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Der Plan vom Ehepaar Mike und Daisy Martin, die Bank im abgelegenen Biggleswade zusammen mit ihrem Freund Galosz auszurauben, ist bis ins kleinste Detail durchdacht. Alles verläuft wie geschmiert. Dass Daisy Martin dabei schon von Anfang an ihre ganz persönlichen Ziele verfolgt, wissen ihre beiden Kumpane nicht – und keiner vom Trio ahnt, dass ihnen der ›Yard‹ Colin Bradley und den jungen, ausgebufften Sergeant Bill Baxter auf den Hals hetzt …
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Seitenzahl: 174
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Colin Bradley
A BOLD PLAN
Crime Novel
Blossom Rydell
Bibliografische Information durch
die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
http://dnb.de abrufbar
1. Auflage 2020
2. Auflage 2025
ImpressumCopyright: © 2025 Blossom Rydell
Bissenkamp 1, 45731 WaltropDruck und Verlag: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.deISBN siehe letzte Seite des Buchblocks
»Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie?
Was ist ein Einbruch in eine Bank
gegen die Gründung einer Bank?«
Bertholt Brecht (1898 - 1956)
Kapitel 1
London, Mitte der 1920er
Der ›Berliet‹, ein Veteran der Straßen, der seine besten Jahre längst hinter sich gelassen hatte, rasselte und klapperte wie ein altes Skelett, während er über die Straßen holperte. Die Kotflügel waren verbeult und zerkratzt, und der Lack hing in Fetzen herunter wie die Haut eines alten Mannes. Die Motorhaube sah aus wie ein gehämmertes Stück Blech, und die Scheinwerfer schienen wie zwei trübe Augen in die Nacht zu starren. Die Kotflügel waren verbeult und zerkratzt, und der Lack hing in Fetzen herunter wie die Haut eines alten Mannes.
In ihm befand sich eine Frau mit zwei Männern, die dem Äußeren nach so gut zu dem in die Jahre gekommenen Wagen passten wie Butter zum Brot. Sie alle saßen vorne, wahrscheinlich, weil an der Rücksitzbank bereits die Federn durch die lederne Polsterung stießen.
Das Mädchen saß zwischen den Männern. Doch sie noch als ein solches zu bezeichnen, war eigentlich übertrieben, denn ihre Jugend gehörte bereits seit geraumer Zeit der Vergangenheit an. Sie war von schlanker Statur, beinahe knochig, mit blond gefärbtem Haar, dessen Wurzeln dunkel nachwuchsen und sie jeden Morgen vor dem Spiegel daran erinnerten, dass ein Besuch beim Friseur schon lange überfällig war. Die Zigarette in ihren Fingern glühte wie ein kleiner, roter Rubin, während der Lippenstift auf dem Mundstück wie ein blutiger Kuss aussah, während sie missmutig zum Restaurant hinüberstarrte, auf das der Mann neben ihr wies.
Der Bursche hinter dem Steuer war fast ebenso hager wie sie. Ohne sich um das Gespräch seiner Mitfahrer zu kümmern, suchte er mit wieselflinken Augen die Straße ab.
»In dieser Bude soll ich mir wohl Plattfüße holen, wie? Das sieht dir mal wieder ähnlich, Mike«, regte sich die künstliche Blondine auf. »Und ihr beide haut euch aufs Ohr, während ich mir die Absätze ablaufe.«
Ein hässliches Grinsen verzerrte das Gesicht des Mannes neben ihr. Er schien fast so breit wie seine beiden Begleiter zusammen zu sein und machte den Eindruck, als könnte er sich den klapprigen ›Berliet‹ im Notfall auf die Schultern laden, um ihn zum nächsten Händler für Altmetall zu schleppen. »Jetzt zick nicht rum, Daisy«, knurrte er. »Was wir durchziehen, ist ein großes Ding, und wenn du dir heute Abend eine Viertelmillion hinters Strumpfband stecken willst, wirst du dafür schon was leisten müssen. Die Rolle ist dir doch auf den Leib geschneidert, und an der nötigen Erfahrung als Kellnerin mangelt es dir ja auch nicht.«
»Aber in so einem Schuppen?! Wie kommst du überhaupt darauf, dass die 'ne Kellnerin suchen?«, maulte sie.
Er deutete auf das Schild im Fenster. »Wenn du einfach mal die Augen aufmachen würdest anstatt dein freches Mundwerk, hättest du es auch längst gesehen«, murrte er, ehe er sich an ihren Fahrer wandte. »Los, gib Gas, Charlie. An der nächsten Seitenstraße biegst du ab und hältst an. Wir wollen schließlich nicht der halben Stadt auf die Nase binden, dass wir das Ding gedreht haben.«
Der mit ›Charlie‹ Angesprochene nickte wortlos und legte den ersten Gang ein, worauf der rostige ›Berliet‹, von dem jetzt jeder ein Knattern und Stöhnen erwartet hätte, abrauschte, als sei er ein majestätischer ›Silver Ghost‹ von ›Rolls-Royce‹. Aber bei dem traurigen Anblick des Vehikels wäre niemand auf die Idee gekommen, dass unter dessen Kühlerhaube ein frisierter Motor steckte, der sogar gegen einen Wagen von Percy Lambert auf dem legendären ›Brooklands Motor-Racing Circuit‹ in Surrey eine Chance gehabt hätte.
»Du weißt, was du zu tun hast!«, wandte sich Mike wieder an sie, als der Wagen hinter der nächsten Ecke stoppte. »Hast du das Zeug?«
Daisy nickte, öffnete aber vorsichtshalber noch einmal ihre Handtasche und griff nach der kleinen Flasche mit den weißen kristallinen Körnchen. »Um sieben Uhr schütte ich das Zeug in den Kaffee«, leierte sie herunter. »Um Viertel vor acht verlasse ich das Restaurant, gehe zum Wagen und warte auf euch.«
Mike nickte. »Dann nichts wie raus und ran an die ehrliche Arbeit, Daisy.«
»Moment mal!«, mischte sich Charlie ein und sah ihn mit seinen Wieselaugen an. »Wäre es nicht besser, wenn sie dem Besitzer dieses Saftladens auf die Nase bindet, sie hätte Kopfschmerzen oder dergleichen? Dann kommt der nämlich nicht auf den Gedanken, lange nach ihr zu suchen und uns dabei zufällig über den Weg zu laufen.«
»Weißt du, ich kümmere mich um meine Rolle und du dich um deine, Charlie«, reagierte Daisy schnippisch. »Seht einfach zu, dass ihr eure Sache gut macht. Ich will endlich mal in der Lage sein, mein Leben so richtig zu genießen.«
Mike griff nach der Türverriegelung und grinste. »Mit dem Zaster, den wir heute verdienen, dürfte das wohl keinem von uns Kopfzerbrechen bereiten … Nicht einmal dir!«
***
Kapitel 2
»Ich würde gerne mit dem Manager sprechen«, erklärte Mike kurze Zeit darauf dem Angestellten hinter dem vergitterten Fenster. »Es handelt sich um eine Kontoeröffnung.«
»Aber gewiss doch, Sir«, nickte der Mitarbeiter. »Wie ist Ihr Name?«
»Mein Name ist NickDavies«, log Mike ihn völlig ungeniert an, ohne auch nur im Geringsten rot zu werden.
Zwei Minuten später wurde er in das Büro des Filialdirektors der ›Lloyds Bank‹ geführt.
»Wenn ich Sie richtig verstehe, möchten Sie bei uns ein Konto eröffnen, Mr. Davies?«, erkundigte sich der alte Herr vorsichtig.
»Genau das«, gab sein Besucher lässig zurück. »Wissen Sie, ich bin Holzankäufer und will in der Gegend ein paar Geschäfte tätigen. Da man mich hier noch nicht kennt, benötige ich dazu verständlicherweise eine gewisse Menge Bargeld. Im Allgemeinen kaufe ich im Raum Corris an der Westküste ein.«
Jetzt taute der Bankdirektor ein wenig auf. Ihm gefielen Kunden, die nicht direkt nach Geld aussahen und ihre Geschäfte zügig abwickelten, damit es schnellstmöglich wieder zurück in die Kasse wanderte. »Ich verstehe. Wie hoch soll sich das Konto belaufen, Mr. Davies?«
»Um die zwanzigtausend Pfund Sterling. Meine Bank habe ich diesbezüglich bereits informiert. Sie sollten also heute oder spätestens morgen eine entsprechende Bestätigung erhalten. Abgesehen davon erwarte ich eine telegrafische Anweisung an das hiesige Postamt.« Mike schenkte ihm einen fragenden Blick. »Es gibt hier in Biggleswade doch nur Ihre Bank, nicht wahr?«
Der Direktor nickte rasch. »Wir sind hier am Ort die einzige.«
»Ausgezeichnet«, lächelte Mike. »Dann sollte eine Verwechslung ausgeschlossen sein. Kann ich die telegrafische Anweisung direkt bei Ihnen einzahlen, damit ich bereits morgen über das Geld verfügen kann?«
»Aber natürlich«, bestätigte der Leiter der Bank. »Wir haben bis fünf am Abend geöffnet.«
Mike runzelte die Stirn. »Nun, ich weiß ja nicht, wie lange so eine telegrafische Anweisung in der Regel braucht. Für mich ist es das erste Mal. Was, wenn sie bis dahin noch nicht eingetroffen ist? Ich müsste morgens schon sehr früh los, um mir die Holzbestände anzuschauen und mit den Händlern zu sprechen. Könnte ich das Telegramm einfach in Ihren Briefkasten einwerfen? Vermutlich können Sie dann bis morgen alles regeln. Ich rufe sie im Laufe des Morgens noch einmal an, um mich zu erkundigen, ob alles klargegangen ist.«
Der Bankdirektor überlegte kurz. »Im Moment machen wir Überstunden wegen der Jahresbilanz, Mr. Davies. Sollte das Geld tatsächlich erst nach fünf Uhr eintreffen, klingeln Sie bitte am seitlichen Eingang. Ich werde noch heute Abend alles für Sie vorbereiten.«
»Nun, es ist durchaus nicht meine Absicht, Sie noch nach Geschäftsschluss zu stören. Notfalls warte ich eben bis morgen früh«, erwiderte Mike verständnisvoll und benahm sich, als würde er derartige Geschäfte jeden Tag machen, als er eine Anzahl an Formularen ausfüllte, mehrmals mit dem fiktiven Namen ›Nick Davies‹ unterzeichnete und nicht einmal das Scheckbuch annahm, das ihm der Leiter der Bank anbot. »Danke, aber das hat Zeit, bis Sie alles geregelt haben.«
*
Mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck verließ Mike eine halbe Stunde später die ›Lloyds Bank‹ und blieb, während er sich umschaute, zögerlich einige Sekunden vor deren Eingang stehen, ehe er auf das Restaurant zusteuerte, das keine dreißig Yards entfernt lag.
Es handelte sich um einen sauberen kleinen Betrieb mit bunt gemusterten Tischdecken und mit einer langen Theke, in deren gläserner Auslage diverse Sandwiches und auch Kuchen angeboten wurden.
Als sei er ein ganz gewöhnlicher Gast, setzte Mike sich auf einen der bequemen Hocker vor dem Tresen, lächelte die bereitstehende weibliche Servicekraft dahinter an und gab seine Bestellung auf: »Ich hätte gerne eine Tasse Kaffee und eines der Schinkensandwiches.«
Gleich darauf bediente sie ihn auch schon mit derart flinken Bewegungen, die verrieten, dass sie das nicht zum ersten Mal tat. »Hier ist alles in Ordnung«, ließ sie ihn wissen, ohne die Lippen zu bewegen, als sie ihm den Kaffee mit einem freundlichen Lächeln entgegenschob.
»Bei mir ebenfalls«, erwiderte er und schaufelte drei Löffel Zucker in den Kaffee, bevor er herzhaft in das Sandwich biss, derweil sie sich wieder ans andere Ende der Theke begab, als sei ihr der Gast völlig gleichgültig.
***
Kapitel 3
In Biggleswade begann es bereits um sieben Uhr, dunkel zu werden. Hinter den Fenstern der ›Lloyds Bank‹ brannte zwar Licht, aber da die untere Hälfte aus milchigem Glas bestand, war nicht erkennbar, wie viele Angestellte noch anwesend waren.
Durch die Windschutzscheibe des ›Berliet‹ starrten Mike und Charlie in die Dunkelheit, und nur von Zeit zu Zeit glühten die roten Punkte ihrer Zigaretten auf.
»Hoffen wir mal, dass Daisy die Sache mit dem Kaffee regelt«, brummte Charlie nervös.
Mike, auf den sich die Unruhe seines Kumpans übertrug, zwang sich zur Ruhe. »Klar schafft sie das, Charlie!«, knurrte er. »Ist ja schließlich kein großes Kunststück. Ich habe ihr genau die richtige Dosis von dem Zeug gegeben … Da kann sie gar nichts falsch machen.«
Charlie wollte gerade seine Bedenken kundtun und ihm widersprechen, als sich die Seitentür der Bank öffnete und eine junge Dunkelhaarige auf den Gehweg heraustrat. »Na, endlich. Da ist sie ja wieder«, zischte er.
Mike drückte seine Zigarette im Aschenbecher aus und blickte ihrer Komplizin nach, die zügig und mit festen Schritten zum Restaurant zurückkehrte, derweil ihr der Saum ihres Kleides um die langen Beine wippte. »Jetzt mach' dich bloß nicht verrückt, Charlie!«, warnte er. »In einer halben Stunde ist alles vorbei … Du weißt, was du zu tun hast?«
Sein Kumpan nickte bekümmert. »Klar, aber mir wäre trotzdem wohler, wenn wir es schon hinter uns gebracht hätten«, flüsterte Charlie. »Mir gefällt diese Gegend nicht. Wenn etwas schiefgeht, dann sitzen wir hier fest.«
»Das wird es aber nicht«, versicherte Mike. »Wir sind das alles schließlich zigfach durchgegangen. Bis diese Dorftrottel aufwachen und ihnen langsam ins Bewusstsein sickert, was abgelaufen ist, sind wir längst über alle Berge.« Er grinste breit. »Und zwar mit ihrem Schotter!«
Charlie blieb ihm eine Erwiderung schuldig und schwieg sich aus. Er sah die Sache weit weniger optimistisch, was daran lag, dass der Coup sein beschränktes Begriffsvermögen überstieg und er sich ganz auf seinen Kumpanen verlassen musste.
»Da ist sie ja schon wieder«, konstatierte Mike leise.
Gemeinsam starrten sie zu der jungen Frau hinüber, die jetzt ein großes Tablett balancierte, das von einem großen, weiten Tuch bedeckt war. Sie sahen, wie die Bankangestellte den seitlichen Eingang erreichte, kurz mit der Schuhspitze gegen die Tür klopfte und Sekunden später im Gebäude verschwand.
»Wir sollten uns jetzt auf den Weg machen!«, drängte Charlie und blickte Mike auffordernd von der Seite an.
»Noch nicht. Erst in fünf Minuten«, wurde er von ihm gebremst. »Die werden sich uns zuliebe sicher nicht die Zunge am Kaffee verbrennen. Außerdem dauert es dann gut zehn Minuten, bevor das Zeug seine Wirkung entfaltet hat. Zum Teufel mit deiner Nervosität!« Erst als er seelenruhig seine Zigarette zu Ende geraucht hatte, neigte er sich vor und zog einen dicken Umschlag unter dem Armaturenbrett hervor. »Du weißt, was du zu tun hast«, knurrte er. »Sobald Daisy aus dem Restaurant kommt, fährst du an den Seiteneingang heran. Wenn die Luft rein ist, lass den Motor laufen … Wenn nicht, schaltest du ihn aus. Ich komme erst wieder heraus, wenn ich den Wagen höre. Und dann nichts wie auf und davon, klar?!«
Charlie nickte. »Hals- und Beinbruch«, kam es ihm mit belegter Stimme über die Lippen, als sich Mike aus dem ›Berliet‹ schob und die gepflasterte Straße überquerte. Er sah seinem Kumpan nach, der sich völlig unbefangen gab, keinen Augenblick zögerte und entschlossen seinen Daumen auf den Klingelknopf der ›Lloyds Bank‹ legte.
*
Es brauchte nur wenige Sekunden, als ihm der Direktor höchstpersönlich öffnete und mit leichtem Misstrauen anblinzelte. »Ah, Mr. Davies!«, stellte er erleichtert fest, als er ihn erkannte. »Von Ihrer Bank habe ich leider noch nichts gehört.«
»Nun, das verwundert mich ehrlich gesagt … Da muss es wohl zu einer Panne gekommen sein. Wenn Sie morgen immer noch nichts gehört haben, würde ich Sie bitten, dort einmal telefonisch nachzufragen«, spielte Mike den Konsternierten, wedelte dann aber mit dem dicken Briefumschlag in seiner rechten Hand und sah ihn gewinnend an. »Die telegrafische Anweisung ist zumindest schon eingetroffen.«
»Kommen Sie herein, Mr. Davies. Das erledigen wir gleich noch heute Abend«, schlug der Direktor lächelnd vor und gab den Weg in die Bank frei. »Ich benötige übrigens noch die Kontonummer bei der Konkurrenz.«
Mike schob sich an ihm vorbei und folgte ihm ins Büro. »Es tut mir ausgesprochen leid, dass ich Sie zu so vorgerückter Stunde noch behelligen muss«, entschuldigte er sich und legte den Briefumschlag auf die Kante des Schreibtisches. Als sich darauf zur Seite drehte, stieß er wie zufällig mit seiner Jacke dagegen, worauf das Kuvert auf den Boden fiel. Noch während es durch die Luft segelte, hatte er seinen Jackenknopf geöffnet und fuhr mit einer Hand nach innen. Er wartete nur darauf, dass sich der Bankdirektor nach dem Umschlag bückte, und in dem Moment, als der ihn mit den Fingerspitzen berührte, zog er seinen Trommelrevolver hervor und schlug damit zu – genau auf den silberweißen Hinterkopf des Mannes.
Obwohl er den Hieb nicht allzu hart ausgeführt hatte, war er sich sicher, ihn für eine Weile außer Gefecht gesetzt zu haben. Sofort horchte er nach draußen, aber es schien, als würde niemand auf das dumpfe Geräusch reagieren.
Meine Zwangsnarkose hat ihm schneller zu tiefem Schlaf verholfen als Daisys Spezialgebräu, grinste er in sich hinein, als er die halbvolle Tasse Kaffee auf dem Schreibtisch bemerkte.
Trotz seiner massigen Gestalt bewegte er sich lautlos, schlich zu der Tür, von der er wusste, dass sie zum Schalterraum hinausführte, drückte sie ein wenig auf und spähte hinaus, bis er durch den Spalt fünf Personen ausmachte: drei Männer und zwei Frauen, von denen die eine den Kaffee geholt hatte. Er sah, wie sie sich mit beiden Händen über die Stirn fuhr und irritiert ihren Kopf schüttelte.
In ein paar Minuten wird sich keiner mehr von ihnen wundern, lächelte er in sich hinein, derweil er sich vergewisserte, dass sich keiner in der Nähe des Schalters der Alarmanlage aufhielt. Erst dann drückte er die Tür auf und glitt mit einer raschen Bewegung in den Schalterraum, dessen Licht sich im dunkelblauen Stahl seines Revolvers spiegelte und sein Gesicht hart und zu allem entschlossen wirken ließ.
Dicht neben dem Büro des Direktors befand sich eine niedrige Schwingtür, die hinter den Schalter führte. Noch ehe einer der Angestellten aufblickte und begriff, was geschah, schob er sich hindurch. »Bleiben Sie ruhig auf Ihren Plätzen sitzen, Ladies und Gentlemen!«, befahl er leise. »Nur die Pfoten hoch und im Genick falten, dann passiert Ihnen nichts!«
Erschrocken presste sich eine der Frauen die Hand vor den Mund und unterdrückte gerade noch rechtzeitig einen Schrei. Gleichzeitig vernahm er das Scharren eines Stuhls und fuhr herum, als ein Angestellter offensichtlich den Helden spielen und zum Alarmschalter huschen wollte. Aber noch bevor der Mann ihn erreicht hatte, schlug er einmal kräftig mit dem Kolben des Revolvers zu, worauf der gewissenhafte Mitarbeiter in die Knie sackte und reglos auf dem Boden liegen blieb. »Ich spaße nicht! Beim nächsten Mal knallt es!«, knurrte er drohend, obwohl er jeden Lärm nach Möglichkeit vermeiden wollte. »Ich kann es nicht ausstehen, wenn man sich nicht meinen Anweisungen fügt!«
Seine Warnung war in den Ohren der Mitarbeiter noch nicht verhallt, als die junge Dunkelhaarige, die den Kaffee geholt hatte, laut aufstöhnte und von ihrem Stuhl kippte.
Er war sich nicht im Klaren darüber, ob er für sie eine derart furchterregende Erscheinung war oder ob es schlicht an dem Kaffee lag, der bereits seine Wirkung entfaltet hatte. »Sitzen bleiben!«, befahl er den anderen und steckte sich seelenruhig eine Zigarette zwischen die Lippen, die er aber nicht anzündete.
»Was wollen Sie?«, fragte einer der Mitarbeiter heiser.
»Eine äußerst dämliche Frage?« Mike bedachte ihn mit einem vielsagenden Grinsen, während er seinen Revolver bedrohlich auf ihn richtete. »Was will man schon in einer Bank? Geld natürlich!«
»Daraus wird nichts. Da kommen Sie nicht ran!«, zischte der Kollege. »Das Geld liegt im Tresor, und Sie können uns drei nicht gleichzeitig im Auge behalten.«
»Das bleibt abzuwarten«, erwiderte Mike ruhig.
»Keine Chance«, beharrte der Mann, als seine Kollegin neben ihm ganz langsam vom Stuhl sank. Verdutzt starrte er Mike an.
»Sagte ich nicht: abwarten? Sieht so aus, als hätte ich es nur noch mit Zweien zu tun, und in ein paar Minuten dürften Sie alle von mir träumen«, klärte Mike ihn auf.
Erst jetzt ging dem Mann ein Licht auf, was hier gespielt wurde. Augenblicklich gab er sich einen Ruck und wollte auf ihn zustürmen, doch schon begann sich der Kassenraum um ihn zu drehen. Ihm wurde schwindelig und er schlug der Länge nach zu Boden.
Mikes Blick richtete sich auf den verbliebenen Mann und sah, dass dessen Tasse erst zur Hälfte geleert war. Er entschied, zu handeln, trat auf ihn zu und fegte mit dem Knauf seiner Waffe auch den letzten Zeugen vom Stuhl.
Als er sich herumdrehte, schien es, als sei im Schalterraum eine ansteckende, tödliche Krankheit ausgebrochen. Lässig steckte er seinen Revolver in die Jacke zurück und zündete sich die Zigarette an, die noch immer in seinem Mundwinkel klebte. Dann widmete er sich dem Bankdirektor, schleifte ihn in den Kassenraum, klopfte dessen Taschen ab und brachte schnell ein kleines Schlüsselbund zum Vorschein. Ab jetzt war alles andere ein Kinderspiel, denn er musste sich nur noch davon überzeugen, dass die Alarmanlage ausgeschaltet war. Innerhalb von zehn Minuten hatte er auch die letzte Banknote aus dem Tresor geholt und in zwei Leinensäcke gestopft, die er sich über die Schulter legte und in den Kassenraum schleppte.
Sein Handgelenk zitterte ein wenig, als er auf die Uhr blickte. Der Raub hatte nur gut zwanzig Minuten gedauert, und da er den Motor des Wagens noch nicht hörte, widmete er sich den Brieftaschen der bewusstlosen Angestellten. Die Ausbeute war nicht gerade üppig, aber er verachtete auch kleine Gaben nicht.
Endlich hörte er die Bremsen des ›Berliets‹ und wie der Motor kurz aufheulte. Er warf die beiden Beutel über seine Schulter und riss die Seitentür auf. Dabei vergaß er nicht einmal, das Schloss hinter sich einrasten zu lassen, bevor er mit seiner Beute neben Charlie in den Wagen sprang und erleichtert aufatmete. »Los jetzt! Nichts wie ab durch die Mitte!«, knurrte er in das erneute Heulen des Motors. Er hatte selbst nicht daran geglaubt, dass der Coup so glatt und reibungslos ablaufen würde – doch jetzt waren sie reich, reicher, als sie es sich erhofft hatten …
***
Kapitel 4
Colin nahm sich eines der Eier und war dabei, es aufzuschlagen, um es über die Schinkenstreifen zu geben, die goldbraun in der Pfanne brutzelten, als sein Telefon hämisch meckerte. Wer zum Teufel ruft mich kurz vor Mitternacht noch an?, fragte er sich und schloss die süße Blondine vom kleinen Lebensmittelladen an der Ecke direkt aus, weil sie einen festen Freund hatte. Vielleicht ein Kunde, aber ich würde doch eher auf Alexander tippen. Mit einem tiefen Seufzer zog er die Gusspfanne vom Herd, damit ihm sein reichlich verspätetes Abendessen nicht verbrannte.
»Hallo. Bist du es, Colin?«, meldete sich CedricGardner vom ›Yard‹.
»Nein. Hier spricht das Hausmädchen Anne, das universale Putzwunder«, spaßte Colin mit verstellter Stimme, ehe er sich zu erkennen gab und fragte: »Was gibt’s?«
»Nur für den Fall, du solltest schon im Pyjama stecken, ziehst du dich besser rasch wieder an«, riet ihm Alexander Primes Kollege. »Du schuldest mir einen Gefallen, und ich muss jetzt leider mal abkassieren.«
»Und ich dachte bislang immer, es sei andersherum«, frotzelte Colin, »und dass mir der ›Yard‹ einen schuldet.«
