Chefarzt Dr. Holl 2036 - Caroline Steffens - E-Book

Chefarzt Dr. Holl 2036 E-Book

Caroline Steffens

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Beschreibung

Christin Wegner hat ein Riesenproblem. Mit der Miete ist die freiberufliche Journalistin ohnehin schon im Rückstand, und als ihr Vermieter noch mehr Geld will und beinahe handgreiflich wird, bleibt ihr nur die Flucht aus den eigenen vier Wänden. Verzweifelt sucht sie nach einer neuen Unterkunft für Emmi und sich, weiß aber nicht, wohin. Schließlich bleibt ihr nichts anderes übrig, als in eine Gartenhütte einzubrechen - um wenigstens vor Regen und Kälte geschützt zu sein. Christin ist am Ende ihrer Kräfte. Doch es kommt noch schlimmer: Emmi verletzt sich in der Hütte an einer rostigen Sprungfeder. Die Wunde entzündet sich - und schon in der Nacht bekommt das Kind hohes Fieber ...

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Seitenzahl: 141

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhalt

Cover

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(K)‌ein Zuhause für Emmi

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Impressum

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Inhaltsverzeichnis

Inhaltsbeginn

Impressum

(K)‌ein Zuhause für Emmi

Die Wohnungssuche in München lässt ihre Mama zusammenbrechen

Von Caroline Steffens

Christin Wegner hat ein Riesenproblem. Mit der Miete ist die freiberufliche Journalistin ohnehin schon im Rückstand, und als ihr Vermieter noch mehr Geld will und beinahe handgreiflich wird, bleibt ihr nur die Flucht aus den eigenen vier Wänden.

Verzweifelt sucht sie nach einer neuen Unterkunft für Emmi und sich, weiß aber nicht, wohin. Schließlich bleibt ihr nichts anderes übrig, als in eine Gartenhütte einzubrechen – um wenigstens vor Regen und Kälte geschützt zu sein. Christin ist am Ende ihrer Kräfte.

Doch es kommt noch schlimmer: Emmi verletzt sich in der Hütte an einer rostigen Sprungfeder. Die Wunde entzündet sich – und schon in der Nacht bekommt das Kind hohes Fieber ...

Christin Wegner saß vornüber gekrümmt auf ihrem schmalen, abgewetzten Sofa und hielt die Hände vor den Bauch gepresst. Unterdrücktes Schluchzen schüttelte sie. Sie wusste einfach nicht mehr weiter. Aus dem Nebenzimmer drang ein Geräusch, und erschrocken hielt Christin die Luft an. Sie lauschte. War Emmi aufgewacht? Auf keinen Fall sollte die Kleine merken, wie verzweifelt sie war. Es würde ihrem Töchterchen Angst machen und sie wusste nicht, womit sie ihre Kleine dann beruhigen konnte. Schon seit geraumer Zeit nahm das Kind sehr genau wahr, wenn Christin am Ende ihrer Kräfte war.

Drüben war es wieder ruhig. Christin zupfte ein Papiertuch aus der Box und trocknete sich das Gesicht.

Ihr Mobiltelefon, das vor ihr auf dem Couchtisch lag, meldete einen Anruf. Er war von Linda, der Redaktionschefin der digitalen Zeitschrift ›Unsere bunte schöne Welt‹, für die Christin ab und zu Artikel schrieb.

Ihr Blick ging zu der Wanduhr über dem Sideboard. Es war kurz nach 19 Uhr. Im Grunde hatte sie Feierabend, doch wenn sie sich nicht auch noch beruflich ein Problem schaffen wollte, musste sie das Gespräch annehmen. Für Linda existierte kein Feierabend. Sie ging völlig in ihrer Arbeit auf, hatte, soweit Christin wusste, keine Familie und erwartete von allen ihren Mitarbeitern, auch den freiberuflichen, vollen Einsatz zu jeder Tages- und Abendzeit.

Mit zitternder Hand griff Christin nach dem Telefon.

»Hey, Linda«, meldete sie sich.

»Hey, Christin. Was ist los? Hast du dich erkältet?«, fragte Linda, bereits jetzt hörbar unter Stress.

»Nein, ich ...« Sie hätte besser Ja gesagt.

»Was dann? Du klingst fix und fertig«, forschte die Redakteurin.

Christin schnürte es die Kehle zu.

»Ich ... habe Ärger. Mit Wirtz, meinem Vermieter«, gab sie zu.

»Warum? Passt die Nebenkostenabrechnung nicht?«

»Doch, schon.« Sie konnte Linda unmöglich sagen, dass sie mit zwei Monatsmieten im Rückstand war. Und das war ja noch nicht alles.

»Aber?« Linda sprach streng. Eine Erklärung war sie ihr nicht schuldig, doch wenn sie sie nicht vor den Kopf stoßen wollte, was sich womöglich auf ihre Aufträge auswirkte, sollte sie schon ihre Frage beantworten, zumindest teilweise.

»Wirtz besitzt mehrere Häuser mit Mietwohnungen. Er hat bereits zwei davon umfangreich saniert. Jetzt ist das Haus dran, in dem Emmi und ich wohnen. In dem Zug plant er eine drastische Mieterhöhung, die ich mir nicht leisten kann«, gab sie zu.

»Das ist übel«, stimmte Linda sachlich zu. »Du solltest dich nach einer neuen Wohnung umsehen.«

»Das mache ich seit Monaten. Aber es ist nichts Bezahlbares zu finden«, erwiderte Christin.

Linda seufzte. »Ja, das ist ein Problem«, bestätigte die Redakteurin. »Gerade in München, aber sicher auch woanders. Aber warum ich anrufe: Wann bekomme ich den Artikel zu den Einrichtungsmöglichkeiten der Tiny-Häuser?«

Christin presste die Fingerspitzen der rechten Hand gegen die Schläfen.

»Ich ... bin noch nicht dazu gekommen.« Glücklicherweise wusste Linda nicht, dass ihr Auftrag der einzige war, der Christin derzeit vorlag. Im besten Fall ging sie davon aus, dass sie gar nicht wusste, welchen Text sie zuerst schreiben sollte vor lauter Arbeit.

Doch die Furcht, ihre Schulden nicht begleichen zu können und von Wirtz die Kündigung für die Wohnung zu bekommen, lähmte sie derart, dass sie nichts Vernünftiges zu Papier brachte, was ihre Lage immer schwieriger machte.

Wobei sie auch ohne die Kündigung eine andere Wohnung brauchte. Die angekündigte Mieterhöhung war für sie einfach nicht stemmbar.

»Nun, meine Liebe. So kann ich nicht arbeiten«, sagte Linda missbilligend. »Es tut mir wirklich leid, dass du gerade ein paar Schwierigkeiten hast, aber die haben andere Leute auch und die schaffen es trotzdem, ihrer Arbeit nachzugehen. Ich hatte fest damit gerechnet, dass du pünktlich lieferst. Das wäre heute Mittag schon gewesen.«

»Linda, entschuldige. Ich habe gerade heute ...«, setzte sie zu einer Verteidigung an und sah zu dem aktuellen Brief von Wirtz.

»Damit ist mir nicht geholfen. Ich gebe den Auftrag jetzt weiter an Martina. Sie ist schnell und zuverlässig. Melde dich gern bei mir, wenn du deine persönlichen Belange wieder im Griff hast. Bis dahin.« Linda legte auf, ehe Christin noch etwas sagen konnte.

Nun war der Auftrag auch noch weg. Vor Bestürzung konnte sie kaum atmen. Mit der Vergütung dafür hätte sie zwar nicht einmal einen Bruchteil ihrer Schulden zahlen können, aber immerhin wäre für die nächsten zehn bis vierzehn Tage der Lebensunterhalt für sie und ihr Kind gesichert gewesen.

Mit kalten Fingern griff Christin nach dem Schreiben von Wirtz, das er ihr heute per Einschreiben mit Rückschein hatte zukommen lassen.

In deutlichen Worten wies er auf ihre Mietrückstände hin und setzte ihr eine Frist zur Begleichung binnen zehn Tagen. Zudem hatte er eine Änderung des bestehenden Mietvertrages beigefügt, die sie gegenzeichnen und zurücksenden sollte. In der Änderung war die neue Monatsmiete festgehalten, die nach Abschluss der Sanierungsarbeiten zu zahlen war.

Christin legte den Brief zurück auf den Tisch. Sie fühlte sich völlig am Ende. Schuld an ihrer finanziellen Misere waren die stets steigenden Energie- und Lebensmittelpreise sowie ihre dünne Auftragslage. Doch mit diesem Wissen war ihr nicht geholfen.

Sie klappte ihren Laptop auf und begab sich zum x-ten Mal auf Wohnungssuche. Es musste ja nicht direkt in München sein. Hauptsache, sie war bezahlbar, in ordentlichem Zustand und einer Wohngegend, in der sie Emmi unbesorgt aufwachsen lassen konnte.

Die wenigen Wohnungen, die bislang all diese Voraussetzungen erfüllt hatten, hatte sie nicht einmal besichtigen dürfen. Sobald die Vermieter erfuhren, dass sie alleinerziehend war und freiberuflich arbeitete, bekam sie entweder eine höfliche Absage oder gar keine Reaktion.

***

Klaus Wirtz schäumte vor Wut. Die Zehntagesfrist, die er seiner säumigen Mieterin Christin Wegner gestellt hatte, war vergangen, ohne dass die Frau sich bei ihm gemeldet oder gar gezahlt hätte.

Die Kenntnisnahme der Änderung des Mietvertrages war ihm natürlich auch nicht bestätigt worden, doch damit hatte er auch nicht gerechnet. Nachdem die Wegner nicht einmal in der Lage war, die aktuelle Miete zu begleichen, würde sie sich schon gar keine Erhöhung leisten können.

Es war ja auch kein Wunder. Erst ließ sie sich ein Kind anhängen, von einem Kerl, mit dem sie nicht einmal zusammenlebte oder gar verheiratet war, und dann versuchte sie als freiberufliche Journalistin ihr Einkommen zu bestreiten. Bis vor einem Vierteljahr hatte das offenbar noch halbwegs funktioniert. Aber mittlerweile ... Wirtz fuhr sich mit der Hand in den Nacken.

Er war viel zu gutmütig. Die letzten Wochen hatte er sich hinhalten lassen, auch deswegen, weil ihm der Kopf voll mit seinen Sanierungsplänen war. Die Änderungen wurden fantastisch, noch besser als die, die er bei seiner Immobilie in der Glashüttener Straße hatte vornehmen lassen.

Jeder seiner Mieter konnte sich glücklich schätzen, so wohnen zu dürfen. Dass der kleine Luxus seinen Preis hatte, war ja wohl klar und stand ihm auch zu.

Wirtz schlug mit der Faust auf seinen Schreibtisch, sodass einige Stifte ins Rollen gerieten. Einer fiel unter die Tischplatte. Er bückte sich, um ihn aufzuheben und stieß mit dem Kopf an die Kante des Tisches, was seine Wut noch einmal schürte.

Eins war sicher: Mit der Gutmütigkeit war jetzt Schluss. Er würde zum Anwalt gehen, und zwar ohne dass er die Wegner vorher noch einmal an ihre Pflichten erinnerte.

***

Christin saß an ihrem Laptop und versuchte sich an einem neuen Artikel. Linda hatte sich die letzten zwei Wochen nicht mehr gemeldet, aber der Redakteur der Zeitschrift ›Gesundheit plus im Alltag‹ hatte sie beauftragt, einen Beitrag zur Wirksamkeit von Zitrusfrüchten und deren Anwendungsmöglichkeiten zu schreiben.

Emmi spielte in ihrem Zimmer mit ihren beiden Puppen und gab ihnen wechselweise ihre Stimme. Eine Puppe war artig, die andere nicht.

Es schrillte so nachdrücklich an der Wohnungstür, dass Christin zusammenfuhr.

»Mama«, rief Emmi erschrocken und rannte zu ihr. Sie presste sich an sie. »Das war so laut.«

Sie strich ihrer Kleinen über den Rücken.

»Das ist bestimmt der Postbote, der für Frau Engler was abgeben will.« Ihre Nachbarin war Zahnarzthelferin, bestellte häufig im Internet und war zu üblichen Paketlieferzeiten nie zu Hause.

»Hm«, machte Emmi und setzte sich auf das Sofa.

Christin ging zur Wohnungstür und sah durch den Spion. Draußen stand nicht der Postbote, sondern ihr Vermieter. Ihr Herz sackte in den Magen, und in ihr krampfte sich alles zusammen. Seiner Miene sah sie an, wie wütend er war. Sie konnte unmöglich öffnen. Sie war nicht zu Hause. Sie war ...

Wirtz drosch mit der Faust gegen das Türblatt.

»Frau Wegner! Machen Sie auf!«, verlangte er lautstark.

Christins Blick ging zu Emmi, die sie entsetzt ansah.

»Jetzt!«, brüllte Wirtz und schlug erneut gegen die Tür. Sie fürchtete, er würde sich gewaltsam Zutritt verschaffen. Aber würde er so weit gehen? Es war ja sein Eigentum, was er beschädigte.

Nebenan wohnte Horst Kepler, der seit zwei Jahren in Rente war. Er hatte sich schon ab und zu bei ihr beschwert, wenn Emmi eine Freundin aus der Spielgruppe bei sich hatte und die Kinder zu laut gewesen waren. Bestimmt würde er zügig seine Nase in den Flur recken, um zu erfahren, was los war, um es dann in der gesamten Nachbarschaft auszutragen.

Christin öffnete mit zitternder Hand die Tür. Wirtz stürmte förmlich in ihre Wohnung, wobei er sie zur Seite drängte.

»Machen wir es kurz«, fuhr er sie ohne Begrüßung an. »Sie haben weder die Frist für die Begleichung der Mietrückstände eingehalten noch für diesen Monat gezahlt! Was denken Sie sich eigentlich? Ich bin doch nicht die Wohlfahrt! Ich sage Ihnen was, ich war beim Anwalt.«

Seine zornigen Worte prasselten auf sie ein. Sein Gesicht war rot vor Empörung, seine massige Gestalt füllte den kleinen Flur aus.

»Ich habe das Recht auf Zahlungsklage und Pfändung!« Er wurde immer lauter. »Und davor werde ich nicht zurückscheuen! Sie hatten Zeit genug, ich war immer wieder geduldig, und das haben Sie schamlos ausgenutzt.«

Christin hatte den Drang, ins Wohnzimmer zu fliehen und sich schützend vor Emmi zu stellen. Allein seine Wut und Lautstärke mochten ihrer Kleinen fürchterliche Angst machen.

»Mir reicht es jetzt! Und zwar endgültig. Sie sind gekündigt, fristlos, das ist ja wohl klar. Bis morgen sind Sie hier raus. Ich erwarte eine Kontaktadresse, ansonsten erstatte ich Anzeige. Und wegen Ihrer Schulden ...«

»Mama«, brüllte Emmi. Wirtz und Christin sahen gleichzeitig zu der Kleinen, die auf dem Sofa saß und sich mit tränenüberströmtem Gesicht die Ohren zuhielt.

»Morgen um zehn Uhr komme ich wieder. Ich erwarte, dass Sie dann meine Wohnung verlassen haben«, fuhr er sie an, nun in gemäßigtem Ton.

Er trat in den Hausflur und schlug hart die Tür hinter sich zu.

»Emmi.« Christin eilte zu ihrer weinenden Tochter. »Es ist alles gut, du brauchst keine Angst zu haben.«

»Doch«, schluchzte die Kleine. »Der Mann ist ganz böse. Und er ist einfach reingekommen, obwohl du gar nix gesagt hast.«

»Ja, das stimmt.« Sie nahm ihr Kind in den Arm und drückte es an sich.

»Wer war das? Und warum ist er so böse?« Aus tränennassen Augen sah Emmi zu ihr auf.

»Schätzchen.« Christin küsste ihre Tochter auf die Stirn. »Dem Mann gehört die Wohnung hier.« Sie machte eine Handbewegung durch den Raum. »Dafür, dass wir hier sein dürfen, muss ich ihm etwas bezahlen. In letzter Zeit ist alles teurer geworden ...« Sie brach ab. War das, was sie ihrer Kleinen wahrheitsgemäß erzählte, nicht noch zu schwierig für sie, um es zu verstehen?

»Und dann hat dein Geld nicht gereicht?«, fragte Emmi und rieb sich die Tränen weg.

»Genau.« Wäre ihre Lage nicht so schlimm gewesen, hätte sie lächeln müssen. Ihr Töchterchen war ein kluges Kind.

Emmi schniefte. »Ich geb dir meine Spar-Ente«, schlug sie vor. »Da ist noch Geld drin.«

»Das ist so lieb von dir, Emmchen«, sagte Christin gerührt und streichelte der Kleinen den Arm.

»Ich hol sie gleich.« Emmi entwand sich ihr und hüpfte vom Sofa.

»Emmchen, warte.« Behutsam fasste sie nach der Hand ihrer Tochter. Keinesfalls wollte sie sie in ihrem Bestreben, ihr zu helfen, ausbremsen und zurückweisen. Doch wie sollte sie ihr klarmachen, dass Wirtz mit dem wenigen Geld, welches das Kind in seiner Spardose hatte, alles andere als einverstanden sein würde? »Herr Wirtz ist gerade so doll wütend, dass ich glaube, es ist besser, wenn wir wirklich aus der Wohnung ausziehen.«

Emmi ließ den Kopf sinken.

»Aber ich mag hierbleiben und mein Zimmer behalten«, sagte sie niedergeschlagen.

»Das verstehe ich. Wir suchen uns eine neue Wohnung mit einem Vermieter, der nicht so böse wird«, tröstete sie ihre Kleine und hatte das Gefühl, vor dem Nichts zu stehen. Sie suchte ja schon so lange vergeblich.

»Nehmen wir die Sachen aus meinem Zimmer mit? Und alles andere auch?«, fragte Emmi bekümmert.

»Fürs Erste nehmen wir ein bisschen was mit. Den Rest holen wir später«, versuchte sie, das Kind zu beruhigen.

»Aber ich mag alles mitnehmen! Alle meine Sachen.« Eine neue Tränenflut drohte.

»Auf jeden Fall, Schätzchen«, versicherte Christin und hoffte von ganzem Herzen, dass Wirtz nicht umgehend einen Räumungsdienst beauftragte, ihre gesamte Habe zu entsorgen. Doch wahrscheinlich durfte er das gar nicht, oder? Sicher war sie sich nicht. Für den Moment konnte sie nur mit dem Notwendigsten die Wohnung verlassen, und zwar heute noch.

***

Dani Holl schmiegte sich an ihren Freund Niklas, der zärtlich über ihren Rücken streichelte.

»Ich rufe jetzt gleich bei meinen Eltern an«, versicherte sie. »Wir können bestimmt heute noch in unser Ferienhaus am Tegernsee fahren.«

Niklas beugte sich zu ihr und küsste sie.

»Super. Schreibst du mir, wenn du sie erreicht hast? Dann pack ich nach der letzten Vorlesung meine Tasche, du kommst zu mir und wir können los«, sagte er.

»Auf jeden Fall.« Sie freute sich so, ein paar Tage mit ihm am See verbringen zu können. Ab morgen sollte das März-Wetter auch wieder besser werden und auf frühlingshafte 21 Grad ansteigen, mit viel Sonne. Sie konnten Ausflüge machen, am See entlanglaufen und abends auf der Terrasse vor dem Haus sitzen, gewärmt von dem Heizpilz, den ihre Eltern vor einiger Zeit gekauft hatten.

Es würde herrlich werden.

»Dann bis nachher, Süße«, sagte Niklas, küsste sie noch einmal und verließ die Wohnung, die sie sich mit ihrem Zwillingsbruder Marc teilte.

Dani schloss die Tür hinter ihm. Dass er sie oft ›Süße‹ nannte, störte sie ein bisschen. Ehe sie zusammengekommen waren, hatte er die eine oder andere Kommilitonin auch so angesprochen. Doch das wollte sie nicht überbewerten. Hauptsache, die liebkosende Anrede galt jetzt nur noch ihr.

Dani holte ihr Telefon, setzte sich mit untergezogenen Beinen auf das Sofa und wählte die Nummer ihrer Mutter Julia Holl. Ihr Vater, Dr. Stefan Holl, war mit Sicherheit um die Uhrzeit schon in der Berling-Klinik, deren ärztlicher Direktor er war.

»Dani, Liebes, guten Morgen«, klang die Stimme ihrer Mutter voller Herzlichkeit zu ihr.

»Hallo, Mama, guten Morgen«, begrüßte sie sie. »Ich muss dir was erzählen.« Sie glühte innerlich vor Seligkeit. Seit nunmehr drei Wochen war sie mit Niklas zusammen und genoss jede Minute mit ihm.

Bisher hatte sie ihren Eltern nichts davon erzählt. Allzu groß war ihre Sorge gewesen, das neue Glück könnte nicht von Bestand sein. Bis vor Kurzem hatte sie noch ihrem ehemaligen Mitstudenten Noah nachgetrauert, der für ein Auslandssemester nach Italien gegangen war. Laut seinem Instagram-Profil hatte er sich dort in eine Beatrice verliebt, mit der er auf unzähligen Bildern in die Kamera strahlte und Hashtags setzte. #LiebemeinesLebens #Glückforever und dergleichen mehr. Seit Niklas an ihrer Seite war, tat es nicht mehr weh, und Noahs Bild verblasste in ihrer Erinnerung mehr und mehr.

»Wie schön, Dani. Das freut mich sehr«, sagte ihre Mutter herzlich, nachdem sie ihr alles berichtet hatte. »Selbstverständlich könnt ihr das Ferienhaus nutzen. Ich kann nur leider Herrn Schmidbauer nicht Bescheid sagen, dass er für euch einmal durchlüftet und ein paar Kleinigkeiten einkauft. Er ist zu seiner Tochter nach Köln gefahren.«

Schmidbauer achtete auf das Ferienhaus, wenn es nicht genutzt wurde.

»Das macht doch überhaupt nichts, Mama«, versicherte Dani. »Das machen wir alles selbst.«

»Dann habt eine wunderbare Zeit, Liebes«, wünschte ihr ihre Mutter.

»Danke, Mama. Ich schreibe dir wieder, und ich schicke euch Fotos. Auch von Niklas.« Sie kicherte und spürte ein Kribbeln im Bauch. »Du kannst auch gerne Papa davon erzählen. Ich muss jetzt zur Uni.«

»Das mache ich. Bis bald, mein Schatz«, verabschiedete sich ihre Mutter.

Danis Herz schlug rasch vor Freude. Sie konnte es kaum erwarten, mit Niklas unterwegs und am See zu ein.

***