Die Kunst, erwachsen zu sein - Dr. Victor Chu - E-Book

Die Kunst, erwachsen zu sein E-Book

Dr. Victor Chu

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Beschreibung

BIN ICH DENN RICHTIG ERWACHSEN? Warum fühlen wir uns manchmal klein und hilflos, obwohl wir schon längst erwachsen sind? Was hindert uns daran, unser eigenes Leben in die Hand zu nehmen und tiefe Beziehungen aufzubauen? Die Gründe liegen häufig in der Kindheit, in der wir von den Eltern alleingelassen, abgelehnt oder idealisiert worden sind. Das führt zu Selbstzweifel und Ängsten, Scham und Schuldgefühlen. Victor Chu zeigt, wie man sich mit der Vergangenheit aussöhnt und den eigenen Platz im Leben findet. Damit erleichtert man auch den eigenen Kindern, erwachsen zu werden. "Der Arzt und Diplom-Psychologe Victor Chu hat die Gabe, das vielschichtige und widersprüchliche seelische Geschehen in klaren und einfachen Worten auf den Punkt zu bringen. Beeindruckend ist auch, wie er die psychologische Tiefe des bekannten Kinderliedes 'Hänschen klein' auslotet und insgesamt eine zuversichtliche, an spirituellen Werten orientierte Grundhaltung vermittelt." (Stephan Schmidt)

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Seitenzahl: 315

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Victor Chu

Die Kunst, erwachsen zu sein

Wie wir uns von den Fesseln der Kindheit lösen

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Victor Chu

Die Kunst, erwachsen zu sein

Wie wir uns von den Fesseln der Kindheit lösen

Alle in diesem Buch enthaltenen Angaben, Daten, Ergebnisse usw. wurden vom Autor nach bestem Wissen erstellt und von ihm mit größtmöglicher Sorgfalt überprüft. Gleichwohl sind inhaltliche Fehler nicht vollständig auszuschließen. Daher erfolgen die Angaben etc. ohne jegliche Verpflichtung oder Garantie des Verlags oder des Autors. Beide schließen deshalb jegliche Verantwortung und Haftung für etwaige inhaltliche Unrichtigkeiten aus, es sei denn im Falle grober Fahrlässigkeit.

Impressum:

© 2014 Dr. Victor Chu

Neuauflage

Erstauflage: Kösel-Verlag 2001

Taschenbuchausgabe Goldmann 2010

Umschlaggestaltung: UlinneDesign, Ulrike Linnenbrink, Neuenkirchen

Umschlagfoto: © Anton Prado PHOTO – Fotolia.com

Korrektorat und Satz: Angelika Fleckenstein; spotsrock.de

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN:

978-3-8495-9511-1 (Paperback)

 

978-3-8495-9512-8 (Hardcover)

 

978-3-8495-9513-5 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Die Kunst, erwachsen zu werden

»Bin ich denn richtig erwachsen?«

Hänschen klein oder: Wie wird man richtig erwachsen?

Die Fesseln der Kindheit lösen

Hindernisse im Erwachsenwerden

Angst vor dem Leben – Wenn man als Kind allein gelassen wurde

Helfen als Lebenszweck – Wenn man als Kind für seine Eltern sorgen musste

Angst vor Nähe oder: Aschenputtel und die Sehnsucht, endlich erkannt zu werden

Als Außenseiter draußen vor der Tür stehen – Wenn man von seinen Eltern abgelehnt wurde

Leerer Glanz – Wenn man von seinen Eltern idealisiert wurde

Einzeltherapien und Familienaufstellungen als Möglichkeit, sich aus alten Bindungen zu seinen Eltern zu lösen

Wenn Kinder Scham- und Schuldgefühle von ihrer Familie übernehmen

Täter und Opfer: Was erleben sie? Was verbindet sie?

Tote in der Familie – Vervollständigen, was fehlt

Was können Eltern tun, damit sie möglichst wenig Last an ihre Kinder weitergeben?

Unseren Platz im Leben finden

Liebe, Sexualität und Partnerschaft

Beruf und Berufung

Geld und Erwachsenwerden

Die volle und die leere Tasse – Leben mit der Vergänglichkeit

Ausblick: Ein Wegweiser fürs Erwachsenwerden

Literaturhinweise

Einleitung

Vor vielen Jahren hat meine Frau unseren Kindern das Lied »Hänschen klein« vorgesungen. Aber sie sang nicht die bekannte Version, die mit »Hänschen klein, ging allein, in die weite Welt hinein« anfängt und mit »Doch die Mutter weint so sehr, hat ja gar kein Hänschen mehr. Da besinnt sich das Kind, läuft nach Haus geschwind« endet.

Nein, sie sang eine längere Version, und als sie fertig war, fragte ich sie überrascht, woher sie diese denn habe. Sie sagte ganz selbstverständlich: »Diese hier ist die ursprüngliche Version. Die, die üblicherweise gesungen wird, ist eine verkürzte, sozusagen eine pädagogische Version, um die Kinder dazu zu bringen, brav nach Hause zu kommen. Aber im ursprünglichen Lied geht es darum, dass das Kind frei ins Leben gehen kann. Die Mutter darf natürlich weinen, aber das soll das Kind nicht daran hindern, sein Leben zu leben! Im ursprünglichen Lied geht es um Muttertreue, in der uns bekannten Fassung wird sie zur Kindertreue verdreht. Ich benutze das Lied auch in meiner Arbeit mit Klienten, wenn ich das Gefühl habe, sie bleiben in ihrer Beziehung zu den Eltern hängen.«

Ich suchte in den Liederbüchern nach. Die meisten enthalten die uns bekannte Kurzversion. Aber in einigen wenigen ist tatsächlich die ursprüngliche Fassung zu finden.

Ich las diese Langversion einigen Freunden vor. Jedes Mal waren sie vom Text ergriffen. Alle diese Menschen, die schon lange erwachsen sind, sagten: »Jetzt begreife ich, was das Erwachsenwerden eigentlich bedeutet.«

Ich fing an, wie meine Frau das Lied in meiner Arbeit mit Klienten anzuwenden, wenn jemand in seinem Leben nicht vorankommt und das Gefühl hat, er stecke fest. Einige unter ihnen erkennen auf einmal, was sie bisher in ihrer Entwicklung festgehalten hat, etwa, dass sie bisher (real oder im Herzen) bei ihren Müttern oder Vätern geblieben sind, weil diese so traurig werden, wenn sie fortgehen. Das neue Lied aber eröffnet ihnen eine ganz andere Lebensperspektive, zusammen mit einem ganz neuen Verhältnis zu ihren Eltern.

Hier also die ursprüngliche Fassung des Liedes. Sie fängt auch mit »Hänschen klein, ging allein« an und lässt sich mit der bekannten Melodie singen:

Hänschen klein

Hänschen klein, ging allein,

in die weite Welt hinein,

Stock und Hut stehn ihm gut

ist ganz wohlgemut.

Aber Mutter weinet sehr

hat ja nun kein Hänschen mehr.

Wünsch’ dir Glück, sagt ihr Blick,

kehr nur bald zurück.

Sieben Jahr, trüb und klar,

Hänschen in der Fremde war,

da besinnt sich das Kind,

eilet heim geschwind.

Doch nun ist’s kein Hänschen mehr,

nein, ein großer Hans ist er;

Stirn und Hand braun gebrannt,

wird er wohl erkannt?

Eins, zwei, drei gehen vorbei,

wissen nicht, wer das wohl sei.

Schwester spricht: »Welch Gesicht!«

Kennt den Bruder nicht.

Kommt daher die Mutter sein,

schaut ihm kaum ins Aug’ hinein,

ruft sie schon: »Hans, mein Sohn!

Grüß dich Gott, mein Sohn!«1

Was hat es mit dieser Fassung genau auf sich? Dieser Frage werde ich versuchen, in diesem Buch nachzugehen.

Einige Zeit später lernten meine Frau und ich die systemische Therapie nach Bert Hellinger kennen, auch als »Familienaufstellung« oder »Familien-Stellen« bekannt. Sie gab uns das theoretische und praktische Rüstzeug in die Hand, um die inneren Knoten zu lösen, die durch ein Festgehaltensein (Fixierung) an die Kindheit entstehen. Zwei Jahre lang übten wir diese neue Methode mit anderen Kolleginnen und Kollegen an unserer eigenen Person, dann fingen wir Mitte der 1990er-Jahre an, die Familienaufstellung mit unserer therapeutischen Arbeit mit Einzelklienten zu kombinieren. Wir sahen, wie sich die Einstellung der Klienten zu ihrer Herkunftsfamilie änderte und wie dies ihr jetziges Leben und ihre heutigen Beziehungen positiv beeinflusste. Mit diesen Langzeitbeobachtungen gewannen wir wertvolle Einsichten in die Dynamik, die sich in Familien abspielt.

In der Familienaufstellung sehe ich eine bemerkenswerte Möglichkeit, alte Konflikte mit unserer Ursprungsfamilie zu lösen und uns endlich mit unseren Eltern zu versöhnen, damit wir den Platz im Leben finden, der zu uns passt. Dadurch klären sich auch viele gegenwärtige Probleme, etwa in unseren Liebesbeziehungen, in der Beziehung zu unseren Kindern und in Arbeit und Beruf, soweit sie ihren Ursprung in ungelösten Knoten aus unserer Herkunftsfamilie haben. Auch viele psychisch bedingte und chronische Krankheiten werden in ihrem Zusammenhang mit unserer Familiengeschichte verständlich und nehmen einen positiveren Verlauf. Eine ausführliche Darstellung des Familienstellens finden Sie in: Victor Chu: Neugeburt einer Familie. Familienstellen in der Gestalttherapie. Wuppertal 2008.

In diesem Buch beschreibe ich familiär bedingte Konflikte, die uns in unserer Entwicklung festhalten – Probleme in Liebe und Partnerschaft, übermäßige Ängste, Scham- und Schuldgefühle, bis hin zu Schwierigkeiten im Umgang mit Geld und Beruf.

Soweit es in diesem Rahmen möglich ist, werde ich anhand von Beispielen darstellen, wie bestimmte Probleme in der Familienaufstellung bearbeitet werden. Wirklich begreifen kann man diese Arbeit aber eigentlich erst, wenn man an einer Familienaufstellung teilnimmt. Dieses Buch kann einen kleinen Vorgeschmack darauf geben.

Die Beispiele in diesem Buch sind alle frei konstruiert, sie beziehen sich nicht auf bestimmte reale Personen. Sie sind jedoch realistisch in dem Sinne, dass sie sich mosaikhaft aus den vielen Erfahrungen zusammensetzen, die ich beruflich gemacht habe. Die Beispiele sind so formuliert, dass sich die Leser mit ihnen identifizieren können. Es geht mir nicht darum, konkrete Fälle wiederzugeben, sondern darum, seelische Vorgänge so zu beschreiben, dass sie von den Leserinnen und Lesern nachvollzogen werden können.

Ein ganz wichtiges Anliegen ist es mir, darüber nachzudenken, wie wir unseren Kindern helfen können, sich gut von uns Eltern zu lösen. Wie schaffen wir es, unsere eigenen Probleme nicht auf unsere Kinder zu übertragen? Was tun wir, wenn unsere Kinder »mit Stock und Hut« ins Leben losmarschieren? Auf diese Fragen werde ich jeweils am Ende der Kapitel eingehen. Das Lied »Hänschen klein« wird uns dabei begleiten, weil hierin ein Schlüssel zum Verständnis des Themas dieses Buches zu finden ist.

1 Aus: Bodo von Petersdorf (Hrsg.): Deutscher Liederschatz. Band 5. Kinderlieder, Augsburg: Weltbild (o.J.), S. 69. Die Kurzfassung finden Sie zum Beispiel in: Ernst Klusen (Hrsg.): Deutsche Lieder, Frankfurt/M.: Insel 1980

Die Kunst, erwachsen zu werden

»Bin ich denn richtig erwachsen?«

Kennen Sie auch dieses Gefühl? Sie sind schon lange erwachsen, haben vieles im Leben erreicht, sind geachtet und angesehen – und auf einmal beschleicht Sie das seltsame Gefühl, Sie seien gar nicht so erwachsen, wie Sie nach außen hin erscheinen. Sie fühlen sich klein und unsicher, so, wie Sie sich einst als Kind gefühlt haben. Eine harmlose Bemerkung Ihres Vorgesetzten bringt Sie völlig aus der Fassung. In einem belanglosen Gespräch fangen Sie zu stottern an und werden rot wie früher als Teenager. Eine kleine Auseinandersetzung mit Ihrem Partner versetzt Sie in archaische Wut oder bodenlose Einsamkeit und Sie fühlen sich wie ein verlorenes Kind. Eine Begegnung mit einem Fremden lässt in Ihnen eine tiefe, längst vergessene Sehnsucht wie eine schmerzliche Wunde aufbrechen. Bei einem Streit mit Ihren Kindern bekommen Sie das entsetzliche Gefühl, genauso barsch und ungerecht zu handeln wie einst Ihre Eltern.

In solchen Momenten fühlen Sie sich alles andere als erwachsen und souverän. Nein, Sie kommen sich so hilflos und dumm vor wie in den schlimmsten Zeiten Ihrer Kindheit. Sie fühlen sich beziehungsunfähig, abgeschnitten von Ihrer Umwelt, können nicht mehr zu sich und Ihrer Meinung stehen. Und tief innen schämen Sie sich vor sich selbst.

Was passiert in solchen Situationen mit uns? Wieso geht unser Gefühl von Souveränität in diesen Zeiten verloren? Warum wird unser Selbstbewusstsein auf einmal so brüchig?

Zum Glück sind solche Momente der Selbstzweifel meist nicht von Dauer. Am nächsten Tag stellen wir erleichtert fest, dass wir wieder Boden unter den Füßen spüren. Manchmal geraten wir aber durch solche scheinbar belanglosen Situationen unversehens in eine richtige Lebenskrise. Wir erkennen plötzlich, dass wir in unserer persönlichen Entwicklung stecken geblieben sind: Wir sind beruflich nicht weitergekommen, während andere Karriere machen. Wir sind allein geblieben, während unsere Freunde und Freundinnen heiraten und Familien gründen. Wir kommen nicht los von unseren Eltern. Wir fühlen uns gefesselt von schlechten Gewohnheiten und Süchten. In unseren Beziehungen drehen wir uns ständig im Kreise.

Das Erwachsenwerden ist ein langsamer Reifungsprozess

In solchen Momenten begreifen wir, dass das Erwachsenwerden gar nicht so einfach ist, wie wir es uns einst beim Erreichen der Volljährigkeit vorgestellt haben. Es ist eher ein allmählicher Reifungsprozess, der mit vielen Höhen und Tiefen verbunden ist. Wie auf einer Treppe gehen wir von einer Stufe zur nächsten, und manche Lebenskrisen weisen uns darauf hin, dass wir vielleicht mit etwas Früherem noch nicht fertig geworden sind. Dann müssen wir eben stehen bleiben und uns mit dem Unvollendeten befassen. So können Krisen auch eine Chance sein, uns weiterzuentwickeln. Wir kehren wieder zu uns selbst zurück, wir gehen in uns und spüren nach: Was brauche ich für meinen nächsten Schritt? Habe ich auf meinem bisherigen Weg etwas übersehen, was nun meine Aufmerksamkeit fordert? Wohin ruft es mich?

Lebensfragen

So gesehen wirft die Frage »Bin ich denn richtig erwachsen?« ein Licht auf uns selbst. Sie beleuchtet, wie ein vielflächiger Spiegel, die unterschiedlichsten Seiten unseres Selbst. Sie macht uns aufmerksam auf wesentliche Bereiche unseres Lebens. Wenn wir genauer hinschauen, können wir möglicherweise folgende Lebensfragen entdecken:

❖  Ich will erwachsen sein. Warum verhalte ich mich aber in bestimmten Situationen wie ein Kind? Will ich überhaupt erwachsen sein? Warum habe ich manchmal Angst vor dem Leben?

❖  Ich bin schon längst volljährig. Aber warum fühle ich mich manchmal nicht meinem Alter entsprechend? Mal habe ich das Gefühl, viel jünger zu sein, als ich wirklich bin, mal fühle ich mich steinalt.

❖  Ich möchte frei sein. Aber habe ich mich wirklich vom Elternhaus gelöst? Wieso fühle ich mich immer noch so abhängig von meinen Eltern? Warum kann ich ihre Nähe nicht ertragen? Warum fühle ich mich nicht frei, selbst wenn ich weit weg von ihnen lebe?

❖  Einen Liebespartner zu finden wäre für mich das größte Glück. Warum klappt es aber bei mir mit der Liebe nicht? Wieso habe ich keine gute und dauerhafte Partnerschaft?

❖  Ich bemühe mich, meine Kinder anders zu erziehen, als meine Eltern es getan haben. Sie sollen es einmal besser haben. Warum habe ich aber manchmal das Gefühl, mit meinen Kindern die gleichen Fehler zu machen, wie ich sie von meinen Eltern her kenne?

❖  Warum kann ich nicht richtig für mich sorgen? Warum venachlässige ich mein Äußeres und Inneres? Warum behandle ich meinen Körper so stiefmütterlich? Warum kümmere ich mich nicht darum, dass ich gut und regelmäßig esse, dass ich mich gepflegt kleide, dass ich ein gemütliches Zuhause habe?

❖  Ich möchte das Leben genießen, ich möchte mit Lust und Leidenschaft leben. Was hindert mich daran, freudig und spontan aufs Leben zuzugehen?

❖  Wenn es mir gut geht, strotze ich vor Energie. Aber das geschieht so selten. Wieso laufe ich auf halber Kraft?

❖  Wieso bin ich so oft krank, obwohl mir die Ärzte sagen, ich hätte nichts?

❖  Warum komme ich von schlechten Gewohnheiten und manchem Suchtverhalten nicht los, obwohl sie mich schon lange stören?

❖  Ich möchte auf mich stolz sein können. Warum bin ich aber oft so unzufrieden mit mir selbst? Warum überfallen mich immer wieder Scham- und Schuldgefühle?

❖  Ich möchte eine schöne und befriedigende Sexualität leben. Weshalb empfinde ich aber die Sexualität als etwas Lästiges, Schmutziges oder Erniedrigendes und nicht als Erfüllung? Was ist das überhaupt – sexuelle Erfüllung? Kann ich so etwas je für mich finden?

❖  Warum gelingt es mir nicht, Freundschaften und andere soziale Beziehungen aufzubauen?

❖  Warum schaffe ich es nicht, meine Ausbildung abzuschließen, obwohl ich nicht dumm bin?

❖  Mein Beruf ist mir wichtig. Warum bin ich aber im Beruf so unzufrieden? Wieso komme ich nicht voran? Warum bekomme ich nicht die Anerkennung und den Lohn, den ich verdiene?

❖  Ich bin nicht unbegabt und habe einige Talente und Fähigkeiten. Warum kann ich sie nicht voll ausschöpfen?

❖  Ich möchte im Leben einiges, was mir wichtig ist, verwirklichen. Weshalb habe ich aber oft das Gefühl, auf der Stelle zu treten und nicht vorwärts zu kommen? Manchmal habe ich den Eindruck, mir selbst im Wege zu stehen.

❖  Ich möchte wissen, was der Sinn meines Lebens ist. Wo ist mein Platz im Leben?

❖  Ich möchte in Zufriedenheit alt werden. Warum habe ich aber so große Angst vor dem Älterwerden und dem Tod?

Sie werden gemerkt haben: Es sind ganz wesentliche Lebensfragen, die durch das Thema des Erwachsenwerdens berührt werden. Auch wenn Sie das Gefühl haben, Sie hätten keine Zeit, Sie wären im Alltag mit vielen anderen Dingen beschäftigt – es lohnt sich, ab und zu innezuhalten und sich die Zeit zu nehmen, sich Ihren Lebensfragen zu stellen, auch wenn es zunächst schwierig oder unbequem erscheinen mag. Sie werden neue Einsichten in Ihr bisheriges Leben gewinnen. Sie werden mehr Kraft für Ihren weiteren Weg finden. Der Kontakt zu Ihrer Umwelt wird sich vertiefen und Ihre Beziehungen werden reicher werden. Und möglicherweise können Sie Ihrem Leben eine neue Richtung geben.

Hänschen klein oder: Wie wird man richtig erwachsen?

Eine junge Frau hat einen schönen Beruf, ist beliebt und hat seit Jahren einen festen Freund. Sie hat eigentlich alles, was das Herz begehrt. Aber irgendetwas fehlt. Sie fühlt sich unfrei. Ihre Gedanken gehen oft zu ihrer Mutter, die seit dem Tod ihres Vaters alleine lebt, eine Stunde Autofahrt von der Tochter entfernt.

Der Mutter geht es auch nicht schlecht. Sie ist Rentnerin und hat ihren Bekanntenkreis. Aber mit der Tochter muss sie jeden Abend telefonieren. Sie sprechen eigentlich über Belangloses, was sie am Tag so erlebt haben. Die Mutter fragt die Tochter des Öfteren, ob sie nicht mal heiraten will. Möchte sie denn keine Kinder haben? Die Tochter gibt immer ausweichende Antworten.

Die Mutter hatte es in der Kindheit schwer gehabt. Sie hatte nach dem frühen Tod ihrer Mutter unter ihrer Stiefmutter gelitten und war froh, als sie das Elternhaus verlassen und heiraten konnte. Ihr Mann nahm ihr vieles ab. Über die Geburt der einzigen Tochter hat sie sich sehr gefreut. Nun fühlte sie sich endlich nicht mehr so allein. Nach dem Tod des Mannes wurde die Tochter ihre rechte Hand. Sie half der Mutter, wo sie nur konnte. Nach dem Schulabschluss zog sie wegen eines Ausbildungsplatzes in die Stadt. Lieber wäre die Tochter daheim bei der Mutter geblieben. Sie bildeten so eine natürliche Einheit. Ihren Freund hat sie zwar seit langem, doch wenn sie ehrlich ist, steht er für sie erst an zweiter Stelle.

Die Mutter wird langsam alt. Die Tochter hat vor, sie zu sich zu nehmen, ihre Wohnung ist ja groß genug. Da stirbt die Mutter plötzlich an den Folgen eines Schlaganfalls. Die Tochter ist schockiert. Sie hat die wichtigste Person verloren, die sie je hatte. Selbst ihr Freund kann sie nicht über den Verlust trösten.

Wenn ich an das Erwachsenwerden denke, kommt mir oft das Kinderlied »Hänschen klein« in den Sinn. In der Einleitung habe ich schon erwähnt, dass das Lied zwei Versionen hat. Hier möchte ich beide Fassungen genauer miteinander vergleichen, um daraus Rückschlüsse übers Erwachsenwerden zu ziehen.

Zunächst die Kurzversion, die wohl allen bekannt ist, entnommen dem Insel-Buch: Deutsche Lieder:

Hänschen klein, ging allein

in die weite Welt hinein.

Stock und Hut stehn ihm gut,

wandert wohlgemut.

Doch die Mutter weint so sehr,

hat ja gar kein Hänschen mehr.

Da besinnt sich das Kind,

läuft nach Haus geschwind.

Das Kind möchte nicht, dass die Mutter weint. Der Abschiedsschmerz der Mutter lässt das Kind umkehren und auf die weite Welt, aufs Abenteuer, aufs Erwachsenwerden verzichten. Braves Kind! »Hänschen klein« ist damit ein Beweis für die Kindestreue. Dieses Lied ist jedoch eine verkürzte Version der ursprünglichen Fassung. Die Kürzung ist so geschickt vorgenommen worden, dass der Zuhörer gar nicht merkt, dass da etwas fehlen könnte. Durch die Kürzung ist aber die Aussage des Liedes diametral ins Gegenteil verkehrt worden, sodass man in gewisser Weise von einer Fälschung sprechen könnte. Hier deshalb nochmal die vollständige Version:

Hänschen klein, ging allein,

in die weite Welt hinein,

Stock und Hut steht ihm gut

ist ganz wohlgemut.

Aber Mutter weinet sehr

hat ja nun kein Hänschen mehr.

Wünsch’ dir Glück, sagt ihr Blick,

kehr nur bald zurück.

Sieben Jahr, trüb und klar,

Hänschen in der Fremde war,

da besinnt sich das Kind,

eilet heim geschwind.

Doch nun ist’s kein Häschen mehr,

nein, ein großer Hans ist er;

Stirn und Hand braun gebrannt,

wird er wohl erkannt?

Eins, zwei, drei gehen vorbei,

wissen nicht, wer das wohl sei.

Schwester spricht: »Welch Gesicht!«

Kennt den Bruder nicht.

Kommt daher die Mutter sein,

schaut ihm kaum ins Aug’ hinein,

ruft sie schon: »Hans, mein Sohn!

Grüß dich Gott, mein Sohn!«

Warum wurde das Lied wohl gekürzt? Dazu vorab eine erste Frage an Sie: Wenn Sie Eltern sind (wenn Sie keine Kinder haben, stellen Sie sich vor, Sie wären Mutter oder Vater), welche Version würden Sie Ihrem Kind lieber vorsingen? Warum?

Und eine zweite Frage: Wenn Sie sich zurückerinnern, wie Sie als Kind waren, welche Version würden Sie lieber von Ihrer Mutter vorgesungen bekommen? Warum? Welche Fassung hätten Sie gerne als Zweijährige/r gehört? Welche würden Sie mit 10 oder 14 Jahren bevorzugen?

Schauen wir uns das Ende der ersten Strophe, das herausgekürzt wurde, genauer an:

Aber Mutter weinet sehr

hat ja nun kein Hänschen mehr.

Wünsch’ dir Glück, sagt ihr Blick,

kehr nur bald zurück.

Im ersten Satz des Liedes deutet sich der Konflikt zwischen Hänschen und seiner Mutter an: Hänschen ist wohlgemut und geht stolz mit Stock und Hut, den Zeichen seines Mannseins, in die weite Welt hinaus. »Aber Mutter weinet sehr, hat ja nun kein Hänschen mehr.« Die Mutter trauert um ihr kleines Hänschen – eine sehr verständliche Trauer, die jede Mutter und jeder Vater kennt: Das Kind wächst heran, wird selbstständig und verlässt das Elternhaus.

Weggehen und Zurückkehren – die natürliche Bewegung des Kindes

Das Weggehen ist eine der Grundbewegungen eines jeden Kindes: Wenn es von den Eltern genug bekommen hat, was es braucht, macht es sich auf – zu anderen Kindern, zum anderen Geschlecht oder was auch immer es interessiert. Ein Kind großzuziehen bedeutet ein wunderbares Glück, aber es ist ein Glück, von dem man sich immer wieder verabschieden muss, weil das Kind sich ständig weiterentwickelt. Es bleibt nicht immer so klein und süß, und irgendwann wird es in die weite Welt aufbrechen.

Nur: Normalerweise kehrt das Kind zurück! Dies geschieht bereits mit dem Kleinkind, das krabbeln lernt. Es krabbelt weg, schaut sich zur Mutter um und lacht. Dann krabbelt es gleich wieder zurück in den Mutterschoß. Es ist eine Kreisbewegung: Kinder streben weg von den Eltern in die Ferne, entdecken dort die große, weite Welt, dann bekommen sie Heimweh und Sehnsucht nach den Eltern und kommen nach Hause. Mit zunehmendem Alter werden die Kreise immer größer, aber das Kind kehrt immer wieder zum Ausgangspunkt zurück. »Da besinnt sich das Kind, eilet heim geschwind« – das ist eine ganz natürliche Regung. Die Mutter muss ihr Kind nicht manipulieren oder Zwang auf es ausüben, damit es »sich besinnt« und zurückkommt. Ein Kind, das man seine Wege gehen lässt, kehrt von selbst freudig zurück, weil die Eltern seine Heimatbasis sind und weil es sich hier geborgen fühlt.

Vertrauen ins Kind

Wenn Eltern dieses Vertrauen ins Kind haben und wenn sie auch ohne das Kind für sich gut sorgen und glücklich weiterleben können, geben sie ihren Kindern die Freiheit zu kommen und zu gehen: »Die Tür ist immer offen.« Und die Kinder werden die Tür in beide Richtungen nutzen.

Auf diese beiden Voraussetzungen werden wir in diesem Buch immer wieder zurückkommen: das Vertrauen der Eltern ins Kind und ihre eigene Fähigkeit, für sich selbst ein glückliches Leben zu führen, auch ohne ihre Kinder. Das sind die besten »Dünger« für das Gedeihen einer guten Eltern-Kind-Beziehung. Wenn Kinder sehen, dass ihre Eltern mit ihrem eigenen Leben zufrieden sind, freuen sie sich und fühlen sich frei, nach ihrem eigenen Glück zu suchen.

Beide Seiten gehen dann ihre eigenen Wege, gleichzeitig fühlen sie sich glücklich miteinander verbunden. Ohne dass die Eltern danach fordern oder darum betteln müssen, werden sie von ihren Kindern geliebt. Die Kinder werden von selbst zu den Eltern kommen, wenn sie Kummer haben und Trost suchen. Sie werden die Eltern aufsuchen, wenn sie Rat und Hilfe brauchen. Und sie werden von sich aus sich um die Eltern kümmern, wenn diese sie im Alter brauchen. Es gibt nichts Natürlicheres als die Liebe von Kindern für ihre Eltern. Es sind meist die Eltern selbst, die sich dieser Kindesliebe in den Weg stellen.

Natürlich äußert sich die Liebe eines Kindes je nach Alter und Entwicklungsphase unterschiedlich. Wo ein Zweijähriger sich in die Arme seiner Eltern wirft, grüßt ein Teenager mit einem coolen »Hey!« im Vorbeigehen. Wo das kleine Mädchen nichts lieber mag, als mit seinem großen Papa zu schmusen, wird das gleiche Mädchen ihm zehn Jahre später nur einen neckischen Blick zuwerfen, wenn es mit seiner neuesten Eroberung aus der Tür geht.

Die Pubertät – die schmerzliche Lösung von den Eltern

Kinder stellen ihre Eltern während der Trotzphase und der Pubertät auf eine harte Probe, wenn sie sich alles andere als lieb und brav verhalten. Gerade in der Pubertät können sie mit ihrem Eigensinn und ihrer verächtlichen Haltung den Eltern gegenüber deren Zuneigung arg strapazieren. Hierdurch entsteht oft eine schmerzliche Distanz zwischen ihnen, aber es ist eine Distanz, die notwendig ist, damit sich das heranwachsende Kind von den Eltern lösen kann, mit denen es in der Kindheit fast symbiotisch verschmolzen war.

An solchen Rissstellen zwischen Eltern und Kind zeigt sich, dass das Kind ein anderer Mensch ist als die Eltern. Es will sein eigenes Leben leben. So löst der Pubertierende die Bande, die ihn bisher mit den Eltern verbunden haben und die er nun als Fesseln empfindet. Was ihn einst als Kind getragen hat, behindert ihn nun in seinem Fortkommen: »Hänschen klein, ging allein, in die weite Welt hinein«.

Dieses Weggehen tut auch dem Jugendlichen weh. Er hat Angst vor dem Neuen, auch wenn er sich das nicht eingestehen will. Er versteht sich manchmal selbst nicht mehr. Auch er steht ratlos vor der Frage, warum er immer wieder so heftig reagiert. Innerlich fühlt er sich oft verwirrt und verunsichert. Aber er muss ja cool bleiben! Jetzt bloß keine Schwäche zeigen, die die Alten als Nachgeben oder Einlenken verstehen könnten. Auch wenn man sich drinnen noch so klein und ängstlich fühlt, nach außen zumindest will man endlich als Erwachsener gelten: »Stock und Hut stehn ihm gut …« Das ist die Hauptsache!

Hoffentlich werden die Eltern jetzt mal richtig auf den Tisch hauen, denkt er. Wenn sie sich zu einem Streit provozieren lassen, ist es einfacher für ihn, einen klaren Schnitt zu machen. Im Krach lässt sich leichter weggehen. Nichts ist gemeiner, als wenn die Mutter weint! »Aber Mutter weinet sehr, hat ja nun kein Hänschen mehr.« Du meine Güte, was soll man vor einer heulenden Mutter tun?

Hier befindet sich der Heranwachsende in der Zwickmühle. Er fühlt sich hin- und hergerissen zwischen der Treue zu sich selbst (und seiner inneren Stimme) und der Treue zu den Eltern. Er befindet sich an der Schnittstelle zwischen Progression und Regression, zwischen dem Drauflosstürmen und dem Einlegen des Rückwärtsgangs. In ihm drängt es mit aller Macht vorwärts, ins Leben, in die Fremde, dem Ruf der Freiheit nach. Auf dem Weg hinaus hört er aber hinter sich die weinende Mutter, er geht am schweigenden, finster dreinblickenden Vater vorbei und am treuherzig schauenden jüngeren Bruder. Aber seine Freunde warten draußen auf ihn, und sie zählen auf ihn. Was soll er bloß tun?

Das Lied »Hänschen klein« ist auch deshalb so populär, weil es genau diesen Grundkonflikt in der Seele des heranwachsenden Kindes an- und ausspricht. Wie es sich auch entscheidet, ist es falsch. Geht es, lässt es seine Eltern im Stich. Geht es nicht, verrät es sich selbst.

Zu Hause bleiben den Eltern zuliebe

In der verkürzten Fassung von »Hänschen klein« lastet die ganze Verantwortung auf dem Kind. Die Mutter weint nur, es ist am Kind, etwas zu tun. Schließlich entscheidet es sich für die Mutter und gegen die eigenen Interessen. Auch das ist eine grundlegende Wahrheit: Wie rebellisch ein Jugendlicher sich auch verhalten mag, das Kind in ihm liebt seine Eltern über alles. Sie haben ihm schließlich das Leben geschenkt und ihn großgezogen.

Wie wir später im Buch sehen werden: Die allermeisten Kinder lieben ihre Eltern mehr als sich selbst. Selbst wenn sie sich sonst ekelhaft, kratzbürstig oder aggressiv zeigen, wenn es um das Entweder-oder geht, werden sie in den meisten Fällen gegen sich und für die Eltern entscheiden. Von denjenigen, die ihren ganzen Mut zusammennehmen und aus dem Haus stürmen, werden die meisten über kurz oder lang reumütig zurückkehren. Die wenigen, die stark genug sind, um ganz wegzubleiben, werden ein bohrendes Schuldgefühl den Eltern gegenüber spüren. Außerdem werden sie gegen ihr Heimweh zu kämpfen haben, denn die Sehnsucht nach der Heimat ist eine natürliche Regung in jedem Kind: »Da besinnt sich das Kind, läuft nach Haus geschwind.«

Die Lösung, die uns die verkürzte, uns vertraute Liedversion bietet, entspricht also durchaus der Kinderseele in ihrer Liebe zu den Eltern. Daher hören sich beide Seiten, Eltern wie Kinder, das Lied gerne an. Sie fühlen sich getröstet: Gott sei Dank hat sich das Hänschen noch einmal besonnen und kehrt heim. Es ist endlich vernünftig geworden.

Zu Hause zu bleiben hat noch einen weiteren Vorteil: Damit ist vorerst die Angst gebannt, die jedes Kindes vor der Fremde spürt. Es hat sich vor der bösen Welt in den Schoß der Mutter gerettet. Dass es dabei langfristig die Angst nicht besiegt, sondern vor ihr kapituliert hat, möchte es lieber nicht sehen. Auch nicht die Tatsache, dass die Konflikte zwischen ihm und der Mutter nicht richtig ausgeräumt sind. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Das böse Erwachen fürs brave Hänschen – Schwellenkrisen

Die Frage ist: Wie geht es weiter, wenn aus Hänschen ein Hans wird? Bleibt alles so wunderbar harmonisch?

Ich fürchte, nein. Am Anfang freut sich noch jeder über das artige Kind. All die Hänschen, die brav nach Hause kommen, wenn die Mutter ruft, gedeihen zunächst prächtig. Sie verursachen keinerlei Probleme, sind still, folgsam und brav. Sie scheinen keine Pubertätskrisen durchzumachen. (Dass sie diese nur umgangen haben, werden sie erst später merken.) Sie sind die Lieblinge aller Lehrer, kommen glatt durch die Schule, ihnen werden glänzende Karrieren vorausgesagt. Von Tanten, Müttern und Großmüttern sind sie heiß begehrt und werden unter diesen als gute Partien gehandelt.

Niemand merkt, dass ihnen eine eigentümliche »Gesichtslosigkeit« anhaftet. Sie wirken blass, besitzen keine Ecken und Kanten. Das ist aber nicht weiter schlimm. Hauptsache, sie machen ihren Eltern und ihrer näheren Umgebung Freude. Wenn sie mit der Schule fertig sind, gehen sie aus dem Haus, absolvieren ihre Ausbildung, lernen auch das andere Geschlecht kennen. Es scheint, es würde so reibungslos weitergehen wie bisher.

Leider täuscht man sich. Die positive Entwicklung gerät irgendwann ins Stocken. »Es klemmt.« Solche Krisen zeigen sich an markanten Stellen im Privatleben oder im Beruf, deshalb nennt man sie Schwellenkrisen. Für den jungen Menschen entwickelt sich alles glatt, bis er an einer Entwicklungsstufe, also einer Schwelle, stolpert. Solche Schwellen sind zum Beispiel Ausbildungsbeginn und -abschluss, Berufsbeginn und -aufstieg, Liebesbeziehung, Familiengründung, Kinder bekommen, die Midlife-Crisis.

Hier ein Beispiel:

Ein junger Mann »geht« zwar mit einer Freundin, vielleicht heiratet er sie sogar, aber es geschieht alles so »pflichtgemäß«: Er hat eine Freundin, weil alle Welt eine Freundin hat. Er heiratet, weil es mit Ende 20 endlich Zeit ist zu heiraten. Er bekommt Kinder, weil man als Familienvater eben Kinder bekommt. Die altvertraute Gesichtslosigkeit wird zunehmend offenkundig. Er fühlt sich weder glücklich noch unglücklich. Er ist »zufrieden«.

Irgendwann trennt sich die Frau von ihm, angeblich wegen eines anderen Mannes. Er versteht die Welt nicht mehr. Die Freunde und Verwandten fallen aus allen Wolken – wieso trennt sie sich von solch einem idealen Ehemann? Er bringt doch jeden Monat brav sein Geld nach Hause, trinkt nicht, raucht nicht, geht nicht fremd. Als die Frau ihm schließlich vorhält, dass sie sich wie mit einem Kühlschrank verheiratet fühle, dass sie echte Partnerschaft und Intimität vermisse, versteht er nicht, was sie damit meint. Ist er im Bett nicht gut genug? Bringt er ihr nicht an jedem Hochzeitstag Blumen mit? Er fühlt sich zwar angeklagt, aber nicht schuldig.

Seine Unschuld mutet tatsächlich wie eine kindliche Unschuld an – er ist nie wirklich erwachsen geworden. Er hat sich einige Rituale und Verhaltensmuster von Erwachsenen angeeignet, aber sein wahres Selbst hat sich nie entwickelt. Er ist immer nur Mamas Liebling, der brave Schüler, der Heiratskandidat gewesen, er hat immer eine Rolle bekleidet und hat gedacht, er sei die Rolle, die er brav spielt. Aber wer er wirklich im Grunde seiner Seele ist, weiß er nicht. Selbst seine Frau, der einzige Mensch, der ihm wirklich nahe ist, hat es nicht herausfinden können. Deshalb trennt sie sich von ihm. Sie will mehr vom Leben, als neben einem Roboter zu existieren.

Seine Mutter ist anfangs ebenfalls entsetzt. Aber im Grunde ihres Herzens ist sie doch ganz zufrieden. Nun hat sie ihr Hänschen wieder. Sie wird für ihn sorgen wie früher. Und er wird für sie da sein, wenn sie einmal alt und gebrechlich wird …

Bei einem anderen Mann zeigt sich die erste Schwellenkrise erst recht spät im Beruf. Anfangs kam er gut voran, war tüchtig, fleißig und strebsam. Aber irgendwann ist er auf der beruflichen Leiter nicht weitergekommen. Andere, die mit ihm gemeinsam gestartet waren, werden befördert und ziehen an ihm vorbei. Er aber bleibt an seiner Stelle kleben. Von seinem Vorgesetzten bekommt er nur Beschwichtigungen zu hören. Irgendwann platzt ihm der Kragen und er fragt den Vorgesetzten, warum man ihn denn nicht befördere. Dieser rückt nun endlich mit der Wahrheit heraus: Man traue ihm keine Führungsposition zu, er passe sich immer widerspruchslos an, beziehe keinen eigenständigen Standpunkt und habe keinen Mut zum Risiko – solche Führungsqualitäten vermisse man bei ihm.

Für den Mann bricht eine Welt zusammen. Er hat sich zeitlebens furchtbar angestrengt und hat immer das, was von ihm erwartet wurde, erfüllt. Und nun wird ihm Mittelmäßigkeit bescheinigt. Er wird nur als Wasserträger gebraucht. Er geht zum Therapeuten. Es wird ihm klar, wie fremd er sich selbst geblieben ist: »Manchmal, wenn ich in den Spiegel schaue, könnte ich ›Sie‹ zu mir selbst sagen.«

Ängste und Konflikte gehören zum Erwachsenwerden

Was haben diese Lebensläufe mit »Hänschen klein« zu tun? Sehr viel: Wir haben vorhin gesehen, dass Hänschen auch erleichtert war, wieder bei seiner Mutter zu Hause zu sein, weil ihm die Fremde so Angst gemacht hat. Nur ist es so: Jeder neue Schritt macht Angst. Alles Neue, Unvertraute macht Angst. Wenn man sich aber ein Herz nimmt und über diese innere Angstschwelle springt, hat man wieder ein Stück Welt erobert. Durch die Angst zu gehen (ohne sie zu verleugnen, aber auch ohne sie als Teufel an die Wand zu malen) macht stark und gibt Mut. Wir wachsen mit unseren Lebenserfahrungen.

Noch ein Zweites: Wenn der neue Schritt das Kind in Konflikt bringt mit seinen Eltern oder anderen Autoritäten (zum Beispiel mit einem Lehrer) und es sich nicht scheut, in den Konflikt zu gehen, dann lernt es zu kämpfen. Es lernt dabei die eigenen Stärken und Schwächen kennen. Es lernt, mit Siegen und Niederlagen zu leben. Leben ist nicht leicht, weder in der Kindheit – wir brauchen uns nur an unsere Erfahrungen in der Schule zu erinnern – noch im Erwachsenenleben. Es ist nie zu früh für ein Kind, zu lernen, mit den Problemen, die das Leben mit sich bringt, fertig zu werden. Wer von klein auf geschont oder verwöhnt wird, wird möglicherweise nie oder erst spät erwachsen.

Das eigene Leben verpassen

Die beiden Männer in den oben beschriebenen Beispielen haben in ihrer Kindheit möglicherweise nicht glernt, sich schwierigen Situationen zu stellen. Wenn sie einen Streich spielten, wurden sie sofort zur Räson gebracht. Wenn sie auf Bäume kletterten, wurden sie von der ängstlichen Mutter zurückgepfiffen. Wenn sie ungezogen waren, reagierte sie traurig, enttäuscht oder gekränkt. So haben sie nie gelernt, sich auseinander zu setzen.

So scheitert später der eine Mann an der Beziehung zu seiner Frau: Intimität bedeutet Nähe, und Nähe bringt immer wieder Konflikte mit sich. Wenn er nicht fähig ist, Konflikte auszutragen, kann seine Partnerin ihm auch nicht richtig nahe kommen, wie lieb sie ihn auch haben mag. Der zweite Mann müht sich zwar redlich ab, um die Erwartungen im Beruf zu erfüllen. Aber auch er sagt nie seine eigene Meinung. So fehlt ihm die Eigenständigkeit, die man für eine Führungsposition benötigt.

Auch Mädchen können durch eine überfürsorgliche und ängstliche Erziehung ans Elternhaus gebunden sein, wie wir es im Beispiel am Anfang dieses Kapitels gesehen haben. Nur entspricht dies eher dem traditionellen weiblichen Ideal, deshalb fällt es weniger auf, wenn eine junge Frau nicht richtig erwachsen geworden ist. Manche Frauen bleiben auch nach ihrer Heirat und der eigenen Familiengründung am selben Ort wohnen wie ihre Eltern, oft in derselben Straße oder sogar im selben Haus. Ihr Alltag ist so sehr mit den Eltern verzahnt, dass ihre Partner mit der Zeit das Gefühl bekommen, sie seien keine eigenständige Familie, sondern ein Anhängsel der Schwiegerfamilie.

Andere Frauen schaffen es zwar, sich äußerlich abzunabeln. Sie bekommen aber irgendwann psychosomatische Beschwerden oder sie werden von unerklärlichen Panikattacken heimgesucht, die sie zwingen, den ganzen Tag zu Hause zu bleiben. Alles, was draußen in der Welt passiert, macht ihnen Angst. Dies kann äußerst belastend für Ehemann und Kinder werden, die dann – ähnlich wie früher die Mutter – für sie sorgen müssen.

Manche Frauen bleiben partnerlos und/oder kinderlos. Sie haben zwar vorübergehende Partnerschaften, aber diese gehen nie so tief, dass man ans Zusammenziehen oder gar an Heirat und Kinder denkt. Irgendwann werden die Eltern krank, und da diese Tochter allein stehend ist, scheint es selbstverständlich zu sein, dass sie zu ihnen zieht und sie pflegt. Die Eltern leben noch lange, und irgendwann ist es zu spät für sie, an eine eigene Familie zu denken. Ihren Eltern kann sie nicht einmal böse sein, denn diese haben sie doch lieb gehabt. Wenn man sich aber in der Verwandtschaft umhört, ist es irgendwie schon immer klar gewesen, dass diese eine Tochter dafür bestimmt war, später auf die alten Eltern aufzupassen. Ihre Lebenslinie schien schon lange vorgezeichnet, möglicherweise schon seit ihrer Geburt.

Die hier zitierten Beispiele sind nicht besonders dramatisch. Wir kennen alle solche oder ähnliche Familienkonstellationen. Warum sollen wir uns darüber sonderlich Gedanken machen?

Es wäre tatsächlich vielleicht alles nur halb so schlimm, wenn diese erwachsenen Kinder nicht irgendwann das Gefühl bekämen, dass sie das Leben verpasst haben. Sie haben den Eindruck, nie richtig gelebt zu haben. Sie kennen sich selbst nicht, sehen keinen besonderen Sinn im Leben, haben immer nur eine Rolle gespielt und das getan, was andere von ihnen erwartet haben. Das Leben zerrinnt ihnen wie Sand zwischen den Fingern. Irgendwann werden sie richtig böse (oder sie kehren den Zorn gegen sich selbst und werden depressiv) und beginnen sich zu fragen, wer oder was sie um ihre Jugend und ihr Leben betrogen hat. Sie haben sich nur nach dem Ideal gerichtet, das in der verkürzten Fassung von »Hänschen klein« propagiert wird: die bedingungslose Treue zu den Eltern.

Der Abschiedssegen

Schauen wir uns noch mal »Hänschen klein« an. Die entscheidende Stelle in der Urversion lautet:

Aber Mutter weinet sehr

hat ja nun kein Hänschen mehr.

Wünsch’ dir Glück, sagt ihr Blick,

kehr nur bald zurück.

Hier tut die Mutter etwas mehr als nur weinen: Hier wünscht sie Hänschen Glück auf seiner Reise. Sie ist also damit einverstanden, dass er aufbricht, und sie gibt ihm ihren Segen.

Das Segnen ist in unserer Zeit aus der Mode gekommen. Früher war der Segen einer der wichtigsten Wegbegleiter für denjenigen, der in die Fremde ging. Das Reisen war gefährlich. Man brach nicht eher auf, bevor man den Segen der Eltern und Älteren bekommen hatte. Wenn der junge Wanderer sich gestiefelt und gespornt hatte und bereit zum Aufbrechen war, ging er noch einmal zu den Eltern und bat sie um ihren Segen. In ihren Segen packten die Eltern sozusagen den inneren Wegverzehr für ihr Kind ein: »Wir segnen dich. Gott begleite dich auf all deinen Wegen.«