Kiss the Cowboy - N. D. Vilchez - E-Book

Kiss the Cowboy E-Book

N. D. Vilchez

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Beschreibung

Eine Winter-Novelle auf der Hare Creek Ranch Jill ist einem Betrüger auf den Leim gegangen und benötigt einen Unterschlupf. Den findet sie bei ihrem Bruder auf der Hare Creek Ranch, wo sie in der Gäste-Hütte bleiben kann. Dummerweise ist diese jedoch auch Drohnenpilot Luke versprochen worden und ein Unwetter zwingt die beiden, enger zusammen zu rücken, als geplant. Die Novelle von Luke und Jill kann einzeln gelesen werden. Da sie sich auf die dreiteilige Hare Creek Reihe bezieht, kann es allerdings Stellen geben, die auf diese Teile Bezug nehmen und daher eventuell nicht ganz ersichtlich sind oder gegebenenfalls spoilern.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Kiss the Cowboy

LUKE UND JILL

HARE CREEK RANCH NOVELLE

N. D. VILCHEZ

Inhalt

Contentwarnung

1. Jill

2. Luke

3. Jill

4. Luke

5. Jill

6. Luke

7. Jill

8. Jill

9. Luke

10. Jill

11. Luke

12. Jill

13. Luke

14. Jill

15. Luke

16. Jill

17. Luke

18. Jill

19. Luke

Danke

Bücher von N. D. Vilchez

Über die Autorin

Möglicherweise triggernde Inhalte

© 2023 N.D. Vilchez

Coverdesign: Kleines Glück Design

Bildmaterial: Desposit Photos

Korrektorat: Francy Schneider (Wortspatz.korrektur)

Innendesign und Buchsatz: Kleines Glück Design

Alle Rechte vorbehalten

Nadine Domingues Vilchez

c/o Kleines Glück

Am Vorderflöß 48

33175 Bad Lippspringe

Liebe Leserinnen und Leser,

diese Geschichte könnte eventuell triggernde Themen enthalten. Solltet ihr euch nicht sicher sein, ob euch diese Trigger betreffen, könnt ihr sie im Anhang nachlesen. Achtung: Die Auflistung könnte Euch für die Story spoilern.

Für Team Hare Creek!

Die besten Bloggerinnen, die man finden kann.

KAPITEL1

Jill

„Der von Ihnen gewünschte Teilnehmer kann Ihren Anruf leider nicht entgegennehmen, bitte hinterlassen Sie Ihre Nachricht nach dem Signalton.“ Ich kralle meine Hände um das Lenkrad und beiße die Zähne zusammen, um mich davon abzuhalten, vor Wut aufzuschreien. Beim gefühlt fünfhundertsten Mal löst die freundliche Automatenstimme nur noch Aggressionen in mir aus.

„Hey John, ich bin‘s wieder. Mir ist klar, dass du die Nachrichten vermutlich niemals abhören wirst, aber falls doch: Vergiss alle vorigen Nachrichten! Melde dich nicht. Erklär mir nichts. Lösch meine Nummer und melde dich nie wieder bei mir! Du dummes Arschloch!“

Den letzten Satz schreie ich nun doch. Aber wen kümmert es schon? Ich bin ganz allein hier im Auto mitten auf einem Highway im Nirgendwo von Colorado. Hier ist absolut nichts. Nur Berge und dazwischen riesige Flächen voll Schnee. Ich habe fast vergessen, wie ruhig es hier wirken kann. Früher habe ich das geliebt. Jetzt war ich allerdings schon ein paar Jahre nicht mehr in der Gegend und erst recht nicht ... zuhause. Ein echtes Zuhause ist Alamos nie für meinen Bruder und mich gewesen. Als Kinder hatten wir es hier nicht leicht. Aber wir haben viel Zeit draußen verbracht und ich habe die Tage geliebt, an denen Cole mir erlaubt hat, mit zur Ranch zu kommen.

Jetzt ist er wieder dort und schafft sich mit seiner neuen Freundin und den anderen ein echtes Zuhause in der alten Heimat. Und wie früher kommt die kleine Schwester an und bittet darum, dass sie dabei sein darf.

Ich weiß nicht, wie die Situation auf Jesses Ranch aktuell ist, und ob es überhaupt eine Möglichkeit gibt, dass ich eine Weile dortbleiben kann. Ich hoffe aber, dass es ihnen schwerer fällt, mich abzuweisen, wenn ich erstmal da bin. Denn gerade weiß ich nicht, wo ich sonst hinsoll. Mein Geld ist weg. Mein Job ist weg und somit auch die Wohnung. Ich bin obdachlos.

Cole würde mir sofort helfen. Das weiß ich. Und er würde mir auch das nötige Geld geben, um wieder Fuß fassen zu können, aber das möchte ich nicht.

Mein Bruder und ich sind wie Tag und Nacht. Er ist nach unserem dunkelhaarigen Vater geraten, wohingegen ich mit den blonden Locken und der hellen, sommersprossigen Haut das Ebenbild meiner Mutter bin. Zumindest bevor sie mit dem Trinken angefangen hat. In einem Punkt sind wir aber absolut gleich: Wir sind zu stolz für Almosen.

Ich brauche nur eine Unterkunft für den Übergang, dann komme ich schon selbst wieder auf die Beine. Auch ohne Coles Geld.

* * *

Es ist ein merkwürdiges Gefühl, auf den Hof der Hare Creek Ranch zu fahren. Ich war seit mehr als zehn Jahren nicht hier und ungefähr so lange habe ich auch Jesse und Connor nicht gesehen. Einerseits werde ich sofort nostalgisch und erinnere mich an die Zeit, die wir als Kinder hier verbracht haben. Andererseits fühle mich wie ein Eindringling und alles in mir schreit danach, auf der Stelle umzudrehen und doch erstmal bei Cole anzurufen, um mich anzukündigen.

Als ich sehe, wie die Haustür sich öffnet und eine junge Frau mit einem Kugelbauch heraustritt, weiß ich, dass es zu spät für eine Umkehr ist. Das muss Lauren sein. Cole hat mir davon berichtet, dass Jesse Vater wird.

Sie lächelt mir entgegen, sobald ich aus dem Wagen steige und auf sie zugehe.

„Hallo, kann ich Ihnen helfen?“, fragt sie und ich erwidere ihr Lächeln, weil sie nett zu sein scheint.

„Hey, ich bin Jill, die Schwester von Cole. Ich wollte meinen Bruder überraschen.“ Ich hebe verlegen die Hand und bleibe vor der Verandatreppe stehen.

„Das dürfte dir gelingen“, kichert sie. „Er ist gerade im Stall, um Heu zu verteilen. Willst du so lange mit reinkommen?“

Ich sehe automatisch dorthin und schüttele leicht den Kopf, bevor ich mich wieder zu ihr drehe. Ihr Lächeln ist inzwischen noch breiter geworden. Ich glaube, ich mag sie.

„Danke, aber ich würde gern direkt zu ihm gehen und Amber auch gleich begrüßen“, erkläre ich, was sie sich offenbar bereits gedacht hat, denn sie nickt.

„Dann mal los. Wir sehen uns später.“ Sie hält sich nicht mit weiteren Floskeln auf, sondern dreht sich um und geht ins Haus, als wäre klar, dass wir uns nachher noch sehen werden. Natürlich hat sie recht, aber ihre unkomplizierte Art überrascht mich trotzdem.

Ich blicke ihr noch einen Moment hinterher, bevor ich mich zum Stall wende. Cole lag scheinbar richtig, als er meinte, Jesse hätte genau die passende Frau gefunden. Er hat es lapidar daher gesagt, als würde er nicht mehr wissen, dass ich früher unsterblich in Jesse verknallt gewesen bin. Ich habe damit gerechnet, dass ich vielleicht einen Hauch Eifersucht verspüre, wenn ich die Frau treffe, die meinen Jugendschwarm für sich gewinnen konnte, aber ich spüre nichts als Freude für die beiden. Außerdem gibt mir das Kennenlernen mit Lauren Hoffnung, dass ich mit der Freundin meines Bruders ebenfalls gut auskommen werde. Es ist längst überfällig, dass ich sie treffe.

Als ich den Stall betrete, erwischt mich der Geruch nach Pferd und frisch aufgeschütteltem Heu wie eine Wand aus Erinnerungen. Ich bin nie eine begnadete Reiterin gewesen, wie die anderen, weshalb ich meistens nicht mitgedurft habe, wenn sie irgendwelche Touren planten oder auf einem Viehtrieb mit Clive unterwegs waren. Irgendwann habe ich es aufgegeben und mir eigene Freunde gesucht. Trotzdem bin ich immer schon gern in der Nähe von Pferden. Und auch jetzt beruhigt es mich augenblicklich, hier zu sein.

Ich entdecke Cole am Ende der Stallgasse, wo er mit grimmigem Blick in eine Box herein deutet.

„Ich habe auch keinen Bock auf dich, du Arschloch, aber ich bringe dir Essen, also sei dankbar und halt dich zurück“, knurrt er unwirsch und mir entfährt ein Lachen, das mich früher verrät, als ich geplant habe. Coles Blick ist immer noch finster, als er zu mir herumfährt, hellt sich dann aber schlagartig auf. Ohne hinzusehen, wirft er das Heu über die Boxentür und kommt mit großen Schritten zu mir, um mich in eine feste Umarmung zu ziehen.

„Du bist besser zu Fuß, als ich erwartet habe“, lache ich und erwidere die Zuneigungsbekundung. „Wie geht’s dir?“

„Alles fast wieder wie vorher“, lügt er und hält mich breit lächelnd auf Armeslänge von sich entfernt, um mich anzusehen. „Aber was treibt dich hierher? Hast du den Schnee vermisst oder ist dir Joe, die Pfeife, so sehr auf den Senkel gegangen, dass du Sehnsucht nach deinem Lieblingsbruder bekommen hast?“

Ausnahmsweise verbessere ich ihn nicht wegen seines Spitznamens für John. Stattdessen zucke ich mit den Schultern. „Letzteres mehr oder weniger“, gebe ich zu.

Sein Gesicht wird schlagartig wieder ernst. „Was hat er getan?“ Er klingt so, als wäre er im Zweifelsfall bereit, jetzt nach Salt Lake City aufzubrechen, um John persönlich zu stellen. Was er vermutlich auch tun würde. Also hat es doch etwas Gutes, dass ich keine Ahnung habe, wo mein neuster Ex abgeblieben ist.

„Lange Geschichte“, antworte ich mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Erkläre ich dir nachher in Ruhe. Erzähl mir lieber, mit wem du dich gerade so einseitig gestritten hast. Gibt es tatsächlich ein Pferd hier, dass dich nicht leiden kann?“, versuche ich, nicht sehr geschickt, das Thema zu wechseln. Wenn überhaupt möglich wird Coles Mine daraufhin noch grimmiger.

„Kein Pferd. Der Teufel auf vier klapprigen Beinen“, erklärt er im Brustton der Überzeugung und ich lache laut auf.

„Was?“

„Tiffanys bescheuertes Lama. Ich schwöre dir, er würde jeden von uns mit einem Lächeln killen, wenn er könnte. Er hasst uns alle, außer Tiffany.“ Man merkt ihm eindeutig an, dass er jedes Wort dieser Rede absolut ernst meint, was mich nur noch mehr amüsiert.

Es tut gut, so entspannt zu lachen. Die destruktiven, wütenden und zum Teil auch verzweifelten Gedanken, die in den neun Stunden Fahrt in meinem Kopf herumgegeistert sind, haben mich ermüdet. Keine zehn Minuten mit meinem Bruder und schon geht es mir deutlich besser.

„Ich will ihn kennenlernen“, entscheide ich.

„Wen? Carl?“, fragt Cole verblüfft. „Glaub mir, das willst du nicht.“

Aber ich bin schon auf dem Weg zu der Box, vor der er eben noch stand. Ich spähe über die Tür und weiche sofort wieder einen Schritt zurück, als ich sehe, was mein Bruder meint. Direkt vor mir taucht ein wutverzerrtes Lamagesicht auf und lässt mich deutlich wissen, dass Carl nichts von Störungen hält. Hinter mir lacht Cole laut los. Ich fahre herum und boxe ihm gegen die Schulter. „Arsch.“

Wir gehen gemeinsam ins Haus hinüber, das sich seit meinem letzten Besuch verändert hat. In der Küche treffen wir auf Lauren und zwei weitere Frauen, von denen ich eine sofort als Coles Freundin Savannah identifiziere. Er hat mir bereits Fotos geschickt, aber ich muss zugeben, dass sie live noch besser aussieht.

Die drei begrüßen mich so herzlich, als würden wir uns schon ewig kennen. Innerhalb weniger Minuten sitze ich an dem langen Esstisch vor einem gefüllten Teller und einem Glas Rotwein.

„Bist du aus Salt Lake City hergefahren?“, fragt Savannah, während ich mir eine Gabel voll Lasagne in den Mund stecke. Ich nicke kauend und die Frauen tauschen einen Blick, den ich nicht verstehe.

„Was hat der Penner gemacht?“, stellt meine Beinahe-Schwägerin die gleiche Frage, wie vorhin ihr Freund. Auf meinen verblüfften Blick hin meldet sich Lauren zu Wort, die mit einer Hand auf dem Bauch neben Savannah sitzt.

„Wenn du alleine und unangekündigt durch zwei Staaten fährst, liegt die Vermutung nahe, dass es um einen Kerl geht.“ Neben ihr nicken ihre Freundinnen. Tiffany scheint die ruhigste von ihnen zu sein. Sofort muss ich wieder an ihr Lama denken und frage mich, wie sie es geschafft hat, dass er sie leiden kann.

„Stimmt“, gebe ich zu und werfe einen verstohlenen Blick auf meinen Bruder, der neben mir bereits wieder die Hände zu Fäusten ballt. Und dann erzähle ich ihnen, was in den letzten zwei Tagen passiert ist.

„Alles, was ich besitze, ist in meinem Wagen“, schließe ich und blicke von einer zur anderen. Ihre Gesichter spiegeln unterschiedliche Emotionen wieder. Tiffany wirkt ein bisschen mitleidig, während Savannah in etwa so wütend aussieht wie Cole. Die beiden scheinen perfekt zusammen zu passen.

„Was für ein dummer Haufen Sch-“, flucht sie, wird aber von einem lauten Schniefen unterbrochen. Als ich mich Lauren zuwende, stelle ich erstaunt fest, dass sie weint.

„Beachte mich gar nicht“, schluchzt sie und tupft sich mit einem Taschentuch das Gesicht ab.

„Sie ist im Moment ein bisschen emotional“, erklärt Savannah belustigt, was Lauren mit einem erneuten Schluchzen bestätigt. Savannah deutet auf ihren Bauch und flüstert betont laut: „Hormone.“

„Es ist schrecklich“, ergänzt Lauren, wobei ich nicht sicher weiß, ob sie meine oder ihre Situation meint. „Du kannst natürlich so lange hierbleiben, wie du willst, Jill. Über den Winter ist die Hütte für die Camp-Mitglieder sowieso leer.“

Mir fällt ein riesiger Stein vom Herzen, dass sie mich gar nicht erst danach hat fragen lassen.

Fünf Minuten später helfen die drei Frauen und Cole mir, meine Sachen aus dem Auto in besagte Hütte zu bringen.

„Es ist nicht das Ritz, aber sobald das Feuer im Kamin brennt, wird es hier drinnen gemütlich, versprochen“, erklärt Savannah mir, nachdem die anderen schon zurück ins Haus gegangen sind. „Wir sind in der Hütte nebenan und eins weiter wohnen Connor und Tiffany. Du bist also nicht allein.“ Sie lächelt mich an und ich beschließe, froh darüber zu sein, dass Cole sie gefunden hat.

„A propos. Wo sind die Jungs eigentlich?“, frage ich, weil mir erst jetzt auffällt, dass ich Jesse und Connor noch gar nicht gesehen habe.

„Die sind mit den Pferden unterwegs“, erklärt Cole vom Kamin aus. „Aber keine Sorge, das Wetter wird sie schon bald nach Hause treiben.“

KAPITEL2

Luke

„Fuck! Seht ihr die dicke Wolke da hinten?“ Connor steht in den Steigbügeln und deutet mit ernstem Blick nach Osten. Ich drehe mich im Sattel und brauche nicht lange, um zu erkennen, was er meint. Über den Berggipfeln sammelt sich ein dichter grauer Dunst, der bedenklich auf ein Unwetter hindeutet.

„Wir sollten zusehen, dass wir nach Hause kommen“, entscheidet Jesse. „Fang deine Drohne ein und nichts wie weg hier.“

Diese Aufforderung wäre nicht nötig gewesen, denn das Letzte, was ich will, ist, das wichtigste meiner Arbeitswerkzeuge in einem Schneesturm zu verlieren. Daher schwebt die Drohne in diesem Moment bereits über mir und setzt zur Landung an. Ich strecke die Hand aus, um sie aus der Luft zu pflücken, und beginne direkt im Sattel sie auseinanderzubauen. Meine Stute, Epona, kennt ihren Job ebenfalls und folgt den anderen ohne mein Zutun. Wir sind ein eingespieltes Team und haben inzwischen so viele Luftaufnahmen gemacht, dass ich die Drohne theoretisch im Schlaf montieren könnte. Die Zügel schwingen neben ihrem braunen Hals hin und her, während sie mit gesenktem Kopf hinter Trigger herläuft, der in dieser Dreierkonstellation offensichtlich der Chef ist.

„Alles klar“, melde ich, sobald ich den letzten Rotor ordentlich in den Satteltaschen verstaut habe, und wir galoppieren synchron an, um zügig zurück zur Ranch zu kommen.

Das Wetter schlägt noch schneller um, als erwartet. Wir haben erst die Hälfte des Weges hinter uns, als der Schneefall einsetzt.

„Anfängerfehler“, brummt Jesse neben mir, während er das Tempo drosselt. „Das hätten wir kommen sehen sollen. Ich schätze, du wirst ein paar Tage Urlaub bei uns machen müssen“, erklärt er an mich gewandt.

„Ja, das sieht nicht so aus, als würde es in absehbarer Zeit besser werden“, stimmt Connor zu und wirft einen Blick über die Schulter.

Hinter uns ist kaum noch etwas von der Landschaft zu erkennen. Ich bin froh, dass die beiden sich hier gut genug auskennen, um auch bei schlechtester Sicht wieder nach Hause zu finden. Alleine wäre ich hier draußen vermutlich ziemlich aufgeschmissen und könnte mich höchstens darauf verlassen, dass mein Pferd eine Ahnung hat, wo lang es zum nächsten Futterplatz geht.

„Ich werde wohl ein paar Termine absagen müssen“, gebe ich nickend zurück.

„Die Gästehütte steht dir jederzeit zur Verfügung.“ Jesse tippt sich gegen den Hut, als wollte er salutieren, und ich erwidere die Geste grinsend.

„Danke, Mann.“

* * *

Wir brauchen ewig, um das kurze Stück zurückzulegen. Zwischenzeitlich bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob wir nicht doch im Kreis reiten und Jesse nur so tut, als wüsste er, wo es langgeht. Glücklicherweise taucht der Stall irgendwann wie aus dem Dunst auf und alle wirken schlagartig beruhigter.

Die Pferde scheinen genauso froh zu sein wie wir, endlich ins Trockene zu kommen, und bis ich mit Satteltaschen bepackt wie ein Esel den Stall verlasse, ist es bereits stockdunkel und ich absolut erledigt.

„Wir sehen uns morgen beim Frühstück“, verabschiedet sich Connor vor den Hütten und klopft mir im Gehen auf die Schulter, wodurch er einen ganzen Klumpen Schnee von meinem Mantel löst.

Ich bin froh, mich heute Morgen für den dunklen Wachsmantel entschieden zu haben, den meine Mutter mir vor ein paar Jahren geschenkt hat. Ich sehe darin zwar immer aus, wie aus einem schlechten Old-School-Western entsprungen, aber jetzt gerade hält er den Schnee von mir fern und mit dem hochgestellten Kragen ist sogar mein Nacken geschützt. Da pfeift man doch gern auf die Optik.

Mag sein, dass ich ein Weichei bin, aber in den gefütterten Flanell-Jacken, die Connor im Winter zu tragen pflegt, würde ich ganz sicher erfrieren. Da sieht man wohl den Unterschied zwischen den Hardcore-Cowboys, die schon auf dem Pferderücken geboren wurden, und solchen Hobby-Cowboys wie mir. Auf Rodeos komme ich mir unter den ganzen Profis manchmal vor wie ein kleiner Junge in einem Kostüm, aber das ändert nichts an meiner Leidenschaft. Ich liebe das Landleben, die Arbeit mit Pferden und inzwischen bin ich ein ganz passabler Reiter, auch wenn ich nicht in der Lage bin, eine Kuh vom Pferd aus zu fangen. Lassowerfen kann ich grundsätzlich schon, aber eben ohne ein bewegliches Ziel zu treffen. Mein Job ist es, eine Drohne vom Pferd aus zu steuern. Damit verdiene ich seit einigen Monaten mein Geld und es reicht mir.

Vor der Tür der Hütte angekommen, klopfe ich mir den Schnee ab, der sich schon wieder auf den Schulterklappen gesammelt hat. Mit meinen Stiefeln trete ich leicht gegen die Umzäunung der kleinen Veranda, bevor ich sie neben der Tür ausziehe und auf klammen Socken in den warmen Wohnraum trete.

Erst jetzt fällt mir auf, dass das Licht an ist und im Kamin bereits ein kleines Feuer brennt. Hat Jesse Lauren doch von unterwegs aus Bescheid gegeben, dass ich hier übernachten werde?

Ich stehe mitten im Wohnraum und grübele noch darüber, ob das überhaupt sein kann, als eine nackte Frau aus dem Bad kommt und ins Schlafzimmer geht, ohne mich wahrzunehmen. Das Einzige, was sie trägt, ist ein Handtuch, das sie um ihre Haare gewickelt hat wie einen Turban. Sie stoppt in der Mitte des Raumes und tanzt zu einer Musik, die ich nicht höre.

Ich bin wie erstarrt und es ist mir nicht möglich, mich zu rühren oder auch nur etwas anderes wahrzunehmen als sie. Meine Augen folgen ihrem perfekten Körper in seinen geschmeidigen Bewegungen und ignorieren den rationalen Teil in mir, der hysterisch schreit, dass das nicht richtig ist und ich mich sofort aus dem Staub machen sollte. Aber ich kann nicht. Mein eigener Körper rebelliert gegen meinen Verstand und zwingt mich, wie zur Salzsäule erstarrt hier zu stehen und ihr beim Tanzen zuzusehen wie ein Perverser.

Im nächsten Moment vollführt sie eine elegante Drehung und entdeckt mich. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie ich auf sie wirke, aber ihr Gesichtsausdruck spricht bereits Bände, bevor sie anfängt zu schreien.

---ENDE DER LESEPROBE---