, selbst wenn sie sich sonst wenig zu sagen haben. Aber auch Täter und Opfer eines Verbrechens sind miteinander »intim« verbunden, beispielsweise Vergewaltiger und Vergewaltigte, Inzesttäter und Inzestopfer. Obwohl gerade das Opfer jede Erinnerung an den Täter aus seinem Gedächtnis vertilgen möchte, fühlt es sich durch den gewaltsamen Einbruch in seine Intimsphäre mit dem Täter innig verbunden, wenn auch auf eine furchtbare Weise. Diese intime Bindung mit dem Täter erfüllt das Opfer mit Scham. Es ist eine schamerfüllte Bindung, die daraus entsteht. Und da die Übergriffe sexueller Natur sind und überdies zumeist geheim und verborgen geschehen, erhöht sich die Bindung zwischen den Beteiligten außerordentlich.1

Narzisstische Bindungen

Eine starke gegenseitige Idealisierung mit gleichzeitiger gegenseitiger Identifizierung kann eine narzisstische Bindung entstehen lassen, die sich eher auf projektive Identifikation als auf Realität gründet.

Hierfür ein Beispiel: Ein Handwerksmeister lobt seine neuen Lehrlinge anfangs sehr stark. Er gibt ihnen das Gefühl, ganz außergewöhnlich geschickt und begabt zu sein. Umgekehrt wird er von seinen Lehrlingen als der beste aller Meister angesehen. Beide Seiten sonnen sich im Licht der gegenseitigen Idealisierung und Identifizierung. Dieser Zustand hält jedoch nie lange an. Da jeder Mensch Fehler macht, zeigen sich bald die ersten Risse im Image des idealisierten Meisters und Lehrlings. Aber keiner wagt es, dies offen anzusprechen. Alle wollen sich das ursprüngliche Bild erhalten. Schließlich sind alle zutiefst voneinander enttäuscht. Da sie sich selbst und dem anderen gegenüber ihre anfängliche Täuschung nicht eingestehen können, verfallen sie in stumme Verbitterung. Sie beginnen einander zu hassen, da der andere angeblich das hohe Ideal (das narzisstische Spiegelbild) zerstört hat. Nach endlosen Grabenkriegen kündigen sie das Verhältnis. Beide Seiten fühlen sich tief verletzt und verraten.

Solche narzisstischen Spiegelbeziehungen bestehen auch in anderen Lehrer-Schüler-Verhältnissen, etwa in der klassischen Führer-Gefolgschafts-Konstellation wie zwischen Freud und seinen begabtesten, später ausgestoßenen und als Abtrünnige verfemten Schülern oder zwischen Jesus und seinen Jüngern.

Erinnern wir uns: Beim letzten Abendmahl sagte Jesus zu seinen Jüngern: »Einer unter euch, der mit mir isst, wird mich verraten.« Da waren alle bestürzt und fragten ihn, einer nach dem anderen: »Meister, bin ich’s?« Bemerkenswert ist die Tatsache, dass sich keiner der Jünger sicher war, dass nicht er der Verräter sein würde. Alle idealisierten Lehrer-Schüler-Verhältnisse tragen das Potential des Verrats in sich. Aber was ist die Ursache für den späteren Verrat?

Phase 2: Entstehung von Zweifeln und Veränderungswünschen, die man aber verleugnet und tabuisiert

Keine Beziehung bleibt ideal. Das Kind wird erwachsen und strebt aus dem eng gewordenen Elternhaus. Die Faszination der ersten Liebe flaut ab und wird alltäglich. Der Schüler hat beim Lehrer oder Meister ausgelernt und möchte weiterziehen. Politische Ideale verblassen bei ihrer Umsetzung in die Realität.

Leben bedeutet Wandlung und Veränderung

Der Wunsch nach Wandel und Veränderung ist ganz natürlich und unvermeidlich. Wir entwickeln uns beständig weiter. Als Lebewesen sind wir in einen beständigen Prozess der Wandlung eingebettet. Es gibt kein Leben ohne Veränderung und Weiterentwicklung. Wir können nicht stehenbleiben.

In ständigem Wandel zu leben, ist jedoch nicht immer einfach. Denn: Weiterentwicklung bedeutet zugleich Aufbruch und Abschied von Altvertrautem. Weiterentwicklung kann dabei bedeuten, dass wir uns von unseren bisherigen Gewohnheiten, Beziehungen, unserer bisherigen Umgebung und auch von unserer bisherigen Identität verabschieden müssen. Jeder Neuanfang bringt auch unweigerlich den Abschied von Altvertrautem mit sich.

Uns trennen bedeutet immer trauern. Wenn wir trauern, durchleben wir eine Woge von zum Teil heftigen Gefühlen: Protest gegen die Veränderung, Wut, Schmerz und Verzweiflung. Der erste Schritt ist dabei meist der schwerste: überhaupt zu erkennen und sich einzugestehen, dass die bisherigen intimen Bindungen (zu Menschen, Orten, Gewohnheiten, Idealen) nicht oder nicht mehr gut sind für unsere Weiterentwicklung. Die notwendige Veränderung kann daher bedeuten, dass wir uns ganz von der bisherigen Beziehung trennen müssen oder dass sich zumindest die bisherige Beziehung ändern muss.

Ein Systemsprung wird notwendig

Wir nennen die Veränderung, die jetzt ansteht, einen Systemsprung. Das bedeutet, dass eine qualitative Veränderung der Beziehung notwendig wird. Nicht nur Teile des Systems, das gesamte System müsste sich ändern und erneuern. Es ist ein gewaltiger Schritt.

Wir stehen daher an diesem Punkt vor einer Entscheidung: Entscheiden wir uns für unsere eigene, persönliche Entwicklung, und setzen wir unsere Beziehung aufs Spiel? Oder entscheiden wir uns für die Beziehung, die uns bisher viel innere Stütze und Kraft gegeben hat, und verzichten auf die persönliche Entwicklung? Es ist eine sehr folgenreiche Entscheidung –entweder für die Treue zu sich selbst oder für die Treue zur Beziehung.

Nun muss sich beides nicht widersprechen. Denn eigentlich sind beide Loyalitäten füreinander unentbehrlich: Wenn ich nicht treu zu mir selbst bin, kann ich nicht ehrlich in der Beziehung sein. Und wenn ich in einer guten Beziehung bin, müsste meine persönliche Entwicklung auch für den Partner wichtig sein. Das heißt, wenn sich einer von uns beiden entwickelt, muss auch der andere sich entwickeln, ebenso die gemeinsame Beziehung. Der eigentliche Konflikt resultiert also gar nicht so sehr aus der falsch verstandenen Alternative »entweder ich oder wir«, sondern meist aus der Angst vor Veränderung.

Angst vor Veränderung, Angst vor Auseinandersetzung

Wir haben gesehen, dass die für einen Verrat anfällige Beziehung ursprünglich eine ganz intensive war. Es wurde darin zum ersten Mal Glück, Übereinstimmung und Halt erlebt. Man war so selig, dass man jemanden gefunden hatte, mit dem man sich in allem verstanden hat. Wir möchten, dass solch ein Glück ewig dauert: »Denn jedes Glück will Ewigkeit!« Daher haben wir eine panische Angst vor irgendeiner Veränderung der Beziehung: Schöner kann es doch nicht werden – also kann eine Veränderung nur eine Verschlechterung, womöglich eine Trennung, einen Bruch bedeuten.

Viele von uns, die zum ersten Mal ein solches Glück erleben, haben vorher Unglück erlebt. Wir haben Angst davor, dass wir aus dem Glück der jetzigen Beziehung in das bodenlose Unglück und in die Einsamkeit früherer Zeiten zurückfallen könnten. Deshalb klammern wir uns an die jetzige Beziehung. Wir wehren uns mit aller Kraft gegen eine Veränderung. Wir erklären deshalb den jetzigen Zustand für den allein gültigen und einzig möglichen. Wir erheben einen Absolutheits- und Ausschließlichkeitsanspruch. Veränderung – in welche Richtung auch immer – wird abgelehnt. Selbst das Denken daran wird verboten, geschweige denn, miteinander darüber zu sprechen. Veränderungen werden zum Tabu.

Phase 3: Innerer Verrat und innere Scheidung durch die Unterbrechung der Kommunikation

Aber genau hier findet der erste innere Bruch zwischen den Partnern statt. Wenn die Partner nicht mehr miteinander über das, was sie im Innersten bewegt, sprechen, wird die Kommunikation unterbrochen. Eine direkte Kommunikation von Wesenskern zu Wesenskern ist aber der Lebensnerv jeder lebendigen Beziehung. Mit der Unterbrechung der Kommunikation schneiden sich die Partner damit den Lebensdraht ihrer Beziehung ab. Sie erhalten zwar die äußere Struktur der Brücke zwischen ihnen aufrecht, aber sie gehen immer seltener darüber zur anderen Seite. Und wenn sie hinübergehen, tauschen sie nur Belanglosigkeiten aus, aber nicht mehr das, was wesentlich ist, vor allem nicht das, was ihre Beziehung belasten oder in Frage stellen könnte. Sie setzen sich nicht mehr auseinander.

Paradoxerweise zerstören viele Partner ihre Beziehung, indem sie versuchen, sie zu konservieren. Wie jede lebendige Struktur, zum Beispiel jede lebendige Pflanze, lässt sich eine lebendige Beziehung nicht auf dem Status quo konservieren. Eine lebendige Struktur entwickelt sich fort, stirbt teilweise ab und wächst weiter, bis sie ihren endgültigen Tod stirbt.

Unterschiede beleben eine Beziehung

Eine Beziehung ist wie ein lebendiger Muskel: Sie wird umso stärker und belastungsfähiger, je mehr sie beansprucht wird. Eine Beziehung, die durch regelmäßige, offene Kommunikation lebendig gehalten wird, hält auch stärkere Differenzen und Meinungsunterschiede aus. Unterschiede, die man ausspricht und versteht, vertiefen sogar das Verständnis füreinander. Dadurch, dass sich der eine Partner vom anderen unterscheidet, gewinnt er an Farbe, Gestalt, Statur. Er wird nicht nur geliebt, weil er dem anderen in allem ähnlich ist – sonst liebte man ja nur sein Spiegelbild –, sondern weil er eine unverwechselbare Persönlichkeit ist. Diese Unterschiedlichkeit anzuerkennen, bedeutet eine fortwährende, lebenslange Auseinandersetzung mit dem Partner. Man muss sich an ihm reiben, mit ihm streiten können.

Wenn wir aber Angst vor Unterschieden haben, vermeiden wir Differenzen. Wir halten den Mund, auch wenn wir anderer Meinung sind. Dadurch stirbt die Kommunikation langsam ab. Wir »schweigen« unsere Differenzen »tot«. Dieses Totschweigen dessen, was uns am Herzen liegt, ist der erste Verrat an der Beziehung. Hier, nicht später bei dem offenen Akt des Verrats, findet der eigentliche, der innere Verrat statt. Hier beginnt bereits die Beziehung zu sterben. Ab hier befindet sie sich im Siechtum – bis sie vielleicht durch den Akt des äußeren Verrats wieder aufgerüttelt wird.

Phase 4: Die Institutionalisierung der Beziehung durch einen gesellschaftlich sanktionierten Vertrag

Wenn wir vor irgendetwas Angst haben, halten wir den Atem an. Damit unterbrechen wir unsere innere Erregung, eine scheinbare Beruhigung tritt ein. Das gleiche geschieht, wenn wir das Denken über jegliche Veränderung abstellen. Die innere Unsicherheit kommt für eine kurze Zeit zum Stillstand. Man fühlt sich sicherer. Aber wir können nicht ewig den Atem anhalten. Ebenso wenig können wir unser Denken und unsere Gefühle einfach durch ein Stoppschild länger abstellen. Wie können wir dann aber sicher sein, dass uns die Unsicherheit und die Angst nicht wieder einholen?

Eine einfache Lösung wäre, den Status quo zu zementieren. Das heißt, wir können versuchen, die Beziehung so festzulegen, wie wir sie idealerweise haben wollen. Sie soll auf dem Höhepunkt ihrer Blüte stehenbleiben und sich nie mehr verändern. Getreu dem bekannten Ende vieler Märchen: »… und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage«. Kein Konflikt, kein Ehestreit, keine Scheidung.

Natürlich ahnen wir, dass das nicht geht. Wir sind ja erwachsene Menschen. Aber hier verbündet sich unsere Sehnsucht nach Ewigkeit mit unserer Angst vor Veränderung und spielt unserem Verstand einen Streich. Ab dem Hochzeitstag soll alles nur noch aufwärts gehen. Wir tauchen alles in Rosarot und bringen die kritische Stimme in uns zum Schweigen.

Nicht zufällig sehen wir uns nun die Eheschließung als Beispiel an. (Das Wort »Ehe-Schließung« scheint kennzeichnend für den hier beschriebenen Prozess zu sein. Die Beziehung wird wie in einem festen Gefäß eingeschlossen. Ihre Entwicklung ist damit abgeschlossen.) Heute besteht keine ökonomische Notwendigkeit zur Heirat mehr. Warum heiraten Menschen trotzdem? Es wäre denkbar, dass gerade Paare, die sich schon länger kennen, deshalb heiraten, weil sie sonst vor einer anderen qualitativen Veränderung ihrer Beziehung stehen würden. Möglicherweise steht eine tiefgreifende Veränderung in ihrer Beziehung an. Stattdessen heiraten sie. Aber warum?

Aus zwei Gründen:

1.    Aus der oben beschriebenen Angst vor Unsicherheit.

2.    Weil sie nach einem Band suchen, das sie noch fester zusammenbinden soll als ihre bisher ausschließlich emotionale Bindung. Deshalb soll es ein besonders verlässliches Band sein. Sie finden dieses Band in den gesellschaftlichen Institutionen.

Die Gesellschaftsordnung als Garant für die Beziehung

Nun kommt neben dem Paar der dritte Partner ins Spiel: die Gesellschaftsordnung. Sie ist ein sehr gewichtiger Partner – und das ist ja das, wonach das Paar sucht: ein starker, zuverlässiger Partner, der ihre Unsicherheit besänftigen soll. Hinter der Gesellschaftsordnung steht aber das Kollektivinteresse der Mitglieder der jeweiligen Gesellschaft, zumindest der herrschenden Mitglieder dieser Gesellschaft. Hier gewinnt der Faktor Macht an Bedeutung.

Eine Gesellschaft besteht aus einer Vielzahl von Menschen, die durch bestimmte Eigenschaften und Verhaltensweisen ihre Zugehörigkeit zu dieser Gesellschaft ausdrücken. Eine Familie gründet sich auf gemeinsame Kinder, ein Volk auf ethnische Gleichheit seiner Angehörigen, ein Staat auf seine Bürger, eine Kirche auf ihre Gemeindemitglieder. Das heißt, jede Gesellschaft benötigt Mitglieder, die sich durch ein oder mehrere eindeutige Merkmale auszeichnen. Keine Mitglieder – keine Gesellschaft.

Verzahnung von persönlicher und gesellschaftlicher Treue

Wirkliche Treue realisiert sich durch die intime Beziehung von Wesenskern zu Wesenskern. Die persönliche Beziehung zu einem nahen Partner trifft uns im Wesenskern. Hier sind wir am stärksten gebunden. Dies wissen die Institutionen. Deshalb benutzen Staat und Kirche diesen Weg der Absegnung von Beziehungen, um ihre Mitglieder durch eine persönliche Bindung an Menschen, die ihnen am nächsten stehen, an die Institution zu binden.

Hier treffen die Interessen der Partner, die eine Beziehung zementiert haben wollen, und die der Gesellschaft zusammen: Die Partner brauchen ein zuverlässiges Band für ihre Beziehung, während die Gesellschaft Mitglieder braucht, um sich überhaupt als Kollektiv konstituieren zu können. Eine geniale Idee: beide Interessen miteinander zu verknüpfen!

Die Verknüpfung geschieht durch die Institutionalisierung der Beziehung, das heißt durch die feierliche, ja, heilige Absegnung der Beziehung durch die Gemeinschaft. Wie geschieht dies nun im Einzelnen?

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Die Institutionalisierung der Beziehung vollzieht sich durch einen feierlichen Vertrag zwischen den drei Partnern: dem Beziehungspaar und der Gesellschaft.

Hier ist wichtig, festzuhalten: Es entsteht (zum Beispiel im Ehevertrag) nicht nur ein Vertrag zwischen zwei Personen, sondern ein Vertrag zwischen drei Parteien. Und was noch entscheidender ist:

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Die dritte Partei, die Gesellschaft, schreibt die Bedingungen dieses Vertrags vor! Aus der Beziehung wird eine »Bindung«. Es heißt deshalb: »Wir lassen uns trauen«, statt: »Wenn ich dir traue und du mir traust, benötigen wir keine weiteren Sicherheiten.«

Zwei der stärksten menschlichen Gemeinschaften sind der Staat und die Kirche. Die eine als Vertreter der weltlichen Macht, die andere als Vertreter der göttlichen und moralischen Macht. Der Staat bindet die Menschen durch die Gesetze. Die Kirche bindet die Menschen durch die Sakramente – heilige Handlungen zwischen Gott und dem betreffenden Menschen, überreicht durch den geweihten Vermittler, den Priester.

Die Gesetze des Staates und die Sakramente der Kirche sind für ihre Mitglieder die höchsten bindenden Verträge. Wenn eine Beziehung durch Staat und Kirche abgesegnet wird, steht sie unter den Vertragsnormen und Regeln beider Mächte. Sie wird dadurch unlösbar oder zumindest nicht lösbar ohne größeren Schaden für die Partner.

Jeder Vertrag wäre wertlos, wenn der Verstoß gegen den Vertrag nicht durch Sanktionen bestraft wird. Also bestehen für die Erhaltung der Bindung positive Sanktionen beziehungsweise Belohnungen, für die Verletzung oder den Bruch der Bindung negative Sanktionen oder Bestrafungen. (Im Wort »Sanktion« steckt das Wort »heilig«: Eine Sanktion bedeutet also eine »heilige Belohnung oder Bestrafung«.)

Ein Vertragsbruch wird als schwerer Verstoß, als Verrat (Treuebruch) nicht nur gegen den Einzelpartner, sondern gegen die gesamte Gemeinschaft (hier: gegen Staat und/oder Kirche) verstanden und unnachgiebig – durch die gesamte Gemeinschaft – geahndet. Die schwerste Strafe (außer der Todesstrafe) stellt der Ausschluss aus der Gemeinschaft dar: Der Staat bürgert den Verräter aus, die Kirche exkommuniziert ihn, das heißt, schließt ihn von den heiligen Sakramenten aus, also aus der direkten Kommunikation mit Gott!

Oft sind die Normen, die von Kirche und Staat aufgestellt werden und in den Verträgen festgelegt sind, äußerst verhärtet, inflexibel, ja als Dogma, also als unfehlbare, unantastbare, nicht hinterfragbare Grundwahrheit festgelegt, beim Staat beispielsweise mit der »freiheitlich demokratischen Grundordnung«, dokumentiert durch das Grundgesetz, in der Kirche durch ihre Dogmen. Hier werden von den Mitgliedern erhobene Zweifel nicht durch einen Diskurs oder durch rationale Argumente oder Beweise beantwortet, sondern durch eine autoritative Erklärung von der höchsten Autorität der Gemeinschaft zum Schweigen gebracht. Zweifel seitens der Mitglieder werden mit einem Denkverbot belegt. Dieses Denkverbot ergänzt auf der innerpsychischen Ebene die sozialen Sanktionen.

Individualisierung des Konflikts

Gewissenskonflikte werden damit individualisiert, also in den einzelnen hineinprojiziert. Probleme des Systems werden zu individuellen Problemen gemacht, sodass der einzelne die Verantwortung für das Ganze übertragen bekommt. Dies bringt ihn in schwere Scham- und Schuldgefühle, die er jedoch allein durchzustehen hat, ohne Verständnis und Beistand von außen. Und wenn ein einzelner daran zerbricht oder die Bindung sprengt, wird er automatisch zum Übeltäter und Verräter abgestempelt und verfolgt.

Durch das Bündnis mit »Gott und der Welt« erhalten die Partner einen allzeit gültigen Vertrag, der sowohl die Vertragserfüllung als auch den Vertragsbruch (»Verrat«) regelt. Da die Verträge zwischen den Partnern und dem Staat beziehungsweise der Kirche geschlossen werden, haben sie eine größere Tragweite, als wenn die Verträge nur zwischen den beiden Partnern abgeschlossen würden. Der Faktor Macht kommt ins Spiel.

Ein Vertragsbruch wiegt dadurch ungemein schwerer. Er richtet sich nicht nur gegen den Partner, sondern auch gegen Staat und Kirche. Dass für Staat und Kirche die Institutionalisierung von Beziehungen wichtig ist, sehen wir am Beispiel der Ehe.

Ehe bedeutet die rechtsverbindliche Bindung zum Ehepartner, die Aufnahme in die Verwandtschaft des Partners und die Aufnahme der Beziehung in die staatliche und kirchliche Gemeinschaft: »Ehe und Familie genießen den besonderen Schutz des Staates«, in der katholischen Kirche gilt die Eheschließung als Sakrament.

Diese Verträge werden vor der Gemeinschaft, zuweilen sogar vor göttlicher Autorität besiegelt und abgesegnet, wie in der kirchlichen Eheschließung, die unlösbar ist, da sie »vor Gott« geschlossen wurde. Die Beteiligten leisten darin einen Treueschwur oder -eid, der sie lebenslang bindet (»bis dass der Tod euch scheidet!«). Dieses Versprechen wird auch durch einen schriftlichen Vertrag förmlich besiegelt. Er ist, bei Taufe und Heirat, mit der Namensgebung verbunden. (Mit der Namensgebung wird tatsächlich eine neue Identität erschaffen. Aus »Trude Weiß« wird zum Beispiel eine »Frau Schwarz«. Die alte Identität erlischt in allen amtlichen Unterlagen. Oft wird ein äußerlich sichtbares Zeichen dieser Verbindung überreicht und soll fortan am Körper getragen werden (zum Beispiel der Ehering.)

Durch solche Versprechen bindet sich der Einzelne an die staatliche und kirchliche Gemeinschaft, die sich erst durch solche verpflichtenden Mitgliedschaften konstituieren kann. Institutionalisierte persönliche Bindungen stellen also die Grundlage der gesellschaftlichen und religiösen Ordnung dar. Es stehen überaus große, über-individuelle Interessen und Kräfte im Hintergrund, wenn ein Mensch solche Bindungen eingeht. Diese Bindungen verpflichten ihn zur Treue gegenüber der sittlich-religiösen-politischen Gemeinschaft.

Die Zeugen

Beteiligt sind aber nicht nur Vertreter der offiziellen Gesellschaft, des Staates und der Kirche, sondern auch Freunde, Verwandte und Kollegen.

Einige davon sind bei dem feierlichen Akt als Zeugen zugegen. Bei der Eheschließung sind die Trauzeugen sogar als ein vertragsmäßiger Bestandteil in die Zeremonie eingebaut.

Zu Luthers Zeiten war es noch üblich, dass die Trauzeugen dem ersten ehelichen Beischlaf beiwohnten, um dies der Gemeinschaft gegenüber zu bezeugen. Das blutige Bettleinen wurde aus dem Fenster gehängt, um öffentlich zu zeigen, dass der eheliche Akt nicht nur auf dem Papier, sondern auch im Bett vollzogen worden war (und dass die Frau Jungfrau gewesen war – ein für das patriarchalische System wichtiges Merkmal der Treue).

Zeugen – seien es Freunde, Verwandte oder Nachbarn – spielen eine erhebliche Rolle in der Überwachung der ehelichen Beziehung. Ihre Reaktion auf das Verhalten der Eheleute bestärkt diese in der Erfüllung ihrer ehelichen Pflichten. Die Einhaltung der Normen einer ordentlichen intimen Beziehung wird hier zur öffentlichen Pflicht erhoben, die von unzähligen Augenpaaren überwacht wird. Der intimste persönliche Bereich wird auf diese Weise vergesellschaftet und dem Blick und dem Urteil der Öffentlichkeit preisgegeben.

Was geschieht zum Beispiel bei einem Paar, das ein bis zwei Jahre nach der Eheschließung noch kein Kind vorzuweisen hat? Es wird zunächst diskret und verschlüsselt von Freunden und Verwandten danach gefragt, ob »alles in Ordnung« sei. Nach drei, vier, fünf Jahren Kinderlosigkeit wird allen offenkundig, dass »etwas nicht stimmt«. Es wird nunmehr öffentlich darüber diskutiert. Das Paar wird direkt mit dieser Un-Normalität konfrontiert. Ungebetene Ratschläge werden gegeben, Adressen und Tipps zur Behebung des »Mangels« werden angeboten.

Wir sehen: Nicht nur die Vertreter der offiziellen Kirche und des Staates überwachen die Einhaltung der Beziehung, sondern vor allem die Menschen, mit denen das Paar täglich zu tun hat. Spätestens bei einem Verstoß gegen die eheliche Ordnung, zum Beispiel bei einer Trennung oder der Aufnahme einer anderen Beziehung, wird die Macht der ganzen Überwachung offen zutage treten. Eheliche Untreue (von Seiten der Frau) kann nach moslemischer Sitte mit dem Tod durch öffentliche Steinigung bestraft werden. In Österreich und der Schweiz kann Ehebruch heute noch auf Verlangen des Partners bestraft werden.

Verzahnung von persönlicher und gesellschaftlicher Treue

Gegenüber solch starken gesellschaftlichen Kräften kommt uns die persönliche Bindung, die der einzelne eingeht, fast als nebensächlich vor. Doch ist das persönliche Treueverhältnis nicht lösbar von der sozialen Treueverpflichtung. Beides ist nahezu nahtlos ineinander verzahnt. Das Ansehen, das Selbstbewusstsein und die Identität, die man zum Beispiel in der Ehe als Ehemann oder Ehefrau genießt, sind untrennbar verknüpft mit dem entsprechenden gesellschaftlichen Ansehen und der zugehörigen sozialen Position. Es ist niemandem völlig gleichgültig, ob er mit einer angesehenen Person verheiratet ist oder mit einer aus einer abgelehnten Minderheit. Es ist niemandem völlig gleichgültig, ob er als glücklich Verheirateter angesehen wird oder als »glücklich Geschiedener«. Alle diese verschiedenen Positionen beinhalten ein unterschiedliches Fremd- und Selbstbild, unabhängig davon, wie die persönliche Beziehung zum Ehepartner tatsächlich ist.

Phase 5: Innere Gewissenskonflikte des potentiellen »Verräters« und systemimmanente Reformversuche