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Ein eingeschneites Luxus-Chalet. Ein gnadenloses Spiel um Macht. Und ein Spiel, bei dem nur einer die Regeln diktiert. Eigentlich sollte das exklusive Firmenevent der Frankfurter Consulting-Elite in den Alpen von Courchevel nur dem Team-Building dienen. Doch als ein Jahrhundertsturm das Bergdorf von der Außenwelt abschneidet, bleibt von der professionellen Distanz nichts mehr übrig. In der isolierten Eleganz des Chalets laden Magnus Falk und Julian West zu einer ganz besonderen Nacht ein. Wahrheit oder Pflicht wird zum Schlüssel, der für Emilia und Diana die Türen zu einer Welt öffnet, in der Gehorsam kein Zwang ist, sondern ein berauschendes Privileg. Doch während oben die Champagnerkorken knallen, herrscht unten das Recht des Stärkeren. Am Katzentisch der Belegschaft eskaliert die Stimmung zwischen Alkohol und angestautem Hass. Inmitten von Erichs chauvinistischen Ausbrüchen bereitet Petra ihren Absprung vor. Sie hat Informationen gesammelt, die die Existenz von Falk & West bedrohen, doch wer die Spielregeln der Elite bricht, muss mit den Konsequenzen leben. Ein Erotikthriller über Macht, Gier und den Preis der Wahrheit.
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Seitenzahl: 193
Veröffentlichungsjahr: 2026
Chalet PrivéWahrheit oder Pflicht
Erotik-Thriller
V. Valmont
Triggerwarnung: Enthält Darstellungen von Machtmissbrauch, expliziter Erotik und Grenzüberschreitungen, sowie politisch inkorrekter Sprache.
Disclaimer: Dieses Werk enthält Darstellungen von Machtmissbrauch, Gewalt und politisch inkorrekte Sprache. Diese Elemente dienen der realistischen Abbildung der fiktiven Welt und der psychologischen Tiefe der Antagonisten. Der Autor distanziert sich ausdrücklich von den Handlungen und Weltanschauungen der handelnden Figuren. Die Fiktion ist kein Spiegelbild der moralischen Überzeugungen des Urhebers.
Dies ist ein fiktionales Werk. Sämtliche Handlungen und Charaktere sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sowie realen Unternehmen sind rein zufällig.
Impressum: Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek. Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Veröffentlicht bei Infinity Gaze Studios AB
1. Auflage, November 2025, Alle Rechte vorbehalten
Copyright © 2025 Infinity Gaze Studios
Texte: © Copyright by V. Valmont
Cover & Buchsatz: V.Valmont @valmontbooks
Druck und Distribution im Auftrag des Verlages:
tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland
Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung von Infinity Gaze Studios AB unzulässig und wird strafrechtlich verfolgt.
Infinity Gaze Studios AB, Södra Vägen 37, 829 60 Gnarp
Schweden, www.infinitygaze.com
Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung:
Mein besonderer Dank gilt Gerhard Singer für den eigens geschriebenen Song zum Buch „Chalet Privé“ – danke, dass du den Rhythmus dieser Nacht in Töne gefasst hast.
Danke an meine treuen Leser:
Willkommen im Chalet.
Ich hoffe, ihr genießt den Aufenthalt.
Courchevel
D
er Bus kämpfte sich im Schritttempo durch die verschneite Straße, und Emilia drückte die Stirn gegen das kalte Fenster. Courchevel lag vor ihr wie eine Miniaturstadt aus Glas und Frost. Jedes Licht hinter den dicken Schneeschichten blinkte verschwommen, und die Ortschaft sah aus, als hätte jemand Zucker über die Dächer gestreut.
Je höher sie fuhren, desto dichter wurde der Schneefall. Die flachen Flocken, die an der Fensterscheibe klebten, wirbelten sofort wieder davon, wenn der Bus eine Kurve nahm. Je näher die Zielstation kam, desto schneller schlug ihr Herz. Es machte sie unglaublich nervös, dass sich heute alle hier einfinden würden. Alle ihre Kollegen, von denen die meisten schon wussten, wie man Smalltalk führt, von denen alle schon irgendwie dazugehörten, falls man zu dieser Firma überhaupt dazugehören konnte.
Der Schnee draußen ließ sie an Gosau denken. An die Winter ihrer Kindheit in Österreich, die zwar kalt gewesen waren, aber die sich sogar jetzt nach all den Jahren noch lebendig und herzerwärmend anfühlten. Damals liebte sie den Winter mit all seinen Geräuschen und Gerüchen. Das Knirschen unter den Stiefeln, das gedämpfte Poltern der Schneefräsen, und die klare Luft, die man fast auf der Zunge schmecken konnte. Und auch die Abende, an denen sie mit vor Kälte klammen Fingern ins Haus stürmte, während ihre Mutter den Ofen nachlegte, und ihr Vater noch Arbeitspapiere sortierte oder Skispringen im Fernseher schaute.
Damals war alles unkompliziert und das Gefühl von Einsamkeit war ihr völlig fremd. Sie war nie alleine, trotz dass sie kein Handy besaß. In der Schule hatte man bereits ausgemacht, sich am Nachmittag beim Spielplatz oder auf der Rodelpiste zu treffen, und man musste keinen Gedanken daran verschwenden, wie Freundschaften entstehen. Alles war perfekt. Bis ihr Vater eines Abends mit ernster Miene in der Tür stand und von einem Job in Deutschland sprach. Er faselte irgendetwas von neuen Möglichkeiten und einem besseren Leben.
Damals wusste Emilia nicht was das wirklich bedeutete, und wozu man ein besseres Leben bräuchte, wenn das eigene schon so schön war. Im Religionsunterricht hatte sie gelernt, dass man dankbar für das sein sollte, was man hat und das war sie auch.
Diese Einstellung war ihr bis heute geblieben und in ihren Augen verwechselte ihr Vater damals ein besseres Leben einfach nur mit mehr Geld. Als er mit seiner neuen Arbeitsstelle ankam, wurde ihre Mutter still und nachdenklich, weil sie insgeheim niemals darüber nachgedacht hatte von Gosau wegzugehen, schon gar nicht zu den gschissenen Piefke, wie sie sie nannte. Zu diesem Haufen unlustiger Sauertöpfe, die keinen Schmäh und keinen Hausverstand haben. In ihren Augen war alles jenseits ihrer Heimat ein einziger grauer Fleck aus Grantlern, die nicht einmal wussten, wie man einen Holzofen richtig anzündet.
Doch ihr Vater war nicht gewillt auf seine neuen Möglichkeiten zu verzichten, und redete immer weiter auf sie ein. Sie hörte immer wieder, wie ihre Eltern abends stundenlang diskutierten und das machte ihr Angst. Ein paar Monate später packten sie die Kisten und zogen nach Königstein im Taunus. Es war zweifellos eine wunderhübsche Stadt. Sie war sauber, ordentlich, und hatte diese schönen alten Fachwerkhäuser, die sie bis heute begeisterten. Überhaupt im Winter hatte es einen ganz eigenen Charme, aber sie fühlte sich dennoch irgendwie fremd und alles wirkte schwer greifbar. So anders als das kleine Gosau, in dem jeder jeden kannte, und in dem man nie erklären musste, wer man eigentlich war.
In ihrer neuen Heimat lernte sie schnell, dass Freundschaften nicht mehr einfach entstanden, sondern erarbeitet werden mussten, und dass manche Dinge, die früher selbstverständlich gewesen waren, plötzlich kompliziert wurden. Seitdem war sie stiller und schüchterner geworden, und dieser Umstand lag ihr bis heute schwer im Magen. Besonders an Tagen wie diesem, an denen sie unbedingt dazugehören wollte, während ihr eigener Charakter sich dagegen sträubte.
Der Bus hielt vor einem Gebäude, das im Schneetreiben fast wie aus dem Hang herausgewachsen wirkte. Die Fassade war aus honigfarbenem Holz und hellem Naturstein, durchzogen von breiten schmiedeeisernen Balkonen. Über der Eingangsterrasse hingen schwere Lampen aus Messing, deren warmes Licht goldene Kreise auf den Boden warf. Durch die hohe Glasfront sah man die helle und einladende Lobby, die sofort diesen typischen Alpenluxus ausstrahlte.
Fröstelnd schlang Emilia ihren Mantel enger um sich, als sie mit ihrem kleinen Reisekoffer die breite Treppe hinaufstieg. Die Drehtür glitt lautlos zur Seite, und ließ sie in einen Raum treten, der so viel Wärme ausstrahlte, dass ihr die Brille beschlug. Der Boden war mit einem dicken, dunkelroten Teppich ausgelegt, und in der Mitte der Lobby stand ein großer runder Tisch aus dunklem Holz, geschmückt mit einem opulenten Winterarrangement aus Tannenzweigen, weißen Rosen und silbrig glitzernden Beeren.
Hinter diesem Tisch erhob sich ein Weihnachtsbaum, der so hoch war, dass die Spitze nur knapp unter der Galerie verschwand. Er war behängt mit unzähligen funkelnden Glasornamenten. Zwischen den Kugeln hingen kleine Holzski, winzige vergoldete Schneeschaufeln und handbemalte Gondeln mit roten Fenstern. Das ganze Werk roch nach frischem Harz und einem Hauch von Zimt.
Neben dem Baum hatte das Hotel eine ganze Ecke für saisonale Figuren arrangiert. Zwei lebensgroße Hirsche aus geschnitztem Holz standen nebeneinander, jeder mit einem dicken roten Schal um den Hals. Ihre Geweihe waren mit kleinen gläsernen Eiszapfen und silbernen Glöckchen dekoriert. Davor saß ein Murmeltier, ebenfalls aus Holz, in einem gestrickten grünen Weihnachtspullover. Man merkte, dass das Hotel bei den liebevollen Dekorationen weder Kosten noch Mühen gescheut hatte. Emilia hatte sofort das Gefühl, an einem Ort angekommen zu sein, an dem die Weihnachtszeit richtig zelebriert wurde.
Rechts von ihr brannte ein riesiger Kamin aus hellem Stein. Die tiefen Sessel aus dunkelgrünem Samt davor waren bereits von ein paar bekannten Gesichtern besetzt, die leise miteinander sprachen. Links befand sich die Loungebar mit einem Messingtresen. Hinter den großen Panoramafenstern wirbelte der Schnee weiter und machte den Innenraum noch gemütlicher.
Sie begab sich zur Rezeption. Diese bestand aus einer langen mit Holz verkleideten Theke, deren Steinplatte im Licht glänzte. Zwei Mitarbeiterinnen und ein Mitarbeiter arbeiteten dahinter. Sie trugen perfekt sitzende dunkelgrüne Uniformen, passend zum Murmeltier, wie Emilia fand.
Aufgeregt reihte sie sich in die kleine Schlange ein, und wunderte sich wie viele Kollegen und Kolleginnen sie bereits ausfindig machen konnte. Zwei aus der Buchhaltung unterhielten sich über den Gondelfahrplan, wobei die eine Kollegin nie wirklich zufriedenstellende Antworten gab und der anderen ihr Gerede über Plastikdosen für die Küche aufdrängen wollte. Emilia hoffte inständig, dass sie sich später nicht ausgerechnet mit den beiden Quasselstrippen unterhalten müsse.
Ein anderer Kollege telefonierte viel zu laut mit jemandem, der offenbar den Bus unten im Tal verpasst hatte, und zu unfähig war sich den nächsten rauszusuchen. Emilia blickte absichtlich zu Boden, um niemandem versehentlich in die Augen zu sehen. Sie hoffte inständig, dass das Hotel allen zusagen würde, da sie und eine ältere Kollegin diejenigen waren, denen die Aufgabe zugetragen wurde ein paar Übernachtungsmöglichkeiten rauszusuchen. Die finale Entscheidung lag schlussendlich bei der Chefetage und seltsamerweise bei der Plastikboxentussi, die sich einfach aufgedrängt hatte. Ein richtiger Kontrollfreak eben. Hoffentlich wusste keiner, dass Emilia involviert war und hoffentlich verhielt sie sich gerade nicht zu auffällig. Wenn sie Glück hatte, würde sie ihre Zimmerkarte bekommen, bevor sie in irgendein Gespräch gedrängt wurde.
„Na schau an, ist das nicht unsere Neue?“
Schlagartig erstarrte sie. Sie hatte sich zu früh gefreut. Vor ihr stand Julian West am Tresen, und hielt seine Zimmerkarte bereits lässig zwischen zwei Fingern. Er passte in die Kulisse, als sei er Teil der Dekoration. Wie immer duftete er nach überteuertem Parfum, und sein elfenbeinfarbener Pullover aus glattem Kaschmir tat sein Übriges. Zusammen mit seinen maßgeschneiderten Hosen und seinen blonden geleckten Haaren wirkte er wie jemand der sich morgens früh vor den Spiegel stellt und sich selbst dafür applaudiert, was für ein geiler Typ er ist. Und vermutlich war er das auch. Immerhin war er mit seinen 23 Jahren deutlich jünger als alle anderen Geschäftsführer denen sie bisher begegnet war, und galt trotz seines Alters bereits als jemand, der sich in Windeseile an jede Spitze manövrieren konnte. Die Firma war noch jung und ein ehrgeiziges Projekt, das er gemeinsam mit seinem älteren Geschäftspartner, natürlich ein Freund seines Vaters, gegründet hatte. Dieser hatte sein Talent früh erkannt und gefördert. Julian war risikofreudig gewesen, Emilia fand er war sogar leichtsinnig, und hatte das Geld, das er sich unmittelbar nach seiner Ausbildung verdient hatte, ohne zu zögern in Aktienpakete vielversprechender Unternehmen gesteckt. Dabei hatte er mehr Glück als Verstand bewiesen. Es hätte alles schiefgehen können, aber Julian West hatte nie große Angst verspürt. Die beruhigende Tatsache, dass seine Eltern zu den wirklich Reichen gehörten, nahm ihm jede Furcht vor dem Sturz. Genau so wirkte er auch. Wie der schnöselige Sohn aus einem Bonzenhaushalt, der sich seiner Herkunft bewusst war, und sie nie ganz verbergen konnte. Der Solariumschimmer auf seiner Haut war einen Hauch zu intensiv, und die Zähne eine Spur zu weiß gebleicht, doch die kleine Lücke zwischen den Schneidezähnen nahm ihm die Perfektion, und machte ihn auf eine seltsam menschliche Art und Weise zugänglicher.
„Warst du das, die an mir vorbeigeschlüpft ist, ohne Hallo zu sagen?“, fragte er auf so übertrieben freundliche Art, dass sie sich unsicher war, ob er sie verspottete.
Sie zwang sich zu einem höflichen Lächeln. „Ich wollte zuerst einchecken.“
„Das ist mal was anderes. Normalerweise fallen alle erst einmal über die Bar her, um den Reisestress runterzuspülen.“
„Ich trinke nicht wirklich gerne Alkohol, auch wenn ich später nach dem Essen bestimmt nicht nein zu einem Absacker sage“, entgegnete sie bemüht locker zu wirken. „Aber jetzt bin ich erst mal müde von der Fahrt und muss mich ein Stündchen ausruhen und frischmachen.“
„Müde? Jetzt schon?“, lachte er. „Ich hoffe du bist danach in Feierlaune, das wird eine riesengroße Party und da oben im Chalet ist nichts mit einem irischem Abgang. Die Taxis kommen uns erst um 2 Uhr morgens wieder abholen, und die Gondel fährt ab 22 Uhr nicht mehr.“
Der Rezeptionist wandte sich an Emilia und reichte ihr ihre Zimmerkarte. „Drittes Geschoss, Zimmer 313. Der Aufzug befindet sich dort hinten.“
„Danke“, antwortete sie leise und machte einen Schritt zurück.
„Bevor du dich verkriechst … Wir könnten gleich noch einen Aperitif nehmen. Die Bar ist wirklich ausgezeichnet, die haben einen Apfelmartini, mit ihren hauseigenen Äpfeln. Was sagst du?“, schlug er vor und ließ nicht locker.
Lächelnd schüttelte Emilia den Kopf. „Das ist echt super lieb gemeint, aber ich muss jetzt erst mal duschen. Wiegesagt, ich bin wirklich erledigt.“
„Wie du willst.“ Er schob die Hände in die Hosentaschen und neigte seinen Kopf. „Wir sehen uns ja später. Dann können wir uns weiter unterhalten.“
„Hoffentlich nicht“, dachte sie und nickte höflich. Erst als er sich in Richtung seiner anderen Angestellten entfernte, nahm sie ihr Köfferchen und ging in Richtung Aufzug.
Als sich die Türen geschlossen hatten, und sie ihn nicht mehr sah, atmete sie entspannt aus. „So eine Scheiße“, dachte sie, als ihr auffiel, dass er gehört hatte, in welchem Zimmer sie war. Aber sie traute es ihm eigentlich nicht zu, dass er nachts auf eine so blöde Idee kommen würde, bei ihr anzuklopfen. Und selbst wenn, würde sie einfach nicht aufmachen. Bei betrunkenen Kerlen konnte man nicht vorsichtig genug sein.
Im dritten Stock öffnete sich die Tür zu einem Gang, der mit einem dicken Teppich in warmen Rot- und Beigetönen ausgelegt war. Wandleuchten warfen ein gedämpftes Licht auf die holzverkleideten Türen. Zimmer 313 lag am Ende des Gangs. Emilia steckte die Karte in den Schlitz, das Schloss klickte leise, und die Tür schwang auf.
Der Raum war großzügig, mit einem Grand Lit-Bett, dicken weißen Decken und zwei großen Kissen, die ordentlich nebeneinander lagen. Eine Fensterfront zeigte den verschneiten Hang hinter dem Hotel, und daneben stand eine Sitznische mit zwei Sesseln. Auf dem Schreibtisch war eine Flasche Wasser und eine Tafel Schokolade als kleines Willkommensgeschenk. Erleichtert stellte sie fest, dass sie auch einen großen Fernseher hatte. Hoffentlich gab es irgendeinen deutschsprachigen Sender, denn es fiel ihr schwer einzuschlafen, ohne vorher ein bisschen fernzusehen.
Am schönsten war es jedoch endlich angekommen zu sein, die Reisekleidung abzulegen und es sich für einen Moment gemütlich zu machen.
Gerade trat Julian aus dem Aufzug, nachdem er seine Sachen hochgebracht und sich kurz frisch gemacht hatte. In diesem Moment schwang die schwere Drehtür des Hotels auf und ließ einen Schwall eiskalter Luft in die Lobby. Sofort erkannte er den Mann, der da aus dem Schneetreiben trat. Es war unmöglich, diese Gestalt zu übersehen. Die Art, wie er den Raum allein durch sein Auftreten einnahm, war überwältigend. Um diesen kalten, selbstbewussten Schneid beneidete Julian seinen Partner Magnus Falk jedes Mal aufs Neue; er hoffte, mit Mitte vierzig zumindest einen Bruchteil dieser Präsenz zu besitzen. Offiziell führten sie Falk & West Consulting als gleichberechtigte Partner, doch insgeheim blieb Magnus für ihn immer der Mentor.
Ohne den Blick vom Raum abzuwenden, streifte Magnus den nassen Wollmantel ab und reichte ihn einem Pagen. Darunter saß der Anzug wie eine zweite Haut. Instinktiv straffte Julian die Schultern, auch wenn er sich neben Magnus sofort wieder wie der übermütige Junior vorkam. Er hob die Hand und grinste.
„Da ist er ja, der Boss persönlich. Ich dachte schon, du steckst irgendwo im Graben fest.“
„Irgendein Wichtigtuer von der Gendarmerie hat was von Straßensperren gefaselt“, gab Magnus knapp zurück. „Hoffen wir einfach, dass der Scheiß morgen vorbei ist und wir Skifahren können.“
Gemächlich steuerte er die Rezeption an, nahm seine Zimmerkarte entgegen und händigte dem Pagen einen Schein aus, als wäre es wertloses Papier. In der Hand behielt er nur seine Brieftasche und das Mobiltelefon, dessen Antenne er bereits ungeduldig in die Höhe reckte.
„Beschissener Empfang hier oben“, stellte er fest, als er zu seinem Partner zurückkehrte.
„Hier geht gar nichts. Die Glotze in meinem Zimmer empfängt auch kein Signal, aber ich glaube, ich habe das Ding vorhin beim Justieren sowieso hingerichtet. Die Antenne geht jetzt als moderne Kunst durch.“
Seufzend ließ sich Magnus in einen der dunkelgrünen Sessel sinken. Julian tat es ihm gleich und hob zwei Finger, woraufhin sofort ein Kellner herbeieilte.
„Zwei Vieille Prune XO“, bestellte Magnus direkt. „Aber den Roulot. Die Kopfschmerzen vom Hausfusel brauche ich heute nicht.“
„Bien sûr.“
Nachdem der Kellner verschwunden war, lehnte Julian sich gedehnt zurück. „Und? Wie bist du hergekommen? Privattransfer oder hast du dich wirklich wie der Pöbel in den Bergbus gesetzt?“
„Ich hatte gestern noch einen Termin in Bern“, entgegnete Magnus, während er dankend die Gläser entgegennahm. „Bin heute Morgen die restliche Strecke gefahren. War ja nicht mehr weit, so konnte ich das Geschäftliche direkt erledigen.“
„Bern? Mit wem hattest du denn da das Vergnügen?“
„Herrenbrandt.“
Julian verzog angewidert das Gesicht. „Oh Gott, Vater im Himmel.“
„Ein richtiger Hurensohn, wie fast alle Schweizer“, meinte Magnus nach dem ersten Schluck. „Der Trottel wollte mir ernsthaft erklären, unser Pricing-Modell sei zu aggressiv für seinen Kanton. Ich habe ihm gesagt, dass es mir scheißegal ist, was in seinem Dorf als konkurrenzfähig gilt. Entweder er unterschreibt oder er soll sich einen Berater suchen, der ihm die Eier massiert.“
„Die Gnome denken immer, sie hätten das Finanzrad neu erfunden. Ich hatte letzte Woche einen Fall aus St. Gallen, ein absoluter Totalausfall. Der wollte die Erfolgsprovision ernsthaft in seine private Familienstiftung umleiten, um das Ganze ‚steuerlich zu optimieren‘. Ich hab ihm klargemacht, dass wir hier keine Bilanzkosmetik für Amateure betreiben. Wenn er seine Zahlen frisieren will, soll er das mit seinem Beichtvater besprechen, aber nicht mit uns. Wir riskieren unsere Reputation nicht für seine lächerlichen paar Kröten.“
Magnus schmunzelte und betrachtete die bernsteinfarbene Flüssigkeit in seinem Glas. „Und? Was hat er gesagt?“
„Nachdem ich diesem Spasti erklärt habe, dass ich den Beratungsvertrag eigenhändig in der Luft zerreiße und die Konkurrenz über seine katastrophale Cashflow-Planung informiere, war er plötzlich ganz zahm. Ich hab ihm gesagt, er soll unterschreiben und dankbar sein, dass Falk & West sich überhaupt mit seinem mittelständischen Schrott befasst. Am Ende hat er fast gebettelt, dass wir die Sanierung seines Portfolios übernehmen.“
„Effizient“, stellte Magnus fest. „Aber die meisten unserer Kunden sind immer kurz davor sich umzubringen, nachdem sie mit dir telefoniert haben. Du musst besser aufpassen.“
„Warum?“, fragte Julian und grinste schief. „Er hat unterschrieben.“
„Ja, zum Glück. Da ging es um viel. Hätte auch schief gehen können mit deinem Schandmaul.“
„Das habe ich vom großen Meister gelernt.“
„Benimm dich aber heute Abend mit unseren Angestellten. Es soll ein angenehmer Abend werden. Und verkneif dir das ‚Spasten‘ und ‚behindert‘. Mittlerweile reagieren manche Leute empfindlich darauf.“
„Ja ja“, stöhnte Julian genervt. „Ich weiß mich ja schon zu benehmen.
Diana stand vor dem großen Spiegel ihres Hotelzimmers und betrachtete sich mit einer großzügigen Portion Eitelkeit, die sie auch die vergangenen Jahre durch jede Firmenweihnachtsfeier getragen hatte. Der Raum war für ihren Geschmack zu warm, und das gelbliche Licht der Deckenlampe ließ die Röte in ihrem Gesicht stärker hervortreten, als ihr lieb war. Sie beugte sich näher an ihr Spiegelbild, strich eine widerspenstige Strähne aus der platinblonden Kurzhaarfrisur, und öffnete dann ein Fenster, um kühle Luft hereinzulassen.
Auf ihrem Bett lag schon ihr Rock, und ihr dünner Rollkragenpullover. Der Rock glitzerte im Licht, ein tiefes Schwarz mit funkelnden eingearbeiteten Silberfäden. Er würde sich eng über ihre Kurven legen, und sie wusste genau, dass es in der Firma genügend Leute gab, die hinter vorgehaltener Hand lästern würden. Aber keiner von ihnen würde es wagen, es ihr ins Gesicht zu sagen. Dazu hatten die wenigsten den Mut, und noch weniger die Schlagfertigkeit.
Sie setzte sich hin, überkreuzte die Beine, und zog die halterlosen Strümpfe hoch. Die Spitzenkante schnalzte leise gegen die Haut. „Hält“, murmelte sie zufrieden, und rückte den Saum zurecht. Vorfreudig öffnete sie dunkelrote Flasche und sprühte Hypnotic Poison auf ihren Hals und die Innenseite der Handgelenke. Einmal tief eingeatmet stelle sie die Flasche mit dem süßen Duft zurück und ließ das Parfum sich setzen.
Diana war eine gesellige Frau, doch heute war ihr nicht nach viel Gesellschaft. Oder vielleicht doch, nur wäre ihr andere Gesellschaft lieber gewesen. „Wenn mir die scheiß Petra mit ihren Plastikkisten ankommt, stopf ich ihr die Dose eigenständig in den Hals“, murmelte sie, während sie ihre Lippen aneinanderpresste und mit geübter Hand ihren dunkelroten Lippenstift auftrug. „Geh scheißen mit deinen Deckelgrößen und Strategien für Kühlschrankordnung. Heute nicht. Nicht mit mir.“
Sie schnappte sich den engen Rollkragenpullover, schlüpfte rein, und schob ihren großen Busen wieder ein Stück nach oben, bis alles exakt saß.
Zufrieden ging sie zum Fenster, beugte sich hinaus und zündete sich eine Zigarette an. Sie rauchte sie zur Hälfte, während der Schnee draußen den Hang hinunterzog, und zwei stramme Burschen gerade eine Lichterkette auf einer großen Tanne anbrachten. Der Rauch mischte sich mit dem schweren Duft ihres Parfums, bevor sie den Rest ausdrückte und das Fenster wieder schloss.
Vorausschauend kontrollierte sie ihre Handtasche. Zigaretten, Feuerzeug, Zimmerkarte, Lippenstift und ein Paar alpine Wollsocken, die sie bei Ankunft im Souvenirshop des Hotels gekauft hatte waren sorgfältig verstaut.
Guter Dinge schloss sie die Tür hinter sich und ging den langen Gang entlang. Der Teppich war weich unter ihren Absätzen, und bei jedem Schritt spannte sich der Rock leicht um ihre Hüften. Am Ende des Gangs öffnete sich gerade eine Zimmertür, und die Neue, Emilia, trat heraus.
„Ach schau, da haben wir unsere Kleine“, freute Diana sich. „Wir sind ja fast nebeneinander. Und? Wie war die Anreise?“
„Ach, ganz gut. Die Straßen waren ein bisschen rutschig, aber der Buschauffeur hat es geschafft. Und das Hotel ist wirklich schön!“
„Das ist es“, nickte Diana. „Und du siehst gut aus. Was für ein schönes Strickkleid! Violett steht dir wirklich außerordentlich gut. Und du trägst ja gar nicht deine Brille.“
„Kontaktlinsen“, entgegnete Emilia ein wenig stolz. „Vielen Dank, dein Outfit ist auch klasse, und die Schminke auch!“
Belustigt verzog Diana die Lippen. „Merci. Ist ja auch alles Arbeit. Sind die Bosse schon unten?“
„Julian auf jeden Fall“, antwortete Emilia leise. „Er ist mir schon über den Weg gelaufen und wollte mich sofort auf einen Drink einladen. Er hat gar nicht mehr locker gelassen. Wenn alle so insistieren, hab ich jetzt schon keine Lust mehr auf die Gondelfahrt nach oben. Da kann ich mich vor niemandem verstecken.“
„Du brauchst nicht mit der Gondel fahren“, erklärte Diana, „ich auch nicht. Ich hab ein Leihauto, ich sollte ja die Kisten mit dem Champagner noch hochfahren. Wenn du magst, kannst du bei mir mitfahren.“
„Wirklich? Das wäre großartig. Danke!“, freute sie sich und war erleichtert, dass ihr zumindest diese Sache erspart blieb.
„Ist doch kein Ding.“
Als sich die Aufzugtüren öffneten, traten sie ein und Emilia drückte den Knopf für das Erdgeschoss.
„Und, gefällt dir dein Zimmer?“, wollte Diana wissen.
„Ja, aber ich hab mich halb zu Tode erschrocken.“
„Wieso das denn?“
„Im Zimmer nebenan hatte jemand einen Hustenanfall oder er hat erbrochen, ich weiß es nicht. Auf jeden Fall hat er nicht mehr aufgehört und klang, als würde er gleich sterben.“
„Ach, das war sicher Klaus, der klingt immer wie eine alte Müllpresse auf dem Schrottplatz. Wenn er beim Essen auch überall seinen Auswurf verteilt, können wir danach die Schneeschaufeln gleich mit ins Chalet nehmen.“
Unten in der Lobby herrschte bereits reger Betrieb, der Kamin brannte hell, und mehrere Kollegen und Kolleginnen drehten sich auffällig in ihre Richtung.
Während die beiden über den Teppich liefen, bemerkte Emilia sofort die Blicke. Zwei Frauen aus der Verwaltung tuschelten hinter vorgehaltener Hand, ihre Augen ruhten jedoch unverhohlen auf Dianas Minirock, welcher der wuchtigen Dame darin nur kleine Schritte erlaubte. Die eine, Saskia, trug ein spießiges Kostüm in schiefergrau und die andere, Monika, ein langes schwarzes Wollkleid, das ihr mindestens fünf Nummern zu groß war.
„Ich würde denen am liebsten eine Ohrfeige verpassen, so dumm wie die rüberglotzen“, flüsterte Emilia. „Und sie sehen noch langweiliger aus als sonst, und das ist eine Kunst. Sogar ich hab versucht mich ein bisschen aufzutakeln, und genau die zwei grauen Mäuse tuscheln da als wären sie etwas Besseres.“
