Das Tal der Gebeine - Anthony Powell - E-Book

Das Tal der Gebeine E-Book

Anthony Powell

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Beschreibung

Der zwölfbändige Zyklus »Ein Tanz zur Musik der Zeit« —­ aufgrund­ seiner inhaltlichen­ wie formalen Gestaltung immer wieder mit Mar­cel Prousts »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« verglichen —­ gilt­ als­ das­ Hauptwerk des­ britischen Schriftstellers Anthony Powell und gehört zu den bedeutendsten Romanwerken des 20. Jahrhunderts. Inspiriert von ­dem ­gleichnamigen Bild des französischen Barockmalers Nicolas Poussin, zeichnet der Zyklus ein facettenreiches Bild der englischen Upperclass vom Ende des Ersten Weltkriegs bis in die späten sechziger Jahre. Aus der Perspektive des mit typisch britischem Humor und Understatement ausgestatteten Ich­-Erzählers Jenkins — der durch so­ manche­ biografische­ Parallele­ wie­ Powells­ Alter ­Ego­ anmutet — bietet der »Tanz« eine Fülle von Figuren, Ereignissen, Beobachtungen und Erinnerungen, die einen einzigartigen und auf­schlussreichen Einblick geben in die Gedanken­welt der in England nach wie vor tonangebenden Gesellschaftsschicht mit ihren durchaus merkwürdigen Lebensgewohnheiten. Im siebten Band bildet das Jahr 1940, in dem Churchill Premierminister wird und Italien in den Krieg eintritt, den historischen Hintergrund.

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Seitenzahl: 379

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhaltsverzeichnis
Titelseite
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Editionsplan

Anthony Powell

Das Tal der Gebeine

Roman

Ein Tanz zur Musik der Zeit –Band 7

Aus dem Englischen übersetzt von Heinz Feldmann

Elfenbein

Die Originalausgabe erschien 1964 unter dem Titel

»The Valley of Bones« bei William Heinemann, London.

Band 7 des Romanzyklus »A Dance to the Music of Time«

TheValley of Bones

©John Powell and Tristram Powell, 1964

© 2016 Elfenbein Verlag, Berlin

Einbandgestaltung: Oda Ruthe

Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-941184-82-4 (E-Book)

ISBN 978-3-941184-42-8 (Druckausgabe)

1

Der am Vortag gefallene Schnee war an einigen Stellen liegengeblieben, und die Morgenluft war eisig. Zu dieser Stunde war noch niemand in den Straßen zu sehen. Rechts und links neben mir schritten Kedward und der Kompaniehauptfeldwebel forsch dahin, als seien wir auf dem Exerzierplatz. Irgendwann in der Vergangenheit – vor langer, langer Zeit, in einer anderen Existenzform, in einer früheren, weniger beschwerlichen Inkarnation – hatte ich einmal eine Nacht in dieser Stadt verbracht, damals nur gekommen, um mir die Gegend anzusehen, in der meine eigene Familie vor mehr als einem Jahrhundert gelebt hatte. Einer von ihnen (ein ziemlich schwieriger Bursche, so wie es aussieht, auf den Onkel Giles’ Unzulänglichkeiten vielleicht zurückgingen) war aus dem Grenzgebiet zwischen Wales und England nach Westen gezogen, um die Erbin eines kleinen Anwesens zu heiraten, das oberhalb einer Bucht an dieser verlorenen, einsamen Küste lag. Die Klippen unter dem Gelände um das Haus, von dem nur die Fundamente den Jahreszeiten widerstanden hatten, umschlossen unregelmäßig aufragende Felsbrocken, an denen sich die auslaufenden Wellen des Atlantiks unaufhörlich brachen, unaufhörlich ihre schäumende, grünliche Gischt erneuerten: la mer, la mer, toujoursrecommencée, wie Moreland so gerne zitierte, eine Alltagslandschaft rollender Wogen, zu offenkundig dramatisch für meinen eigenen Geschmack. Später dann zogen sie, in dem gleichen Landesteil bleibend, auf eine grasbewachsene Halbinsel in dem Delta, wo das sich verengende Meer tief in das Land eindrang. Dort hatten sich Moos und Efeu über verfallene, dachlose Gemäuer gebreitet, auf die dichter Regen niederging. In der nahegelegenen Kirche war eine weiße Marmortafel in memoriam angebracht. Das waren die sichtbaren Überreste gewesen. An die Stadt selbst konnte ich mich kaum noch erinnern. Die Straßen, in dauernd wechselnden Höhen angelegt, waren nicht ohne düsteren Charme und vermittelten einem die Illusion, im Winter durch Grecos Toledo zu stapfen, oder durch eine jener schlossähnlichen Bergstädte der Toskana, die ohne viel Rücksicht auf die Perspektive im Hintergrund von Porträts desQuattrocento dargestellt sind. Irgendwie hatte man, ohne zu wissen, warum dieses Faktum so unausweichlich war, stets das Gefühl, dass das Meer nicht weit entfernt sei. Die Unaufhörlichkeit der Wel­len des Ozeans, wie sie das Gedicht betont, weckten in meiner Vorstellung tausend flüch­tige Bilder, Bruchstücke von Gedichten, Fragmente von Ge­mälden, vergessene Melodien, ungeordnete Erinnerungsstücke jeglicher Art – alles eigentlich, außer den praktischen Dingen, die jetzt von einem erwartet wurden. Doch als ich versuchte, mich zusammenzureißen, wurde ich erneut von Tagträumen überwältigt.

Obwohl sie nur zwei Generationen lang in diesem Teil des Landes geblieben waren, lag eine gewisse Angemessenheit, etwas fast Unausweichliches, darin, dass ich mich im Rang eines Fähnrichs in einem Ort zu melden hatte, von dem aus eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Vorläufern des gleichen Blutes sich aufgemacht hatte, um nicht weiter auffallende Offiziere in der Marine oder der East India Company zu werden; und oft genug auch, um ihre zwanzig Jahre alten Gebeine in Gräber auf den Friedhöfen von Bombay und Mysore zu legen. Ich war nicht eigentlich überrascht, mich selbst jetzt den gleichen Dienstbedingungen verpflichtet zu sehen und hatte dies in gewisser Weise stets als Teil eines vorgegebenen Musters aufgefasst, das zu erfüllen mir irgendwie Erleichterung verschaffte. Dennoch, welche militärischen Assoziationen sich mit dieser Region auch immer aufdrängten, Bonapartes Überzeugung war nicht zu widerlegen – das Französische schien mir in diesem Moment Halt zu geben: A partir de trente ans on commence à être moinspropre à faire laguerre. Das war genau, wie ich mich fühlte; nicht mehr, nicht weniger. Vielleicht hatten auch andere Mitglieder dieses Geschlechts nicht ohne Vorbehalte das Schwert als ihre Karriere gewählt. Jedenfalls hatte sich vier- oder fünfhundert Jahre lang niemand von ihnen auch nur in geringstem Maße besonders ausgezeichnet. Im Mittelalter allerdings hatten sie sich in Kriegen als von größerer Bedeutung erwiesen; und einmal, in tiefer Vergangenheit, waren sie sogar, als Glieder in der irritierenden, anarchischen Kette keltischer Erbfolge, Könige gewesen – so unwahrscheinlich das im Hinblick auf das viel umkämpfte Land dieses südlichen Königreichs jetzt auch erscheinen mag. Ich fragte mich, wie wohl solche Vorfahren als Menschen gewesen sein mochten – gewiss auch fähig dazu, anderen die Augen auszustechen und sie zu kastrieren, wenn sie in der rechten Stimmung waren. Eine blasse, mysteriöse Sonne spiegelte sich trübe in dem Goldreif um ihre Helme, während die bewaffneten Männer, ihre Umrisse immer schwächer und substanzloser werdend, sich in den glänzenden Nebelschwaden in zeitlose Zwischengestalten auflösten, zugleich nachweisbar historisch als auch mythisch-heroisch: Llywarch der Alte, ein unzufriedener Gast an der Tafel König Arthurs; Cunedda – König allerdings nur über die weibliche Linie –, dessen Reiter die Mauer bewacht hatten. Irgendwie drängte sich der Brythone Cunedda besonders der Vorstellung auf. Hatte seine mit großem Gemetzel verbundene Vertreibung der Goidels auf ausdrücklichen Befehl Stilichos, des vandalischen Heerführers, der beinahe das römische Imperium für sich gewonnen hätte, stattgefunden? Ich dachte über diese Möglichkeit nach, während wir, ohne den Schritt zu wechseln, einen kurzen, sehr steilen, sehr rutschigen gepflasterten Abhang hinaufmarschierten. Auf dem Gipfel dieses kleinen Hügels stand ein graues Steingebäude, das von einem Gitter aus spitzen Eisenstäben umgeben war – eine Kapelle oder ein religiöses Versammlungshaus, in eisiger Düsternis vor sich hin brütend. Eine geschnitzte Schnecke unter dem Portikus trug die Inschrift:

SARDIS

1874

Kedward kam zackig vor den Eingang dieses Tabernakels zum Stehen. Der Hauptfeldwebel und ich schlossen zu ihm auf. Ein Sturm blies lärmend die Straße hinauf. Gedämpft zwar, aber irritierend klagten die Kriegshörner Cuneddas, wie er hoch oben über der Wolke davonritt, in dem eisigen Wind.

»Die ist das Quartier der Kompanie«, sagte Kedward. »Rowland wollte uns hier treffen.«

»War er gestern Abend in der Offiziersmesse?«

»Nicht, als du da warst. Er machte als Hauptmann der Woche seine Runde.«

Ich folgte Kedward durch das abschreckende Portal von Sardis – eine der Sieben Kirchen Asiens, wie ich mich erinnerte –, und wir traten unmittelbar in eine Art Höhle ein, dunkler als die Straßen, doch eine Spur wärmer. Der Form genügend befahl der Hauptfeldwebel dem Raum, Haltung anzunehmen, doch in dem bedrohlichen Halbdunkel, über dem der schwere Geruch kürzlich verstorbener Männer lag, überlagert noch von dem Odeur ausströmenden Gases, war keinerlei erkennbare Bewegung auszumachen. Kedward befahl denselben schemenhaften Wesen: »Weitermachen.« Er hatte mir vorher erklärt, dass die Kompanie in dieser Woche wieder »wie verdammt üblich mit dem Küchendienst und so was« dran sei. Zuerst war es nicht leicht zu erkennen, was um uns vor sich ging in dieser Daumier-Welt bedrohlicher, sich stark neigender Schatten, in deren Mitte zwei schwache, bläuliche Gasflammen, die Ursache jenes scharfen Geruchs, der amorphen Masse nebliger Kuben und Pyramiden unregelmäßige, stetig wechselnde Konturen gab. Aber allmählich zogen sich die Formen neben mir zu asymmetrischen Reihen von Etagenbetten zusammen, auf denen Stapel von vorschriftsmäßig gefalteten grau-braunen Decken lagen. Jetzt erhob sich plötzlich am hinteren Ende der Höhle – wie die Hymne eines Solisten, der glorreich aus einem versteckten Chor herausbricht – die Stimme eines Mannes, tief, kehlig und durchdringend, und schwoll an zu einem Klagelied von herzzerreißender Melancholie:

»Sie war die Schönste, ich war so verliebt.

Und viele tausend Sterne sah’n auf unser Glück herab.

Denn es war ja mañana,

Und wir waren so froh

Südlich der Grenze

Auf Mexiko zu …«

Ein weiterer der Männer, die Stubendienst hatten – denn als einen solchen schätzte ich den unsichtbaren Sänger zu Recht ein – tauchte jetzt an meinem Ellbogen aus der Dunkelheit auf und stimmte kraftvoll in die beiden letzten Zeilen ein. Dabei schwang er seinen Besen wie den Stab eines Dirigenten mit beträchtlicher Wucht hin und her, bis er ihn schließlich mit voller Kraft gegen den Holzpfosten eines der Etagenbetten schlug.

»Na, na, da«, rief der Hauptfeldwebel, der das bloße Singen zunächst nicht untersagt hatte. »Nicht so viel Lärm, sag ich euch.«

Als sich das Auge an die Düsterheit gewöhnt hatte, konnte man in dem flackernden Licht der Gasflammen gotische Lettern von enormer Größe, ausgemalt in Rot, Schwarz und Gold, an den Wänden des Gebäudes erkennen: ein Text, dessen Botschaft man direkt von den offenen Seiten eines gewaltigen Buches las, das uns von hoch oben über dem gepflasterten Boden anblickte wie die warnende Schrift auf der Wand bei dem Gelage des Belsazar:

»Aber du hast etliche Namen zu Sardis,

die nicht ihre Kleider besudelt haben;

und sie werden mit mir wandeln in weißen Kleidern,

denn sie sind es wert.« (Offb. 3,4)

»Einige dieser Decken sind noch nicht richtig gefaltet, Haupt­feldwebel«, sagte Kedward. »So geht das nicht, wissen Sie.«

Er sprach in einem sehr ernsten Ton, so wie zur Bekräftigung des apokalyptischen Urteils an den Wänden. Obwohl er mir versichert hatte, er sei fast zweiundzwanzig, erweckte Kedward den Eindruck eines kleinen Jungen, der sich aus Jux die Uniform eines Offiziers angezogen und, um die Verkleidung zu vervollständigen, die Oberlippe mit verbranntem Kork eingerieben hatte. Er sah jung genug aus, um der Sohn, fast der Enkel, des Hauptfeldwebels zu sein. Gleichzeitig besaß er so etwas wie eine kindhafte Würde, ein koboldhaftes Prahlgebaren, das ihm das Recht verlieh zu erwarten, dass man ihm gehorchte.

»Einigen der neuen Rekruten ist es beigebracht worden, die Decken anders zu falten«, sagte der Hauptfeldwebel vorsichtig.

»Gucken Sie sich das mal an, und diese hier.«

»Ich dachte, die Jungs werden es hier jetzt besser lernen, sozusagen.«

»Ich hab noch nie so was gesehen.«

»Ein persischer Basar, könnte man meinen«, stimmte der Hauptfeldwebel zu.

Er trug keinen Bart, und mit den streng puritanischen Gesichtszügen eines ›Ironsides‹ – eines ›Eisenharts‹ der Kavallerie Oliver Cromwells – in den Illustrationen viktorianischer Romanzen über Republikaner und Royalisten im siebzehnten Jahrhundert war Kompaniehauptfeldwebel Cadwallader in Wirk­lichkeit nicht so alt, wie er aussah, und, wie ich im Lau­fe der Zeit entdeckte, auch nicht annähernd so puritanisch. Sein klangvoller Familienname verband ihn mit jenen halb­historischen, halbmythischen Zeiten, in denen meine Gedanken einige Minuten zuvor umhergestreift waren; und der ernste Adel seiner Züge ließ an einen Krieger aus einer heroi­schen Zeit denken, mit Drachenbanner zurückgekehrt jetzt zur Un­terstützung einer sich im Krieg befindenden Armee. Wie alle anderen ›Nichtoffiziere‹ des Bataillons war er Bergmann gewesen. Sein glatter, gänzlich unbehaarter Schädel war von einem verschlungenen Muster blauer Venen überzogen, wo der Kohlenstaub vieler Jahre unter Tage seinen Weg unter sei­ne Haut gefunden und sich zu einem Design ausgebreitet hatte, das einem Geburtshoroskop ähnelte – seinem eigenen vielleicht –, das als Tattoo über die ockerfarbene Oberfläche seines Kraniums geworfen war. Er trug das Ordensband der Krönungsmedaille und das gelb-grüne Band für langjährigen Dienst in der Landwehr. Wir drei schlenderten an den Etagenbetten entlang.

»Macht weiter mit dem Putzen«, sagte Kedward in einem scharfen Ton.

Er sagte das zu den Männern des Stubendienstes. Sie hatten den Tadel des Kompaniehauptfeldwebels Cadwallader als Anordnung aufgefasst, bis unsere Gruppe wieder gegangen sein würde, alle Arbeit einzustellen, und standen nun an der Wand herum und flüsterten miteinander. Sie wurden mir später als Jones D. – klein und hellhäutig, mit fast weißen Haaren, eine Seltenheit in dem Bataillon – und Williams W. H. – groß und dunkel, das Gesicht mit Pickeln übersät – vertraut. Jones D. war der erste Sänger gewesen. Jetzt begannen sie wieder, heftig zu fegen und, den Befehl gleichzeitig auch als Erlaubnis dazu auffassend, zu singen, denn während wir uns zu dem hinteren Teil des Raumes begaben, nahm Jones D. seinen Gesang wieder auf, allerdings, vielleicht wegen der veränderten Stimmung des Liedes, jetzt zurückhaltender:

»In einem weißen Kleid dort

Beim Kerzenschein

Beugte sie sich nieder, um zu beten …«

Die traurigen, langgezogenen Töne erstarben für einen Augenblick. Ich schaute zurück und dachte, auch der Sänger bete jetzt; dann sah ich, dass er eine gebückte Stellung eingenommen hatte, um besser unter den Etagenbetten fegen zu können. Diese verkrampfte Haltung behinderte ihn zweifellos bei seiner Darbietung; vielleicht hatte er aber auch für einige Sekunden innegehalten, weil die Sehnsucht mit dem bezaubernden Gedanken an eine junge, leicht in schimmerndem Weiß – wie die Würdigen von Sardis – gekleidete Frau ein Bild des Friedens und der Unschuld und die Aussicht auf ein schönes Erlebnis in ihm wachrief – etwas so sehr anderes als die fade, freudlose Atmosphäre in dieser soldatischen Unterkunft. Als er sich aufgerichtet hatte, schmetterte er wieder los mit erneuter, schmerzerfüllter Beharrlichkeit:

»Die hellen Glocken der Missionsstation

Sie sagten mir, dass ich nicht länger bleiben dürft’

Südlich der Grenze

Auf Mexiko zu …«

Die Botschaft der Glocken und der tragische Ton, mit dem der Sänger sie verkündete, verstärkten noch des Lebens unerbittlichen Ruf zur Ordnung, betonten die trügerische Natur von Liebe und Freude. Schon während die Worte verklangen, waren schwere Schritte vom anderen Ende der Kapelle her zu hören gewesen, so als ob befugte Kräfte bereits auf dem Weg seien, die Vertreibung des unglücklich Liebenden aus der Missionsstation und den Freuden Mexikos zu bewirken. Zwei Personen waren gerade durch die Tür gekommen. Kedward und der Hauptfeldwebel lehnten noch kritisch über einem der Etagenbetten und besprachen die vielen Ungeheuerlichkeiten seines inkorrekt gefalteten Bettzeugs. Ich wandte mich von ihnen ab und erblickte einen sich nähernden Offizier, der von einem Feldwebel begleitet wurde. Der Offizier war ein Hauptmann, etwas klein, mit einem schwarzen Schnurrbart wie der, den Kedward trug, nur war seiner weitaus dichter; der Feldwebel war ein hochgewachsener, breitschultriger, bulliger junger Mann mit blondem Haar und sehr blauen Augen – zweifellos ein weiterer brythonischer Typ –, die mich an die Peter Templers erinnerten. Das Singen hatte wieder aufgehört, aber der kleine Hauptmann starrte ärgerlich auf die Etagenbetten, so als ob er sich von ihnen gekränkt fühle.

»Lassen Sie die Leute nicht strammstehen, wenn Ihr Kompaniechef hereinkommt, Hauptfeldwebel?«, fragte er scharf.

Kedward und Kompaniehauptfeldwebel Cadwallader nahmen hastig Haltung an und grüßten. Ich tat das Gleiche. Der Hauptmann erwiderte steif den Gruß, wobei er die Hand länger an dem Schirm seiner Mütze hielt als wir anderen.

»Jawohl, ich bitte um Verzeihung, Sir«, sagte der Hauptfeldwebel. Er sprach jetzt wieder sehr laut, obwohl ihn die Schärfe dieses Tons offensichtlich kaum berührte. »Ich hab Sie anfangs nicht gesehen, Sir.«

Kedward trat vor, so als ob er, wenn das möglich sei, weiterer Nörgelei ein Ende bereiten wolle.

»Dies ist Mr. Jenkins«, sagte er. »Er ist gestern zur Armee gekommen und Ihrer Kompanie zugeteilt worden, Hauptmann Gwatkin.«

Gwatkin fixierte mich mit seinen ärgerlichen kleinen schwarzen Augen. Der Erscheinung nach war er in verschiedener Hinsicht eine ältere Version von Kedward. Ich schätzte, dass er etwa in meinem Alter sei, vielleicht ein oder zwei Jahre jünger. Fast alle Offiziere der Einheit sahen für mich zu diesem sehr frühen Zeitpunkt gleich aus; Maelgwyn-Jones, der Adjutant, und Parry, sein Assistent, schienen mir, wie sie ne­beneinander am Tisch saßen, als ich mich am Abend zuvor im Ordon­nanzzimmer gemeldet hatte, so ununterscheidbar zu sein wie Tweedledum und Tweedledee. Später konnte ich es nicht mehr glauben, dass mir Menschen, die sich so sehr voneinander unterschieden, auch nur für einen Augenblick, außer in äußerst oberflächlichen Aspekten, als einander ähnlich erschienen waren. Gwatkin war, obwohl er etwas von dem Äu­ßeren Kedwards hatte, doch ganz anders als jener. Selbst dieser erste Eindruck von ihm offenbarte mir ein charakterliches Novum. Zunächst einmal hatte er so etwas wie Stil. So sehr er auch physisch den Übrigen gleichen mochte, etwas in seinem Gebaren und seinen Bewegungen zeigten eine Abweichung vom faden Durchschnittsmenschen – wenn es denn wirklich so etwas wie den faden Durchschnittsmenschen gibt.

»Es ist keineswegs normaler, ein Bankmanager oder Busschaffner als Baudelaire oder Dschingis Khan zu sein«, hatte Moreland einmal gesagt. »Es hat sich nur so ergeben, dass es mehr von den ersteren Typen gibt.«

Schließlich zufrieden, in dem trüben Licht des Quartiers genug von meiner äußeren Erscheinung aufgenommen zu haben, streckte Gwatkin mir seine Hand entgegen.

»Ihr Name war auf Teil II des Tagesbefehls, Mr. Jenkins«, sagte er, ohne zu lächeln. »Der Adjutant hat Sie auch mir gegenüber erwähnt. Ich heiße Sie in unserer Kompanie willkommen. Wir werden sie zur besten Kompanie des Bataillons machen. Das ist bis jetzt noch nicht gelungen. Ich weiß, ich kann bei unserem Versuch, das zu erreichen, auf Ihre Unterstützung zählen.«

Er äußerte diese formale Ansprache in einem rauen Ton, aber mit einer ganz leisen Andeutung eines Singsangs. Seine Stimme war gebieterisch, doch nicht völlig selbstsicher.

»Mr. Kedward«, fuhr er fort, »haben die neuen Rekruten heute Morgen ihre Decken anständig gefaltet?«

»Nicht alle«, sagte Kedward

»Warum nicht, Hauptfeldwebel?«

»Es braucht einige Zeit, um das zu lernen, Sir. Einige von ihnen haben sich noch nicht an unsere Ordnung gewöhnt. Sie sind aber gute Jungs.«

»Spielt keine Rolle, ob sie gute Jungs sind, Hauptfeldwebel, diese Decken müssen ordentlich sein.«

»Jawohl, das müssen sie, Sir.«

»Sorgen Sie dafür, Hauptfeldwebel.«

»Das werde ich, Sir.«

»Wann war die letzte Gewehrinspektion?«

»Beim Soldappell, Sir.«

»Waren die Gewehre der Kompanie in Ordnung?«

»Außer Williams T., Sir, der auf einem Trainingskurs ist und sein Gewehr mitgenommen hat, und Jones A., der mit Flechte auf der Krankenstation liegt, und Williams H., der auf Urlaub ist, und die beiden Gewehre, von denen ich Ihnen erzählt habe, die der Waffenmeister sehen wollte, Sir, und das Gewehr mit dem fehlerhaften Bolzen, das vorübergehend, wie Sie gesagt haben, im Kompaniemagazin ist und um das ich mich kümmern werde. Ach ja, und Williams G. E., der für eine Woche an die Brigade ausgeliehen wurde und sein Gewehr mitgenommen hat. Das wäre alles, glaube ich, Sir.«

Gwatkin schien diese Aufzählung zufriedenzustellen.

»Haben Sie Ihren Bericht schon eingereicht?«, fragte er.

»Noch nicht, Sir.«

»Sehen Sie zu, dass ich die Namensliste heute Abend habe, Hauptfeldwebel, bis sechzehn Uhr.«

»Das werde ich, Sir.«

»Mr. Kedward.«

»Sir?«

»Ihr Mützenabzeichen ist nicht auf einer Linie mit dem oberen Saum Ihres Mützenbandes.«

»Ich werde mich darum kümmern, sobald wir in der Offiziersmesse zurück sind.«

Gwatkin wandte sich an mich.

»Offiziere unseres Bataillons tragen bronzefarbene Sterne, Mr. Jenkins.«

»Der Zeugmeister hat mir gestern Abend in der Offiziersmesse gesagt, er könne mir bis heute Abend die richtigen Sterne besorgen.«

»Sehen Sie zu, dass der ZM das auch tut, Mr. Jenkins. Unkorrekt gekleidete Offiziere geben ein schlechtes Beispiel ab. Zufälligerweise haben wir gerade Feldwebel Pendry hier. Er ist diese Woche Bataillonsordonnanzfeldwebel und wird der Feldwebel Ihres eigenen Zuges sein.«

Feldwebel Pendry grinste sehr freundlich, und seine blauen Augen blitzten im Licht der Gasflammen und glichen mehr denn je denen von Peter Templer in früheren Zeiten. Er streckte seine Hand aus. Ich nahm sie, obwohl ich mir nicht sicher war, ob diese Vertraulichkeit konform ging mit Gwatkins Vorstellung von Disziplin. Doch Gwatkin schien ein Händeschütteln unter diesen Umständen für normal zu halten. Bis zu diesem Augenblick war sein Ton streng gewesen – absichtsvoll, aber nicht sehr überzeugend streng. Jetzt sprach er mit einer freundlicheren Stimme.

»Wie ist Ihr Vorname, Mr. Jenkins?«

»Nicholas.«

»Meiner ist Rowland. Der Bataillonskommandeur sagt, wir sollen, außer beim Appell, nicht so formell zueinander sein. Wir sind doch alle Offiziere, wie eine Familie, wissen Sie. Also, wenn wir nicht im Dienst sind, sollen Sie mich Rowland nennen. Ich werde Nicholas zu Ihnen sagen. Mr. Kedward hat Ihnen gesagt, dass sein Name Idwal ist.«

»Das stimmt, und so nenne ich ihn auch. In der Praxis bin ich Nick.«

Gwatkin sah mich fest an, so als ob er sich nicht sicher sei, was ich mit »in der Praxis« gemeint habe, oder ob es angemessen sei, dass ein Untergebener diesen Begriff seinem Kompaniechef gegenüber gebrauche. Doch er kommentierte ihn nicht weiter.

»Kommen Sie, Feldwebel Pendry«, sagte er, »ich will mir diese Urin-Eimer ansehen.«

Wir salutierten. Gwatkin ging seinen weiteren Verpflichtungen als »Hauptmann der Woche« nach – wie ›das Buch des Monats‹, sagte ich respektlos zu mir selbst.

»Das ist ja ganz gut abgelaufen«, sagte Kedward, so als ob meine Bekanntmachung mit Gwatkin sich als ein Desaster hätte erweisen können. »Ich glaub nicht, dass er eine Abneigung gegen dich gefasst hat. Was muss ich dir jetzt zeigen? Ach ja, die Waschgelegenheiten.«

Das war meine erste Begegnung mit Rowland Gwatkin. Sie hätte insofern kaum charakteristischer gewesen sein können, als er bei dieser Gelegenheit fast perfekt in der Rolle erschien, die er für sich selbst ausgesucht hatte: jemand, der Befehle erteilt; jemand, der streng auf Disziplin achtet; der ein wenig unnahbar seinen Untergebenen gegenüber ist, aber auch eine menschliche Seite hat; vor allem jedoch ein Mann der Pflicht. Es war ein klares, fest umrissenes Bild, mit dem übereinzustimmen Gwatkin allerdings aus irgendeinem Grund nie völlig gelang. Auch sein Name schien ihn in zwei Hälften zu spalten – eine poetische und eine prosaische. ›Rowland‹ suggerierte sofort große Taten:

Der tapf’re Rowland und auch Olivier

Und jeder Paladin und Peer

In Roncesvalles fanden den Tod!

Während andererseits ›Gwatkin‹ nichts Eindrucksvolleres insinuierte als ›Klein Walter‹, etwas, das nicht völlig unangemessen war.

»Rowland kann ’ne verdammte Plage sein«, sagte Kedward, als wir uns besser kannten. »Er hat eine gewaltige Meinung von sich selbst, weißt du. Lyn Craddocks Vater ist der Direktor von Rowlands Filiale, und er hat Lyn erzählt, dass Rowland gar nicht so verdammt wundervoll im Bankgeschäft ist. Nicht jemand, der in die Leitung aufsteigen wird oder so was. Bei weitem nicht. Rowland ist das auch nicht besonders wichtig, glaube ich. Er möchte nur ein großer Soldat werden. Du solltest dich gutstellen mit Rowland. Er kann dir verdammt Schwierigkeiten machen.«

Das war genau der Eindruck, den ich mir selbst von Gwatkin geformt hatte – dass er sich selbst sehr wichtig nahm und dass er äußerst unangenehm werden konnte, wenn er eine Abneigung gegen jemanden gefasst hatte. Gleichzeitig empfand ich ein seltsames Interesse an ihm, fühlte mich sogar zu ihm hingezogen. Er hatte etwas Melancholisches, vielleicht sogar Tragisches an sich, das nur schwer zu definieren war. Sein ex­tremes Bestehen auf ›soldatischer Disziplin‹ ging weit über alles hinaus, was ich bis dahin von anderen Offizieren des Bataillons erfahren hatte. Wir befanden uns natürlich noch in den vergleichsweise glücklichen Tagen am Anfang des Krieges, als es genug zu essen und zu trinken gab und die Stimmung besser war, als sie es dann in der Folgezeit wurde. Wenn man über dreißig war, hielt man sich für clever, es überhaupt geschafft zu haben, die Uniform tragen zu dürfen, und jeder verhielt sich so, als nähmen wir an Reserveübungen in Friedenszeiten teil (dies war eine Landwehreinheit) und würden nach einigen wenigen Wochen einer veränderten Routine bald wieder zu Hause sein. Davon unterschied sich Gwatkins Verhalten. Er machte den Eindruck, mehr zu sein als bloß ein Zivilist in einer neuen, militärischen Rolle, begierig, aus einem ungewohnten Job einen Erfolg zu machen. Ihn umgab vielmehr eine Aura der Entschlossenheit, des Sichbewusstseins, einen Part einzunehmen, zu dem das Schicksal ihn berufen hatte. Ich vermutete, sein Bild von sich selbst entsprach in großem Maße dem der Helden bei Stendhal – nicht eines Stendhal’schen Liebhabers wie Barnby, weit entfernt davon –: ein ehrgeiziger, ruheloser Geist, der, durch den Krieg endlich erlöst von den verkrampfenden Fesseln des Lebens in einer Provinzstadt, im Begriff ist, vor dem Hintergrund Meissonier-ähnlicher Bildlichkeit von Federbusch und Brustharnisch die Rolle eines schneidigen Sol­daten einzunehmen: Dragoner, die ihre Pferde durch den Weizen führen; Grenadiere, die es sich in einer Taverne wohl sein lassen, wo junge Frauen Krüge mit Wein hereintragen. Die Wertschätzung der Armee – die in diesem Land nie in der Weise, wie es sonst in Europa der Fall ist, als allgemeiner Ausdruck des nationalen Willens erachtet wird – impliziert eine Art Unschuld. Das war etwas gänzlich anderes als Kedwards Hoffnung, erfolgreich zu sein. Kedward hatte nichts am Hut mit Träumen, weder mit militärischen noch mit sonstigen. Wir waren inzwischen wieder auf unserem Weg zurück zur Offi­ziersmesse. Kedward behandelte mich glücklicherweise so, als ob wir einander schon ein ganzes Leben lang kennten; er ignorierte den Altersunterschied zwischen uns zwar nicht völlig, akzeptierte ihn aber wenigstens als einen Grund für sein Wohlwollen mir gegenüber.

»Ich nehme an, du bist bei einer der Großen Fünf, Nick«, sagte er.

»Die Großen Fünf was?«

»Also, Banken, natürlich.«

»Ich bin nicht bei einer Bank.«

»Ach, nicht? Dann bist du die Ausnahme in unserem Bataillon.«

»Ist es das, was die meisten der Offiziere tun?«

»Alle, bis auf drei oder vier. Wo arbeitest du?«

»London.«

Da Banken jetzt als ein möglicher Beruf gestrichen waren, zeigte er wenig weitere Neugier hinsichtlich dessen, wie ich meinen Lebensunterhalt verdiente.

»Wie ist es so in London?«

»Nicht schlecht.«

»Bist du es nie leid, in einer so großen Stadt zu leben?«

»Manchmal ja.«

»Ich bin zweimal in London gewesen«, sagte Kedward. »Eine Tante von mir lebt da – in Croydon –, und ich hab bei ihr gewohnt. Ich bin mehrere Male in West End gewesen. Die Geschäfte da sind verdammt toll. Aber ich möchte nicht da arbeiten.«

»Man gewöhnt sich daran.«

»Ich glaube, ich nicht.«

»Verschiedene Leute mögen verschiedene Städte.«

»Das stimmt. Ich mag es da, wo ich geboren bin. Das ist ziemlich weit weg von hier, aber es ist nicht sehr anders. Ich glaube, du würdest es da mögen, wo ich zu Hause bin. Die meisten unserer Offiziere kommen aus dieser Gegend. Übrigens, wir hätten gestern zusätzlich zu dir einen weiteren Offizier zur Verstärkung bekommen sollen, aber er ist nicht aufgetaucht.«

»Eine Notlagen-Ernennung?«

»Nein, Landwehr.«

»Wie heißt er?«

»Bithel – ein Bruder des Victoria-Kreuz-Trägers. Wäre es nicht toll, ein Victoria-Kreuz verliehen zu bekommen?«

»Er muss also Jahre jünger sein als sein älterer Bruder. Bithel erhielt sein VK, während er 1915 oder 1916 eines der regulären Bataillone befehligte. Ich hab meinen Vater von ihm sprechen hören. Jener Bithel muss jetzt also wenigstens über sechzig sein.«

»Warum sollte er nicht viel jünger sein als sein Bruder. Dieser hier hat mal Rugby für Wales gespielt, hab ich gehört. Das muss auch toll sein. Aber ich glaube, du hast Recht. Dieser Bithel ist nicht mehr sehr jung. Der Bataillonskommandeur hat sich über das Alter der Offiziere beschwert, die sie uns schicken. Er sagte, es sei schrecklich, du seist viel zu alt. Bithel wird wahrscheinlich noch älter sein als du.«

»Nicht möglich.«

»Man weiß nie. Jemand sagte, er glaube, er sei siebenunddreißig. So alt kann er doch nicht sein, oder? Wenn doch, werden sie ihm einen Verwaltungsposten geben müssen, wenn die Division verlegt worden ist.«

»Werden wir denn verlegt?«

»Ziemlich bald, hört man.«

»Wohin?«

»Niemand weiß es. Es ist natürlich ein Geheimnis. Einige sagen Schottland, andere Nordirland. Rowland glaubt, es geht nach Ägypten oder Indien. Rowland hat immer diese großartigen Vorstellungen. Es könnte natürlich sein. Ich hoffe, wir gehen ins Ausland. Mein Vater war im letzten Krieg in diesem Bataillon, und sie schickten ihn ins Heilige Land. Er hat mir ein Gebetbuch mitgebracht, das in das Holz von den Zedern des Libanon eingebunden ist. Ich war damals natürlich noch nicht geboren, aber er brachte das Gebetbuch für seinen Sohn mit, falls er einen haben würde. Natürlich für den Fall, dass er nicht umkommen würde. Er hatte damals noch nicht einmal meine Mum gebeten, ihn zu heiraten.«

»Benutzt du es jeden Sonntag?«

»Nicht in der Armee. Ganz bestimmt nicht. Jemand würde es mir klauen. Ich will es an meinen eigenen Sohn weitergeben, weißt du, wenn ich mal einen habe. Bist du verlobt?«

»Ich war es mal. Ich bin jetzt verheiratet, als Konsequenz daraus.«

»Wirklich? Also, ich glaube, in deinem Alter ist man das. Yanto Breeze – das ist der andere von Rowlands Zugführern – ist jetzt auch verheiratet. Die Hochzeit war vor einem Monat. Yanto ist natürlich fast fünfundzwanzig. Wie heißt deine Frau?«

»Isobel.«

»Ist sie in London?«

»Sie lebt auf dem Land bei ihrer Schwester. Sie erwartet ein Baby.«

»Ach, du hast Glück«, sagte Kedward, »ich frag mich, ob es eine Tochter wird. Ich hätte gerne eine kleine Tochter. Ich bin verlobt. Möchtest du eine Fotografie von meiner Verlobten sehen?«

»Sehr gern.«

Kedward knöpfte die Brusttasche seiner Tunika auf und entnahm einem der Fächer eine Brieftasche, aus der er den Schnappschuss zog. Er reichte ihn mir. Stark abgegriffen von dauernder liebevoller Zuwendung, waren die Gesichtszüge der dargestellten Person, obwohl noch als das Bild einer Frau erkennbar, fast gänzlich unkenntlich geworden. Ich gab meiner Anerkennung Ausdruck.

»Sie ist verdammt wunderbar, was?«, sagte Kedward.

Er küsste die verblichenen Umrisse, ehe er das Porträt wieder zurück in die Brieftasche steckte.

»Wir werden heiraten, wenn ich Hauptmann bin«, sagte er.

»Wann, glaubst du, wird das sein?«

Kedward lachte.

»Noch lange nicht, nehme ich an«, sagte er. »Aber ich sehe keinen Grund, warum ich nicht eines Tages befördert werden sollte, wenn der Krieg noch eine Zeit andauert und ich mich anstrenge. Du vielleicht auch, Nick. Man kann nie wissen. Da sind diese verdammten achtzehn Monate, die du als Fähnrich hinter dich bringen musst, ehe du deinen zweiten Stern kriegst. Ich glaube, der Krieg wird noch dauern, du nicht? Die Franzosen werden sie an der Maginot-Linie aufhalten, bis unser Land seine Luftmacht aufgebaut hat. Dann, wenn die Deutschen versuchen vorzurücken, werden Kerle wie du und ich zum Zuge kommen, weißt du. Wir könnten natürlich vorher auch nach Finnland geschickt werden, um dort zu helfen und gegen die Russkis zu kämpfen statt gegen die Deutschen. Jedenfalls ist die Infanterie die entscheidende Gattung. Alle sind dieser Meinung – außer Yanto Breeze. Der sagt, es sind die Panzer.«

»Wir werden sehen.«

»Yanto sagt, er ist sicher, er wird den ganzen Krieg über bei seinen zwei Sternen bleiben. Ihm ist das egal. Yanto hat keinen Ehrgeiz.«

Ich hatte Evan Breeze – gewöhnlich bekannt unter dem Diminutiv ›Yanto‹ – am Abend zuvor in der Offiziersmesse kennengelernt, eine hochgewachsene, watschelnde, bartlose, völlig unmilitärische Figur, die im Privatleben Steuerberater war und so wie ich ein wenig von der Norm abwich, Bankbeamter zu sein. Wie ich im Laufe der Zeit merkte, mochte Gwatkin ihn nicht besonders. Ja, es wäre nicht falsch zu sagen, dass er ihn hasste – ein Gefühl, das Breeze still erwiderte. Die gegenseitige Abneigung wurde allgemein Gwatkins Missbilligung von Breeze’ nachlässigem Äußeren und seiner Weigerung zugeschrieben, sich soldatischen Gepflogenheiten und Sprechweisen anzupassen. Es ist sicher, dass ihm diese Haltung ziemliche Verfolgung seitens Gwatkins und anderer Autoritätspersonen einbrachte. Außerdem, es gelang Breeze stets, den Eindruck zu erwecken, er lache über Gwatkin, während er sich gleichzeitig selbst kein Wort und keine Handlung erlaubte, die man vernünftigerweise als Kränkung hätte deuten können. Als Kedward und ich einander besser kannten, eröffnete er mir, dass Gwatkin vor seiner Ehe in die Schwester von Breeze verliebt gewesen sei, aber eine ziemlich unsanfte Abfuhr erhalten habe.

»Wenn es Rowland packt, dann packt es ihn richtig, glaub mir – wenn er sich in eine Frau verknallt. Er war so hin von Gwenllian Breeze, man hätte meinen können, er hat die Masern.«

»Was ist passiert?«

»Sie wollte nichts von ihm wissen. Hat einen Universitätsprofessor geheiratet. Einen von diesen Leuten in Swansea.«

»Und Rowland hat eine andere geheiratet?«

»O ja, natürlich. Er hat Blodwen Davies geheiratet, die ihr ganzes Leben lang im Nebenhaus gewohnt hat.«

»Und wie ist die Ehe gelaufen?«

Kedward sah mich verständnislos an.

»Also, wie meinst du das?«, fragte er. »Gut. Warum auch nicht? Sie sind jetzt schon eine lange Zeit verheiratet, haben aber keine Kinder. Die ganze Sache mit Gwen Breeze ist Jahre her. Yanto muss inzwischen vergessen haben, dass Rowland sein Schwager hätte werden können. Was für ein Paar sie in einer Familie gewesen wären. Sie wären wie Kampfhunde zueinander gewesen. Rowland weiß immer alles besser. Er kehrt gerne den Chef raus. Yanto hat auch seinen eigenen Kopf, aber anders. Er sollte sich sauberer halten. Er sieht aus wie eine alte Henne in Uniform.«

Dennoch, obwohl Breeze vielleicht nicht Kedwards Lebhaftigkeit, seinen Ehrgeiz und seine Fähigkeit besaß, alles mit konzentrierter Energie zu tun, merkte ich später, dass er, auf seine eigene Art, kein schlechter Offizier war, wie ungepflegt sein Äußeres auch sein mochte. Die Männer mochten ihn, und sein Rat im Hinblick auf sie war wertvoll.

»Halt ein Auge auf Feldwebel Pendry, Nick«, sagte er, als er hörte, dass Pendry der Feldwebel meines Zuges war. »Er macht jetzt ’ne große Schau, aber ich bin mir nicht sicher, ob das auch anhält. Er ist erst kürzlich befördert worden und im Augenblick noch sehr eifrig. Aber er war eine Zeitlang als Unteroffizier in meinem Zug, und ich weiß nicht recht, ob er so bleiben wird. Er ist vielleicht einer von den Leuten aus den unteren Rängen, die ein oder zwei Wochen lang alles geben und dann schlappmachen. Davon gibt es ’ne ganze Menge. Sie müssen wieder abgesetzt werden. Das ist das Einzige, was man tun kann.«

Es war Breeze, der mich an dem Abend des Tages, an dem Kedward mir das Terrain gezeigt hatte, zu der Bar des Hotels mitnahm, in dem die Offiziere der Einheit ihr Quartier hatten. Nach dem Abendessen überließen die Offiziere der niedrigeren Ränge gewöhnlich das Vorzimmer der Messe den Majoren und Hauptmännern und zogen sich zu Lokalitäten zurück, wo Unterhaltungen ungezwungener geführt und Getränkerunden ›ausgegeben‹ werden konnten. Diese Saloonbar war verräuchert und überfüllt. Zusätzlich zu einer großen Klientel aus der Zivilbevölkerung und ein paar Mitgliedern unseres eigenen Regiments waren da noch mehrere Offiziere der Fernmeldeeinheit der Division, die auch in der Stadt stationiert war, und zwei oder drei Angehörige der Royal Air Force. Pumphrey, einer von unseren Leutnants, lehnte gegen die Theke und unterhielt sich mit zwei Militärgeistlichen und einem weiteren Leutnant, der auch unsere Regimentsabzeichen trug, den ich aber bisher noch nicht gesehen hatte. Dieser Offizier hatte ein großes, rundes, käsiges Gesicht und einen ungepflegten Schnurrbart, in dessen verfilzten Haaren das Bier glänzte. Seine dicken Lippen umschlossen den Stummel einer Zigarre. Trotz des Schnurrbarts und der Tatsache, dass er auf dem Kopf ziemlich kahl war, hatte er etwas von Kedwards Aussehen eines kleinen Jungen, der sich aus Spaß eine Uniform angezogen hat, erweckte jedoch diesen Eindruck aus ganz anderen Gründen. In starkem Kontrast zu Kedwards Gebaren verbreitete dieser Mann ein außergewöhnliches Fluidum von so etwas wie Schuld, die irgendwie an Jugendlichkeit denken ließ – an einen Schuljungen mit einem falschen Schnurrbart (etwas Stärkeres als verbrannter Kork diesmal), der nur ein paar Minuten zuvor etwas ganz Scheußliches getan hatte und sich völlig sicher war, dass diese Tat jeden Moment von dem Schuldirektor, mit dem er schon vorher oft Ärger gehabt hatte, entdeckt werden würde. Ehe ich weitere Diagnosen stellen konnte, kam Kedward selbst in die Bar. Er schloss sich uns an.

»Ich möchte dir ein Bier ausgeben, Idwal«, sagte Breeze.

Kedward nahm das Angebot an.

»In den Nachrichten prügelt sich Finnland immer noch mit der Roten Armee herum«, sagte er. »Vielleicht gehen wir doch noch dahin.«

Pumphrey, ein weiterer von unseren Offizieren, die nicht bei einer Bank arbeiteten (er verkaufte Gebrauchtwagen), forderte uns auf, uns der Gruppe mit den Kaplänen anzuschließen. Er hatte rote Haare, war laut und ziemlich aggressiv und sprach dauernd davon, von der Armee zur Royal Air Force wechseln zu wollen.

»Dies ist unsere neue Verstärkung, Yanto«, rief er. »Leutnant Bithel. Er hat gerade seine Ankunft im Ordonnanzzimmer gemeldet, und man hat ihm gezeigt, wo er untergebracht ist. Jetzt feuchtet er sich mit mir und den Padres die Tröte an.«

Wir drängten uns durch die Menge zu ihnen hin.

»Hier ist Iltyd Popkiss, die Anglikanische Kirche«, sagte Breeze, »und Ambrose Dooley, der die Seelen der Römisch-Katholischen rettet. Er ist ein Mann, der euch einige Geschichten erzählen kann, die einen vom Hocker hauen.«

Popkiss war klein und blass. Es war sofort evident, dass es ihm schwerfiel, mit seinem römisch-katholischen Kollegen in puncto Herzlichkeit und Vermeidung des Anscheins von Prüderie Schritt zu halten. Dooley, ein großer, dunkelhaariger Mann mit öligem Teint, der aussah, als habe er sich an diesem Morgen nicht allzu gut rasiert, akzeptierte mit freundlicher Zustimmung seinen Ruf als Erzähler haarsträubender Anekdoten. Die beiden Kapläne schienen bestens miteinander auszukommen. Bithel selbst lächelte zaghaft, wobei er unter seinem zotteligen Schnurrbart eine Doppelreihe erstaunlich schlecht sitzender falscher Zähne entblößte. Er reichte uns zögernd seine schwabbelige Hand. Seine innere Unsicherheit war ziemlich beunruhigend.

»Ich hab ihnen gerade erzählt, wie schrecklich die Reise von dort, wo ich wohne, hierher war«, sagte er. »Der Adjutant war sehr verständnisvoll hinsichtlich des Kuddelmuddels, das passiert ist. Es war die Schuld des Kriegsministeriums, wie gewöhnlich. Aber jetzt bin ich hier und froh, wieder beim Regiment zu sein und etwas zu trinken zu haben, nach all dem, was ich durchgemacht habe.«

Ich dachte zuerst, er sei vielleicht Reisevertreter von Beruf, denn er redete, als ob er es gewohnt sei, soziale Kontakte durch Geschwafel herzustellen, obwohl mir schien, dass er kaum genug Selbstsicherheit für eine solche Tätigkeit besitze. Seine Redeweise mochte ihren Grund auch in bloßer Verlegenheit haben. Seine Tunika war an den Revers voller Flecken von etwas, das wie Ei aussah, seine Hosen waren alt und ausgebeult. Er sah aus, als ob er schon ziemlich viel getrunken habe. Ich sah mit Erleichterung, dass er ohne Zweifel älter war als ich. Wenn er wirklich je Rugby für Wales gespielt hatte, war er in der Zwischenzeit sehr stark heruntergekommen. Auch daran konnte kein Zweifel bestehen. Er schien sich fast schmerzlich seines eigenen Verfalls bewusst zu sein, auch des ramponierten Zustands seiner Uniform, an der er jetzt Verzeihung heischend hinunterblickte, wobei er die Klappe einer seiner Taschen von ihrem matt gewordenen Knopf löste und uns zur Inspektion hinhielt.

»Wenn mir ein Bursche zugeteilt wird, werde ich diese Tunika bügeln lassen«, sagte er. »Ich hab sie nicht mehr getragen, seit ich vor fünfzehn oder mehr Jahren im Landwehrlager war. Ich war so dumm, mir auf dem Weg hierher einen Gin-and-Italian über meine Hose zu schütten. Ich weiß auch nicht wie.«

»Hier kannst du verdammt wenig guten Dienst von deinem Burschen erwarten, sage ich dir«, meinte Pumphrey. »Er wird es eher gewohnt sein, Kohlen zu hacken, als Anzüge zu bügeln, und du kannst von Glück sagen, wenn er auch nur einen anständigen Glanz auf deine Knöpfe da bringt, die dringend poliert werden müssten.«

»Ich nehme an, wir dürfen nicht zu viel erwarten, jetzt, wo wir im Krieg sind«, sagte Bithel, unglücklich darüber, dass er vielleicht dadurch, dass er über das Bügeln von Tuniken gesprochen hatte, einen Fauxpas begangen haben könnte. »Aber wie wär’s mit einer weiteren Runde? Ich bin jetzt dran, Padre.«

Er hatte sich an den anglikanischen Kaplan gewandt, aber Pastor Dooley kam energisch dazwischen.

»Wenn ich noch mehr von diesem Bier trinke, wird das eine schlimme Wirkung auf meinen Stuhlgang haben«, sagte er. »Aber dennoch, ich werd Ihnen den Gefallen erweisen, mein Freund.«

Bithel lächelte unsicher; er fühlte sich offensichtlich nicht sehr wohl angesichts so derber Worte aus dem Mund eines Geistlichen.

»Ich glaub nicht, dass ein Glas mehr uns schaden wird«, sagte er. »Ich selbst trinke ganz schön viel Bier im Zivilleben, ohne besondere Nachteile.«

»Man muss eben seine Hintertür offenhalten«, sagte Dooley, das Thema weiterverfolgend. »Man sorge jeden Tag für eine gute Durchspülung. Es gibt nichts Besseres.«

Er hielt sein Glas gegen das Licht, so als wolle er das Abführpotential seines Inhalts abschätzen.

»Das Armeeessen gibt mir sowieso die Lauferei«, fuhr er fort und lachte schallend angesichts dieses Gedankens. »Ich hab seit der Mobilmachung kaum einen Moment Frieden gehabt.«

»Mir gibt es eine ganz schlimme Verstopfung«, sagte Pum­phrey, »das will ich nur mal so gesagt haben.«

Dooley trank sein Bier mit einem Schluck leer und stieß bei dem Gedanken an die Launenhaftigkeit menschlicher Verdauung wieder sein fröhliches Mönchslachen aus.

»Selbst wenn ich völlig verstopft bin, habe ich immer eine Menge Toilettenpapier bei mir«, sagte er. »Ich bin nie ohne. Das ist bei mir die Regel. Man weiß in der Armee nie, wann es einem mal fehlt.«

»Das ist ein gutes Prinzip«, sagte Pumphrey. »Wir sollten Hochwürdens Rat folgen, nicht wahr? Sorg immer gut vor für den Fall, dass du mal aufs Klo musst. Das tun Sie vielleicht ja schon, Iltyd. Die Kirche scheint doch solche Sachen auch zu lehren.«

»Ach, also, ja, das tue ich in der Tat«, sagte Popkiss.

»Wofür halten Sie Iltyd denn?«, sagte Dooley. »Er ist ein alter Hase, nicht wahr, Iltyd?«

»Also, ja, in der Tat«, sagte Popkiss, offensichtlich froh dar­über, eine solche Gelegenheit, etwas zu erzählen, erhalten zu haben. »Stellt euch mal vor. Bei meiner letzten Einheit, als ich eines Abends meine Tunika ausgezogen hatte, um Billard zu spielen, haben sie mir doch diesen Streich gespielt. Ihr würdet es nie erraten. Sie wickelten einen Pariser, wisst ihr, zwischen die Blätter des Toilettenpapiers in meiner Tasche.«

Es gab viel Gelächter über diese Geschichte, in das der römisch-katholische Kaplan auch freundlich einstimmte, obwohl sein Gesichtsausdruck deutlich anzeigte, dass ihm bewusst war, dass Popkiss eine Karte ausgespielt hatte, die er nur schwerlich zu übertrumpfen in der Lage sein würde.

»Und ist er dann mitten beim Antreten zum Kirchgang herausgefallen?«, fragte Pumphrey am Ende seines schallenden Lachens.

»Nein, in der Tat nicht. Gott sei Dank. Ich hab ihn am nächsten Tag auf meinem Toilettentisch neben meinem Priesterkragen gefunden. Ich hab ihn ins Klo geworfen und abgezogen. Ich war sehr dankbar, als er dann verschwand, was allerdings ziemlich lange dauerte. Ich hab ein halbes Dutzend Mal die Kette gezogen, glaube ich.«

»Nun hört mal, was mir passiert ist, als ich bei der 2./14. war …«, begann Pastor Dooley.

Ich hab nie die Pointe dieser Anekdote gehört, mit der er es ohne Zweifel darauf anlegte, durch eine grobe Simplizität der Sprache und durch sein erzählerisches Vermögen alles in den Schatten zu stellen, was Popkiss vielleicht an Weiterem zu bieten versuchen würde – kurz gesagt, die völlige Oberhand über den Anglikaner zu gewinnen. Ich verpasste nur ungern diesen Höhepunkt, denn Dooley hatte offensichtlich das Gefühl, sein eigener Ruf als Erzähler von Anekdoten stehe auf dem Spiel – eine Position, die er entschlossen zu verteidigen beabsichtigte. Doch ehe die Geschichte noch richtig begonnen hatte, zog mich Bithel beiseite.

»Ich weiß nicht so recht, ob ich diese Art von Gespräch mag«, murmelte er leise. »Ich hab mich noch nicht daran gewöhnt, denke ich. Sie müssen das gleiche Gefühl haben. Sie sind nicht der grobe Typ. Sie waren auf der Universität, nicht wahr?«

Ich bejahte das.

»Auf welcher?«

Ich sagte es ihm. Bithel hatte an diesem Tag bestimmt eine Menge getrunken. Er roch selbst in der stickigen Atmosphäre der Saloonbar stark nach Alkohol. Jetzt stieß er einen tiefen Seufzer aus.

»Ich wollte eigentlich auch auf die Uni«, sagte er. »Dann kam mein Vater zu der Auffassung, dass er sich das nicht leisten könne. Das Geschäft ging ein bisschen schlecht zu der Zeit. Er war Auktionator, wissen Sie, und zufälligerweise etwas in Schwierigkeiten geraten. Nichts Ernsthaftes, obwohl die Leute in der Nachbarschaft damals eine Menge unwahrer und hässlicher Dinge sagten. Es gibt nichts, was die Leute nicht zu sagen bereit sind. Er verstarb bald danach. Ich vermute, ich hätte mich sozusagen selbst zur Uni schicken können. Das Geld hätte damals so eben dazu ausgereicht. Aber irgendwie schien es dann zu spät zu sein. Ich hab es immer bereut. Es macht schon einen Unterschied aus, wissen Sie. Sie brauchen sich nur mal in dieser Bar umzusehen.«

Er schwankte ein wenig, fand aber sein Gleichgewicht wieder, indem er sich an der Theke festhielt.

»Ich hatte einen ermüdenden Tag. Ich glaub, ich werd jetzt noch eine Zigarre rauchen und dann zu Bett gehen. Beruhigt die Nerven, eine Zigarre. Möchten Sie eine? Sie sind billig, aber nicht schlecht.«

»Vielen Dank, nein.«

»Nehmen Sie schon eine. Ich hab einen ganzen Kasten bei mir.«

»Ich mag sie eigentlich nicht. Aber dennoch, vielen Dank.«

»Ein Akademiker, und er raucht keine Zigarren«, sagte er mit einem Ton der Enttäuschung in der Stimme. »Das hätte ich nicht erwartet. Wie wär’s mit Schlaftabletten? Ich hab ganz hervorragende, wenn Sie die mal versuchen wollen. Man muss eine nehmen, wenn man zu viel getrunken hat. Es ist fatal, in der Nacht aufzuwachen, wenn das passiert ist.«

Inzwischen fühlte auch ich mich ziemlich müde und hatte keinen Bedarf an Schlaftabletten. Die Bar machte Feierabend. Man steuerte allgemein auf das Bett zu. Nachdem er für sich allein einen letzten Drink hinuntergestürzt hatte, machte sich Bithel auf unsicheren Beinen auf die Suche nach seinem Mantel, den er irgendwo liegengelassen hatte. Die Übrigen von uns, einschließlich der Kapläne, gingen die Treppe hinauf. Ich hatte mein Bett im selben Zimmer wie Kedward, Breeze und Pumphrey.

»Der gute alte Bithel hat die Dachkammer im obersten Stockwerk gekriegt«, sagte Pumphrey. »Er wird sich da oben ziemlich einsam fühlen. Wir sollten ihm eine Überraschung bereiten, wenn er ins Bett geht. Lasst uns was tun, was ihn feste zum Lachen bringt.«

»Ach, er wird einfach nur ruhig ins Bett gehen wollen«, sagte Breeze, »und sicher keinen Sinn für irgendwelche Albernheiten haben heute Abend.«

Kedward war gegenteiliger Ansicht.

»Also, ja«, sagte er. »Bithel scheint ein guter Kumpel zu sein. Er hat ganz bestimmt nichts gegen einen Ulk. Wird sich dann hier heimisch fühlen. Es zeigt ihm, dass wir ihn mögen.«

Ich war froh, dass am Abend zuvor ein solcher Willkommensgruß für mich selbst nicht für nötig gehalten worden war. Es hatte keinerlei Anzeichen von irgendeinem Jux gegeben, nur ein oder zwei Glas Bier vor dem Schlafengehen. Vielleicht hatte Bithel etwas an sich, das ein solches Vorhaben provozierte. Es wurde jetzt weiter diskutiert, welche Form der Streich annehmen sollte. Es lief darauf hinaus, dass wir alle die Treppen zum obersten Stockwerk des Hotels hinaufgingen, wo Bithel in einer der Dachkammern untergebracht war. Auch die Kapläne begleiteten uns. Dooley war von der Idee eines Streiches besonders angetan. Zuerst hatte ich Bithel wegen des Luxus eines Zimmers für sich ganz allein beneidet, aber als wir dort oben ankamen, zeigte sich, dass, welche Vorteile eine solche Privatsphäre auch haben mochte, dafür mit dem bitteren Fehlen anderen Komforts bezahlt werden musste. Der Raum war ziemlich groß, mit einer niedrigen Decke unter den Dachschrägen. An einer Seite waren tiefe Regale angebracht, so dass diese Kammer in normalen Zeiten wahrscheinlich als großer Wäscheschrank benutzt wurde. Die Wände waren ohne Tapete. Es roch stark nach Mäusen.

»Was sollen wir tun?«, fragte Kedward.

»Sein Bett von oben nach unten kehren«, schlug Pumphrey vor.