Chicagoland Vampires - Verbotene Bisse - Chloe Neill - E-Book

Chicagoland Vampires - Verbotene Bisse E-Book

Chloe Neill

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8,99 €

Beschreibung

Nach ihrer Verwandlung in eine Vampirin zieht Merit in das Haus Cadogan ein. Im Auftrag ihres neuen "Meisters", dem Vampir Ethan Sullivan, soll sie fortan die Rolle der Vermittlerin zwischen Menschen und Vampiren spielen. Doch irgendjemand hat es darauf abgesehen, Zwietracht zwischen Sterblichen und Unsterblichen zu säen, und droht, eines der dunkelsten Geheimnisse der Vampire an die Öffentlichkeit zu bringen. Zu allem Überfluss beginnt Merit eine Affäre mit dem neuen Oberhaupt von Haus Navarre. Schon bald muss sie jedoch feststellen, dass sie noch immer Gefühle für Ethan hegt, dessen widersprüchliche Natur ihr wieder und wieder Rätsel aufgibt ...

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Seitenzahl: 576

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Inhalt

Titel

Zitat

Kapitel Eins

Kapitel Zwei

Kapitel Drei

Kapitel Vier

Kapitel Fünf

Kapitel Sechs

Kapitel Sieben

Kapitel Acht

Kapitel Neun

Kapitel Zehn

Kapitel Elf

Kapitel Zwölf

Kapitel Dreizehn

Kapitel Vierzehn

Kapitel Fünfzehn

Kapitel Sechzehn

Kapitel Siebzehn

Kapitel Achtzehn

Kapitel Neunzehn

Kapitel Zwanzig

Kapitel Einundzwanzig

Kapitel Zweiundzwanzig

Kapitel Dreiundzwanzig

Kapitel Vierundzwanzig

Kapitel Fünfundzwanzig

Danksagung

Impressum

Chloe Neill

Verbotene Bisse

Roman

Ins Deutsche übertragen von Marcel Bülles

»Tatsachen muss man kennen, bevor man sie verdrehen kann.«

Kapitel Eins

Ich ziehe aus

Ende Mai

Chicago, Illinois

»Höher, Merit. Der Tritt muss höher kommen. Ja, ja. Besser.«

Ich trat erneut zu, diesmal höher, und versuchte daran zu denken, mein Inneres anzuspannen, die Zehen zu strecken und »Jazz Hands« zu machen, also hektisch mit den Händen zu wackeln, wie es unsere Trainerin unaufhörlich verlangte.

Meine beste Freundin und baldige Nicht-mehr-Mitbewohnerin Mallory führte neben mir einen Tritt aus, aber sie brachte noch weniger Begeisterung als ich dafür auf. Anders konnte ich mir ihr Knurren nicht erklären, das so gar nicht zu den kurzen blauen Haaren und dem geradezu klassisch schönen Gesicht passte, aber sie schien sauer genug, um es überzeugend klingen zu lassen.

»Kannst du mir bitte noch mal erklären, warum du mich hierher geschleift hast?«, fragte sie.

Unsere Trainerin, eine vollbusige Blondine mit leuchtend rosafarbenen Fingernägeln und unvorstellbar hohen Wangenknochen, klatschte in die Hände, sodass ihre Brüste wackelten. Es war unmöglich, sie nicht anzustarren.

»Mehr Leidenschaft, meine Damen! Wir wollen alle Blicke auf uns ziehen! Bewegen Sie sich!«

Mallory warf unserer Trainerin, der wir den Spitznamen »Aerobic-Barbie« verpasst hatten, einen hasserfüllten Blick zu, ballte die Hände zu Fäusten und machte einen Schritt auf sie zu. Unser Ziel war es, bald wieder in enge Jeans zu passen, aber wenn Mallory die Frau zu Brei verarbeitete, hatten wir unser Geld umsonst ausgegeben. Daher hielt ich sie sicherheitshalber fest.

»Ruhig, mein Blauer«, ermahnte ich sie und setzte meine Vampirkräfte ein, die ich erst seit knapp zwei Monaten besaß. Mallory murrte unzufrieden mit hoch erhobenen Fäusten, gab sich aber geschlagen.

Eins zu null für die junge Vampirin, dachte ich nur.

»Was hältst du davon, ihr eine Abreibung zu verpassen?«, fragte sie und blies sich eine schweißnasse blaue Strähne aus dem Gesicht.

Ich schüttelte den Kopf, ließ sie aber los. »Du wirst zu viel Aufmerksamkeit erregen, wenn du die Trainerin zusammenschlägst. Aufmerksamkeit, die du nicht brauchen kannst. Denk an das, was Catcher dir gesagt hat.«

Catcher war Mallorys schroffer Freund. Und obwohl mein Hinweis kein Knurren zur Folge hatte, so fletschte sie doch verächtlich die Zähne und sah mich aus schmalen Augen an. Catcher liebte Mallory, und Mallory liebte Catcher. Aber das bedeutete nicht, dass sie ihn rund um die Uhr bedingungslos liebte, vor allem nicht, seitdem sich über unserem Haus in Chicago ein Wirbelsturm übernatürlicher Kräfte entlud. Ich war gegen meinen Willen zur Vampirin gemacht worden, und Mallory hatte feststellen müssen, dass sie eine angehende Hexenmeisterin war: magische Zauberkräfte, schwarze Katzen, die größeren und kleineren Schlüssel (die verschiedenen Ebenen der Magie). Und das alles innerhalb einer Woche.

Kurz gesagt, die ersten paar Wochen als Vampir waren ungewöhnlich hektisch. Wie Schatten der Leidenschaft, nur mit eher toten Wesen.

Mallory musste sich noch an den Gedanken gewöhnen, selbst der Mittelpunkt übernatürlichen Chaos zu sein. Daher wachte Catcher, der schon genug Schwierigkeiten mit dem Orden hatte (der Hexenmeister-Gewerkschaft), streng über Vorführungen ihrer magischen Kräfte, was Mallory aufs Übernatürlichste frustrierte.

Verdammt noch mal, wir waren beide aufs Übernatürlichste frustriert, aber Mallory hatte keine Fangzähne und auch keinen großspurigen Meistervampir, mit dem sie sich hätte auseinandersetzen müssen.

Führte man sich also die bedauerlichen Umstände unserer Existenz vor Augen, warum ließen wir es dann zu, dass Aerobic-Barbie uns dazu brachte, unsere Hände wie wild zu schütteln?

Einfach ausgedrückt: Wir wollten einige schöne Stunden gemeinsam verbringen, ich und meine beste Freundin.

Damit war es nämlich bald vorbei – ich zog bei ihr aus.

»Okay«, fuhr Barbie fort, »packen wir noch die Kombination dazu, die wir letzte Woche gelernt haben. Eins, zwei und drei und vier und fünf, sechs und sieben und acht.« Der basslastige Beat dröhnte immer lauter, während sie sich im Rhythmus bewegte. Wir kopierten sie, so gut wir konnten, wobei Mallory es schwerer fiel, sich nicht selbst auf die Füße zu treten. Die Tatsache, dass ich jahrelang Ballettunterricht gehabt hatte – und als Vampirin viel schneller geworden war –, half mir jetzt weiter. Und das ungeachtet der Demütigung, dass eine achtundzwanzigjährige Vampirin mit den Händen herumfuchteln musste.

Barbies mitreißende Begeisterung war eine Sache, aber dass wir in einer Hip-Hop-Stunde wie beim Jazzdance mit den Händen wackeln mussten, sprach dann nicht so sehr für ihre Qualifikation. Immerhin war dieser Unterricht eine Verbesserung zu meinem sonstigen Training. Das war nämlich wirklich anstrengend, weil ich vor zwei Monaten zur Hüterin meines Hauses ernannt worden war.

Langer Rede kurzer Sinn: Die amerikanischen Vampire waren in Häuser untergliedert. In Chicago gab es drei, und ich war in das zweitälteste dieser Häuser aufgenommen worden – Cadogan. Aufgrund meines persönlichen Hintergrunds (Stichwort Doktorandin und höfischer Roman) war es für alle eine ziemliche Überraschung, als ich zur Hüterin ernannt wurde. Obwohl ich mich noch immer durch die Grundlagen kämpfte, bedeutete meine Aufgabe als Hüterin, dass ich als eine Art Vampirwächterin arbeitete. (Wie sich herausstellte, war ich nicht nur ein ziemlich durchgeknallter Mensch, sondern auch eine verdammt starke Vampirin.) Hüterin zu sein bedeutete vor allem Training, und obwohl die amerikanischen Vampire schwarzen Samt und Rüschen gegen Armani und iPhones getauscht hatten, waren sie doch bei einigen Dingen ziemlich konservativ – einiges erinnerte durchaus noch an das mittelalterliche Lehnswesen –, und das betraf auch die Wahl ihrer Waffen. Alles zusammengenommen bedeutete das für mich, dass ich lernte, das mir geschenkte uralte Katana zur Verteidigung Cadogans und seiner Vampire einzusetzen.

Zufälligerweise war Catcher ein Experte für den zweiten der vier Schlüssel – Waffen –, und man hatte ihn daher darum gebeten, mir den Kampfstil der Vampire beizubringen. Für mein Selbstvertrauen war das Training mit Catcher allerdings nicht gerade förderlich.

Aerobic-Barbie steigerte sich in eine Hip-Hop-Ekstase und führte die Anwesenden zur letzten, komplexen Schrittkombination, die uns am Ende alle ziemlich schlecht gelaunt in die Wandspiegel des Tanzstudios starren ließ. Zum Abschluss klatschte sie in die Hände und wies auf weitere Unterrichtsstunden hin, zu denen man mich und Mallory nur unter Anwendung von Gewalt hätte zwingen können.

»Nie wieder, Merit«, sagte Mallory und ging in die Ecke, wo sie vor der Stunde ihre Tasche und Wasserflasche abgestellt hatte. Ich war ganz ihrer Meinung. Ich liebte Tanzen über alles, aber Barbies gutgelaunte Anweisungen und ihre ständig hüpfenden Brüste bedeuteten in der Summe zu wenig Tanz und zu viel Ausschnitt. Meine Tanzlehrerin musste ich respektieren können. Respekt war nicht gerade das Gefühl, das Barbie in mir weckte.

Wir setzten uns auf den Boden, um uns auf unsere Rückkehr in die wirkliche Welt vorzubereiten.

»Also, Fräulein Vampir. Schon nervös wegen deines Umzugs ins Haus?«, fragte Mallory.

Ich sah mich im Raum um, da ich mir nicht ganz sicher war, wie viel ich in der Öffentlichkeit über mein Dasein als Vampir preisgeben konnte. Die Vampire von Chicagoland hatten ihre Existenz vor etwa zehn Monaten bekannt gegeben, und die Menschen, wie man sich sicherlich vorstellen konnte, waren nicht besonders erfreut darüber gewesen. Aufstände. Panik. Anhörungen vor dem Kongress. Und dann wurden die drei Häuser Chicagos auch noch in die Untersuchung zweier Morde hineingezogen – Morde, die angeblich von Mitgliedern der Häuser Cadogan und Grey, dem jüngsten der Häuser, begangen worden waren. Den Meistern dieser Häuser, Ethan Sullivan und Scott Grey, graute es vor zu viel Aufmerksamkeit.

Aber der Meister des dritten Hauses (mit Namen Navarre) war hinterhältig, manipulativ und für die Morde verantwortlich. Er war eine Sie, zum Sterben schön (kein Wortspiel beabsichtigt). Sie hätte genauso gut auch der Vogue entsprungen sein können.

Dunkle Haare und blaue Augen (genau wie ich), gepaart mit einer Überheblichkeit, die jeden Prominenten und Sektenführer beschämen würde.

Celina Desaulniers verzauberte die Menschen, faszinierte sie.

Ihre Schönheit, ihr Stil und ihre Fähigkeit, alle in ihrer Nähe psychisch zu manipulieren, fügten sich zu einer unwiderstehlichen Kombination zusammen. Die Menschen wollten mehr über sie wissen, mehr von ihr sehen, mehr von ihr hören.

Dass sie für den Tod zweier Menschen verantwortlich war – Morde, die sie geplant und gestanden hatte –, hatte der Faszination, die sie auf die Menschen ausübte, keinen Abbruch getan. Ebenso wenig die Tatsache, dass sie gefangen genommen (von Ethan und meiner Wenigkeit) und nach London ausgewiesen worden war, um vom Greenwich Presidium, der Regulierungsbehörde aller Vampire Westeuropas und Nordamerikas, eingesperrt zu werden. Und anstelle von ihr wurden wir – die entlastete Mehrheit derjenigen, die ihr nicht dabei geholfen hatten, die grausamen Verbrechen zu begehen – auf einmal viel interessanter. Celina wurde ihr Wunsch erfüllt, die arme, kleine Märtyrerin unter den Vampiren zu spielen, und wir bekamen unser verfrühtes Weihnachtsgeschenk: Wir mussten das Vakuum ausfüllen, das ihr vergänglicher Ruhm hinterlassen hatte.

T-Shirts, Baseball-Caps und Wimpel von Grey und Cadogan (und dem wesentlich morbideren Navarre) wurden in ganz Chicago verkauft. Es gab Fan-Websites, »I love Cadogan«-Autoaufkleber und regelmäßig Neuigkeiten zu den Vampiren Chicagos.

Aber auch wenn wir nun berühmt und berüchtigt waren, versuchte ich immer, so wenig Details wie möglich über die Häuser in der Öffentlichkeit bekannt werden zu lassen. Als Hüterin gehörte ich immerhin zu den Wachen des Hauses. Also sah ich mich kurz in dem Tanzstudio um und versicherte mich, dass uns keine neugierigen menschlichen Ohren zuhören konnten.

»Wenn du dich gerade fragst, wie viel du mir sagen kannst«, meinte Mallory, während sie die Wasserflasche öffnete, »ich habe einen magischen Impuls ausgesendet, der unsere kleinen menschlichen Freunde daran hindert, unser Gespräch mitzubekommen.«

»Echt?« Ich drehte mich so schnell zu ihr um, dass ich mir den Hals verrenkte. Ein brennender Schmerz trieb mir die Tränen in die Augen.

Sie schnaubte. »Na klar! Als ob ich M-A-G-I-E unter Menschen verwenden dürfte«, murmelte sie und nahm dann einen kräftigen Schluck.

Ich überhörte den Seitenhieb auf Catcher – wenn ich auf alle reagierte, würden wir niemals ein vernünftiges Gespräch führen können – und antwortete auf ihre Frage zum großen Umzug.

»Ich bin ein bisschen nervös. Ethan und ich, na ja, du weißt schon, wir gehen uns ein wenig auf die Nerven.«

Mallory nahm noch einen Schluck und wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. »Ach was! Ihr beide seid doch allerbeste Freunde.«

»Bloß weil wir es zwei Wochen lang geschafft haben, uns als Meister und Hüter nicht gegenseitig an die Kehle zu gehen, heißt das noch nicht, dass wir allerbeste Freunde sind.«

Tatsächlich hatte ich in den letzten beiden Wochen den Kontakt mit Cadogans Meister – dem Vampir, der mich verwandelt hatte – auf das absolute Minimum beschränkt, und das mit voller Absicht. Ich hielt mich zurück und arbeitete hart daran, mir die alltäglichen Abläufe und Pflichten einzuprägen. Um ehrlich zu sein, hatte ich von Anfang an Schwierigkeiten mit Ethan – ich war ohne mein Einverständnis in einen Vampir verwandelt worden, mein menschliches Leben wurde mir genommen, weil ich Celinas Plänen zufolge ihr zweites Opfer hätte werden sollen. Ihre Schergen schafften es zwar nicht, mich umzubringen, aber Ethan schaffte es, mich zu verwandeln – nur so konnte er mein Leben retten.

Ehrlich gesagt ging mir die Wandlung mächtig auf den Geist. Der Übergang von der menschlichen Doktorandin zur Vampirwächterin lief, ich drücke es bewusst vorsichtig aus, nicht ohne Schwierigkeiten ab. Demzufolge hatte Ethan eine ordentliche Portion meiner schlechten Laune abbekommen. Schließlich entschloss ich mich aber, mein neues Leben als Mitglied von Chicagos blutsaugender Gemeinschaft anzunehmen. Ich war mir zwar immer noch nicht sicher, ob ich mich wirklich mit meinem Dasein als Vampir abgefunden hatte, aber ich machte Fortschritte.

Die Sache mit Ethan hingegen war komplizierter. Etwas Besonderes verband uns, eine außergewöhnliche gegenseitige Anziehungskraft, und außerdem der Hang, sich gegenseitig auf die Nerven zu gehen. Er verhielt sich mir gegenüber, als ob ich unter seiner Würde wäre; ich hielt ihn meist für einen Spießer. Das »meist« ist ein guter Hinweis auf meine widersprüchlichen Gefühle – Ethan sah aus wie ein junger Gott, und er küsste auch wie einer. Meine Gefühle für ihn hatte ich zwar immer noch nicht unter Kontrolle, aber zumindest hasste ich ihn nicht mehr – vermutlich.

Ihm auszuweichen half mir dabei, meine Gefühle wieder unter Kontrolle zu bringen. Sehr.

»Nein«, räumte Mallory ein, »aber die Tatsache, dass die Luft zu knistern beginnt, wenn ihr euch im selben Raum befindet, sagt schon eine Menge aus.«

»Halt die Klappe«, sagte ich, streckte die Beine aus und senkte meine Nase Richtung Knie, um mich noch ein wenig zu dehnen. »Ich sage nichts ohne meinen Anwalt.«

»Brauchst du auch nicht. Ich habe gesehen, wie sich deine Augen in seiner Anwesenheit silbern verfärben. Das ist schon ein Geständnis.«

»Nicht unbedingt«, meinte ich, zog ein Bein an und beugte mich erneut nach vorne. Vampire wechselten die Augenfarbe, wenn sie starke Gefühle durchlebten – Hunger, Wut, oder, wie in meinem Fall, aufgrund der Nähe zu dem blonden Sahnestückchen Ethan Sullivan. »Aber ich gebe zu, dass er auf abstoßende Art lecker ist.«

»Wie Chips mit Salz und Essig.«

»Genau«, stimmte ich ihr zu und richtete mich wieder auf. »Ich bin eine überspannte Vampirin, die einem Lehnsherrn zur Treue verpflichtet ist, den sie nicht ausstehen kann. Und dann stellt sich heraus, dass du so eine Art angehende Hexenmeisterin bist, die Dinge allein dadurch geschehen lassen kann, indem sie sie sich wünscht. Wir sind definitiv zwei Sonderfälle, was das Thema Willensfreiheit angeht – ich habe keine, und du hast zu viel davon.«

Sie sah mich an, blinzelte kurz und legte dann ihre Hand aufs Herz. »Du, und das sage ich mit all meiner Liebe, bist echt ein Geek, Merit.« Sie stand auf und zog sich den Taschenriemen über die Schulter. Ich machte es ihr nach, und wir gingen gemeinsam hinaus.

»Weißt du«, sagte sie, »du und Ethan solltet euch eine von diesen Halsketten besorgen, wo auf einer Herzhälfte ›bester‹ und auf der anderen ›Freund‹ steht. Ihr könntet sie als Zeichen eurer ewigen gegenseitigen Zuneigung tragen.«

Ich warf ihr mein schweißnasses Handtuch an den Kopf. Sie machte ein Würgegeräusch und schüttelte es ab. Ihr Gesicht hatte sich zu einer Maske mädchenhaften Entsetzens verzerrt. »Du bist so kindisch.«

»Blaue Haare. Mehr muss ich wohl nicht sagen.«

»Du kannst mich mal, totes Mädchen.«

Ich entblößte meine Fangzähne und zwinkerte ihr zu. »Bring mich nicht auf dumme Gedanken, Hexe!«

Eine Stunde später hatte ich geduscht und wieder meine Haus-Cadogan-Uniform angezogen – eine taillierte schwarze Kostümjacke, ein schwarzes Oberteil und eine eng anliegende schwarze Hose. Ich war in meinem Schlafzimmer in Wicker Park, das bald nicht mehr meins sein würde, und stopfte Klamotten in einen Seesack. Auf meinem Nachttisch stand ein kleiner Snack – ein Glas Blut aus einem der gekühlten medizinischen Plastikbeutel, die uns ein Lieferservice namens »Lebenssaft« frisch zustellte, das Blutsauger-Gegenstück zum Milchmann. Nach dem Training konnte ich eine Erfrischung brauchen. Mallory stand hinter mir in der Tür. Blaue Haarsträhnen umrahmten ihr Gesicht, und ihr restlicher Körper war von Boxershorts und einem zu groß geratenen T-Shirt verdeckt, vermutlich eins von Catcher, auf dem Ein Schlüssel nach dem anderen stand.

»Du musst das nicht machen«, sagte sie. »Du musst nicht ausziehen.«

Ich schüttelte den Kopf. »Doch, ich muss es tun, um Hüterin sein zu können. Und ihr zwei könnt ein Zimmer mehr gut brauchen.« Catcher und Mallory konnten mehr als nur ein weiteres Zimmer brauchen. Sie benutzten sie regelmäßig, mit entsprechender Lautstärke und meistens nackt, aber das war nicht zwingend nötig. Sie kannten sich noch nicht lange, waren aber nach nur wenigen Tagen ihrem gegenseitigen Zauber verfallen. Was ihnen an gemeinsamer Zeit fehlte, machten sie durch übermäßige Begeisterung wieder wett. Wie die Karnickel. Wie unglaublich energiegeladene, völlig unbefangene, übernatürliche Karnickel.

Mallory schnappte sich einen zweiten leeren Seesack vom Stuhl neben der Schlafzimmertür, ließ ihn aufs Bett fallen und nahm meine drei geliebten Paar Schuhe aus dem Schrank: Pumas von Mihara (ich verehrte diese Sneaker, sehr zum Leidwesen von Ethan), flache rote Schuhe, die Ballettschuhen ähnelten, und ein Paar schwarze Mary Janes, die sie mir geschenkt hatte. Sie hob sie hoch, um meine Zustimmung einzuholen, und stopfte sie nach meinem Nicken in die Tasche. Zwei weitere Paare wanderten ebenso hinein, bevor sie sich neben den Seesack aufs Bett setzte und ihre Beine übereinanderschlug. Ungeduldig schwang sie ihr Bein vor und zurück.

»Ich kann nicht glauben, dass du mich mit ihm hier alleine lässt. Was soll ich denn ohne dich machen?«

Ich starrte sie ausdruckslos an.

Sie verdrehte die Augen. »Du hast uns nur ein einziges Mal dabei erwischt.«

»Ich habe euch nur einmal in der Küche erwischt, Mallory. Ich esse dort. Ich trinke auch dort. Ich hätte eine zufriedene, glückliche Ewigkeit leben können, ohne Catchers nackten Hintern auf dem Fußboden der Küche gesehen zu haben.« Ich täuschte ein angewidertes Zittern vor, aber es war eben nur vorgetäuscht, denn der Junge war ein Traum. Breite Schultern, perfekt geformte Muskeln, rasierter Kopf, grüne Augen, tätowiert. Ein unartiger Junge und Hexenmeister, der das Herz meiner Mitbewohnerin im Sturm erobert hatte (und wie sich herausstellte, blieb es nicht beim Herz allein).

»Der Hintern ist doch nicht schlecht«, sagte sie.

Ich legte eine Hose zusammen und packte sie in den Seesack. »Der Hintern ist spitze, und ich freue mich sehr für dich. Ich muss ihn nur einfach nie wieder sehen. Nie, nie wieder. Echt nicht.«

Sie kicherte. »Ganz echt?«

»Ja, ganz echt.« Mein Magen meldete sich knurrend vor Hunger. Ich sah Mallory an und deutete dann mit einer erhobenen Augenbraue auf das Glas Blut, das auf meinem Nachttisch stand. Sie verdrehte die Augen und gab mir durch ein Winken zu verstehen, dass ich mich nicht zurückhalten solle.

»Trink schon«, sagte sie. »Stell dir einfach vor, ich wäre ein Buffy-Fan mit einer unglaublichen Begeisterung für alles Übernatürliche.«

Ich schaffte es nicht nur, das Glas an den Mund zu führen, sondern ihr auch noch einen gehässigen Blick zuzuwerfen. »Genau das bist du.«

»Ich habe nicht gesagt, dass du dir so viel Mühe geben musst, dir das vorzustellen«, wies sie mich zurecht.

Ich lächelte und nahm einen kleinen Schluck. Das Blut hatte ich in der Mikrowelle leicht erwärmt und mit Tabasco und Tomatensaft gewürzt. Ja, es war immer noch Blut, mit diesem seltsamen Hauch von Eisen und dem Nachgeschmack von Plastik, aber mit diesen Zutaten war es nicht übel. Ich leckte mir einen verirrten Tropfen von der Oberlippe und stellte das Glas wieder auf den Nachttisch.

Leer.

Ich musste hungriger gewesen sein, als ich dachte, und Schuld allein hatte Aerobic-Barbie. Sicherheitshalber stopfte ich ein Dutzend Müsliriegel in den Seesack (meine Hoffnung war, dass ich mit einem Vorrat echten Essens die Wahrscheinlichkeit erhöhte, meine Fangzähne nicht in Ethans Hals zu versenken).

»Und da wir gerade von Catcher sprechen«, sagte ich, da ich meinen Hunger ein wenig gestillt hatte, »wo ist denn dein Herzallerliebster heute Abend?«

»Arbeiten«, sagte sie. »Dein Großvater ist ein anspruchsvoller Arbeitgeber.«

Hatte ich erwähnt, dass Catcher für meinen Großvater arbeitete? In dieser einen besonderen Woche, als das übernatürliche Chaos über mich hereingebrochen war, hatte ich zudem festgestellt, dass mein Großvater, Chuck Merit, der Mann, der mich praktisch großgezogen hat, gar nicht in Rente gegangen war. Wir sollten nur glauben, dass er das Chicago Police Department verlassen hatte. Stattdessen war er vor vier Jahren gefragt worden, ob er als Ombudsmann fungieren wolle, als Verbindungsmann zwischen der Stadtverwaltung – an deren Spitze der finstere, aber gut aussehende Bürgermeister Seth Tate stand – und der übernatürlichen Bevölkerung Chicagos. Und davon gab es jede Menge – Vampire, Hexenmeister, Formwandler, Wassernymphen, Feen und Dämonen –, und alle waren auf die Hilfe meines Großvaters angewiesen. Nun ja, von ihm und seinen drei Assistenten, einschließlich Catcher Bell. Ich hatte kurz nach meiner Wandlung zum Vampir das Büro meines Großvaters auf der South Side aufgesucht; dort hatte ich Catcher kennengelernt, dann hatte Mallory Catcher kennengelernt, und der Rest war nackte Geschichte.

Mallory schwieg einen Augenblick, und als ich zu ihr aufsah, erwischte ich sie dabei, wie sie sich eine Träne von ihrer Wange abwischte. »Du weißt doch, dass ich dich vermissen werde, oder?«

»Ich bitte dich. Du wirst bloß die Tatsache vermissen, dass ich endlich mal die Miete zahlen konnte. Du hast dich schnell daran gewöhnt, Ethans Geld auszugeben.« Das Gehalt von Cadogan war ein erfreulicher Nebeneffekt meiner Wandlung zum Vampir.

»Das Blutgeld, auch wenn es nicht viel war, war ein Vorteil. Es war mal ganz nett, nicht der einzige Brotverdiener im Haus zu sein.« In Anbetracht ihres verglasten Büros über der Michigan Avenue übertrieb sie natürlich maßlos. Während ich meinen Doktortitel mit mittelalterlicher Literatur zu erlangen versuchte, hatte Mallory als leitende Angestellte in einer Werbeagentur gearbeitet. Wir hatten erst vor Kurzem herausgefunden, dass ihre Arbeitsstelle ihr erster Erfolg als erwachsene Hexenmeisterin gewesen war: Sie hatte dank ihrer Willenskraft dafür gesorgt, dass sie ihn bekam. Nicht gerade die ideale Bestätigung für ihr Selbstbewusstsein – sie hatte geglaubt, den Job aufgrund ihrer Kreativität und Fähigkeiten erhalten zu haben. Jetzt erlaubte sie sich eine Pause und verwendete dazu mehrere Wochen aufgesparten Urlaubs. Sie wollte sich erst mal klar darüber werden, wo sie mit ihrer gerade entdeckten Zauberkraft hinwollte.

Ich schob noch einige Magazine und Stifte in den Seesack. »Sieh es doch einfach mal so – du wirst nie wieder Blutbeutel in deinem Kühlschrank haben, dafür aber einen muskelbepackten, sexy Kerl, mit dem du nachts kuscheln kannst. Das ist doch ein super Tausch.«

»Er ist immer noch ein egoistischer Arsch.«

»Und du bist völlig verrückt nach ihm«, stellte ich fest, während meine Augen das Bücherregal überflogen. Ich schnappte mir ein paar Nachschlagewerke, ein abgenutztes Märchenbuch mit Ledereinband, das ich seit meiner Kindheit besaß, und den wichtigsten Neuerwerb meiner Sammlung, den Kanon der Nordamerikanischen Häuser, Kompendium. Helen hatte ihn mir gegeben, die Ansprechpartnerin Cadogans, die mit der Aufgabe betraut gewesen war, mich nach meiner Wandlung nach Hause zu bringen, und er war für jeden jungen Vampir Pflichtlektüre. Ich hatte einen großen Teil des zehn Zentimeter dicken Wälzers gelesen und den Rest überflogen. Mein Lesezeichen befand sich irgendwo in Kapitel acht: »Die ganze Nacht durchmachen«. (Die Kapitelüberschriften hatte offensichtlich ein siebzehnjähriger Kerl formulieren dürfen.)

»Es ist dein egoistischer Arsch«, erinnerte ich sie.

»Ja, ja, meiner!«, antwortete sie trocken und hob den Zeigefinger.

»Ihr zwei werdet blendend auskommen. Ich bin mir relativ sicher, dass ihr euch gegenseitig bespaßen könnt«, sagte ich und holte meine Ryne-Sandberg-Figur mit Wackeldackelkopf aus dem Regal, um sie vorsichtig in die Tasche zu legen. Obwohl meine neue Sonnenallergie verhinderte, dass ich schöne Tage im Wrigley-Field-Stadion verbrachte, würde meine Existenz als Vampirin mich nicht daran hindern können, ein so großartiges Baseballteam wie die Cubs zu lieben.

Ich sah mich im Zimmer um und dachte an all die Dinge – Cubs-bezogen oder auch nicht –, die ich zurücklassen würde. Ich nahm nicht alles mit nach Cadogan, zum einen, weil ich befürchtete, ich könnte Ethan erwürgen und aus dem Haus verbannt werden, und zum anderen, weil das bedeutete, dass ich immer noch ein Zuhause hatte, einen Ort, wo ich notfalls übernachten könnte, wenn ich nicht unter Vampiren sein wollte – und wenn die Nähe Ethans unerträglich werden sollte. Außerdem brauchte ihr neuer Mitbewohner den Platz nicht wirklich; Catcher hatte das Zeug, das ein Mann so braucht, bereits bei Mallory im Schlafzimmer untergebracht.

Ich machte an den beiden Seesäcken die Reißverschlüsse zu, stemmte die Hände in die Hüften und sah Mallory an. »Ich glaube, ich bin fertig.«

Sie schenkte mir ein freundliches Lächeln, und ich schaffte es nur mit Mühe, die Tränen zurückzuhalten, die mir in den Augen standen. Schweigend stand sie auf und umarmte mich. Ich erwiderte ihre Umarmung – meine beste Freundin, meine Schwester.

»Ich liebe dich, weißt du«, sagte sie.

»Ich dich auch.«

Sie ließ mich wieder los, und wir wischten uns die Tränen aus den Augen. »Du rufst kurz an? Sagst Bescheid, dass alles in Ordnung ist?«

»Natürlich mache ich das. Und ich ziehe nur auf die andere Seite der Stadt. Ich ziehe ja nicht nach Miami.« Ich warf mir einen der Seesäcke über die Schulter. »Weißt du, ich habe mir immer gedacht, wenn ich mal ausziehe, dann, weil ich so einen richtig geilen Lehrauftrag in einer kleinen Stadt bekommen habe, wo sie alle hochintelligent und sonderbar sind.«

»Eureka, die geheime Stadt?«, fragte sie.

»Oder Stars Hollow.«

Mallory lachte zustimmend und schnappte sich den zweiten Seesack. »Ich hätte vermutet, dass du gehst, weil du dich von einem einundzwanzigjährigen Altphilologen hast klarmachen lassen, und dass ihr beide dann nach Bora-Bora abhaut, um dort euer kleines Kind auf den Inseln großzuziehen.«

Ich blieb auf halbem Weg zur Tür stehen und drehte mich zu ihr um. »Das ist aber ziemlich konkret, Mallory.«

»Du hast lange studiert«, sagte sie und quetschte sich an mir vorbei auf den Flur. »Ich hatte genügend Zeit.«

Ich hörte, wie sie die Treppe hinunterstapfte, blieb aber im Türrahmen meines Schlafzimmers stehen, das mir seit meiner Rückkehr nach Chicago vor drei Jahren ein Zuhause gewesen war. Ich warf noch einen letzten Blick auf die alten Möbel, die verblichene Bettdecke und die Kohlrosen auf der Tapete und schaltete das Licht aus.

Kapitel Zwei

Zuhause ist, wo das Herz ist … nicht unbedingt, wo man schläft

Okay, ich zögerte die Sache hinaus. Die Seesäcke hatte ich auf den Rücksitz meines kastenförmigen orangefarbenen Volvo geschmissen, aber anstatt direkt Haus Cadogan anzusteuern, fuhr ich an meinem zukünftigen Zuhause in Hyde Park vorbei in Richtung Süden. Ich war einfach noch nicht bereit, die Türschwelle Cadogans zu überschreiten, um dort zu wohnen. Und außerdem hatte ich meinen Großvater fast eine Woche lang nicht gesehen, und es war mir wichtig, ihn in seinem Büro auf der South Side zu besuchen. Meine Großeltern hatten mich praktisch allein großgezogen, während meine Eltern, Joshua und Meredith Merit, nur darauf bedacht waren, auf der Karriereleiter nach oben zu klettern und auf Empfängen in ganz Chicago einen guten Eindruck zu hinterlassen. Also hatte es sich mein Großvater wirklich verdient, dass ich ihn regelmäßig besuchte.

Dem Büro des Ombudsmanns fehlte es an Flair; es handelte sich um ein flaches Ziegelsteingebäude mitten in einem Arbeiterviertel mit kleinen quadratischen Häusern, sauberen Vorgärten und Maschendrahtzäunen. Ich stellte den Volvo vor dem Haupteingang ab, stieg aus und schnallte mir mein Katana um. Ich bezweifelte, dass ich es im Büro meines Großvaters benötigte, aber wenn ich mich nicht sorgfältig bewaffnete, würde Catcher das schnellstens an Ethan weitergeben. Sie waren nicht die besten Kumpel, aber dass sie gerne mal über mich plauderten, hielt ich durchaus für wahrscheinlich.

Es war fast elf, aber die wenigen Bürofenster waren hell erleuchtet. Das Büro des Ombudsmanns, zumindest war das die Meinung meines Großvaters, diente den Kreaturen der Nacht. Das bedeutete Nachtschichten für meinen Großvater, seine Sekretärin Marjorie, Catcher und Jeff Christopher, die zweite rechte Hand meines Großvaters, ein Formwandler mit noch unbestimmter Form und Computerfreak. Der übrigens bis über beide Ohren in meine Wenigkeit verliebt war.

Ich klopfte an die verschlossene Vordertür und wartete darauf, eingelassen zu werden. Jeff bog um die Ecke, kam den Flur entlang auf mich zu und fing breit an zu grinsen. Er war ein Spargeltarzan mit strubbligem braunem Haar. Heute Abend trug er seine üblichen Klamotten – eine gebügelte Kakihose und ein langärmeliges Hemd, dessen Ärmel er bis zu den Ellbogen aufgerollt hatte.

Als er die Tür erreichte, tippte er den Öffnungscode in einen Zahlenblock daneben ein und öffnete das Schloss und die Tür.

»Du konntest es nicht ertragen, ohne mich zu sein?«

»Ich hab schon ein wenig gelitten«, sagte ich und kam herein, während er mir die Tür aufhielt. »Es war immerhin fast eine Woche?«

»Sechs Tage, dreiundzwanzig Stunden und ungefähr zwölf Minuten.« Er gab den Sicherheitscode ein, verschloss die Tür und grinste mich frech an. »Nicht, dass ich das irgendwie nachrechnen würde.«

»Nein, natürlich nicht«, stimmte ich ihm zu, während er mich den Flur entlang zum Büro begleitete, das er sich mit Catcher teilte. »Für so etwas bist du viel zu weltmännisch.«

»Auf jeden Fall«, pflichtete er mir bei, betrat den Raum und setzte sich an einen der vier Metalltische, die in zwei Reihen in dem kleinen Zimmer aufgestellt waren und irgendwie nach Kaltem Krieg aussahen. Jeffs Tisch war derart mit Tastaturen und Monitoren überladen, dass Frankenstein höchstpersönlich sich hier wohlgefühlt hätte. Auf dem Chaos thronte ein Stofftier, bei dem es sich, wie ich erfahren hatte, um eine Nachbildung Cthulhus von H.P. Lovecraft handelte.

»Wie war die Stepptanzstunde?«, fragte eine sarkastisch klingende Stimme von der anderen Seite des Raums. Ich sah hinüber und entdeckte Catcher am gegenüberliegenden Tisch, die Hände auf dem rasierten Schädel, einen geöffneten Laptop vor sich. Eine Augenbraue hatte sich über seinen grünen Augen erhoben, und seine vollen Lippen kräuselten sich belustigt. Ich musste es zugeben: Catcher war nervig, schroff, ein anspruchsvoller Trainer … und unverschämt gut aussehend. Mallory hatte eindeutig ihre liebe Not mit ihm.

»Hip-Hop«, wies ich ihn zurecht, »nicht Stepptanz. Und wir hatten einfach Lust drauf. Deine Liebste hat beinahe die Trainerin zu Brei geschlagen, aber abgesehen davon ist nicht viel passiert.« Ich setzte mich auf einen der beiden leeren Metalltische. Warum es vier Tische waren, war mir nie ganz klar gewesen. Catcher und Jeff waren bloß zu zweit im Raum; mein Großvater und Marjorie hatten ihre Arbeitsplätze in anderen Büroräumen. Da Catcher und Jeff bereits die Hexenmeister und Formwandler repräsentierten, hatte mein Großvater zwar noch nach einem Informanten in der Vampirgemeinde gesucht. Doch der geheimnisvolle Vampir mied das Büro, um keine Probleme mit seinem Haus zu bekommen. Er hatte hier offensichtlich keinen Tisch stehen. Oder sie. Oder möglicherweise es. Das musste ich noch herausfinden.

Catcher sah mich an. »Sie hat beinahe die Trainerin zu Brei geschlagen?«

»Na ja, sie wollte es tun, und ich kann es ihr nicht mal verübeln. Aerobic-Barbie kann man nur schwer länger als fünf Minuten ertragen. Aber dank meiner erstklassigen Mediationsstrategie und meinem unübertroffenen Verhandlungsgeschick kam es dann doch nicht zur Gewalt.« Ich konnte Schritte im Flur hören und sah gerade zur Tür, als mein Großvater hereinkam. Er trug wie immer sein Karoflanellhemd, eine passende Hose und Schuhe mit dicken Sohlen.

»Wo wir gerade von erstklassiger Mediationsstrategie und unübertroffenem Verhandlungsgeschick sprechen«, sagte ich und hüpfte vom Tisch. Mein Großvater öffnete die Arme und drückte mich fest an sich. Ich versuchte dasselbe zu tun, aber nicht zu fest, um ihm nicht aus Versehen ein paar Rippen zu brechen. Der Vampir in mir war eben ein wenig stärker. »Hi, Grandpa.«

»Meine Kleine«, sagte er und drückte meiner Stirn einen Schmatzer auf. »Wie geht es meiner liebsten übernatürlichen Bürgerin dieser Stadt an einem so bezaubernden Frühlingsabend?«

»Das tut weh, Chuck«, sagte Catcher und verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich dachte, ich wäre dein liebster Übernatürlicher.« Seine Stimme hätte nicht trockener klingen können.

»Jetzt mal ehrlich«, sagte Jeff, während sein Blick von einem Monitor zum nächsten wanderte. »Jeden Tag und jede Nacht schuften wir hier …«

»Um genau zu sein« unterbrach ihn Catcher, »eigentlich nur nachts.«

»Nachts«, verbesserte sich Jeff unbeirrt. »Wir versuchen, jeden in der Windy City glücklich zu machen, sorgen dafür, dass die Nymphen sich an die Ordnung halten.« Er deutete mit dem Kopf in Richtung der Poster, die an den Wänden hingen und wenig bekleidete Frauen zeigten. Es handelte sich um Flussnymphen – kleine, vollbusige, langhaarige Frauen mit rehbraunen Augen, die die verschiedenen Verästelungen des Chicago River kontrollierten. Sie hatten einen ziemlichen Hang zu dramatischen Auftritten, wie ich in der Nacht meines achtundzwanzigsten Geburtstags feststellen durfte. Im Haus meines Großvaters hatten sie sich massenhaft versammelt, um sich über einen Liebhaber zu beschweren, der eine Flussnymphe mit einer anderen betrogen hatte, und das verdammt lautstark. Der Zickenkrieg hatte monumentale Ausmaße angenommen, einschließlich tränenüberströmter Gesichter, unflätiger Schimpfwörter und rasiermesserscharfer Fingernägel, die ihre Opfer forderten. Und diese Ausnahmesituation hatte zur größten Überraschung aller ihr Ende gefunden, als Jeff eingegriffen hatte. (Meine Zurückhaltung konnte nichts an der Tatsache ändern, dass Jeff durchaus ein Händchen für Frauen hatte.)

»Und wir wissen alle, wie schwierig das sein kann«, sagte ich und zwinkerte Jeff zu. Er lief rot an, bis seine Wangen in etwa den Farbton eines Hummers angenommen hatten.

»Was führt dich hierher?«, fragte mich mein Großvater.

»Warte, warte, ich habe da so eine Ahnung«, sagte Catcher, als er sich einen Briefumschlag von seinem Schreibtisch nahm, ihn auf die Stirn drückte und mit geschlossenen Augen eine perfekte Imitation Carnacs, des unglaublichen Wahrsagers, ablieferte. »Merit wird eine Wandlung durchlaufen … was ihre Postleitzahl angeht.« Er öffnete die Augen und warf den Briefumschlag wieder auf den Schreibtisch. »Wenn du auf dem Weg nach Hyde Park bist, dann bist du definitiv zu weit nach Süden gefahren.«

»Ich versuche es hinauszuzögern«, gab ich zu. Ich hatte dasselbe vor der Nacht meiner Aufnahme in Haus Cadogan getan und Zuspruch bei den Freunden und der Familie gesucht, die für mich von Bedeutung waren, bevor ich mich einer Sache anschloss, die mein Leben für immer veränderte. Genau wie heute.

Catchers Gesichtsausdruck wurde sanfter. »Du hast deine Sachen gepackt?«

Ich nickte. »Alles im Auto.«

»Du weißt, dass sie dich vermissen wird.«

Ich nickte. Daran hatte ich keinen Zweifel, aber ich wusste es zu schätzen, dass er es ausgesprochen hatte. Er gehörte nicht zu diesen sentimentalen Typen, die nah am Wasser gebaut waren, was seiner Bemerkung umso mehr Gewicht verlieh.

Mein Großvater legte mir eine Hand auf die Schulter. »Das wird schon werden, meine Kleine. Ich kenne dich, weiß, wie fähig du bist und wie stur, und das sind Eigenschaften, die Ethan zu schätzen lernen wird.«

»Mit der Zeit schon«, grummelte Catcher. »Mit viel Zeit, noch mehr Zeit, und hatte ich das schon gesagt? Zeit?«

»Es werden Jahrtausende vergehen«, stimmte Jeff zu.

»Wer ist hier unsterblich?« Ich erinnerte sie daran, indem ich mit einem Finger auf mich zeigte. »Die Zeit haben wir. Abgesehen davon möchte ich es ihm auch nicht zu leicht machen.«

»Daran habe ich keinen Zweifel« sagte mein Großvater und zwinkerte mir zu. »Könntest du deinem Pop-Pop einen Gefallen tun und etwas für ihn bei Ethan abliefern?«

Ich errötete, als ich den Namen hörte, den ich als kleines Kind meinem Großvater gegeben hatte. »Grandpa« war aber auch wirklich schwer auszusprechen.

»Klar«, sagte ich. »Mach ich gerne.«

Grandpa nickte in Catchers Richtung, der eine Schreibtischschublade quietschend öffnete und einen schweren braunen Umschlag hervorholte, der mit einem roten Faden zugebunden war. Die Adresse fehlte, aber auf einer Seite waren die Worte VERTRAULICH und STUFE EINS in schwarzen Großbuchstaben aufgestempelt. »STUFE EINS« war beim Ombudsmann das Gegenstück zu »Streng geheim«. Es war außerdem die einzige Kategorie, zu der mir mein Großvater keinen Zugang erlaubte.

Catcher reichte mir den Umschlag. »Geh damit vorsichtig um!«

Ich nickte und nahm ihn entgegen. Er war schwerer, als ich erwartet hatte, und enthielt einen gut zwei Zentimeter hohen Stapel Papiere. »Ich nehme mal an, dass die Botin keinen Blick reinwerfen darf?«

»Wir wüssten es zu schätzen, wenn du das nicht tust«, sagte Grandpa.

»Dann müssten wir auch keine körperliche Gewalt anwenden«, warf Catcher ein, »was die ganze Sache doch sehr unangenehm machen würde, wenn man bedenkt, dass du Chucks Enkelin bist.«

»Ich glaube, wir können ihr vertrauen«, bemerkte mein Großvater trocken, »aber ich weiß dein Engagement zu schätzen.«

»Ich tu hier nur meine Pflicht, Chuck. Nur meine Pflicht.«

Da ich eine Aufgabe erhalten hatte, dachte ich mir, dass ich nun genauso gut das Unausweichliche in Angriff nehmen und zum Haus fahren konnte. Immerhin konnte ich mich darauf freuen, meine neue Bude zum ersten Mal zu sehen.

»In diesem Sinne«, meinte ich daher, »werde ich euch drei mal wieder alleine lassen.« Ich warf meinem Großvater einen Blick zu und hielt den Umschlag hoch. »Ich werde ihn abliefern, aber für meinen Aufwand sollte ich schon mit einer Kleinigkeit entschädigt werden.«

Er lächelte mich verständnisvoll an. »Hackbraten?«

Er kannte mich viel zu gut.

Sie nannten es »den Namen verlieren«. Um zu einem Vampir zu werden, einem Haus beizutreten, zu einem Mitglied einer der ältesten (und früher geheimsten) Organisationen auf der Welt zu werden, musste man zuerst die eigene Identität aufgeben und damit zum Teil der Gemeinschaft werden. Der Verzicht auf den Nachnamen war ein symbolischer Akt, der die eigene Verpflichtung gegenüber seinen Brüdern und Schwestern dokumentierte. Anstelle des früheren Namens trat die Mitgliedschaft im Haus, ein Symbol für die neue Familie. Ich vermutete, dass es sich bei mir um eine seltsame Ausnahme von der Regel handelte: Merit war zwar mein Nachname, aber ich wurde auch so mit Vornamen angeredet, und das seit Jahren. Also behielt ich den Namen nach der Aufnahme.

Indem man seinen Nachnamen ablegte, lernte man laut Kanon (Kapitel vier: »Vampire – wer steht an der Spitze?«) die gemeinschaftlichen Werte der Vampirgesellschaft kennen. Gemeinsamer Verzicht. Kompetente Führung. Verantwortlichkeit – nicht gegenüber den früheren, menschlichen Verwandten, sondern der neuen Familie gegenüber, der mit spitzen Zähnen. Die Meistervampire erhielten selbstverständlich ihre Nachnamen zurück. Daher hieß der Anführer des Hauses Cadogan nicht einfach nur Ethan, sondern Ethan Sullivan.

Und wo wir gerade von Sullivan sprechen: Der wichtigste gemeinschaftliche Wert war, sich bei ranghöheren Vampiren einzuschleimen.

Genau das hatte ich gerade vor.

Nun, eigentlich sollte ich ja nur etwas abliefern. Aber da es sich um diesen Empfänger handelte, gehörte Einschleimen einfach dazu.

Ethans Büro befand sich im Erdgeschoss des Hauses Cadogan. Ich betrat es mit den Seesäcken über der Schulter und fand seine Tür geschlossen vor. Einen Augenblick hielt ich inne, denn wie immer versuchte ich das Unausweichliche hinauszuzögern, aber dann raffte ich mich auf und klopfte. Ein einfaches »Herein!« erklang, ich öffnete die Tür und trat ein.

Ethans Büro war wie das restliche Haus Cadogan elegant eingerichtet, fast schon prunkhaft, aber das passte zur Adresse in Hyde Park. Zur Rechten stand ein Tisch, eine Sitzgruppe zur Linken und am anderen Ende des Raums ein riesiger Konferenztisch vor einer samtverhangenen Fensterreihe. An den Wänden standen Einbaubücherregale, in denen sich Antiquitäten und Erinnerungsstücke an Ethans 394 Lebensjahre befanden.

Ethan Sullivan, Herr von Haus Cadogan und der Meister, der mich zu einem Vampir gemacht hatte, saß hinter seinem Tisch, ein schmales silbernes Handy an seinem Ohr, den Blick auf einige Dokumente vor sich gerichtet. Es schienen sich fast immer Dokumente vor ihm zu befinden; offensichtlich brachte das Dasein als Meistervampir eine Menge Papierkram mit sich.

Ethan trug einen perfekt geschnittenen schwarzen Anzug, ein makelloses weißes Hemd, dessen oberster Knopf geöffnet worden war, um den Blick auf das goldene Medaillon freizugeben, das Vampire als Symbol ihrer Zugehörigkeit zu einem bestimmten Haus um den Hals trugen. Seine goldblonden, schulterlangen Haare trug er offen und hatte sie hinter die Ohren geklemmt.

Auch wenn es mich ernsthaft störte, so musste ich doch zugeben, dass Ethan schön war. Ein perfekt geschnittenes Gesicht, klassisch geschwungene Wangen, ein markantes Kinn, aufregend smaragdgrüne Augen. Das Gesicht gereichte dem Körper zur Ehre, den ich zum größten Teil versehentlich sehen durfte, als Ethan sich mit Amber vergnügt hatte, seiner früheren Gefährtin im Haus Cadogan. Bedauerlicherweise hatten wir nur kurze Zeit später festgestellt, dass Amber Celina bei dem Versuch geholfen hatte, die Häuser Chicagos zu übernehmen.

Er warf einen kurzen Blick auf die Seesäcke. »Du ziehst ein?«

»Ja.«

Ethan nickte. »Gut. Das ist eine weise Entscheidung.« Sein Tonfall enthielt kein Lob, sondern war herablassend, als ob er von mir enttäuscht wäre, dass ich so lange für die Entscheidung gebraucht hatte – nicht mal zwei Monate –, Haus Cadogan zu meinem Zuhause zu machen. Seine Reaktion kam nicht unerwartet.

Ich nickte und verkniff mir einen bissigen Kommentar zu seiner mürrischen Art. Ich kannte die Grenzen dessen, was einen vierhundert Jahre alten Meistervampir wütend machte, weil ich sie schon das eine oder andere Mal ausgetestet hatte.

Ich stellte die Seesäcke ab, öffnete sie, zog den vertraulichen Umschlag hervor und übergab ihn. »Der Ombudsmann hat mich gebeten, dir das zu überreichen.«

Ethan hob eine Augenbraue und nahm den Umschlag entgegen. Er wickelte den Faden von seiner Plastikhalterung ab, hob die Umschlagfalte mit einem Finger hoch und sah hinein. Sein Gesichtsausdruck entspannte sich. Ich war mir nicht sicher, was das Büro des Ombudsmanns ihm geliefert hatte, aber Ethan schien es zu gefallen.

»Wenn sonst nichts ist«, sagte ich und deutete mit einem Nicken auf die Seesäcke zu meinen Füßen.

Er sah nicht mal von seinem Papierkram auf. »Wegtreten«, sagte er geistesabwesend, zog die Dokumente aus dem Umschlag und begann sie durchzublättern.

In den ersten Wochen hatte ich Ethan nur selten zu Gesicht bekommen. Wie es oft bei solchen Dingen der Fall ist, verlief unser Wiedersehen undramatisch. Damit konnte ich leben.

Da ich meinen familiären Pflichten nachgekommen war, machte ich mich zu den Büros im Erdgeschoss auf, die dem Personal Cadogans vorbehalten waren. Helen saß hinter ihrem Schreibtisch, als ich hereinkam. Sie trug ein adrettes rosafarbenes Kostüm – anscheinend hatte sie die Erlaubnis erhalten, etwas anderes als das übliche Schwarz Cadogans zu tragen. Ihr Büro war ebenso in Rosa gehalten. Die Unterlagen waren in farbigen Mappen ordentlich sortiert in Holzregalen untergebracht, und ihr Tisch wirkte äußerst aufgeräumt – auf ihm befanden sich nur ein Tintenlöscher, ein Stiftbecher und ein Kalender. Alle Termine und Veranstaltungen waren darauf in verschiedenen Farben sauber eingetragen.

Sie telefonierte gerade, wobei sie sich mit sorgfältig manikürten Fingern einen prinzessinnenhaften Telefonhörer an ihren perfekt geschnittenen silbergrauen Bubikopf hielt.

»Vielen Dank, Priscilla. Das weiß ich zu schätzen. Auf Wiederhören.« Sie legte den Hörer vorsichtig auf, schlug die Hände zusammen und schenkte mir ein strahlendes Lächeln. »Das war Priscilla«, erklärte sie mir. »Meine Ansprechpartnerin im Haus Navarre. Wir bereiten eine kleine gemeinsame Sommerfeier für die Häuser vor.« Sie warf einen vorsichtigen Blick durch die offene Tür und beugte sich dann vor. »Um ehrlich zu sein«, vertraute sie mir an, »diese Beziehung zwischen Ihnen und Morgan hat für das Verhältnis zwischen den Häusern wahre Wunder vollbracht.«

Morgan Greer wäre gerne mein Freund, und er war der neue Meister des Hauses Navarre. Er hatte dieses Amt nach Celinas Festnahme angetreten und war somit von seiner früheren Stellung als Nummer Eins zum Meister aufgestiegen. Nach dem, was ich mitbekommen hatte, war die Nummer Eins für die Vampire so etwas wie ein Vizepräsident. Ein Mann namens Malik war die Nummer Eins des Hauses Cadogan. Er schien größtenteils hinter den Kulissen zu arbeiten, aber es war deutlich, dass sich Ethan auf ihn verließ und ihm vertraute.

Da ich es meiner Ansicht nach Helen schuldete, höflich zu sein, korrigierte ich nicht, wie sie unsere »Beziehung« einschätzte, und lächelte.

»Freut mich, wenn ich helfen konnte«, sagte ich und wies mit einem Kopfnicken auf die Seesäcke in meinen Händen. »Ich habe meine Sachen dabei. Könnten Sie mir freundlicherweise mein Zimmer zeigen?«

Sie schenkte mir ein fröhliches Lächeln. »Aber natürlich. Ihr Zimmer ist im ersten Stock, im hinteren Flügel.«

Ungeachtet des Gewichts meiner Sachen fiel mir ein Stein vom Herzen. Im ersten Stock des Hauses Cadogan befanden sich unter anderem die Bibliothek, ein Speisesaal und der Festsaal. Zu den anderen Räumen gehörten Ethans Zimmer nicht, denn die befanden sich im zweiten Stock. Was bedeutete, dass zwischen mir und Ethan ein ganzes Stockwerk lag. Ich wollte einen Freudensprung machen, aber angesichts der Tatsache, wo ich mich gerade befand, entschloss ich mich, meinem Glück schweigend Ausdruck zu verleihen und innerlich aufzuschreien.

Helen reichte mir eine marineblaue Mappe, auf der das runde Haussiegel zu sehen war. »Hier finden Sie die Hausordnung, Karten, Informationen zu den Parkplätzen, die Speisekarte unserer Cafeteria usw. Der größte Teil dieser Informationen ist mittlerweile natürlich auch online zu finden, aber wir mögen es, wenn unsere neuen Vampire etwas Greifbares in den Händen halten.« Sie stand auf und sah mich erwartungsvoll an. »Wollen wir?«

Ich nickte, platzierte meine Seesäcke neu und folgte ihr den Flur entlang bis zu einer schmalen Hintertreppe. Als wir das erste Stockwerk erreichten, bogen wir erst einmal, dann ein zweites Mal ab und standen bald vor einer Tür aus dunklem Holz, an der ein kleines Schwarzes Brett hing.

MERIT, HÜTERIN, stand auf einem kleinen Namensschild über dem Schwarzen Brett.

Helen griff in ihre Jackentasche, zog einen Schlüssel hervor und steckte ihn ins Schloss. Sie drehte den Knauf, öffnete die Tür und trat zur Seite.

»Willkommen zu Hause, Hüterin!«

Kapitel Drei

America’s Next Topmonster

Ich ging hinein, stellte meine Seesäcke ab und sah mich um. Der Raum war klein, quadratisch und schlicht eingerichtet. Die Wand war bis zur Höhe der Stuhllehnenschutzleiste mit Holz vertäfelt, dessen Farbe denselben dunklen Ton wie der glänzende Holzfußboden hatte. Direkt gegenüber der Tür befand sich ein Fenster, dessen Fensterläden geschlossen waren. Auf der linken Seite stand ein Bett mit schmiedeeisernem Gestell, direkt daneben ein kleiner Nachttisch und unterhalb des Fensters ein Sessel. An einer der beiden Türen auf der rechten Seite war ein großer Spiegel angebracht, und zwischen ihnen befand sich eine Kommode. Ein Regal bedeckte die restliche Wand zur Rechten bis zur Tür.

Es war eigentlich nichts anderes als ein Zimmer im Studentenwohnheim.

Für eine achtundzwanzigjährige Vampirin.

»Brauchen Sie sonst noch etwas?«

Ich erwiderte Helens Lächeln. »Nein, danke! Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie mir so kurzfristig ein Zimmer zur Verfügung gestellt haben.« Mein Augenarzt war ihr auch dankbar, denn hätte ich weiterhin Zeuge von Catchers und Mallorys leidenschaftlicher Liaison sein müssen, hätte ich vermutlich eine spontane Netzhautablösung erlitten.

»Gern geschehen, meine Liebe. Essen wird bei Sonnenuntergang, gegen Mitternacht und zwei Stunden vor Sonnenaufgang in der Cafeteria serviert.« Sie warf einen Blick auf ihre Uhr. »Sie sind ein wenig zu spät für die zweite Mahlzeit und noch ein wenig früh für die dritte. Soll ich Ihnen etwas zu essen machen lassen?«

»Nein, danke. Ich habe mir auf dem Weg hierher etwas besorgt.« Nicht einfach irgendetwas – den besten selbst gemachten Hackbraten Chicagos. Der Himmel auf Erden.

»Nun, wenn Sie etwas brauchen, dann finden Sie auf jeder Etage in den kleinen Küchen etwas zu essen, und Blut ist in den Kühlschränken vorrätig. Wenn Sie etwas haben möchten, was Sie nicht in der Küche finden können, dann fragen Sie das Personal.«

»Mach ich. Vielen Dank noch mal!«

Helen ging hinaus und zog die Tür hinter sich zu. Ich musste schallend lachen, als ich sah, was sich hinter der Tür verbarg. Ich blickte auf ein Poster von Haus Navarre mit dem lebensgroßen Abbild Morgans in Jeans und einem eng anliegenden Thermoshirt, schwarzen Stiefeln, Lederarmbändern und verschränkten Armen. Er hatte sich die Haare wachsen lassen. Auf dem Bild trug er eine wilde Mähne, die um sein absolut schönes Gesicht – seine markanten Wangenknochen, sein mit einem Grübchen versehenes Kinn und seine marineblauen Schlafzimmeraugen, die mich unter langen dunklen Brauen und unglaublich langen Wimpern hervor anstarrten – wogte.

Offensichtlich hatte sich Helen mit ihrer Ansprechpartnerin bei Navarre über mehr als nur ein Picknick im Sommer unterhalten. Das bedurfte ernsthafter Sticheleien, und ich nahm mein Handy aus der Tasche und gab Morgans Nummer ein.

»Morgan«, meldete er sich.

»Ja«, sagte ich, »ich würde gerne mit jemandem über eine Bestellung von Navarre-Pornos sprechen, bitte. Wie zum Beispiel dieses Poster von diesem ein Meter achtzig großen, umwerfenden Meistervampir, der mit dem verträumten Blick?«

Er lachte in sich hinein. »Du hast also mein Begrüßungsgeschenk entdeckt?«

»Ist es nicht ein bisschen seltsam, wenn ein Vampir aus Navarre einer Vampirin aus Cadogan ein Begrüßungsgeschenk macht?«, fragte ich, während ich einen Blick hinter die Türen auf der rechten Seite des Raums warf. Hinter der ersten befand sich ein schmaler Wandschrank, in dem ein Dutzend Holzkleiderbügel hing. Hinter der zweiten entdeckte ich ein kleines Badezimmer – mit einer Badewanne mit Klauenfüßen und Duschgelegenheit und einem Waschbecken auf einem Sockel.

»Nicht, wenn sie die schönste Vampirin Cadogans ist.«

Ich lachte schnaubend, schloss die Tür und legte meine Seesäcke auf das Bett. »Du kannst doch nicht glauben, dass der Spruch bei mir Erfolg hat.«

»Haben wir Samstagnacht zusammen eine riesige Torte vernichtet?«

»Ich glaube mich daran erinnern zu können.«

»Dann funktionieren meine Sprüche offensichtlich.«

Ich schnaubte sarkastisch, aber der Junge hatte nicht ganz unrecht.

»Ich muss los. Ich habe in ein paar Minuten eine Sitzung«, sagte er, »und der Meister hier ist ein echter Bürokratenhengst.«

»Aha. Das ist er bestimmt. Ich wünsche dir viel Spaß.«

»Den habe ich immer. Und im Namen des Hauses Navarre und der Nordamerikanischen Vampir-Registratur verleihe ich der Hoffnung Ausdruck, dass du lange Zeit produktiv im Haus Cadogan aktiv sein wirst. Friede sei mit dir. Lebe lang und in Frieden …«

»Mach’s gut, Morgan«, sagte ich lachend, ließ das Handy zuklappen und steckte es wieder in meine Tasche.

Man konnte sich darüber streiten, ob Morgan mich gegen meinen Willen zu unserem ersten Date gezwungen hatte, denn das war aufgrund eines politischen Kompromisses zustande gekommen (und das vor mindestens fünfzig anderen Vampiren). Dieses erste Date hatten wir dann vor einigen Wochen hinter uns gebracht, und wie er bereits erwähnte, hatten wir seitdem zusammen die eine oder andere Pizza gegessen. Ich hatte nichts getan, um sein Interesse an mir zu verringern; andererseits hatte ich ihn auch nicht wirklich ermutigt. Ich mochte Morgan, das war klar. Er war witzig, charmant, intelligent, und er sah verdammt gut aus. Doch ich wurde das Gefühl nicht los, dass ich unsere Beziehung aus einer gewissen Distanz betrachtete, dass ich mich nicht ganz auf ihn einließ.

Vielleicht stimmte die Chemie zwischen uns beiden nicht. Vielleicht war es eine Frage der Sicherheit, denn er stammte aus Navarre, und ich sollte als Hüterin Cadogans immer wachsam, immer auf Abruf sein. Vielleicht lag es daran, dass er das erste Date nur bekommen hatte, weil er mich vor Ethan, Scott Grey, Noah Beck (dem Anführer der unabhängigen Vampire Chicagos) und der Hälfte aller Vampire des Hauses Cadogan in Zugzwang gebracht hatte.

Yeah, das könnte es sein!

Oder vielleicht war es etwas viel Grundlegenderes: So ironisch das klang, aber der Gedanke, mit einem Vampir auszugehen – einschließlich aller politischen und emotionalen Komplikationen –, haute mich nicht vom Hocker.

Jeder dieser Gründe hätte dafür verantwortlich sein können, dass es sich seltsam anfühlte; dass ich seine Gesellschaft genoss, mich aber nicht wirklich darauf einlassen konnte, trotz Morgans offensichtlicher Begeisterung.

Da ich die Antwort auf diese Frage heute nicht finden würde, verdrängte ich den Gedanken und ging zu meinen Seesäcken hinüber, die noch ungeöffnet auf dem Bett lagen. Ich öffnete sie und machte mich an die Arbeit.

Ich holte Bücher hervor, Schreibmaterialien und Krimskrams und räumte alles ins Bücherregal ein. Der Inhalt des Kulturbeutels fand im Medizinschränkchen sein neues Zuhause, gefaltete Kleidungsstücke landeten in der Kommode. Hemden und Hosen hing ich auf die Kleiderbügel im Wandschrank, und die Schuhe warf ich kurzerhand darunter.

Als ich die Seesäcke geleert hatte, machte ich die Reißverschlüsse wieder zu, hielt aber inne, als ich in der Innentasche etwas ertastete. Ich griff hinein und entdeckte ein kleines, mit braunem Papier umwickeltes Paket. Neugierig löste ich das Klebeband und packte es aus. In meiner Hand hielt ich ein eingerahmtes Stück Leinen, auf dem im Kreuzstich stand: VAMPIRE SIND AUCH MENSCHEN.

Obwohl ich mir nicht ganz sicher war, dieser Aussage zustimmen zu können, so war es als Überraschungsgeschenk für meinen Einzug doch eine nette Sache. Ich wusste Mallorys Geste zu schätzen und machte mir im Geist eine Notiz, mich bei unserem nächsten Treffen bei ihr zu bedanken.

Ich hatte gerade die leeren Seesäcke zusammengelegt und in der untersten Kommodenschublade verstaut, als der Piepser an meiner Hüfte zu vibrieren begann. Piepser waren für die Wachen Cadogans verpflichtend, damit wir bei fangzahnbezogenen Notfällen so schnell wie möglich reagieren konnten. Jetzt, wo ich offiziell das Haus bewohnte – und nicht mehr zwanzig Fahrminuten nördlich zu Hause war –, konnte ich in Rekordzeit reagieren.

Ich nahm den Piepser kurz ab und las den Text im Display. Darauf stand: OPER ZTRL. 911.

Nicht besonders poetisch, aber die Aussage war deutlich genug. Es musste einen Notfall geben, weswegen wir uns in der Operationszentrale treffen sollten, dem Hauptquartier der Wachen im Keller des Hauses Cadogan. Ich schnallte meinen Piepser wieder fest, schnappte mir mein Katana und lief nach unten.

»Es interessiert mich nicht, ob sie euch fotografieren, um Autogramme bitten oder zu einem Drink einladen! Das. Ist. Völlig. Inakzeptabel.«

Luc, Hauptmann der Wachen des Hauses Cadogan, knurrte uns wütend an. Es stellte sich heraus, dass sich der Notfall tagsüber ereignet hatte und wohl auf unserem eigenen Mist gewachsen war. Diese Standpauke gehörte zu den unliebsamen Konsequenzen.

Hier waren wir, saßen um einen Hightech-Konferenztisch in der ebenso Hightech-, filmreifen Operationszentrale – Peter, Juliet, Lindsey, Kelley und ich, die Wachen (und die Hüterin), die für das Wohlergehen und die Sicherheit der Vampire Cadogans verantwortlich waren.

Wir bekamen gerade von einem blonden Wuschelkopfcowboy, der irgendwann in einen Vampir verwandelt worden war, die Leviten gelesen. Er warf uns eine »lasche Haltung« vor, die er auf unsere erst kürzlich erworbene Popularität in der Öffentlichkeit zurückführte.

Um ehrlich zu sein – wir fühlten uns nicht gerade geliebt.

»Wir tun schon unser Bestes«, betonte Juliet, eine leicht entrückt wirkende Rothaarige, die schon länger Vampir war als ich auf der Erde. »Letzte Woche sind Lindsey einige Reporter gefolgt«, sagte sie und deutete auf eine andere Wache. Lindsey war blond, ziemlich frech und glücklicherweise auf meiner Seite.

»Ja«, sagte Luc und hob eine Ausgabe der Chicago World Weekly vom Konferenztisch hoch, »dafür gibt es Beweise.« Er drehte die Zeitung so, dass wir alle einen Blick auf Lindsey werfen konnten, deren ganzseitiges Foto die Titelseite schmückte. Sie trug ihren üblichen blonden Pferdeschwanz, Designer-Jeans, Stöckelschuhe und eine überdimensionierte Sonnenbrille. Sie war in der Bewegung fotografiert worden, während sie jemanden abseits der Kamera anlächelte. Zufälligerweise wusste ich, dass die Person, die sie anlächelte, genau wie ich einer der neuen Vampire Cadogans war. Lindsey war mit Connor kurz nach der Aufnahmezeremonie, bei der er und ich in das Haus aufgenommen worden waren, zusammengekommen – zu Lucs großem Entsetzen.

»Das entspricht nicht ganz der von Cadogan akzeptierten Uniform«, wies Luc sie zurecht.

»Aber diese Jeans ist süß«, flüsterte ich.

»Ich weiß, nicht wahr?« Sie erwiderte mein Grinsen. »Und total günstig.«

»Deinen kleinen Hintern als Titelbild auf der Weekly zu sehen, ist nicht der direkte Weg zu meinem Herzen, Blondie«, sagte Luc.

»Dann habe ich es ja genau richtig gemacht.«

Luc gab ein Knurren von sich, denn er verlor langsam die Geduld. »Ist das wirklich das Beste, was du für dieses Haus tun kannst?«

Lindseys ständige Streitereien mit Luc hinterließen bei mir den Eindruck, dass sie in Wirklichkeit leidenschaftlich in ihn verliebt war. Allerdings vermutete man das kaum, wenn man sah, wie wütend sie ihn anfunkelte. Sie hob den Zeigefinger und begann zu zählen.

»Erstens, ich habe nicht darum gebeten, fotografiert zu werden. Zweitens, ich habe nicht darum gebeten, fotografiert zu werden. Drittens, ich habe nicht darum gebeten, fotografiert zu werden.« Sie hob die Augenbrauen in Richtung Luc. »Verstehst du, was ich sagen will? Jetzt mal ganz ehrlich. Diese Sache mit dem ›Kann man auf Fotos nicht sehen‹ ist eine verdammte Legende.«

Luc murmelte etwas von Befehlsverweigerung und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. »Leute, wir sind an einem Wendepunkt. Wir haben uns geoutet, der Kongress hat uns durch die Mangel gedreht, und jetzt haben wir alle Paparazzi dieser Welt am Hals. Außerdem haben wir herausgefunden, dass in wenigen Wochen Gabriel Keene, der Chef von Zentral-Nordamerika, unserer schönen Stadt einen Besuch abstatten wird.«

»Keene ist auf dem Weg hierher?«, fragte Peter. »Nach Chicago?« Peter lehnte sich vor, die Ellbogen auf dem Konferenztisch. Peter war groß gewachsen und schlank, hatte braune Haare und wirkte wie etwa dreißig. Mit seiner legeren Kleidung und seiner gelassenen Haltung vermittelte er den Eindruck eines Mannes, der in seinem Leben (als Mensch oder Vampir) über eine Menge Geld verfügt hat.

»Nach Chicago«, bestätigte Luc. »Die Menschen wissen vielleicht noch nicht, dass die Formwandler existieren, wir aber schon. Bedauerlicherweise für alle.«

Unter den Wachen gab es einiges Gekicher. Vampire und Formwandler waren nicht gerade die besten Freunde, und die Spannungen hatten in letzter Zeit zugenommen – ich hatte gehört, dass Gabriel die Stadt besuchen wollte, um sie als möglichen Tagungsort für seine Formwandler zu begutachten. Sein Besuch und die Möglichkeit, dass Formwandler massenhaft in Chicago auftauchen würden, waren in den Tagesaufgaben – dem täglichen Nachrichtenüberblick für die Wachen Cadogans – mehr als einmal aufgetaucht.

»Okay, Leute, wir sollten nicht einen auf naiv machen und glauben, dass unsere frisch erlangte Popularität ewig bestehen wird, klar? Die Menschen – und das ist nicht böse gemeint, Hüterin, die du hier der letzte Neuzugang bist – sind ein wankelmütiger Haufen. Wir wissen, was geschieht, wenn sie von uns genervt sind.«

Luc bezog sich auf die Säuberungen, das vampirische Gegenstück zur Hexenverfolgung. In Europa hatte es zwei gegeben, die erste 1611 in Deutschland und die zweite 1789 in Frankreich. Tausende Vampire, ein ziemlich großer Teil unserer europäischen Bevölkerung, wurden während dieser beiden Ereignisse ausgelöscht – gepfählt, verbrannt, ausgeweidet und zum Sterben liegen gelassen. Die Formwandler hatten von der Zweiten Säuberung gewusst, aber sich nicht eingemischt; daher rührte eine gewisse Feindseligkeit zwischen den beiden Spezies.

»Und jetzt kommt’s«, sagte Luc. »Wir haben mitbekommen, dass die Weekly eine mehrteilige Enthüllungsgeschichte über geheime Vampiraktivitäten veröffentlichen will.«

»Geheim?«, fragte Kelley. »Was tun wir denn, das so furchtbar geheim ist?«

»Genau das will ich herausfinden«, sagte Luc und deutete mit dem Finger nach oben. »Ich treffe mich gleich mit eurem und meinem Meister. Aber bevor ich die Gelegenheit bekomme, mit dem Chef zu plaudern, lasst mich euch noch an einige Dinge erinnern, die ihr offensichtlich dringend wieder lernen müsst.«

»Wir existieren«, fuhr Luc fort, »um unseren Meister glücklich zu machen, nicht, um noch mehr auf seine Schultern zu laden. Von nun an werdet ihr euch als Vertreter des Hauses Cadogan in der Welt der Menschen betrachten und euch so verhalten, wie es sich für Vampire des Hauses Cadogan gehört. Das habt ihr offensichtlich nicht von Anfang an begriffen.« Er kniff die Augen zusammen, als er zu Lindsey hinüberblickte. »Und wenn das bedeutet, frühmorgens nicht mehr mit Vampirneulingen feiern zu gehen, dann ist das so.«

Sie warf ihm einen Blick zu, der zugleich wütend und schmollend war, aber sie verkniff sich einen Kommentar.

Da er offensichtlich davon überzeugt war, ihr seinen Standpunkt klargemacht zu haben, wandte er sich wieder uns zu. »Egal, was ihr da draußen macht, außerhalb des Hauses, es wird sich auf uns alle auswirken, vor allem jetzt, wo unsere Ärsche offensichtlich eine Schlagzeile wert sind. Das bedeutet auch, dass ihr möglicherweise aufgefordert werdet, Fragen zum Haus oder Vampiren allgemein zu beantworten.«

Er öffnete die Mappe vor sich, zog einige Papiere heraus und reichte sie an Lindsey weiter, die ihm am nächsten saß. Sie nahm sich eins und gab die übrigen weiter.

»Antwortliste?«, las Kelly den Titel des Dokuments vor. Kelley war auf eine exotische Art schön – blasse Haut, rabenschwarze Haare, leicht schräg stehende Augen. Ihr Blick ließ deutlich erkennen, dass sie von dem Stück Papier, das sie vorsichtig zwischen den Fingerspitzen hielt, nicht beeindruckt war.

»Antwortliste«, wiederholte Luc mit einem Nicken. »Das Papier beinhaltet Antworten, die ihr bevollmächtig seid zu geben – und wenn ich sage ›bevollmächtigt‹, dann meine ich ›gezwungen‹ –, wenn euch ein Reporter in eine politisch heikle Diskussion verwickeln will. Lest das Blatt, lernt es auswendig und tragt es passend vor. Haben wir uns verstanden?«

»Ja, Sir«, antworteten wir gehorsam im Chor.

Luc machte sich nicht die Mühe, darauf zu reagieren, sondern stand einfach auf und fing an, die restlichen Dokumente auf dem Tisch zusammenzuräumen. Wir verstanden den Hinweis – Sitzung vertagt – und schoben unsere Stühle zurück. Ich stand auf, faltete das Blatt mit der »Antwortliste« zusammen und wollte gerade hinausgehen, als Luc nach mir rief.

Er ging zur Tür und bedeutete mir mit zwei Fingern, ihm zu folgen.

Verdammt! Ich wusste schon, was auf mich zukam, und das auch noch zum zweiten Mal heute.

»Hüterin, du begleitest mich«, sagte er. Ich atmete langsam aus, um mich auf ein erneutes Treffen mit dem stursten Vampir der Welt geistig vorzubereiten.

»Sir«, sagte ich, stopfte die »Antwortliste« in eine Tasche meines Kostüms und rückte das Katana an meiner Hüfte zurecht. Lindsey warf mir einen mitfühlenden Blick zu, den ich mit einem Nicken beantwortete, und dann folgte ich ihm nach draußen. Wir gingen die Treppe zum Erdgeschoss hinauf, den Flur bis zu Ethans Bürotür entlang und fanden sie geschlossen vor. Luc öffnete sie ohne weitere Ankündigung. Ich zupfte kurz am Saum meiner schwarzen Kostümjacke und folgte ihm hinein.

Ethan telefonierte gerade. Er nickte Luc zu, dann auch mir und hob den Zeigefinger, um uns zu sagen, dass das Gespräch nicht lange dauern würde.

»Natürlich«, sagte er. »Das verstehe ich vollkommen.« Er deutete auf die beiden Stühle vor seinem Schreibtisch. Gehorsam setzte sich Luc auf den rechten, ich setzte mich auf den linken.

»Ja, Sire«, sagte er. »Die Information liegt mir in diesem Augenblick vor.« Als Meister des Hauses Cadogan erhielt Ethan den Ehrentitel »Lehnsherr«, aber »Sire« war mir ein Rätsel. Ich sah zu Luc hinüber.