1,99 €
Mit leisem Unbehagen betritt Victoria die Grundschule ihrer Tochter Carlotta, denn sie ist zu einem ernsten Gespräch eingeladen worden. Seit Carlottas Opa sich nachmittags nicht mehr um sie kümmern kann und die Achtjährige in die Betreuung gehen muss, bockt und trotzt sie, wo sie nur kann. Und ihren neuen Lehrer, den "doofen Schulz", kann sie erst recht nicht leiden! Doch diesmal hat Lottchen es wohl zu weit getrieben. Noch einmal tief durchatmen, dann wendet sich Vicky entschlossen dem Klassenraum zu - und erstarrt! Die Beine drohen unter ihr nachzugeben, aber auch ihr verzweifeltes Blinzeln ändert nichts: Der "doofe Schulz" ist niemand anders als Carlottas Vater Mike, Vickys große Liebe, der fast neun Jahre nichts von Lottchen wissen wollte! Und nun soll er täglich in ihrer Nähe sein? Nein! Verzweifelt und zutiefst verwirrt beschließt Vicky, alle Register zu ziehen, um Mike weiterhin aus Carlottas Leben herauszuhalten. Doch das gestaltet sich schwieriger als gedacht ...
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 150
Veröffentlichungsjahr: 2026
Cover
Inhalt
Die Rückkehr des Vaters
Leseprobe
Vorschau
Hat Ihnen diese Ausgabe gefallen?
Impressum
Cover
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsbeginn
Impressum
Ist die kleine Carlotta bereit, ihrem Papa eine Chance zu geben?
Von Caroline Steffens
Mit leisem Unbehagen betritt Victoria die Grundschule ihrer Tochter Carlotta, denn sie ist zu einem ernsten Gespräch eingeladen worden. Seit die Achtjährige in die Nachmittagsbetreuung gehen muss, bockt und trotzt sie, wo sie nur kann. Und ihren neuen Lehrer, den »doofen Schulz«, kann sie erst recht nicht leiden! Doch diesmal hat Lottchen es wohl zu weit getrieben.
Noch einmal tief durchatmen, dann wendet sich Vicky entschlossen dem Klassenraum zu – und erstarrt! Die Beine drohen unter ihr nachzugeben, aber auch ihr verzweifeltes Blinzeln ändert nichts: Der »doofe Schulz« ist niemand anders als Carlottas Vater Mike, Vickys große Liebe, der fast neun Jahre nichts von Lottchen wissen wollte! Und nun soll er täglich in ihrer Nähe sein?
Nein! Verzweifelt und zutiefst verwirrt beschließt Vicky, alle Register zu ziehen, um Mike weiterhin aus Carlottas Leben herauszuhalten. Doch das gestaltet sich schwieriger als gedacht ...
Victoria Jensen saß an ihrem Schreibtisch im Büro der Versicherungsagentur Webner & Partner. Sie überprüfte gerade einige Unterlagen zu einem Wasserschaden in einem Mehrfamilienhaus, als ihr Mobiltelefon läutete, das sich in ihrer Handtasche unter dem Schreibtisch befand. Sie nestelte es hervor und sah in das lächelnde Gesicht ihrer achtjährigen Tochter Carlotta.
»Lottchen, hallo«, meldete sie sich liebevoll. »Was gibt es?«
»Mama, der Opa macht nicht auf. Er hat durch die Tür gerufen, dass er hingefallen ist und nicht aufstehen kann«, hörte sie das aufgeregte Stimmchen ihres Kindes.
»Du liebe Güte!«, sagte Victoria bestürzt. »Ich bin gleich bei euch. Hab keine Angst, Lottchen.«
Rasch verabschiedete sie sich von ihrer Tochter, die jeden Tag nach der Schule zu ihrem Großvater ging. Er versorgte sein Enkelchen mit einem Mittagessen, war ansprechbar, wenn sie bei den Hausaufgaben Fragen hatte, und betreute die Kleine, bis Victoria von der Arbeit kam. Sie hatte täglich um halb fünf Feierabend. Von der Versicherungsagentur bis zum Haus ihres Vaters brauchte sie mit dem Auto etwa fünfzehn Minuten.
Victoria ließ ihr Handy in die Handtasche gleiten, stand vom Schreibtisch auf und eilte ins Büro ihres Vorgesetzten, das gleich nebenan lag. Sie klopfte, doch Rainer Kolpe bat sie nicht herein. Sie öffnete die Tür einen Spalt. Er saß nicht an seinem Schreibtisch. Victoria hatte es eilig. Sie konnte sich unmöglich im Haus auf die Suche nach ihrem Chef machen. Ihr Vater brauchte Hilfe, und Carlotta stand vor verschlossener Tür.
Victoria eilte ein Stockwerk tiefer, zum Empfang. Dort saß Berrit Schneider. Rasch informierte sie sie, dass sie in einer privaten Angelegenheit zwingend außer Haus musste, und bat sie, Kolpe zu verständigen.
Berrit zog kritisierend die Augenbrauen hoch. »Du kannst doch nicht einfach weg«, bemerkte sie spitz. »Wenn das jeder machen würde ...«
»Es ist unvermeidbar. Ich arbeite die Stunden natürlich nach«, erwiderte Victoria, die sich nicht beirren ließ.
»Unglaublich«, murmelte Berrit missgünstig. Victoria lief durch das Foyer der Versicherung und verließ das Gebäude.
♥♥♥
Carlotta saß in Tränen aufgelöst auf der Stufe vor der Haustür.
»Mama«, rief das Kind, als es die Mutter aus dem Auto steigen sah, und lief ihr entgegen.
»Lottchen, ist bei dir alles in Ordnung? Hast du dich mit Opa durch die Tür unterhalten können?«, fragte sie und nahm die Kleine rasch in den Arm.
»Nein, hab ich nicht, und nix ist in Ordnung. Ich wollte doch dem Opa erzählen, dass ich im Deutschaufsatz eine Zwei bekommen hab! Aber er hat gar nix darauf gesagt, und er gibt mir auch gar keine Antwort mehr.« Carlotta schluchzte auf.
Victorias Magen zog sich zusammen. Lieber Himmel, was mochte passiert sein? Vielleicht hatte er sich bei dem Sturz den Kopf angeschlagen und war gar nicht mehr bei Bewusstsein.
»Komm, Lottchen.« Sie nahm ihre Kleine an die Hand und eilte zur Haustür. Hoffentlich hatte ihr Vater nicht seinen Schlüssel von innen gegenstecken. Meist zog er ihn ab, damit sie jederzeit ins Haus konnte.
»Papa?«, rief Victoria und schob den Schlüssel ins Schloss. Es kam keine Antwort, aber der Schlüssel ließ sich problemlos drehen.
»Lottchen, bitte warte einen Moment und lass mich erst alleine ins Haus«, bat Victoria. Ihr war übel vor Sorge. Gleich, in welchem Zustand sie ihren Vater auffinden mochte, sie wollte ihrer Kleinen jeden zusätzlichen Schrecken ersparen.
»Aber nur kurz«, erwiderte ihr Töchterchen.
»Ja.« Victoria hoffte, ihre Zusage einhalten zu können. Das Herz schlug ihr bis in die Kehle. Rasch schlüpfte sie ins Haus, die Tür lehnte sie an.
Erhard Jensen lag im Wohnzimmer auf dem Boden. Quer durch den Raum zog sich das Kabel des Staubsaugers. Der alte Herr hielt die Augen geschlossen, stöhnte leise, und seine rechte Hand bewegte sich unruhig über den Teppich. Dieses Lebenszeichen verschaffte Victoria eine erste, kleine Erleichterung.
»Papa.« Sie eilte zu ihm. »Hörst du mich?«
Ihr Vater öffnete die Augen. Sein Blick wirkte verschwommen, seine Miene war schmerzgepeinigt. »Vicky«, flüsterte er.
»Was ist passiert?« Victoria nahm seine Hand.
»Ich ... bin über das Kabel gestolpert«, gab er leise Auskunft. »Ich habe fürchterliche Schmerzen und kann mich nicht einmal mehr umdrehen.«
»Wo hast du Schmerzen?« Welch ein Glück, dass er am Leben war! Sie hatte das Schlimmste befürchtet. Den Kopf hatte er sich wohl nicht angeschlagen. Sämtliche Möbel wie der Couchtisch, die Kommode und das Sideboard standen zu weit von ihm entfernt.
»In der Hüfte und im Bein und im Rücken und überall«, sagte er stöhnend.
»Opa!« Carlotta kam ins Haus und ins Wohnzimmer.
»Lottchen, es tut mir so leid, dass ich dir nicht aufmachen konnte«, versicherte er.
Die Kleine kniete sich neben Victoria. »Warum bist du denn hingefallen, Opa?«
»Ich wollte staubsaugen, hatte das Kabel schon eingesteckt und dann hat das Telefon geläutet, und auf dem Rückweg ...« Erhard Jensen brach ab und stöhnte erneut unterdrückt auf. Ihm stand der Schweiß auf der Stirn.
»Papa, du musst in die Klinik und wahrscheinlich geröntgt werden«, sagte Victoria besorgt. »Ich rufe einen Krankenwagen.«
♥♥♥
Victoria sah auf die Uhr. Nun lag ihr Vater schon zwei Stunden in der Notaufnahme, und niemand informierte sie zu seinem Gesundheitszustand. Sie meinte, sämtliche Ungewissheiten einfach nicht mehr auszuhalten, und konnte doch nichts tun, außer zu warten.
Carlotta saß im Aufenthaltsbereich der Klinik an einem niedrigen Tisch für Kinder und malte lustlos mit den bereitgestellten Buntstiften ein vorgedrucktes Bild aus, das ein Einhorn zeigte.
Flüchtig ging Victoria durch den Kopf, dass die Kleine sicher Hausaufgaben aufhatte, die bis zum anderen Tag zu erledigen waren. Wenn es in der Klinik noch sehr viel länger dauerte, würde Carlotta zu müde sein, um sie noch zu machen. In dem Fall würde sie ihr für den nächsten Schultag eine Entschuldigung wegen der nicht erledigten Aufgaben mitgeben.
Dazu kam Kolpe, ihr Chef. Er würde außer sich sein, weil sie einfach ihren Arbeitsplatz verlassen hatte. Ins Büro brauchte sie heute nicht mehr zurückzukehren, inzwischen war ohnehin gleich Feierabend. Bestimmt hatte Kolpe zwischenzeitlich mehrfach auf ihrem Handy angerufen, um zu erfahren, was los war. Sie hatte es auf stumm geschaltet. Sie war jetzt nicht in der Lage, mit irgendwem zu telefonieren. Erst musste sie wissen, was mit ihrem Vater war.
Eine erschöpft wirkende Ärztin mittleren Alters kam über den Flur. »Frau Jensen?«
»Ja.« Victoria atmete flach.
»Mein Name ist Doktor Wohlrab, ich bin die behandelnde Ärztin Ihres Vaters«, sagte die Frau. »Er hat sich bei seinem Sturz die Hüfte gebrochen. Wir müssen operieren, um den Knochen wieder zu stabilisieren und um Komplikationen zu vermeiden. Es ist besser, Sie und Ihre Tochter gehen nach Hause. Sie können Ihren Vater morgen besuchen.«
»Die Hüfte gebrochen?«, wiederholte Victoria erschrocken. Sie hatte an eine Prellung gedacht, eine Zerrung, vielleicht auch an eine ausgerenkte Hüfte.
»Wie kann denn das sein? Mein Vater ist auf einen weichen Teppich gefallen.«
Frau Doktor Wohlrab nickte. »So ein Bruch geht rasch, gerade im Alter Ihres Vaters. Er ist jetzt achtundsiebzig Jahre, nicht wahr?«
»Siebenundsiebzig«, korrigierte Victoria. Sie konnte es nicht glauben. Tatsächlich hatte sie sogar gehofft, ihren Vater nach umfassender Versorgung heute noch, spätestens aber morgen, wieder mit nach Hause nehmen zu können. »Wie lange muss er in der Klinik bleiben?«
»Schwer zu sagen«, antwortete Frau Doktor Wohlrab. »Es kommt auf den Heilungsverlauf an. Ich schätze etwa zehn Tage, wenn alles gut abläuft. Lebt Ihr Vater alleine?«
»Ja«, erwiderte Victoria. »Warum?«
»Es ist gut möglich, dass er nach dem Klinikaufenthalt Unterstützung braucht«, sprach die Ärztin weiter. »Im Alter Ihres Vaters ist solch eine Fraktur eine schwerwiegende Verletzung. Es kann sein, dass seine Mobilität dauerhaft eingeschränkt ist.«
»Lieber Himmel«, murmelte Victoria. In ihr zog sich alles zusammen vor Sorge. Ihr Vater war sein Leben lang sehr aktiv gewesen. Bis heute hatte er seinen Haushalt alleine geführt, kümmerte sich ums Rasenmähen und den Baumschnitt in seinem Garten und ging sehr gerne spazieren. Sollte das alles nicht mehr möglich sein?
»Kommen Sie gut nach Hause«, verabschiedete sich Doktor Wohlrab.
»Ja, danke«, erwiderte Victoria beklommen.
♥♥♥
Victoria saß ihrem Vorgesetzten, Rainer Kolpe, in dessen Büro gegenüber.
Streng sah er sie an. »Es tut mir wirklich leid für Ihren Vater, Frau Jensen. Dennoch geht es nicht, dass Sie einfach Ihren Arbeitsplatz verlassen wegen privater Angelegenheiten. Zudem habe ich fünf Mal versucht, Sie telefonisch zu erreichen!«
»Ich war in der Klinik. Ich hatte das Handy ausgeschalten«, ließ Victoria ihn wissen. Kolpe hatte sie gleich zu sich zitiert, kaum dass sie an diesem Morgen an ihrem Arbeitsplatz eingetroffen war.
»Nun denn.« Er lockerte seinen Hemdkragen. »Ich hoffe sehr, so etwas wiederholt sich nicht.« Victoria gab keine Antwort. Das hoffte sie natürlich auch, doch irgendwelche Zusagen konnte sie nicht machen. »Ich ziehe Ihnen für gestern einen halben Tag Urlaub ab, und wir vergessen das Ganze.«
»Danke«, sagte Victoria. »Ach, da fällt mir noch etwas ein. Sowie mein Vater aus der Klinik kommt, brauche ich ein paar Tage frei. Es gibt einiges zu regeln. Möglicherweise braucht er zukünftig im Alltag Unterstützung.« Sie hatte keine Ahnung, wie sie es bewerkstelligen sollte, zu arbeiten und sich um Carlotta und um ihren Vater zu kümmern. Doch irgendwie musste es gehen. Er war auch immer für sie da gewesen und für ihre Kleine. Nun brauchte er sie.
»Ach so. Ja, ja. Sagen Sie einfach rechtzeitig Bescheid, dann dürfte es keine Schwierigkeiten geben. Und nun muss ich zu einer Besprechung. Gute Besserung für Ihren Vater, Frau Jensen.«
»Danke.« Victoria stand auf, verließ den Raum und ging nach nebenan in ihr Büro. Sie setzte sich hinter ihren Schreibtisch, stützte die Ellbogen auf die Tischplatte und drückte die Fingerspitzen gegen die Schläfen. Wie sie heute arbeiten sollte, war ihr ein Rätsel. Ihre Gedanken waren bei ihrem Vater, bei Carlotta und ihrer aller Zukunft.
Die Operation war gut verlaufen. Das hatte sie heute in aller Frühe erfahren, als sie in der Klinik angerufen hatte. Nach der Arbeit konnte sie ihren Vater besuchen. Carlotta ging heute nach der Schule zu ihrer Freundin Lina. Dort konnte sie auch bis zum Abend bleiben.
Doch wie sollte alles in Zukunft werden? Wie konnte sie ihren Vater unterstützen?
Und was wurde nun mit Lottchen, die seit dem Kindergartenalter nachmittags von ihrem Großvater liebevoll betreut wurde? Auch für ihr kleines Mädchen brauchte sie eine andere Lösung. Egal, wie diese aussah, Lottchen würde vermutlich todunglücklich sein. Sie liebte ihren Opa sehr.
Es klopfte, und ihre Kollegin und Freundin Nele sah zur Tür herein.
»Hey, Vicky«, sagte sie, betrat den Raum und schloss die Tür hinter sich. »Was war denn gestern los?«
Rasch berichtete Victoria ihr, was geschehen war.
»Das ist ja schlimm. Das tut mir leid«, sagte Nele voller Anteilnahme. Sie hatte sich auf die Kante des Schreibtisches gesetzt.
»Ich kümmere mich auf jeden Fall um ihn, sobald er wieder zu Hause ist. Für Lottchen muss ich mir auch etwas überlegen. Er kann sie nicht mehr betreuen so wie bisher.«
»Das ist klar. Es wird unter den neuen Umständen sicher zu viel für deinen Vater, auf die Kleine aufzupassen.«
»Ja. Vielleicht kann ich sie in die Nachmittagsbetreuung des Kindergartens geben, den sie vor der Schule besucht hat«, überlegte Victoria. »Sie kann nach dem Unterricht hinlaufen. Es ist nicht weit.« Sie merkte, dass sie versuchte, sich selbst Mut zuzusprechen.
»Und wie möchtest du dich um deinen Vater kümmern? Möchtest du mit Carlotta zu ihm ziehen?«, fragte Nele.
»Das geht nicht. Das Haus ist zu klein. Ich müsste zusammen mit Lottchen in meinem ehemaligen Kinderzimmer wohnen.«
»Das ist keine langfristige Lösung«, erwiderte Nele. »Weder du noch deine Tochter haben einen Rückzugsort.«
»Eben«, erwiderte Victoria. »Und zu uns kann mein Vater auch nicht. Wir wohnen im dritten Stock ohne Aufzug und haben auch nur drei Zimmer.«
Nele nickte bedächtig. »Du musst pendeln«, stellte sie fest.
»Ja«, sagte Victoria. »Das geht schon. Es ist nicht so weit. Mit dem Auto sind es nur ein paar Minuten. Ich kann von zu Hause aus für ihn kochen und ihm das Essen mitbringen. Seine Wäsche nehme ich mit, und am Wochenende mache ich bei ihm sauber.«
»Nimm dir nicht zu viel vor, Liebes. Das ist dauerhaft nicht zu schaffen.«
»Doch. Ich schaffe das. Papa war immer für mich da. Er hat mich fast ganz alleine großgezogen, nachdem meine Mutter ...«
»Ich weiß«, unterbrach Nele sie.
»Und um Lottchen hat er sich auch gekümmert. Ich kann ihn jetzt nicht im Stich lassen.« Plötzlich war sie den Tränen nahe. Nele stand von der Schreibtischkante auf und strich ihr über die Schulter. Es war alles so plötzlich gekommen, so unerwartet.
»Vielleicht erholt er sich schneller und besser, als du jetzt denkst«, tröstete sie sie.
Victoria zog ein Taschentuch aus ihrer Schreibtischschublade und putzte sich die Nase. Sie hoffte es ja auch so sehr.
♥♥♥
Victoria saß mit Carlotta am Küchentisch. Andächtig aß die Kleine ihr Abendessen, Bratwurst mit Kartoffelbrei.
»Wie war es bei Lina?«, fragte Victoria, die selbst keinerlei Appetit hatte.
»Gut«, versicherte Carlotta und schob sich ein Stück Wurst in den Mund.
»Lottchen, es gibt ein paar Dinge, über die wir sprechen müssen«, fuhr Victoria fort. »Opa ist krank, das weißt du.«
»Hm«, machte die Kleine und gab Kartoffelbrei auf ihre Gabel.
»Er ist operiert worden und muss noch eine Weile im Krankenhaus bleiben.«
»Hm«, machte Carlotta wieder und sah auf ihren Teller.
»Und das wiederum heißt, du kannst die nächste Zeit nach der Schule nicht zu ihm«, ergänzte Victoria den wesentlichsten Punkt des Gesprächs.
»Weil er ja nicht zu Hause ist«, fügte ihre Tochter hinzu. »Aber wenn er zurück ist, darf ich wieder zu ihm, ja, Mama?« Die Kleine sah auf.
»Natürlich darfst du wieder zu ihm. Nur kann er wahrscheinlich nicht mehr auf dich aufpassen«, gab Victoria zu, so schwer es ihr auch fiel. Sie musste Lottchen wenigstens darauf vorbereiten. Sollte es dann doch anders kommen und ihr Vater wieder völlig wohlauf sein, konnte man ja neu planen.
»Das macht nichts. Dann passe ich auf ihn auf«, versicherte Carlotta.
Gerührt strich Victoria ihrer Kleinen über den Arm.
»Das ist ganz lieb von dir«, sagte sie und beschloss, dieses Thema nicht zu vertiefen.
»Lottchen, du weißt, dass ich arbeiten muss«, sprach sie weiter. Und weil Opa jetzt im Krankenhaus ist und du noch nicht alleine zu Hause bleiben kannst, habe ich mir überlegt, dass du nach der Schule für eine Weile wieder in den Kindergarten gehen kannst«, sagte sie.
»In den Kindergarten?« Empört sah Carlotta sie an. »Aber ich bin doch schon viel zu groß dafür.«
»Natürlich. Du sollte ja auch nicht richtig in den Kindergarten gehen, sondern in die Nachmittagsbetreuung. Dort bekommst du ein Mittagessen und kannst deine Hausaufgaben machen. Frau Küster, die du ja noch von früher kennst, hilft dir, wenn du Fragen dazu hast. Und später kannst du mit den anderen Kindern dort spielen, bis ich dich abhole.«
»Frau Küster ist die Anna, oder?« Carlotta krauste das Näschen.
»Genau.«
»Hm«, machte ihr Töchterchen. »Aber nur, bis der Opa wieder heimkommt, ja?«
»Das sehen wir dann«, wich Victoria aus.
♥♥♥
Victoria hielt die Hand ihres Vaters, der in seinem Klinikbett lag. Er war bleich, hatte dunkle Ringe unter den Augen, und sie sah ihm an, wie sehr er sich grämte. Er tat ihr unendlich leid. Zeitlebens war er ein positiver, energiegeladener Mann gewesen, der sich nicht hatte unterkriegen lassen, ganz gleich, was ihm widerfahren war.
Jetzt wirkte er wie in sich zusammengefallen. Es schmerzte sie zutiefst. So gerne hätte sie ihm neuen Mut gegeben!
Dank der Medikamente, die er bekommen hatte, hatte er keine Schmerzen. Doch die Prognose, die Frau Doktor Wohlrab gestellt hatte, machte ihm gewaltig zu schaffen. Auf Rollstuhl und Rollator sollte er angewiesen sein, vermutlich dauerhaft, hatte er Victoria eben erzählt. Dafür war sein Haus nur sehr bedingt geeignet.
»Vicky, bitte, versprich mir, dass ich nicht in ein Heim muss.« Er umklammerte ihre Hand.
»Niemals, Papa«, versicherte Victoria erschrocken. »Wir lassen bei dir zu Hause einen Treppenlift einbauen, dann kommst du problemlos von einem Stockwerk ins andere, ja?«
»Ja. Danke, mein Mädchen.« Er lockerte seinen Griff. »Kümmerst du dich darum?«
»Selbstverständlich«, versprach sie. »Und die Türschwellen lasse ich auch austauschen, damit du gut darüber kommst. Außerdem komme ich jeden Tag nach der Arbeit zu dir, am Wochenende sowieso.«
»Es tut mir so leid, Vicky, dass ich dir so viele Mühen mache. Und natürlich auch wegen Lottchen«, sagte ihr Vater mit rauer Stimme.
»Du machst mir keine Mühen«, antwortete Victoria, obwohl es nicht die Wahrheit war. »Und Lottchen geht es gut, auch wenn sie dich natürlich sehr vermisst.«
»Alles wegen dieses dummen Kabels«, schimpfte Erhard Jensen.
»Es war ein Unfall. So was passiert. Wer hatte denn angerufen?«
»Ach, nur Petra Schmittner, wegen des jährlichen Klassentreffens. Dabei weiß sie genau, dass ich da gar nicht hinwill«, regte ihr Vater sich auf.
»Petra Schmittner? Hat sie etwas mit dem häuslichen Pflegedienst Rolf Schmittner zu tun?«, fragte Victoria.
»Ja. Das ist ihr Sohn. Aber komm mir bitte nicht auf die Idee, mir jemand Fremdes ins Haus zu schicken. Ich bin sicher, wenn ich mich ein wenig erholt habe und du mir ein bisschen zur Hand gehst, komme ich nach wie vor alleine zurecht«, sagte ihr Vater, und sie hörte Angst und Aufregung in seiner Stimme.
