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Der zwölfbändige Zyklus »Ein Tanz zur Musik der Zeit« — aufgrund seiner inhaltlichen wie formalen Gestaltung immer wieder mit Marcel Prousts »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« verglichen — gilt als das Hauptwerk des britischen Schriftstellers Anthony Powell und gehört zu den bedeutendsten Romanwerken des 20. Jahrhunderts. Inspiriert von dem gleichnamigen Bild des französischen Barockmalers Nicolas Poussin, zeichnet der Zyklus ein facettenreiches Bild der englischen Upperclass vom Ende des Ersten Weltkriegs bis in die späten sechziger Jahre. Aus der Perspektive des mit typisch britischem Humor und Understatement ausgestatteten Ich-Erzählers Jenkins — der durch so manche biografische Parallele wie Powells Alter Ego anmutet — bietet der »Tanz« eine Fülle von Figuren, Ereignissen, Beobachtungen und Erinnerungen, die einen einzigartigen und aufschlussreichen Einblick geben in die Gedankenwelt der in England nach wie vor tonangebenden Gesellschaftsschicht mit ihren durchaus merkwürdigen Lebensgewohnheiten. Der historische Hintergrund — im fünften Band ist es der Spanische Bürgerkrieg ab 1936 — scheint dabei immer wieder überraschend schlaglichtartig auf.
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Seitenzahl: 370
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Anthony Powell
Casanovas chinesisches Restaurant
Roman
Ein Tanz zur Musik der Zeit –Band 5
Aus dem Englischen übersetzt von Heinz Feldmann
Elfenbein
Die Originalausgabe erschien 1960 unter dem Titel
»Casanova’s Chinese Restaurant« bei William Heinemann, London.
Band 5 des Romanzyklus »A Dance to the Music of Time«
Casanova’s Chinese Restaurant
©John Powell and Tristram Powell, 1960
© 2015 / 2016 Elfenbein Verlag, Berlin
Einbandgestaltung: Oda Ruthe
Alle Rechte vorbehalten
ISBN 978-3-941184-80-0 (E-Book)
ISBN 978-3-941184-40-4 (Druckausgabe)
1
Als ich bei der ausgebombten Gastwirtschaft an der Ecke die Straße überquerte und über die Aura des Mysteriösen nachsann, die beim Blick durch den Rahmen einer zerstörten Tür vorherrscht, war ich aus irgendeinem Grund froh, dass das Haus nicht wieder aufgebaut worden war. Ein Volltreffer hatte selbst das unterste Stockwerk weggeschnitten, so dass das Kellergeschoss offen dalag wie ein abgesenkter Garten oder eine lange schon aufgegebene Stätte archäologischer Ausgrabungen. Große Büschel von Weideröschen und Jakobskreuzkraut sprossen durch die Risse in den Bodensteinen; nur ein paar zerbrochene Milchflaschen und ein senkelloser Schuh erinnerten an das gegenwärtige Leben. In der Mitte dieser trübseligen Grotte hatten fünf oder sechs gebrochene Stufen der Explosion widerstanden und eine aufragende gemauerte Insel gebildet, auf deren Gipfel sich die Tür erhob. Die Wände zu ihren beiden Seiten waren weggesunken, aber auf dem Türsturz konnte man noch das in pedantischer Schulbuchhandschrift geschriebene Wort »Ladies« erkennen. Jenseits davon, auf der anderen Seite der beiden Säulen und ihres Querbalkens, war nicht das Geringste von diesem verheißenen Ort der Zuflucht übriggeblieben; hinter der Türschwelle ging es steil ab in einen Abgrund aus Trümmern; ein Triumphbogen, mühsam errichtet von Zwergen, oder das Tor zu einem unbekannten, verbotenen Reich, dem Schlupfwinkel von Zauberern.
Dann plötzlich, als ob solche ausschweifenden Fantasien nicht schon genügten, erklang aus diesem unerforschten Land kraftvoll und wunderbar süß das Lied der blonden Frau auf Krücken, jener Wanderprimadonna der Straßen, deren Stimme ich seit jenem Tag vor Jahren, als Moreland und ich ihr in der Gerrard Street lauschten, nicht mehr gehört hatte, an jenem Nachmittag, als er davon gesprochen hatte, heiraten zu wollen; nachdem wir die Flasche mit dem Etikett »Süßwein (Portwein-Geschmack)« gekauft hatten, den selbst Moreland später nicht mehr zu trinken bereit war. Jetzt wieder erfüllte, das Rauschen des Verkehrs übertönend, genau jener Klang die rußige Luft, und es gelang ihm, diese Umgebung in die Vision eines orientalischen Traumlandes zu verwandeln, die, wenn man so will, künstlich war, doch auch verlockend genug unter den dahinziehenden Wolken eines freudlosen Himmels in Soho.
Ihr blassen Hände, die ich liebte nahe bei dem Shalimar,
Wo seid ihr jetzt, und wer erliegt nun eurem Zauber?
Letztendlich erweisen sich die meisten – vielleicht sogar alle – Dinge im Leben als miteinander verbunden. So war es auch jetzt, denn hier vor mir lagen die spärlichen Überreste des Mortimer, der Kneipe, in der wir uns kennengelernt hatten und in der unsere Freundschaft begann. Als Begleitung zu Erinnerungen an Moreland war Musik etwas ganz Natürliches, sogar Zwangsläufiges, aber die Wiederholung einer auf so erstaunliche Weise passenden Gesangsdarbietung war wohl kaum vorherzusehen gewesen. Ein fußbodenloser Winkel der Wand, an der noch ein paar Brocken Verputz und Streifen der Strukturtapete hingen, war alles, was von dem Alkoven, wo wir immer gesessen hatten, übriggeblieben war, eine Nische, die auch das elektrische Klavier beherbergt hatte, in das Moreland in regelmäßigen Abständen einen Penny zu werfen pflegte, um eine jener Fortissimo-Melodien erklingen zu lassen, die ungefähr aus der gleichen Zeit stammten wie das Repertoire der blonden Sängerin.
Diese war jetzt näher gekommen. Sie selbst war vom Gang der Zeit kaum verändert, war vielleicht eine Spur fülliger. Sie arbeitete sich auf der Mitte der leeren Straße voran, bis sie, von dem Rechteck jenes Türeingangs eingerahmt, dahinzugleiten schien unter dem Einfluss einer okkulten Macht, im Begriff, mühelos durch das verwunschene Portal zu segeln:
Ihr blassen Hände, rosa Kuppen, wie Lotusblüten, die dort trieben
Auf jenen kühlen Wassern, wo einst wir weilten …?
Moreland und ich hatten uns hinterher gefragt, wo der Shalimar wohl liege und warum die Örtlichkeit der Treffpunkt blasser Hände gewesen sein mochte, und derer, die süchtig nach ihnen waren.
»Ein Nachtclub? Was meinst du?«, hatte Moreland gesagt. »Ein Bordell vielleicht. Bestimmt ein Etablissement, das exotische Neigungen bedient, und auch nicht sehr gesunde, vermute ich. Wie sehr ich wünschte, es gäbe etwas Derartiges, wo wir heute den Nachmittag verbringen könnten. Der Gesang dieser Frau hat mich aus dem Gleichgewicht gebracht. Welch eine Nostalgie. Es war wirklich großartig. ›Wen führst du jetzt auf dem Verzückungsweg so weit?‹Welch eine treffende Frage! Aber wo können wir jetzt hingehen? Ich hab das Gefühl, ich muss mich amüsieren. Lass dir was Brillantes einfallen. Ich bin in düsterster Stimmung, um ehrlich zu sein. Wir wollen uns dem Augenblicke hingeben!«
»Tee in Casanovas chinesischem Restaurant? Das wäre angemessen orientalisch nach dem Lied.«
»Meinst du? Ich war schon eine Ewigkeit nicht mehr da. Es war nicht besonders aufregend bei meinem letzten Besuch. Außerdem, das Casanova ist für mich nicht mehr dasselbe seit dieser Geschichte mit Barnby und der Kellnerin. Es wäre billiger, Tee zu Hause zu trinken – und nicht weniger chinesisch, denn ich habe ein Paket Lapsang.«
»Wie du willst.«
»Aber warum weilten sie auf den kühlen Wassern? Ich verstehe die Präposition nicht. Waren sie in einem Boot?«
Moreland hatte die Angewohnheit, ewig auf einer Sache herumzureiten, wenn sie ihm gefiel – seine typische Art, innerlich den Zugang zu ein paar Dingen zu intensivieren, nachdem er die meisten äußeren Zeichen der Ernsthaftigkeit aufgegeben hatte; eine Vorliebe für Wiederholungen, die für seine Freunde manchmal ermüdend war, wenn er immer wieder gnadenlos auf irgendeine triviale Sache zurückkam, die weniger amüsant für andere war als für ihn.
»Glaubst du, sie waren in einem Boot?«, fuhr er fort. »Das Gedicht hat den Titel ›Ein Kaschmiri-Liebeslied‹. Meine Tante sang es häufig. Hausboote sind typisch für den Kaschmir, nicht wahr?«
»Bei Kipling gehen Leute da hinauf, um ihren Urlaub dort zu verbringen.«
»Als wir in Fulham wohnten, sang meine Tante dieses Lied immer und begleitete sich dabei auf dem Klavier.«
Er blieb auf der Straße stehen und bot an Ort und Stelle laut eine Version des Stückes dar, wie sie von seiner Tante gesungen worden war, wobei er sich hin und wieder unterbrach, um den Kontrast zu der Vorführung zu betonen, die wir gerade gehört hatten. Morelands Eltern waren gestorben, als er ein Kind war. Diese Tante, die eine große Rolle in seiner persönlichen Mythologie spielte, hatte ihn aufgezogen. Zweifellos verängstigt wegen des schwächlichen Gesundheitszustandes ihres Neffen und des Gedankens an die Tuberkulose, an der sein Vater (der sich einen Namen als Musiklehrer gemacht hatte) gestorben war, soll sie Moreland schrecklich verwöhnt haben. Es gab eindeutige Anzeichen dafür. Sie war wohl auch eingeschüchtert durch seine jugendliche Brillanz; denn obwohl Moreland nie, wie Carolo, ein Wunderkind gewesen war – jene absonderliche, leicht unbehaglich machende Erscheinungsform allein des musikalischen Genius –, hatte er als Junge doch aufsehenerregende Erwartungen geweckt. Die Tante war ebenfalls mit einem Musiker verheiratet, einem Mann, der beträchtlich älter war als sie und dessen allgemeine Mittellosigkeit ihn nicht daran hinderte, lose Verbindungen zu einer sublimeren Welt als der zu unterhalten, in der er den größten Teil seines täglichen Lebens verbrachte. Er hatte Wagner in der Albert Hall dirigieren und Liszt im Crystal Palace spielen gehört; hatte den schwarzen Habit und die metallgraue Haarpracht des Abbé auf dessen Durchreise in Sydenham gesehen; hatte ein Glas Wein mit Tschaikowsky in Cambridge getrunken, als dem russischen Komponisten dort die Ehrendoktorwürde verliehen wurde. Man sollte diesen Höhepunkten nicht zu viel Gewicht beimessen. Moreland war ebenfalls in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, aber auch in einer Tradition, in der über berühmte Menschen in einem Ton der Vertrautheit geredet wurde, nicht bloß als außerordentliche Persönlichkeiten, über die man in Büchern las, sondern auch als Personen, die sich in der Welt zurechtzufinden hatten wie jeder andere auch. Diese Herkunft war der von Barnby nicht unähnlich, wobei Musik die Stelle der darstellenden Künste einnahm.
»Vielleicht handelte es sich um ein Hausboot von schlechtem Ruf.«
»Welch ein erfreulicher Gedanke«, sagte Moreland. »Während der Momente der Verzückung, von denen der Text spricht, würde man das Wasser, wenn ich so nautisch sein darf, sanft gegen den Kiel schlagen hören. Eine überwältigende Sehnsucht nach etwas Derartigem bedrängt mich heute Nachmittag. Etwas Aktives, Emotionales – wie zum Beispiel hinter einer attraktiven Person um nasse Lorbeerbüsche herzujagen.«
»Unmöglich, leider.«
»Wie schade, dass London keinen Lunapark hat. Ich würde gern Karussell fahren und diese Monstrositäten sehen. Erinnerst du dich, wie wir mit der Geisterbahn fuhren, wenn man auf geschlossene Türen zuschießt und einen Hügel hinunterjagt auf einen Körper zu, der quer auf den Schienen liegt?«
Am Ende entschieden wir uns an diesem Tag gegen Casanovas chinesisches Restaurant und versuchten, wie ich schon sagte, unser Glück mit einem der Weine, die in der Shaftesbury Avenue angeboten wurden, der Straße, die wir auf dem Weg zu Morelands Wohnung überquerten. Diese lag in einer etwas schäbigen Gasse auf der anderen Seite der Oxford Street, nicht weit entfernt von Mr. Deacons Antiquitätengeschäft. Wenn man einmal, nach dem man eine endlos lange Treppe hochgestiegen war, dort ankam, befand man sich in einem unerwartet aufgeräumten, sauberen Zimmer. Nonkonformist, der er war, und in vieler Hinsicht disziplinlos, hatte Moreland auch eine präzise, ordentliche Seite – ihm anerzogen vielleicht von seiner Tante –, die sich, wie Maclintick häufig sagte, in seiner musikalischen Technik widerspiegelte. An den Wänden hingen gerahmte Karikaturen von Tänzern in Djagilews frühen Balletten, farbige, von den Legat-Brüdern gezeichnete Bilder, die Moreland in einer Mappe draußen vor einem Antiquariat gefunden hatte – Pawlowa; Karsawina, Fokine; andere noch, die ich vergessen habe. Unter den wenigen Büchern auf dem kleinen Regal neben dem Bett waren eine zerfledderte Ausgabe von Apollinaires »Alcools«, ein Band einer Sherlock-Holmes- Ausgabe, Grinlings»Geschichte der Großen Nordenglischen Eisenbahn«. An einer Wand stand ein Klavier, obwohl Moreland, wie er immer betonte, kein großer Könner auf diesem Instrument war. Es standen immer Blumen in der Vase auf dem Tisch, wenn Moreland sie sich leisten konnte, was damals nicht oft der Fall war.
»Macht es dir was aus, den Wein aus Teetassen zu trinken, von denen einer auch noch ein Henkel fehlt? Ziemlich scheußlich, leider. Ich war so geschickt, meine drei Gläser neulich abends zu zerbrechen, als ich von einer Party nach Hause kam und sie wegstellen wollte, damit die Wohnung vielleicht bewohnbarer aussehe, wenn ich am Morgen aufwachen würde.«
Nachdem wir den Wein erst einmal probiert hatten, schütteten wir den Rest der Flasche die Toilette hinunter.
»Wenn es gesetzlich erlaubt wäre, drei Frauen zu haben«, fragte Moreland, während wir zusahen, wie die Kaskade bernsteinfarbenen Schaums geräuschvoll heraussprudelte, »wen würdest du wählen?«
Das war zu der Zeit, als ich in Jean Duport verliebt war. Moreland wusste nichts von ihr, und ich hatte auch nicht die Absicht, ihm etwas zu sagen. Stattdessen offerierte ich ihm drei Namen aus einer Gruppe von Frauen, mit denen bekannt zu sein wir beide das Vergnügen hatten, wobei ich bei dieser dreifachen Entscheidung ohne ungebührliche Sorgfalt vorging. Um die Wahrheit zu sagen, trotz meiner Gefühle für Jean schien mir die Ehe, obwohl sie rings um mich herum überall ihren Kopf erhob, noch ein eher verzweifeltes Unterfangen zu sein, das es in fast unendliche Ferne zu rücken galt.
»Und du?«
Moreland besaß den unter Männern eher seltenen Vorzug, keine Namen auszuplaudern. Gleichzeitig aber war die Geheimnistuerei, mit der er seine eigenen Liebesbeziehungen behandelte, nicht ohne eine Spur von Exhibitionismus. Er liebte es immer ein wenig, unbefriedigte Neugier zu erregen.
»Ich gedenke zu heiraten«, sagte Moreland. »Das hab ich jetzt beschlossen. Ich hab immer große Schwierigkeiten, zu einem Entschluss zu kommen. Aber der Augenblick der Entscheidung ist jetzt da. Sonst werd ich auch noch einer von diesen deprimierten und deprimierenden Intellektuellen, die von Party zu Party laufen, zunehmend Schwierigkeiten haben, irgendjemanden abzuschleppen, und schließlich auto-erotischer Gewohnheiten verdächtigt werden. Außerdem, Nietzsche befürwortet es, gefährlich zu leben.«
»Wenn du dich schon entschieden hast, dein Leben auf die Philosophie von Schriftstellern aus jener Zeit zu gründen, Strindberg hielt selbst die schlechteste Ehe für besser, als gar nicht zu heiraten.«
»Und Strindberg hat sich das Recht, über dieses Thema zu sprechen, verdient. Wie du wahrscheinlich weißt, führte seine zweite Frau einen Nachtclub, vor gar nicht so langer Zeit, gar nicht so weit von dieser Wohnung entfernt. Maclintick, ausgerechnet den, hat mal jemand da mit hingenommen.«
»Aber du hast mir noch nicht gesagt, wer deine Frau – deine drei Frauen – sein werden.«
»Es gibt in Wirklichkeit nur eine. Ich weiß nicht, ob sie mich nehmen wird.«
»Ach, komm. Du sprichst wie ein viktorianischer Roman.«
»Ich werde es dir sagen, wenn wir uns das nächste Mal treffen.«
»Das ist unerträglich, nachdem ich dir meine Namen genannt habe.«
»Aber ich meine es ernst.«
Ich verwarf den Gedanken, dass Moreland erwägen könnte, die Protagonistin einer Geschichte zu heiraten, die Barnby mir kürzlich über eine von Mr. Cochrans »Jungen Damen« erzählt hatte.
»Moreland verpfändete das goldene Zigarettenetui, dass Sir Magnus Donners ihm für die Musik zu diesem Film gegeben hatte«, hatte Barnby gesagt. »Nur um sie zum Dinner im Savoy einladen zu können. Die Frau hatte Kopfschmerzen an diesem Abend – auch ihre Tage, vermute ich, und der größte Teil des Geldes ging dafür drauf, dass er sie mit dem Taxi zurück nach Golders Green brachte.«
Selbst wenn diese Geschichte nicht stimmte, die Robustheit von Morelands romantischer Natur, wenn es um Angelegenheiten des Herzens ging, blieb dadurch völlig unbeeinträchtigt, dass er immer wieder zu hoffnungslosen Liebesbeziehungen hingezogen wurde. Das war mir bereits klargeworden, als ich ihn erst einige Monate kannte. Witz, Klugheit im Hinblick auf andere Aspekte des Lebens, ein Verständnis für die Künste, eine fundamentale Gutmütigkeit – nichts schien ihm zu helfen bei der Lösung seiner emotionalen Probleme; in gewisser Weise waren diese Eigenschaften, so wie sie sich bei ihm darstellten, sogar ein Hindernis. Frauen fanden ihn amüsant, waren fasziniert von seiner ungewöhnlichen Erscheinung und nachlässigen Kleidung, hörten, dass er brillant war – so war es nur natürlich, dass er auch ›Erfolge‹ hatte; aber im Allgemeinen handelte es sich dabei um Damen mit einem allzu extremen Enthusiasmus für die Musik. Das interessierte Moreland nicht. Er wollte weitere Horizonte. Man braucht seine Zurückhaltung angesichts solcher ›Gelegenheiten‹ nicht zu übertreiben. Zweifellos gestattete er sich eine gewisse Bandbreite mit Frauen dieser Art. Dennoch, es blieb dabei, dass er, obwohl ihm die Existenz, die größere Effektivität, einer Haltung, die seiner eigenen ziemlich entgegenstand, völlig bewusst war, hoffnungslos dem hörig blieb, was er, mit einem damals modischen Ausdruck, einen »princesse lointaine«-Komplex nannte. Diese Haltung führte natürlich dazu, dass er sich in Frauen verliebte, die auf die eine oder andere Weise mit dem Theater verbunden waren.
»Es ist egal, ob es sich um die Hauptdarstellerin oder die Zweite Sklavin handelt«, sagte er, »mir selbst fällt immer die Rolle eines Verehrerheinis am Bühneneingang von vor dreißig oder vierzig Jahren zu. Natürlich, die Arbeitszeiten in meinem Beruf zwingen mich zu Verbindungen mit Frauen, die lange aufbleiben müssen – womit ich nicht notwendigerweise Nutten meine.«
All das war Barnby völlig fremd, der sich in einem hohen Maße der Fähigkeit der unkomplizierten, direkten Attacke erfreute, die oft mit einem Talent für Malerei oder Bildhauerei zusammengeht.
»Barnby braucht nie in Stimmung zu sein, um zu arbeiten«, pflegte Moreland zu sagen. »Das Pensum, das er jeweils schafft, ist proportional zu der Zeit, zu der er morgens aufsteht. Sehr ähnlich ist es bei ihm mit Frauen. Alles, was er tun muss, wenn er eine sieht, die ihm gefällt, ist, sie zu bitten, mit ihm zu schlafen. Einige tun es, andere nicht. Es macht ihm nichts aus.«
Barnby hätte diesem Bild von sich selbst nicht im Geringsten zugestimmt. Seine eigene Version war die eines Mannes, der, chronisch überlastet, von dem Druck emotionaler Empfindsamkeit absolut zu Boden gepresst war. Trotzdem, wenn man die beiden miteinander verglich, sprach einiges für Morelands gröbliche Vereinfachung. Wie es sich so traf, zeigten sich ihre unterschiedlichen Methoden in besonders scharfem Kontrast bei der Gelegenheit, als ich Moreland das erste Mal begegnete.
Den Mortimer (jetzt in einem unangenehm modischen Stil wieder aufgebaut und dauernd voll von Gebrauchtwagenhändlern) hielten schon damals die Eingeweihten für einen Treffpunkt von Langweilern; aber obwohl das Bier mittelmäßig war und der Schankraum zugig – eine Handvoll Künstler, vorwiegend Musiker, war fast immer dort anzutreffen. Für Moreland, der zu der damaligen Zeit ziemlich stolz darauf war, weitgehend außerhalb jener Welt der Berufsmusik zu leben, die ihn gegen Ende seines Lebens so völlig umfing, bestand der hauptsächliche Charme des Mortimer in dem elektrischen Klavier. Die Klientel war Anathema; das räumte Moreland immer ein, wobei er genau diesen Ausdruck gebrauchte, eines seiner Lieblingswörter.
Was mich betrifft, ich mochte das Lokal auch nicht. Ich war dort von Barnby eingeführt worden (ich hatte ihn erst einige Wochen zuvor kennengelernt), der an diesem Abend nach einer Besprechung mit einem Rahmenmacher, der in der Nachbarschaft lebte, in den Mortimer kommen wollte. Barnby war dabei, eine baldige Ausstellung vorzubereiten. Das war zu der Zeit, als sein Studio sich über Mr. Deacons Antiquitätengeschäft befand; als er Baby Wentworth nachstellte und mit den Wandgemälden im Donners-Brebner-Gebäude begann, das dann, wie der Mortimer, während des Krieges durch eine Bombe zerstört wurde. Ich war kurz zuvor, so erinnere ich mich, von einem Aufenthalt bei den Walpole-Wilsons auf dem Lande zurückgekehrt. Es kann bestimmt nur eine Woche vor der tödlichen Verletzung gewesen sein, die sich Mr. Deacon zuzog, als er auf der Stufe zum Bronzenen Affen (dem im selben Monat nach einer Polizei-Razzia die Lizenz zum Alkoholausschank entzogen wurde) ausglitt und einige Tage später im Krankenhaus verstarb, zum großen Bedauern vieler Typen – einige von ihnen alles andere als akzeptabel –, die sein Antiquitätengeschäft zu ihrer regelmäßigen Anlaufstelle gemacht hatten.
Es regnete an diesem Abend in Strömen, und es war viel kälter geworden. Barnby war noch nicht eingetroffen, als ich den Schankraum, der leerer war als sonst, betrat. Zwei oder drei ältere, schwarz gekleidete Frauen, wahrscheinlich Hauswirtinnen, die jetzt Feierabend hatten, saßen vor sich hin schimpfend in einer Ecke und tranken Guinness. In einer anderen, da, wo das elektrische Klavier stand, saß Mr. Deacon selbst, wie gewöhnlich ohne Hut; sein weiß werdendes Haar hing strähnig über einem dicken Wollschal, dessen grobe Maschen er selbst gestrickt haben mochte. Seine übliche Herbst-Ausdünstung von Eukalyptus oder irgendeinem anderen Spezifikum gegen Erkältungen, für die er sehr anfällig war, hing über diesem Teil des Raumes. Er war immer sehr auf seine Gesundheit bedacht, und die Temperatur im Mortimer war unbehaglich niedrig. Seine langen, arthritischen Finger umschlossen ein kleines Bitter und formten einen unregelmäßigen Reifen oder Bördelrand um das Glas, der an einen mittelalterlichen Behälter zum Abstellen eines Trinkhorns denken ließ. Der Anblick Mr. Deacons erinnerte mich, wegen seiner Ähnlichkeit mit einem Pilger, einem leicht sinistren Pilger, in dem sich eine nicht geringe Spur von Wahnsinn zeigte, immer an das Mittelalter; andererseits – es muss wohl in jeder Epoche ein Teil der Pilger sinister gewirkt haben, einige von ihnen waren sicher auch wahnsinnig. Ich war, ziemlich snobistisch, muss ich sagen, froh, dass die Straßen zu nass für seine Sandalen gewesen waren. Stattdessen steckten seine Füße in dunkelblauen Schneestiefeln aus Filz, gegen die Pfützen. An diesem Abend wollten Barnby und ich uns die Wiederaufführung eines Von-Stroheim-Films ansehen – »Törichte Frauen« vielleicht? Möglicherweise hatte Barnby vorgeschlagen, Mr. Deacon sollte mit uns ins Kino gehen, obwohl er in der Regel nur dazu bewegt werden konnte, sowjetische Filme über sich ergehen zu lassen, und die nur aus rein ideologischen Gründen. Mr. Deacon war an diesem Abend in Hochform. Er war von einer Gruppe von Personen umgeben, von denen ich niemanden kannte.
»Guten Abend, Nicholas«, sagte er in seiner tiefen, tiefen, bewusst melodischen Stimme, die mir irgendwie immer ein unbehagliches Gefühl gab. »Was bringt Sie in diese bescheidene Herberge? Ich dachte, Sie frequentierten eher noble Häuser und Schlösser.«
»Ich bin mit Ralph hier verabredet. Wir wollen uns einen Film ansehen. Keiner von uns beiden hatte heute Abend eine Einladung in ein nobles Haus.«
»Das Kino?«, sagte Mr. Deacon mit großer Verachtung. »Es erstaunt mich, dass ihr jungen Leute eure Zeit im Kino verschwendet. Könnt ihr nichts Besseres mit euch anfangen? Ich hätte mehr von Barnby erwartet. Da könnt ihr ja genauso gut die Royal Academy besuchen. Wäre besser noch, eigentlich. Es gäbe dort wenigstens die Gelegenheit, kräftig zu lachen.«
Obwohl es damals schon viele Jahre her war, seit er das Malen aufgegeben hatte, und trotz seiner Verachtung für alle Manifestation der ›modernen Kunst‹, wurde Mr. Deacon nie müde, seiner ebenso großen Geringschätzung für die Mitglieder der Academy und ihre Werke Ausdruck zu geben.
»Sind Kinos denn schlechter als der häufige Besuch von Kneipen Ihrerseits?«
»Ein gerechtfertigter Tadel«, sagte Mr. Deacon, entzückt über diese Nachahmung seines eigenen moralisierenden Tons, »unendlich gerechtfertigt. Aber sehen Sie, ich bin hierhergekommen, um ein kleines Geschäft abzuwickeln, nicht nur, um les jeunes zu treffen. Es stimmt, ich würde heute Abend viel lieber die Sache der internationalen Abrüstung vorantreiben und ›Krieg zahlt sich niemals aus!‹ vor der Albert Hall verkaufen, aber wir müssen alle unser Butterbrot verdienen. Mein armseliges kleines Pamphlet bringt mir persönlich nichts ein. Bloß einen Penny für eine noble Sache. Für meine Waren muss ich natürlich einen entsprechenden Preis erheben. Sie scheinen zu vergessen, Nicholas, dass ich gegenwärtig nur ein armer antiquaire bin.«
Mr. Deacon sagte diese Sätze in einem leicht salbungsvollen Ton. Da er dazu neigte, hohe Preise zu veranschlagen, wurde allgemein angenommen, dass er ein zumindest respektables Einkommen aus seinen Waren zog. Die Tatsache, dass seiner Vergangenheit ein leichter Schatten der Gesetzesübertretung anhaftete, erhöhte in den Augen einiger Kunden noch den Reiz. Eine lange Zeit war vergangen seit den Tagen, als er, als Künstler mit einem Privateinkommen in Brighton lebend, mit meinen Eltern bekannt gewesen war, bevor jener unglückliche Zwischenfall im Battersea Park zu Mr. Deacons längerem Aufenthalt im Ausland geführt hatte. Eine angeborene Vorliebe für griechisch-römische Themen, die einst in seiner eigenen Malerei Ausdruck gefunden hatte, nahm nun die deutliche Neigung an, Statuetten und Medaillons aufzukaufen, die Götter und Heroen aus der klassischen Zeit darstellten. Diese nicht immer leicht zu verkaufenden Objekte stapelten sich in seinem Geschäft, denn die Mode für solche Ornamente als Ergänzung zu Empire- oder Regency-Möbeln hatte damals erst kaum begonnen. Gelegentlich befand sich ein Kunstwerk in seinem Besitz, das zu heidnisch war in seiner Befürwortung sexueller Freizügigkeit, als dass es offen ausgelegt werden konnte. Solche zweifelhaften Artikel verwahrte Mr. Deacon, wie Barnby behauptete, in einem Kasten unter seinem Bett. Auf der niedrigen gesellschaftlichen Ebene, auf der er sich jetzt bewegte, hatte, was Mr. Deacon betraf, alles, Geschäft und Vergnügen, Kunst und Politik, Leben und – wie es sich schließlich herausstellte – sogar der Tod, einen Schatten der Zwielichtigkeit angenommen. Aber selbst in diesen moralisch verarmten Lebensverhältnissen betrachtete er sich selbst gern als einen Mann, der nicht völlig von den oberen Gesellschaftsschichten abgeschnitten war. Er genoss zum Beispiel immer noch solche triumphalen Kontakte wie den an dem Nachmittag, als Lady Huntercombe, die einen von ihren Mrs.-Siddons-Hüten trug, unerwartet auf seiner Türschwelle erschienen war und nach einer Stunde eine mit Intarsien ausgelegte Teedose aus einer Tunbridger Werkstatt davontrug, für die sie, trotz angestrengtem Feilschen ihrerseits, fast genauso viel hatte zahlen müssen, wie wenn sie sie in der Bond Street erworben hätte. Sie hatte, mit einem Ausdruck, den Mr. Deacon oft und gerne zitierte, versprochen wiederzukommen, »wenn mein Glück mir wieder hold ist«.
»Lächerliche Frau«, pflegte er entzückt zu sagen, »als ob wir nicht alle wüssten, dass die Huntercombes so reich sind wie Krösus.«
Eine der Personen, die zusammen mit Mr. Deacon an dem Tisch im Mortimer saßen, ein junger Mann, der so bis an die Ohren eingemummelt war, dass er wie ein Taxifahrer aussah, der mehrere Mäntel übereinander trug, brach jetzt die lebhafte Unterhaltung, die er mit seinem Nachbarn, einer dicklichen Person mit Goldrandbrille, führte, ab und schlug Mr. Deacon mit einer zusammengerollten Zeitung leicht auf den Arm.
»Ich würde mich sicher nicht in die Nähe der Albert Hall wagen, wenn ich du wäre, Edgar«, sagte er. »Es wäre ein zu großes Risiko. Jemand könnte dich packen und zwingen, Brahms zu hören. Ja, nach dem, was du heute Abend so geredet hast, würdest du wahrscheinlich der Versuchung nachgeben und freiwillig reingehen. Ich würde dir keinen Zoll breit trauen, wenn es um Brahms geht, Edgar. Keinen Zoll breit.«
Mr. Deacon ließ sein Glas los, hob dramatisch seine knotige Hand und krümmte gleichzeitig einen der knorrigen Finger.
»Moreland«, sagte er, »ich wünsche nichts mehr von deinen jugendlichen Vorurteilen zu hören, und bestimmt nichts von deiner Meinung zur Orchestrierung des Zweiten Klavierkonzerts.«
Der junge Mann lachte spöttisch. Obwohl er den Eindruck erweckte, er trage mehrere Mäntel, hatte er in Wirklichkeit doch nur einen an, ein abgetragenes, stark fleckiges Kleidungsstück, aus dessen Taschen weitere Zeitungen herausguckten, zusätzlich zu der, mit der er Mr. Deacons Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hatte.
»Wie ich gerade bemerkte, Nicholas«, sagte Mr. Deacon, während er sich wieder mir zuwandte und gleichzeitig ein Lächeln aufsetzte, das seiner Toleranz gegenüber jeder Art von jugendlichem Extremismus Ausdruck geben sollte, »ich bin hauptsächlich in diesen Schnapspalast hier gekommen, um ein ›object of virtu‹, ein Liebhaberstück, zu inspizieren – eine klassische Gruppe, ausgeführt in einem nicht näher spezifizierten Material, genauer gesagt. Ich werde sie kaufen, wenn mich ihre Schönheit überzeugt. ›Die Wahrheit entschleiert von der Zeit‹ – in der Villa Borghese, Sie erinnern sich. Ich muss sagen, in dem Marmor des Originals hat Bernini das Mädchen genauso ungenießbar aussehen lassen, wie es die herzlose Tugend ist, die es verkörpert. Eine Reproduktion dieser Arbeit wurde von einer jungen Person, mit der mich eine lose Bekanntschaft verbindet, auf dem Caledonian Market entdeckt. Die Person dachte, ich könnte dieselbe vielleicht in ihrem Auftrag gewinnbringend veräußern.«
»Ich hoffe nur, diese junge Person ist seinerseits – ich vermute doch, sie ist männlichen Geschlechts – ein Objekt tugendhafter Zuneigung«, sagte Moreland. »Wir können keineswegs zulassen, dass hier Jugend, statt Tugend, von der Zeit entschleiert wird. Können wir dir trauen, Edgar?«
Mr. Deacon stieß ein kurzes, tiefes, ziemlich theatralisches Lachen aus. Er zuckte leicht mit den Schultern.
»Nichts könnte korrekter sein als meine Beziehung zu diesem jungen Herrn«, sagte er. »Ich habe seine Mutter im letzten Sommer kennengelernt, als sie und ich in einer vegetarischen Feriengesellschaft neue Kraft und Erholung zu schöpfen versuchten – sie, glaube ich, mehr aus ökonomischen Gründen als aus eigener tief empfundener Abneigung gegen den Fleischverzehr. Ich hielt sie für eine sehr angenehme, vernünftige Frau, ihrem Sohn sehr ergeben. Sie erinnerte mich in gewisser Weise an meine eigene liebe Mama, die ich vor vielen langen Jahren auf dem Friedhof von Kensal Green zur letzten Ruhe gebettet habe. Ihr Junge kam und holte sie vom Bahnhof Paddington ab, als wir auf unserer gemeinsamen Rückreise dort ankamen. So haben er und ich uns zuerst kennengelernt. Befriedigt das deine gierige Sucht nach Skandalen, Moreland? Ich hoffe doch.«
Mr. Deacon klang eher verschmitzt als verärgert. Seine Art zeigte deutlich, dass er Moreland mochte, ja bewunderte, und er schien bereit zu sein, von ihm ein größeres Maß an Sticheleien hinzunehmen, als er es je den meisten aus dessen Zirkel erlaubt hätte.
»Jedenfalls war der Junge noch nicht da, als ich hier eintraf«, fuhr er fort und wandte sich wieder lebhaft mir zu, »also leistete ich dieser kleinen Gruppe von ›Musikanten, an einem trostlosen Fluss sitzend‹, Gesellschaft. Ich hatte einige musikalische Differenzen mit diesem Moreland hier, der auf seinem Gebiet sehr diktatorisch wird. Ich nehme an, ihr kennt euch bereits. Was? Nicht? Dann muss ich euch vorstellen. Dies ist Mr. Jenkins – Mr. Moreland, Mr. Gossage, Mr. Maclintick, Mr. Carolo.«
Der revolutionäre Charakter von Mr. Deacons politischen Auffassungen hatte auf die Förmlichkeit seiner Manieren nie Auswirkungen gehabt. Seine Gefährten dagegen ließen – mit Ausnahme von Gossage, der ein Grinsen zur Schau stellte – keinerlei äußere Anzeichen konventioneller Höflichkeit erkennen. Ja, keiner der Übrigen zeigte auch nur den geringsten Wunsch, mit irgendjemandem, der nicht zu ihrem eigenen, offenbar magischen Zirkel gehörte, bekannt zu werden. Dennoch, ich mochte sofort etwas an Moreland. Obwohl ich ihn noch nie in Mr. Deacons Geschäft oder auch Barnbys Studio getroffen hatte, kannte ich ihn bereits als eine Persönlichkeit von einiger Bedeutung in der Welt der Musik. Komponist, Dirigent, Pianist – Genaueres über seine Aktivitäten war mir aber nicht bekannt. Barnby hatte, als wir einmal über Moreland sprachen, etwas von einer Filmmusik für ein halbprivates Projekt erwähnt (eine in Frankreich gedrehte Verfilmung von »Lysistrata«), das von Sir Magnus Donners unterstützt worden war.
Da mir die Musik nichts von jener harten, kaltblütigen, fast mathematischen Freude vermittelt, die mir die Literatur und die Malerei geben, konnte ich nur vage vermuten, welchen Stellenwert Morelands Werk, das von einigen Kreisen enthusiastisch aufgenommen wurde, während andere es zutiefst verabscheuten, im Verhältnis zu den anderen Künsten einnahm. Damals kannte ich keine Berufsmusiker. Später, als ich durch Moreland selbst vielen von ihnen begegnete, sind mir ihre ganz speziellen Besonderheiten, die moralischen und die physischen, aufgefallen. Zufälligerweise waren an diesem Abend einige repräsentative Typen von Musikern zugegen: Moreland selbst, die Musikkritiker Maclintick und Gossage, und Carolo, ein Geiger.
Erst seitdem ich mit Barnby bekannt war, hatte ich begonnen, mich regelmäßig in jener Art von Gesellschaft zu bewegen, wie sie an diesem Abend im Mortimer versammelt war, die, obwohl ich sehr bald völlig zu ihr gehören sollte, damals zunächst noch eine höchst abenteuerliche Welt repräsentierte. Der Hiatus zwischen meinem Abgang von der Universität und der Zeit, als ich einen Platz für mich in London gefunden hatte, umfasste, abgesehen von einigen wenigen Lichtpunkten, eine Ewigkeit an Langeweile. Ich war gelegentlich mit so uninteressanten Studienbekanntschaften wie Short (jetzt ein Beamter) ausgegangen; weniger häufig mit smarteren Leuten wie Peter Templer, dem ich mich inzwischen leicht entfremdet hatte. Ein anderer Freund, Charles Stringham, war kurz zuvor wie aus dem Nichts aufgetaucht, um mich zu einer Party von Mrs. Andriadis mitzunehmen, nur um dann wieder zu verschwinden. Allerdings hatte jene Nacht den Weg geöffnet, der schließlich zum Mortimer führte; wie Mr. Deacon über Barnbys gesellschaftliche Aktivitäten zu sagen pflegte: »die Pilgerfahrt von einem mit Sägemehl bedeckten Fußboden zum Aubusson-Teppich und wieder zurück.« Natürlich nahm zu dieser Zeit noch nichts davon Gestalt in meinem Bewusstsein an; kein Muster war ersichtlich von der Art, wie sie sich schließlich herausformen sollte.
Moreland war damals, wie ich selbst, Anfang zwanzig. Physisch betrachtet war er eine typische, klassische Musiker-Erscheinung, mit einem massiven Beethoven-Kopf, hoher Stirn und sich nach außen wölbenden Schläfen. Augen und Nase drängten sich irgendwie in einer Weise zusammen, die ihm manchmal den düsteren, starren Blick eines hohen Richters gab, der im Begriff ist, ein Urteil zu verkünden. Andererseits erinnerte sein kurzes, dunkles, lockiges Haar an einen ausgelassenen Putto, eine weniger aggressive, mehr intellektuelle Version der Torheit in Bronzinos Gemälde, rotbäckig und boshaft, wie er mit einer Salve Rosenblätter die Umarmung von Venus und Cupido bedroht; während die Figur der Zeit im Hintergrund, mit einem Backenbart wie Kaiser Franz Joseph, drohend hinter einem blauen Vorhang hervorlugt, als mache sie gerade verstohlen das Badezimmer frei. In Ruhestellung war Morelands Gesicht, trotz dieses puttohaften, humorvollen Wesenszuges, auch nicht ohne Melancholie; und seine Gesichtsröte suggerierte nichts von jener unbändigen physischen Gesundheit, der sich Bronzinos – und, so vermute ich, auch jedes anderen – Torheit erfreut. Moreland hatte zunächst wenig Notiz davon genommen, dass Mr. Deacon mich vorgestellt hatte; doch jetzt blickte er mich plötzlich an und schlug, laut lachend, mit der zusammengefalteten Zeitung heftig auf den Tisch.
»Erzähl uns mehr über deinen jungen Freund, Edgar«, sagte er, immer noch lachend, während er zu mir herüberblickte. »Womit verdient er seinen Lebensunterhalt? Willst du uns glauben machen, dass er allein davon lebt, dass er Trödel auf dem Caledonian Market findet und dann an Liebhaber der Schönheit wie dich verkauft?«
»Er hat Verbindungen zum Theater, Moreland, da du so neugierig bist«, sagte Mr. Deacon, immer noch in seiner betont förmlichen Art. »Er ist im Pantomimentanz ausgebildet, ›in panto‹, wie er so entzückend sagt. Das Drury Lane Theatre war der Haken, an den er seine Träume hängte. Jetzt wagt er es, weiterreichenden Ambitionen Nahrung zu geben. Ich höre, nebenbei bemerkt, dass die gute altmodische Harlekinade, die mir, als ich ein kleiner Junge war, so viel Freude gemacht hat, jetzt eine Sache der Vergangenheit ist. Dieser Junge hätte sicher einen bezaubernden Harlekin abgegeben. Ein anderer meiner Freunde vom Theater – ein sehr unartiger junger Mann – kennt dieses Kind und hält sehr viel von seinem Talent.«
»Warum ist dieser andere Freund unartig?«
»Du stellst zu viele Fragen, Moreland.«
»Aber ich bin furchtbar gespannt, Edgar. Wir alle sind es.«
»Ich nenne ihn aus vielen Gründen unartig«, sagte Mr. Deacon und stieß einen langgezogenen Seufzer aus. »Nicht der geringste davon ist, dass er mich vor einigen Jahren auf einer Party mit einem Italiener bekannt machte, einem jungen Mann, dessen einziger Anspruch darauf, etwas Besonderes zu sein, in seinem vorgeblichen Beruf eines Gondoliere bestand, der aber, wie sich dann erwies, in Wirklichkeit bloß für eine kurze Zeit als Fahrkartenschaffner auf einem Vaporetto gearbeitet hatte. Eine ganz entzückend geistreiche Artigkeit, ohne Zweifel.«
Es gab einiges Gelächter über diese Anekdote, dem sich Maclintick allerdings nicht anschloss. Ja, Maclintick hatte dem Verlauf der Unterhaltung mit unverhohlenem Widerwillen zugehört. Es war offensichtlich, dass er sowohl Mr. Deacon selbst als auch die versteckten Anspielungen in Morelands Frotzeleien missbilligte. Wie Moreland repräsentierte auch er den Typus des stämmig gebauten Musikers; eine körperliche Schwere kündigte schon jetzt bedrohlich eine Fettleibigkeit für seine frühen mittleren Jahre an. Breitschultrig, doch sich irgendwie auf seine unteren Extremitäten zu verengend, erweckte seine Vorderfront den Eindruck eines großen dreieckigen Drachens, der im Begriff war, hoch in den Himmel zu schweben auf den Dünsten des irischen Whiskeys, die, selbst über den höchst eigenen Gerüchen des Mortimer und der diese überlagernden Insistenz von Mr. Deacons Eukalyptus, ungehindert von dem Platz, an dem er saß, ausströmten. Maclinticks kalkuliert langweiliges Äußeres schien, obwohl schäbig, darauf angelegt, seine Verbindungen zur Boheme zu verbergen. Die winzigen runden Gläser seiner Goldrandbrille erinnerten, auf eine Mopsnase geklemmt, an Karikaturen von Thackeray oder Präsident Thiers und gaben ihm die Ausstrahlung eines übellaunigen Arztes. Maclintick war, wie ich bald herausfinden sollte, in der Tat übellaunig und zeigte seine gewohnheitsmäßig grantige, missbilligende Art auch Moreland gegenüber, dem er sehr ergeben war. Diesen angeborenen Mangel an Liebenswürdigkeit schien er unaufhörlich, doch ziemlich erfolglos, mit reichlichen Schlucken irischen Whiskeys zu bekämpfen zu versuchen, einem Getränk, das von ihm, im Gegensatz zum Scotch, immer hochgepriesen wurde.
»Ich wäre vorsichtig, wie ich mich bei Sachen vom Caledonian Market verhielte, Deacon«, sagte Maclintick, »ich hab gehört, dass viele der Waren, die dort auftauchen, gestohlen sind. Ich nehme doch an, Sie wollen sich nicht eine saftige Strafe für Hehlerei einhandeln.«
Er sprach zum ersten Mal, seit ich mich an den Tisch gesetzt hatte, und äußerte diese Worte in einer hohen, beißenden Stimme.
»Unsinn, Maclintick, Unsinn«, sagte Mr. Deacon kurz.
Sein Ton machte deutlich, dass die Abneigung, die Maclintick ihm gegenüber empfand – und auch nicht groß zu verbergen suchte –, seinerseits herzlich erwidert wurde.
»Willst du damit sagen, dass unser Freund Deacon in Wirklichkeit ein fence ist?«, fragte Gossage kichernd, so als ziere er sich zuzugeben, dass ihm selbst dieses verhältnismäßig unexotische Beispiel aus dem Diebesjargon bekannt war. »Ich bin sicher, das ist er keineswegs. Also, willst du uns etwa glauben machen, er sei eine Art moderner Fagin?«
»So weit würde ich nicht gehen«, sagte Maclintick in einem diesmal verbindlicheren Ton, wohl weil er Mr. Deacon nicht über einen bestimmten Punkt hinaus reizen wollte. »Ich möchte ihn nur warnen, dass er gut auf seine Reputation achtgibt, die ich nicht gerne befleckt sehen würde.«
Er lächelte ein wenig unsicher in Richtung Moreland, um zu zeigen, dass der Angriff auf Mr. Deacon (der dem Opfer ziemliche Freude zu machen schien) keineswegs auch Moreland einschließen sollte. Später wurde mir bewusst, in wie hohem Maße Moreland für Maclintick ein Objekt der Bewunderung, fast der Verehrung, war. Diese große Wertschätzung war nicht nur ein Zeichen dessen, was Maclintick selbst – bei jener absolut schrecklichen späteren Gelegenheit – »den angemessenen Respekt des armseligen interpretativen Schreiberlings für den wahrhaft kreativen Künstler« nannte, sondern auch einer Zuneigung für Moreland als Freund, die über die normalen kameradschaftlichen Gefühle hinausging und etwas Beschützendes, Mütterliches, wenn dieses Wort denn auf jemanden angewendet werden konnte, der so aussah wie Maclintick, angenommen hatte. In der Tat, unter seinem unwirschen Äußeren hegte Maclintick eine ganze Reihe schriller, nur unvollkommen miteinander zu vereinbarender Auffassungen. Moreland zum Beispiel beeindruckte ihn, vielleicht zu Recht, als ein junger Mann von unvergleichlichem Talent, schlecht ausgerüstet gegenüber einer materialistischen Welt. Gleichzeitig aber tadelte ihn Maclintick, selbst eine gepeinigte Seele, heftig dafür, dass er allzu sehr dem fröne, was er für Sentimentalität hielt. Seine enorme Missbilligung sexueller Andersartigkeit, der er gelegentlich in Kreisen begegnete, in denen er gerne verkehrte, war eine Kompensation für seine eigenen Schuldgefühle über diese Heldenverehrung, die er Moreland entgegenbrachte; und seine Schärfe gegenüber Gossage ein weiterer Versuch, die Balance wiederherzustellen.
»Es ist doch angenehm, hin und wieder jemandem zu begegnen, der so geradeheraus ist«, sagte Gossage.
Er war ein schlanker kleiner Mann mit großen, breiten Zähnen und repräsentierte einen anderen gängigen Typus von Musiker. Seine ruckartigen Bewegungen ließen ihn nicht zur Ruhe kommen. Er spielte nervös mit seiner Fliege, seinem Pincenez und mit seinem Schnurrbart, der allerdings seiner Männlichkeit nicht allzu viel Überzeugungskraft verlieh. Gossages Stimme glich der einer Puppe eines Bauchredners. Er kicherte nervös, zweifellos weil er eine scharfe Zurechtweisung durch Maclintick wegen dieser Bemerkung befürchtete.
»Persönlicher Charme«, sagte Mr. Deacon mit energischer Stimme, »geht leider nicht zusammen mit persönlichem Altruismus. Wie auch immer, ich rechne, bei meinem Alter, fest damit, dass man mich warten lässt. Das Zuspätkommen ist eine der Strafen, die die Jugend zu Recht jenen zumisst, die das grässliche Verbrechen begangen haben, in die fortgeschrittenen Jahre gekommen zu sein. Außerdem, ganz abgesehen von dieser moralischen und ästhetischen Berechtigung, scheint kein Mitglied der jüngeren Generation die Bedeutung der Pünktlichkeit zu kennen, selbst wenn die Ausübung dieser Kardinaltugend in ihrem eigenen Interesse ist.«
Während der ganzen Zeit hatte Carolo, der Letzte der Gruppe, die mir vorgestellt worden war, seinen Mund nicht geöffnet. Er saß vor einem Wermutcocktail mit der Miene eines verkannten Genies. An diesem Abend vermutete ich, Carolo sei etwa gleichen Alters wie Moreland und ich, erfuhr aber später, dass er älter war, als er aussah. Seine jugendliche Erscheinung war vielleicht teilweise die Folge seiner Jahre als Wunderkind.
»Carolos richtiger Name ist Wilson oder Wilkinson oder Parker«, erzählte mir Moreland später, »etwas eher Praktisches und Gesundes dieser Art – ein Name, von dem man meinte, er klinge zu nüchtern und vernünftig. Fast die erste öffentliche musikalische Veranstaltung, zu der mich, meiner Erinnerung nach, meine Tante mitgenommen hat, war ein Konzert mit Carolo in der Wigmore Hall. Damals hätte ich nie gedacht, dass Carolo und ich eines Tages zusammen im Mortimer verkehren würden.«
Carolos Gesicht war blass und abgespannt, sein schwarzes Haar zu delikaten Wellen arrangiert. Doch stand dieses bewusst ›romantische‹ Erscheinungsbild und Gebaren im völligen Widerspruch zu seinem Charakter, der, Moreland zufolge, weit davon entfernt war, von der Fantasie bestimmt zu sein.
»Carolo ist allein daran interessiert, Geld zu machen«, sagte Moreland, »und wer wollte ihm das verdenken. Unglücklicherweise scheint er gegenwärtig nicht besonders gut darin zu sein. Er mag auch die Frauen ein wenig.«
Tagträume von Reichtum und Frauen müssen Carolo jenen weitschweifenden Blick gegeben haben, der ihn niemals verließ; traurig und still sann er über gewaltige Bankguthaben und wollüstige Freuden nach.
»Ach da ist ja mein junger Freund«, sagte Mr. Deacon und erhob sich. »Wenn Sie mir bitte verzeihen, Nicholas … Moreland … und ihr Übrigen …«
Normalerweise neigte Mr. Deacon dazu, die kleinen Indiskretionen, denen er jetzt, in seinen späteren Jahren, noch frönen mochte, vor seinen Bekannten zu verbergen. Er schien nun zu bedauern, dass er sich dazu hatte hinreißen lassen, den Eindruck zu vermitteln, eine seiner »petites folies«, wie er sie gerne nannte, stünde an diesen Abend an. Doch die Versuchung, die Dinge durch Andeutungen in einem solchen Licht darzustellen, war für seine Eitelkeit zu groß gewesen. Jetzt aber, wo es zu spät war, wollte er vorsichtiger sein. Er machte einen hastigen Schritt nach vorn, um das unmittelbare Näherkommen des jungen Mannes, der gerade denMortimerbetreten hatte und ein großes, in Packpapier gewickeltes Paket wie ein Baby in seinen Armen trug, zu verhindern.
»Also«, sagte Moreland, »nach all diesem Getue zeigt sich jetzt, dass Norman Edgars mysteriöser Freund ist. Hat man schon jemals so etwas gehört?«
Durch einen plötzlichen, mit einer gekünstelt eleganten Bewegung ausgeführten Schritt zur Seite vereitelte der junge Mann, der das Paket trug, Mr. Deacons Versuch, ihn von unserer Gesellschaft auszuschließen, und näherte sich dem Tisch. Er war schmächtig, so dünn, dass es unter seinem Mantel kaum einen Körper zu geben schien. Man konnte leicht sehen, warum Mr. Deacon ihm die Rolle des Harlekins zugedacht hatte. Mit seinen traurigen Augen und keck-forschem Auftreten hatte er etwas Koboldhaftes, und sein hübsches Aussehen war von jener seltsam puppenhaften Art, die manche Personen zu Schauspielern oder Tänzern bestimmt, denn die Anonymität ihrer Gesichtszüge und die Biegsamkeit ihrer Körper legt sie schon von Geburt an darauf fest, angenommene Rollen zu spielen.
»Hallo, mein Lieber«, sagte er, sich an Moreland wendend, »ich höre, du hast das neue Strawinski-Ballett gesehen, als du in Paris warst.«
Er sprach mit einer schleppenden Stimme, einer Mischung aus Vorstadtintonation und dem gepflegten Ton der Salonkomödie, während er die Position seiner Füße veränderte und eine Haltung annahm, die sofort die professionelle Ausbildung eines Tänzers verriet.
»Choreografisch gesagt …«, begann Moreland.
Mr. Deacon, verärgert darüber, dass sein ›junger Freund‹ schon den meisten aus der Gruppe bekannt war, machte eine erneute Anstrengung, zu intervenieren und den Jungen für sich allein in Beschlag zu nehmen. Er war fest entschlossen, dass die Verhandlungen zwischen ihnen in zumindest verhältnismäßiger Privatheit geführt werden sollten.
»Was«, sagte er und versuchte kaum, seine Verärgerung zu verbergen, »ihr kennt euch schon, ja? Wie nett, dass wir alle Freunde sind. Dennoch, Norman und ich müssen jetzt unsere privaten Geschäfte besprechen. Die heiligen Riten des Verhandelns dürfen keine Mithörer haben.«
Er kicherte ärgerlich und legte eine seiner gotischen Hände auf die Schulter des jungen Mannes namens Norman, der, als wolle er anzeigen, dass er sich dem Unvermeidlichen fügen müsse, dramatisch Moreland zuwinkte, als er sich zum anderen Ende des Schankraum führen ließ. Dort öffneten sie beide das Paket, wobei sie das Packpapier so um es herum falteten, dass sie selbst möglichst die einzigen Personen waren, die den Inhalt sehen konnten. Mr. Deacon muss sofort entschlossen gewesen sein, den Abdruck zu kaufen (der auch sein Geschäft erreichte – obwohl, wie sich dann erwies, nur für einen kurzen Moment), denn nach einem kurzen, in einem unterdrückten Ton geführten Gespräch packten sie das Paket wieder zusammen und verließen gemeinsam den Mortimer. Als sie durch die Tür gingen, rief ihnen Moreland ein »Gute Nacht« nach, einen Gruß, den nur der junge Mann mit einem Winken erwiderte.
»Wer ist der jugendliche Held?«, fragte Gossage.
Er lächelte angestrengt, während er sein Pincenez abnahm und putzte, so als wolle er nicht, dass Maclintick denke, er sei über Gebühr an Mr. Deacon und seinem Freund interessiert.
»Du kennst Norman Chandler nicht?«, sagte Moreland. »Ich hätte gedacht, du seist ihm schon begegnet. Er ist Schauspieler. Tanzt auch etwas. Spielt ausgezeichnet Saxofon.«
»Ein talentierter junger Herr«, sagte Gossage.
Moreland nahm eine weitere Zeitung aus der Tasche, breitete sie auf dem Tisch aus und begann, einen Aufguss der Berichte über den Mord in Croyden zu lesen. Maclinticks Gesicht hatte während des Gesprächs mit Chandler äußersten Widerwillen ausgedrückt; jetzt gab er seine Empörung auf und begann mit Gossage ein Gespräch über das Konzert in der Albert Hall, das dieser an jenem Abend besuchen wollte. Ich fing Ausdrücke wie »rhythmisches Ensemble« und »dynamische und tonale Balance« auf. Carolo saß völlig schweigsam da und nippte von Zeit zu Zeit freudlos an seinem Wermut. Maclintick und Gossage wechselten nun über zum Delius-Festival in der Queen’s Hall. Diese ganze musikalische Fachsimpelei, zu der auch Moreland, ohne von der Zeitung aufzusehen, hin und wieder seinen Kommentar beitrug, gab mir das Gefühl, völlig fehl am Platze zu sein. Ich wünschte bald, ich wäre weniger pünktlich gewesen. Als Moreland das Ende des Artikels erreicht hatte, schob er die Zeitung von sich.
»Edgar war ziemlich ärgerlich darüber, dass ich Norman kannte«, sagte er zu mir in einem distanzierten, aber freundlichen Ton. »Er liebt es, jeden jungen Mann, den er kennenlernt, mit einer Aura des Geheimnisvollen zu umgeben. Er war völlig aus dem Häuschen über einen ›ehemaligen Sträfling von der Teufelsinsel‹, den er neulich auf einem Kostümfest kennengelernt hatte und der als französischer ›matelot‹ verkleidet war.«
Er beugte sich vor und warf geschickt einen Penny in den Schlitz des elektrischen Klaviers, das ein, zwei Sekunden brauchte, um das Geldstück zu verdauen, und dann heiser zu spielen begann.
»Ah, gut«, sagte Moreland, »der ›Missouri Waltz‹.«
