Beschreibung

Becky Brandon, geborene Bloomwood, ist ins beschauliche Letherby gezogen. Weihnachten steht vor der Tür, die Schaufenster funkeln, und die Schnäppchen locken – Becky ist im Glück! Doch dann beauftragt Mama Bloomwood sie plötzlich, das Weihnachtsfest zu organisieren, und vorbei ist es mit der Besinnlichkeit: Jess möchte veganen Truthahn, und das perfekte Geschenk für ihren Mann Luke gibt es nur in einem exklusiven Gentlemen's Club, der Frauen den Zutritt verwehrt. Als auch noch Craig, Beckys alte Flamme und inzwischen cooler Musiker, nach Letherby zieht, ist das Chaos perfekt ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 523


Buch

Das Leben von Becky Brandon (geborene Bloomwood) hat sich komplett verändert, seit sie aus Amerika zurück ist. Sie lebt im kleinen Dorf Letherby außerhalb Londons und arbeitet mit ihrer besten Freundin Lady Suze im Souvenirladen des Herrenhauses. Das Leben ist schön, und Weihnachten steht kurz vor der Tür. Doch dann verkünden Beckys Eltern, ins angesagte Shoreditch in London ziehen zu wollen, und Mama Bloomwood beauftragt kurzerhand Becky, das Weihnachtsfest zu organisieren. Keine leichte Aufgabe, denn Minnie braucht ein Kostüm für die Schulaufführung, Jess möchte veganen Truthahn, und das perfekte Geschenk für Luke gibt es nur in einem exklusiven Gentlemen’s Club in London, der Frauen den Zutritt verwehrt. Apropos Luke: Der lässt sich einen Schnurrbart stehen – worauf Becky überhaupt nicht steht! Und dann zieht auch noch ihre alte Flamme aus Unizeiten nach Letherby – inzwischen ein cooler Musiker –, und das Chaos ist perfekt …

Weitere Informationen zu Sophie Kinsella sowie zu lieferbaren Titeln der Autorin finden Sie am Ende des Buches.

Sophie Kinsella

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Christmas Shopaholic

Roman

Aus dem Englischen von Jörn Ingwersen

Die englische Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel »Christmas Shopaholic« bei bei Bantam Press, London, an imprint of Transworld Publishers.

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Deutsche Erstveröffentlichung November 2019

Copyright © der Originalausgabe by Sophie Kinsella

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2019

by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: FAVORITBÜRO, München

Umschlagmotiv: Maryia Naidzionysheva/shutterstock

briddy/shutterstock

Redaktion: Kerstin Ingwersen

MR · Herstellung: kw

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN: 978-3-641-25052-2V002

www.goldmann-verlag.de

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für Kim Witherspoon

Von: Store Manager

An: Becky Brandon

Betreff: Re: Anfrage

Sehr geehrte Mrs Brandon,

vielen Dank für Ihre E-Mail.

Es freut mich zu hören, dass Sie einen »ganzen Schwung« Ihrer Weihnachtseinkäufe bei Hector Goode, dem Gentlemen’s Outfitter, zu tätigen beabsichtigen.

Darüber hinaus freue ich mich, dass Sie mit dem Gedanken spielen, den Mantel »Campbell« für Ihren Mann zu erwerben.

Leider jedoch kann ich Ihnen nicht sagen, ob der Mantel noch vor dem Weihnachtsfest im Preis reduziert werden wird.

Mit den allerbesten Wünschen für eine besinnliche Weihnachtszeit.

Hochachtungsvoll

Matthew Hicks

Store Manager

Hector Goode

Gentlemen’s Outfitter

561 New Regent St

London W1

Von: Store Manager

An: Becky Brandon

Betreff: Re: Re: Anfrage

Sehr geehrte Mrs Brandon,

vielen Dank für Ihre E-Mail.

Ich kann verstehen, dass es »echt blöd« wäre, wenn der Mantel »Campbell« um die Hälfte reduziert würde, kurz nachdem Sie ihn erworben haben.

Darüber hinaus verstehe ich wohl, dass Sie nicht zu lange warten möchten, damit er nicht ausverkauft ist und Sie »am Ende an Heiligabend in Panik rumrennen«.

Dennoch bin ich leider nicht befugt, diese Information herauszugeben.

Mit den besten Wünschen für eine besinnliche Weihnachtszeit.

Hochachtungsvoll

Matthew Hicks

Store Manager

Hector Goode

Gentlemen’s Outfitters

561 New Regent St

London W1

Von: Store Manager

An: Becky Brandon

Betreff: Re: Re: Re: Re: Re: Anfrage

Sehr geehrte Mrs Brandon,

vielen Dank für Ihre E-Mail.

Nein, ich kann Ihnen keinen »kleinen Tipp« geben.

Es tut mir leid, dass Sie das Gefühl haben, Weihnachtseinkäufe wären zu einem Spiel verkommen, »bei dem es allein darum geht, wer den längeren Atem hat«.

Ich gebe Ihnen recht: Es war einfacher, als es vor Weihnachten keine Sonderangebote gab und »man wusste, woran man war«.

Dennoch wünsche ich Ihnen eine besinnliche Weihnachtszeit.

Hochachtungsvoll

Matthew Hicks

Store Manager

Hector Goode

Gentlemen’s Outfitters

561 New Regent St

London W1

EINS

Okay. Keine Panik. Bloß keine Panik. Nicht hektisch werden. Mir bleiben noch fünf Minuten und zweiundfünfzig Sekunden, bis mein Warenkorb verfällt. Da ist noch reichlich Zeit! Ich muss nur noch schnell irgendwas finden, um die Gesamtsumme auf fünfundsiebzig Pfund zu bringen, damit ich die Versandkosten spare.

Komm schon, Becky! Das schaffst du!

Ich scrolle mich durch die BargainFamily-Website auf meinem Computerbildschirm und fühle mich wie eine NASA-Technikerin, die unter unsagbarem Druck die Ruhe bewahrt. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie der Timer gleichmäßig herunterzählt, unter einer Anzeige, die besagt Ihr Warenkorb verfällt in Kürze! Aber man darf sich nicht der Timer-Angst hingeben, wenn man im Netz unterwegs ist. Man muss hart bleiben. Hart wie Stahl.

Das Shoppen hat sich für mich im Laufe der Jahre echt verändert. Oder vielleicht habe ich mich auch verändert. Die Zeiten, in denen ich Single war, mit Suze in Fulham gewohnt habe und jeden Tag durch die Läden gezogen bin, scheinen mir ewig her zu sein. Ja, früher habe ich zu viel Geld ausgegeben. Das will ich gern zugeben. Ich habe Fehler gemacht. Ich habe es gemacht, wie ich es wollte, auf meine Art und Weise, um es mit Frank Sinatra zu sagen.

(Nur dass es zu »meiner Art und Weise« gehörte, Kreditkartenabrechnungen unter dem Bett zu verstecken, was Frank bestimmt nie getan hat.)

Aber ich habe ein paar wichtige Lektionen gelernt, die meine Herangehensweise in bestimmten Fragen wirklich verändert haben. Zum Beispiel:

Erstens lasse ich mir keine Tragetaschen mehr geben. Die waren früher meine größte Freude. O mein Gott, wie sich so eine neue Hochglanztüte anfühlt … diese Kordelgriffe … das Rascheln von Seidenpapier … (Hin und wieder stehe ich noch da und freue mich an meiner alten Sammlung ganz hinten im Schrank.) Inzwischen benutze ich nur noch Stoffbeutel. Von wegen dem Planeten und so.

Zweitens stehe ich total auf ethisch einwandfreies Shoppen. Da kann man nur gewinnen! Man kriegt coole Sachen und verhält sich tugendhaft.

Drittens gebe ich gar kein Geld mehr aus. Ich spare Geld.

Okay, das entspricht natürlich nicht so ganz total und absolut der Realität. Aber entscheidend ist, dass ich immer auf der Suche nach einem guten Deal bin. Ich betrachte es als meine mütterliche Pflicht, alle Waren, die meine Familie braucht, möglichst kostengünstig zu erwerben. Und aus genau diesem Grund ist BargainFamily wie geschaffen für mich. Alles ist heruntergesetzt! Sogar Designerlabel!

Das Problem ist nur, dass man schnell sein muss, weil sonst der Warenkorb verfällt und man wieder von vorn anfangen muss. Ich bin jetzt schon bei £ 62.97, brauche also nur noch irgendwas so um die zwölf Pfund. Komm schon, da muss es doch was geben, das ich brauchen kann. Ich klicke eine orangefarbene Strickjacke an, £ 13.99, unverbindliche Preisempfehlung £ 45, doch als ich näher heranzoome, sticht mir eine grässliche spitzenartige Bordüre ins Auge.

Weiße Bluse?

Nein, eine weiße Bluse habe ich mir erst letzte Woche gekauft (100 % Leinen, £ 29.99, unverbindliche Preisempfehlung £ 99.99. Die könnte ich überhaupt mal anziehen.)

Ich klicke meinen Warenkorb an, um nochmal nachzusehen, was ich schon habe. Ein Pop-up-Fenster geht auf und verkündet: Du hast heute £ 284 gespart, Becky!

Ich bin richtig stolz, als ich mir meine Waren ansehe. Ich habe volle £ 284 gespart! Ich habe einen zauberhaften Häschen-Morgenmantel für Minnie gekauft und eine fantastische DKNY-Jacke, von £ 299 reduziert auf £ 39.99, dazu einen riesigen Schwimmring in Form eines Flamingos, über den wir uns bestimmt freuen, wenn wir das nächste Mal in Urlaub fahren.

Und okay, ja. Theoretisch könnte ich auschecken und £ 5.95 für den Versand bezahlen. Aber das kommt gar nicht in Frage. Ich bin ja nicht umsonst ehemalige Finanzjournalistin. Da kenne ich mich aus. Es ist ökonomisch weitaus sinnvoller, sich noch etwas zu suchen, was man brauchen kann, um dann alles versandkostenfrei geliefert zu bekommen.

Komm schon, irgendwas muss es da doch geben. Strumpfhosen? Strumpfhosen kann man immer brauchen.

Ach, aber ich fülle Bestellungen immer mit Strumpfhosen auf. Ich habe so viele schwarze, dass sie für die nächsten hundert Jahre reichen müssten. Und die karierte, die ich letzte Woche angeklickt habe, war ein echter Fehlgriff.

Ich klicke auf »Haushaltswaren« und scrolle eilig durch das Angebot. Silberne Antilopenskulptur war £ 79.99, jetzt £ 12.99? Hm, weiß nicht so recht. Duftkerze? O Gott. Nein. Ich kann unmöglich wieder eine kaufen. Unser ganzes Haus ist jetzt schon eine einzige Duftkerze. Erst neulich meinte Luke: »Becky, könntest du zur Abwechslung mal eine Kerze besorgen, die für Frischluft sorgt?«

Eben sehe ich mir einen Brotkasten in Form von Big Ben an, als vor meinen Augen ein Feld aufpoppt – Deine Zeit läuft ab, Becky! Fast bleibt mein Herz stehen.

Ich wünschte, sie würden das nicht machen. Ich weiß, dass meine Zeit läuft.

»Das weiß ich selbst!«, höre ich mich laut sagen. »Stress mich nicht!«

Zur Sicherheit klicke ich noch mal auf meinen Warenkorb, und da bleibt mein Herz tatsächlich kurz stehen. Der aufblasbare Flamingo ist ausverkauft!

Ausverkauft!

Neeeiiin! Ich war zu langsam. Mist. Das Problem bei diesen Onlinediscountern ist, dass man es nicht mitbekommt, wenn einem ein Schnäppchen vor der Nase weggeschnappt wird. Mir schlägt das Herz bis zum Hals. Ich will meine Jacke nicht verlieren und Minnies Morgenmantel auch nicht! Ich muss diesen Warenkorb vollkriegen, und zwar pronto.

»Maaaammmiiii!«, höre ich Minnies Stimme von draußen vor der Tür, unmittelbar gefolgt von Luke, der sagt:

»Minnie! Süße, lass Mama in Ruhe, wenn sie ihre Achtsamkeitsmeditation macht. Entschuldige, Becky«, ruft er durch die Tür. »Wollte dich nicht stören.«

»Äh … schon okay!«, rufe ich zurück und schäme mich ein bisschen.

Luke denkt, ich sitze hier friedlich und meditiere. Und das war auch so. Das Video läuft sogar noch oben in der Ecke vom Bildschirm, also bin ich im Grunde auch noch dabei, nur dass ich den Ton leise gestellt habe, um mich besser aufs Einkaufen konzentrieren zu können.

Hab sie mir schon richtig angewöhnt, diese Achtsamkeitsübungen. Sobald ich ins Arbeitszimmer komme, stelle ich die Meditation an, und die hält mich im mentalen Gleichgewicht. Und nur hin und wieder logge ich mich nebenbei auch bei einem Onlineshop ein.

Die Sache ist: Das Angebot von BargainFamily wechselt täglich, weshalb es sinnvoll ist, einen Blick auf die »Deals des Tages« zu werfen. Minnie braucht einen neuen Morgenmantel, also habe ich damit angefangen – und wie hätte ich eine DKNY-Jacke für £ 39.99 nicht kaufen können? Das ist doch wirklich ein unfassbar gutes Angebot, und so eine Jacke hält ewig. Was natürlich mit sich brachte, dass ich noch ein paar weitere Artikel hinzufügen musste, um alles versandkostenfrei zu bekommen. Und das war der Moment, in dem ich den Achtsamkeitstypen stumm gestellt habe. Er ist ja ganz nett, aber ein bisschen ernst, und außerdem lenkt er einen nur ab.

Jedenfalls – Shoppen ist Achtsamkeit, wenn man mich fragt. All meine anderen Sorgen sind vergessen. Ich lebe im Augenblick. Ich bin voll bei mir.

Ich werfe einen Blick auf den Timer, und mir wird ganz flau im Magen. 2 min 24 Sek., bis mein Warenkorb verfällt. Komm schon, Becky …

Eilig klicke ich auf Accessoires. Das ist die Lösung. Accessoires kann man gar nicht genug haben, oder? Und man kann sie immer noch verschenken.

Hastig scrolle ich mich durch langweilige Handtäschchen, seltsame Hüte und eklige Goldkettchen. Mit jeder neuen Seite, die sich öffnet, wallt Optimismus in mir auf, doch dann verlässt mich der Mut gleich wieder. Da gibt es nichts. Was ist los mit mir? Bin ich denn so wählerisch?

Langsam bin ich bereit, mich geschlagen zu geben und zum ersten Mal in meinem Leben Versandkosten zu bezahlen, als die nächste Seite aufgeht und mir der Atem stockt. Sollte das etwa …

Spielen mir meine Augen einen Streich?

Ich starre ein türkis gemustertes Seidentuch an. Das kann doch nicht sein …

Denny & George? Bei BargainFamily? Im Ernst?

Fassungslos blinzelnd lese ich die Beschreibung. Seidentuch, war £ 239, unser Preis £ 30.

Dreißig Pfund für ein Tuch von Denny & George? DreißigPfund?

Ich scrolle runter, und da gibt es noch zwei Stück. Alle 100 % Seide. Alle wunderschön. Alle »Begrenzter Vorrat«. Verdammt. Ich muss mich beeilen!

Ohne zu zögern, fange ich an zu klicken. Kaufen, kaufen, kaufen. Warenkorb ansehen. Bezahlen. Ich komme mir vor wie eine Klaviervirtuosin, die alle richtigen Töne trifft, in Bestform. Und ich habe noch zwanzig Sekunden übrig! Mein Warenkorb ist gerettet! Die Daten meiner Kreditkarte sind gespeichert, das sollte jetzt schnell gehen …

Ihr Passwort ist nicht sicher.

Ein Kästchen ist aufgegangen. Atemlos starre ich es an. Was ist denn jetzt das Problem? Ich lese den Rest der Mitteilung.

Möchten Sie Ihr Passwort ändern? Wir empfehlen C?/x887dau.

Das kann ich mir vorstellen. Die können mich mal. Mein Passwort ist gut so. Sorgfältig gebe ich Ermintrude2 ein und klicke schließlich auf Fertig.

Schnaufend lehne ich mich auf meinem Stuhl zurück, da erscheint eine neue Mitteilung auf dem Bildschirm: Herzlichen Glückwunsch! Du hast heute £ 879 gespart!

Da sieht man es mal wieder. Frisch gespart ist halb gewonnen, was bedeutet, dass ich heute effektiv £ 879 verdient habe. Mit einer einzigen Einkaufssession. Wenn ich das jeden Tag machen würde, wären das … Ich schließe die Augen, versuche nachzurechnen. Na ja, irgendwie ein sechsstelliges Gehalt. Ich glaube, Luke weiß es gar nicht so richtig zu schätzen, dass ich unserer Familie ständig Tausende Pfund spare.

Die Sache ist nur, dass ich jetzt etwas ethisch Einwandfreies kaufen sollte. Das ist so eine Angewohnheit, die ich von meiner Schwester (eigentlich Halbschwester) Jess übernommen habe. Jess ist rigoros und sehr sparsam, und einmal hatten wir eine angeregte Diskussion – also einen Streit – übers Shoppen. Ich sagte, ich unterstütze die Wirtschaft, aber sie meinte, die Wirtschaft brauche keine Unterstützung. Und dann fügte sie noch hinzu: »Becky, wenn deine Einkäufe wenigstens hin und wieder mal ethisch einwandfrei sein könnten …«

Das hat mich irgendwie erreicht. Tatsächlich hatte ich ein echt schlechtes Gewissen. Ich sollte unbedingt ethisch einwandfrei shoppen! Wir alle sollten das tun! Also habe ich es mir angewöhnt. Nach jedem Einkauf versuche ich, zusätzlich noch ein ethisch einwandfreies Produkt zu erwerben. So wie die Leute, die Bäume kaufen zum Ausgleich für ihre Flugreisen.

Ich gehe zu der Homepage von Ethical Consumer Today. Das Problem ist nur, dass ich von denen schon fast alles gekauft habe. Ich habe die Bienenwachskerzen und den Fair-Trade-Kaffee und sämtliche Yoga-Armbänder …

Moment mal! Neues Produkt! »Würziger Falafel-Mix aus kontrolliert biologischem Anbau«. Perfekt! Man kann gar nicht genug würzigen Falafel-Mix aus kontrolliert biologischem Anbau haben, oder? Eilig bestelle ich acht Päckchen (versandkostenfrei), schließe meinen Kauf mit einem Klick ab und lehne mich zufrieden zurück. Ich werde Luke sagen, dass es dienstags von jetzt an Falafel gibt, was wir ohnehin mehr essen sollten, weil es so gesund ist.

Bei dem Gedanken an Luke beuge ich mich vor und stelle meine Achtsamkeitsmeditation lauter, und das keinen Moment zu früh, denn als der Achtsamkeitstyp gerade sagt: »Lass alle deine Sorgen los!«, geht hinter mir die Tür auf.

Ich wende mich zu Luke um und schenke ihm ein stilles, achtsames Lächeln.

»Hi!«, sage ich.

»Ich dachte nur, ich bringe dich auf den neuesten Stand«, sagt Luke, als müsste er sich entschuldigen. »Wenn wir pünktlich im Restaurant sein wollen, müssen wir in einer Viertelstunde los. Wie läuft’s?«

»Gut«, sage ich. »Sehr gut.«

»Du siehst toll aus.« Er mustert mich voller Bewunderung. »Irgendwie so … ich weiß nicht. Heiter. Zufrieden.«

»Ich bin auch zufrieden!« Ich strahle ihn an.

Drei Tücher von Denny & George für £ 30 das Stück! Wie sollte ich da unzufrieden sein? Eins davon schenke ich Suze zum Geburtstag, und eins bewahre ich für Minnie auf …

»Ich freue mich so, dass du die Meditation für dich entdeckt hast«, sagt Luke und küsst meine Stirn. »Ich war ja anfangs etwas skeptisch, was diese Sache mit der Meditation angeht, aber du hast mich überzeugt.«

»Es geht nur darum, seinen Geist dem zu widmen, was im Leben wirklich wichtig ist«, sage ich weise, als es an der Haustür klingelt.

Luke geht hin, und ich höre eine Reihe von dumpfen Schlägen aus dem Flur. Kurz darauf fällt die Tür ins Schloss, und Luke steckt seinen Kopf ins Zimmer.

»Da ist Post für dich gekommen«, sagt er.

»Ooh!« Ich strahle ihn an. »Post!«

Ich finde es einfach toll, wie das Onlineshoppen zu einem nach Hause kommt. Eilig schiebe ich mich an ihm vorbei und sehe drei Kartons und ein Päckchen von ASOS. Ausgezeichnet! Ich hatte so gehofft, dass meine ASOS-Lieferung noch rechtzeitig für heute Abend eintreffen würde! Ich schnappe mir das Päckchen, schlitze es mit der Schere auf, die ich zu genau diesem Zweck im Flur aufbewahre, und heraus gleiten vier dunkelblaue Satin-Jumpsuits.

»Wow«, sagt Luke mit starrem Blick auf das Meer von blauem Satin. »Das sind aber viele … was auch immer. Brauchst du denn so viele davon?«

»Die will ich doch nicht alle behalten«, sage ich, als würde ich einem begriffsstutzigen Schüler Nachhilfe in Algebra geben. »Man behält nicht alle. Man probiert sie an, sucht sich einen aus und schickt den Rest zurück. Und es gab sie für die Hälfte«, füge ich zur Sicherheit hinzu, während ich die Größe 38 lang aufreiße und hochhalte. »Spottbillig.«

Noch immer runzelt Luke perplex die Stirn. »Aber musstest du denn wirklich vier Stück bestellen?«, fragt er.

»Ich wusste ja nicht, welche Größe ich brauche«, erwidere ich. »Oder ob ich normal oder lang brauche. Gib nicht mir die Schuld, Luke«, füge ich hinzu, schieße mich schon mal auf mein Lieblingsthema ein. »Gib die Schuld den mangelhaften Größenstandards in der Modeindustrie, die den unschuldigen Konsumenten das Leben schwer machen.«

»Hm. Und was ist mit diesen acht Kissen?«, fragt Luke, während sich sein Blick der gestrigen Lieferung zuwendet, die sich an der Fußleiste stapelt. »Gibt es da auch Probleme mit den Größen?«

»Ich konnte die Farben auf dem Bildschirm nicht richtig erkennen«, sage ich empört. »Ich musste alle bestellen, um sie mir richtig ansehen zu können. Ich behalte nur zwei davon. Den Rest schicke ich morgen zurück. Kostenlose Rücksendung. Und weißt du, wie viel ich dabei gespart habe? £ 52!«

»Becky, ich würde ohne Weiteres £ 52 bezahlen, damit unser Haus nicht ständig wie eine Lagerhalle aussieht«, sagt Luke mit Blick auf all die Kisten und Kästen im Flur. »Wir bräuchten bald mal jemanden im braunen Overall mit einem Gabelstapler.«

»Haha«, sage ich und rolle höhnisch mit den Augen.

»Und wann willst du diese Statuen zurückschicken?« Luke deutet auf die lebensgroßen Figuren von Aphrodite und Hermes, die am unteren Ende der Treppe stehen, noch halb in braunes Papier gewickelt. »Die stehen da schon über eine Woche. Die sind einfach nur grotesk.«

»Die sind nicht grotesk«, sage ich trotzig, »die sind Avantgarde. Und ich kann sie nicht zurückschicken, weil sie ethisch einwandfrei sind.«

»Ethisch einwandfrei?« Luke starrt mich an.

»Sie wurden von einer Gruppe minderprivilegierter Jugendlicher angefertigt«, erkläre ich. »Nachhaltiges Upcycling aus Fahrradteilen und Kühlschrankkomponenten.«

Ich muss zugeben, dass sie ziemlich monströs sind. Und mir war nicht klar, dass sie so groß sein würden. Aber wie könnte ich sie zurückschicken? Wenn ich das tue, wird die Jugendgruppe am Boden zerstört sein. Sie werden ihr ganzes Selbstwertgefühl verlieren, und es wird unsere Schuld sein, weil wir zu engstirnig sind, um ihre Statuen zu würdigen.

»Minnie kriegt davon Albträume«, sagt Luke nur. »Ich musste Aphrodite eine Tüte über den Kopf ziehen.«

»Ich finde, mit der Tüte über dem Kopf sieht sie noch bedrohlicher aus«, kontere ich. »Furchterregend geradezu. Wie eine Geisel.«

»Noch furchterregender sieht sie aus, wenn sie einen mit ihren kalten Metallaugen anstarrt.« Luke schüttelt sich. »Hätten wir dieser Jugendgruppe nicht besser etwas Geld gespendet?«

»So funktioniert ethisch einwandfreies Shoppen aber nicht, Luke«, sage ich geduldig. »Man muss die Sachen kaufen. Wie dem auch sei, ich muss die hier anprobieren. Wann wollen wir los?«

»In acht Minuten«, sagt Luke. »Die Zeit läuft.«

Ich haste nach oben, mit den Päckchen unterm Arm, und probiere schnell den ersten Jumpsuit an. Hm. Zu lang. Dann schnappe ich mir die normale Größe und betrachte mich im Spiegel. Passt!

Es kam so: Letzte Woche habe ich in einer Talkshow diesen echt coolen Jumpsuit gesehen. Da habe ich augenblicklich nicht mehr zugehört, sondern mir mein Notebook geschnappt und stattdessen angefangen, Jumpsuits zu googeln. Es dauerte eine Weile, bis ich einen gefunden hatte, der nicht ausverkauft war – aber es hat ja geklappt!

Ich betrachte mich und versuche, dabei objektiv zu bleiben. Es ist ein toller Stoff. Das dunkle Blau ist elegant, und die ausgestellten Hosenbeine sind ausgesprochen vorteilhaft. Es ist eher die Vorderseite, die ich etwas ratlos betrachte. Oder besser: den Mangel an einer Vorderseite. Der Ausschnitt ist noch offenherziger als bei dem Jumpsuit im Fernsehen.

Kann ich so ein Teil tragen, das bis zum Bauchnabel ausgeschnitten ist?

Kann ich?

Bin ich dafür zu alt?

Nein. Nein! Mode ist zeitlos. Man sollte tragen können, was man möchte, wann man möchte. Die ganzen alten Regeln gelten nicht mehr.

So was tragen sie auf dem roten Teppich ständig, sage ich mir in dem Versuch, mein Selbstbewusstsein etwas aufzupäppeln. Man nennt es Rippendekolleté. Außerdem ist es nicht unschicklich. Nicht streng genommen. Meine Nippel sind nicht zu sehen.

Nicht ganz.

Und, okay, ich will nicht auf einen roten Teppich, sondern zum Abendessen mit Mum und Dad ins Luigi’s in Oxshott – aber ich kann doch trotzdem was Modisches anziehen, oder? Die Leute werden mich als »Die Frau im dunkelblauen Jumpsuit« kennen. Staunend werden sie mich anstarren, wenn ich an ihnen vorüberschwebe, und sie werden sich wünschen, sie könnten auch so etwas Gewagtes tragen.

Genau.

Trotzig greife ich mir einen roten Lippenstift und trage ihn auf. Ich mach das einfach. Stil muss man beweisen. Los, Becky!

ZWEI

Die Novemberluft ist frisch und kühl, und irgendwo heizt jemand sein Haus mit Holz. Gegenüber auf der anderen Straßenseite haben sie schon Lichterketten aufgehängt. Weihnachten steht vor der Tür. Bei dem bloßen Gedanken daran überkommt mich ein warmes, seliges Gefühl. Weihnachten ist einfach so … weihnachtlich. Der Baum. Die Geschenke. Die Krippenfiguren, die wir schon ewig haben (nur dass uns das Jesuskind vor Jahren abhandengekommen ist und wir stattdessen eine Wäscheklammer nehmen). Weihnachtslieder erklingen, und Mum tut so, als hätte sie den Plumpudding selbst zubereitet. Dad macht Feuer, und Janice und Martin kommen in ihren grässlichen Weihnachtspullis auf einen Sherry vorbei.

Unser Weihnachten läuft immer gleich. Im positiven Sinne. Mum kauft immer dieselben Sachen, von den Knallbonbons bis zur Schokoladenrolle von Waitrose. Und seit wir Minnie haben, sind wir alle sogar noch aufgeregter – und in diesem Jahr wird sie zum ersten Mal alt genug sein zu begreifen, was da vor sich geht. Ich kaufe ihr einen süßen Weihnachts-Onesie, wir suchen den Himmel nach dem Weihnachtsmann ab und stellen ihm ein Mince-Pie-Törtchen vor die Tür … ehrlich gesagt kann ich es kaum erwarten.

Lukes Dad und seine Schwester fliegen über Weihnachten nach Florida, und fairerweise muss ich dazu sagen, dass sie uns eingeladen haben. Seine Mum – Elinor – wird in den Hamptons sein, und auch sie hat uns eingeladen. Aber wir haben beiden abgesagt. Wir freuen uns auf ein traditionelles, glückliches Weihnachtsfest zu Hause.

Während ich Minnie in ihrem Kindersitz festschnalle, fällt mein Blick auf unser Haus, und mal wieder wird mir bewusst, wie sehr sich Lukes und mein Leben im Laufe des letzten Jahres verändert hat. Früher wohnten wir mitten in London, und ich habe in einem Laden namens The Look gearbeitet. Wir wussten, was wir wollten, und alles schien geregelt.

Dann haben wir uns auf dieses große, einschneidende Abenteuer in Kalifornien gewagt – und während unserer Abwesenheit ging The Look pleite. Andere Gelegenheiten für Jobs als Personal Shopper waren ziemlich rar gesät. Zur selben Zeit hat meine Freundin Suze beschlossen, ihren Souvenirshop auf Letherby Hall, dem prunkvollen Herrenhaus, in dem sie lebt, auszubauen. (Bis dahin war der Shop kaum mehr als ein Souvenir-»Schrank« gewesen.) Eines Abends saß ich mit ihr bei einem Gläschen Wein zusammen und habe den Umstand beklagt, dass ich keinen Job finden konnte, während sie den Umstand beklagte, dass sie niemanden fand, der ihr mit dem Souvenirshop half – als uns die Lösung kam.

Also bin ich nun beim Letherby-Hall-Souvenirshop angestellt! Und nicht nur das – Luke und ich sind aus London weggezogen in das kleine Dorf Letherby. Wir wohnen drei Minuten von Suze entfernt, in einem Haus, das einer Familie gehört, die für zwei Jahre nach Dubai gegangen ist. Unser Londoner Haus haben wir vermietet. Luke pendelt zu seinem Job, und Minnie besucht zusammen mit Suzes Kindern die Dorfschule. Es ist perfekt! Die Einkaufsmöglichkeiten in Letherby sind nicht so toll – aber man kann ja alles online kriegen. Lieferung am nächsten Tag. Also ist alles gut.

Mum und Dad sind auch begeistert, denn erstens ist Letherby nicht allzu weit weg von Oxshott, wo sie wohnen, und zweitens hat unser gemietetes Haus einen eigenen Parkplatz. Ein eigener Parkplatz ist so was wie die Religion meiner Eltern. Das und Doppelverglasung. Und Gardinen von »ordentlicher Qualität«.

(Wobei Mum und ich uns nicht ganz einig sind, was bei Gardinen »ordentliche Qualität« bedeutet. Das mussten wir feststellen, als sie mich in einen Gardinenladen mitgeschleppt hat und mich dazu bewegen wollte, irgendwelche wattierten blauen Blumenvorhänge zu kaufen, für »einen Bruchteil dessen, was sie neu kosten, Becky, Liebes, einen Bruchteil.« Am Ende habe ich gesagt: »Vielleicht nehme ich doch lieber Jalousien«, und sie war am Boden zerstört und meinte: »Aber die Vorhänge sind doch von so guter Qualität!«, und ich sagte: »Aber sie sind auch potthässlich.« Was ich nicht hätte tun sollen.)

(Ich meine, es war schon okay. Mum blieb nur etwa eine halbe Stunde lang beleidigt. Und jedes Mal, wenn ich sie besuche, sage ich: »In deinem Gästezimmer sehen die Vorhänge toll aus, Mum. Und die passende Tagesdecke ist ein Traum.«)

Als wir vor Suzes torartiger Haustür halten, wird Minnie ganz zappelig vor lauter Aufregung. Sie übernachtet dermaßen gern bei Suzes Kindern, dass ich es fast schon als beleidigend empfinde. Hat sie es zu Hause denn nicht auch schön?

»Wilfie!«, kreischt sie schon, als er in der Auffahrt erscheint. »Wilfie! Hier! Ich bin hier! Spielen wir Monter Tucks!«

»Monter Tucks« ist Minniesprech für »Monster Trucks«. Minnie, Wilfie und seine Zwillingsschwester Clemmie lassen zu gern ihre Monster Trucks durch die endlosen Korridore von Letherby Hall fahren. Ich habe Minnie ihren eigenen Monster Truck gekauft, den sie hierlassen kann.

Ich achte auch immer darauf, diesen Umstand nicht unerwähnt zu lassen, wenn ich Mails an Jess schreibe, die momentan in Chile lebt. Jess und ihr Mann Tom möchten gern ein Kind adoptieren, statt zur Überbevölkerung der Welt beizutragen. Jess hält mir ständig Vorträge, dass ich Minnie geschlechterneutral erziehen soll, und schickt mir Bücher mit Titeln wie Das CO2-neutrale Kind.

Also habe ich ihr letzte Woche geschrieben: »Ich ermutige Minnie im nichtgeschlechterspezifischen Spiel«, und ein Foto von Minnie beigefügt, auf dem sie einen Truck hält und Wilfies Jeans trägt. (Sie war in den Matsch gefallen und musste ihr Rüschenkleidchen ausziehen.) Jess schrieb zurück: »Klingt vernünftig, Becky. Wir müssen die Geschlechterstereotype bekämpfen, aber konntest du denn keinen hölzernen Truck aus nachhaltiger Forstwirtschaft finden?«

Darauf habe ich ihr noch nicht geantwortet. (Wohl aber habe ich Luke gefragt, ob er für Minnie einen Monster Truck aus nachhaltig erwirtschaftetem Holz schnitzen könnte. Er hat mich nur angesehen.)

Und ich habe Jess gegenüber auch kein Wort zu Minnies umfassender Puppensammlung und den glitzernden Feenflügeln verloren, oder dass sie täglich darum bettelt, ein rosa Kleidchen anziehen zu dürfen. Denn schließlich muss man seiner anspruchslosen, veganen, prinzipientreuen Schwester ja nicht alles erzählen, oder?

Ich schaffe es gerade noch, Minnie ein Abschiedsküsschen zu geben, bevor sie mit Wilfie ins Haus rennt, auf dem Rücken ihren Rucksack mit Schlafanzug und Zahnbürste. Im nächsten Augenblick taucht Suze auf, in Yoga-Leggings und einem Sweatshirt, die blonden Haare aufgetürmt und mit einer Metallklemme befestigt.

»Ich will nur noch eben nachsehen, ob mit Minnie auch wirklich alles okay ist«, sagt Luke und macht sich auf den Weg ins Haus.

»Vielen Dank, dass du auf sie aufpasst, Suze«, sage ich, als ich sie umarme.

»Das tue ich doch gern!«, sagt Suze. »Und bestell deinen Eltern liebe Grüße!«

»Na klar.« Ich lege eine kurze Pause ein, bevor ich beiläufig hinzufüge: »Hey, Suze. Ihr habt doch dahinten im Park diesen Skulpturengarten …«

Eben nämlich fiel mir der North Lawn von Letherby Hall ein, auf dem überall Metallkugeln und behauene Steine und so Zeug herumstehen. Der Skulpturengarten ist für Besucher zugänglich, hat viel Platz und ist die perfekte Lösung.

»Ja?« Suze sieht mich überrascht an. »Was ist damit?«

»Na, ich hab nur überlegt, ob ihr vielleicht gern eine Kunstspende hättet.«

»Eine Kunstspende?« Sie starrt mich an.

»Ja, zwei Statuen. Total Avantgarde«, füge ich lässig hinzu. »Wenn ihr sie transportieren könnt, kriegt ihr sie umsonst.«

»Statuen?« Suze mustert mich verwundert – da kommt ihr plötzlich ein Gedanke. »Doch nicht diese beiden Ungetüme aus eurem Flur.«

Mist. Ich wusste nicht, dass sie die schon gesehen hat.

»Das sind keine Ungetüme«, sage ich trotzig. »Das ist Kunst. Wann hast du sie überhaupt gesehen?«

»Als ich Minnie neulich zu Hause abgesetzt habe. Bex, die Dinger sind scheußlich. Warum um alles in der Welt hast du sie gekauft?«

»Weil sie von einer sehr verdienstvollen Jugendgruppe angefertigt wurden«, sage ich erhaben. »Und außerdem finde ich sie künstlerisch wertvoll.«

»Schön für dich«, sagt Suze. »Viel Spaß damit. Aber wenn du sie so toll findest, wieso hat die eine davon eine Tüte überm Kopf?«

O Gott. Ich kann nicht länger so tun als ob.

»Suze, bitte nimm sie!«, flehe ich sie an. »Ihr habt so viel Platz. Ihr könntet sie hinter einem Baum verstecken, wo niemand sie sehen müsste.«

»Im Leben nicht.« Suze verschränkt die Arme. »Schick sie einfach wieder zurück.«

Im Ernst. Hat sie mir nicht zugehört?

»Ich kann sie nicht zurückschicken! Sie wurden von einer Jugendgruppe angefertigt!«

»Na, dann schenk sie jemand anders.«

»Wem denn?«, frage ich verzweifelt.

»Keine Ahnung.« Suze zuckt mit den Schultern. »Aber hierher kommen sie nicht.«

Eben will ich mich noch weiter bemühen, als Luke aus dem Haus tritt.

»Alles klar?«, sagt er zu mir.

»Was hast du da an?«, fragt Suze mit Blick auf meine marineblauen Satin-Beine. »Ooh, hast du eine neue Hose?«

»Jumpsuit.«

»Cool!«, sagt Suze. »So einen möchte ich auch. Zeig mal!«

Automatisch fange ich an, meinen Mantel aufzuknöpfen – und halte inne.

»Er ist ein bisschen … mutig.«

»Genial!« Suze deutet auf meinen Mantel, damit ich ihn weiter aufknöpfe, doch meine Finger rühren sich nicht. Aus irgendeinem Grund habe ich doch Bedenken, mein Outfit vorzuführen.

»Ich meine, er ist ziemlich gewagt«, füge ich hinzu, um Zeit zu schinden.

»Klingt super!«, sagt Suze begeistert. »Mach schon, Bex, lass mal sehen!«

Selbst Luke zeigt jetzt Interesse.

Rippen sind das neue Dekolleté, sage ich mir. Und dann, fast trotzig, reiße ich meinen Mantel auf und rufe: »Ta-daaah!«

Ich spüre die Novemberluft an meiner Brust und danke Gott im Stillen für meinen »Push-up-Klebe-BH«, aber sollte er mir runterfallen, sterbe ich.

Offenbar hat es allen die Sprache verschlagen. Lukes Mund steht offen. Suze tritt einen Schritt zurück, dann blinzelt sie etwa zwanzig Mal.

»Wow«, bringt sie schließlich hervor. »Das ist …«

»Fehlt da was?«, erkundigt sich Luke trocken. »Da so im vorderen Bereich?«

»Nein!«, entgegne ich empört. »Das gehört so.«

»Also, ich finde, du siehst fabelhaft aus.« Suze fängt sich. »Ist echt cool, Bex.«

»Danke. Was?«, füge ich an Luke gewandt hinzu.

»Nein. Nichts. Super. Lass uns fahren.« Sein Mund zuckt ein kleines bisschen. »Deine Eltern werden begeistert sein.«

Luigi’s ist eins von diesen hübschen gemütlichen Restaurants, die einen schon beim Eintreten mit dem Duft von Knoblauch willkommen heißen. Der Tisch ist für uns gedeckt – obwohl Mum und Dad noch nicht da sind –, und als ich den Mantel von meinen Schultern gleiten lasse, fühle ich mich unfassbar cool. Dieser Jumpsuit ist fantastisch. Ich sollte ihn mir in allen Farben des Regenbogens besorgen! Ich sehe mein Spiegelbild im den Fenstern, als ich daran vorübergehe, und kann nicht anders, als zu stolzieren wie ein Model und den wallenden schimmernden Satin zu bewundern.

Im Stillen zähle ich die Einzelteile meines Outfits auf, als wäre ich in einer Zeitschrift, was eine alte Angewohnheit von mir ist. Mantel: Topshop. Jumpsuit: ASOS. Schuhe: See by Chloé. Armband: Eigentum des Models. (Weiß nicht mehr, woher ich das habe.)

Ein junges Mädchen, das mit seinen Eltern da ist, starrt mich mit weit aufgerissenen Augen an, und ich lächle freundlich zurück. Ich weiß noch, wie es war, ein Vorstadt-Teenager zu sein und neidisch eleganten Frauen in atemberaubenden Kleidern hinterherzublicken. Ein alter Mann prustet in seine Suppe, als ich an ihm vorüberkomme, aber wahrscheinlich weiß er noch nicht mal, wer Miranda Kerr ist, also zählt er nicht.

Ich habe den Jumpsuit mit »Fashion Tape« an meiner Haut festgeklebt, also muss ich mir keine Sorgen darum machen, dass mir irgendwas rausfällt, und so genieße ich meinen großen Moment. Als unser Kellner mir meinen Stuhl bereithält, lächle ich ihn würdevoll an, bevor ich mich darauf sinken lasse und …

Verdammt.

Verdammt. O mein Gott.

Er steht offen. Wenn man sich hinsetzt, steht er offen.

Zu meinem abgrundtiefen Entsetzen ist das Fashion Tape vom Satinstoff gerissen, als ich mich hingesetzt habe (es bietet keineswegs »volle Sicherheit in allen Lagen«, diese Lügner). Der senkrechte Ausschnitt hat sich zu einer waagerechten Öffnung zusammengeschoben, und man sieht meine …

O Gott, OGott …

Instinktiv versuchen meine Hände, den Ausschnitt wieder zurechtzurücken, aber ich habe nur zehn Finger. Da sind immer noch viel zu viel Haut und Klebeband und Silikon zu sehen. Der Kellner hat die ledergebundenen Speisekarten nach einem entsetzten Blick auf meinen Brustbereich eilig auf den Tisch gelegt und sich zurückgezogen. Ich bin wie versteinert. Hat jemand was gemerkt? Starrt mich das gesamte Restaurant an? Was mach ich jetzt?

Verzweifelt blicke ich auf und sehe, dass Luke mich fragend mustert.

»Das soll so?«, fragt er. »Tut mir leid, ich kenne mich mit Mode nicht so gut aus.«

»Haha, sehr witzig«, knurre ich böse.

Mir wird klar, dass es ein Party-Jumpsuit ist. Kein Hinsetz-Jumpsuit. Das hätten sie auf der Website deutlich machen sollen. Sie hätten einen Hinweis hinzufügen sollen: Nur zum Stehen/Posieren geeignet, mit geraden Schultern/über geistreiche Bonmots schmunzelnd.

»Luke ich brauche dein Jackett«, raune ich ihm hektisch zu. »Schnell, gib her!«

»Hab keins dabei.« Er zuckt mit den Schultern. »Tut mir leid.«

Bitte?

»Wieso hast du kein Jackett dabei?«, will ich wissen. »Du trägst doch immer ein Jackett!«

»Weil du mir gesagt hast, dass ich keins anziehen soll«, antwortet Luke ganz ruhig.

»Was?« Ich starre ihn an. »Nein, hab ich nicht.«

»Doch, hast du. Als wir das letzte Mal essen waren, meintest du: ›Immer trägst du Jackett. Das ist doch total langweilig. Warum lässt du es nicht einfach mal weg?‹«

Oh, stimmt. Das klingt irgendwie vertraut. Vielleicht habe ich das wirklich gesagt.

»Nun, das nehme ich hiermit zurück«, sage ich panisch. »Du solltest immer ein Jackett tragen für den Fall, dass ich mit einer akuten Kleiderfehlfunktion zu kämpfen habe.«

»Immer ein Jackett tragen.« Luke tut so, als würde er eine Notiz in seinem Telefon eintragen. »Noch was?«

»Ja, gib mir deine Serviette. Schnell!«

Dankenswerterweise sind die Servietten schön groß und aus einer Art festem rotem Stoff. Ich knote drei davon zusammen, um so etwas wie ein Bikinioberteil zu basteln, binde es fest um mich herum, dann blicke ich unsicher auf. Das Gute ist, dass ich jetzt züchtig bedeckt bin. Nicht so gut ist, wie ich aussehe.

»Echt scharf«, sagt Luke, als könnte er meine Gedanken lesen.

»Halt die Klappe.« Ich funkle ihn an.

»Ist mein Ernst. Du siehst echt scharf aus.« Er grinst. »Super.«

»Schätzchen!« Dads Stimme dringt an mein Ohr. Ich drehe mich um und sehe meine Eltern durchs Restaurant auf uns zukommen. Dad trägt ein Leinensakko mit Paisleytuch in der Brusttasche und Mum ein rosafarbenes Kostüm, das ich von unserer Nachbarin Janice kenne.

Mum und Janice tauschen ständig ihre Kleider, um gegenseitig ihre Garderobe »aufzufrischen«. Janice ist etwa zwei Nummern kleiner als Mum, aber das kann die beiden nicht daran hindern – Mum lässt die Hälfte der Knöpfe offen stehen, während Janice alles mit einem Gürtel zusammenhält.

»Becky, Liebes! Wie geht es dir? Was macht Minnie?« Mum drückt mich an sich, dann nimmt sie mich näher in Augenschein. »Das ist aber ein ungewöhnliches Outfit! Nennt man das ›Serviettentechnik‹?«

»Äh … so ungefähr.« Ich weiche Lukes Blick aus und füge eilig hinzu: »Wollen wir nicht gleich schon mal was zu trinken bestellen?«

Im selben Moment bringt ein ältlicher Kellner einen Sherry für Mum und dazu einen Gin Tonic für Dad. Man kennt meine Eltern hier. Mum und Dad haben schon in Oxshott gewohnt, als ich noch gar nicht auf der Welt war, und sie gehen bestimmt zweimal im Monat ins Luigi’s. Mum bestellt immer das Tagesgericht, während Dad ewig lange die Karte studiert, als erwartete er, etwas Neues zu finden, nur um dann doch wieder die Scallopine al Marsala zu bestellen.

»Luke.« Dad schüttelt Lukes Hand, bevor er mich umarmt. »Schön, dich zu sehen.«

»Es gibt so viel zu besprechen!«, sagt Mum. »Was nehmt ihr zwei?«

Wir bestellen unsere Drinks, und der Kellner schenkt rundum Wasser ein, während Mum kaum stillsitzen kann. Ich merke, dass ihr einiges unter den Nägeln brennt, aber sie sagt nie etwas vor den Kellnern, nicht mal im Luigi’s. Ich weiß gar nicht, was sie befürchtet – dass die sofort losrennen und der Oxshott Gazette den neuesten Klatsch simsen? Die Bloomwoods wollen sich einen neuen Rasenmäher kaufen, können sich aber nicht auf die Marke einigen?

»So!«, sagt Mum, als der Kellner sich entfernt. »Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.«

»Weihnachten«, sagt Dad.

»Weihnachten.« Ich strahle ihn an. »Ich kann es kaum erwarten. Ich bringe die Knallbonbons mit. Wollen wir die mit den Nagelknipsern oder die mit den aufziehbaren Pinguinen?«

Ich erwarte, dass Dad antwortet: »Aufziehbare Pinguine«, weil er letztes Jahr das Pinguinrennen gewonnen hat, und es war schon fast absurd, wie sehr er sich darüber gefreut hat. Doch zu meiner Überraschung antwortet er nicht gleich. Er sieht Mum an. Tatsächlich sieht er Mum betreten an.

Ich habe ein ausgesprochen präzises Elternradar. Ich merke es, wenn etwas im Busch ist. Und sofort habe ich eine Vermutung, was los sein könnte: Sie fahren über Weihnachten weg. Eine Kreuzfahrt. Bestimmt ist es eine Kreuzfahrt. Ich wette, Janice und Martin haben sie dazu überredet, und die pastellfarbene Garderobe ist auch schon gekauft.

»Macht ihr eine Kreuzfahrt?«, platze ich heraus, doch Mum sieht mich überrascht an.

»Nein, Liebes! Wie kommst du denn darauf ?«

Ach so. Dann ist mein elterliches Radar also doch nicht ganz so präzise, wie ich dachte. Aber warum dann dieser betretene Blick?

»Irgendwas ist los«, beharre ich.

»Ja«, sagt Dad mit einem weiteren Blick zu Mum.

»Irgendwas mit Weihnachten«, sage ich und fühle mich mit meinen deduktiven Fähigkeiten wie Sherlock Holmes.

»Na ja, Weihnachten ist ein Faktor«, räumt Mum ein.

Ein Faktor?

»Mum, was ist los? Doch nichts Schlimmes?«, füge ich plötzlich besorgt hinzu.

»Natürlich nicht!« Mum lacht. »Es ist nichts, Liebes. Wir haben nur vereinbart, dass Jess in unser Haus einziehen kann. Und Tom natürlich auch«, fügt sie hinzu. »Alle beide.«

»Aber die leben doch in Chile«, sage ich verständnislos.

»Sie kommen für ein paar Monate zurück«, entgegnet Dad.

»Zu mir hat Jess kein Wort davon gesagt!«, rufe ich empört.

»Ach, du weißt doch, wie zurückhaltend Jess ist«, sagt Mum. »Sie ist ein Mensch, der eine Neuigkeit lieber für sich behält, bis sie hundertprozentig sicher sein kann. Guck mal, da kommen eure Drinks!«

Während unsere Getränke auf dem Tisch verteilt werden, preschen meine Gedanken unwillkürlich voran. Jess’ Mails an mich sind eher kurz und knapp, und Mum hat recht: Sie hält Neuigkeiten eher mal zurück. Selbst großartige, aufregende Neuigkeiten. (Einmal hat sie einen wichtigen Geologie-Preis gewonnen und mir nichts davon erzählt. Später meinte sie: »Ich dachte, das würde dich nicht interessieren.«)

Könnte es also sein, weil … O mein Gott. Sobald der Kellner weg ist, frage ich begeistert: »Sag schon! Haben Jess und Tom ein Kind adoptiert?«

Sofort sehe ich Mum an, dass ich schon wieder falschliege.

»Noch nicht«, sagt Mum, und ich sehe, dass Dad sich windet. »Noch nicht ganz, Liebes. Da drüben drehen sich die Räder langsam. Bürokratie und so weiter. Die arme Janice fragt schon gar nicht mehr nach.«

»Oh«, sage ich entmutigt. »Ich dachte, vielleicht … Wow. Das dauert aber lange, was?«

Als Jess mir ein Foto von einem zuckersüßen kleinen Jungen gezeigt hat, vor ewigen Zeiten, dachte ich, wir würden ihn schon bald kennenlernen. Aber aus dieser Adoption wurde nichts, und wir waren doch alle ziemlich enttäuscht. Seitdem reden Jess und Tom kaum noch über ihr Vorhaben.

»Es wird schon noch passieren«, sagt Dad mit etwas gezwungenem Frohsinn. »Wir dürfen den Mut nicht verlieren.«

Während Luke sich Tonic nachschenkt, sehe ich Jess und Tom vor mir, wie sie drüben in Chile sitzen und endlos auf Nachricht warten, dass sie ein Kind adoptieren können, und mein Herz krampft sich zusammen. Jess tut mir richtig leid. Sie wäre eine wundervolle Mutter (auf ihre streng vegane, recycelte Hanfhosen-Weise), und es ist doch unfair, dass eine Adoption so lange dauert.

Dann muss ich an die arme Suze denken. Kurz nachdem wir aus den Staaten zurückkamen, hatte sie eine Fehlgeburt, was für uns alle ein Schock war. Und obwohl sie dazu immer nur sagt: »Ich habe schon solches Glück … Es sollte einfach nicht sein …«, weiß ich doch, dass sie am Boden zerstört war.

Was mich angeht, so hätten wir liebend gern noch ein Kind, aber bis jetzt ist es einfach nicht passiert.

Inzwischen ist mein Herz total verkrampft. Das Leben ist doch seltsam. Man kann wissen, dass man der glücklichste Mensch auf der Welt ist. Man kann wissen, dass man keinen Grund zur Klage hat. Und trotzdem kann man traurig sein, weil man diesen zusätzlichen kleinen Menschen nicht an seiner Seite hat.

»Cheers!«, sagt Luke und erhebt sein Glas, und ich lächle eilig. »Trinken wir auf … Worauf genau?«

»Das wollte ich euch ja gerade erklären«, sagt Dad, nachdem wir alle einen Schluck genommen haben. »Jess und Tom kommen eine Weile wieder nach England. Janice war in Sorge darum, wo sie wohnen sollen … und herausgekommen ist dabei, dass wir ihnen für ein paar Monate unser Haus anbieten.«

»Sie werden gleich nebenan von Janice wohnen, ohne ihr auf den Füßen zu stehen«, wirft Mum ein. »Und Janice muss nicht jeden Abend Kichererbsen kochen. Die Ärmste, sie war schon ganz aus dem Häuschen deswegen! Ich meine, Janice ernährt sich wohl ausschließlich vegan, aber morgens mag sie doch ihr Frühstücksei.«

»Für wie lange kommen sie denn wieder her?«, fragt Luke, bevor ich Mum fragen kann, ob sie eigentlich weiß, was »vegan« genau bedeutet.

»Na, das ist es ja gerade!«, sagt Mum. »Mindestens bis Januar. Was bedeutet, dass wir Weihnachten nicht bei uns feiern können. Deshalb dachten wir, Becky …« Sie hält inne und wendet sich mir mit großer Geste zu. »Wo ihr jetzt in eurem hübschen Haus wohnt, wäre es vielleicht an der Zeit, dass du das Weihnachtsfest ausrichtest!«

»Ich soll Weihnachten ausrichten?« Ich starre Mum an. »Aber …«

Es kommt mir vor, als hätte die ganze Zeit über im Hintergrund eine alte Schallplatte mit Hört der Engel Lied erklingen gespielt – und jetzt hat plötzlich jemand die Nadel von der Platte gerissen. Es ist totenstill.

Ich richte das Weihnachtsfest nicht aus. Mum richtet das Weihnachtsfest aus. Sie weiß, wie man so was macht. Sie weiß, wie man die Schokoladenrolle auswickelt und auf ein Spitzendeckchen legt und Puderzucker darüberstreut.

»Oh.« Ich schlucke. »Wow. Ich meine …«

»Du kannst das, Süße.« Zuversichtlich tätschelt Mum meine Hand. »Besorg einen vernünftigen Truthahn, das ist schon die halbe Miete. Janice und Martin habe ich auch eingeladen«, fügt sie hinzu, »und Jess und Tom natürlich. Schließlich sind wir jetzt doch alle eine große Familie, oder?«

»Aha.« Ich nehme einen Schluck von meinem Gin Tonic und versuche, all diese Informationen in meinen Kopf zu kriegen. Jess und Tom kommen zurück, und wir feiern Weihnachten bei uns und …

»Augenblick mal.« Abrupt blicke ich auf. »Wenn du sagst, ihr habt Jess und Tom euer Haus angeboten, heißt das, ihr habt sie zu euch eingeladen? Oder …«

»Wir ziehen eine Weile aus«, sagt Dad mit so einem Funkeln in den Augen. »Wir gehen auf ein Abenteuer, Becky.«

»Noch ein Abenteuer?«, sage ich. Nach unserer Reise in die Staaten hätte ich gedacht, dass meine Eltern von Abenteuern für den Rest ihres Lebens genug hätten.

»Kleiner Tapetenwechsel.« Mum nickt. »Amerika hat uns doch zu denken gegeben, Liebes. All die Jahre haben wir im selben Haus gewohnt. Haben nie mal was anderes ausprobiert. Und Dad wollte doch immer so gern Bienen halten.«

»Das war schon immer ein Traum von mir«, sagt Dad ein wenig verlegen.

»Wenn nicht jetzt, wann dann?«, stimmt Mum mit ein.

»Wow«, sage ich, während ich das sacken lasse. Aber es stimmt ja: Meine Eltern haben wirklich nie viel experimentiert. Es wird ihnen guttun, mal die Fühler auszustrecken. Ich sehe Dad schon vor mir, wie er in einem kleinen Landhaus mit Bienenstock und Obstgarten herumwerkelt. Wir können die beiden dort besuchen, und Minnie kann Äpfel pflücken, und ich kann einen luftigen »Apfelpflück«-Rock aus dem Toast-Katalog tragen …

Offen gesagt gefällt mir die Idee richtig gut.

»Wo sucht ihr denn?«, frage ich. »Ihr könntet nach Letherby ziehen. Da findet sich bestimmt ein kleines Cottage zur Miete. Oh, ich weiß! Suze hat ein reetgedecktes Häuschen zu vermieten!« Fast verschlucke ich mich vor Aufregung, als es mir plötzlich einfällt. »Ganz zauberhaft. Zieht doch dahin!«

»Ach Liebes.« Mum tauscht einen amüsierten Blick mit Dad. »Das ist nicht wirklich das, wonach wir suchen.«

»Letherby passt zu dir und Suze«, sagt Dad freundlich. »Aber wir suchen etwas mit mehr ›Pep‹!« Er lacht.

Pep? Meine Eltern?

»Und wohin zieht ihr also?«, frage ich verdutzt. »Dorking?«

»Schätzchen!« Mum schüttelt sich vor Lachen. »Hast du das gehört, Graham? Dorking! Nein, Liebes, London. Mitten rein nach London.«

»Nicht mitten rein«, widerspricht Dad ihr sofort. »East London.«

»Graham, du redest Unsinn. East London ist doch heutzutage mittendrin. Stimmt’s nicht, Becky?« Mum sucht meine Zustimmung.

»Weiß nicht«, sage ich perplex. »Wo genau meint ihr?«

»Nun!«, sagt Mum sachkundig. »Das ist ein hübsches kleines Viertel. Ganz versteckt. Wir sind darauf gestoßen, als Dad mir gezeigt hat, wo sein altes Büro früher war. Es heißt …« Sie macht eine Pause, um der Wirkung willen. »Shoreditch.«

Shoreditch? Ich glotze sie an, frage mich, ob ich mich verhört haben könnte. Shoreditch, so wie in …

Shoreditch?

»Man kommt mit der U-Bahn hin«, sagt Mum. »Ein Stückchen nördlich der Liverpool Street. Du findest uns bestimmt ganz leicht, Liebes.«

»Ich weiß, wo das ist«, sage ich, als ich meine Stimme wiederfinde. »Aber Mum, ihr könnt doch nicht nach Shoreditch ziehen!«

»Wieso nicht?« Mum wirkt gekränkt.

»Weil Shoreditch was für junge Leute ist! Da kommen die Hipster her! Da gibt’s nur Craft Beer und Sauerteigbrot. Das ist …« Hilflos rudere ich mit den Armen. »Nichts für euch.«

»Na!«, sagt Mum leicht pikiert. »Wer sagt, dass es für uns nichts ist? Ich würde sagen, dass wir uns dort sehr gut einfügen! Dein Vater hat ein Faible für Bier.«

»Es ist nur …« Ich versuche es noch mal. »Das ist ein echtes Szeneviertel.«

»Ein Szeneviertel?«, wiederholt meine Mum und rollt mit den Augen. »Das ist doch Quatsch. Oh, Carlo, entschuldigen Sie«, fügt sie an den wartenden Kellner gewandt hinzu. »Geben Sie uns noch einen Augenblick Zeit. Und dann müssen Sie mir erzählen, wie es Ihrer Tochter in ihrem Brückenjahr ergeht.« Sie zwinkert Carlo zu, bevor sie einen großen Schluck aus ihrem Glas nimmt und mich beleidigt darüber hinweg anfunkelt.

»Hör mal, Mum, natürlich könnt ihr wohnen, wo ihr wollt«, sage ich vermittelnd. »Aber habt ihr nicht das Gefühl, dass ihr hierhergehört?« Ich breite die Arme aus und deute auf das gemütliche Restaurant. »Ihr kennt alle Kellner. Ihr kennt deren Familien. Ihr kennt Scaloppine al Marsala. Shoreditch ist … Shoreditch.«

»Vielleicht möchte ich ja keine Scaloppine al Marsala mehr«, sagt Dad plötzlich. »Vielleicht möchte ich …« Er zögert, dann sagt er unsicher: »Avocadocreme.«

Fast trotzig hebt er das Kinn, und ich blinzle ihn an. Dad möchte Avocadocreme?

»Avocado?«, sagt Carlo, der die Ohren spitzt. »Avocado mit Garnelen vorweg? Und dann die Scaloppine al Marsala?«

Ich merke, dass Luke sich das Lachen verkneifen muss, und ich werfe ihm einen strengen Blick zu, wenn ich auch zugeben muss, dass ich selbst losprusten möchte.

»Jedenfalls haben wir eine Wohnung gefunden«, sagt Mum etwas bockig, »und sie ist sofort verfügbar. Sie hat ganz zauberhafte Jalousien, Becky. Alles inklusive.«

»Blick über die Stadt«, wirft Dad zufrieden ein.

»Und eine Nasszelle«, sagt Mum stolz. »So praktisch für ältere Menschen.«

»Da gibt es einen gemeinschaftlichen Bienenstock auf dem Dach«, fügt Dad selig hinzu. »Und einen Whirlpool!«

»Habt ihr auch einen eigenen Parkplatz vor der Tür?«, kann ich mir nicht verkneifen, doch Mum schüttelt nur mitleidig den Kopf.

»Liebes, sei doch nicht so provinziell. Wir nutzen Uber.«

Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Meine Eltern ziehen nach Shoreditch. Ich bin direkt etwas neidisch, wie mir plötzlich bewusst wird. Gegen eine Wohnung mit einem Whirlpool und Blick über die Stadt hätte auch ich nichts einzuwenden.

»Na dann bravo!« Ich hebe mein Glas. »Stoßen wir an auf einen völlig neuen Lifestyle!«

»Ich finde das super«, sagt Luke warmherzig. »Schön für euch, Graham und Jane. Dürfen wir euch mal besuchen in eurem schicken neuen Apartment?«

»Aber natürlich!«, sagt Mum, deren Ärger längst verraucht ist. »Wir machen eine hübsche Einweihungsparty mit Knabberkram. Das wird ganz toll.« Strahlend blickt sie in die Runde, da wird ihr Blick plötzlich ganz schmal. Angestrengt starrt sie ein paar Sekunden lang meine Brust an, bis sie erstaunt aufblickt.

»Becky, Liebes! Eben ist mir was aufgefallen! Dein Top passt perfekt zu den Servietten!«

Von: Jess Bertram

An: Becky

Betreff: Weihnachten

Hi, Becky,

ich nehme an, Du hast schon gehört, dass wir zurückkommen. Wir freuen uns sehr, England und unsere Familie wiederzusehen. Deine Eltern waren sehr großzügig, uns ihr Haus anzubieten.

Außerdem: Vielen Dank, dass ihr das Weihnachtsfest ausrichtet. Wir freuen uns schon sehr darauf. Natürlich hoffen wir, dass unsere konsumkritischen Werte und unser Bestreben um Nachhaltigkeit gewürdigt werden. Wir werden bestimmt viel Spaß haben.

Jess

Von: Jess Bertram

An: Becky

Betreff: Re: Re: Weihnachten

Hi, Becky,

ja, ich lebe nach wie vor vegan und Tom auch.

Jess

Von: Jess Bertram

An: Becky

Betreff: Re: Re: Re: Re: Weihnachten

Hi, Becky,

nein, wir gönnen uns an Weihnachten keinen »freien Tag vom Veganertum« als »kleine Belohnung«.

Was Geschenke angeht: Nein, es gibt nichts, worauf ich »scharf wäre«. Tom und ich schenken uns immaterielle Gaben, um auf unserer geschundenen Erde einen möglichst minimalen Fußabdruck zu hinterlassen.

Wenn Du den Drang nicht abschütteln kannst, nutzlose Dinge zu kaufen, allein um der »Tradition« zu entsprechen, möchte ich vorschlagen, dass es sich dabei um nachhaltige Geschenke aus regionaler Herstellung handelt, die dem wahren Prinzip der Verbundenheit folgen statt dem inhaltsleeren Vergnügen des Shoppens.

In Vorfreude auf einen festlichen Tag

Jess

DREI

Als ich am nächsten Morgen mit Minnie bei der Schule ankomme, dreht sich in meinem Kopf alles. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob mich vor allem beschäftigt, dass Mum und Dad nach Shoreditch ziehen oder dass ich zum allerersten Mal das Weihnachtsfest ausrichten soll.

Es ist nur ein Tag im Jahr, sage ich mir immer wieder. Keine große Sache. Ich meine, was kann denn schlimmstenfalls passieren? (Ach nee, lieber nicht. Solche Gedanken sollte ich gar nicht erst zulassen.)

Außerdem ist alles gut, denn ich habe bereits angefangen. Ich war bei Pinterest und habe Millionen Listen gefunden, wie man Weihnachten organisiert. Ich habe zwei Eintrittskarten für den großen Weihnachtsmarkt im Olympia reserviert. Ich werde mit Mum hingehen und mich inspirieren lassen. Außerdem fange ich jetzt mit meinen Weihnachtseinkäufen an. Wir haben erst November. Da ist noch reichlich Zeit!

Ich gehe mit Minnie in den Garderobenraum, helfe ihr dabei, ihren Mantel aufzuhängen, dann steuern wir auf das Klassenzimmer zu. Dort sehe ich Minnies Freundin Eva, zusammen mit ihrer Mum Petra – und mir wird etwas schwer ums Herz.

»Guck mal!«, ruft Minnie mit großen Augen. »Guck mal die Trommel!«

Petra hält eine mächtige Stammestrommel in der Hand, aus Zweigen und Segeltuch, mit Schleifchen verziert. Eva fängt an, mit einer Hand darauf herumzutrommeln, während Petra sich selbstgefällig umblickt und Minnie mit offenem Mund dasteht. Haben die das Ding selbst gebaut?

Ich schließe kurz die Augen, dann schlage ich sie wieder auf. Ich liebe diese Dorfschule, und ich liebe Minnies Lehrerin Miss Lucas, aber muss sie denn unbedingt so ein Bastelfreak sein? Ständig kommt sie mit irgendwelchen »freiwilligen Spaß-Aktivitäten«, die kein bisschen freiwillig sind, weil alle sie machen. An diesem Wochenende hieß es »Baue ein Musikinstrument aus Gegenständen, die im Haushalt zu finden sind«. Mal ehrlich: Wie bitte?

Minnie und ich haben ein paar getrocknete Bohnen in einen leeren Cremetiegel getan, und ich fand, wir hatten die Aufgabe ganz gut gelöst – aber das hier spielt in einer ganz anderen Liga.

»Wir hatten solchen Spaß dabei«, schwärmt Petra vor Miss Lucas. »Die ganze Familie hat mitgemacht.«

»Ich freue mich!« Miss Lucas strahlt. »Kreativität ist so wichtig. Minnie, hast du auch ein Musikinstrument gebastelt?«

»Wir haben eine Rassel gebaut«, sage ich und gebe mir Mühe, selbstbewusst zu klingen.

»Wunderbar!«, freut sich Miss Lucas. »Darf ich sie sehen?«

O Gott.

Widerstrebend greife ich in Minnies Schulranzen und hole die kleine Rassel hervor. Ich wollte sie noch anmalen oder irgendwas, hab es aber vergessen, und so ist es im Grunde nicht mehr als ein Cremetiegel voller Bohnen. Ich sehe, dass Petras Augen immer größer werden, und Miss Lucas wirkt kurz ein wenig ratlos, doch ich stehe erhobenen Hauptes da. Schließlich hat sie ja gesagt: Sachen, die im Haushalt zu finden sind, oder?

»Super!«, sagt Miss Lucas schließlich. »Die legen wir in der Ausstellung gleich neben Evas Trommel.«

Na toll. Eva hat eine Stammestrommel, und Minnie hat einen Cremetiegel.

Glücklicherweise scheint es Minnie nichts auszumachen, aber trotzdem ist mir ganz heiß geworden. Nächstes Mal gebe ich mir mehr Mühe mit dem Basteln, nehme ich mir vor. Ich werde etwas basteln, das alle umhaut, und wenn es mich das ganze Wochenende kostet.

»Bis nachher, Minnie, mein Schatz!« Ich gebe ihr einen Kuss, und sie rennt selig in den Klassenraum.

»Tarkie, vorsichtig!« Suzes scharfe Stimme lässt uns alle herumfahren, und mir stockt der Atem. Was zum Teufel hat Suze da? Es ist ein kompliziertes Gebilde aus Rohren und Trichtern und Klebeband, das sie zusammen mit ihrem Mann Tarquin hereinträgt, während die Kinder hinter ihnen hertraben.

»Lady Cleath-Stuart!«, ruft Miss Lucas. »Du meine Güte!«

»Das ist ein Euphonium«, sagt Suze atemlos. »Es spielt drei Töne.«

Suze liebt die Kunst und das Basteln und war schon immer supergut darin. Ständig regt sie ihre Kinder dazu an, Pappfiguren und Nudelcollagen zu basteln, die sie zum Trocknen überall in der Küche herumliegen lässt. Von daher wundere ich mich also nicht, dass sie schnell mal ein Euphonium aus Haushaltsgegenständen zusammenzimmern kann.

»Suze!«, sage ich. »Das ist ja fantastisch!«

»Ach, das ist doch gar nichts«, sagt Suze bescheiden. »Wollen wir es reintragen? Tarkie, pass auf, wenn wir um die Ecke kommen …«

»Scheiße.« Eine leise Stimme hinter mir lenkt mich ab. »Scheiße, Scheiße!«

Ich wende mich von Suze und ihrem selbst gebauten Euphonium ab und sehe eine Mutter namens Steph Richards, die bestürzt aus dem Fenster hinunter auf die Straße blickt. »Der verdammte Verkehrspolizist kommt«, sagt sie. »Ich konnte nirgends parken, also musste ich mich da irgendwie mit reinquetschen. Harvey, Liebling, komm, wir bringen dich schnell in die Klasse!«

Sie klingt angestrengt, und man sieht ihr die Sorgen an. Ich kenne Steph nicht besonders gut, aber ich weiß, dass Harvey an ihrem vierzigsten Geburtstag zur Welt kam (hat sie uns bei einem Elternabend erzählt). Sie hat irgend so einen Wahnsinnsjob in London, verdient in der Familie die Brötchen und runzelt ständig die Stirn. Sie spricht mit Yorkshire-Akzent und hat mir erzählt, dass sie in Leeds aufgewachsen ist, aber zum Studieren wegziehen musste und nie wieder zurückwollte.

»Keine Sorge«, sage ich spontan. »Ich geh raus und lenk den Polizisten ab. Lassen Sie sich ruhig Zeit mit Harvey.«

Ich renne aus der Schule und sprinte die Straße entlang, die morgens um diese Zeit immer total vollgeparkt ist. Ich sehe den Polizisten näher kommen. Und da steht Stephs Auto im absoluten Halteverbot.

Ich werde nicht zulassen, dass er ihr einen Strafzettel verpasst! Das wollen wir doch mal sehen. Nicht mit mir!

»Hallo! Officer!« Keuchend komme ich bei ihm an, als er noch drei Autos von Stephs entfernt ist. »Wie froh ich bin, Sie noch zu erwischen!«

»Ach ja?« Der Verkehrspolizist schenkt mir einen entmutigenden Blick, den ich ignoriere.

»Ich wollte mich mal nach den Parkregeln auf der Cedar Road erkundigen«, sage ich fröhlich. »Wenn da eine doppelte gelbe Linie ist und ein Schild, auf dem steht ›Halteverbot von 6 bis 9‹, aber außerdem eine weiße Zickzacklinie … Wie lauten dann die Vorschriften für Motorräder?«

»Bitte?« Der Polizist mustert mich.

»Und außerdem: Was heißt ›Aus- und Einladen‹ genau?«, füge ich hinzu, wobei ich unschuldig mit den Wimpern klimpere. »Angenommen, ich ziehe um und habe sechs Sofas zu transportieren und ein paar richtig große Topfpflanzen, fast schon Bäume eigentlich … was mache ich da?«

»Oh«, sagt der Verkehrspolizist. »Na ja, wenn Sie umziehen, bräuchten Sie vermutlich eine Genehmigung.«

Ich sehe Steph eilig die Straße entlanglaufen, klackernd auf ihren hohen Absätzen. Sie hastet an mir vorbei, doch ich zucke mit keiner Wimper.

»Eine Genehmigung«, wiederhole ich, als lauschte ich fasziniert seinen Worten. »Verstehe. Eine Genehmigung. Und wo könnte ich mich darum bemühen?«

Steph ist bei ihrem Auto angekommen. Sie piept es auf. Jetzt kann nichts mehr passieren.

»Aber wissen Sie was?«, füge ich hinzu, bevor der Mann mir antworten kann. »Vielleicht guck ich einfach mal im Internet nach.« Ich lächle ihn an. »Vielen Dank noch mal.«

Ich sehe, wie Steph ausparkt, ein paar Meter weit fährt und dann auf meiner Höhe mit laufendem Motor in einer eben frei gewordenen Lücke hält.

»Danke«, sagt sie mit schiefem Lächeln aus ihrem Fenster. Sie ist echt dünn, die Steph, mit dunklen Haaren und so durchscheinender Haut, die verrät, wenn man erschöpft ist. Was sie offenbar ist, auch weil man die Schatten unter ihren Augen sieht. Außerdem müsste sie mal ihr Make-up besser verteilen, was ich aber lieber für mich behalte.

»Kein Problem«, sage ich. »Gern geschehen.«

»Morgens ist es hier in der Straße ein Albtraum.« Sie schüttelt den Kopf. »Und es wird auch nicht besser, wenn die Hälfte der Mütter mit einem ganzen Sinfonieorchester ankommt. Ich weiß ja, dass Sie mit Suze Cleath-Stuart befreundet sind, aber ein Euphonium?«

Unwillkürlich muss ich lachen – und habe sofort ein schlechtes Gewissen, weil ich Suze damit in den Rücken falle.

»Wissen Sie, was für ein ›Instrument‹ ich mit Harvey gebastelt habe?«, fährt Steph fort. »Einen Margarinetopf mit einem Holzlöffel zum Draufklopfen.«

»Wir haben Bohnen in einen Glastiegel getan«, entgegne ich. »Ich habe ihn nicht mal angemalt.« Unsere Blicke treffen sich, und wir lächeln beide – doch dann kommen Steph mit einem Mal die Tränen.

»Steph!«, rufe ich entsetzt. »Es war doch nur für die Bastelstunde. Das ist doch nicht wichtig.«

»Darum geht es nicht …« Sie zögert, und ich sehe ihr den Kummer an, als wollte er aus ihr hervorbrechen. »Harvey weiß nichts davon, okay?«, fährt sie mit leiser, bebender Stimme fort und sieht sich dabei um. »Aber Damian hat uns verlassen. Vor drei Tagen. Ist einfach weg, ohne Vorwarnung. Harvey denkt, er macht Urlaub.«

»Nein.« Sprachlos starre ich sie an. Ich kenne Stephs Mann Damian eigentlich gar nicht. Ich habe ihn nur ein paar Mal mit Harvey gesehen, sodass ich weiß, wie er aussieht. Er ist älter als Steph – ein dickbäuchiger Kerl mit eng stehenden Augen und grauem Bart.

»Doch. Tut mir leid«, fügt sie hinzu. »Ich wollte Sie nicht damit belasten. So was möchte man nicht hören, wenn man sein Kind zur Schule bringt.«

»Das ist nicht … Sie haben nicht …« Ich suche verzweifelt nach den richtigen Worten. »Möchten Sie reden? Bei einem Kaffee? Kann ich irgendwie helfen?« Doch Steph schüttelt den Kopf.

»Ich muss los. Großes Meeting. Und Sie waren mir schon eine große Hilfe, Becky. Danke noch mal.« Kraftlos lächelt sie mich an, dann legt sie den ersten Gang ein.