ÜBERLEBEN IN DER LEBENSMITTE - Dr. Victor Chu - E-Book

ÜBERLEBEN IN DER LEBENSMITTE E-Book

Dr. Victor Chu

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Beschreibung

Die Kinder sind noch nicht flügge, die eigenen Eltern werden älter und fordern plötzlich ebenfalls verstärkte Aufmerksamkeit und Zuwendung. Viele Frauen mittleren Alters stecken buchstäblich in der Klemme. Sie kümmern sich um Mann und Kinder, schmeißen ihren Haushalt und helfen kränkelnden Eltern und Schwiegereltern. Aufgerieben zwischen Pflicht und Erwartungen, die von allen Seiten an sie herangetragen werden, gibt es kaum mehr Platz für die eigenen Bedürfnisse. Die Midlife Crisis trifft aber nicht nur Frauen und Mütter. Viele Männer fühlen sich im mittleren Lebensalter zerrissen zwischen Beruf, Familie und unerfüllten Lebensträumen. Auch Singles fühlen sich auf einmal leer und ziellos. Wo ist ihr Platz im Leben? Wie schaffen sie es, in dieser turbulentesten aller Lebensphasen die innere Balance zu behalten? "In seinem sensiblen Plädoyer für die Familie (ohne die Singles zu vergessen) beschreibt der Autor die Lebensleistung der "Sandwichgeneration", die materielle Versorgung der Familie, die Erziehung der Kinder und die Versorgung alternder Eltern unter einen Hut zu bringen." (Buchrprofile) "In schönen Bildern sowie großer Wertschätzung nähert sich Chu den jeweiligen Lebensphase. Fazit: Ein gut verständliches, versöhnliches Buch für die 'Sandwichgeneration'." (Systhema) "Anhand einfacher Beispiele gelingt es dem Autor, das Wechselspiel zwischen den Generationen nicht als Zerreißprobe, sondern als Chance zu beschreiben." (Psychologie Heute)

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Seitenzahl: 211

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Victor Chu

Überleben in der Lebensmitte

Von der Kunst, Kinder, Eltern und die eigenen Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen

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Victor Chu

Überleben in der Lebensmitte

Von der Kunst, Kinder, Eltern und die eigenen Bedürfnisse

Alle in diesem Buch enthaltenen Angaben, Daten, Ergebnisse usw. wurden vom Autor nach bestem Wissen erstellt und von ihm mit größtmöglicher Sorgfalt überprüft. Gleichwohl sind inhaltliche Fehler nicht vollständig auszuschließen. Daher erfolgen die Angaben etc. ohne jegliche Verpflichtung oder Garantie des Verlags oder des Autors. Beide schließen deshalb jegliche Verantwortung und Haftung für etwaige inhaltliche Unrichtigkeiten aus, es sei denn im Falle grober Fahrlässigkeit.

Impressum:

© 2014 Dr. Victor Chu

Neuauflage

Originalausgabe „Jongleure der Lebensmitte“

Kösel Verlag GmbH & Co., München 1999

Umschlaggestaltung: UlinneDesign, Ulrike Linnenbrink, Neuenkirchen

Umschlagfoto: © juniart – fotolia.com

Korrektorat und Satz: Angelika Fleckenstein; spotsrock.de

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN:

978-3-8495-9458-9 (Paperback)

 

978-3-8495-9459-6 (Hardcover)

 

978-3-8495-9460-2 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Die Sandwichgeneration

Umtost vom Leben

Wer ist die Sandwichgeneration?

Generationsarbeit und das Lebensgefühl der Sandwichgeneration

Die Chancen und der Reichtum der Sandwichgeneration

Das Altern und Sterben der Eltern

Forever young oder: uns anfreunden mit dem Altern und Sterben der Eltern

Alte unerledigte Konflikte zwischen erwachsenen Kindern und ihren Eltern

Verwandlung und Weiterentwicklung der Beziehung zu den Eltern

Vom Leben und Sterben

Unsere Beziehung zu den Eltern endet nicht mit deren Tod

Kinder und Enkelkinder

Generationssprünge

Enkel und Großeltern

Aus Kindern werden Kids

Partnerschaft im mittleren Alter

Die existenzielle Krise in den heutigen Paar- und Familienbeziehungen

Was können überlastete Frauen für sich tun?

Was können Männer für sich und ihre Familien tun?

Singles in einer verheirateten Welt

Soziale Netzwerke

Freundinnen und Freunde

Großfamilien oder das Familiennetzwerk

Literatur

Vorwort

Dies ist eine kurze Geschichte der Zeit, und zwar nicht eine des Universums, sondern des menschlichen Mikrokosmos. Sie möchte aufzeichnen, wie sich die Zeit in unseren Familienbeziehungen entfaltet und ausfaltet, wie aus Kindern Eltern, aus Eltern Großeltern werden. Das menschliche Netzwerk, das dadurch geknüpft wird, umfasst Geburt, Leben und Sterben als einen ineinander fließenden Prozess. Daher die drei Themenbereiche Geburt – Leben – Sterben, Familienbeziehungen (darin eingebettet die Mann-Frau-Beziehung) und die Zeit, die alles umschließt und umfließt.

Diese Betrachtungen gehen von der Perspektive der Sandwichgeneration aus, derjenigen Generation, die inmitten des Lebens steht. Als Elterngeneration sieht sie hinter sich die Großelterngeneration, vor sich die Kindergeneration und in sich spürt sie das Strömen der Zeit.

Aus der Zwischenposition heraus erwächst ihr aber auch Verantwortung und Verpflichtung der Großeltern- und Kindergeneration gegenüber. Beide fordern Aufmerksamkeit und Zuwendung ein. Diese aufzubringen und dabei die eigenen Bedürfnisse nicht zu vernachlässigen, macht die Elterngeneration zu den Jongleuren der Lebensmitte.

Die Sandwichgeneration

Umtost vom Leben

Sie kommt eben von der Arbeit nach Hause, gerade noch rechtzeitig, um das Mittagessen auf den Tisch zu stellen, bevor die Kinder hungrig von der Schule heimkommen. Zum Glück hat sie die Kartoffeln schon gestern Abend geschält und in den Dampfkochtopf getan, so braucht sie den Herd nur einzuschalten. Das Übrige holt sie sich schnell aus der Gefriertruhe.

Auf dem Anrufbeantworter findet sie eine Nachricht vor. Ihre Mutter, seit dem Tod ihres Vaters allein lebend, hat angerufen und über ihre Hüfte geklagt. Sie könne nicht mehr gut laufen und das Schleppen des Einkaufskorbes fiele ihr zunehmend schwer. Außerdem habe sie die Enkel schon so lange nicht mehr gesehen. Wann kämen sie sie denn wieder besuchen? Nein, eigentlich wäre es viel schöner, wenn die Tochter sie mal für ein Wochenende zu sich holen könnte. Am Wochenende sei ja nichts los, sie sitze an den Wochenenden allein vor dem Fernseher und langweile sich.

Die Frau schaltet den Anrufbeantworter ab und seufzt. Vor einem halben Jahr ist ihr Vater gestorben. Seither hat sie die Mutter am Hals. Ihr Bruder wohnt weit weg, er hat sich noch nie sonderlich um die Eltern gekümmert. Wenn irgendetwas ist, ruft die Mutter immer sie als Erste an. Seit dem Tod ihres Mannes scheint sie nicht mehr mit sich und dem Leben fertig zu werden. Wenn die Mutter irgendwann nicht mehr laufen kann, wird sie sich überlegen müssen, ob sie sie zu sich holt oder ihr einen Platz im Altenheim sucht. Aber das Letztere würden ihr Bruder und die Verwandten nicht verstehen. Sie sei doch schließlich die Tochter und habe auch noch ein großes Haus mit Einliegerwohnung. Warum könne die Mutter denn nicht bei ihr einziehen? Die Mutter selbst sagt zwar nichts dazu, aber sie erzählt auffallend häufig von der einen Freundin, die zu ihrem Sohn gezogen sei und es dort ganz wunderbar habe. Außerdem sei es doch praktisch, eine Großmutter im Haus zu haben. Da habe man ständig jemand, der auf die Kinder aufpassen kann.

Wieder seufzt sie. Ach, Papa, warum bist du nur so schnell von uns gegangen? Solange du da warst, habt ihr beide Gesellschaft gehabt, auch wenn ihr euch oft gestritten habt. Nun bist du weg, und ich habe mich gar nicht so richtig von dir verabschieden können. Als der Vater Beschwerden beim Wasserlassen bekommen hat, haben die Ärzte zugesichert, der Eingriff sei nur eine Kleinigkeit. Sie ist deshalb, wenn auch mit schlechtem Gewissen, in den Urlaub gefahren, denn ihr Mann brauchte unbedingt Erholung. Vorsorglich hat sie ihre Urlaubsadresse bei den Eltern hinterlegt. Dort traf die Nachricht ein, dass der Vater nicht aus der Narkose aufgewacht sei. Sie ist Hals über Kopf nach Hause gefahren und hat ihn nur noch bewusstlos auf der Intensivstation vorgefunden. Dort ist sie stundenlang bei ihm gesessen, hat ihm die Hand gehalten, ihm den Schweiß abgewischt, hat nachgedacht und geweint.

Sie hätte ihm noch so viel sagen wollen. Er hat zeitlebens immer nur geschuftet und wenig Zeit für sie und ihren Bruder gehabt. Eigentlich hat sie sich ihm immer näher gefühlt als der Mutter. Aber er war nie da, und wenn er mal da war, stand die Mutter immer irgendwie dazwischen. Mutter und Vater sind immer zusammen aufgetreten. Nur selten hat sie die Gelegenheit gehabt, den Vater für sich zu haben. Wenn es ihr einmal gelang ihn zu entführen, war es stets mit einem schlechten Gewissen verbunden, als würde sie der Mutter unrecht tun. Und sie wurde das Gefühl nicht los, dass auch der Vater Angst vor der Eifersucht der Mutter hatte, so schnell drängte er bei solchen Gelegenheiten darauf, zum Kaffee wieder daheim zu sein. Die Mutter warte ja. Nun ist er tot. Liegt schon ein halbes Jahr unter der Erde. Wie es dort unten wohl aussehen mag? Sie wagt es sich kaum vorzustellen. Ihren Vater kann sie sich eigentlich nur lebend vorstellen. Auf seinem Totenbett hat er wie eine Wachsabbildung seiner selbst ausgesehen. Das war nicht ihr Papa, der dort lag, mit eingefallenen Wangen und starren Gliedern. Unfassbar, jemand, den sie, seit sie denken kann, immer als groß und stark erlebt hat, so leblos daliegen zu sehen.

Dann ist alles so schnell gegangen. Binnen vier Tagen musste alles erledigt sein. Die Einladungen an die Verwandten und Freunde drucken lassen und verschicken. Eine Todesanzeige aufgeben für diejenigen, an die sie nicht gedacht haben. Und das alles mitten in der Urlaubszeit. Bestimmt hat mehr als die Hälfte der Freunde und Kollegen des Vaters nicht rechtzeitig von seinem Tod erfahren. Das Ganze ist wie ein Film an ihr vorbeigelaufen. Sie ist mit Mutter und Bruder ganz betäubt am Grab gestanden und hat die Beileidsbekundungen der Vorbeidefilierenden entgegen genommen…

Das Hereinstürmen der heimgekommenen Kinder reißt sie jäh aus ihren Erinnerungen. Ach je, nun hat sie die Kartoffeln zu lange im Dampfkochtopf kochen lassen. Halt! Ihr könnt doch nicht mit schmutzigen Schuhen in die Wohnung hereintrampeln! Aber es ist nicht die Zeit zum Schimpfen, die Tochter muss getröstet werden, weil die letzte Klassenarbeit total danebengegangen ist. Dabei haben sie doch so dafür zusammen gelernt! Der Sohn fühlt sich übersehen und ist absolut schlecht gelaunt. Er hat Hunger! Die zu Brei verkochten Kartoffeln steigern seine Laune auch nicht gerade.

Nach dem Essen muss der Sohn zum Fußball, die Tochter zum Flötenunterricht gefahren werden. Also keine Mittagspause, obwohl die Frau todmüde ist. Sie hat gerade eine halbe Stunde übrig, um einzukaufen, bevor die Kinder wieder abgeholt werden müssen. Wieder zu Hause, muss sie ihnen bei den Hausaufgaben helfen und nebenbei noch die Marmelade kochen, damit die Pflaumen, die sie soeben günstig eingekauft hat, nicht zu faulen beginnen. Sie muss sich konzentrieren, damit sie die richtige Menge Zucker abwiegt und die klebrige Masse sauber in die Gläser abfüllt. Aber das ständige »Mama dies und Mama das« lenkt sie immer wieder ab.

Endlich kommt ihr Mann nach Hause. Nun könnte er sich mal um die Kinder kümmern, damit sie eine kleine Verschnaufpause vor dem Abendessen hat. Aber er scheint schlecht gelaunt zu sein und verzieht sich ohne ein Wort in sein Zimmer.

Abendessen. Danach die Kinder fertig machen fürs Bett. Gott sei Dank liest ihr Mann ihnen vor, sie kann in Ruhe das Geschirr abwaschen und wegräumen. Um 22.00 Uhr treffen sie sich im Badezimmer. Er sieht müde aus, hat Ringe um die Augen. Sie sieht auch nicht besser aus. Seit zwei Monaten will sie zum Frisör und findet keine Zeit dafür. Im Spiegel sieht sie auch, dass sie das Essen in letzter Zeit zu hastig in sich hineingeschlungen hat. Schon seit dem Frühjahr hat sie sich vorgenommen, eine Woche lang heilzufasten. Aber dafür braucht sie Ruhe. Wie soll sie es im Trubel des Alltags schaffen?

Eigentlich wollte sie ihrem Mann vom Anruf ihrer Mutter erzählen und bei ihm vorsichtig anfragen, wie er darüber denkt, wenn sie ihre Mutter zu sich nähmen. Stattdessen beklagt er sich über die schlechte Auftragslage seiner Firma. Das Weihnachtsgeld werde dieses Jahr ersatzlos gestrichen und Entlassungen scheinen unvermeidlich. So gehen sie beide bedrückt ins Bett, jeder mit seinen Sorgen. In einer solchen Stimmung ist an Zärtlichkeiten nicht zu denken, obwohl sie es beide gut gebrauchen könnten. Vielleicht haben sie am Wochenende mehr Zeit füreinander…

Ein Tag im Leben einer Frau mittleren Alters. Nichts Außergewöhnliches. Es gab an diesem Tag keine Katastrophen. Aber dennoch fühlt sie sich abends total erschöpft. Ein eigenartiger Zustand ist es, geht ihr im Bett durch den Kopf: Mitten im Trubel fühlt sie sich allein. Obwohl sie im Zentrum aller Kommunikation in ihrer Familie steht, fragt selten jemand nach, wie es ihr denn gehe. Sie hat zu funktionieren. Sie hat die Familie zu managen. Wenn sie mal krank würde oder einfach keine Lust hätte aufzustehen, würde alles zusammenbrechen. Also wird sie nicht krank und steht jeden Morgen als Erste auf, auch wenn sie manchmal lieber die Decke über den Kopf ziehen würde.

Auch ihr Mann, der neben ihr liegt, kann nicht einschlafen. Er lauscht ihrem Atem und meint, sie schläft. Er liebt seine Frau. Ihr gegenüber empfindet er eine Mischung aus Solidarität, Dankbarkeit und schlechtem Gewissen. Er weiß, mit ihr kann er durch dick und dünn gehen. Er ist ihr dankbar, dass sie die Familie so reibungslos organisiert und managt, denn er weiß, dass sie in der ehelichen Arbeitsteilung die schwerere Hälfte trägt, auch wenn sie sich nie beklagt. Wenn er auf Dienstreisen geht und sich abends im Hotelzimmer entspannt, denkt er manchmal daran, dass sie zu Hause nun auch noch seinen Teil der Hausarbeit und Kinderbetreuung übernehmen muss.

Familienvater sein ist aber auch nicht leicht, denkt er. Natürlich liebt er seine Familie. Natürlich möchte er den Seinen alle Annehmlichkeiten des modernen Lebens gönnen. Bisher hat er es ja Gott sei Dank recht gut geschafft. Aber alles wird teurer. Die letzte Renovierung ihres Hauses war auch nicht eingeplant, musste aber sein. Dabei müssen die Hypothekenzinsen für die nächsten 15 Jahre weiterbezahlt werden. Seit die Kinder älter geworden sind, schämen sie sich vor ihren Freunden, wenn sie keine Markenartikel tragen. Die Flüge in den Urlaub gehen hart an die Grenze ihres Budgets, und an die Rückstellung für ein neues Auto will er lieber nicht denken.

Zwar hat er sich im Laufe der Jahre eine gute Position im mittleren Management erarbeitet. Aber in letzter Zeit kursieren Gerüchte, dass seine Firma an die Konkurrenz verkauft werden soll. Dann stünden massenhafte Entlassungen ins Haus. Man wird ihn zwar wegen seiner langjährigen Firmenzugehörigkeit nicht einfach so auf die Straße setzen können, sondern mit einer guten Abfindung »im gegenseitigen Einvernehmen« entlassen. Aber dann? Wer stellt heute einen 50-Jährigen neu ein? Die Agentur für Arbeit hat längst aufgegeben, Menschen seines Alters zu vermitteln.

Er wischt diese Katastrophenerwartungen beiseite. Eigentlich kann er doch zufrieden sein. Er hat eine so tolle Frau und so wunderbare Kinder. Leider hat er nur wenig Zeit für die Kinder übrig. Gerade mit dem Sohn würde er gerne mehr unternehmen. Dessen Fußballverein ist in dieser Saison aufgestiegen, aber er kommt nur ganz selten dazu, ihn zu den Spielen zu begleiten. Und die Tochter wird ihm zunehmend fremder, seit sie langsam in die Pubertät kommt. Bald wird sie in die Tanzschule gehen. Er kann sich gar nicht vorstellen, zum Abschlussball zu gehen. Wie eigentümlich, von der eigenen Tochter zum Tanz aufgefordert zu werden! Seit sie Kinder haben, sind sie nie mehr tanzen gegangen, obwohl seine Frau so gerne tanzt. Diese lästigen Tanzschritte, die er sich nie hat merken können.

Seine Gedanken wandern zurück zur Arbeit. Seit kurzem hat er einen jüngeren Kollegen zur Seite gestellt bekommen. Dieser ist überaus tüchtig und ehrgeizig und zeigt auch offen, was er alles besser kann. Überhaupt, mit dieser ganzen Computertechnik kommt er selbst mehr schlecht als recht zurecht. Trotz mehrerer Fortbildungskurse beherrscht ihn die Technik mehr als er sie. Und diese jungen Burschen gehen so unverschämt selbstverständlich mit den Apparaten um, als hätten sie es in die Wiege gelegt bekommen. Wer weiß, wann er zum alten Eisen abgestempelt und von einem dieser smarten Jungen ersetzt werden wird? In Bezug auf die jungen Mitarbeiterinnen ist dies schon längst geschehen, da steht er sowieso schon lange außer Konkurrenz…

Aber nun muss er wirklich schlafen, morgen muss er wieder früh ins Büro, Mittwochskonferenz.

Wer ist die Sandwichgeneration?

Nicht alt, nicht jung – aber zwischen Alt und Jung

Mit dem Begriff Sandwichgeneration möchte ich Menschen im Alter zwischen etwa 40 und 60 Jahren bezeichnen. Es ist die Generation, die zwischen den eigenen Eltern und eigenen Kindern steht.

Man fühlt sich auch irgendwie dazwischen gequetscht: Man zählt nicht mehr zu den Jungen, aber man ist auch noch nicht richtig alt. Innerlich fühlt man sich sogar noch recht jung. Aber man entdeckt bei sich schon die ersten Anzeichen des Alterns – die Gelenke ächzen, die Sehkraft lässt nach, die Haare fallen aus oder ergrauen. Vielleicht hat man beruflich und familiär erreicht, was man sich in der Jugend erträumt hat. Aber was kommt nun? Was bringt die Zukunft?

Früher, als die Lebenserwartung geringer war, gehörte man mit 40 oder 50 tatsächlich schon zu den »Alten«. Da hatte man längst seinen Platz in der Gesellschaft erobert, wurde wegen seiner Lebenserfahrung als »Weise/r« um Rat gefragt. Aber heute bleiben wir lange in einer Zwischenphase, einer Phase, die mehrere Jahrzehnte andauern kann, bis wir wirklich alt sind.

Es gibt nicht einmal einen richtigen Namen für die mittlere Generation. Wir kennen höchstens das Schlagwort der Midlife-Crisis: »Krise des Mittelalters« – bezeichnenderweise ein Begriff mit negativem Beigeschmack. Neuerdings spricht man auch von der Sandwichgeneration. Aber auch dieser Ausdruck ist negativ konnotiert. Er vermittelt das Gefühl des Eingeklemmtseins. Und da man sich nicht positiv definieren kann, fällt man sowohl subjektiv (in seinem Identitätsgefühl) als auch objektiv (als gesellschaftliche Gruppe) »durch die Ritze«. Wer keinen Namen hat, hat auch keine Identität.

Wir sind Teil einer gesellschaftlichen Umwälzung

Die Krise, die wir in diesem Alter erleben, hat nicht nur mit der höheren Lebenserwartung von heute zu tun. Sie ist auch Teil einer großen gesellschaftlichen Umwälzung, die die Veränderung der jahrtausendealten patriarchalen Gesellschaftsordnung zum Inhalt hat.

Am deutlichsten spüren wir diese Umwälzung in der Familie, der »Keimzelle der Gesellschaft«. Hier wird das Verhältnis der Geschlechter zueinander und zu sich selbst radikal in Frage gestellt und neu definiert. Der Status des Singles gewinnt in dieser gesellschaftlichen Metamorphose an Bedeutung und fordert unser traditionelles Verständnis heraus in Bezug auf das, was wir als Lebensziel und Lebensform definieren. Aber nicht nur Singles, auch diejenigen unter uns, die sich für die Familie entschieden haben, spüren den Wind der Veränderung. Wir befinden uns gesellschaftlich auf einer Reise mit ungewissem Ziel. Diese sozialen Veränderungen spiegeln sich individuell in unserem Lebensgefühl und unserer Identität wider.

Das »Midlife« – eine persönliche und familiäre Übergangsphase

Es gibt mittlerweile viele Bücher über die Midlife-Crisis. Wenn wir darin lesen, erfahren wir vieles über die inneren Veränderungen während des Älterwerdens. Das mittlere Lebensalter ist aber nicht nur eine Zeit der Beschäftigung mit sich selbst und den Problemen des Älterwerdens. Die ausschließliche Konzentration auf die Krise des eigenen Ichs, wie die Midlife-Crisis oft verstanden wird, beschränkt sich im Grunde aber nur auf einen kleinen Teil des inneren Umbruchs. Sie befasst sich mit der narzisstischen Krise, das heißt mit der Krise im Selbstbild des Einzelnen. Diese stellt zweifellos ein wesentliches Thema in diesem Lebensalter dar.

Wenn wir uns jedoch ausschließlich mit uns selbst beschäftigen – mit unseren Falten, unserer abnehmenden Attraktivität, unserem Hormonhaushalt, unserer Angst vor dem Älterwerden und dem Tod –, dann übersehen wir die Veränderungen, die während dieses Lebensabschnitts in unseren sozialen und familiären Beziehungen stattfinden. Diese sozialen Veränderungen sind mindestens genauso interessant wie die persönlichen. Sie sind vielleicht sogar wichtiger. Darauf will ich hauptsächlich in diesem Buch eingehen.

Erwachsenwerden – ein großes Abenteuer

Das mittlere Lebensalter ist geprägt von einer dramatischen Veränderung in den Beziehungen in der Familie. In dieser Lebensphase wechseln wir von einer Generation in die nächste. Wir verlassen endgültig das Stadium des Kindseins und werden endlich erwachsen.

Denn wir werden nicht, wie viele glauben, automatisch erwachsen mit der Volljährigkeit. Viele von uns bleiben in unserer Seele bis zum Alter von 30 Jahren und darüber Kinder, manche noch viel länger. Solange wir uns innerlich noch nicht von unseren Eltern und Geschwistern gelöst haben, solange bleiben wir in unserem Selbstgefühl Kinder. Die Bindung zu unserer Ursprungsfamilie bleibt dann die dominierende Beziehung in uns, selbst wenn wir einen Liebespartner gefunden haben. Wir richten uns nach den Vorstellungen unserer Eltern und unserer Herkunftsfamilie. Nach außen sichtbar wird dies Noch-Kind-Sein zum Beispiel darin, dass wir finanziell von den Eltern abhängig sind, dass wir die Wäsche nach Hause zum Waschen bringen oder dass wir Weihnachten generell im Elternhaus feiern – das Fest der Familie, woraus klar ersichtlich wird, welcher Familie wir uns eigentlich zugehörig fühlen. Warum auch nicht? Es ist bequem, Kind zu bleiben. Es ist schön, die Eltern im Hintergrund zu wissen, wenn man sie braucht. – Demgegenüber ist Erwachsenwerden ein langwieriger Prozess, der mit Krisen verbunden ist.

Manchmal müssen wir regelrecht gezwungen werden, erwachsen zu werden. Dies geschieht vor allem in Lebenskrisen. Es gibt junge Menschen, die durch das Schicksal plötzlich in eine existenzielle Krise gestoßen werden. Sie müssen quasi über Nacht erwachsen werden. Wer in jungen Jahren lebensbedrohlich krank wird oder einen schweren Unfall erleidet, wird früh mit dem Tod konfrontiert. Das Gleiche gilt für diejenigen, die einen nahen Menschen verlieren, sei es ein Geschwister, einen Elternteil, einen Freund oder eine Freundin. Wenn junge Menschen früh mit Krieg, politischer Verfolgung, Diskriminierung, Vertreibung oder anderen Katastrophen konfrontiert werden, müssen sie ebenfalls schnell erwachsen werden, um der existenziellen Bedrohung begegnen zu können. (Mehr zu dem Balanceakt im Erwachsenwerden siehe: Victor Chu: Die Kunst, erwachsen zu sein, Hamburg 2014.)

Erwachsenwerden durch den Generationssprung

Hier möchte ich über eine Form des Erwachsenwerdens schreiben, die alltäglicher ist: über das Erwachsenwerden, indem man selbst Eltern wird und indem die eigenen Eltern alt werden und sterben.

Wenn wir zum ersten Mal Eltern werden

Wenn wir selbst Eltern werden, »wechseln wir die Fronten«. Ich nenne dies Generationssprung. Als Eltern werden von uns ganz andere Einstellungen und Verhaltensweisen verlangt, als wenn wir kinderlos blieben. Es findet eine extreme Verschiebung in der Wahrnehmung unserer Realität und unserer Umwelt statt. Oft merken wir erst später, dass wir nie mehr die sein können, die wir waren. Manche junge Eltern erzählen beispielsweise, dass ihr gesamter Freundeskreis sich radikal verändert hat, nachdem sie ihr erstes Kind bekamen. Mit den alten Freundinnen und Freunden konnten sie sich plötzlich nicht mehr unterhalten. Umgekehrt lernten sie bald andere Eltern kennen, die in der gleichen Situation standen. Viele sehnten sich nach der Unbekümmertheit ihres alten Lebens zurück, merkten aber irgendwann: Kinder zu bekommen ist nicht bloß eine Unterbrechung in ihrem bisherigen Leben, es ist der Beginn einer neuen Lebensphase, von der es kein Zurück gibt.

Wenn Eltern älter werden

Wenn unsere Eltern älter werden, kommen wir in eine sehr interessante Lebensphase: Dann rücken sie uns plötzlich wieder näher, nachdem man sich im jungen Erwachsenenalter vielleicht voneinander entfernt oder sich gar aus den Augen verloren hat. Nun kommen wir in familiärer Hinsicht wirklich in die Sandwichgeneration: Über uns haben wir die alten Eltern, unter uns die Kindergeneration.

Wenn (a) wir selbst Eltern werden und (b) die eigenen Eltern älter werden und sterben, werden wir mit unserer eigenen Identität konfrontiert. Wir entdecken die Ähnlichkeit mit den eigenen Eltern – etwas, was man in jungen Jahren weit von sich gewiesen hat. Gleichzeitig merken wir, wie wir vieles von uns selbst an die nächste Generation weiterreichen, unsere guten wie schlechten Eigenschaften – auch wenn wir alles anders (natürlich besser) machen wollten als unsere Eltern. Wir beginnen das komplexe Geflecht von Projektionen, Delegationen und Identifikationen zwischen Eltern- und Kindergeneration zu begreifen und merken, dass wir selbst ein Teil dieses Netzes sind.

Als Mitglied unserer Familie spüren wir, wie wir Teil eines großen Stromes sind. Darin sind wir nur eine Welle, die auftaucht und vergeht. Gleichzeitig wird uns bewusst, dass jede/r von uns als Individuum ein unverwechselbares, einzigartiges Schicksal zu leben hat, das sich von dem Schicksal der Eltern und dem der eigenen Kinder unterscheidet. Dies ist ein aufrüttelndes Erlebnis. Wir finden in diesem Prozess unseren eigenen Platz im Leben.

Dann stehen konkrete Aufgaben an: Die Eltern werden alt und gebrechlich, vielleicht werden sie pflegebedürftig. Wir müssen uns ihnen neu zuwenden, diesmal aber in einer völlig neuen Rolle: Wir sind auf einmal die Stärkeren, wir kennen uns in der modernen Welt besser aus, wir übernehmen immer mehr Aufgaben, die die Eltern nicht mehr erledigen können. Mit dieser Rollenumkehr tauchen manche alte Themen und Konflikte aus der Kindheit wieder auf. Haben wir vielleicht Rechnungen offen, die noch nicht beglichen sind? Wir sehen uns auf einmal im Konflikt zwischen Rachebedürfnis und Dankbarkeit. Genügt die eigene Liebe zu den Eltern, um ihnen die Zuwendung in dem Maß zu geben, wie sie es brauchen oder wie sie es erwarten und fordern?

Wir kämpfen unweigerlich mit Schuldgefühlen, mit gesellschaftlichen Erwartungen, mit eigenen Bedürfnissen. Darf man die Eltern in Pflege geben? Wo finden sie eine gute Betreuung? Oder sollen wir sie zu uns nehmen und selber pflegen? Wo ist die Grenze des Zumutbaren – sowohl für die Eltern als auch für uns selbst? Wie gehen wir mit der Macht um, die wir auf einmal über die eigenen Eltern haben? Wie gehen wir mit dem Gefühl der Ohnmacht um, dass wir, ohne es zu wollen, wieder so eng mit den Eltern verquickt sind? Müssen wir nach dem Erwachsenwerden der Kinder nun unser Leben nach den Eltern richten? Wann sind wir endlich wieder frei, um unser eigenes Leben zu leben?

Es sind Fragen, die wir bisher in Bezug auf unsere Kinder kannten. Aber bei Kindern konnten wir hoffen, dass sie immer selbständiger werden und eines Tages erwachsen sind. Bei unseren Eltern können wir nur mit deren Schwächerwerden und der Zunahme an Abhängigkeit rechnen. Und am Ende steht unweigerlich der Tod der Eltern. Ein schwerer Gang!

Intimität – Generativität – Integrität: Die drei wichtigsten Lebensthemen des Erwachsenenalters

Erik Erikson, einer der bedeutendsten Forscher des Lebenszyklus, ist vor allem durch seine Beschreibung der Entwicklungsphasen im Kinder- und Jugendalter bekannt geworden. Weniger bekannt sind seine Arbeiten über das Erwachsenenalter. Hier hat er drei wesentliche Entwicklungsstufen definiert, die sich jeweils mit einem Lebensthema befassen. Diese sind Intimität, Generationsfolge/Generativität und Integrität.

Intimität und Beziehungsarbeit

Dem ersten großen Thema des Erwachsenseins, der Intimität, begegnen wir in der Partnersuche und der Partnerschaft: Sind wir bereit, uns voll auf eine einzige Person einzulassen, oder haben wir Angst vor Nähe? Ist unsere Liebe stark genug, um einen Menschen über Jahre und Jahrzehnte hinweg, durch alle Konflikte hindurch, zu lieben und zu ihm zu halten? Ist unsere Sicherheit in uns selbst und in der Beziehung gefestigt genug, um den Weg durch die Mühen, Kränkungen und Entbehrungen des Alltages zu finden?

Angst vor Nähe ist jedoch nicht nur ein individuelles Problem, sie wird auch sozial erzeugt und geprägt: In einer Welt, in der Erfolg, Jugendlichkeit und Spaßhaben (»Fun«) zu den wichtigsten gesellschaftlichen Werten erhoben werden, werden intime Beziehungen immer mehr in den Dienst kurzfristigen Vergnügens gestellt. Jeder weiß aber, dass der Spaß meist nur in den Anfangszeiten einer Beziehung, in der Zeit des romantischen Verliebtseins und der Flitterwochen das vorherrschende Gefühl darstellt. Wenn sich die Partner im Laufe der Zeit näher kommen, sind Differenzen, Konflikte, Reibungen unvermeidlich. Daran zerbrechen viele Beziehungen und Ehen, weil wir nicht gelernt haben, an einer intimen Beziehung zu arbeiten.

Die Fähigkeit beziehungsweise Unfähigkeit zur Intimität war das Hauptmotiv meiner beiden letzten Bücher, Liebe, Treue und Verrat und Casablanca oder Wohin dich die Sehnsucht trägt.

Generativität – Kinder bekommen, Eltern werden

Die Etablierung einer intimen Beziehung ist auch deshalb wichtig, weil sie die Voraussetzung für die nächste Lebensstufe bildet: die