Chicago Affair - Niko Arendt - E-Book

Chicago Affair E-Book

Niko Arendt

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Beschreibung

Sean Grandy ist ein typischer Pechvogel. Das Leben meint es gar nicht gut mit ihm. Seine Frau häuft immer mehr Schulden an und auf der Arbeit geht alles drunter und drüber. Seans Chef macht ihm ein teuflisches Angebot, das er nicht abschlagen kann und seine Kollegen tuscheln hinter seinem Rücken. Als wäre das nicht genug, gerät Sean auch noch ins Visier eines nervigen und gemeinen Kollegen.

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Seitenzahl: 582

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Niko Arendt, Kathy Clark

Chicago Affair

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Widmung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Impressum neobooks

Widmung

Für unsere Schwester Kriky.

Glaube mehr an dich.

***********

Das war eine verdammt schwere Geburt, aber, hey, hier ist es.

Wir haben’s geschafft und so schaffen wir auch alles andere. Ein Schritt nach dem anderen und wir kommen dort an, wo wir schon immer sein wollten.

***********

„Lebe, sei glücklich und mache andere glücklich.“

Mary Shelley

Kapitel 1

Chicagos frische Sommerbrise wehte durch die großen, weit geöffneten Panoramafenster des modernen Büros in der Chefetage der Firma Morra Bourdain Systems.

Dumpf drangen die Geräusche des nachmittägigen Verkehrs in die oberen Etagen. Sie wurden vom Wind fortgetragen, bis nur noch ein brummendes Rauschen, dem des Meeres gleich, übrig blieb.

Wie gerne hätte Sean sich von dem Wind davon tragen lassen. In seiner Fantasie schwebte er schwerelos über die Dächer der monströsen Bürobauten, die verzweigten überfüllten Straßen entlang und an der hektischen Menge Menschen vorbei, die wild ihrem hastigen Leben hinterherjagten. Verlockend war der kurze Augenblick, den er in Freiheit genießen würde.

Allerdings wäre das Ende seines Ausflugs weit weniger verlockend. Mit einem ekelhaften Platschen, platter als ein Pfannkuchen in der Pfanne, würde er unten aufschlagen. Von ihm würden nicht mehr als gebrochene Knochen und Blut übrig bleiben. Sean dachte kurz über dieses Schicksal nach. Vielleicht war es doch gar keine so schlechte Idee.

„Gefeuert?“, stotterte er ungläubig. Er erkannte seine Stimme kaum wieder. Sein ansonsten männlicher, etwas rauchiger Bariton war verwässert und dünn. Trotz der Vorhalte mancher Kollegen, dem Missfallen, die ewigen Diskussionen und dem elenden Gemaule und Gemecker, hatte er selbst seinen Chef für fair gehalten. Aber diese Kündigung war scheiß unfair. Was für ein Arschloch.

Und das ohne den leisesten Hinweis. Einfach so. Kein ‚Hallo, du hast einen Fleck auf dem Hemd, der mir nicht gefällt. Könnte sein, dass ich dich deswegen rausschmeiße.‘

Aber besser wäre: ‚Hey, such dir schon mal was Neues. Ich plane dich zu feuern. Verlier nicht gleich den Kopf, ich warte so lange, bis du was Neues findest.‘

Stattdessen ließ er ihn sofort ins offene Messer laufen. Viel schlimmer war jedoch das heuchlerische Lächeln auf dessen Gesicht, das Seans glorreiche Zukunft in kleinste Einzelteile zerhackte.

„Mr. Grandy, ich hatte Sie damals eingestellt, weil ich das Gefühl hatte, Sie seien besonders. Mehr, als das, was in Ihrer lahmen Bewerbung stand. Sie hatten so ein Feuer. Verstehen Sie?“

Nein. Eigentlich verstand er überhaupt nichts. Klar, dieser Job war ein absoluter Glücksgriff. Trotz seiner Ausbildung und ein paar ansehnlicher Referenzen und Weiterbildungen reichten seine Qualifikationen bei Weitem nicht aus, um von solch einem bedeutsamen und expandierenden Unternehmen eingestellt zu werden. Aber Sean hatte es probiert, sein bestes Foto für die blöde Bewerbung raus gekramt, sich mit Hochprozentigem Mut in der Toilette angetrunken. Und dann hatte Bourdain ihn mit selbigem Lächeln, das ihm damals nicht so verlogen vorgekommen war, in seiner Firma willkommen geheißen.

„Als Sie mir vor einem Monat die Hand reichten, war es um mich geschehen. Sie verdrehten mir den Kopf. Ich dachte, Sie seien mein Mann.“

Irritiert neigte Sean den Kopf zur Seite. Er fand die Wortwahl unglücklich, sagte aber nichts.

Bourdain erhob sich aus seinem gut gepolsterten Chefsessel und ging mit bedächtigen Schritten zu der verglasten Innenfront des Büros, um die Rollläden zu schließen. Sean schnürte es die Kehle zu.

„Leider“, Bourdain wurde ernst, „sind Sie mehr mit sich selbst beschäftigt. Machen zu viele Pausen. Reden, anstatt zu arbeiten, und telefonieren oft.“

Sean hätte am liebsten bei jedem zweiten Wort protestiert. Denn er wusste, dass einige seiner hoch geschätzten Kollegen mehrstündige Auslandstelefonate auf Kosten der Firma führten und dass sich die Koffeinzombies bereits nach einer Stunde die zehnte Tasse Kaffee aus dem Automaten zogen, anstatt ihrer eigentlichen Arbeit nachzugehen.

Gerade als Sean etwas zu seiner Verteidigung sagen wollte, setzte Bourdain erneut an. „Würden Sie die gleiche Energie in Ihre einfache und doch bedeutende Arbeit stecken, wie in ihre Eheprobleme, dann müssten wir dieses unangenehme Gespräch nicht führen.“

Bourdain setzte sich zurück in seinen Bürostuhl. Mit einer eleganten Bewegung strich er einige Strähnen seiner gewellten, braunen Haare zurück, die ihm in die Stirn gefallen waren. Seine Körperhaltung strahlte bittere Enttäuschung aus, was Sean mächtig aufgesetzt vorkam. Mit seinen azurblauen Augen fixierte er Sean.

„Haben Sie etwas dazu zu sagen?“, fragte der Brünette unschuldig und schlug die Beine wichtigtuerisch übereinander.

Dieses Arschloch.

Dieser Idiot.

Dieser reiche, überhebliche Schnösel.

Wie hatte ich nur so gut von ihm denken können?

Was wusste dieser blasierte Affe schon über seine Ehe? Sicher beneidete er ihn um diese Schönheit. Das musste er nicht. Sie war hübsch. Mehr nicht.

Wenn Sean jetzt den Mund aufmachen würde, bestand die Gefahr, dass er von seinem Wortschatz an provokativen Obszönitäten Gebrauch machte. Oder, er würde - was wesentlich schlimmer als jegliche verbale Beschimpfung wäre - auf die Knie fallen und Bourdain erbärmlich um Gnade anbetteln. Nein, er hatte seinen verdammten Stolz.

Mit todernstem Gesicht schlug er beide Handflächen auf den Tisch seines Chefs, sodass jenem beinahe die Tasse entkoffeinierten Kaffees aus den Händen rutschte, nach der er gegriffen hatte.

„Selbstverständlich habe ich etwas zu sagen!“

Ein guter Anfang, fand er. Gespannt richtete Bourdain einen scharfen Blick auf ihn. Blickkontakt war gut. Sehr gut. Er musste selbstbewusst wirken.

Nach einem zähen Augenblick, indem Bourdain zweimal an seiner Kaffeetasse nippte und dann fragend die Augenbrauen hochzog, entschloss Sean sich endlich den Mund aufzumachen.

„Das können Sie nicht tun!“

„Warum nicht? Ich bin der Boss. Ich kann tun, was ich will.“

Das klang nicht besonders professionell, oder? Eher kindisch.

Sean zeigte ihm seine offenen Handflächen, was seinerseits eine Geste für Armut sein sollte. „Ich habe Schulden. Eine Familie, die ich-.“

„Ich wusste nicht, dass Sie Kinder haben.“

„Habe ich nicht.“

„Eine Ehefrau ist keine-.“

„Ich habe einen Hund. Punchy! Punchy ist ein übergewichtiger, alter Labrador. Er ist inkontinent und braucht Windeln. Wovon soll ich die bezahlen? Hundewindeln sind scheißteuer.“

Wild gestikulierend versuchte er seinen unbedeutenden Worten Ausdruck zu verleihen. Bourdain konnte unmöglich wissen, dass Punchy in hohem Alter in die ewigen Hundejagdgründe gegangen war, als Sean sich noch Sorgen um Pickel, Zahnspangen und dem misslungenen Blondieren seiner Haare Gedanken gemacht hatte.

„Ich werde mein verdammtes Haus verlieren. Dann bin ich obdachlos. Meine Frau muss sich prostituieren, während ich die Passanten um eine kleine Spende anbettele und ihre Verachtung ertragen muss. Nehmen Sie denn keinen Anteil am Schicksal Ihrer Mitmenschen?“

„Nein.“

„Nein?“ Es entstand eine lange Pause. „Das hätte ich jetzt nicht erwartet.“

„Seien Sie nicht melodramatisch.“ Belustigt schürzte Bourdain die Lippen.

„Bitte feuern Sie mich nicht.“ Sean war um den Tisch herumgegangen und stand Bourdain von Angesicht zu Angesicht gegenüber, während er ein mitleiderregendes Gesicht verzog und mit den letzten Worten sein unwürdiges Dasein besiegelte. „Ich tue alles für diesen Job. Alles.“

Einen verhängnisvollen, schwermütigen Moment lang starrte Bourdain ihn aus seinen kalten Augen heraus an. Und dann ging alles verflucht schnell. Sein Chef griff nach der billigen, braunen Krawatte mit den grünen Punkten, die Seans Frau ihm zu Weihnachten geschenkt hatte und welche dieser aus ganzer Seele verabscheute. Er hätte sie auch in den Tiefen seiner Sockenschublade verrotten lassen, wenn Amanda sie heute nicht zutage gefördert hätte. Fakt war, dass seine Lippen nur wenige Zentimeter von Bourdains entfernt waren. Abrupt in der Bewegung innehaltend, starrte er seinen erbärmlichen Angestellten in Grund und Boden.

„Sind Sie etwa käuflich, Mr. Grandy?“

Eine abscheuliche Gänsehaut bildete sich auf Seans Unterarmen, als sich fremde Lippen brutal auf die seinen legten. Sein Gehirn erlitt einen Kurzschluss, infolge der Flut an Gefühlen, die ihn überrannten. Error! Ohne Erfolg auf 100-prozentige Genesung.

Überrascht schnellten Seans Augenbrauen in die Höhe. Ihm blieb überhaupt keine Zeit zum Reagieren. Aber wie sollte man auch reagieren, wenn die Zunge des Chefs dem Gaumen schmeichelte?

Während sich die forsche Zunge, über seine Zähne und Zunge hinweg bis tief in seinen Hals hineinbohrte, versuchte Sean, sich vergeblich loszureißen. Doch der Griff um seine Krawatte war fester als erwartet, und Bourdain zog ihn zielstrebig immer näher zu sich herunter. Die gutturalen Laute, die er dabei ausstieß, waren ziemlich verstörend. Sanft streichelte Bourdains warmer Atem Seans Wange.

Lodernde Hitze breitete sich in Seans Mund aus und betäubte seine Sinne gänzlich, sodass seine Beine unter ihm nachzugeben drohten. Er klammerte sich ungewollt an den Armlehnen des Bürosessels, in der trüben Hoffnung nicht gleich ohnmächtig zu werden.

Eigenartige Gefühle rumorten in seinem Bauch. Fragen nach dem Grund des unerwarteten Kusses, bis hin zu pornografischen Visionen, davon wie Bourdain ihn leidenschaftlich auf dem teuren Mahagonitisch seines Büros nahm. Angesichts der Hand, die sich zwischen seine Beine geschlichen hatte, war diese Vorstellung gar nicht abwegig.

Japsend kämpfte Sean sich los, doch Bourdain war schneller, umfasste mit langen Fingern seinen Nacken in einem so eisernen, harten Griff, dass Sean schwarz vor Augen wurde. Mit den Fingerspitzen streifte er sein blondes Haar und verhakte seine Finger darin.

Mit einiger Gewalt hielt Sean Bourdains andere Hand davon ab, erneut seinen Oberschenkel entlang zufahren.

Sobald Sean zu der Erkenntnis kam, dass er um einiges muskulöser als sein Chef und somit stärker war, schaffte er es endlich sich loszureißen. Nicht aber ohne mit dem rechten Arm die Hälfte des Büromaterials vom Tisch zu fegen, die Topfpflanze mit seinem breiten Rücken niederzumähen und einen Teil der Rollläden herunter zu reißen. Vielleicht hatte er Bourdain auch mit der Hand am Kopf erwischt. Er hoffte es. Verdient hätte es dieser Perverse allemal.

Hektisch rappelte Sean sich auf, penetrant darauf achtend dem anderen nicht in die Augen zu blicken. Ohne ein weiteres Wort hechtete er Richtung Tür, stolperte unglücklich, öffnete die Tür schneller, als das er ausweichen konnte und donnerte schmerzhaft dagegen. Es verstrichen noch einige verhängnisvolle Sekunden, in denen er mit Bourdain alleine in einem Raum eingepfercht war.

Vorbei an den verdutzten Blicken der Sekretärin sprintete Sean mit Mordstempo den Flur entlang und die Treppe herunter. Er hielt erst an, als er völlig außer Atem, die Tiefgarage des mehrstöckigen Gebäudes erreichte. Es grenzte an ein Wunder, dass er sich bei der Geschwindigkeit nicht das Genick gebrochen oder wenigstens einen Fuß verstaucht hatte. Aber das konnte Amanda sicherlich noch für ihn übernehmen.

Auf dem Heimweg beachtete Sean die Verkehrsregeln kaum, nahm anderen Autofahrern die Vorfahrt und riss beinahe eine dürre Frau von ihrem Sportrad. Seine Gedanken kreisten unfokussiert in seinem Kopf herum, kamen jedoch immer wieder zu einem jähen Ende, als er an Bourdains Lippen dachte. Er konnte ihn auf seiner Zunge schmecken, an seinem Hemd riechen und seine Finger in seinem Haar spüren.

Die Fahrt war die reinste Qual für seinen Geist, aber viel schlimmer, war das, was ihn zu Hause erwartete. Noch bevor er richtig in die Einfahrt gefahren war, wurde die Haustür aufgerissen und eine zierliche Frau mit langen, blonden Haaren kam ihm entgegen. Aber nicht vor Sorge, das wusste Sean zu gut.

Sein Chihuahua Anakin rannte voller Vorfreude zur Tür, bemerkte aber schnell die Anspannung und verzog sich schneller als Sean blinzeln konnte wieder ins Innere. Anakin hasste es, wenn sie stritten.

„Was in Teufels Namen hast du hier zu suchen?“, schleuderte sie ihm zischend entgegen, obwohl sie ihn freudig anstrahlte und ihm sogar einen Kuss auf die Wange drückte. Alles Show, falls ein Nachbar zufällig aus dem Fenster blicken sollte.

„Hast du gekocht, Schatz?“, fragte Sean unschuldig und lenkte bewusst vom Thema ab, als er ihre Schürze und das Messer in ihrer Hand bemerkte. Ihr Lächeln wurde um einiges breiter. Es war so falsch, wie ihre gespielte Zärtlichkeit.

„Sei nicht albern. Und lenk nicht vom Thema ab.“

Sie hatte ihn schnell durchschaut.

„Also, was hast du angestellt?“

Kapitel 2

„Was?“, schrie sie mit hoher Stimme. „Was soll das heißen?“

„Dass ich mir einen neuen Job suchen muss“, antwortete er. Leider wieder falsch.

„Willst du mich provozieren?“

„Natürlich nicht, Schatz.“

„Wir haben hart dafür gearbeitet, damit du diese Stelle bekommst. Opfer gebracht.“

Sean fand, dass sie übertrieb. Er hatte nicht das Gefühl, dass sie das gemeinsam durchgestanden hätten. Allerdings wusste er sehr wohl, wie wichtig ihr seine Stelle gewesen war. Wie sie vor den Nachbarn und ihren Freundinnen angegeben hatte. Sie war es auch, die darauf bestanden hatte, dass er sich dort bewarb.

Um keine unnötige Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, verlegten sie ihr hitziges Gespräch vom Vorgarten ins Esszimmer. Jetzt musste Amanda nicht einmal das falsche Lächeln aufrechterhalten und tobte mit voller Wucht. Dabei befand sich das Messer noch immer in ihrer Hand. In regelmäßigen Abständen zerteilte sie die Luft, um ihrer Wut die entsprechende Glaubhaftigkeit zu verleihen.

„Schatz, bitte leg das Messer weg. Du könntest dich verletzen.“ Oder mich. Sean sah sich nach Anakin um, konnte ihn aber nirgends entdecken. Er würde ihm auch keine Hilfe sein.

„Ich kann damit umgehen. Und du lenkst schon wieder vom Thema ab“, schimpfte sie. Plötzlich hielt sie inne und starrte ihn mit ihrem kritischen Blick nieder. „Wie siehst du überhaupt aus?“

Kopflos war er aus dem Büro gestürmt und nach Hause gefahren, ohne einen letzten Blick in den Spiegel zu werfen. Gut, dass Bourdain keinen Lippenstift trug, ansonsten hätte sie ihn sofort einer Affäre bezichtigt. Bestimmt war sein Haar zerzaust, das Jackett verknittert und die Krawatte verrutscht. Vergeblich versuchte er sie zu richten, konnte aber nicht mehr viel retten.

„Ich will nicht mehr zurück“, sagte er stattdessen mit fester Stimme. Zumindest glaubte er, sie sei es. Es war nicht gut ihre Fragen zu ignorieren, aber ihr würde er gewiss nicht erzählen, was passiert war.

„Ist das so eine ich-bin-ein-Mann-und-viel-zu-stolz-Sache?“

Nein. Es war eine ich-bin-ein-Mann-aber-mein-Chef-will-mich-trotzdem-vögeln-Sache.

Ihn übermannte das schlechte Gewissen, obwohl er in dieser Situation eindeutig das Opfer war. Schließlich hatte Bourdain ihn geküsst und nicht umgekehrt. Er konnte diesem Mann nicht mehr ins Gesicht blicken, ganz egal, was seine Frau von ihm erwartete. Das, was sein Chef von ihm erwartete, war um Einiges schlimmer.

„Das hat mit Stolz nichts zu tun“, erwiderte er matt. Den besaß er schon lange nicht mehr.

„Es hat immer mit Stolz zu tun.“

„Bourdain ist mit meiner Arbeit nicht zufrieden. Er will-.“

„Etwas anderes habe ich jetzt auch nicht erwartet.“ Sie zeigte mit der Messerspitze auf ihn, während sich der Zeigefinger ihrer anderen Hand schmerzhaft in Seans Brust bohrte. „Du musst dich mehr engagieren, dann nimmt er dich auch wieder zurück!“

Die Version von sich selbst und Bourdain, nackt, auf dessen Büroschreibtisch schob Sean schnell beiseite, als diese bei Amandas Worten vor seinem inneren Auge auftauchte.

„Wenn du wüsstest, was er getan hat“, flüsterte er mehr zu sich selbst, als zu ihr gewandt, doch natürlich hatte sie wieder alles mitbekommen.

„Das sind doch alles nur Ausreden, Sean. Wenn du wolltest, dann hättest du viel mehr erreicht. Immer muss ich dir vorher in den Arsch treten, damit du dich bewegst“, wütete sie.

„Dann solltest du mich während der Arbeit nicht mehr anrufen.“

„Was hat das mit mir zu tun?“

„Er meinte, ich telefoniere zu viel mit dir.“

„Hat er das so gesagt? Und lüg mich nicht an, ich sehe, wenn du lügst.“

„Nicht direkt, aber-.“

„Das waren also nicht seine Worte.“

Sean fiel es schwer zu argumentieren. Sobald Amanda sich in Rage geredet hatte, wollte sie nicht mehr hören, was er zu sagen hatte.

„Also telefonierst du allgemein zu viel, anstatt zu arbeiten.“

„Aber ich telefoniere doch nur mit dir“, gab Sean verzweifelt zu bedenken.

„Du brauchst die Schuld nicht auf mich abzuwälzen. Wenn du keine Zeit für meine Anrufe hast, kannst du das sagen.“

„Dafür hast du doch kein Verständnis.“

„Wie bitte?“

Sean ließ den Kopf hängen. Er hatte nicht die Absicht mit ihr zu streiten, so miserabel wie er sich momentan fühlte. Eigentlich wollte er nur ein wenig Ruhe. Ruhe, um Nachdenken zu können.

„Als Ehefrau darf ich wohl ab und zu auch mal anrufen. Ansonsten vergisst du noch, dass ich existiere.“

„Das würde ich nie, Amanda.“ Seans Stimme nahm einen flehenden Ton an. „Du rufst einfach zu oft an.“

„Sei nicht albern“, antwortete sie. Eine ihrer Lieblingsfloskeln in ihren Gesprächen. „So oft rufe ich gar nicht an. Du telefonierst nebenbei bestimmt noch mit anderen Frauen.“

Sean hatte die Befürchtung, das Ganze könnte in einem verdammten Streit um seine Treue ausarten, weshalb er sein ramponiertes Nokia Handy hervorholte und ihr auf dem noch schwarz-weißen Bildschirm die Anrufliste zeigte. An manchen Tagen verzeichnete die Chronik beinahe alle 10 Minuten einen eingehenden Anruf.

„Aber Schatz, ich telefoniere nur mit dir. Sieh dir die Liste an. Du hast mich letzten Dienstag insgesamt 27 Mal angerufen.“

Sie machte eine wegwerfende Handbewegung, mit der sie - wie Sean inständig hoffte - das Handy versehentlich aus seiner ausgestreckten Hand fegte. Er traute sich nicht, es aufzuheben. Nicht einmal mit Snake würde er sich dann noch ablenken können.

„Du gehst jetzt zurück und regelst das! Wenn du dich dafür ein bisschen demütigen lassen musst, dann tut das deinem Ego nur gut.“

Der Blonde stieß einen winselnden Laut aus. Ihre Zweideutigkeiten bereiteten ihm Bauchschmerzen. Aus ihrem Mund klang alles so banal und einfach.

„Nicht heute.“

„Sofort.“

Sie drängte ihn mit aggressiver Zielstrebigkeit in Richtung Haustür.

„Du setzt keinen Fuß in dieses verdammte Haus. Nicht bevor du diese Angelegenheit geregelt hast. Und zwar zufriedenstellend. Für alle!“

Das waren ihre letzten Worte, bevor die Tür mit ohrenbetäubenden Lärm ins Schloss fiel. Sie wusste ja gar nicht, was sie da redete. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in Seans Magen aus. Irgendwie hatte er gehofft, die Situation würde besser laufen. Besser für ihn.

Ihm blieb nichts anderes übrig, als sich ergeben ins Auto zu setzen und davon zu fahren. Eine ganze Weile fuhr er ziellos umher.

Er könnte zu Bob, seinem früheren Chef fahren. Ihn darum bitten, ihm seinen alten Job zu geben. Allerdings war es sehr unwahrscheinlich, dass er ihn wieder aufnehmen würde. Für Bob waren seine Mitarbeiter wie eine Familie und er nahm ihnen eine Kündigung furchtbar übel.

Und Amanda würde ihn trotzdem nicht ins Haus lassen. Sie hasste Bob. Und sie hasste sein Gehalt dort.

Spätabends lenkte er seinen Wagen auf einen ausgestorbenen Parkplatz in der City. Der Motor erstarb ächzend nach der langen Fahrt. Die Tankanzeige bewegte sich im unteren Bereich und erinnerte ihn dezent daran sein Gefährt zu füttern. Mit einem lauten Knurren revoltierte Seans Magen in der Stille.

Sean blickte aus dem Fenster und bemerkte, wo er geparkt hatte. Die Computerfirma, in der er arbeitete, erhob sich wie ein riesiges, gläsernes Ungetüm in den sich verdunkelnden Abendhimmel. Erhaben thronte es über all die anderen Gebäude in Chicago hinweg. Morra Bourdain Systems stand in großen Lettern auf der glatten Außenfassade.

In einem der oberen Etagen brannte Licht. Sean seufzte. Bourdain war noch da. Aber sein Mut reichte nicht aus, um zu ihm zu gehen. Während er über seine missliche Lage grübelte, verschiedene Möglichkeiten in seinem Kopf abspielte, die allesamt nicht zu seinem Vorteil endeten, nickte er ein. Seine schweren Augenlider schlossen sich ganz automatisch und forderten endlich die Ruhe ein, die er seinem Geist den Tag über verwehrt hatte.

Ein plötzliches Klopfen ließ ihn hochschrecken. Dabei stieß er sich das Knie am Lenkrad seines Wagens an. Mit schmerzverzogenem Gesicht suchte er nach der Ursache für das unsanfte Erwachen. Ein erneutes Klopfen lenkte seine Aufmerksamkeit in die richtige Richtung. Und was er sah, gefiel ihm gar nicht.

In der diffusen Dunkelheit des Parkplatzes, der zwar durch zahlreiche Lampen beleuchtet war, dessen Schein aber nicht ausreichte, um etwas zu erkennen, erhob sich eine schemenhafte Gestalt.

Verwirrt beobachtete Sean, wie die Gestalt ihren Arm zur Autotür hin bewegte. Und diese öffnete. Unbewusst machte er sich auf einen Angriff gefasst, bis er eine ihm vertraute Stimme wahrnahm.

„Was machen Sie noch hier?“ Sean war sich sicher, dass Bourdain nicht die Stimme erhoben hatte, aber in seinem Zustand schien es ihm, als würde er ihn anbrüllen. Mit einer nervösen Bewegung fuhr er sich über das Gesicht und dann durch das dichte, dunkelblonde Haar.

„Ich wollte-,“ stotterte Sean und blickte in das im Dunkel verborgene Gesicht. Es war schwer zu lesen, was sein Chef von ihm dachte. Er selbst fand sich ziemlich erbärmlich. Vermutlich sah Bourdain das genauso.

„Ich wollte mit Ihnen reden“, gab er dann mit etwas mehr Festigkeit in der Stimme zurück und stieg ungeschickt aus dem Auto aus. Bourdain trat einen Schritt zurück, stand aber für Seans Geschmack trotzdem nicht weit genug von ihm entfernt.

„Und worüber?“, fragte Bourdain, als Sean selbst nach einigen Minuten noch nichts sagte.

„Ich will meinen Job zurück.“ Nervös strich Sean sich über seinen Bauch, während Bourdain lässig die Arme vor der Brust verschränkte. Das Blau seiner Augen wirkte jetzt düster, die Andeutung eines Lächelns sarkastisch.

„Sagten Sie nicht, Sie würden alles für den Job tun? Das taten Sie aber nicht.“

„Damit meinte ich sicher nicht, dass ich Ihre kleine Büroaffäre werde“, flüsterte Sean leise und verschwörerisch, als habe er Angst von jemandem gehört zu werden, obwohl sie ganz alleine waren. Nicht einmal Insekten schwirrten durch die Nacht.

„Wieso nicht?“, fragte Bourdain unverblümt und Sean wunderte sich wieder einmal über dessen Unverfrorenheit. „Alles, bedeutet alles. Oder sehe ich das falsch?“

Darauf konnte Sean nichts erwidern. Das sagte man eben so. Das sagten alle so.

„Sie hätten die Dinge, die Sie nicht bereit sind für den Erhalt Ihres Arbeitsplatzes zu erbringen, ausklammern müssen.“ Bourdain machte den Schritt, den er zurückgetreten war, wieder vor, sodass Sean sich ungewollt fester in das unnachgiebige Metall der Autotür presste. ‚Ich tue alles für den Job, außer mit Ihnen zu schlafen.‘ Warum haben Sie denn nicht das gesagt, Mr. Grandy?“

Ein Kloß in der Größe einer rollenden Schneelawine bildete sich in seinem Hals und erschwerte Sean das Schlucken erheblich.

„Ich denke bei dieser Aussage doch nicht gleich daran, dass Sie mir die Zunge in den Hals stecken“, erwiderte Sean empört, erhob aber nicht die Stimme.

„Warum nicht?“

„Weil ich ein Mann bin.“

„Und ich darf Sie nicht attraktiv finden, weil Sie ein Mann sind?“

„Sie finden mich attraktiv?“ Das schien Sean zu amüsieren. Unmerklich blähte sich seine Brust vor Stolz auf.

Bourdain lehnte sich ein wenig zu ihm. „Oder ich bin sexuell frustriert.“

Und die Luft war schneller raus, als aus einem Luftballon, der in der Sonne gelegen hatte.

„Und da finden Sie niemand Williges für Ihre Fantasien?“, witzelte Sean.

„Ich finde meinen verzweifelten, männlichen Angestellten zu nötigen, indem ich ihn vor ein Ultimatum stelle, ziemlich erregend.“

„Charmant“, erwiderte der andere trocken. „Mit Ihrem Aussehen haben Sie in Ihrer Szene bestimmt kein Problem jemanden abzuschleppen?“

„Was denn für eine Szene? Die der sexuell frustrierten, reichen und erfolgreichen Computerfreaks?“

Bourdain schnaubte. Sarkasmus triefte schwer von jeder Silbe seiner Worte. Sean glaubte alten Frust und unreifen Hunger aus seiner Aussage herauszuhören, wollte sich aber darauf nicht festlegen. Es gelang ihm nicht sein Gegenüber einzuschätzen, schließlich lernte er heute eine ganz andere Seite von ihm kennen. Eine, von der er nicht einmal geahnt hatte, dass sie existierte.

„Nein, mal ganz ehrlich. Warum sind Sie alleine?“, fragte Sean mit ernster Stimme und ehrlichem Interesse. Er spürte die Wärme des anderen Mannes, empfand sie aber nicht als unangenehm. Nicht in diesem sich selbst bemitleidenden Moment.

„Warum schlafen Sie im Auto, auf dem Parkplatz der Firma, aus der man Sie rausgeschmissen hat?“

„Fragen beantwortet man nicht mit Gegenfragen.“

„Wieso nicht?“

„Weil das anstrengend ist.“

„Soll ich Sie stattdessen lieber küssen?“

„Lieber nicht. Ich will nicht fortsetzen, was Ihre Hand im Büro angefangen hat.“

„Ich schon.“

„Das war zu erwarten.“

Nach ihrem kurzen Schlagabtausch kehrte klammes Schweigen ein, das Sean schlimmer fand, als mit seinem Boss darüber zu reden, mit ihm Sex zu haben. Wenigstens redeten sie miteinander. In der Stille konnte Bourdain noch auf Einfälle kommen, die über bloße Worte hinausgehen würden. Und so war es auch.

Der Brünette streckte seine Hand nach Sean aus, die dieser nicht sehen, aber an seiner Taille spüren konnte. Die Hitze schien ein Loch in sein Hemd zu brennen. Das Licht spielte reizvoll mit Bourdains Gesichtszügen, die eine widersprüchliche Mischung aus Amüsement und Hohn waren.

„Haben Sie es sich überlegt, Mr. Grandy?“, fragte er rau und Sean konnte deutlich seinen Atem in seinem Gesicht spüren. Er roch nach Aftershave und Pfefferminz, welches eine kühle Distanz schaffte. „Jetzt kennen Sie die Bedingungen für eine Wiedereinstellung.“

Sean atmete rasselnd aus. „Sie wissen, dass ich verheiratet bin.“

Bourdains Oberlippe kräuselte sich. „So gut kann Ihre Ehe wohl nicht laufen, wenn Sie mir auf dem Parkplatz auflauern.“

Sean überhörte das mit der Ehe und konzentrierte sich lieber auf Bourdains Arroganz. „Ich hab Ihnen bestimmt nicht aufgelauert. Ich habe mich mental auf ein Gespräch vorbereitet.“

„Und? Ist es gelaufen, wie Sie es sich vorgestellt haben?“

„Ganz und gar nicht.“

„In Ihrer Version habe ich Sie bestimmt angefallen und mit Haut und Haaren gefressen.“

„So was in der Art.“

„Rotkäppchen und der böse Wolf?“

„Hänsel und Gretel.“

„Tatsächlich?“ Bourdain kam ihm wieder ein Stück näher. Sean presste den Rücken ins Auto, aber es schmerzte nur, deswegen ließ er es bleiben. „Die böse Hexe bin nicht ich, denn die hält Sie daheim an der kurzen Leine.“

„Nein, Sie locken doch mit Süßigkeiten.“ Sean räusperte sich erneut. „Lassen wir das mit den Metaphern, mir schwirrt schon der Kopf.“

Bourdain schlug die Augen nieder und der Glanz, der in ihnen lag, als er Sean wieder ansah, bereitete diesem Unbehagen. Ihre Knie und Oberschenkel berührten sich. Bourdains Hand lag noch immer in seiner Taille, darüber hinaus passierte aber nichts.

„Wo schlafen Sie heute Nacht?“, fragte der Brünette unschuldig. „Soll ich Sie irgendwo absetzten?“

„Ich bin selbst mit dem Auto da.“

„Und der Tank ist bestimmt leer.“

Woher weiß er das bloß? Es war nicht schön, wie dieser Mann ihn durchschaute, während Sean nicht die blasseste Ahnung hatte. Irritiert zog er die Augenbrauen zusammen. Bourdain war ihm unheimlich.

Mit der freien Hand, die teilnahmslos an seiner Seite heruntergehangen hatte, strich Bourdain über Seans Brust, dem die Nackenhaare zu Berge standen. Sean schielte zu seinem Auto.

„Nein“, sagte er unsicher. Es hörte sich nach einer Frage und nicht nach einer Aussage an.

„Schwach“, konterte Bourdain und mit einem Mal wurde die Situation todernst. „Sie sind erbärmlich. Wenn Sie sich wenigstens das eingestehen würden. Ihre Frau hat Sie ganz schön unter dem Pantoffel, wenn Sie hier auftauchen mit der ernsthaften Absicht auf meine Forderungen einzugehen. Sie haben nicht die Courage ihr die Meinung zu sagen. Aber auch nicht die Gelassenheit, um sich von ihrem Boss vögeln zu lassen. Entscheiden müssen Sie sich aber irgendwann.“

Bourdain wirkte richtig außer Atem.

„Gehen Sie nach Hause, Mr. Grandy. Kommen Sie wieder, wenn Ihnen ein paar Eier gewachsen sind.“

Ein widerlicher, pelziger Geschmack belegte Seans Zunge, während sein Magen revoltierte, als habe er Gift getrunken. Bourdains dunkle Gestalt wurde kleiner. Dann war sie vollkommen aus seinem Blickfeld verschwunden und nur das Echo seiner Berührung blieb warnend zurück.

Kapitel 3

Zerknittert, mit stechenden Rückenschmerzen und steifem Nacken erwachte Sean mit den ersten Sonnenstrahlen. Die Autotür öffnete er unter erheblichen Anstrengungen, hievte den linken Fuß heraus und ließ den Rest von sich herausfallen wie überreifes Obst. Zu mehr war er nicht in der Lage.

Der Asphalt war kalt und binnen weniger Sekunden spürte Sean Nässe durch sein Jackett und seine Hose dringen. Es musste nachts geregnet haben. Er konnte sein Glück kaum fassen. Wenn er schon mal hier unten war, sollte er sich vielleicht gleich auch das Gesicht in der Pfütze waschen.

Stöhnend richtete er sich auf und versuchte den groben Schmutz mit den Händen abzuklopfen, was die feuchten Flecken aber nicht schöner machte. Sein Haar stand wild von seinem Kopf ab, während tiefe Augenringe seine Verwandtschaft zu den Pandabären vermuten ließ. Rote und weiße Striemen zeichneten sich auf seiner Wange ab, da er die ganze Nacht auf irgendwas gelegen hatte, das einen deutlichen Abdruck auf seinem Gesicht hinterlassen hatte.

Sean streckte den Rücken durch, spürte die Wirbel einrasten, dann zog er einmal kräftig an seinem Jackett und machte sich selbstbewusst Richtung Eingangstür. Dort stellte er fest, dass sein Code bereits gesperrt worden war. Niedergeschlagen ließ er den Kopf hängen. Er hatte vor allen anderen ins Büro gehen wollen, damit keiner seinen erbärmlichen Zustand bemerkte. Bourdain war sicherlich schon dort.

Unsicher blickte er durch die Scheibe in die Eingangshalle. Bis auf ein paar Wachmänner, war es noch ausgestorben. Vergeblich versuchte er ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und ihnen pantomimisch zu zeigen, dass er seine Karte vergessen hatte. Sie bemerkten ihn nicht.

Eine unerwartete Berührung an seiner Schulter ließ ihn hochschrecken.

„Was machen Sie hier?“, fragte eine zaghafte Frauenstimme leise.

Sean wirbelte herum. Vor ihm stand eine schlanke junge Brünette in einem grauen Kostüm. Sie saß drei Blöcke von ihm entfernt. Ihr Name war…

„Nancy?“, fragte er unsicher.

„Ja. Sie kennen mich?“

„Ich bin’s. Sean Grandy.“ Sean strich sich durchs Haar und hoffte, dass sie ihn wiedererkennen würde. Einige verhängnisvolle Sekunden verstrichen, in denen sie ihn interessiert musterte.

„Wurden Sie überfallen?“

Sean wollte gerade abwinken, als er sich eines Besseren besann. „Ja. Und die Schweine haben mir auch meine Schlüsselkarte geklaut. Ich muss in mein Büro, um den Zweitschlüssel fürs Auto zu holen. Nachdem sie erkannt haben, was das für eine Rostlaube ist, hatten sie keine Motivation mehr es zu klauen. Die Schlüssel wiedergegeben haben sie mir aber nicht.“

„Oh mein Gott, Sie Ärmster. Wie lange stehen Sie denn schon hier? Haben Sie die Polizei informiert?“

„Das werde ich. Ganz sicher. Aber ich würde doch gerne nach Hause fahren und mich ein wenig frisch machen.“

„Das kann ich verstehen.“ Ihr skeptischer Blick durchbohrte ihn. Er hoffte, dass ihre Gutmütigkeit ausreichen würde, um seiner lahmen Lüge Glauben zu schenken. Das tat sie.

Bevor die Sicherheitsleute ihn bemerken konnten, schlüpfte Sean unauffällig durch die Tür zum Treppenhaus.

Im zweiten Stock verließ Sean das Treppenhaus und nahm den Lift nach oben in die Chefetage. Mit Erschrecken stellte er das Ausmaß seiner nächtlichen Schlafaktion im Auto fest. Aus der verspiegelten Innenverkleidung des Lifts blickte ihm ein Mann entgegen, den er selbst kaum wiedererkannte. Vergeblich versuchte er seine Haare mit etwas Spucke platt an seinen Kopf zu drücken, aber die widerspenstigen Strähnen weigerten sich ihm zu gehorchen.

Das unheilvolle Zing! des Fahrstuhls signalisierte, dass er angekommen war. In der Hölle. Sean atmete zwei Mal tief ein und aus, dann betrat er den Flur.

Augenblicklich flog der Kopf der Sekretärin im Vorzimmer hoch. Noch war praktisch niemand im Gebäude und schon gar nicht unterwegs zum Chef, um ihn gleich morgens zu stören. Bei seinem Anblick rutschte ihr die Brille von der Nase. Sie wirkte wie ein Geier, der gerade ein Stück Aas erblickt hatte. Sean schaffte es ganze drei Meter weit zu kommen, als sie hinter ihrem Schreibtisch hervorsprang und ihm den Weg versperrte.

„Wo wollen Sie denn hin, Mr. Grandy? Sie haben nach Ihrer Kündigung keinerlei Befugnis sich in diesem Gebäude aufzuhalten.“

Sie wusste davon. Selbstverständlich. Schließlich war sie Bourdains persönliche Sekretärin. Aber sie würde kein Hindernis darstellen, dachte er zumindest. Leider irrte er auch diesmal.

Erfolgreich hielt sie ihn mit vollem Körpereinsatz davon ab, sich zur Tür des Büros vorzuarbeiten. Ihre Rechte umschlang seinen Oberarm, während sie übers Headset den Sicherheitsdienst verständigte. Er hatte nur noch wenige Minuten, bevor er sich mit schmerzenden Gliedern auf der Straße wiederfinden würde.

Grob stieß er ihr seinen Ellenbogen in die Brust, was nicht besonders gentlemanlike war, aber ihm gingen die Optionen aus. Schnell riss er die Bürotür auf und wollte gerade im Raum dahinter verschwinden, als die Tür zurückfederte und krachend ins Schloss fiel. Sean spürte den Schlag der Vollholztür an der Wange. Zu seinem Pech hatte er sich gerade nach der Sekretärin umgesehen. Benommen taumelte er zurück.

Im Hintergrund hörte er die schweren Schritte des Sicherheitsdienstes im Flur widerhallen. Nur noch wenige Sekunden.

Unkoordiniert stolperte Sean mit der Sekretärin im Schlepptau durch die Tür. Sie hatte sich in seinem Jackett festgekrallt und ihre Stilettos in den weichen Teppichboden gerammt. Sean spürte, wie der Stoff unter ihren Nägeln nachgab. Schlimmer konnte es wirklich nicht mehr kommen.

Dann erblickte er Bourdain. Missfallend sah er die beiden Störenfriede an, als wären sie Außerirdische von einem anderen Planeten. Seine himmelblauen Augen lagen hauptsächlich auf Sean.

„Ich muss mit Ihnen sprechen, Mr. Bourdain. Diese Angelegenheit duldet keinen Aufschub“, sagte er mit unerwartet sicherer Stimme.

Sein Chef musste nur die Hand heben und das kreischende Teufelsweib verschwand, wie durch Zauberhand zusammen mit dem Sicherheitsdienst, der polternd eingetroffen war.

So macht er das also. Einfach schnippen und jeder tat, was er wollte. Nicht mit mir.

Sobald sie alleine waren, musterte Bourdain Sean mit regem Interesse. Der Blonde glaubte, dass er sowohl Häme, als auch Sehnsucht in seinen Augen erkannte. Was absolut widersprüchlich war. Unerwartet begann er seinen Chef anzuschreien.

„Das ist-,“ Sean unterbrach sich selbst, um peinlich berührt die Tür zu schließen, bevor er fortfuhr. Dieses Mal etwas leiser.

„Das ist sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz. Ich könnte Sie anzeigen.“

Ein süffisantes Lächeln umspielte Bourdains Lippen, während er die Arbeit, mit der er vor der unbedeutenden Unterbrechung beschäftigt war, fortsetzte. Er ignorierte Sean, so als ob er ein Lüftchen wäre, das aus den geöffneten Fenstern herein wehte.

Drohend kam Sean näher. Zumindest hoffte er, bedrohlich zu wirken. Trotzig reckte er das Kinn in die Höhe und ließ seine Brust anschwellen, wobei er sich wie ein Gockel vorkam, der eine Henne umwarb.

„Haben Sie gehört, was ich gesagt habe?“, fragte Sean mit tiefer drohender Stimme.

„Witzig, dass Sie die ganze Nacht gebraucht haben, um das auszubaldowern.“

„Sie gehen ins Gefängnis.“

Bourdain lächelte erneut, bevor er amüsiert sein Gegenüber betrachtete.

„Nein, das tue ich nicht“, antwortete er mit gelassener Arroganz.

„Tatsächlich?“

Sean kam sich erschreckend erbärmlich vor. Sein Zorn war wie weggeblasen. Seine Naivität pinkelte ihm wie üblich dreckig lachend ans Bein. Er war nicht Furcht einflößend genug. Jedes anständige Menschenwesen hätte diesem verabscheuungswürdigen Ekelpaket mit einem Tritt die Kronjuwelen zerschmettert oder wenigstens eine deftige Ohrfeige versetzt. Er dagegen wollte nur noch die Flucht ergreifen.

„In weniger als zehn Sekunden hätten meine Anwälte Sie fertiggemacht. Dann würden Sie wegen Verleumdung einsitzen. Sie hätten weder Geld, noch Würde und binnen weniger Tage, sicherlich auch keine Unschuld mehr.“ Bourdain zog die Augenbrauen hoch, als ob ihm der letzte Punkt seiner Ansprache besonderes Vergnügen bereiten würde.

„Sobald Sie wieder draußen sind, werden Sie keinen besseren Job, als den eines Putzmanns bekommen, das ist Ihnen doch klar.“

Sean schwieg, sichtlich überrumpelt von der traurigen Wahrheit. Verschwörerisch laut tickten die Sekundenzeiger der großen, goldenen Uhr hinter ihm, wie ein unheilvolles Ungeheuer, während seine nicht gerade rosige Zukunftsversion, vor seinem geistigen Auge ablief.

„Sie wissen schon, was Sie da verlangen.“

„Nein, was verlange ich denn?“, fragte Bourdain mit Unschuldsmine.

„Ich soll mich für Sie prostituieren“, flüsterte Sean heiser. „Ich bin vielleicht verzweifelt, aber nicht total bescheuert.“

„Und was wollen Sie dann hier?“

„Das ist unmoralisch.“

„Was interessiert mich das? Sie haben immer noch die Wahl. Und können einfach verschwinden. Wenn Sie sonst nichts mehr zu sagen haben, dann entschuldigen Sie mich bitte, Mr. Grandy. Ich habe zu arbeiten.“

Indem Bourdain sich seiner Arbeit widmete, signalisierte er Sean, dass für ihn das Thema erledigt war. Sean ließ die Schultern hängen. Und ging.

Niedergeschlagen fiel sein Blick auf die Sekretärin, die ihn missgelaunt beäugte und die Hand bereits nach ihrem Telefon ausstreckte, als er auf dem Absatz kehrt machte und erneut in Bourdains Büro zurückstampfte.

Das war unmoralisch, aber ohne den Job war er schlimmer dran und vielleicht würde Bourdain sich ja noch besinnen. Er konnte ihn immer noch von seinen Fähigkeiten als wertvoller Mitarbeiter überzeugen. Seine Chancen standen besser, wenn er blieb. Nüchtern musste er die Wahrheit akzeptieren, dass er sich nicht in der Lage befand, dieses Angebot, egal wie vermessen es war, abzulehnen.

Die Rollläden vor der Glasfront waren noch immer zugezogen. Allerdings waren sie repariert worden. Sean versuchte seinen Verstand aus der Situation rauszuhalten. So schlimm würde es schon nicht werden.

Oder?

Holden Bordain stand am Fenster seines Büros, während er über die Stadt hinweg blickte. Ihm entfuhr ein überraschter Seufzer, als Sean ihn herumdrehte und ihre Lippen hart aufeinander legte. Überrumpelt stolperte er zurück. Seine Oberschenkel stießen gegen seinen Schreibtisch und Sean schaffte es sogar ihn so ungestüm zu schubsen, dass Holden den Bildschirm seines PCs umwarf.

Er durfte einfach nicht darüber nachdenken.

Weniger denken.

Das funktioniert nicht!

Sean spürte die Panik in seinem Inneren aufkeimen. Da half es auch nicht an quietschende, kleine Hundewelpen oder Blumengestecke zu denken. Es änderte nichts daran, dass die Lippen unter den seinen fest waren, der Dreitagesbart seines Chefs seine Wange aufscheuerte und der bittere Geschmack, von dessen morgendlichem Kaffee seine Zunge belegte.

Es war Holden, der den Kuss abrupt beendete, indem er ihn grob zurückstieß. Sein Atem ging schwer, als er sich mit der Handfläche über den Mund wischte.

„Sind Sie denn komplett von Sinnen?“

Kapitel 4

Irritiert starrte Sean sein Gegenüber an. Keinen einzigen Ton brachte er über die Lippen. Er erwachte erst aus seiner Starre, als Bourdain ihn zum wiederholten Mal ansprach.

„Hören Sie überhaupt, was ich sage? Erde an Grandy! Erde an Grandy!“ Der Brünette schnippte mit den Fingern vor Seans Gesicht, um dessen Aufmerksamkeit zu erlangen.

„Was sollte das werden, Mr. Grandy?“, fragte er brüsk.

„Was?“, Sean wirkte verwirrt. „Da-Das wollten Sie doch.“

„Was?“

„Na, das hier.“ Vergeblich versuchte der Blonde, mit den Händen, die Situation einzufangen.

„Damit habe ich nicht gemeint, dass Sie die Erlaubnis haben über mich herzufallen und mir die Zunge in den Hals zu stecken, verdammt“, zischte er.

„Aber gestern haben-.“

„Das war gestern, nicht heute.“

„Was wollen Sie denn dann? Ich bin verwirrt.“

„Das ist ja nichts Neues“, murmelte Bourdain gereizt.

Ergeben warf Sean die Hände in die Luft, dann setzte er sich geschlagen auf die Kante des edlen Bürotisches. Er hatte nicht mehr die Kraft aufrecht zu stehen. Ein mulmiges Gefühl ergriff von ihm Besitz und rumorte in seinem Inneren wie ein hungriges Ungetüm.

Um seine Hände zu beschäftigen, stellte er die umgeworfenen Utensilien wieder auf. Währenddessen suchte Bourdain nach seinem Headset, das bei ihrer unerwarteten körperlichen Aktion irgendwo zwischen Stuhl und Tisch gefallen war.

Mit seriöser Professionalität entschuldigte er sich bei seinem Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung für die Unterbrechung. Erst da erkannte Sean, dass es eventuell ungebetene Zuhörer gegeben haben könnte. Seine Ohren brannten heiß vor Scham.

Während seines kurzen Gesprächs ließ Bourdain ihn keine Sekunde aus den Augen. Sein bohrender Blick war unangenehm und von der Leichtigkeit, die am Abend zuvor auf dem Parkplatz zwischen ihnen geherrscht hatte, war nichts mehr zu spüren. Sean fühlte sich wie ein ungezogener Junge auf der Schulbank, der auf seine Bestrafung wartete, dem der Rektor aber keinerlei Beachtung schenkte. Die Ungewissheit brachte ihn zum schwitzen. Nervös zog er an dem Knoten seiner Krawatte.

Die Sekunden bis Bourdain sein Gespräch beendet hatte, fühlten sich zäh und unwirklich an. Dann endlich wandte er sich wieder Sean zu.

„Damit das klar ist - und ich möchte mich in diesem Punkt nicht wiederholen - ich bestimme die Regeln und Sie befolgen sie oder verschwinden aus meinem Büro und setzen nie wieder einen Fuß hinein.“

Sean verstand nicht, warum er plötzlich so aggressiv wirkte, als ob ihn etwas fürchterlich verärgert hätte. Er schluckte und nickte vorsichtig mit dem Kopf.

„Es ist nicht, was Sie tun, sondern wie. Das ist ein Arbeitsplatz und im Gegensatz zu Ihnen kann ich mir derartige Verfehlungen nicht leisten.“

Sean runzelte die Stirn. „Aber-.“

Bourdain hob einen Zeigefinger. Der Andere verstummte.

„Sie sind wieder eingestellt. Aber Sie durchlaufen eine Probezeit. Wenn Sie die bestehen, dann reden wir weiter.“

Sean hob die Hände. „Moment mal. Und wie genau soll meine Arbeit aussehen? Ich versteh das nicht, ich dachte, Sie wollten-.“ Er schürzte die Lippen. Wie sollte er das nur formulieren?

„Sex?“, half Bourdain ihm.

„Ja.“

„Ganz so einfach ist es nicht.“

„Wie?“

Bourdain knurrte. „Sie wurden gefeuert, weil sie schlampig und unkonzentriert gearbeitet haben. Für so eine Arbeitsmoral ist hier kein Platz, Mr. Grandy. Das ist ein seriöses, expandierendes Unternehmen und jeder einzelne Mitarbeiter ist für den zukünftigen Erfolg verantwortlich.“

Mit diesen Worten trat Bourdain an ihn heran, richtete das Revers an Seans Jackett und zog seine Krawatte enger. Sean musste erneut schlucken. Dieser Mann war einfach unheimlich.

„Ihnen fehlt Disziplin. Aber ich werde Ihnen dabei helfen, ein vollwertiges Mitglied unserer Firma zu werden.“

Unruhig hüpften Seans Augen über Holdens makelloses Gesicht. Er inhalierte dessen Duft. Sein Mund war staubtrocken, der Hals kratzig. Er verstand gar nichts mehr. Unbeholfen drehte er den Ring an seinem rechten Finger.

„Sie treffen mich um 14 Uhr auf dem Parkplatz. Ich habe eine wichtige Aufgabe für Sie. Enttäuschen Sie mich bitte nicht noch einmal, Mr. Grandy“, warnte ihn Bourdain. Damit war das Gespräch beendet.

Perplex starrte Sean ihn an. Hatte er sich seinen Flirt gestern Abend etwa nur eingebildet? Schließlich war er eingenickt. Vielleicht hatte er das nur geträumt. Das wäre nicht das erste Mal. Aber den Kuss hatte er sich definitiv nicht eingebildet. Sean wollte ihn danach fragen, tat es aber nicht.

Nach wenigen Minuten, als er sich immer noch nicht gerührt hatte, blickte Bourdain von seinen Unterlagen auf.

„Ich bezahle Sie nicht fürs Gaffen. Gehen Sie an ihren Schreibtisch und setzten Sie fort, was Sie gestern begonnen haben. Über das Weitere reden wir später. Ich habe zu tun.“

Folgsam machte Sean, wie ihm gesagt wurde und verließ Bourdains Büro. Ihm war schlecht.

Seit einigen Minuten schwebten Seans Finger reglos über der Tastatur. Er saß auf seinem gewohnten Platz, in einer von zahlreichen, kartonartigen Sitznischen des Gebäudes und stierte gebannt auf die weiße Bildschirmfläche vor sich.

Bevor der Rest seiner Kollegen zur Arbeit erschienen, hatte er sich notdürftig gesäubert, das Gesicht gewaschen und die Haare gekämmt. Doch die Blässe auf seinen Wangen war, seitdem er Bourdains Büro verlassen hatte nicht gewichen. Ebenso wie das komische Gefühl, das ihn wie einen Virus beherbergte.

Vorsichtig legten sich seine Fingerkuppen auf die Buchstaben und formten drei Worte.

,Sexuelle Belästigung Arbeitsplatz‘, schrieb er.

Erstaunlich war die Vielzahl der Ergebnisse. Ihm war klar, dass so etwas weit verbreitet sein musste, aber dennoch war es erschreckend, wie dieser Begriff ausgelegt wurde. Schockiert scrollte Sean sich durch die Flut an Informationen. Seine Hände schwitzten. Interessiert blieb er an einem Artikel, der seriös wirkte, hängen.

Nach den AGG wäre sexuelle Belästigung: Kneifen, Klapsen, ein Griff oder ein Schlag auf das Gesäß, umfassen der Hüften, drücken des Beckens an das Gesäß, Berührung der weiblichen Brust (was Sean ausschließen konnte, schließlich hatte er keine) und des Schambereichs.

Er hielt inne und blickte sich um. Na, das war doch offensichtlich, oder? Das musste man kaum erwähnen. Solche Gesten waren eindeutig und schwer falsch zu verstehen. Er dachte an Bourdains hungrige blauen Augen, zumindest kamen sie ihm so vor. Die Hand an seiner Hüfte, falls er das nicht nur geträumt hatte.

Heimliches Fotografieren des Gesäßes.

Pornographische Bilder am Arbeitsplatz.

Sean grunzte. War das überhaupt möglich so etwas nicht zu bemerken? Ob Bourdain auch Fotos von ihm hatte? Gesetzeswidrige Aufnahmen? Kalter Schweiß brach ihm aus. Was wäre, wenn es ganze Gigabytes seines Arschs auf seinem PC gab? Bilder und Videos. Sean wusste, dass es hier auch Kameras gab. Ob er auch Bilder von anderen Mitarbeitern hatte?

Er verdrängte die Bilder, die unkontrolliert vor seinen Augen auftauchten. Bourdain, wie er andere Mitarbeiter in seiner Abstellkammer vernaschte. Auf seinem Büroschreibtisch. Oder in seinem Auto.

Um nicht darüber zu fantasieren, ging er weiter im Text.

Anfassen von Rücken, Schulter, Oberschenkel. Vulgäre oder obszöne Äußerungen, Erzwingung sexueller Handlungen, aufgedrängte körperliche Berührung und Küsse.

Er hätte nicht erwartet, dass selbst harmlose Berührungen sexueller Natur sein könnten. Dann würden sich hier aber alle begrapschen. Sean blickte über den Rand seiner Arbeitsnische. Nicht weit von seinem Platz unterhielten sich zwei Mitarbeiter. Dabei fasste sie ihn an den Ellenbogen und lachte. Nee. Das war doch harmlos. Keiner der beiden schien sich unwohl zu fühlen.

Zwei männliche Kollegen amüsierten sich über etwas besonders Lustiges auf ihrem Smartphone. Dabei bekam einer der beiden einen solchen Lachflash, dass er sich an den Schultern des anderen klammerte, um nicht zu kippen. Naja, auch nicht gerade sexuell, oder? Vielleicht für manche Menschen, die gerne etwas hineininterpretieren würden, aber er konnte jetzt nichts Anstößiges daran finden.

Seine Augen wanderten weiter. Er sah Nancy, die so nett gewesen war ihn hereinzulassen, am Flurende stehen und mit dem Abteilungsleiter sprechen. Sie wirkte eingeschüchtert, ihr Gesicht legte sich in sorgenvolle Falten. Mike Fetcher, ihr Gesprächspartner gestikullierte arrogant.

Sean mochte ihn überhaupt nicht. Er hatte die unmögliche Angewohnheit, plötzlich hinter ihm aufzutauchen und ihn zu erschrecken. Sean war sich sicher, dass er das machte, damit er nicht auf die dumme Idee kam, sich mit etwas anderem, als der Arbeit zu beschäftigen. So bestand immer die Gefahr, von ihm erwischt zu werden.

Sean seufzte und laß weiter.

Aufforderung zu sexuellen Handlungen. Sexueller Missbrauch unter Ausnutzung betrieblicher oder dienstlicher Vorgesetztenpositionen.

Worauf hatte er sich da nur eingelassen? Er vergrub das Gesicht in den Händen. Bourdain nutzte seine Position offen aus.

Ein Gerichtsverfahren ist der letzte Ausweg und gerade in solchen Angelegenheiten für die Beteiligten oft peinlich, stand zum Schluss.

Das waren wahrlich keine rosigen Aussichten. Hilfe suchend blickte Sean nach rechts und links, sah aber nichts, als die graue Wandverkleidung seiner tristen Arbeitsnische. Dumpf drangen die Stimmen einiger Kollegen zu ihm herüber. Er hatte sich noch nicht richtig ins Team integriert. Er kannte niemanden richtig, dafür war er noch nicht lange genug da. Bourdain hatte sich das perfekte Opfer ausgesucht.

„Verdammte Scheiße!“, rief er aus. In Gedanken versunken, ließ er seinen Blick beiläufig über den Bildschirm gleiten.

Kopflos sprang er von seinem Stuhl auf, dabei warf er die halbvolle Kaffeetasse um. Direkt über die empfindliche Tastatur. „Shit. Shit. Shit.“

Schnell versuchte er die braune Suppe aufzuwischen. Der größte Teil davon sickerte zwischen die Tasten. Alle Dokumente waren durchtränkt und sogar sein Hemd hatte einige unschöne Spritzer abbekommen. Er fühlte sich elend, hatte aber keine Zeit mehr in seinem Selbstmitleid zu baden.

Er gab auf seinen Arbeitsplatz vor dem Ertrinken zu retten, stattdessen eilte er mit schnellen Schritten den Gang hinunter zu den Aufzügen. Hastig zwängte er sich an einer Schar schnatternder Sekretärinnen vorbei. Vertieft in seiner Panik, hörte er die Rufe nicht, bis ihn ein plötzlicher Ruck herumriss.

„Wie oft soll man Sie eigentlich rufen, Grandy?“ Mike Fetcher hatte ihn am Oberarm gepackt und brutal herumgedreht.

„Mike.“

„Für Sie immer noch Mr. Fetcher! Wo wollen Sie denn so schnell hin? Haben Sie denn Ihre Aufgabe schon erledigt?“

Der Griff um seinen Arm war unnachgiebig. Fast schmerzhaft. Verwirrt blickte Sean ihm in die Augen.

„Wie bitte?“

„Ihre Arbeit, Grandy. Das ist das, wofür man Sie bezahlt.“

Er überlegte kurz. Ihm stand jetzt echt nicht der Kopf danach. Er hatte es eilig.

„Was geht Sie das an?“, fragte er unverblümt.

„Werden Sie nicht unverschämt, Grandy. Ich bin der Abteilungsleiter.“ Hochnäsig reckte dieser das Kinn in die Höhe und schnaubte.

Der Mann war kleiner als Sean, durchaus attraktiv mit schwarzem, perfekt frisiertem, vollem Haar, das an den Schläfen bereits leichte, graue Ansätze zeigte. Mit einer Bewegung befreite Sean sich aus seinem Griff.

„Rücken Sie allen so auf die Pelle?“, fragte Sean ärgerlich. Seine Geduld reichte ihm einfach nicht aus, um eine Diskussion mit Fetcher anzufangen. Der seinerseits nicht dazu neigte, Verständnis für andere zu zeigen.

„Nur denjenigen, die ihre Arbeit vernachlässigen.“

„Meinen Sie etwa die Unterlagen, die Sie mir gestern erst gegeben haben? Die Deadline dafür ist erst nächste Woche Freitag.“

„Das ist mir bewusst, aber wir sind im Verzug, wie Sie sehr wohl wissen“, klugscheißerte jener. „Ich will Sie heute.“

„Das hätten Sie gestern erwähnen können.“ Langsam brodelte die Wut in ihm hoch. Warum konnten ihn nicht einfach alle in Ruhe lassen? Binnen weniger Stunden war sein gemäßigtes Leben nervenaufreibend geworden. Die aufkeimende Sorge, was Bourdain mit ihm vorhatte, schürte seine Gereiztheit zusätzlich. „Ich habe die Unterlagen nicht fertig.“

„Dann, Grandy, weiß ich gar nicht, wo Sie hinwollen. Sie können es sich nicht leisten Ihren Arbeitsplatz zu verlassen.“

Mit Gewalt bugsierte Mike ihn Richtung seiner Arbeitsnische. Er versuchte es zumindest. Allerdings war Sean kein Fliegengewicht. Mit einer Größe von 1,85 m und 98kg war das kein leichtes Unterfangen. Ganz davon abgesehen, dass er um einiges mehr Muskelmasse besaß, als sein schlankes Gegenüber.

„Ich hab dafür keine Zeit, Mike. Ich habe eine Verabredung. Mit dem Chef.“

„Tatsächlich?“, meinte dieser außer Atem, während Sean zu den Fahrstühlen hechtete. Ungewollte hatte er Mike beiseite gestoßen, sodass dieser sich an der Wand abstützen musste. „Dann kannst du ihm ja gleich ausrichten, dass du gefeuert bist!“

Sean hörte ihm gar nicht mehr zu. Er hatte wirklich andere Probleme. Zum Beispiel Bourdain.

Er hasste Unpünktlichkeit.

Verdammt.

Beschissene Probezeit.

Er kam zu spät!

Kapitel 5

„Zu spät, Mr. Grandy!“

„Es tut mir leid, ich-“

„Das interessiert mich nicht.“

„Ich hab‘ auch nichts anderes erwartet“, gab Sean leise zu. Er war völlig außer Atem. Seine Lungen brannten und schmerzhafte Stiche malträtierten seinen Bauch. Mit den Händen stützte er sich auf seinen Knien ab und versuchte ruhig zu atmen.

„Hol das Auto“, befahl Bourdain ihm.

„Scheiße, kannst du mir nicht mal sagen, was hier los ist?“, fragte Sean verzweifelt. Er merkte nicht einmal, dass er in die kumpelhafte Anrede gewechselt hatte und seinen Chef duzte.

„Sofort“, ignorierte Bourdain ihn und warf ihm die Schlüssel entgegen, die Sean rechtzeitig auffing, bevor das Metall seine Stirn traf. „Ich hab was Besseres zu tun, als Ihnen beim Atmen zuzusehen.“

Was dem wohl wieder für eine Laus über die Leber gelaufen ist?

Kommentarlos spurtete Sean zu dessen Parkplatz. In der Zeit hätte sein Boss ruhig schon das Auto bereitstellen können, wenn er es so eilig hatte. Es waren nur ein paar Minuten, höchstens eine halbe Stunde, die er zu spät war.

Sobald Sean aber das Prachtstück von Auto erblickte, vergaß er sein beschissenes Leben, seinen Chef und die Arbeit und erfreute sich stattdessen lieber an dem Anblick, der sich ihm bot.

Vor ihm stand ein sturmgrauer Audi R8 V10 Spyder. In der nachmittägigen Sonne reflektierte der Lack Seans Abbild, als wäre es ein Spiegel. Das Licht und Schattenspiel erweckte den Eindruck von dynamischer Bewegung, obwohl das Fahrzeug still stand. Die Felgen und die ledernen Seitenteile der Sitze waren blutrot und untermalten die finstere Aura des metallenen Monsters vor ihm.

Sean musste schwer schlucken. Speichel hatte sich in seinem Mund sinnflutartig zusammengestaut. Nicht selten hatte er Bourdains Auto aus der Entfernung bewundert, sich selbst darin vorgestellt, wie er mit der Hand über das in Leder eingefasste Lenkrad strich und seine Faust um den Schaltknüppel gelegt hätte. Er hatte sich das Gefühl vorgestellt, wenn er auf das Gaspedal trat, der Motor laut aufbegehrte und er das Untier zum Leben erweckte.

Er wurde nicht enttäuscht. Die Realität war sogar um einiges besser, als seine Fantasien. Mit dunklem Grollen erwachte der Motor. Unmerklich schwoll Seans Brust an. Er kam sich nicht mehr ganz so bedeutungslos vor.

Selbst die kurze Strecke, die er vom Parkplatz zu Bourdain zurücklegte, reichte bereits aus, damit er sich beflügelt fühlte. Er wurde eins mit dem Auto. In diesen wenigen Sekunden gab es Bourdain nicht. Keine Amanda. Keine Geldsorgen. Und vor allem keine Verpflichtungen mehr.

Doch das Glück währte nicht lange. Sobald er das ungeduldige, genervte Gesicht seines Chefs erblickte, spielte Sean mit dem Gedanken diesen einfach zu überfahren und davonzubrausen. Nur er allein und der röhrende Motor. Allerdings verwarf er diese Idee schnell wieder. Fortuna wäre ihm nicht hold. Binnen weniger Minuten wären die Bullen da, er würde ins Gefängnis kommen. Bitter überrollte ihn die knallharte Realität. Er war nicht zum Vergnügen hier.

,Sklaventreiber‘, dachte er, als er vor Bourdain zum Stehen kam. Kein Stück Spaß war ihm vergönnt.

Behutsam strich Sean über das perfekt geformte, rot-schwarze Lenkrad. Er seufzte schwer und wollte gerade aussteigen, bemerkte jedoch, dass sein Chef an der Beifahrerseite eingestiegen war. Verwundert runzelte er die Stirn.

„Wenn Sie mit der Speichelsammlung fertig sind, könnten wir dann losfahren?“, fragte Bourdain sarkastisch. Seine Stimme hatte den größten Teil seiner Schärfe eingebüßt. Er wirkte jetzt einfach nur angespannt. „Wenn Sie mir auch nur einen Kratzer reinmachen, bezahlen Sie dafür für den Rest Ihres Lebens in Naturalien.“

„Verstanden, El Capitaine“, Sean hatte ihm nicht wirklich zugehört, ansonsten würde er nicht mehr so gelassen dasitzen. Dafür war er einfach zu glücklich dieses Baby fahren zu dürfen.

„Lassen Sie den Unsinn.“

„Wer hat Ihnen denn heute in den Kaffee gepinkelt?“, fragte Sean heiter, sobald das Auto losfuhr. Wie durch Butter glitten Sie auf die Hauptstraße hinaus und brausten Richtung Innenstadt.

Bourdain zog es vor ihn zu ignorieren und ihre Unterhaltung auf die knappen Anweisungen zu ihrem Zielort, der Shoppingmall, zu beschränken. Irgendwie wirkte er in sich gekehrt, nachdenklich. Sean war sich nicht sicher, ob er überhaupt wissen wollte, was diesen quälte.

Zu Seans Bedauern blieben die 525 PS des Audis ungenutzt. Die Fahrt dauerte keine halbe Stunde und das auch nur, weil sie die meiste Zeit an roten Ampeln standen.

Elegant lenkte Sean das Fahrzeug auf einen für gewisse Kunden ausgelobten Parkplatz und kam in einer Lücke zum stehen.Trotz der etwas langen Türen des Audis und den großen Autos, die an den Seiten wie Säulen emporragten, konnten sie mühelos aussteigen. Für Reiche machte man eben größere Parkplätze.

Der überdimensionale Escalade zur Rechten und der Dodge Pickup zur Linken ließen den Audi wie ein Spielzeugauto wirken. Es war unverkennbar, welche Leute hier einkauften. Super reich, superarrogant, mit null Sinn für die arme Umwelt, die unter dem CO2-Ausstoß dieser Riesen erstickte. Menschen, die mit ihrem Geld einfach alles kaufen konnten, das ihrem aufgeblasenem Ego schmeichelte und ihre ansonsten knittrige Persönlichkeit aufbügelte. Aber die schwarzen Flecken auf ihrer Seele würden sie mit keinem Auto, keiner teuren Guccitasche und keinem Pradaschuh verbergen können.

Auf ihrem Weg durch die Straßen hob nicht selten irgendjemand zur Begrüßung die Hand, denen Holden seinerseits ein Nicken oder charmantes Lächeln zuwarf, ansonsten jedoch schwieg.

Alle waren fein rausgeputzt, Schmuck glänzte an ihren Fingern, ihre Haare waren perfekt frisiert. Sean hatte das mulmige Gefühl, man hätte ein schmutziges Schwein zu einem Juwelier geschickt. Und er war das Schwein. Jeglicher Versuch seinen ruinierten Anzug zu richten, scheiterte kläglich. Einem dressierten Hündchen gleich folgte er Bourdain dicht auf den Fersen, wirkte aber keinesfalls so, als ob er zu ihm gehören würde.

Erstaunlich wie viele Menschen nichts Besseres zu tun hatten, außer Geld auszugeben. Bei so gutem Wetter quollen die Cafés und Restaurants über. Heiteres Geplapper beherrschte die Passage.

In Gedanken versunken, bemerkte Sean nicht, dass Bourdain stehen geblieben war und rannte ungebremst in dessen Rücken.

„Machen Sie die Augen auf, Mr. Grandy. Sie sind hier nicht beim Weihnachtsbummel mit Ihrer Frau, sondern noch immer auf der Arbeit.“

„Wir sind da“, sagte jener überflüssiger Weise und ermahnte Sean mit einem einzigen bissigen Blick zur Ordnung.

Tss. Der hatte ja keine Ahnung. Mit Amanda shoppen zu gehen, war die Vorstufe zur Hölle, dagegen war das ein Sonntagsspaziergang, obwohl sein Chef ihrer Laune momentan richtig Konkurrenz machte. Was war so falsch daran, sich gelassen zu geben?

„Sie sind heute so zickig. Hoffentlich ist das nicht ansteckend“, brummte Sean in sich hinein.

„Tun Sie bitte, was ich sage!“, knurrte Bourdain ihm zu, bevor er mit einer komplett ausgewechselten Miene eine kleine Boutique an der Straßenecke betrat. Durch seinen Eintritt schien der Laden überhaupt erst zum Leben zu erwachen.

Eine junge Frau mit hübschen Korkenzieherlocken kam leichtfüßig angeschwirrt und grüßte Bourdain mit Küsschen rechts, Küsschen links. Herzlich grüßte er sie zurück und setzte sein charmantestes Lächeln auf. Doch Sean konnte die verspannte Muskulatur an seinem Hals und Kiefer erkennen, ebenso wie die zusammengebissenen Zähne. Sein Auftreten war nur Show.

„Holden, schön dich zu sehen. Wie kann ich dir helfen, mein Lieber?“, sagte die Dame mit verführerischer, samtiger Stimme, als ob sie Werbung für edle Pralinen machen würde.

„Ich brauche einen neuen Anzug. Für meinen Freund hier, Rosaline.“

Bourdain trat einen Schritt zur Seite und stellte ihr Sean vor. Ihr Lächeln begann bei seinem Anblick leicht zu bröckeln. Sean nahm es ihr nicht übel. Er hätte an ihrer Stelle bestimmt genauso reagiert.

„Nun ja, er wurde von einer fürchterlich, aggressiven Bulldogge attackiert. Kein Scherz. Ich kann mich so nicht mit ihm blicken lassen.“ Bourdain klopfte ihm scherzhaft auf die Brust, während Rosaline ein gespielt schockiertes Gesicht aufsetzte. Die Ausführung war mehr als dürftig. Die Erklärung er habe im Auto geschlafen, sich in einer Pfütze ertränkt und gegen Holdens Sekretärin gekämpft, anschließend seinen Chef angefallen und Kaffee über den kläglichen Rest seiner Kleidung verschüttet, würde wohl einfach den Rahmen sprengen.

„Außerdem braucht er eine neue Robe für heute Abend. Er ist so schrecklich bescheiden und würde es niemals zugeben, aber mit seinem alten Fetzen kann er nur noch Kinder an Halloween erschrecken.“

Beide lachten, wodurch Sean sich erst recht fehl am Platz fühlte. Unwohl trat er von einem Fuß auf den anderen. Bourdains Anspannung schien auf ihn übergesprungen zu sein. Es hatte einen Grund, weswegen seine Laune im Keller war und Sean war sich nicht mehr so sicher, ob er diesen überhaupt noch erfahren wollte.

Rosalines Lippen kräuselten sich, als sie ihn amüsiert betrachtete, dann warf sie einen Blick in Holdens Richtung.

„Keine Sorge wir machen aus Aschenputtel schon eine glaubwürdige Prinzessin.“ Sie grinste. „Er wird heute Abend umwerfend aussehen, dafür werde ich sorgen.“

Mit diesen Worten hackte sie sich bei Sean unter und zog ihn fort. Er wurde das Gefühl nicht los, dass sie sogar mehr wusste als er. Was war denn nur an diesem Abend? Verwirrt blickte er über die Schulter zu Bourdain.

„Was ist denn heute Abend?“

Er bekam keine Antwort.

Mit einer Kraft, die er der zierlichen Frau nicht zugetraut hätte, bugsierte sie ihn in die Umkleideräume, die von außen schmaler wirkten, als sie tatsächlich waren. Dort hätte mühelos eine sechsköpfige Familie Platz, ohne sich dabei auf die Füße zu treten. Die Ausstattung war edel, nicht überladen und eher einfach gehalten, mit einer Sitzbank, einem riesigen Spiegel, der vom Boden bis zur Decke reichte und einem Garderobenständer. Unter der Sitzbank standen eine Reihe säuberlich polierter Schuhe, die relativ universell gehalten waren und somit praktisch zu jedem Anzug passen würden.

Irritiert ließ Sean sich von Rosaline das Jackett von den Schultern streifen, welches sie sogleich an die Garderobe hängte. Dann schwirrte sie leichtfüßig davon, kam aber bereits nach wenigen Minuten, mit einem sandfarbenen, zweiteiligen Anzug, einem hellen Hemd in Creme und einer nachtblauen Krawatte, wieder zurück.

„Die Größe müsste stimmen. Ich finde, helle Farben passen zu Ihrem fröhlichen Gemüt. Während Sie anprobieren, stelle ich Ihre Abendrobe zusammen,“ sie lächelte. Fragend blickte Sean sie an. Woher wusste sie denn etwas über sein Gemüt?

„Ich weiß schon, was er an Ihnen findet.“ Ihr verschmitztes Lächeln wurde noch eine Spur breiter. Und sie klopfte Bourdain, der aus dem Nichts aufgetaucht zu sein schien auf die Brust. Dann verschwand sie eben so schnell, wie sie gekommen war und Sean sah sich seinem Chef alleine gegenüber. Dieser schloss die Tür hinter sich, als er in die Umkleide eintrat.

„Ausziehen!“, befahl er.

„Wie bitte?“

„Du hast mich schon verstanden.“

Wow. Er hatte damit gerechnet, aber so schnell? Wirklich? Irgendwie kam das jetzt total unerwartet und - scheiße, er war überhaupt nicht vorbereitet.

„Hör auf nachzudenken. Ich will dich nicht vernaschen.“ Zum ersten Mal an diesem Tag schlich sich ein sanftes Lächeln auf Bourdains ernste Züge. „Noch nicht.“

„Dann jag mir doch nicht so einen verdammten Schrecken ein.“

„Mach dir nicht gleich in den Schlüpfer.“

Bourdain machte zwei große Schritte, dann stand er Sean von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Sean schluckte. Sie waren beide in etwa gleich groß, obwohl Sean wesentlich mehr Körpermasse aufwies. Mit seriöser Professionalität machte Bourdain sich an Seans hässlicher Krawatte zu schaffen, dabei zog er die Augenbraue hoch und seine Oberlippe kräuselte sich unmerklich in Abscheu. Sean reichte das aus, um seine Gedanken erahnen zu können.

„Die hat Amanda mir geschenkt. Ich hätte sie ja längst verbrannt, aber dann würde ich bald selbst auf dem Scheiterhaufen landen“, rechtfertigte er sich.

„Die Krawatte oder Amanda?“