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Als Journalistin Savannah auf einem Rodeo dem erfolgreichen Bullenreiter Cole begegnet, ist für beide klar, dass es sich nur um eine leidenschaftliche Nacht drehen wird. Darum lässt sie ihn am nächsten Morgen zurück, ohne ihm auch nur ihren Namen verraten zu haben. Um ihrer Karriere in der Redaktion einen Schubs zu verleihen, behauptet sie nach ihrer Heimkehr, ein Interview mit Cole geführt zu haben. Auf die Bitte ihres Chefs hin schreibt sie einen Artikel darüber und hofft, dass Cole nie von dieser Lüge erfährt. Als der Cowboy den Artikel allerdings entdeckt, ist er mehr als zufrieden, ein Druckmittel gegen sie in der Hand zu haben. Denn seit der gemeinsamen Nacht will er sie unbedingt wieder sehen.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
HARE CREEK RANCH III
Contentwarnung
1. Savannah
2. Cole
3. Savannah
4. Cole
5. Savannah
6. Cole
7. Savannah
8. Savannah
9. Cole
10. Savannah
11. Cole
12. Savannah
13. Cole
14. Savannah
15. Cole
16. Savannah
17. Cole
18. Savannah
19. Cole
20. Savannah
21. Cole
22. Savannah
23. Savannah
24. Cole
25. Savannah
26. Cole
27. Savannah
28. Cole
29. Savannah
30. Cole
31. Cole
32. Savannah
33. Cole
34. Savannah
35. Cole
36. Savannah
37. Cole
38. Savannah
39. Cole
40. Savannah
Lauren
Danksagung
Bücher von N.D. Vilchez
Über die Autorin
Möglicherweise triggernde Inhalte
Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
© 2023 N.D. Vilchez
Coverdesign: Kleines Glück Design
Bildmaterial: Desposit Photos
Korrektorat: Francy Schneider (Wortspatz.korrektur)
Innendesign und Buchsatz: Kleines Glück Design
Alle Rechte vorbehalten
Nadine Domingues Vilchez
c/o Kleines Glück
Am Vorderflöß 48
33175 Bad Lippspringe
Liebe Leserinnen und Leser,
diese Geschichte könnte eventuell triggernde Themen enthalten. Solltet ihr euch nicht sicher sein, ob euch diese Trigger betreffen, könnt ihr sie im Anhang nachlesen. Achtung: Die Auflistung könnte Euch für die Story spoilern.
Sit tall in the saddle, Hold your head up high
Keep your eyes fixed where the trail meets the sky
And live like you ain't afraid to die
And don't be scared, just enjoy your ride.
(Chris LeDoux - The Ride)
Es gibt so Tage, an denen, sobald man die Augen öffnet, klar ist, dass es ein Scheißtag wird und man liegenbleiben sollte. Heute ist so ein Tag. Aber Liegenbleiben ist leider keine Option.
Stattdessen muss ich versuchen, mich möglichst unauffällig aus diesem Bett und dann aus der Wohnung zu schleichen, bevor womöglich der Wecker dieses Typen klingelt. Wie hieß er noch gleich? Jim? John? Völlig egal. Wenn es nach mir geht, werden wir uns nicht wieder sehen. Tatsächlich frage ich mich, wie es überhaupt so weit gekommen ist, dass ich hier gelandet bin. Aber die Antwort ist die gleiche wie immer in letzter Zeit: Ich bin nach der Arbeit mit einer Bekannten aus dem Studium in eine Bar gegangen, um nicht sofort in das leere Haus zu müssen, und habe mir dort einen Typen schön getrunken, der letztlich nicht das gehalten hat, was er versprach.
Und das Resultat ist ebenfalls das gleiche: Jetzt, am frühen Morgen in einem fremden Schlafzimmer neben einem fast unbekannten Kerl fühle ich mich noch einsamer, als ich es gestern Abend allein vor dem Fernseher getan hätte.
Darum nichts wie raus hier.
Nahezu lautlos schlüpfe ich in das Kleid von letzter Nacht, rolle mir die Haare zu einem unordentlichen Dutt zusammen und klemme meine Handtasche unter den Arm. Die Schuhe nehme ich lieber in die Hand, bis ich draußen bin. Dann schleiche ich mit angehaltenem Atem aus dem zugegebenermaßen schönen Apartment. Jim, John oder James scheint zumindest im Beruf nicht erfolglos zu sein.
Na ja, irgendwo muss das große Ego ja herkommen.
Sobald die Tür hinter mir ins Schloss fällt, atme ich erleichtert aus. Ich hätte es nicht ertragen, heute Morgen noch eines dieser angespannten Gespräche mit ihm führen zu müssen, an deren Ende man Nummern austauscht, ohne das Bedürfnis zu haben, sie jemals zu benutzen. Gestern in der Bar machte er einen ganz unterhaltsamen Eindruck auf mich. Er war charmant, gutaussehend und wirkte recht zufrieden mit sich und der Welt. Das schien genau das Richtige zu sein. Aber das war es nicht.
Sagen wir so: Es war harte Arbeit und nicht sein Verdienst, dass ich überhaupt gekommen bin. Ich hätte sofort gehen sollen. Aber ich war erledigt von dem langen Tag und ... ach ich weiß auch nicht.
Vielleicht sollte ich mir ein Zölibat auferlegen. Irgendetwas hat sich verändert.
Grundsätzlich bin ich nicht diejenige, die sich morgens irgendwo beschämt wegschleicht, weil ich nicht der Meinung bin, dass Frauen sich dafür schämen müssen, als Single ihre Sexualität auszuleben, wie es ihnen gefällt. Ich ärgere mich über diese gesellschaftliche Ungleichheit, die Männer bei wechselnden Partnerinnen zu coolen Playboys macht und Frauen zu Schlampen. Ich kann meinen Spaß haben, mit wem ich will.
Aber genau da ist der Hund begraben. Im Moment rede ich mir nur ein, dass es Spaß macht, und bin dann ernüchtert. Vermutlich sind die Gründe die falschen. Deshalb sollte ich es vielleicht für eine Weile bleiben lassen und mich auf Wichtigeres konzentrieren.
Ein Blick auf mein Handy verrät mir, dass ich noch genug Zeit habe, vor der Redaktionssitzung zuhause vorbeizufahren, um mich frisch zu machen. Außerdem finde ich eine neue Nachricht von Tiffany, die mir mitteilt, wie sehr sie sich darauf freut, mich zu sehen.
Ich vermisse die Mädels auch. Ich gönne ihnen ihr Glück in Colorado, und besonders Tiffany hat sich nach der Katastrophe mit ihrem Ex ein bisschen Ruhe und Frieden verdient, aber das Haus ist schrecklich leer ohne meine Mitbewohnerinnen. Das ist auch einer der Gründe, warum ich im Moment so viel arbeite und so wenig wie möglich zuhause bin. Mal abgesehen davon, dass ich auf einen festen Redakteursposten aus bin. Und darum muss ich jetzt dafür sorgen, dass man mir die kurze Nacht nicht mehr ansieht.
Wie gut, dass es teures Make-up gibt.
Dank der Kosmetikindustrie sitze ich zwei Stunden später im Konferenzraum und sehe aus wie das blühende Leben.
Ich nippe an meinem Kaffee und lausche den Diskussionen zwischen unserem Chefredakteur Steve und Mike, dem die Promi-Rubrik untersteht. Es geht darum, wie offensiv sie bei irgendeiner Wohltätigkeitsveranstaltung am Wochenende vorgehen wollen, um ein paar der Stars vor die Linse und zum Reden zu bekommen.
Ich halte mich mit meiner Meinung lieber zurück, da ich mit dem Event nichts zu tun habe und das auch so bleiben soll. Bei der Vorstellung, dass ich am Samstagabend in Cowboystiefeln und Karo-Hemd auf einer Rodeo-Aftershow-Party Line-Dance tanze, statt im Designer-Abendkleid auf einer Wohltätigkeits-Gala Jagd auf Promis zu machen, lache ich in mich hinein.
Offenbar habe ich das Pokerface nicht so gut gehalten, wie ich dachte, denn in diesem Augenblick wird Steve auf mich aufmerksam.
„Savannah“, sagt er und ich höre an seinem Ton, dass er das Gespräch mit der nun folgenden Aussage für beendet hält, „du gehst mit Mike zu diesem Affenzirkus. Seht zu, dass es sich lohnt.“
Ich richte mich erschrocken auf und sehe einmal zwischen den beiden hin und her. Die Männer wirken sehr zufrieden. Das wird sich ändern in drei, zwei, eins ...
„Ich kann nicht“, sage ich mit fester Stimme und halte Steves Blick, als hätte ich keine Angst vor seiner Reaktion. Er runzelt die Stirn und starrt mich einen Moment lang nur an, als würde er meine Aussage im Kopf erst übersetzen müssen.
„Was soll das heißen?“, fragt er dann. Er wirkt nicht zufrieden, aber ich muss jetzt tapfer sein und ihm die Stirn bieten.
„Ich hatte dir gesagt, dass ich dieses Wochenende in Colorado sein werde. Mein Flug geht heute Nachmittag“, sage ich und höre ein Schnauben von Mike.
„Was willst du denn bei den Hinterwäldlern? Schafe zählen?“, fragt er und als ich zu ihm herübersehe, erkenne ich, dass er kichernd den Blick über die anderen am Tisch wandern lässt, um Bestätigung zu erhalten. Aber alle warten nur mit angehaltenem Atem darauf, wie Steve auf meine Absage reagieren wird.
Ich muss mich ebenfalls dazu zwingen, normal weiter zu atmen, weil ich genau so gut wie meine Kollegen weiß, dass Steve ein Choleriker sein kann, wenn er gestresst ist. Zu meiner Überraschung glättet sich seine Stirn und er lächelt sogar leicht.
„Ach ja“, sagt mein Chef und nickt. „Es geht auf das Rodeo in Pueblo, richtig? Saisonabschluss in Colorado, wenn ich nicht irre.“
Ich starre ihn perplex an und kann gerade noch meinen Kiefer davon abhalten, herunterzuklappen. Was ist denn hier bitte los? Hat jemand eine versteckte Kamera in diesem Raum deponiert?
Mike wirkt ähnlich verwirrt wie ich, daher gehe ich davon aus, dass es kein Scherz auf meine Kosten ist, und lächle.
„Genau“, antworte ich fröhlich. „Meine Freundin und zwei Bekannte werden dort teilnehmen und haben mich eingeladen, mitzukommen.“ Etwas Persönliches aus der Geschichte zu machen, schadet sicher nicht.
Er wirkt aufrichtig begeistert. „Wunderbar. Welche Disziplinen?“
Damit erwischt er mich auf dem falschen Fuß. Ich habe nicht den geringsten Schimmer, wie das alles heißt, was die da treiben. So gut habe ich bei meinem Urlaub auf der Ranch nun auch nicht aufgepasst. Soll ich das zugeben? Andererseits ... Mut zur Lücke und Überzeugen bei vollkommener Ahnungslosigkeit war schon im Studium mein Fachgebiet.
„Mir fällt der Begriff gerade nicht ein, aber sie machen zu dritt etwas, bei dem man Rinder sortieren muss. Und die Männer fangen Kälber mit Lassos“, erkläre ich mit einem übertrieben entschuldigenden Gesicht. „Beides haben sie beim Rodeo in Alamosa gewonnen.“ Ich hoffe, mit dem Erfolg meiner Freunde von den Wissenslücken ablenken zu können.
Da er anerkennend die Augenbrauen hebt und nickt, scheint der Plan aufgegangen zu sein.
„Nicht schlecht“, sagt er. Dann weiten sich seine Augen. „Schreib doch einen kleinen Bericht über das Rodeo. Vielleicht kannst du auch einen der Bullenreiter für ein Interview erwärmen. Die sind ja richtige Superstars in der Szene.“
Aha? Männer, die sich wie Puppen von einem buckelnden Bullen herumschleudern lassen, sind also bei den Cowboys die Helden? Dafür muss man doch nicht viel mehr können, als sich festzuhalten und lebensmüde zu sein. Da mein Chef aber offenbar ein heimlicher Rodeo-Fan ist, werde ich diese Meinung für mich behalten und brav zustimmen.
„Ich kann es versuchen.“
„Wunderbar“, sagt er und wendet sich wieder an Mike, während er beide Hände flach auf den Tisch legt. „Wen kannst du dann mitnehmen?“
Alles klar. Ich bin aus dem Schneider.
Irgendeinem Cowboy werde ich am Wochenende wohl ein paar Fragen stellen können. Nichts leichter als das.
Mein Kopf dröhnt ... in einem äußerst nervtötenden Rhythmus. Fuck, das soll aufhören.
Und es hört tatsächlich auf. Perfekt.
Moment ...
Ich öffne die Augen und starre auf eine stuckverzierte Zimmerdecke. Oh Mist, wie bin ich hier denn hingeraten? Und wo ist dieses ‚Hier‘ überhaupt?
Mit zusammengekniffenen Augen sehe ich mich um, indem ich den Kopf vorsichtig drehe. Im selben Moment, in dem ich erkenne, dass ich mich in einem fremden Schlafzimmer befinde, das genauso gut mit Geldscheinen tapeziert sein könnte, geht das Dröhnen wieder los. Nur bin ich inzwischen wach genug, um zu begreifen, dass es sich um ein vibrierendes Handy handelt, das aus irgendeinem Grund unter dem Kopfkissen steckt. Dann bemerke ich die Frau, die sich neben mir befindet. Sie scheint das Brummen des Telefons nicht zu stören. Stattdessen liegt sie mit halb offenem Mund da und schläft wie ein Stein.
Ich starre sie ungläubig an. Sie sieht aus wie ein Zombie. Also nicht im Halloween Sexy-Zombie Sinn, sondern die gruselige ‚the walking dead‘- Sorte. Nur ohne Blut.
Ihr Lippenstift ist zur Wange hin verschmiert, die Schminke von den Augen hat krümelige, schwarze Ränder hinterlassen und von einem Lid hängt ein Steg mit künstlichen Wimpern herunter wie ein gebrochener Flügel. Auch die Haare sind nicht auf die antörnende Weise zerzaust, sodass man sofort wieder die Finger hineinschieben möchte. Es wirft eher die Frage auf, ob ein Nagetier darin nistet. Alles in allem kann ich nach den Minuten eingehender Betrachtung sagen: Sie sieht schrecklich aus und ich frage mich ernsthaft, was in mich gefahren ist, dass ich hier aufgewacht bin. Neben ihr.
Ich versuche, mich zu erinnern, was gestern los war, aber es tauchen nur schemenhafte Bilder von Amber und mir bei einem Fotoshooting auf. Das war irgendein Sponsoren-Ding das Dwayne mir aufgeschwatzt hat. Kurz zuckt ein Bild von einer arroganten Blondine auf, die mit dabei war. Eine PR-Beraterin oder so etwas. Ich sehe wieder zu der Untoten neben mir. Kann das dieselbe Frau sein?
Als das Telefon erneut anfängt zu klingeln, schiebe ich die unwichtige Frage beiseite und werfe einen Blick auf das Display, während ich mich vorsichtig aufsetze.
Es ist Dwayne. Wie passend.
Ich beschließe, ihn zurückzurufen, sobald ich unbeschadet hier raus bin, und tippe auf den roten Hörer. Der Gedanke, wie ihn das aufregen wird, bringt ein Lächeln auf mein Gesicht. Ich würde gern sagen, er sei selbst schuld, weil er mich durch das Fotoshooting quasi in diese Lage gebracht hat, aber das ist natürlich Quatsch. Ich finde mich nicht zum ersten Mal in so einer Situation wieder. Okay ... das mit dem Zombie ist neu. Aber der Rest eher nicht.
Glücklicherweise finde ich meine Sachen recht schnell in der Nähe des Bettes auf dem Boden verstreut.
Wo zum Teufel bin ich hier?
Ich blicke mich noch einmal in dem Raum um und erkenne, dass es sich um ein Hotelzimmer handeln muss. Von der teuren Sorte. Hauptsache, ich soll keine Besucherpauschale bezahlen oder so einen Blödsinn, wenn ich mich hier aus dem Staub mache.
Mein Handy vibriert schon wieder wütend vor sich hin, als ich es in die Hosentasche gleiten lasse.
Nachdem ich vollständig angezogen bin, greife ich zu meinem Hut, der ordentlich auf dem kleinen Konsolentisch neben der Tür liegt, und verlasse das Zimmer. Von der Frau brauche ich mich nicht zu verabschieden, das weiß ich. Sie kennt meinen Namen nur, weil ich ein gutes Gesicht für Werbung habe. Im echten Leben würde sie sich vermutlich nie freiwillig mit mir sehen lassen. Ich kenne diese Sorte Frauen inzwischen zur Genüge.
Draußen im Gang bestätigt sich meine Annahme. Es ist ein Hotel und der Flur macht genauso einen kostspieligen Eindruck wie das Zimmer vorher. Nichts wie raus hier und ab zu Amber. Wo mein Auto wohl steht?
Noch eine Frage, die Dwayne mir sicherlich beantworten kann. Also fische ich das Telefon wieder aus der Tasche, sobald ich mich in Bewegung setze und der alten Dame zunicke, die gerade ihr Zimmer zwei Türen weiter verlässt und mich anstarrt.
„Ma’am“, sage ich lächelnd und tippe mir gegen den Hut. Das bringt sie so aus dem Konzept, dass sie sich hektisch blinzelnd wegdreht. Ich grinse.
Mein Möchtegern-Agent geht nach dem ersten Klingeln dran. „Wo steckst du, du Wahnsinniger?“, kreischt er sofort. „Ich bin fast umgekommen vor Sorge.“
Ich lache laut, was den nächsten Rentner aufscheucht, der mir entgegenkommt. Hier ist schon ziemlich reger Betrieb. Also ist es vermutlich nicht mehr allzu früh am Tag.
„Krieg dich wieder ein. Ich mache jede Wette, dass du ganz genau wusstest, wo ich abgeblieben bin“, sage ich und wende mich stirnrunzelnd zum Fahrstuhl, der sich gerade öffnet und drei Männer in teuren Anzügen ausspuckt, die mich kritisch mustern. „Vermutlich weißt du es sogar besser als ich.“
Ich steige ein und nicke einer jüngeren Frau in einem beigen Kostüm zu, die sich an der hinteren Wand der Kabine versucht, unsichtbar zu machen. Sie schluckt erkennbar, lächelt dann zögerlich und senkt den Blick. Eine Reaktion, die ich nur allzu gut kenne. Früher hat es mein Ego gepusht, dass Frauen so auf mich reagieren. Inzwischen hat es sich irgendwie abgenutzt, weil ich weiß, dass es nur die Fantasie ist, einen heißen Cowboy aufzureißen, die mit ihnen durchgeht. Ja, ich sehe gut aus. Nein, ich werde dich nicht auf meinem Pferd aus deinem Büroturm retten.
„Ich weiß nur, dass du mit Britney in der nächstbesten Bar verschwunden bist. Was danach kam, kann ich mir zwar lebhaft vorstellen, aber sicher wissen kann man es bei dir nie“, holt Dwayne mich wieder in die Gegenwart. Er versucht, ärgerlich zu klingen, doch es gelingt ihm nicht.
„Na, in einer Bar bin ich jetzt jedenfalls nicht mehr.“ Die Frau wirft mir einen Blick aus dem Augenwinkel zu, senkt ihn aber sofort wieder, als ich ihr zuzwinkere.
„Sondern in einer Kapelle in Vegas?“
„Nein, in einem Hotel ... keine Ahnung, wo. Die Blondine scheint hier zu wohnen.“
„Britney“, sagt er in tadelndem Ton.
„Was?“, frage ich, um ihn zu ärgern. Er hasst es, wenn ich mich aufführe ‚wie ein billiges Flittchen‘ oder ein ‚doofer Macho-Arsch‘ – seine Worte – und ich liebe es, wie sehr er sich darüber aufregt. Oft folgt darauf ein Vortrag, dass er ganz genau weiß, wie sehr ich damit versuche, meine Einsamkeit erträglicher zu machen, aber bei dem Teil höre ich dann schon nicht mehr zu. Weil es Blödsinn ist. Ich genieße einfach mein Leben. Billig fühle ich mich trotzdem manchmal. Besonders, wenn ich in so einem Hotel aufwache und jedem auf dem Weg ansehen kann, wie wenig ich hier hingehöre.
„Britney! So heißt die junge Frau, neben der du heute aufgewacht bist, Cole.“
„Okay ... Britney also. Sie wohnt hier, denke ich. Keine Ahnung, wo genau ich bin.“
Mit einem ‚Ping‘ öffnen sich die Türen des Fahrstuhls und ich setze mich in Bewegung, um ein paar Schritte weiter stehenzubleiben. Die Lobby ist riesig und der Marmorboden sieht aus, als wäre er glatt wie eine Eisfläche.
„Dann bestell dir am besten ein Taxi, damit du zügig Amber und deinen Wagen abholen kannst. Morgen geht das Rodeo in Pueblo los. Das ist ein wichtiges Event, damit die Sponsoren dich auf dem Schirm haben. So können wir vielleicht über den Winter noch ein paar Sachen mitnehmen.“ Jetzt ist er wieder in seinem Element und der meckernde Unterton ist komplett verschwunden.
„Ja, alles klar“, gebe ich zurück. „Du hast bestimmt schon abgecheckt, wie lange ich bis dahin fahre.“
„Selbstverständlich habe ich das“, gibt er in seinem gönnerhaft nasalen Ton zurück. Jap, er ist wieder er selbst.
Ich weiß nicht genau, wie es passiert ist, dass dieser Paradiesvogel und ich uns so miteinander angefreundet haben. Es war auf einer Party in Denver und eine Menge Alkohol war im Spiel. Er hat mir gestanden, dass er schon seit einer Weile aus der Ferne für mich schwärmt. Nachdem ich ihm sagte, dass mich das zwar sehr ehrt, ich aber leider überaus straight bin, hat er die Brust rausgestreckt, mir gönnerhaft die Schulter getätschelt und verkündet, ich wüsste nicht, was mir entgeht. Zum Trost würde er mich als eine Art Künstler betreuen. Das ist jetzt fünf Jahre her und er verhält sich an allen Fronten, als wäre er mein Agent, ohne dass wir je einen Vertrag geschlossen hätten oder so etwas. Allerdings zieht er mir regelmäßig lukrative Jobs außerhalb der Rodeo-Arena an Land und das Geld kommt mir gelegen. Dafür beteilige ich ihn prozentual an den Einnahmen, als wäre er tatsächlich mein Agent. Ich weiß nicht, ob das ein normales Geschäftsverhältnis ist, aber ich werde mich nicht beschweren. Finanziell geht es mir sehr viel besser, seit ich Dwayne an meiner Seite habe. Und ihm schadet mein kamerataugliches Gesicht offenbar auch nicht.
An einer Wand entdecke ich ein Schild, auf dem ein goldener Löwenkopf abgebildet ist. Darunter der Schriftzug ‚Ritz Carlton‘.
„Okay, das erklärt, warum es hier so aussieht“, murmele ich. „Ich bin im Ritz Carlton. In Denver, schätze ich.“
„Sehr gut“, bestätigt Dwayne an meinem Ohr. „Dann bist du ja gar nicht so weit vom Weg abgekommen, verlorener Sohn.“
Ich schnaube und verabschiede mich, während ich auf die Rezeption zugehe.
Hinter einem polierten Empfangstresen steht ein junger, schlaksiger Mann in einer gestärkten Uniform, die an ihm merkwürdig sitzt, und lächelt unverbindlich vor sich hin. Macht er dieses Gesicht den ganzen Tag über? Seine Augen weiten sich kurz, als er mich sieht, dann wird sein Lächeln breiter und er tritt von einem Bein auf das andere.
„Wie kann ich Ihnen helfen, Mr. Mitchel?“, fragt er und nun bin ich es, dessen Augen sich weiten. Habe ich hier gestern eingecheckt oder so etwas?
Scheiße, das wird teuer. Ich sollte echt weniger trinken.
„Ah, Sie wissen, wer ich bin“, sage ich lahm und versuche, so zu klingen, als würde ich mir deswegen keine Sorgen machen.
„Natürlich“, sagt er strahlend. „Ich bin ein großer Fan. Schon seit Jahren.“
Oh ... okay. Das ist vermutlich gut. Obwohl es sich außerhalb der Rodeo-Szene nach all den Jahren immer noch surreal anfühlt, erkannt und bestaunt zu werden, als wäre man etwas Besonderes.
Ich lächle ihn an. „Ach, na sowas. Du magst Bullenreiten?“ Ich weiß, dass die Frage total bescheuert ist, aber ich bin schlecht in Smalltalk. Ihm scheint es nicht aufzufallen, denn er nickt eifrig.
„Ja, Sir“, sagt er. Ernsthaft? Sir?
Innerlich winde ich mich. Während der Shows bin ich es gewohnt, dass alle mich kennen und Fans zu mir kommen und Kollegen mir auf die Schulter klopfen, als wäre ich ein Held. Aber das gehört irgendwie alles zusammen. Das ist alles die Show.
Im echten Leben bin ich ein Loser, der sich an Wochenenden auf einen Bullen setzt. Und von den meisten werde ich in der echten Welt auch so behandelt. Na ja, von Frauen nicht. Die starren mich an, behandeln mich aber auch oft wie einen Callboy.
Das hier ist schräg.
Ich reiße mich zusammen und halte an meinem Lächeln fest, während ich das Namensschild an seiner Uniform studiere.
„Okay ... Liam, als Rodeo-Fan weißt du sicher, dass morgen das Saison-Finale in Pueblo losgeht. Kannst du mir eine Mitfahrgelegenheit zu meinem Auto besorgen? Es ist ganz hier in der Nähe“, sage ich und hoffe, dass es stimmt.
„Natürlich Sir. Ich rufe Ihnen einen Fahrer.“
Na, das nenn ich Service.
Die Ankunftshalle des San Louis Valley regional Airport wirkt von innen mehr wie eine freie Kirche, die falsch bestuhlt wurde. Als ich meine Freundinnen auf einer der grauen Kunstlederbänke entdecke, atme ich erleichtert auf. Lauren hat mir zwar angeboten, mich abzuholen, doch ich habe wie immer aus Reflex geantwortet, dass das nicht nötig sei und ich auch einfach mit dem Taxi fahren könnte. Jetzt bin ich froh, dass sie nicht auf mich gehört hat. Der Tag und der umständliche Weg hierhin haben mich mehr geschlaucht, als ich dachte. Die könnten ruhig mal einen Direktflug von Las Vegas hier hin anbieten. Das Umsteigen in Denver nervt.
Tiffany kommt auf mich zu gerannt, sobald sie mich sieht, und schlingt dann stürmisch die Arme um meinen Hals. „Ich bin so froh, dass du da bist“, quietscht sie mir ins Ohr und entlockt mir damit ein breites Lächeln.
„Ja ich auch, Süße“, flüstere ich. „Ich habe euch schrecklich vermisst.“ Ich hoffe, ich kann das zugeben, ohne ihr schlechtes Gewissen wieder allzu sehr zu triggern. Sie war kurz davor, ihren Neuanfang über den Haufen zu werfen, weil sie die Vorstellung kaum ertragen hat, dass ich dann allein in Las Vegas wohne, während meine beiden Mitbewohnerinnen die Liebe auf einer Ranch in Colorado gefunden haben.
Natürlich fühle ich mich öfter alleine, als ich zuerst dachte, und das Haus kommt mir unnatürlich still vor, aber unabhängig davon, dass ich selbst nicht an die große Liebe glaube, gönne ich den beiden ihr Glück.
Und glücklich sind sie mit den zwei nervigen Cowboys und den Pferden. Das kann niemand abstreiten.
„Schön, dass du da bist“, schaltet sich auch Lauren ein, sobald Tiff sich von mir löst, und umarmt mich ebenfalls. „Das wird ein aufregendes Wochenende.“
„Ja, das glaube ich auch“, sage ich grinsend. „Wann geht’s los?“
Wir wenden uns Richtung Ausgang, während Lauren die Pläne erklärt: „Wir fahren morgen früh los. Es ist ja nicht besonders weit. Team Penning ist am frühen Nachmittag, Team Roping zwei Stunden später. Abends gehen wir auf die Party und bleiben die Nacht über im Hotel. Du brauchst deine Tasche also gar nicht auszupacken.“
„Das hatte ich auch nicht vor“, lache ich und blinzele gegen die Sonne an, die schon so tief steht, dass sie mir beim Verlassen des Gebäudes ins Gesicht scheint. „Was ist am Sonntag?“
„Am Sonntag sind noch ein paar Disziplinen, die spannend sein könnten. Da machen wir aber nicht mit. Vielleicht können wir uns auch die Messe und den Rummel mal ansehen. Da ist ziemlich viel los.“
„Klingt so, als würde uns nicht langweilig werden“, antworte ich mit einem breiten Grinsen.
„Das glaube ich auch“, stimmt Tiffany mir zu und schlingt im Gehen einen Arm um meine Schultern.
„Wie läuft es denn mit euren Cowboys? Sind sie immer noch so heiß, oder wird das irgendwann doch langweilig?“, frage ich die beiden und stelle belustigt fest, dass Tiffany rot wird.
Es gibt Dinge, die ändern sich nie.
Lauren lacht und zwinkert mir zu. „Das nutzt sich nicht so schnell ab, vertrau mir.“
„So so“, sage ich und drücke Tiff einen Kuss auf die Schläfe. „Das freut mich für euch. Ich angle mir im Moment nur Typen, die ich am nächsten Morgen bereue.“ Vor meinem inneren Auge entsteht ein Bild von James ... oder Jim?
„Tja, wer weiß, vielleicht solltest du es auch mal mit etwas Festem versuchen“, stellt Tiffany fest und kichert, als ich sie mit gerunzelter Stirn ansehe.
„Ähm, nein?“, gebe ich entschieden zurück. „Ich kann keinen Mann in meinem Leben gebrauchen. Aber vielleicht tue ich es euch nach und versuche es dieses Wochenende mit einem Cowboy.“ Dass ich mir heute Morgen genau das Gegenteil vorgenommen habe, muss ich den beiden ja nicht auf die Nase binden. Das führt nur zu Fragen, die ich nicht beantworten will.
„Alles klar“, feixt Lauren, während sie die Tür ihres riesigen Trucks öffnet. „Für Savannah gibt es auf jeden Fall ein Einzelzimmer.“
* * *
Auf der Ranch herrscht noch reges Treiben, als wir dort ankommen. Laut Tiffany ist bereits der Bau einer zweiten Hütte in vollem Gange. Den vielen Autos auf dem Hof nach zu urteilen, sind eine Menge Freunde zum Helfen da. Von Fahrgemeinschaften hält man hier draußen offenbar nicht viel.
Als wir das Haus betreten, stoßen wir in der Küche auf eine ältere Frau, die Lauren mir als Jacky vorstellt. Sie scheint öfter hier zu sein, denn sie bewegt sich in dem Raum, als wäre es ihrer.
„Clive ist hinten bei den Grünschnäbeln und passt auf, dass sie keinen Unsinn machen“, erklärt sie, während sie geschäftig in einem riesigen Topf mit Suppe rührt.
Lauren hält ihre Nase prüfend in den Dampf und schnuppert. „Hmm, und du hast dir gedacht, du sorgst dafür, dass keiner der Grünschnäbel verhungert?“
„Du kennst mich“, sagt Jacky schulterzuckend. „Ich kann die Füße nicht lange stillhalten. Und ein bisschen Suppe hat noch keinem geschadet.“
Was für eine Weisheit. Ich drehe das Gesicht weg, damit sie das Grinsen nicht sieht, und lasse mich ächzend auf einen der Stühle am Esstisch fallen. Tiffany setzt sich dazu und tätschelt mir die Schulter.
„Langer Tag?“, fragt sie mitleidig.
„Kurze Nacht“, antworte ich und zucke zusammen, als Jacky mit einem schnarrenden Geräusch laut auflacht. Sie murmelt irgendwas in den Topf, das ich nicht verstehe, aber da sie den Blick nicht von ihrer Suppe löst, gehe ich mal davon aus, dass es nicht für uns bestimmt ist. Ich wende mich wieder Tiffany zu.
„Mit Mr. Sexy läuft es gut?“, frage ich sie und kann die Antwort sofort von ihrem strahlenden Gesicht ablesen.
„Ja“, sagt sie verträumt, „er ist toll. Wir verstehen uns super und es ist inzwischen richtig schön in der Hütte. Soll ich sie dir zeigen?“
Ich würde am liebsten nie wieder von diesem Stuhl aufstehen, aber das freudige Funkeln in ihren Augen zwingt mich, zu nicken. Außerdem möchte ich ja auch wirklich sehen, was aus der Baustelle geworden ist, die es bei meinem letzten Besuch auf der Ranch noch war.
Sie ist schon aufgesprungen und wartet darauf, dass ich ihr folge. Also rappele ich mich auf und gehe mit ihr zur Hintertür. Lauren folgt uns.
„Was ist eigentlich aus der ‚keine Schuhe im Haus‘-Regel geworden?“, frage ich als wir die zwei Stufen von der hinteren Veranda hinunter steigen.
„Die ist während der Bauphase aufgehoben worden, weil die Jungs ständig im Wechsel hinten und vorne rausmüssen“, seufzt Lauren. „Wer hochwill, muss die Schuhe aber weiterhin ausziehen. Merk dir das.“ Sie wedelt mit ihrem erhobenen Zeigefinger herum, worauf ich die Hand hebe, um zu salutieren.
„Aye, aye, Captain.“
Sobald wir zwischen den Bäumen hindurch kommen, die das Haus von der Wiese trennen, sehe ich die Veränderung sofort. Als Wiese kann man die Hälfte der Fläche schon nicht mehr bezeichnen. Ein großes Rechteck am Rand sieht aus, als wäre es umgegraben worden. Bei genauerem Hinsehen erkenne ich so etwas wie Gullideckel in der Mitte.
„Was ist das denn?“, frage ich und deute mit der Hand auf die Plastikdeckel.
„Das ist die Kleinkläranlage, die zu den Hütten gehört“, erklärt Lauren mit einem Schulterzucken. „Irgendwo muss das Abwasser ja hin.“
Oh je, über sowas will ich mir lieber keine Gedanken machen. Ich rümpfe angeekelt die Nase.
„Ich hoffe, das riecht man nicht.“
„Nein, du Nuss“, kichert Tiffany. „Sonst würde ich da keinen Tag lang wohnen.“
Klingt einleuchtend.
Die Männer machen keinen allzu beschäftigten Eindruck, als wir bei ihnen ankommen. Sie stehen im Kreis herum und unterhalten sich angeregt bei einem Bier. Ich will gerade eine Bemerkung dazu machen, als Connor uns entdeckt und breit grinst.
„Nehmt euch in Acht! Creepy Savannah ist in der Stadt“, ruft er und alle drehen sich gleichzeitig in unsere Richtung. Wie ich ihn liebe, diesen Sack!
Ich erkenne Jesse, Luke, den Drohnenpiloten, sowie Zaine und Josh, die bei der ersten Hütte schon öfter zum Helfen hier waren. Die restlichen drei Männer habe ich noch nie gesehen, aber ich würde Wetten darauf abschließen, wer von ihnen Jackys Clive ist.
Statt auf Connors Spitze einzugehen, zwinkere ich ihm nur zu und umarme Jesse und Luke zur Begrüßung. Jesse stellt mir die anderen als Neil und Tom vor und bestätigt meine Vermutung bezüglich Clive, der mir nur wohlwollend zunickt.
„Ich wollte Savannah das Haus zeigen“, sagt Tiffany, bevor sie Connor küsst. Die Art, wie er sie ansieht, lässt mein Herz für ihn ein bisschen aufweichen. Er ist ein nerviger Idiot, aber er liebt meine Freundin auf eine Weise, die es nicht häufig gibt. Dafür kann ich ihm eine Menge blöder Sprüche verzeihen.
Sobald Tiffany die Tür zu ihrer Hütte aufstößt, entkommt mir ein leises: „Wow!“.
Es ist kaum zu glauben, dass dieses gemütliche Heim vor ein paar Wochen noch genauso ein Holzhaufen war, wie der da draußen. Der offene Wohnbereich mit der Kochnische und dem kleinen Esstisch sieht bewohnt und einladend aus. An der einen Wand stehen ein kleiner Sessel und ein bequemes Sofa, über dem ein Bücherregal hängt, das schon reichlich gefüllt ist, obwohl Tiffany ihre eigentliche Büchersammlung noch immer in unserer WG hortet. An der anderen Wand steht ein Kamin zwischen zwei Fenstern.
Tiffany führt mich durch einen kurzen Flur, von dem ein kleines, aber hübsches Bad abgeht, zum Schlafzimmer und mir klappt der Kiefer herunter.
„Wow! Das sieht gar nicht nach Urlaubshütte aus“, sage ich und starre auf das riesige Boxspringbett, das den Raum dominiert. Aus dem Augenwinkel sehe ich Tiffany nicken. Lauren lacht hinter mir.
„Ja, ich habe auch gedacht, Connor übertreibt etwas“, sagt sie. „Aber es passt doch ganz gut in das Zimmer.“
„Er hatte es vorher schon“, schaltet Tiff sich ein, als müsste sie ihren Freund in Schutz nehmen. „Und da wir ja so gut wie immer hier sind, hat er es aus seiner Wohnung hergebracht.“
„Kann sich auf jeden Fall sehen lassen. Und einen Wandschrank habt ihr auch.“
„Ja, der Grundriss ist ziemlich genial“, stimmt Lauren zu. „Da hat Paul, der Architekt, ganze Arbeit geleistet. Den werden wir für die anderen Hütten auch nutzen. Das Schlafzimmer ist groß genug, dass wir an der Stirnseite auch Etagenbetten aufstellen können, um vier Personen in der Hütte unterzubringen. Dann muss nur das Wohnzimmer anders eingerichtet werden.“
„Guter Plan“, bestätige ich und drehe mich ihr zu. „Wann plant ihr, die ersten Gäste zu empfangen?“
Lauren wendet sich ebenfalls wieder zum Hauptraum, bevor sie antwortet. „Das hängt davon ab, wie weit wir mit dem Bauen kommen, aber ich würde sagen, im Frühjahr kann es losgehen, wenn der Winter nicht zu hart wird.“
„Okay, dann seht morgen mal zu, dass alle wissen, dass ihr die Besten seid“, fordere ich zwinkernd, während ich mich ihr gegenüber an den Tisch setze. „Ich filme euren Triumph für eure Accounts.“
„Wir geben unser Bestes“, lacht sie.
„Ich freue mich auf das Wochenende“, seufzt Tiffany. „Das wird so aufregend.“
Ja, ich bin auch gespannt.
„Cole!“, höre ich eine Stimme hinter mir rufen, während ich in Ambers Box gehe. Ich ignoriere es. Mein Pferd hat gerade Priorität. Wir sind gestern erst spät hier angekommen und sie hat den halben Tag auf dem Anhänger verbracht. Darum will ich sie auf einen der Paddocks bringen, bevor der Trubel hier auf dem Gelände richtig losgeht.
In aller Ruhe ziehe ich ihr das Halfter über und wende mich erst dann zur Tür, wo ich Schritte auf uns zukommen höre. Eine rothaarige, junge Frau in einem zu kleinen Shirt strahlt mir entgegen. Sie kommt mir vage bekannt vor, aber weiß der Geier, woher. Um meine Unwissenheit zu überspielen, lächle ich unverbindlich zurück und nicke ihr leicht zu.
„Guten Morgen“, sage ich und hoffe, dass sie irgendetwas sagt, das mir einen Hinweis gibt, woher wir uns kennen.
„Tucker hat schon erzählt, dass du gestern angekommen bist“, erzählt sie begeistert. Der Name bleibt in meinem Kopf hängen und schwingt ein paar Mal hin und her. Tucker ... Dann rastet er ein und ich habe das Gesicht von einem rothaarigen Kerl vor Augen, der immer grinst wie ein Idiot. Na klar, das ist Tuckers Schwester. Ich lächele zufrieden.
„Ja, wir sind aus Denver gekommen“, sage ich, während ich an ihr vorbeigehe. Sie schließt sie Tür hinter uns und folgt mir dann. „Jetzt muss ich erstmal dafür sorgen, dass mein Mädchen sich etwas die Füße vertreten kann.“
„Sie ist so ein Traumpferd“, schwärmt der Rotschopf, der inzwischen neben mir her trippelt. Und sie hat absolut recht. Amber ist mein wertvollster Besitz und steht für mich immer an erster Stelle. Außerdem ist sie wunderschön. Buckskins sind immer etwas Besonderes, aber bei ihr ist der Kontrast zwischen der schwarzen Mähne, den dunklen Beinen und dem im Sommer goldbraun schimmerndem Körper ein absoluter Hingucker. Im Winter wird ihr Fell eher gräulich, was ebenfalls schön ist, aber nicht den Wow-Effekt vom Sommer hat. Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft Leute mir horrende Summen für sie angeboten haben. Aber sie wurden alle enttäuscht. Dieses Pferd wird seinen letzten Atemzug an meiner Seite tun.
„Ja, das ist sie“, sage ich nur und streiche der Stute über den Hals.
„Was hast du für dieses Wochenende genannt? Nur Bullenreiten?“
„Erstmal schon, aber wer weiß, vielleicht steigen wir noch irgendwo mit ein“, antworte ich vage. „Ich muss mir erstmal einen Überblick verschaffen, wer alles da ist.“
Sie nickt eifrig. „Tucker hat erzählt, dass Connor und Jesse kommen. Die kennst du doch bestimmt auch noch, oder?“
Ich bleibe stehen und sehe sie an. „Jesse Evans?“
Sie nickt wieder. „Ja, er und Connor haben in Alamosa das Team Roping gewonnen. Da haben wir sie getroffen“, berichtet sie begeistert, während ich darüber nachdenke, warum ich nicht auf dem Rodeo in meiner alten Heimat war. Aber mir fällt nicht ein, wo ich gewesen bin, und konzentriere mich daher aufs Wesentliche: Jesse Evans ist zurück in der Arena.
„Ich wusste gar nicht, dass er wieder dabei ist“, sage ich und setze mich erneut in Bewegung, als würde mich diese Neuigkeit nicht so positiv überraschen, wie sie es tatsächlich tut. Jesse, Connor und ich haben in unserer Jugend viel Zeit miteinander verbracht. Tuckers Schwester folgt mir sofort, um zu erzählen, was sie weiß.
„Ist er auch nicht. In Alamosa hat er zu uns gesagt, dass er sich von Connor hat breitschlagen lassen. Ich glaube, es ging um eine Frau“, kichert sie.
„Na, das klingt ja interessant“, lüge ich.
„Ja, sie ist mit den beiden beim Team Penning gestartet.“
„Aha.“ Das hingegen ist interessant. „Und wie haben sie sich da geschlagen?“
„Abgeräumt haben sie“, grummelt sie. Offenbar ist ihr eigenes Team in dieser Disziplin von Jesses Truppe besiegt worden. Dann scheint das ja doch noch ein unterhaltsames Wochenende zu werden.
* * *
Zwei Stunden später kann ich mich mit eigenen Augen davon überzeugen, dass die Gerüchte stimmen. Rachel – den Namen habe ich erfahren, als ihr Bruder zu uns stieß - hatte recht: Jesse und Connor nehmen wirklich an diesem Rodeo teil. Sehr erfreulich.
Als ich mit Amber um die Ecke biege, um sie zurück in ihre Box zu bringen, laden die beiden gerade ihre Pferde ab. Connor sieht mich als Erster und grinst breit.
„Na, wen haben wir denn da?“, ruft er mir entgegen und Jesse sieht ebenfalls auf und lächelt. „Glorios Cole Mitchel persönlich.“
„Wie er leibt und lebt“, antworte ich und tippe mir gegen den Hut. „Die Gerüchteküche hat mich schon darauf vorbereitet, dass ihr Goldenboys wieder im Spiel seid.“
„Wieder im Spiel ist zu viel gesagt. Wir waren in Alamosa und wir sind hier“, brummt Jesse. „Dabei kann es meinetwegen auch erstmal bleiben.“ Er schlägt in die Hand ein, die ich ihm hinhalte, und klopft mir mit der anderen auf die Schulter. „Schön, dich zu sehen, Mann.“
„Ebenso“, erwidere ich grinsend. „Ist lange her. Man munkelt, bei deiner Wiedergeburt ging es um eine Frau?“ Neben uns lacht Connor laut auf, sagt aber nichts, sondern klettert wieder in den Trailer, um das dritte Pferd zu holen.
Jesse stöhnt. „War ja eigentlich klar, dass das erzählt wird.“
„Wer ist denn die Glückliche? Man erzählt sich auch, dass sie mit euch das Team Penning gewonnen hat. Seit wann stehst du auf Cowgirls?“
In diesem Moment kommt Connor wieder zum Vorschein und lacht erneut. Der Junge hat eindeutig zu gute Laune. Immer.
„Eigentlich ist sie ein waschechtes Citygirl, das sich von unserem Pferdeflüsterer hier hat umkrempeln lassen“, feixt er und erntet von seinem Freund einen Schlag gegen die Schulter.
„Reiten konnte sie vorher schon“, knurrt Jesse und jetzt muss auch ich lachen.
„Na dann. Wie sieht’s aus? Habt ihr Lust auf eine gemeinsame Runde? Auf die alten Zeiten?“ Ich sehe zwischen den beiden hin und her und erkenne sofort, dass ich Connor schon an der Angel habe. Jesse wirkt noch unentschlossen. In dem Moment gesellt sich eine Blondine zu uns, die das gleiche Hemd trägt wie die beiden Männer. Das muss die Frau sein, die den sturen Brocken wieder ins Rollen gebracht hat. Ich lasse den Blick an ihr herabwandern, während sie meine Vermutung bestätigt, indem sie Jesse küsst. Für die würde ich auch wieder mit Dingen anfangen, die ich eigentlich abgeschrieben hatte. Sie ist heiß.
Jesse bemerkt meinen Blick und verengt sofort die Augen, sodass ich abwehrend die Hände hebe.
„Lauren, das ist unser alter Freund Cole“, sagt er, ohne den drohenden Blick von mir zu nehmen, und sie wendet sich mit einem Lächeln zu mir um. „Cole, das ist meine Freundin Lauren.“ Er betont die Worte ‚meine Freundin‘ so unnötig stark, dass Connor und ich gleichzeitig grinsen und Lauren sich mit gerunzelter Stirn zu ihm umdreht.
„Hey Lauren“, sage ich und strecke ihr die Hand entgegen. „Du bist das neue Teammitglied von den beiden? Ich war gerade dabei, mich bei ihnen einzuschleimen, um eine Runde mitmischen zu können.“
Sie ergreift meine Hand und lächelt mich strahlend an. „Ganz genau. Wenn du versprichst, sie nicht zu verknittern, leihe ich sie dir gerne.“
„Abgemacht“, sage ich und zwinkere Jesse zu. „Aber jetzt muss ich meine Freundin erstmal wieder ins Bett bringen.“ Ich deute mit dem Kinn auf Amber, die immer noch vollkommen entspannt neben mir steht. „Dann bis später.“
Die Stimmung auf der Tribüne ist bombastisch. Das Rodeo ist komplett anders als alle Sportveranstaltungen, bei denen ich bisher war, denn lustigerweise hat man die ganze Zeit das Gefühl, dass sämtliche Zuschauer einfach alle Teilnehmer gleichermaßen anfeuern. Denen scheint vollkommen egal zu sein, wer gewinnt, solange sie eine gute Show geliefert bekommen.
Als bei der Prüfung, in der die Kühe sortiert werden müssen, eins der Tiere an Lauren vorbei schlüpfen konnte und wieder zurückgerannt ist, ging ein kollektives „Ooooh“ durch die Reihen. Ob es sie getröstet hat, kann ich nicht genau sagen. Denn leider haben sie durch dieses Missgeschick keine Chance mehr auf einen Sieg gehabt. Tiffany war schrecklich enttäuscht deswegen.
Ich habe mich darüber gewundert, dass Lauren mit Domino gestartet ist und nicht mit ihrem eigenen Pferd. Tiff hat mir daraufhin erklärt, dass Jigsaw sich auf der Ranch zwar schon gut macht, und Lauren sie dort immer reitet, aber für ein Event, bei dem es so laut und wild zugeht, sei sie dann doch noch zu schreckhaft.
„Sie ist halt ein Wildpferd“, meinte meine Freundin schulterzuckend. „Kann man ihr nicht übelnehmen, dass sie manche Sachen gruselig findet.“ Das leuchtete mir ein und ich musste über Tiffany grinsen, die inzwischen einen richtigen Sinn für die Vierbeiner entwickelt zu haben scheint. Wer hätte das gedacht?
Connor und Jesse haben schließlich noch eine zweite Chance bekommen, indem sie einfach mit einem anderen Cowboy nochmal angetreten sind. Mir war nicht klar, dass sowas geht. Mit ihm gemeinsam haben sie gut abgeschnitten, aber auch nicht gewonnen.
Tiffany und ich haben hier auf unseren Bänken gesessen und mitgefiebert, als würde es um etwas gehen. Ich muss zugeben, dass ich beeindruckt war, als ich Jesse und Connor in Aktion gesehen habe. Bisher sind sie in meinem Beisein ja immer nur gemütlich vor sich hin geritten und es war nicht zu erkennen, ob sie wirklich wesentlich mehr können als zum Beispiel Lauren. Aber - ach du meine Güte. In dem Moment, als Jesse da unten Gas gegeben und innerhalb von Sekunden das richtige Kalb aussortiert und auf die andere Seite der Arena gescheucht hat, ist mir kurz die Spucke weggeblieben. Tiff ist neben mir fast ausgerastet. Dabei hat sie das Spektakel beim Training auf der Ranch bestimmt schon gesehen.
Alles in allem war der ganze Tag bisher ein Riesenspaß. Und es gab ordentlich was zu sehen. Lauren hat nicht übertrieben.
Der Ersatzspieler von unseren beiden Cowboys war auch nicht schlecht. Er ist ähnlich schnell unterwegs gewesen wie die anderen. Und er ist einer von den attraktiven Cowboys, die Lauren versprochen hat. Glaube ich zumindest. Besonders viel habe ich nicht sehen können, weil er die ganze Zeit in Bewegung war. Und die Hüte machen es einem auch nicht leicht, die Gesichter richtig zu erkennen. Sein Pferd sah aber sehr gut aus. Ungewöhnliche Farbe.
Ebendieses Pferd entdecke ich gerade wieder in der Arena, weshalb ich Connor, der jetzt zwischen Tiffany und mir sitzt, mit dem Ellbogen anstoße.
„Ist das nicht der Typ, der mit Euch zusammen geritten ist?“, frage ich und deute mit der Hand in Richtung des Cowboys. Er positioniert sein Pferd gerade parallel zu der Metallbox, neben der Jesse vorhin noch stand und auf das Kalb gewartet hat. Er hat eine Schlaufe des Lassos zwischen die Zähne geklemmt und den Rest in der Hand. Das ist irgendwie sexy.
„Ja genau“, bestätigt Connor meine Vermutung. „Das ist Cole, ein alter Kumpel von früher. Ziemlich gut.“
„Guter Kumpel oder guter Cowboy?“, frage ich und halte den Blick weiter auf den Mann auf dem Pferd gerichtet, der in diesem Moment dem Helfer zunickt. Ab da geht alles genau so schnell wie bei der Team-Geschichte von Jesse und Connor vorhin. Das Kalb flitzt los, er galoppiert hinterher, wirft das Lasso, wickelt es gleichzeitig um das Horn des Sattels und springt ab. Während er auf das Kalb zustürzt, läuft das Pferd quasi automatisch rückwärts und strafft so das Lasso. Der Cowboy packt das verdutzte Tier am Boden, legt es auf die Seite und fesselt seine Füße. Schon ist alles vorbei.
„Beides, wie man sieht“, lacht Connor und applaudiert grölend. „Wobei man fairerweise sagen muss, dass niemand Cole Mitchels ‚guter Kumpel‘ ist. Er ist immer ein Einzelgänger gewesen. Aber wir sind miteinander ausgekommen, weil wir die gleichen Ziele hatten.“
Damit erregt er mein Interesse und ich wende mich ihm zu. „Was denn für Ziele?“
Er zeigt sein breites Ladykiller-Lächeln und deutet mit dem Kinn nach vorn zur Arena, in der gerade schon der nächste Reiter Stellung bezieht. „Na, beim Rodeo groß rauszukommen, natürlich. Bei mir hat es nicht für allzu viel gereicht. Ich bin leider nicht verrückt genug.“ Na ja, das würde ich bezweifeln. In meinen Augen ist Connor ein Irrer. Aber das behalte ich für mich und bleibe beim eigentlichen Thema.
„Und er ist es?“, frage ich interessiert und halte nach dem bernsteinfarbenen Pferd mit der schwarzen Mähne Ausschau. Aber es ist nicht mehr zu sehen.
