Chasing ugly butterflies - N. D. Vilchez - E-Book

Chasing ugly butterflies E-Book

N. D. Vilchez

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Beschreibung

Als Ava wegen ihres gewalttätigen Vaters im Krankenhaus landet, beschließt sie, nach London zu fliehen, um dort neu anzufangen. Bereits im Zug dorthin stößt sie auf die ersten Probleme ‒ und auf Logan. In dem selbstbewussten Fremden sieht sie ihre beste Chance, in der Hauptstadt Fuß zu fassen. Beeindruckt von seinem scheinbar unerschütterlichen Selbstbewusstsein, beschließt sie, sich an ihn zu halten. Was sie nicht weiß: Logan ist ebenfalls auf der Flucht und wenn er von seiner Vergangenheit eingeholt wird, steht auch ihr Leben auf dem Spiel. Dabei ahnt selbst er nicht, dass seine Verfolger nicht die einzige Bedrohung darstellen.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Chasing ugly butterflies

N.D. VILCHEZ

Inhalt

Contentwarnung

Playlist

Prolog

1. Logan

2. Ava

Logan

3. Ava

Logan

4. Ava

Logan

5. Ava

Logan

6. Ava

Logan

7. Ava

8. Logan

9. Ava

10. Logan

11. Logan

Ava

Logan

12. Ava

13. Logan

14. Ava

Logan

15. Ava

Logan

16. Ava

Logan

17. Ava

18. Logan

19. Ava

Logan

20. Ava

Logan

21. Ava

Logan

22. Ava

Logan

Ava

23. Logan

Ava

24. Ava

Logan

25. Ava

26. Logan

Ava

27. Ava

28. Logan

29. Ava

30. Logan

Ava

31. Logan

32. Ava

33. Logan

Ava

34. Logan

35. Ava

36. Logan

Ava

37. Logan

38. Ava

39. Logan

40. Ava

41. Logan

42. Ava

43. Ava

Logan

Epilog

Danksagung

Bücher von N.D. Vilchez

Über die Autorin

Möglicherweise triggernde Inhalte

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

© 2024 N.D. Vilchez

Coverdesign: KG Buchdesign

Korrektorat: Francy Schneider (Wortspatz.korrektur)

Innendesign und Buchsatz: KG Buchdesign

Alle Rechte vorbehalten

Nadine Domingues Vilchez

c/o Kleines Glück

Am Vorderflöß 48

33175 Bad Lippspringe

Liebe Leserinnen und Leser,

In dieser Geschichte wird viel geflucht und es gibt explizite Szenen. Außerdem könnte sie eventuell triggernde Themen enthalten. Solltet ihr euch nicht sicher sein, ob euch diese Trigger betreffen, könnt ihr sie im Anhang nachlesen. Achtung: Die Auflistung könnte Euch für die Story spoilern.

Lest verantwortungsvoll und achtet auf euer Wohlbefinden.

Playlist

(Bild mit Spotify-Suche scannen und los geht’s)

Breezeblocks – alt-J

Alive – Sia

Don’t stop believing – Teddy Swims

Lonely People – Aidan Martin

Teardrop – Massive Attack

It’s called: Freefall – Paris Paloma

Hurts me – Tory Lanez u.a.

Meine Soldaten – Maxim

Hailey’s Song – Eminem

Dangerous Hands – Austin Giorgio

Happiness is a butterfly – Lana Del Rey

Certain Things – James Arthur

Headstart – Ritt Momney

Seven Nation Army – Stevie Howie

Für alle, die an sich zweifeln.

Du bist genug. Lass dir nichts anderes erzählen!

Auch nicht von dir selbst.

Prolog

Ich muss weg! Das ist der einzige Gedanke, der in meinem Kopf Platz hat. Irgendwie muss ich es schaffen, die Gunst der Stunde zu nutzen, um mich unbemerkt aus dem Staub zu machen. Darüber denke ich nach, seit mir gesagt wurde, dass ich vermutlich morgen gehen darf. Aber ich kann nicht zurück. Auf keinen Fall.

Ich will endlich mein eigenes Leben haben und nie wieder so etwas erleben. Keine Angst mehr haben, nach Hause zu gehen. Ich hasse mich selbst dafür, dass ich nicht den Mut habe, mich zu wehren oder irgendwem zu erzählen, wie es wirklich ist. Dass ich zu viel Angst davor habe, mir könnte niemand glauben. Ich will mir gar nicht vorstellen, was in diesem Fall auf mich zukäme. Mit zusammengebissenen Zähnen balle ich die Hände zu Fäusten. Ich würde so gerne schreien. Die Wut einfach rauslassen, um endlich frei atmen zu können. Stattdessen bleibe ich wie immer still. Als der Zugang in meinem Handrücken durch die Spannung zu zwicken beginnt, reiße ich ihn wutentbrannt heraus und erstarre. Schockiert betrachte ich den roten Punkt, der sich sofort dort bildet.

Ich muss gehen. Irgendwohin, wo keiner mich kennt. Wo niemand mir vorschreibt, was ich tun, essen oder mit wem ich mich abgeben soll. An einen Ort, an dem ich frei bin. Wenn ich eine Chance darauf haben will, muss es heute Abend sein.

Jetzt.

1

Logan

EIN JAHR ZUVOR

»Mir gefällt die Sache nicht«, murmelt Billy neben mir so leise vor sich hin, dass ich ihn kaum hören kann. »Ich hab’ ein beschissenes Bauchgefühl.«

Ich werfe ihm im Gehen einen genervten Blick über die Schulter zu, bevor ich meine Aufmerksamkeit wieder auf die große Halle lenke, auf die meine Jungs und ich uns betont lässig zubewegen. »Behalt deine Blähungen für dich, Billy«, erwidere ich gleichgültiger, als ich mich fühle, und schiebe den Henkel der Tasche auf meiner Schulter zurecht. »Skinny und die Jungs sind schon auf ihrer Position und geben uns Rückendeckung. Alles wird reibungslos ablaufen. Wir gehen da rein, ziehen unseren Deal durch und sind schneller wieder draußen, als die gute Barb ihren Schlüpfer ausziehen kann.«

Josh grunzt belustigt, aber Billy wirkt immer noch nicht überzeugt, als ich einen weiteren Blick auf ihn riskiere. Als Anführer des Teams kann ich es mir nicht erlauben, Zweifel zu zeigen, also gebe ich mich grundsätzlich, als würde ich mir um nichts in der Welt Sorgen machen. Dabei bin ich in den letzten Tagen ein regelrechtes Nervenbündel, weil ich mir in jeder freien Minute Sorgen um meinen kleinen Bruder mache, der neuerdings der Meinung ist, er müsse in meine Fußstapfen treten. Leider bin ich bisher der Einzige, der findet, dass das Gang-Leben nichts für einen Vierzehnjährigen ist, und sogar mein Boss Callum, für den ich seit Jahren Unmögliches möglich mache, lässt mich mit meinen Protesten auf Granit beißen.

Also ja: Ich sorge mich. Aber nicht jetzt. Jetzt muss ich der Profi sein, der ich normalerweise bin, und den Deal durchziehen, als würde ich beim Markt ein paar Eier kaufen und keine Waffen bei einem durchgeknallten Schotten.

McCloud wartet bereits auf uns und scheint ebenfalls nichts dagegen zu haben, das Geschäft schnell über die Bühne zu bringen. Wir kennen uns schon eine Weile und respektieren einander, mögen uns aber nicht besonders, daher sparen wir uns die Höflichkeitsfloskeln. Die Taschen wechseln die Besitzer, ein kurzer Check des Inhalts und schon sind wir wieder auf dem Weg nach draußen. Genau so, wie ich es sagte.

Ich habe die Tür im Rolltor fast erreicht, als hinter dem Gebäude der erste Schuss ertönt. Befehle über den Lärm der Schießerei hinweg brüllend, stürze ich durch die Tür und renne um die Halle herum.

»Scheiße, die Dogs haben Wind von dem Geschäft bekommen«, keucht Josh neben mir.

»Sieht so aus«, antworte ich und werfe die Tasche ins Gebüsch, bevor ich meine Waffe ziehe und an der Ecke stoppe, um aus der Deckung heraus einen Blick auf die Lage zu werfen.

Im Dunkeln sehe ich rechts von mir Mündungsfeuer aufblitzen und kurz darauf schreit jemand auf. Ich erkenne Skinny zwischen den Bäumen, der im Laufen wild auf unsere Gegner feuert.

»Dieser Spinner«, zische ich und bewege mich geduckt in die Richtung, in der ich den Feind vermute. Wenn ich Glück habe, erregt der schießwütige Verrückte genug Aufsehen, dass ich sie überraschen kann. Josh folgt mir ebenso leise. »Da!«, flüstere ich und deute auf ein Gebüsch vor uns. Josh nickt und wir pirschen weiter auf unsere Beute zu. Mein Herz rast, aber meine Hände sind absolut ruhig, als ich auf den Hinterkopf eines der drei Männer vor mir anlege. Gleichmäßiges Atmen und den Kopf ausschalten gehörte zu den ersten Lektionen, die ich unter Callums Führung gelernt habe.

Ich drücke ab und im nächsten Moment höre ich einen Schrei, den ich unter Tausenden wiedererkennen würde.

»Leo!«

2

Ava

HEUTE

Ich versuche angestrengt, etwas anderes zu hören als meinen trommelnden Herzschlag, während ich in die Dunkelheit starre und immer wieder die Luft anhalte. Jeder Atemzug kommt mir unnatürlich laut vor. Ab und zu erkenne ich die Geräusche vorbeieilender Menschen. Dann wieder nur das dumpfe Dröhnen des dahinrauschenden Zuges, das in regelmäßigen Abständen stoppt, um durch mehr Schritte und Gemurmel abgelöst zu werden und schließlich erneut einzusetzen.

Ich weiß nicht, wie lange ich schon mit angezogenen Beinen auf dem Toilettendeckel hocke. Durch meine schmerzenden Rippen habe ich das Gefühl für die Zeit oder den Ort, den wir passieren, vor einer Ewigkeit verloren. Womöglich ist es noch gar nicht so lange und wir erreichen gerade erst Manchester, was die Unruhe erklären würde, die in diesem Moment vor der Tür meines Verstecks entsteht. Wie kann es sein, dass so viele Menschen um diese Uhrzeit noch irgendwo hinfahren wollen? Damit habe ich nicht gerechnet. Ich dachte, ich könnte es vielleicht schaffen, trotz fehlenden Tickets unbehelligt bis nach London zu fahren, wenn ich mich hier in einem der hinteren Wagen in der Toilette verschanze. Denn das ist das Ziel, dass ich mir auf dem Weg zum Bahnhof gesteckt habe. London erscheint mir ausreichend groß und weit genug weg von zuhause, um es zu schaffen. Niemand dort wird mich kennen oder beurteilen und Erwartungen an mich stellen. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten.

Die Schritte vor der Tür verebben erneut und mein Herz beruhigt sich ein wenig, während ich darauf warte, dass der Zug sich wieder in Bewegung setzt. Kann ich es wirklich schaffen?

Schwere, eilige Schritte lassen mich erneut aufhorchen und die zarte Blase der Hoffnung zerplatzt in mir, als es plötzlich laut an der Tür rappelt, die ich provisorisch mit meinem Haargummi fixiert habe, statt sie abzuschließen. Ich bin zu dem Schluss gekommen, es würde sicher irgendwann jemand misstrauisch werden, würde die Anzeige durchgehend auf ›besetzt‹ stehen, und wenn die Tür sich nicht einfach öffnen lässt, würden alle zur nächsten Toilette weitergehen. Sicher, ein Zettel mit der Aufschrift ›defekt‹ wäre effektiver gewesen. Den habe ich nur leider nicht auftreiben können. Ich habe gehofft, es würde reichen.

Jetzt kommt mir dieser Gedankengang idiotisch vor. Die Person auf der anderen Seite will offenbar dringend hier rein. Es rüttelt an der Tür wie bei einem Erdbeben. Mit hämmerndem Herzen und angehaltenem Atem strecke ich die Hand aus, um den kleinen Griff von innen festzuhalten, doch das Haargummi gibt den Bruchteil einer Sekunde zu früh nach und die Tür öffnet sich mit einem Ruck. Mist!

Ich halte die Luft an, um das klägliche Wimmern zu unterdrücken, das in mir aufsteigt. Ich bin erledigt. Die riesige Gestalt eines Mannes füllt den gesamten Durchgang aus und schirmt das Licht des Abteils gegen mich ab. Er erstarrt für einen kurzen Moment, als ich erschrocken aufspringe, kommt dann aber auf mich zu.

»Fuck«, flucht er leise, wirft eine Tasche neben mir auf den Boden und drängt sich in den winzigen Raum vor mir, während er hinter sich die Tür zuzieht.

O nein! Was tut er da?

Als sein harter Körper sich gegen meinen presst, entfährt mir doch ein erschrockenes Quietschen und sofort legt sich eine große Hand auf meinen Mund. »Sch!«

Panik steigt in mir auf. Was will er? Warum ist er so nah? Was wird er jetzt tun? Ich weiche zurück, strauchele aber über die Toilette, die direkt hinter mir an der Wand hängt.

Sofort schlingt er mir den freien Arm um die Taille und bewahrt mich so vor einem Sturz. Meine Rippen protestieren. Die Hand auf meinem Mund dämpft den Schmerzenslaut, der mir entfährt. Er ist so groß, dass ich den Eindruck habe, komplett von ihm umfangen zu sein. Am liebsten würde ich mit der Wand hinter mir verschmelzen.

Ich vernehme ein Schnauben über mir und er lockert den Griff um mich ein wenig, lässt mich aber nicht los. »Keine Sorge«, flüstert er, wobei sein Atem mein Gesicht streift. »Ich werde dir schon nichts tun. Hätte ich die Zeit gehabt, mir ein anderes Klo zu suchen, hätte ich es getan.«

Also versteckt er sich ebenfalls? Absurderweise beruhigt mich der Gedanke. Mein Herz fühlt sich jedoch weiterhin bedroht und rast, als wollte es den Zug überholen. Dennoch schaffe ich es, meinen Atem einigermaßen zu beruhigen und die Lungen wieder mit ausreichend Sauerstoff zu füllen, sodass ich überdeutlich wahrnehme, was gerade passiert. Sein männlicher Geruch irritiert mich, ist aber nicht unangenehm. Es ist so dunkel, dass ich seine Bewegung nur erahnen kann, als er sich zu mir herunterbeugt.

»Kann ich die Hand wegnehmen, ohne, dass du schreist?« Sein Gesicht muss ganz nah neben meinem sein, denn sein Atem streicht seitlich über meinen Hals und hinterlässt dort eine Gänsehaut, die so gar nicht zu dieser Situation passen will.

Ich schließe die Augen und zwinge mich zu einem langsamen Nicken. Sofort nimmt er die Hand weg und stützt sich, dem dumpfen Geräusch hinter mir nach zu urteilen, stattdessen gegen die Wand ab. Die andere bleibt regungslos an meiner Taille liegen und droht mir ein Loch durch den Stoff des Kleides zu brennen. So wie jede andere Stelle, an der sein fester Körper gegen meinen gepresst ist, als wären wir ein Liebespaar. O mein Gott. Was für ein absurder Gedanke für eine noch absurdere Situation.

»Was willst du?«, frage ich flüsternd, um mich von meinem eigenen Kopf abzulenken.

»Offensichtlich dasselbe wie du«, antwortet er neben meinem Ohr und ich habe das Gefühl, ein Grinsen in seinem Ton zu hören. »Ich versuche, nicht gesehen zu werden.«

Ich will ihm widersprechen, aber es ist wohl viel zu offensichtlich, dass ich mich hier versteckt habe. Also schweige ich betreten und wische meine feuchten Handflächen unauffällig an meinen Oberschenkeln trocken.

»Ein paar Minuten noch«, spricht er weiter und ich erschaudere. Kann er nicht bitte damit aufhören, gegen meinen Hals zu flüstern? Als wollte er auf meine Reaktion eingehen oder mich bewusst quälen, festigt er den Griff an meinen Rippen erneut und ich ziehe zischend die Luft ein. Der stechende Schmerz lässt sofort nach, sobald er die Hand ruckartig wegzieht und sich etwas aufrichtet. »Sorry.«

Ich antworte nicht. Weil ich einfach nicht weiß, was ich sagen soll. ›Schon okay‹? Gar nichts ist okay an dieser Situation. Zumindest sagt mein Kopf das. Mein Körper dagegen ist in heller Aufregung, als wäre das hier ein geheimes Stelldichein. Er soll weggehen, damit ich wieder klar denken kann.

Wir stehen noch eine gefühlte Ewigkeit so da, in der wir schweigen und ich mich frage, ob es besser wäre, wenn er doch nochmal etwas sagen würde. Mein Herz hat sich nicht eine Sekunde lang beruhigt, obwohl ich keine Angst mehr habe, er könnte mir etwas tun. Trotzdem bin ich angespannt und sein Körper, der bei jeder Bewegung des Zuges an meinem entlang reibt, macht es nicht besser.

Als er sich plötzlich von mir löst, ist es dennoch wie ein Schock. Ich schrecke regelrecht auf, sobald er die Tür hinter sich aufstößt. Das Licht aus dem Wagon fällt in die Kabine und blendet mich. Er setzt einen Schritt nach hinten und beugt sich dann zu seiner Tasche herunter, während er weiter zu mir emporsieht. Da sein Körper die Lichtquelle nun nicht mehr verdeckt, kann ich endlich auch einen Blick in sein Gesicht werfen und erstarre innerlich.

Heiliger Bimbam! Dieser Kerl hat sich die letzten Minuten an meinen Körper gepresst?

Der herausfordernde Ausdruck in seinen scharf geschnittenen Zügen ist der Inbegriff dessen, was ich als heiß bezeichnen würde. Der ganze Mann ist ... wow! Sein Blick geht mir durch und durch, als er sich mit der Tasche aufrichtet.

»Danke für die Gastfreundschaft«, sagt er mit einer leisen dunklen Stimme, die genau zu dem Ausdruck in seinem schönen Gesicht passt.

Ich bringe nur ein dämliches Nicken zustande und sehe dabei zu, wie er sich rückwärts bewegt, ohne mich aus den amüsiert funkelnden Augen zu lassen.

»Was ist mit dir?«, fragt er und deutet dann vage in den Raum vor mir. »Bleibst du hier?«

Wieder nicke ich. Ich würde mich gern erklären, aber ich weiß nicht, wie.

Sein Gesicht wird ernster und ich bilde mir ein, zu erkennen, dass er versteht. »Dann noch viel Glück«, sagt er, schiebt die Tür wieder zu und es wird dunkel um mich.

Logan

Irgendetwas bringt mich dazu, in der Nähe der verfluchten Toilette zu bleiben, in der dieses verschüchterte Mädchen sitzt, das sich so gut angefühlt hat. Heilige Scheiße. Und wie gut. In ihrer Nähe habe ich gar keine Möglichkeit mehr gehabt, mir Sorgen zu machen, mich könnte jemand entdecken. Dabei ist mein Problem wesentlich bedrohlicher als ein dämlicher Schaffner, dem ich kein Ticket vorweisen könnte. Zum ersten Mal in meinem Leben besitze ich sogar eins. Sie offenbar nicht. Das kann mir egal sein. Ich habe keine Ahnung, wer sie ist, und sollte mir ausschließlich Gedanken um meinen eigenen Arsch machen. Trotzdem gleitet mein Blick immer wieder zu der gottverdammten Tür, hinter der sie im Dunkeln sitzt. Wie von selbst geht mein Verstand auf Wanderschaft und beschwört die Momente herauf, in denen ihr Körper an meinem erzittert ist, wenn ich an ihrem Hals geflüstert habe. Scheiße, ich liebe sowas einfach viel zu sehr. Und ihr völlig unverfälschter Duft nach Seife und unparfümierter Frau ... Als ich dann auch noch gesehen habe, wie hübsch sie ist und wie sie mich angestarrt hat, als wäre ich Harry Styles persönlich, wäre ich am liebsten wieder in die Toilette gegangen und hätte sie mir geschnappt.

Gott sei Dank hat der klar denkende Teil meines Gehirns das Kommando übernommen und dafür gesorgt, dass ich mich an den Plan halte. Einen Plan, an dem ich seit einem Jahr feile, um ihn nahezu wasserdicht zu machen. Das muss er sein. Denn wenn meine Leute mich finden, bin ich so gut wie tot. Darum wende ich den Blick von der Tür ab und sehe stur aus dem Fenster. Bisher hat alles wie geplant funktioniert. Und so soll es auch bleiben. Hübsches Mädchen hin oder her.

Zehn Minuten später ist dieser Gedanke allerdings wieder Geschichte, sobald die Tür des Wagons mit einem Zischen zur Seite gleitet. Ich sehe auf, entdecke die Kontrolleure, die sofort auf die ersten Fahrgäste zusteuern, und augenblicklich setzt irgendetwas in meinem Gehirn aus. Meine ganze Aufmerksamkeit fokussiert sich auf die Tür, aus der ich eben herausgetreten bin. Vor meinem inneren Auge erscheint ihr verschrecktes Gesicht und ich stelle mir vor, wie sie aus der Toilette gezerrt und hinausgeworfen wird.

Das sollte mir egal sein. Schließlich kenne ich sie nicht einmal. Nur leider ist es das nicht. Alles in mir sträubt sich gegen die Vorstellung, sie könnte erwischt werden. Mit angespanntem Kiefer beobachte ich, wie einer der Bahnangestellten sich in meine Richtung bewegt, und greife bereits blind nach dem Fahrschein in der Innentasche meiner Jacke. Er kommt auf mich zu, stockt dann aber und dreht sich zur Tür, die ich selbst eben noch angestarrt habe. Fuck. Jetzt ist es so weit und ich kann nur dabei zusehen, wie ihr Schicksal seinen Lauf nimmt. Soll ich ihn aufhalten? Bei dem Gedanken komme ich mir selbst reichlich theatralisch vor. Das Schlimmste, das ihr blüht, ist eine Anzeige. Also alles halb so wild.

Ich frage mich, ob der Schaffner einfach nur ein gutes Gespür oder etwas gehört hat. Entschlossen greift er an den kleinen Griff und öffnet die Tür mit deutlich weniger Schwierigkeiten als ich zuvor. Da er die Türöffnung nur halb verdeckt, kann ich beobachten, wie sie wieder erschrocken aufspringt und mit schreckgeweiteten Augen erkennt, wen sie diesmal vor sich hat.

»Entschuldigung Miss, die Tür war unverschlossen«, erklärt der Schaffner in gleichgültigem Ton. Ich würde darauf wetten, dass sie die Rechtfertigung des Mannes gar nicht wahrnimmt, während sie sich hilfesuchend umsieht und unsere Blicke sich treffen. Shit. Ich hätte mich nicht hierhin setzen sollen.

Wie recht ich damit habe, erkenne ich, als sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht ausbreitet, das so strahlend ist, dass es mich im Magen trifft. Oh. Nein!

»Sie wollen sicher mein Ticket sehen«, trällert sie plötzlich zuckersüß und ich bekomme eine Gänsehaut. »Mein Verlobter hat es.« Und tatsächlich deutet sie auf mich. Scheiße, verdammt! Dieses Luder!

Der Schaffner lässt sich von ihrer Fröhlichkeit anstecken und kommt mit einem dämlichen Grinsen auf mich zu, um sich das Ticket meiner Verlobten zeigen zu lassen. Das genauso wenig existiert wie die Verbindung zwischen uns.

Ich erwidere sein Lächeln, als wäre ich der harmlose Spießer, der ich sein müsste, um mit einer Frau wie ihr verlobt zu sein, und greife in die Innentasche meiner Jacke. Als ich ihm das einzelne Ticket entgegenhalte, gebe ich mich schockiert und ziehe eine Show ab. Ach herrje, wie konnte das nur passieren? Ich Dummerchen. Das ist mir aber jetzt unangenehm.

Sie ist bereits an seiner Seite und plappert auf ihn ein. Ob die ängstliche Nervosität ebenfalls nur gespielt oder echt ist, kann ich in diesem Moment beim besten Willen nicht sagen. Es wirkt jedenfalls, denn am Ende ist er derjenige, der sie zu beruhigen versucht.

»Machen Sie sich keine Sorgen, Miss. Sie können natürlich weiter zu ihrer Familie reisen. Leider muss ich das zweite Ticket dennoch in Rechnung stellen«, erklärt er entschuldigend. »Ordnung muss sein.«

Sie sieht mit einem perfekten Dackelblick zu mir und ich muss mich zusammenreißen, uns beide nicht auffliegen zu lassen, indem ich genervt stöhne. »Können wir uns das leisten, Darling?«

Ihr Ernst? Ich balle eine Hand neben meinem Bein zur Faust, um sie nicht an Ort und Stelle zu erwürgen, während die andere schon Geld aus meiner Jacke fischt. »Natürlich, Love«, erwidere ich durch zusammengebissene Zähne und stelle mit Genugtuung fest, dass sie rot wird. »Ich weiß ja, dass du es wieder gutmachen wirst.«

Ihre Augen weiten sich und ich kann das gehässige Lachen, das in mir aufsteigt, nur mit Mühe unterdrücken. Der Schaffner tut glücklicherweise so, als hätte er nichts gehört. Seine Mundwinkel zucken allerdings verdächtig und er beugt sich geschäftig über sein Tablet, um es zu verbergen. Drei Minuten später zieht er mit seinem Kollegen weiter, während meine neue Verlobte noch unschlüssig mit ihrem Ticket in der Hand im Gang steht.

»Was ist los, Love? Auf einmal wieder so schüchtern?«, ziehe ich sie so leise auf, dass nur sie es hören kann. Sie sieht mich verunsichert an und ich lache ungläubig auf. »Das kann nicht dein Ernst sein. Gerade leierst du mir noch ein Ticket aus der Tasche und jetzt hast du wieder Angst vor mir?«

Cleveres Mädchen.

Wenn es nicht so auffällig wäre, würde ich es auch für deutlich klüger von ihr halten, sich nicht zu mir zu setzen, aber als meine Verlobte muss sie das wohl oder übel.

»Jetzt komm schon her«, fordere ich bestimmt und deute auf den freien Sitz mir gegenüber. Ohne ein weiteres Zögern setzt sie sich und atmet dann leise, aber tief, durch.

Braves Mädchen.

Sofort schießen wieder Bilder durch meinen Kopf, weil ich sie nur zu gern wirklich für das Ticket bezahlen lassen würde. Auf Knien. Aber auch wenn ich schnellen Nummern gegenüber nie abgeneigt gewesen bin, kommt das in diesem Moment und mit ihr überhaupt nicht in Frage. Dennoch nutze ich die Gelegenheit, sie eingehender zu betrachten. Jetzt, da sie gut ausgeleuchtet direkt vor mir sitzt, erkenne ich, dass sie Schatten unter den Augen hat und erschöpft wirkt. Und irgendwie fehl am Platz.

Sie steckt in einem viel zu großen geblümten Kleid, das sie fülliger aussehen lässt, als sie ist. Ich kann ihre Figur beurteilen. Immerhin habe ich sie vor einer halben Stunde noch im Arm gehalten. Ich schätze, das Kleid gehört ihr ebenso wenig, wie der Beutel mit der Aufschrift ›Pink is the new black‹, den sie sich an die Brust drückt. Abgesehen davon ist sie hübsch. Ihre schulterlangen, hellbraunen Haare weisen helle Strähnen auf, die aussehen, als wären sie von der Sonne ausgebleicht, und überall auf ihrem Gesicht verteilt sind Sommersprossen. Wenn ich raten müsste, würde ich sagen, sie ist viel an der frischen Luft. Es ist irgendwie verrückt, denn diese junge Frau sieht auf eine natürliche Weise gut aus, die mir gänzlich unbekannt ist. Sie ist das genaue Gegenteil zu den Frauen, die ich sonst kenne, obwohl sie etwa in meinem Alter sein muss, oder ein bisschen jünger. Anfang zwanzig vielleicht?

Da, wo ich herkomme, sind Frauen nicht unauffällig. Sie wollen gesehen werden und nutzen all ihre vermeintlichen Vorzüge und sämtliche Hilfsmittel, um möglichst viel Eindruck zu schinden. Als eine Anhäufung von Plastik und nackter Haut werfen sie sich dir an den Hals und verkaufen sich selbst für ein bisschen Aufmerksamkeit. Diese Frauen würden lieber sterben, als sich so einen geblümten Sack von einem Kleid überzustülpen. Was hat sie nur geritten, dieses Teil anzuziehen?

Als ich wieder zu ihrem Gesicht hochsehe, treffen sich unsere Blicke und sie zuckt erschrocken zusammen.

»Hey«, sage ich und ein schiefes Grinsen zerrt an meinem Mundwinkel, während ihre hellblauen Augen immer größer werden. Ich genieße es, die Farbe aus ihrem Gesicht weichen zu sehen, sodass ihre Sommersprossen noch deutlicher hervortreten. Ja, ich muss zugeben: Sie ist eine echte Schönheit. Unwillkürlich drängt sich mir die Frage auf, wovor sie wegläuft. Denn dass sie auf der Flucht ist, liegt für mich auf der Hand, obwohl ich nicht sagen könnte, woran ich das festmache. Die Geschichte dahinter sollte mich allerdings nicht so sehr interessieren, wie sie es tut.

Vermutlich will mein Unterbewusstsein nur abgelenkt werden. Ich habe nichts, worauf ich mich konzentrieren könnte. Mein Telefon habe ich entsorgt, lange bevor ich am Bahnhof angekommen bin. Ich bin schließlich kein Idiot. Mir ist klar, dass meine Jungs damit rechnen, dass ich die Stadt verlassen habe. Aber ich muss es ihnen nicht leichter machen, als es ohnehin ist, die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Ich kann nur hoffen, dass ihr Selbsterhaltungstrieb sie dort bleiben lässt, wo sie sind, weil sie darauf vertrauen, dass ich mich ebenfalls nicht in feindliches Gebiet wage.

Aber genau das habe ich vor.

3

Ava

Ich wünschte, es wäre Tag. Konzentriert starre ich aus dem Fenster und versuche, etwas von der Landschaft zu erkennen, die an mir vorbeirauscht, aber es ist einfach zu dunkel. Hier und da kann ich Lichter von einzelnen Häusern oder Ortschaften erahnen, aber das, was sich am meisten in den Vordergrund rückt, ist die Reflexion des Mannes, der mir gegenübersitzt.

Seit ich mich zu ihm gesetzt habe, ignoriert er meine Anwesenheit weitestgehend. Zuerst hat er mich verstohlen gemustert, aber ziemlich bald hat er die Kapuze seines Hoodies in die Stirn gezogen, bis nur noch eine Strähne des dunklen Haars zu sehen war. Dann hat er sich zurückgelehnt und die Augen geschlossen. Ich weiß nicht, ob er wirklich schläft oder mir nur signalisieren will, dass es zwischen uns kein Gespräch geben wird. Jedenfalls kann ich der Versuchung nicht widerstehen, ihn immer wieder zu betrachten. Ich komme mir selbst ein bisschen albern vor bei dem Gedanken, aber es stimmt: Er ist mit Abstand der schönste Mann, den ich je kennengelernt habe.

Es gab ein paar gutaussehende Jungs in meiner Schule und dank der Alibis, die meine Freundin Rachel mir hin und wieder gegeben hat, habe ich auch meine Erfahrungen mit ihnen machen können, aber sie waren halt genau das: gutaussehende Jungs. Das hier vor mir ist ein Mann.

Sein Gesicht wirkt wie gemeißelt und der ausgeprägte Unterkiefer wird von einem Bartschatten bedeckt, der bestimmt ein kratziges Geräusch erzeugt, wenn man darüberstreicht. Über dem Hoodie trägt er eine schwarze Jeansjacke, die seine Silhouette locker umspielt, aber ich habe vorhin eine deutliche Vorstellung davon bekommen, wie breit sein Brustkorb darunter ist. Dass er zu der lässigen, schwarzen Hose Vans trägt, ist mir auf eine bescheuerte Weise sympathisch. Als hätte ich durch die Schuhe eine Gemeinsamkeit zwischen uns entdeckt, was natürlich Quatsch ist.

Dieser Typ und ich haben gar nichts gemeinsam.

Er macht den Eindruck, als könnte ihn absolut nichts erschüttern. Als der Schaffner vorhin nach meiner Lüge auf ihn zuging, hat er nicht eine Sekunde gezögert oder auch nur einen verwirrten Ausdruck gezeigt, sondern souverän seine Rolle gespielt. Ich war diejenige, die nicht aufhören konnte, unkontrolliert auf den armen Bahnangestellten einzureden, während mein unfreiwilliger Komplize so entspannt rüberkam, als könnte ihm nichts passieren. Es sollte mir nicht imponieren, was für ein hervorragender Lügner er ist. Er wirkt selbstbewusst und unantastbar. Dagegen fühle ich mich seit Jahren wie ein dahintrudelndes Blatt im Wind. Ich bin unscheinbar und mittelmäßig. Er ist schön, lässig und kommt mir selbst schlafend vor wie eine Naturgewalt.

Nein. Der Fremde und ich leben in komplett verschiedenen Universen. Und trotzdem oder genau deswegen keimt der Gedanke in mir auf, in seinem Windschatten zu bleiben, solange es geht. Er ist zwar abweisend, scheint aber kein Arschloch zu sein. Vielleicht ist er bereit, mir zu helfen. Noch ein Mal. Einen verzweifelten Versuch ist es wert. Oder nicht?

Ich reiße den Blick von ihm los und bemühe mich wieder, etwas von der Welt da draußen zu erkennen. In wenigen Stunden werden wir am Ziel sein und dann beginnt mein neues Leben.

Bisher bin ich nur ein paar Mal in Wimbledon gewesen und da war wegen der Tennis-Turniere keine Zeit für Sightseeing. In der Rolle des Trainers ist mein Vater kein großer Freund von Ablenkungen. Nie. London selbst kenne ich daher nur von Bildern, aber ich stelle es mir vor wie Frank Sinatras Lied über New York: eine Stadt, die niemals schläft, in der man alles erreichen kann, wenn man es nur dringend genug will. Ich könnte studieren und später in einem großen Verlag arbeiten. Ein Traum, der geplatzt ist, als alle anderen anfingen, sich für Colleges zu bewerben, und mir mitgeteilt wurde, dass ich keine Zeit für ein Studium haben werde, da meine Profikarriere Vorrang hätte.

»Du bist nur einmal jung, Schätzchen. Studieren kannst du auch noch, wenn du nicht mehr so erfolgreich und leistungsfähig bist.« Das sind seine Worte gewesen. Sollte ein Vater nicht eigentlich das Gegenteil fordern? Müsste es nicht heißen: »Lern erstmal etwas Vernünftiges«? Aber was ist bei uns jemals normal gewesen? Ich kann mich an keine Zeit erinnern, in der ich nicht den Großteil der Woche auf einem Tennisplatz verbracht habe. Anfangs zum Zusehen und dann immer öfter mit einem Schläger in der Hand.

Gedankenverloren streiche ich mit dem Daumen über die Schwielen in meiner Handfläche. So sehr ich es zum Ende hin auch gehasst habe, ist der Gedanke, nie wieder den getapten Griff meines Lieblingsschlägers in der Hand zu halten, schmerzhafter als ich gedacht hätte.

Vielleicht eines Tages wieder. Nur so zum Spaß.

* * *

Der Fremde wacht genau passend auf, als die Lichter der Stadt um uns immer dichter werden. Er wirft einen Blick aus dem Fenster und scheint sofort zu begreifen, dass wir bald da sind. Seine Schultern straffen sich und er stellt die Füße nebeneinander auf den Boden, als würde er sich bereit machen, aufzuspringen. Dass er kein bisschen verschlafen wirkt, bestätigt mich in der Annahme, dass er nur einem Austausch mit mir aus dem Weg gegangen ist.

Er wendet den Blick vom Fenster ab und begegnet dem meinen. Sofort beschleunigt mein Herz, als ich eine Regung in seiner Mimik beobachte. Er will etwas sagen, hält sich im gleichen Moment jedoch davon ab. Die Veränderungen in seinem Gesicht sind dabei so flüchtig, dass ich mir nicht sicher bin, ob ich sie mir nicht nur eingebildet habe. Er atmet hörbar aus, wendet sich wieder zum Fenster und beobachtet die vorbeiziehenden Lichter. Sobald der Zug sein Tempo verlangsamt, beugt er sich vor, zieht seine Tasche unter dem Sitz heraus und steht auf.

Ich bemühe mich erst gar nicht, den Anschein zu erwecken, ich würde ihn nicht beobachten. Ist das kühn? Oder dumm? Keine Ahnung. Ich kann einfach nicht anders, als jede seiner sicheren Bewegungen zu verfolgen, als säße ich im Kino in der ersten Reihe.

Als er schon im Gang steht, dreht er sich noch einmal um und lässt den Blick über mich wandern, bevor er mir zunickt. »Mach’s gut, Love«, sagt er leise und geht, ohne auf eine Antwort zu warten.

Mit glühenden Wangen sitze ich wie versteinert da und starre ihm hinterher. Beobachte, wie er sich mit langsamen, selbstsicheren Schritten auf den Ausgang zubewegt und die Kapuze mit der freien Hand noch weiter in seine Stirn zieht.

Das ruckelnde Halten des Zugs befreit mich aus meiner Lähmung. Ich umklammere den Beutel und springe auf, um dem Fremden zu folgen.

Sobald ich aus dem Zug steige, werde ich von einer Welle aus Menschen erfasst, die mich mit einigem Abstand hinter der schwarzen Kapuze herschiebt, die ich versuche, im Auge zu behalten. Wieder beschwert sich mein lädierter Körper und ich japse auf, konzentriere mich aber weiter auf mein Ziel. Ich fixiere seinen Hinterkopf, lasse mich mit dem Strom treiben und schließlich vor den Eingang des Bahnhofsgebäudes spülen.

Der Fremde erklimmt gerade die wenigen Stufen zu einer Reihe von Imbissbuden. Ich beschleunige meine Schritte und folge ihm mit rasendem Puls. Als würde er meine Anwesenheit wittern, dreht er sich abrupt um und funkelt mich so wütend an, dass ich in der Bewegung erstarre.

»Warum läufst du mir hinterher?«, will er wissen. Sein Tonfall ist wie ein Knurren und ich frage mich, was mich geritten hat, zu glauben, dass er mir nochmal helfen könnte. Mir ist plötzlich eiskalt. Ich hole tief Luft und balle meine zitternden Hände zu Fäusten. Mir bleibt keine andere Wahl. Ich muss es wenigstens versuchen.

»Ich weiß nicht, wo ich hinsoll«, presse ich leise hervor und ahne im selben Moment, dass mir seine Antwort nicht gefallen wird.

In seinem Kiefer zuckt ein Muskel, als er einen bedrohlichen Schritt auf mich zumacht, und ich halte unwillkürlich die Luft an. Da er zwei Stufen über mir steht, wirkt er noch größer, und ich fühle mich so klein und hilflos wie schon lange nicht mehr.

»Warum sollte mich das interessieren?«, zischt er. Ich zucke zusammen, als hätte er mich angeschrien. »Wir sind keine Freunde, Love.«

Diesmal klingt das Wort nicht wie ein Kosename, sondern wie eine Beschimpfung. Mir wird schlecht vor Panik, das Atmen fällt mir schwer. Ich kann nichts tun, als ihn anzustarren.

Er bleibt noch einen Moment lang dicht vor mir stehen, fixiert mich von oben herab, bevor er sich mit einem leichten Kopfschütteln abwendet.

Wieder überkommt mich eine Welle der Übelkeit. Langsam kehre ich um, gehe zu einer der orangenen Bänke, die auf dem Platz vor dem Eingang herumstehen, und lasse mich darauf sinken.

Was mache ich jetzt?

Logan

Innerlich vor mich hin fluchend, pflücke ich wahllos drei Sandwiches und zwei Flaschen Wasser aus dem Kühlregal, bevor ich zur Kasse gehe. Vor mir stehen zwei ältere Frauen, die sich in schottischem Akzent darüber unterhalten, was sie morgen besichtigen wollen. Während ich warte, lasse ich den Blick wandern und sehe aus dem Fenster. Ich entdecke die junge Frau, die neben einer zurückgelassenen Papiertüte zusammengesunken an einem der orangenen Picknicktische sitzt und ihre Stirn in die Hand stützt. Sie wirkt ehrlich verzweifelt und ich würde lügen, wenn ich behaupte, dass es mir keine Sorgen bereitet, zu wissen, dass sie allein da draußen ist und nirgendwo hinkann.

Das schlechte Gewissen formt sich zu einem Knoten in meinem Magen. Ich hätte nicht so hart zu ihr sein müssen, nur um sicherzugehen, dass sie die Ansage versteht. Andererseits: So leid sie mir auch tut, ich kann ihr nicht helfen. Ich muss mich um meine Angelegenheiten kümmern und werde sicher nicht das Risiko eingehen, nochmal jemanden in Gefahr zu bringen. Sie ist ohne meine Hilfe besser dran. Vielleicht sollte ich ihr einfach ein bisschen Geld geben, damit sie sich irgendwo ein Zimmer nehmen kann. Wobei das zu dieser Uhrzeit vermutlich keine echte Hilfe wäre.

Das Beste ist, ich vergesse sie einfach. Sie scheint nicht auf den Kopf gefallen zu sein. Sobald sie sich von meiner Zurückweisung erholt hat, wird ihr schon etwas einfallen.

Ich zahle mein Abendessen und stopfe es in die Tasche, bevor ich sie mir über die Schulter werfe und mich auf den Weg zur U-Bahn mache. In einem großen Bogen gehe ich um die Bänke herum, um die Aufmerksamkeit meiner Reisebegleitung nicht erneut auf mich zu lenken, aber sie ist viel zu versunken in ihre Gedanken, um etwas wahrzunehmen.

Das rumorende schlechte Gefühl zur Seite schiebend, wende ich mich ab und steuere auf eine dunkele Ecke zu, um mir ungestört eine Zigarette für den Weg zu drehen. Die Tasche sicher zwischen meinen Füßen platziert, lehne ich mich mit dem Rücken gegen die kühle Mauer und beginne zu bauen. Dabei sehe ich immer wieder auf, um den Blick prüfend schweifen zu lassen. Eine Angewohnheit, die mir in den Jahren bei den Scutters in Fleisch und Blut übergegangen ist. Äußerlich so lässig und unbedarft wie möglich, innerlich immer auf einen Angriff vorbereitet. Das ist die einzige Art, auf der Straße zu überleben, wenn etliche Leute deinen Kopf wollen. Und die Anzahl derer, die meinen gern rollen sehen würden, habe ich heute dramatisch erhöht.

Als meine Aufmerksamkeit erneut wie von selbst zu dem einsamen Mädchen wandert, erkenne ich, dass sie Gesellschaft bekommen hat. Zwei Typen stehen bei ihr und umzingeln sie mehr oder weniger mit Hilfe des Tisches. Derjenige, der vor ihr steht, redet mit einem unangenehmen Grinsen auf sie ein, während sie unablässig den Kopf schüttelt und langsam auf der Bank zurückweicht.

Fuck. Ich hätte wissen müssen, dass ein hübsches Mädchen wie sie, das allein an einem solchen Ort sitzt und dabei auch noch derart hilflos wirkt, diese Sorte Kerle anziehen würde wie Licht die Fliegen.

Sofort beginnt der Samariter in mir, wie verrückt herumzuschreien, dass ich ihr so schnell wie möglich helfen sollte, weil sie sicher halb umkommt vor Panik. Stattdessen zwinge ich mich zur Ruhe und warte erstmal ab, wie sie reagiert. Dass sie Angst hat, ist nicht schwer zu erkennen, und dem Wichser, der rechts von ihr steht, ist förmlich ins Gesicht geschrieben, wie sehr ihn das anmacht. Krankes Arschloch.

Ich bin beim Sex selbst eher dominant, aber ich werde nie verstehen, wie man es geil finden kann, wenn eine Frau Angst hat. Nur allzu gern würde ich dem Penner jetzt auf der Stelle die Fresse polieren, aber ich kann mir unnötige Aufmerksamkeit nicht erlauben. Außerdem hat meine kleine Fake-Verlobte mir inzwischen mehrfach gezeigt, dass sie mit Angst umgehen kann. Sie ist es gewohnt, welche zu haben und dennoch aufrecht stehen zu bleiben und klar zu denken.

Mit der Angst ist es so eine Sache. Wenn man oft genug mit ihr konfrontiert ist, kann man sie irgendwann begrüßen, wie eine alte Bekannte, deren Anwesenheit man zwar wahrnimmt, sie aber nicht weiter beachtet. Schenkt man ihr zu viel Aufmerksamkeit, verschlingt sie einen mit Haut und Haar.

›Love‹ lässt sich nicht verschlingen.

Ich nehme einen tiefen Zug von meiner Zigarette und beobachte, wie sie die Schultern strafft und dem Kerl vor ihr einen Korb gibt. Wenig überraschend lacht dieser nur. Er will ihre Zustimmung schließlich gar nicht. Sie erhebt die Stimme, so dass Wortfetzen sogar bis zu mir vordringen. Ich lasse hoffnungsvoll den Blick herumwandern, ob jemand anderes sich bemüßigt fühlt, einzugreifen, aber alle Passanten sehen nur kurz in ihre Richtung und eilen dann weiter, als hätten sie nichts mitbekommen. Willkommen in der Realität.

»Ach, Scheiße«, stoße ich aus und schnipse die Kippe weg, als das Arschloch einen Schritt nach vorn setzt. Während ich meine Tasche schultere und gemächlich auf die kleine Gruppe zu schlendere, rede ich mir selbst ein, dass ich das auch für jedes andere fremde Mädchen getan hätte. Zivilcourage und so. Meine Intervention hat absolut nichts mit dem schlechten Gewissen zu tun, das mich überkommen hat, als ich sie zurückgewiesen habe. Und auch nicht mit ihrem Aussehen.

Der Typ neben ihr bemerkt mich als Erster und wirft mir aus zusammengekniffenen Augen einen Blick zu, der wohl: »Verpiss dich, Arschloch«, bedeuten soll. Ich schenke ihm mein bestes Gewinnerlächeln, bevor ich mich an die Frau vor mir wende, die so auf den anderen Kerl fokussiert ist, dass sie mich noch nicht bemerkt hat.

»Hey, Love, da bist du ja«, sage ich fröhlich und hebe den Blick, um dem Wichser vor ihr in sein erstauntes Gesicht zu sehen. »Und wie ich feststelle, hast du neue Freunde gefunden.«

Sie fährt mit schreckgeweiteten Augen zu mir herum und kommt sofort auf die Füße. Ich strecke die Hand nach ihr aus und sie ergreift sie, ohne zu zögern. Sie an mich zu ziehen, sollte sich nicht so gut anfühlen. Ich konzentriere mich wieder auf die beiden Typen vor mir, die jetzt nebeneinanderstehen und jeder für sich abzuwägen scheinen, ob sich die Mühe lohnt. Ich lasse sie die gesamte Selbstsicherheit sehen, die ich in diesem Moment spüre. Wenn keiner der zwei bewaffnet ist, mache ich mir wenig Sorgen darum, wer den Kürzeren ziehen würde. Offenbar kommen sie zu derselben Erkenntnis, denn beide machen fast synchron einen Schritt zurück. Ich nicke leicht und setze dann das gleiche Sunnyboy-Lächeln auf, das ich vor ein paar Stunden schon dem Schaffner gezeigt habe.

»Gentlemen, wenn Sie uns jetzt entschuldigen würden«, sage ich und lege meiner Fake-Freundin den Arm um die Schulter, um sie gemeinsam mit mir herumzudrehen.

»Ich«, setzt sie an, aber ich bringe sie mit einem Kopfschütteln und einem leisen Zischen zum Schweigen. Ich muss hören, ob die beiden uns folgen. Sicherheitshalber beuge ich mich zu ihr herab, um unbemerkt einen Blick über die Schulter werfen zu können. Die zwei Arschlöcher haben sich inzwischen an den nun verwaisten Tisch gesetzt, sehen uns aber wütend hinterher.

»Bild dir bloß nichts darauf ein, Love«, raune ich ihr jetzt in den Nacken und freue mich unangebrachterweise über die Gänsehaut, die sich dort bildet. »Wir sind immer noch keine Freunde.«

4

Ava

Der Fremde dirigiert mich zwischen unzähligen Passanten hindurch, während ich überfordert umhersehe. Es ist so laut und voll hier. Überall leuchten bunte Lichter und über den Lärm der Straße höre ich Gesprächsfetzen der vorbeieilenden Menschen. Als wir an einem Gebäude vorbeikommen, das aussieht wie eine riesige Kirche – jedenfalls sofern man sich die Luxuskarossen vor der Tür wegdenkt – zieht er mich über die Einfahrt auf eine lange Treppe zu.

»Na los, setz dich«, fordert er und zieht den Arm von meiner Schulter zurück.

Erst jetzt wird mir bewusst, wie absurd es ist, dass wir die letzten Minuten quasi Arm in Arm gelaufen sind. Ich sehe ihn verblüfft an und er deutet mit dem Kinn auf die Treppe. Wie ferngesteuert folge ich der Anweisung und mir entfährt ein leises Seufzen, als mein Körper sich entspannt. Auf seinem Gesicht bildet sich ein leichtes Lächeln, während er seine Tasche öffnet und darin herumkramt.

»Wie lange bist du schon auf der Flucht?«, will er wie beiläufig wissen, ohne mich anzusehen.

Ich schnappe nach Luft, komme aber nicht dazu, ihm zu widersprechen. Er wirft mir einen vielsagenden Blick zu, der mich den Mund augenblicklich wieder zuklappen lässt.

»Spar dir den Atem«, verlangt er, klingt dabei aber nicht so unfreundlich wie erwartet. »Es ist offensichtlich, dass du vor irgendwas wegläufst. Mich interessiert nicht, was es ist. Ich dachte nur, dass du vermutlich Hunger hast.«

Wie zur Antwort knurrt mein Magen laut und entlockt meinem Gegenüber damit ein atemberaubendes Lachen. Verdammt, wie kann ein Mann so unfassbar schön sein? Ich senke beschämt den Blick, sehe eine Sekunde später aber wieder verblüfft auf, als er mir ein verpacktes Sandwich unter die Nase hält.

»Jetzt nimm es schon«, befiehlt er und sieht mit einem aufmunternden Lächeln zu mir herunter. Selbst wenn ich ablehnen wollte, könnte ich gar nicht. Jetzt, da ich das Essen vor Augen habe, setzt der Hunger richtig ein.

»Danke.« Ich greife nach dem Sandwich und er befördert sofort ein zweites aus der Tasche.

»Kein Problem, ich hab’ mehr, als ich brauche« entgegnet er, während er die Packung öffnet.

»Ich meine, auch wegen vorhin«, präzisiere ich und er blickt auf.

»Das war selbstverständlich«, erklärt er kauend. »Ich mag meistens ein Arschloch sein, Love, aber ich sehe nicht dabei zu, wie ein verängstigtes Mädchen von zwei kranken Wichsern bedrängt wird. Wenn ich das täte, wäre ich nicht besser als die.«

»Ich heiße Ava«, sage ich, weil es mir inzwischen unangenehm ist, dass er mich immer Love nennt, als wäre das mein richtiger Name.

Einen Moment lang sieht er mich prüfend an, während er sein Brot isst. »Okay … Ava also.« Er wirft einen vielsagenden Blick auf das unangetastete Sandwich in meiner Hand und wartet, bis ich abbeiße, bevor er weiterspricht. »Da du scheinbar keine Kohle für einen Schlafplatz hast und ich für heute mit meinem Pensum an Rettungsaktionen durch bin, kannst du diese Nacht mit zu mir kommen.« Als er sieht, wie ich kauend die Augen weite, lacht er wieder. Dann hebt er mahnend den Zeigefinger. »Auf der Couch und nur für eine Nacht. Morgen bist du weg und kümmerst dich selbst um deinen Scheiß.«

Am liebsten würde ich ihm vor Erleichterung auf den Arm springen, aber ich reiße mich zusammen und strahle ihn stattdessen nur an. »O mein Gott, danke. Du wirst gar nicht merken, dass ich da bin, versprochen.«

»Mein Name ist Logan. Und vertrau mir: Ich werde es merken. Ich bin nur einfach zu müde, um nach einer besseren Lösung zu suchen.« Er schultert die Tasche und macht eine auffordernde Handbewegung. »Na dann los, Ava. Lass uns mal sehen, wie die Bude aussieht.« Ich bin leicht verwirrt, folge ihm aber, ohne nachzufragen.

* * *

Sein Zuhause, das er offenbar selbst noch nicht kennt, befindet sich im zweiten Stock eines unscheinbaren Mehrfamilienhauses in einem belebten Viertel, das nicht weit vom Bahnhof entfernt sein kann. Wir sind nur ein paar Stationen mit der U-Bahn gefahren, bevor wir etwa zehn Minuten hierher gelaufen sind.

Ich realisiere erst, dass er keinen Scherz gemacht hat, als er zwei Schlüssel aus einem Umschlag fischt und umständlich herauszufinden versucht, welcher für die Haustür gedacht ist. Die tausend Fragen, die sich daraus ergeben, wage ich aber nicht zu stellen.

Die Wohnung selbst entpuppt sich als positive Überraschung. Offenbar auch für Logan, denn er pfeift durch die Zähne, während er sich mit großen Augen um die eigene Achse dreht. Sowohl das geräumige Wohnzimmer als auch das Schlafzimmer sind komplett möbliert und sauber.

»Nicht schlecht«, bestätigt er meine Gedanken und wendet sich mir zu. »Meinst du, du kannst auf dieser Couch schlafen, ohne Rückenschmerzen zu bekommen?«

Ich werfe einen Blick auf das Möbelstück und entscheide, dass ich mich mehr als glücklich schätzen kann. »Ja, das müsste gehen. Für dich ist sie jedenfalls zu klein.«

»Was für ein Glück, dass das auch nie zur Debatte stand«, entgegnet er grinsend. »Okay ... Also ich weiß nicht, wie es mit dir steht, aber ich bin erledigt. Darum würde ich jetzt schnell unter die Dusche springen und mich dann aufs Ohr hauen.«

»Ja, ich bin auch müde. Sag Bescheid, wenn ich ins Bad kann. Ich richte mir solange mein Lager.«

Er brummt zustimmend und sieht sich dann unschlüssig im Zimmer um, bevor er in den Flur verschwindet. Ein paar Minuten später höre ich im Badezimmer nebenan die Dusche anspringen und bei den plätschernden Geräuschen schießen mir augenblicklich Bilder in den Kopf, wie er unter dem Wasserstrahl steht und sich wäscht.

Meine Güte, Ava! Was stimmt nicht mit dir? Du kennst den Typ erst seit fünf Minuten und er scheint dich nicht besonders ins Herz geschlossen zu haben.

Ich mache mich daran, die Sofakissen umzuschichten, um eine vernünftige Liegefläche zu erzeugen, und hole die Decke heran, die dekorativ über der Armlehne eines Sessels hängt. Ich habe keine Ahnung, ob das hier eine gute Idee ist. Aber eine andere Wahl habe ich auch nicht wirklich. Ob wohl schon jemandem aufgefallen ist, dass ich weg bin?

Im nächsten Moment erscheint Logan im Türrahmen und ich muss mir auf die Innenseite der Wange beißen, um nicht nach Luft zu schnappen. Er trägt nur ein Handtuch, das er sich gefährlich locker und viel zu tief um die Hüfte geschlungen hat. Seine Schultern sind breit und alles an seinem Körper ist so trainiert, wie ich ihn mir vorgestellt habe. Die vielen Tattoos, die sich auf seiner Haut verteilen, hatte ich nicht erwartet, obwohl sie perfekt zu seiner Ausstrahlung passen.

Mir wird schlagartig warm, während meine Augen wie von selbst auf Wanderschaft gehen. Auf der Mitte der Brust hat er eine Motte tätowiert, die aussieht, als wäre sie aus dem Herz, das sich darunter befindet, herausgeplatzt. Um sie herum scheinen Trümmerteile umherzufliegen. Auf seinem linken Rippenbogen ist ein Text verewigt, den ich von hier aus nicht lesen kann, und auf dem rechten kreuzen sich zwei Pistolen. Es sind noch viel mehr Motive auf ihm verteilt und überall dazwischen erkenne ich Narben. Ich habe das Bedürfnis, mich ihm zu nähern und alles genau zu studieren, doch als er sich räuspert, schießt mein Blick verlegen zu seinem Gesicht zurück. Das feuchte Haar hängt ihm in die Stirn und auch das sieht besser aus, als gut für mich ist. Mist.

Überraschenderweise trägt er kein zufriedenes Grinsen zur Schau, weil er mich beim Starren erwischt hat, sondern wirkt eher so, als wäre ihm die Situation ebenso unangenehm. »Das Bad ist jetzt frei«, erklärt er das Offensichtliche.

»Okay, danke«, gebe ich leise zurück und trete von einem Bein aufs andere.

»Dann also gute Nacht.«

»Gute Nacht, Logan. Vielen Dank für den Schlafplatz.«

Den Bruchteil einer Sekunde habe ich den Eindruck, dass sein Blick weicher wird. Dann fixiert er mich jedoch wieder ernst. »Kein Problem. Aber bitte beklau mich nicht.«

Ich sehe ihn noch fassungslos an, als er sich abwendet und in seinem Schlafzimmer verschwindet.

Logan

Verdammte Scheiße. Es war eindeutig die schlechteste Idee meines ganzen Lebens, diese Frau mit hierherzubringen.

Ich liege flach auf dem Bett und lausche auf die Geräusche, die aus dem Badezimmer kommen. Inzwischen kann ich die steinharte Latte, die sich vorhin schon angebahnt hat, nicht mehr ignorieren. Das hätte echt unangenehm werden können, als ich im Türrahmen stand und ihren Blick, der meine Tattoos abtastete, regelrecht auf der Haut spüren konnte. Ich habe selten etwas erlebt, das mich so angemacht hat wie der Ausdruck auf dem hübschen Gesicht dieser Frau, als sie mich betrachtet hat. Wie gerne hätte ich ihr noch viel mehr von mir gezeigt. Aber leider schätze ich, dass sie keine Frau ist, die man ficken und am nächsten Tag vor die Tür setzen kann, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen.

Scheiße. Wenn sie so eine wäre, würde ich sie nicht halb so scharf finden. Es ist zum Verrücktwerden, aber so gern ich diesem Drang auch nachgeben würde und so sehr sie vorhin aussah, als wäre sie ebenfalls nicht abgeneigt, ich kann sie nicht anfassen. Es wird so schon schwer genug, sie morgen rauszuwerfen.

Also muss ich mich wohl selbst um das Problem unter dem Handtuch kümmern.

* * *

Eine Viertelstunde später rappele ich mich aus dem Bett, schlüpfe in eine lockere Jogginghose. Ich muss mir die Hände waschen und etwas trinken.

Sobald ich die Tür öffne, entdecke ich Ava, die gerade ins Wohnzimmer geht, und erstarre in der Bewegung. Offenbar hat sie ebenfalls geduscht, denn sie ist in ein Handtuch gewickelt und trägt ein weiteres als Turban auf dem Kopf, sodass ich ihren oberen Rücken, den sie mir zuwendet, betrachten kann. Er wäre perfekt, wenn da nicht die Spuren von abheilenden Hämatomen zu sehen wären. Fuck.

Eilig ziehe ich mich zurück und lehne die Tür wieder an, damit sie mich nicht bemerkt, und warte, bis ich das Schloss der Wohnzimmertür klicken höre, bevor ich es wage, den Flur zu betreten. So leise wie möglich begebe ich mich in die Küche, öffne den Wasserhahn und fülle ein Glas. Während ich in kleinen Schlucken trinke, starre ich ins Leere und versuche meine Gedanken zu sortieren. Die hübsche Ava, die aussieht wie eine brave Musterschülerin aus der Vorstadt, hat vor ungefähr einer Woche ordentlich Prügel bezogen. Mit blauen Flecken kenne ich mich aus, genau wie mit Prügeln. Ich fresse einen Besen, wenn die Spuren auf ihrem Körper von etwas anderem stammen als einem Typen, der ausgerastet ist. Ihr Gesicht scheint er dabei verschont zu haben. Jedenfalls ist mir nichts aufgefallen.

Sowas machen eigentlich nur Kerle, die ihre Frauen schlagen und nicht wollen, dass es jemand merkt. Oder? Also hat sie einen gewalttätigen Mann und ist vor ihm abgehauen? Egal, wer es war. Die Vermutung, dass diese Flecken und ihre Flucht etwas miteinander zu tun haben, ist mehr als naheliegend. Diese Feststellung sollte keinen Unterschied für mich machen. Sie muss morgen gehen und mir muss es egal sein, was sie dann tut. Leider ist mir in diesem Moment schon klar, dass es zu hart werden wird, dabei zuzusehen, wie sie geht.

Das bedeutet, ich muss schon weg sein, wenn sie aufsteht, und erst wiederkommen, wenn sie gegangen ist. Nichts leichter als das. Immerhin wollte ich mir sowieso die Jobs ansehen, die ich mir im Netz rausgesucht habe.

Entschlossen trinke ich den letzten Schluck aus und stelle das Glas in die Spüle, bevor ich mich wieder hinlege.

5

Ava

Ich fühle mich erstaunlich ausgeruht, als ich aufwache, obwohl ich wegen der Geräusche der Stadt und der Gedanken an zu Hause Schwierigkeiten hatte, einzuschlafen. Es ist schon hell und vom Fenster her ertönt Straßenlärm, der darauf hinweist, dass der Tag für die Menschen da draußen bereits in vollem Gange ist. Ich raffe mich auf und krame die zerschlissene Jeans aus meinem Beutel. Auf keinen Fall will ich nur in Unterhose und T-Shirt durch die Wohnung laufen, wenn Logan womöglich schon wach ist.

Der Kaffeeduft, der mir in die Nase steigt, sobald ich die Tür zum Flur öffne, bestätigt mich in der Annahme, dass er bereits aufgestanden ist, allerdings finde ich ihn nicht wie erwartet in der Küche vor. Stattdessen entdecke ich einen Kaffeebecher auf dem kleinen Esstisch. Seufzend und verwirrt lasse ich mich auf einen der Stühle sinken und greife blind danach, während ich mich frage, ob er absichtlich gegangen ist, damit wir uns nicht mehr sehen, bevor ich aus seinem Leben verschwinde. Das wollte er schließlich.

Der Kaffee ist nicht mehr heiß, schmeckt aber köstlich. Mit einem genießerischen Stöhnen nehme ich einen weiteren Schluck und lege den Kopf in den Nacken. Jetzt gerade, in dieser fremden Küche, wird mir erst so richtig bewusst, was für ein Glück ich hatte, Logan zu treffen. Wäre er nicht in die Toilette geplatzt, hätte ich es gar nicht bis nach London geschafft. Stattdessen würde ich allein in irgendeinem kleinen Ort zwischen Manchester und hier festsitzen, denn der Schaffner hätte mich sowieso gefunden und vor die Tür gesetzt. Oder kommt man ins Gefängnis, wenn man schwarzfährt und sich nicht ausweisen kann? Vielleicht wäre ich sogar wieder zu Hause.

Über die Möglichkeit, was mein Vater in diesem Fall für eine adäquate Strafe gehalten hätte, möchte ich lieber nicht nachdenken. Er ist ganz sicher außer sich vor Wut, seit er erfahren hat, dass ich mich schon wieder über seinen Willen hinweggesetzt habe. Das konnte er schließlich noch nie leiden. Ich hoffe, dass er seine Wut nicht an Mum auslässt.

Bei dem Gedanken an sie wird mir schwer ums Herz, aber ich kann die Schuld für seine Handlungen nicht auf mich nehmen. All die Jahre stand es ihr frei, zu gehen und uns beide aus dieser Situation zu holen. So viele Male habe ich sie regelrecht dafür gehasst, dass sie die Kraft und den Mut nicht hatte. Bis ich selbst gemerkt habe, wie schwer es ist, einfach nicht mehr nach Hause zu gehen. Ich habe es mir oft ausgemalt. Gewagt habe ich es nie. Erst als eine Nierenprellung, gepaart mit einem Schädel-Hirn-Trauma und geprellten Rippen, mich aus dem Haus gebracht und wachgerüttelt haben.

---ENDE DER LESEPROBE---