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Auf der Hare Creek Ranch bleibt es turbulent. Nachdem ihr Freund gewalttätig wird, ist Tiffany froh darüber, für einen Ausflug zu ihrer Freundin die Stadt verlassen zu können. Geplant ist ein Ranch-Erlebnis mit Reitunterricht, Ruhe und viel frischer Luft. Nicht geplant und äußerst verwirrend ist die Anziehungskraft, die Reitlehrer Connor auf sie ausübt. Für den charmanten Cowboy hingegen ist vom ersten Moment an klar: Sie ist etwas Besonderes und er wird alles nehmen, was sie ihm zu geben bereit ist. Teil 2 der Reihe um die Cowboys der Hare Creek Ranch. Es handelt sich um in sich abgeschlossene Geschichten, die zwar aufeinander aufbauen, aber auch einzeln gelesen werden können.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
HARE CREEK RANCH
BUCH ZWEI
Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
© 2023 N.D. Vilchez
Coverdesign: Kleines Glück Design
Bildmaterial: Desposit Photos
Korrektorat: Francy Schneider (Wortspatz.korrektur)
Innendesign und Buchsatz: Kleines Glück Design
Alle Rechte vorbehalten
Nadine Domingues Vilchez
c/o Kleines Glück
Am Vorderflöß 48
33175 Bad Lippspringe
Liebe Leserinnen und Leser,
diese Geschichte könnte eventuell triggernde Themen enthalten. Solltet ihr euch nicht sicher sein, ob euch diese Trigger betreffen, könnt ihr sie im Anhang nachlesen. Achtung: Die Auflistung könnte Euch für die Story spoilern.
1. Connor
2. Tiffany
3. Connor
4. Tiffany
5. Connor
6. Tiffany
7. Connor
8. Tiffany
9. Connor
10. Tiffany
11. Connor
12. Tiffany
13. Connor
14. Tiffany
15. Connor
16. Tiffany
17. Connor
18. Connor
19. Tiffany
20. Connor
21. Tiffany
22. Connor
23. Connor
24. Tiffany
25. Tiffany
26. Connor
27. Tiffany
28. Tiffany
29. Connor
30. Tiffany
31. Connor
32. Tiffany
33. Connor
34. Tiffany
35. Connor
36. Tiffany
37. Connor
Tiffany
Savannah
Bücher dieser Reihe
Nachwort
Über die Autorin
Möglicherweise triggernde Inhalte
„Be kind to your wild soft heart.“
- Charly Mackesy -
Ich nippe an meinem Bier und genieße das Gefühl, wie die Flüssigkeit kühl und sprudelnd meinen Rachen hinabläuft.
Während Zaine erzählt, was bei seiner Baustelle letzte Woche alles schiefgegangen ist, lasse ich den Blick durch die schummrige Bar gleiten. Als meine Augen an einem wohlgeformten Hintern hängen bleiben, der sich mir einladend entgegenstreckt, lehne ich mich mit einem zufriedenen Grinsen gegen die Stuhllehne zurück.
Ich liebe diesen Tisch hier hinten in der Ecke neben den Billardtischen. Er bietet einfach den besten Ausblick. Meistens zumindest. Heute ist die Bar für einen Donnerstag gut gefüllt und ein paar Damen, die ich noch nicht kenne, haben sich zum Spielen her gesellt. Wenn ich raten müsste, würde ich sagen, die College Kids haben Ausgang.
Das trifft sich gut, weil die Studentinnen immer mal wieder darauf aus sind, einen Cowboy klarzumachen, und ich hätte heute Abend absolut nichts gegen ein bisschen Unterhaltungsprogramm.
„Und was steht bei dir so an?“, reißt Zaine mich aus den Gedanken.
Ich werfe ihm nur einen kurzen Blick zu und richte meine Aufmerksamkeit dann sofort wieder auf den Billardtisch, an dem die Blondine sich gerade aufrichtet und ihrer Freundin lachend ein High Five gibt.
„Ich muss morgen früh zu Jesse und Lauren. Am Wochenende kommen ihre Freundinnen für das Probe-Camp. Jetzt, da sicher ist, dass sie hierbleibt, wollen sie natürlich sehen, wo sie lebt. Das nutzen wir aus“, erkläre ich, ohne den Blick von meinem Zielobjekt abzuwenden. Sie soll sich umdrehen, damit ich ihr Gesicht sehen kann.
„Ach! Habt ihr immer noch vor, die zwei Stadtpflanzen zu Cowgirls zu machen?“, fragt Zaine lachend. Er hat sich über die Idee schon köstlich amüsiert, als ich ihm zum ersten Mal davon erzählt habe. „Hältst du das wirklich für eine gute Idee?“
Damit hat er meine Aufmerksamkeit. Ich wende mich ihm zu und neige den Kopf zur Seite, als würde ich darüber nachdenken.
„Ich halte das sogar für eine großartige Idee. Das wird ein Riesenspaß für die beiden und am Ende sind sie so verliebt in das Landleben und mich, dass sie es Lauren nachtun und hier raus ziehen wollen“, sage ich mit einem breiten Grinsen und zwinkere ihm zu. „Und nach ihnen werden noch viele weitere zahlende Gäste kommen und sich von uns lehren lassen, was es heißt, ein Cowboy zu sein.“
Zaine starrt mich an und schüttelt dann lachend den Kopf. „Dir ist das wirklich ernst.“
„Na, klar ist es das!“, bestätige ich begeistert. „Das ist eine Spitzen-Geschäftsidee. Und mit den zwei Vegas-Girls fängt es an.“
Und es stimmt. Ich bin absolut überzeugt von der Idee, auf Jesses Ranch regelmäßig Kurse und Camps zu veranstalten. Und je mehr seine Freundin Lauren und ich das Vorhaben planen, desto sicherer bin ich, dass dieses Abenteuer ein voller Erfolg wird. Jesse ist noch nicht überzeugt, aber das wird er, wenn wir mit den Mädels fertig sind. Da bin ich mir sicher.
Zaine wirkt skeptisch.
„Na Hauptsache, die beiden sind auch so ansehnlich wie Lauren. Dann hast du wenigstens etwas davon“, lacht er und trinkt einen kräftigen Schluck aus seiner Flasche.
Ich wende mich wieder dem Billard-Tisch zu, wo ich die Blondine prompt dabei erwische, wie sie mich beobachtet. Bingo!
„Das spielt keine Rolle“, sage ich und proste der Dame lächelnd zu, bevor ich ebenfalls einen Schluck trinke und wieder Zaine ansehe. „Erstens sehe ich das ganz professionell als Job und zweitens kann ich mich nicht über zu wenige Gelegenheiten beklagen.“
Er sieht auch zu den Mädchen herüber und nickt. „Da könntest du Recht haben.“
* * *
Als ich am nächsten Morgen aufwache, habe ich Haare im Gesicht. Blonde, lange Haare. Langsam kommen die Erinnerungen an gestern Abend zurück und fallen wie bunte Murmeln an ihren Platz.
Die Bar, der Billardtisch, der Ausblick auf einen knackigen Hintern, ein Lächeln, ein paar Drinks und dann Lachen, Küsse und viel nackte Haut. Ich lasse den Blick durchs Zimmer schweifen und stelle fest, dass ich mich in meinem Apartment über der Garage befinde. Zusammen mit ... Melinda. Genau. Nettes Mädchen. Wirklich süß und witzig. Ich habe vergessen, was sie studiert, aber egal. Sie ist clever, soviel weiß ich. Und sie fühlt sich gut an.
Ich glaube, sie schläft noch. Sie liegt mit dem Rücken an meine Seite gepresst auf meinem linken Arm, der sich taub anfühlt. Langsam lasse ich die Fingerspitzen über ihrem Oberarm auf und ab wandern und senke mein Gesicht an ihren Hinterkopf. Ihre Haare riechen toll.
„Hey Schlafmütze, guten Morgen“, raune ich ihr leise in den Nacken. Sie rührt sich und stößt ein entspanntes Seufzen aus, das sofort ein paar interessante Bilder von heute Nacht heraufbeschwört. Aber ein Blick auf die Uhr über der Tür sagt mir, dass ich keine Zeit für eine zweite Runde habe, wenn ich Laurens Zorn und Jesses darauffolgende Erheiterung nicht auf mich ziehen will. Ich habe versprochen, heute noch einmal vorbeizukommen, um ein paar Videos für ihre Werbe-Geschichten zu machen. Und das muss ich ihr lassen: Diesen Social-Media-Kram hat sie drauf. Unser Kanal bei Instagram hat inzwischen eine Menge Follower. Besonders hier aus der Gegend. Sogar Melinda und ihre Freundinnen haben mich von den Bildern dort erkannt.
Jetzt gerade scheint sie weniger von mir begeistert zu sein, denn sie zieht vor sich hin brummelnd den Kopf ein, um mich ausblenden zu können. Ich lache leise in ihren Haaren und lasse meine Hand an ihrer Taille entlang zu ihrem Bauch wandern.
„Na los, du brummiges Ding, der Tag geht los“, flüstere ich ihr ins Ohr. „Brauchst du eine Aspirin? Oder lieber Kaffee?“
Wieder ernte ich ein Grummeln, das aber schon deutlich weniger verstimmt klingt als vor zwei Minuten. Also ziehe ich den Arm unter ihrem Kopf weg, stemme ich mich auf den Ellbogen hoch und drehe sie mit der Hand an ihrem Bauch auf den Rücken. Sie stöhnt und legt sich den Unterarm über die Augen.
„Lass mich bitte. Noch fünf Minuten“, jammert sie. „Mein Kopf.“
„Okay, du hast so lange Schonfrist, wie ich für den Kaffee brauche, aber dann heißt es raus aus den Federn“, sage ich strenger, als ich mich fühle, während ich aus dem Bett klettere.
In dem Moment scheint sie endlich wach zu werden. Ruckartig hebt sie den Arm von ihrem Gesicht und sieht mich erschrocken an. Als ihr Blick an meinem nackten Körper hinabgleitet, weiten sich ihre Augen. Das würde ich gern als Kompliment ansehen, aber ich fürchte, sie hat einen Filmriss und fragt sich jetzt, wieso ein Kerl im Adamskostüm vor ihr steht.
„War wohl doch ein bisschen zu viel gestern“, versuche ich, die Situation aufzulockern, und lächle sie schief an.
Sie tastet mit einer Hand nach der Decke und zieht sie in Zeitlupentempo über ihren Körper und nickt dann leicht. Dabei lässt sie mich nicht eine Sekunde aus den Augen. Mist. Sie ist total überfordert und ich weiß ehrlich gesagt auch nicht so recht, wie ich mich verhalten soll. Aber ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen, und mime wie immer den Lässigen.
„Okay, also ... keine Ahnung, wie viel du noch weißt. Ich bin Connor und das hier ist mein Apartment“, erkläre ich in ruhigem Ton, schenke ihr ein Tausendwattlächeln und wende mich dann ab, um in meine Sachen zu schlüpfen. Ich habe kein Problem mit meinem Körper, aber grade wird es komisch, so nackt vor ihr zu stehen, während sie mich ansieht wie ein angefahrenes Reh.
One-Night-Stands sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.
Als ich fertig angezogen bin, sehe ich wieder zu ihr. Sie hat sich inzwischen aufgesetzt und presst sich immer noch die Decke an die Brust.
Ich kann ein Seufzen nicht unterdrücken. „Okay Melinda, also ... ich werde jetzt in die Küche gehen und einen Kaffee machen. Ich muss leider gleich los. Möchtest du einen?“
Sie räuspert sich, bevor sie wieder den Kopf schüttelt. „Ähm ... nein danke, ich muss auch ... äh ... los“, stammelt sie leise.
„Okay“, antworte ich nickend und wende mich zur Küche. Ich vermute, sie will lieber alleine sein, während sie sich anzieht. „Sag Bescheid, wenn du etwas brauchst.“
Oh Mann, was für eine ätzende Situation. Sowas hatte ich noch nie. Dass man am nächsten Morgen nicht sicher weiß, neben wem und wo man gerade aufwacht, okay, aber dann muss man sich doch nicht so anstellen. Ich habe sie ja schließlich nicht verschleppt.
Oder denkt sie das?
Scheiße, keine Ahnung.
Ich gebe einen Extralöffel Instantkaffee in meine Tasse und greife zum Wasserkocher, der schon fröhlich vor sich hin blubbert. In dem Moment, in dem das Brodeln verstummt, höre ich die Wohnungstür, gefolgt von eiligen Schritten die Treppe herunter.
„Tschüss Melinda, war nett mit dir.“
„Oh nein, nein, nein!“ Savannahs Stimme schallt durch das ganze Haus bis nach unten in die Küche, wo ich gerade sämtliche Geräte aus den Steckdosen ziehe.
Ich horche auf und eile zur Treppe, wo sie mir schon mit panischem Blick entgegen stolpert.
„Was ist passiert?“, frage ich sie und springe aus dem Weg, um nicht von ihr umgerannt zu werden.
„Ich muss noch mal ins Büro. Hab meinen Laptop vergessen“, antwortet sie japsend, während sie ihre Stiefel anzieht. Als sie fertig ist, greift sie zu ihrer Tasche und hält einen Moment inne, um mich mit großen Augen entschuldigend anzusehen. „Ich beeile mich und bin rechtzeitig wieder hier. Versprochen!“
Ich verkneife mir die Frage, ob sie den Laptop denn wirklich im Urlaub brauchen wird. Sie ist ein Workaholic. Sie braucht ihn ganz sicher.
„Okay, dann los. Ich bereite hier alles vor, damit wir direkt zum Flughafen fahren können, wenn du wieder da bist.“
„Super, danke.“ Sie kommt noch einmal zurückgeeilt und drückt mir einen Kuss auf die Wange. „Das wird ein tolles Abenteuer.“
Ich nicke lächelnd und sehe ihr nach, wie sie mit wehenden Haaren aus dem Haus stürmt. Ja, das wird es. Ich freue mich riesig auf die Auszeit und darauf, Lauren wiederzusehen und ihren neuen Freund kennenzulernen, der sie scheinbar wirklich glücklich macht.
Ob ich mich auf die Pferde freue, weiß ich allerdings noch nicht. Ich bin nicht sicher, ob ich mich mit so großen Tieren anfreunden kann. Aber Savannah fand, es wird ein riesiger Spaß, bei dem Cowboy-Kurs teilzunehmen, den Lauren sich ausgedacht hat, also werde ich wohl mitmachen. Wird schon schiefgehen.
Ich mache mich wieder an meine Aufgabe, die Geräte vom Netz zu trennen. Im Internet habe ich gelesen, dass man möglichst alles ausschalten und abklemmen soll, damit es nicht zu Bränden kommen kann, während man weg ist. Wir bleiben zwar nur zwei Wochen, aber man weiß nie. Sicher ist sicher.
Ich stecke gerade mit dem Kopf unter der Spüle, um den Boiler auszuschalten, als ich ein energisches Klopfen an der Haustür wahrnehme. Bis ich im Flur ankomme, ist das Klopfen zu einem verärgerten Hämmern geworden.
„Ist ja schon gut“, rufe ich. „Ich bin auf dem Weg.“
Ich ahne schon, wer da draußen steht, aber ich erstarre trotzdem, als ich in Aidans verärgertes Gesicht blicke.
„Warum hat das so lange gedauert?“, fährt er mich an und drängt sich an mir vorbei ins Haus.
Ich sehe ihm überfordert hinterher. Was macht er hier? Er weiß doch, dass wir heute Mittag nach Colorado fliegen. Wir haben gestern noch darüber gesprochen, als ich bei ihm war. Er war nicht begeistert, meinte aber, er hätte nächste Woche ohnehin so viel zu tun, dass er gar nicht merken würde, wenn ich weg bin. Das hat mich zwar verletzt, war mir aber lieber, als ihn wieder ärgerlich zu erleben.
Ich schließe die Tür und folge ihm in den Flur, wo er mit in die Hüften gestemmten Händen vor den Koffern steht.
„Reichlich viel Gepäck für zwei Wochen“, sagt er, ohne mich anzusehen.
„Die beiden großen Koffer gehören Savannah. Du kennst sie ja. Sie will für jede Eventualität das passende Outfit parat haben“, versuche ich zu scherzen. Seine Stimmung macht mich unruhig.
Aidan und ich sind jetzt seit zwei Jahren zusammen und ich weiß inzwischen, dass ich mich auf dünnem Eis bewege, wenn er so angespannt ist. Sobald er unter Stress steht, kann er sich nicht besonders gut kontrollieren und wird dann schnell laut und ab und zu auch gemein. Darum halte ich mich an solchen Tagen lieber zurück.
Jetzt gerade weiß ich nicht so recht, wie ich mich verhalten soll, um sie Situation zu entschärfen.
Er dreht sich langsam zu mir um und sieht mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Savannah, ja? Wo ist sie denn?“
Glaubt er mir etwa nicht?
„Sie ist noch mal ins Büro gefahren, weil sie ihren Laptop vergessen hat“, antworte ich leise. Ich beobachte sein Gesicht, hoffe eine Veränderung seiner Stimmung wahrzunehmen, aber wenn überhaupt möglich, werden seine Züge noch härter. Meine Handflächen werden feucht und mein Puls beschleunigt sich. Was wird er jetzt tun?
„Ich habe mir die Sache mit der Reise nochmal überlegt“, sagt er ruhig und fixiert mich mit diesem kalten Ausdruck. „Du wirst hierbleiben.“
„Was?“, entfährt es mir, bevor ich darüber nachdenken kann.
Er macht einen Schritt auf mich zu und ragt bedrohlich über mir auf. Mein Brustkorb zieht sich zusammen und ich weiche instinktiv zurück, bis ich mit den Fersen gegen die Wand stoße.
„Du hast mich schon verstanden. Du wirst nicht ohne mich wegfahren“, zischt er und lehnt sich mir entgegen. „Erst recht nicht mit diesem frivolen Miststück.“
Ich reiße erschrocken die Augen auf. Ich will ihm widersprechen, will ihm sagen, dass er nicht so über meine Freundin sprechen soll, aber ich bringe nur ein atemloses Krächzen hervor. Er sieht mich weiter ausdruckslos an und hebt langsam die Hand an meinen Hals.
„Wag es nicht, mir zu widersprechen, Tiffany. Ich weiß, was sie ist. Ich habe bei Instagram gesehen, dass sie gestern schon wieder mit einem anderen Typen um die Häuser gezogen ist. Sie ist der falsche Umgang für dich. Du gehst nirgendwo mit dieser Schlampe hin.“ Seine Stimme ist so bedrohlich leise, dass ich am ganzen Körper eine Gänsehaut bekomme.
So habe ich ihn noch nie erlebt. Sonst ist er immer laut. Damit kann ich umgehen. Das hier ist anders. Ich weiß nicht, was als Nächstes passieren wird. Ich kann ihn nur anstarren und abwarten. Mein Atem wird immer flacher und hektischer. Mir ist schrecklich kalt.
Als würde ihn mein beschleunigter Atem stören, drückt die Hand an meinem Hals plötzlich zu und würgt mich. Ich greife panisch mit beiden Händen an seinen Unterarm und versuche, seinen Griff zu lösen, aber er bewegt sich nicht einen Millimeter. Völlig unbeteiligt sieht Aidan mir in die schreckgeweiteten Augen und deutet ein Nicken an.
„Hast du das verstanden?“ Seine Stimme hört sich so fremd an. Vor meinen Augen tanzen kleine Schwarze Punkte, während ich „ja“ sagen will und wieder nur ein Krächzen herausbringe. Ich versuche, hektisch zu nicken, aber die erbarmungslose Hand an meinem Hals lässt auch das nicht richtig zu. Meine Lungen brennen und die schwarzen Flecken in meiner Sicht werden immer größer.
Oh Gott! Wird er mich umbringen?
„Ja“, lacht er freudlos, „jetzt stimmst du wieder allem zu, aber das war dein Plan, nicht wahr? Mit dem Luder wegzufahren und es zwei Wochen lang hemmungslos hinter meinem Rücken mit irgendwelchen Hinterwäldlern zu treiben.“
Was?
Ich habe keine Zeit, diese Aussage in mein abdriftendes Gehirn einzusortieren. Zwischen den schwarzen Schlieren taucht plötzlich wie aus dem Nichts seine Faust auf und keine Sekunde später explodiert mein Schädel.
Ein dumpfer Schmerz im Bauch holt mich zurück in die Realität. Ich liege auf dem Boden im Flur. Ich sehe nur einen dunklen Schleier aus Haaren. Ein Schrei ertönt.
Bin ich das? Mein Kopf schmerzt so sehr. Ich kann nicht atmen. Nein, alles schmerzt.
„Hör auf!“, schreit die Stimme wieder. Savannahs Stimme. „Raus hier, du Bastard. Geh weg von ihr!“
„Verpiss dich, du Schlampe“, blafft Aidan sie an. „Das ist eine Sache zwischen mir und meiner Freundin, das geht dich nichts an.“
Eine Minute Stille. Dann wieder Savannahs Stimme, aber diesmal spricht sie ganz ruhig. „Ich rufe jetzt die Cops. Es ist deine Entscheidung, ob du hier sein möchtest, wenn sie kommen, oder nicht.“
Aidan knurrt nur zur Antwort. Es dauert eine Ewigkeit, in der ich ihn nur schwer atmen höre. Ich liege so still wie möglich. Dann höre ich Schritte, die sich entfernen. Ich wage einen flachen Atemzug.
„Wir sind noch nicht fertig, du Miststück“, zischt er.
Dann höre ich die Haustür zuschlagen und eilige Schritte, die auf mich zukommen.
„Tiffy! Es ist okay, er ist weg. Alles wird gut, hörst du?“ Im nächsten Moment schieben Savs Hände meine Haare vorsichtig zur Seite. Ich höre, wie sie nach Luft schnappt. Langsam öffne ich die Augen. Nein, nur eins. Das andere will nicht gehorchen. Ich sehe ihr ins Gesicht und sie schluchzt auf. Ist das Erleichterung?
„Alles okay“, sagt sie, aber ihre Miene drückt das Gegenteil aus. „Kannst du dich aufsetzen? Wo tut es weh?“
Ich schließe noch einmal das Auge und mache eine Bestandsaufnahme. Mein Gesicht schmerzt und mein Bauch ... oder die Rippen. Keine Ahnung, was genau. Sonst scheint alles okay zu sein. Ich sehe meine Freundin wieder an und versuche mich an einem Lächeln, was ziemlich weh tut.
„Alles in Ordnung“, flüstere ich und stemme mich ächzend in eine sitzende Position.
Savannah greift zu meinen Schultern und hilft mir. „Mach langsam. Ich rufe uns ein Taxi und dann fahren wir ins Krankenhaus.“
Muss ich ins Krankenhaus? Sehe ich so schlimm aus? Oh je, was wird Lauren zu der Misere sagen?
Ich schrecke auf. Lauren!
„Wie spät ist es?“, frage ich, während Savannah schon an ihrem Handy herumnestelt.
Sie sieht erstaunt auf. Dann wirft sie einen schnellen Blick auf ihr Display. „Viertel nach neun“, sagt sie verwirrt.
„Wir müssen zum Flughafen“, stelle ich fest und versuche aufzustehen, aber meine Freundin packt mich an der Schulter und drückt mich zurück gegen die Wand.
„Wir rufen Lauren an und erklären es ihr. Sie versteht das schon. Du musst jetzt erstmal zum Arzt.“
„Nein. Ich will das nicht ausfallen lassen. Es ist gar nicht so schlimm“, behaupte ich. Tatsächlich will ich vor allem hier weg. Nichts war jemals so verlockend, wie die Vorstellung, sich in ein Flugzeug zu setzen und diese Stadt zu verlassen.
„Okay, also sind wir uns einig? Du übernimmst den Reitunterricht. Ich bin ziemlich sicher, dass mir dafür die Geduld fehlt, und ich kann echt nichts weniger brauchen, als dass Laurens Freundinnen mich hassen, Mann.“ Jesse klingt so erbärmlich, dass ich mir das Lachen nur sehr schlecht verkneifen kann.
„Geht klar, Kumpel“, bestätige ich feixend. „Ich werde dich mit diesen Bestien nicht allein lassen.“
Er funkelt mich böse an. „Das ist nicht witzig, Connor. Mir wäre es wirklich am liebsten, wenn du hierbleiben könntest. Aber leider habe ich nicht genug Zimmer, um dich dazu zu zwingen.“
Ich kann ihm ansehen, dass er es ernst meint. Er lässt es sich vor Lauren nicht anmerken und spielt den Fels in der Brandung, was auch gut ist, weil sie selber schon durch den Wind ist wegen des Besuchs. Aber die Wahrheit ist: Der Fels macht sich in die Hose.
Das berühmte Treffen mit der besten Freundin ist vermutlich auch etwas beängstigend, wenn man frisch in einer Beziehung ist, die man ernst meint. Da kann ich nicht mitreden. Trotzdem habe ich ein Herz und will ihm beistehen.
„Hast du ein Glück, dass ich so ein genügsamer Junge vom Land bin“, sage ich deshalb und schlage ihm kameradschaftlich auf die Schulter. „Ich niste mich für die Zeit einfach auf dem Heuboden ein.“
Seine Augen weiten sich und ich habe das Gefühl, den Brocken, der ihm vom Herzen fällt, auf dem Grund aufkommen zu hören. „Das wäre perfekt“, sagt er erleichtert.
„Brich nicht gleich in Tränen aus“, lache ich.
In diesem Moment betritt Lauren mit einem Wischmopp bewaffnet die Küche.
„Okay, das ist mein Zeichen. Dann düse ich mal eben nach Hause und hole ein paar Sachen“, erkläre ich, während ich aufstehe.
Lauren stoppt in der Bewegung und sieht mich mit schräggelegtem Kopf an. „Sachen holen? Habe ich etwas verpasst?“ Sie wirkt ein bisschen panisch. Seit zwei Tagen wirbelt sie wie eine Verrückte durch das Haus und putzt alles so akribisch, als wäre eine OP am offenen Herzen in einem dieser Räume geplant. Kein Wunder, dass Jesse der Arsch auf Grundeis geht, wenn sogar sie ihre Freundinnen offenbar für so pingelig hält.
Um ihr ein wenig den Wind aus den Segeln zu nehmen, grinse ich sie entspannt an. „Keine Sorge, Sunny, dein steriles Heim wird nicht von mir okkupiert. Jesse und ich haben uns überlegt, dass es am einfachsten wäre, wenn ich mich auf dem Heuboden einmiete, damit ich euch mit Rat und Tat zur Seite stehen kann, solange deine Mädels hier sind.“ Um meine freundlichen Absichten zu unterstreichen, zwinkere ich ihr zu.
Sie kneift misstrauisch die Augen zusammen und blickt zwischen Jesse und mir hin und her, als würde sie uns bei irgendetwas auf die Schliche kommen wollen. Aber als sie sieht, dass wir beide ihrem Blick entspannt standhalten, gibt sie sich zufrieden und zuckt mit den Schultern. „Okay. Aber jetzt raus mit Euch, damit ich hier wischen kann.“
* * *
Als ich den Truck vor die Garage lenke, werkelt meine Mutter gerade im Garten herum. Das macht sie gern, auch wenn ich nie verstehen werde, woher sie in ihrem Alter die Energie neben den Schichten im Krankenhaus nimmt.
Sie richtet sich auf und lächelt mir entgegen, während ich um die Motorhaube herum auf sie zugehe. „Na, mein Lieber? Wo kommst du denn schon wieder her?“
„Ich war bei Jesse, um ein paar Dinge zu besprechen. Ich bin auch nur hier, um meine Sachen zu holen. Dann bleibe ich ein paar Tage auf der Ranch, um ihm zu helfen“, erkläre ich und lehne mich mit der Hüfte gegen den Lattenzaun, der das Blumenbeet von der Einfahrt trennt.
Sie sieht mich einen Moment nachdenklich an, bevor sie nickt. „Dein Vater weiß Bescheid, dass er diese und nächste Woche nicht auf dich zählen kann, nehme ich an?“
„Ja Mom, im Laden ist im Moment nicht so viel los und Tim ist ja auch noch da“, antworte ich und versuche, nicht genervt zu klingen. Ich arbeite gern in Dads kleinem Baumarkt mit, aber im Gegensatz zu ihm sehe ich meine Zukunft nicht darin, das ‚Familienunternehmen‘ zu übernehmen. Das kann gerne mein kleiner Bruder Timothy machen, der auch mehr Interesse daran zu haben scheint. Ich bin schon früher lieber auf dem Pferderücken unterwegs gewesen. Zwar verdiene ich damit immer nur hier und da ein paar Dollar, aber das soll sich schließlich in Zukunft ändern.
Meine Mutter nickt und sieht mich prüfend an. „Und wer war die junge Dame, die heute Morgen so fluchtartig dein Apartment verlassen hat? Sie hatte es so eilig, dass ich vermutlich nicht davon ausgehen kann, dass du sie demnächst zum Essen mitbringst?“ Sie hält ihr Pokerface aufrecht, aber an dem amüsierten Funkeln in ihren Augen sehe ich, dass sie mich aufziehen will. „Was hast du mit dem armen Ding angestellt, dass sie so dringend von dir wegwollte?“ Sehe ich da tatsächlich einen Mundwinkel zucken?
Ich stöhne resigniert. „Das war Melinda“, sage ich betont langsam, um klarzustellen, dass ich ihren Namen kenne. „Und nein. Ich denke nicht, dass sie demnächst zum Essen kommt.“
Die Unterstellung, ich könnte schuld an ihrer Flucht sein, übergehe ich geflissentlich.
Jetzt seufzt auch meine Mutter. „Findest du nicht, dass du langsam zu alt für solche ... Treffen wirst? Ich würde mich wirklich freuen, wenn du mal ein Mädchen mitbringen würdest.“
Ich schließe die Augen und atme durch, um die Frustration, die dieses Gespräch hervorruft, zu unterdrücken. „Es ist gut so, wie es ist, Mom. Und ich verspreche dir, wenn mir eines schönen Tages die Richtige über den Weg läuft, wirst du sie als erste bekochen dürfen.“
Dafür erhalte ich einen Klaps auf die Schulter. „Sei nicht so frech. Wie willst du die Richtige überhaupt erkennen, wenn du dich nie länger als drei Minuten mit ihnen unterhältst?“
„Das lass mal meine Sorge sein“, lache ich und wende mich zum Gehen. „Ich muss jetzt los. Jesse ist kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Ich will ihn nicht so lange alleine lassen.“
Während ich die Treppe erklimme, versuche ich den Monolog meiner Mutter, dass sogar der brummige Jesse jetzt eine Freundin hat, zu ignorieren. Ich habe keine Ahnung, wie oft ich mir diesen Vortrag noch anhören kann, ohne überzuschnappen. Aber ich sage nichts dazu, denn ich weiß, sie meint es nur gut.
Selbst mit der riesigen Sonnenbrille, die Savannah mir geliehen hat, habe ich das Gefühl, dass mich alle erschrocken anstarren, als wir nebeneinander durch das Flughafengebäude in Denver gehen.
Ich habe zu Hause in den Spiegel gesehen. Daher weiß ich, dass meine linke Gesichtshälfte wirklich ziemlich mitgenommen aussieht, um es vorsichtig auszudrücken. Dank des Kühlpads, das ich mir die gesamte Taxifahrt über auf das Veilchen gedrückt habe, ist die Schwellung am Auge schon ein bisschen zurückgegangen. Jetzt kann ich es wenigstens einen Spaltbreit öffnen, aber der riesige dunkle Bluterguss wird sich wohl noch ein paar Tage nicht ignorieren lassen.
Gut, dass es Schmerzmittel gibt. So spüre ich wenigstens nicht allzu viel davon.
Savannah behandelt mich trotzdem die ganze Zeit wie ein rohes Ei. Und ich bin ihr dankbar dafür, dass sie sich um alles kümmert, denn ohne sie würde ich diesen Tag und besonders diese Reise nicht überstehen.
Ich bewege mich die meiste Zeit wie ferngesteuert und nehme alles um uns herum wahr wie einen Film, den ich von außen betrachte. Als wäre ich gar nicht richtig dabei.
Ich beobachte alles, laufe neben ihr her, gebe Antwort, wenn sie mich anspricht, ohne wirklich teilzunehmen. Und ich warte darauf, dass die Gefühle wieder einsetzen. Dass ich irgendetwas spüre, was der Situation entspricht. Mein Freund hat mich gewürgt und mit der Faust ins Gesicht geschlagen und anschließend getreten. Da sollte ich doch etwas fühlen, oder?
Das kommt bestimmt noch. Vielleicht habe ich einen Schock oder sowas?
Ich laufe stumm hinter meiner Freundin her, die meine Hand nicht mehr losgelassen hat, seit wir unser Haus verlassen haben.
Irgendwann sitzen wir uns an einem Tisch gegenüber. Vor jeder von uns steht ein Teller Pasta und ich habe das Gefühl, einen Filmriss zu haben. Habe ich dieses Essen bestellt?
Als ich den Blick hebe, sehe ich in Savannahs besorgt zusammengekniffene Augen. Zwischen ihren Brauen sitzt eine steile Falte. Das ist untypisch für sie. Ich kann gar nicht wegsehen. Die Furche zieht meine ganze Aufmerksamkeit auf sich.
„Alles okay?“, fragt sie und reißt mich damit aus meiner Trance. Ich atme tief durch, um mich zu sammeln und eine Antwort auf diese Frage zu finden. Hat sie noch etwas gesagt?
„Ja“, sage ich dann. „Ich denke schon. Ich bin nur ein bisschen neben der Spur.“
Sie nickt leicht und sieht mich traurig an. „Verständlich. Das war ein ziemlicher Schock. Ich hoffe, dein Kopf hat nichts abbekommen.“
„Nein, mir geht’s gut. Wirklich. Es ist nur ... ich glaube, ich verstehe noch nicht so richtig, was überhaupt passiert ist.“ Ich sehe auf die Nudeln in heller Soße herunter, die auf meinem Teller darauf warten, gegessen zu werden. Aber ich habe keinen Hunger.
„Das muss schrecklich für dich gewesen sein“, sagt sie leise. „Ich hoffe, dass dieses Arschloch sich in Zukunft von dir fernhält. Sonst weiß ich nicht, was ich tue.“
Bei diesen Worten sehe ich erschrocken auf. „Ich habe keine Ahnung, was in ihn gefahren ist“, flüstere ich. „So ist er sonst nicht.“
Meine Freundin schnaubt verächtlich, reißt sich dann aber sichtlich zusammen und sieht mich eindringlich an, bevor sie ruhig zu sprechen beginnt. „Er ist schon immer ein kontrollsüchtiges Arschloch gewesen, Süße. Ich weiß, du liebst ihn. Auch wenn ich nicht versehe, wieso. Aber das heute ging deutlich zu weit. Ich finde, du solltest ihn anzeigen.“
„Nein!“, antworte ich, bevor ich darüber nachdenken kann. „Das würde seine Karriere zerstören.“
Sie holt Luft, um etwas zu sagen, schluckt die Antwort dann aber herunter und betrachtet mich nur stumm. Nach einer kleinen Ewigkeit, in der wir uns nur ansehen, nickt sie wieder. „Okay, jetzt fliegen wir erstmal zu Lauren und lassen es uns ein paar Tage gut gehen. Dann sehen wir weiter.“
Ich antworte nicht. Stattdessen wickele ich ein paar Spaghetti auf meine Gabel und schiebe sie mir in den Mund. Ich will zwar eigentlich nichts essen, aber noch weniger will ich dieses Gespräch weiter führen.
Ich werde Aidan nicht anzeigen. Das kann ich ihm nicht antun. Er hat sicher schon ein schrecklich schlechtes Gewissen wegen des Vorfalls. Und eigentlich habe ich auch noch gar nicht so richtig verstanden, was überhaupt passiert ist. Was ihn so schrecklich provoziert hat.
Wir essen schweigend weiter.
Eine Stunde später sitzen wir nebeneinander in der deutlich kleineren Maschine, die uns nach Alamosa bringen wird.
Savannah greift nach meiner Hand. „Hey“, sagt sie und drückt leicht zu. Als ich mich ihr zuwende, lächelt sie. „Ich hab dich lieb und ich stehe immer hinter dir. Ich hoffe, das weißt du.“
Das ist der Moment, in dem die ersten Tränen an diesem Tag kommen.
„Ich weiß.“
Wir sitzen zusammen in der Küche von Jesses Haus und Lauren ist kurz vor dem Durchdrehen, weil ihre Freundinnen gleich ankommen werden und sie sich offensichtlich Sorgen macht, dass es ihnen nicht gefällt.
Jesse redet mit Engelszungen auf sie ein, obwohl er selbst totale Panik hat. Es wird geknutscht und gesäuselt. Alles ist sehr ... rührend.
Leise ächzend verdrehe ich die Augen und lasse den Kopf genervt in den Nacken fallen. Wenn sie sich jetzt noch einmal gegenseitig ihre Liebe gestehen, ramme ich mir einen Löffel ins Auge.
Die beiden treiben mich mit ihrer Turtelei in den Wahnsinn. Ich gönne ihnen ihr gemeinsames Glück und das haben sie sich ja nicht leicht gemacht, aber manchmal könnte es in meiner Anwesenheit ruhig etwas weniger sein.
Vielleicht bin ich eifersüchtig, wer weiß. An Sex mangelt es mir zwar bekanntermaßen nicht. Aber die letzte halbwegs ernsthafte Beziehung ist schon eine Weile her und ich glaube, so wie Lauren meinen Freund ansieht, hat mich noch keine angesehen. Das gilt umgekehrt allerdings genauso. Ich fand keine auch nur annähernd so spannend wie er sie. Jesse kann die Augen nicht von ihr lassen. So interessant kann keine Frau sein. Oder?
Vielleicht sollte ich mich weniger mit Rodeo-Bunnys und Studentinnen aus Bars abgeben. Andererseits hat natürlich auch nicht jeder das Glück, dass einem die Traumfrau wie in seinem Fall einfach so vom Zufall vor die Füße gespült wird.
Ich atme tief durch und will gerade sagen, dass ich mir einen Porno im Netz ansehe, wenn ich Bedarf habe, und die beiden dafür bitte in ihr Zimmer gehen sollen, als ein Auto auf den Hof fährt. Wie einstudiert richten wir uns alle drei synchron auf und Lauren schnappt nach Luft.
„Das sind sie!“, ruft sie und springt von der Küchentheke fast auf Jesse, der erschrocken zurückweicht, gleichzeitig aber seine Arme ausstreckt, um sie aufzufangen. Sie stürmt an ihm vorbei zur Tür und er sieht mich mit hochgezogenen Augenbrauen an.
„Na dann“, sage ich, schlage mir mit den flachen Händen auf die Oberschenkel und stehe auf, „mögen die Spiele beginnen.“
Er grinst mich schief an. Ich kann hinter seiner ruhigen Fassade sehen, wie nervös er ist. Da ist sie, die mysteriöse beste Freundin. Und das auch noch im Doppelpack.
Ich grinse zurück. Ich werde in den nächsten Wochen meinen Spaß haben und sei es nur auf seine Kosten. Nach allem, was ich mitbekommen habe, ist Savannah nicht nur ein heißer Feger, sondern hat auch Haare auf den Zähnen. Ich mag solche Frauen. Die andere … Tiffany, glaube ich, scheint eher ein Mauerblümchen zu sein.
Wir wenden uns beide zum Ausgang, von wo aus man Lauren schon quietschen hört. Als ich an der Haustür ankomme, hält sie eine ihrer Freundinnen an den Schultern und japst.
„Oh mein Gott. Sag mir bitte, dass es nicht das ist, wonach es aussieht.“
Die gutaussehende Brünette, die neben ihr steht, schnaubt verächtlich, sagt aber nichts. Lauren schüttelt leicht den Kopf. Dann dreht sie sich zu uns und gibt den Blick auf das schönste Geschöpf frei, das ich jemals gesehen habe.
Sie ist ein bisschen größer als Lauren, aber zierlicher. Die dunklen, fast schwarzen Haare reichen ihr bis zum Kinn und lassen ihr feingeschnittenes Gesicht mit den großen Augen noch puppenhafter aussehen. Sie sieht aus wie gemalt. Die einzigen Makel an dieser Frau sind der riesige, dunkelviolette Bluterguss, der fast eine komplette Hälfte ihres Gesichts bedeckt, und ihr zugeschwollenes linkes Auge.
Was zum Teufel?
Wenn Laurens Freundinnen nicht zufällig an irgendwelchen illegalen Fight-Clubs beteiligt sind, würde ich darauf tippen, dass irgendein mieser Wichser seine Wut an ihr ausgelassen hat. Ihr Freund?
In mir baut sich brodelnde Wut auf. Meine Hände ballen sich zu Fäusten und ich beiße die Zähne zusammen, bis mein Kiefer schmerzt. Es spielt keine Rolle, wer es war. Derjenige hat wahnsinniges Glück, dass er weit weg ist. Was muss man für ein armseliger Schlappschwanz sein, um eine Frau zu schlagen? Und das ganz offensichtlich mit der Faust.
Mir ist heiß. Es kostet mich einige Anstrengung, mich nicht abzuwenden und zu gehen. Irgendwohin, wo ich diesen Druck ablassen kann, der sich in meinem Inneren aufbaut. Ich fühle mich wie ein Dampfkessel, dem das Ventil verstopft wurde.
Lauren scheint die Fassung vor mir wieder gefunden zu haben, denn sie wendet sich zu Jesse und mir um und deutet mit dem ausgestreckten Arm zwischen uns hin und her.
„Mädels, das sind eure Trainer für die kommenden Wochen. Mein Freund Jesse und sein Kumpel Connor. Wie ihr seht, zwei waschechte Cowboys.“ Auf ihrem Gesicht breitet sich ein stolzes Lächeln aus. „Jungs, verneigt Euch vor den wichtigsten Frauen in meinem Leben: Savannah und Tiffany.“
Jesse hebt neben mir die Hand zum Gruß und zwingt sich ein freundliches Lächeln ins Gesicht. „Freut mich, Euch kennen zu lernen“, sagt er gepresst.
Ich hoffe, er akklimatisiert sich schnell mit der Situation. Um von seiner Überforderung abzulenken, setze ich mein schönstes Ladykiller-Lächeln auf, mache einen Schritt auf die Frauen zu, die uns erwartungsvoll ansehen, und lüfte meinen Hut ein Stück.
„Ladys“, sage ich gedehnt und steuere als Erstes Savannah an, die mit einem herausfordernden Glitzern in den Augen auf mein Lächeln reagiert. „Willkommen auf der Hare-Creek-Ranch. Ich wette, wir werden eine Menge Spaß zusammen haben.“ Diensteifrig greife ich ihre Hand und führe sie zu einem flüchtigen Kuss an meinem Mund.
Sie sieht mir grinsend in die Augen. „Oh ja, das glaube ich auch.“
Eins muss man ihr lassen: Savannah ist eine atemberaubend schöne Frau, die grenzenloses Selbstbewusstsein ausstrahlt, was unter normalen Umständen echt sexy ist. Trotzdem regt sich nichts bei mir, als unsere Blicke sich treffen. Stattdessen sind meine Antennen die ganze Zeit auf die Frau neben ihr ausgerichtet. Obwohl ich sie in diesem Moment nicht sehe, scheint mein Körper überdeutlich zu wissen, dass sie da steht.
Mit einem letzten Lächeln wende ich mich von Savannah ab und drehe meinen Oberkörper zu Tiffany, die mich mit einem großen Auge anstarrt. Das zweite ist nur halb geöffnet und wird durch eine üble Schwellung zugedrückt. Meine Hand zuckt von dem Bedürfnis, ihr vorsichtig über die Wange zu streichen. Ich greife schnell zu ihren Fingern, die sie mir zur Begrüßung entgegenhält, um mich davon abzuhalten.
„Hallo Tiffany“, sage ich leise, während ich mir ihre Fingerknöchel an den Mund führe. Ihr Blick springt zwischen meinem Gesicht und unseren Händen hin und her. Sie sagt nichts, aber als meine Lippen den Kuss auf ihren Handrücken andeuten und ich sie dabei versehentlich berühre, schnappt sie leise nach Luft und sieht mir erstaunt in die Augen, als würde sie sich eine Frage beantworten wollen.
Ja, ich habe das Prickeln auch gespürt.
Wir starren uns noch einen Moment an, bevor ich wieder meine lächelnde Maske aufsetze und ihre Hand loslasse. „Na, dann zeigt uns das Gepäck. Wir bringen es auf euer Zimmer, während Lauren sich um euch kümmert.“
Jesse und ich lassen uns Zeit damit, die Koffer und Taschen nach oben zu bringen. Ich frage mich unwillkürlich, was davon Tiffany gehört. Es ist mir unbegreiflich, wieso Frauen ihren kompletten Hausstand mit auf einen Ausflug nehmen müssen. Zumal sie ja voraussichtlich nur Jeans und T-Shirts tragen werden, oder?
„Tiffanys Gesicht sieht echt übel aus“, spricht Jesse den Elefanten im Raum als Erster an.
Meine Hand ballt sich automatisch zur Faust. Ich wende den Kopf zur Tür, von wo aus man die Stimmen der Frauen unten hören kann.
„Das kann man wohl sagen. Ich frage mich, was passiert ist. Vielleicht wurde sie überfallen. Sieht ziemlich frisch aus“, gebe ich zurück und versuche dabei, so gleichmütig wie möglich zu klingen.
Jesse schüttelt langsam den Kopf. Sein Blick wird grimmig. „Ich vermute, das war ihr Freund. Lauren hat mal erwähnt, dass er ein kontrollsüchtiges, aufbrausendes Arschloch ist. Sie und Savannah sind schon lange gegen die Beziehung und sagen ihr immer wieder, dass sie sich trennen soll. Aber dass er sie schlägt, scheint neu zu sein.“
„Dummer Wichser“, knurre ich und Jesse nickt.
„Jetzt ist sie erstmal hier. Sorgen wir dafür, dass es ihr gut geht. Ich denke, wir sollten so tun, als würden wir es nicht sehen“, sagt er und ich lache humorlos, erwidere aber nichts.
Was soll man dazu auch sagen?
Stattdessen klopfe ich ihm mit der Hand auf die Schulter und grinse ihn an. „Na los, dann lass uns deinem Harem da unten mal Gesellschaft leisten.“
Er schnaubt nur zur Antwort, setzt sich aber in Bewegung. Tapferer Bursche.
Als wir den Fuß der Treppe erreichen, ertönt Laurens Stimme laut aus der Küche. „Aber du kannst ihn nicht damit durchkommen lassen, Tiff.“
Jesse stockt in der Bewegung und wir sehen uns an. Da können wir jetzt nicht rein und aus dem Haus können wir auch nicht, weil wir an der offenen Küchentür vorbei müssten. In stiller Übereinkunft setzen wir uns wie zwei kleine Jungs auf die Treppe und lauschen dem Gespräch der Frauen.
Tiffanys Antwort kann man zwischen den Schluchzern, die sie ausstößt, kaum verstehen.
„Ich weiß, Süße“, sagt Savannah in sanftem Ton. „Du denkst immer zuerst an die anderen, aber sieh nur, was er dir angetan hat. Ich bin froh, dass ich rechtzeitig nach Hause gekommen bin, damit er dich nicht noch schlimmer zurichten konnte. Er ist ein Psycho.“
„Richtig!“, stimmt Lauren zu, der man die Wut bis hier hin anhören kann. „Das hat mit Liebe nichts zu tun. Du musst ihn anzeigen und ihn von dir fernhalten. Wer weiß, was beim nächsten Ausraster passieren würde.“
Es folgt nur ein leises Ächzen, dann hört man einen Stuhl über den Boden schaben und beruhigendes Murmeln. Vor meinem inneren Auge sehe ich, wie Savannah und Lauren die weinende Tiffany von beiden Seiten umarmen und ihr tröstend über Kopf und Rücken streicheln. In meinem Hals steckt ein riesiger Kloß.
Also war es wirklich ihr Freund.
Bevor ich mich den destruktiven Gedanken an dieses feige Stück Scheiße hingeben kann, stupst Jesse den Ellbogen gegen meinen Arm und deutet mit dem Kopf zur Haustür. Ich reiße mich zusammen und nicke.
Wir erheben uns gleichzeitig und schlendern betont lässig den Flur entlang zur Garderobe, wo unsere Stiefel und Hüte auf uns warten. Beide vermeiden wir es, in die Küche zu sehen, als wir an der offenen Tür vorbeikommen.
„Wir sind im Stall, falls ihr uns sucht“, ruft Jesse und steigt in seine Boots.
Sobald wir zur Tür raus sind, atmen wir beide so erleichtert aus, als hätten wir die ganze Zeit die Luft angehalten.
Jedes Mal, wenn ich die Augen schließe, spüre ich wieder Aidans Hand an meinem Hals und sofort wird es schwerer, zu atmen, und meine Lungen beginnen zu brennen. Seit Stunden wälze ich mich im Bett hin und her. Savannah scheint das nicht zu stören. Sie liegt mit ihrer Schlafmaske neben mir auf der Seite zusammengerollt und atmet tief und gleichmäßig.
