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Der zweite Band der Mafia-Academy-Reihe von Bestsellerautorinnenduo P. Rayne Sofia Moretti ist seit Jahren heimlich in den älteren Bruder ihrer besten Freundin verliebt. Doch Antonio La Rosa sieht in ihr nur die kleine Freundin seiner Schwester – und ist außerdem mit der eiskalten Aurora Salucci verlobt. Sie ist die ideale Partie, um die Macht seiner Familie weiter auszubauen. Als Mafia-Sohn erfüllt Antonio stets seine Pflicht, auch wenn sein Herz für jemand anderen schlägt. Doch als Sofia beginnt, sich für einen anderen Mann zu interessieren, erwacht in Antonio plötzlich die Eifersucht. Während er versucht, einen Verräter in den eigenen Reihen zu entlarven, wird ihm bewusst, dass Sofia längst nicht mehr das unschuldige Mädchen von früher ist. Sie ist zu einer Frau herangewachsen, die all seine Gedanken beherrscht. Zwischen Pflichtgefühl und Verlangen muss Antonio eine Entscheidung treffen - und die Konsequenzen könnten tödlich sein. Entdecke die gesamte Mafia-Academy-Reihe Band 1: Vow Of Revenge. Band 2: Corrupting The Innocent Band 3: The Mafia King's Sister Band 4: Craving My Rival
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Corrupting the Innocent
PIPER RAYNE ist das Pseudonym zweier USA Today-Bestsellerautorinnen. Mehr als alles andere lieben sie sexy Helden, unkonventionelle Protagonistinnen, die sie zum Lachen bringen, und viel heiße Action. Und sie hoffen, du liebst das auch!
Der zweite Band der Mafia-Academy-Reihe von Bestsellerautorinnenduo Piper Rayne
Sofia Moretti ist seit Jahren heimlich in den älteren Bruder ihrer besten Freundin verliebt. Doch Antonio La Rosa sieht in ihr nur die kleine Freundin seiner Schwester – und ist außerdem mit der eiskalten Aurora Salucci verlobt. Sie ist die ideale Partie, um die Macht seiner Familie weiter auszubauen. Als Mafia-Sohn erfüllt Antonio stets seine Pflicht, auch wenn sein Herz für jemand anderen schlägt. Doch als Sofia beginnt, sich für einen anderen Mann zu interessieren, erwacht in Antonio plötzlich die Eifersucht. Während er versucht, einen Verräter in den eigenen Reihen zu entlarven, wird ihm bewusst, dass Sofia längst nicht mehr das unschuldige Mädchen von früher ist. Sie ist zu einer Frau herangewachsen, die all seine Gedanken beherrscht. Zwischen Pflichtgefühl und Verlangen muss Antonio eine Entscheidung treffen - und die Konsequenzen könnten tödlich sein.
Piper Rayne
Roman
Aus dem Amerikanischen von Pia Röhling
Forever by Ullsteinwww.ullstein.de
Deutsche Erstausgabe bei ForeverForever ist ein Verlag der Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin
© 2026 für die deutschsprachige Ausgabe Ullstein Buchverlage GmbH, Friedrichstraße 126, 10117 Berlin© 2024 by Piper RayneDie amerikanische Originalausgabe erschien 2024 unter dem TitelCorrupting The Innocent bei Piper Rayne Inc.Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.Bei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich bitte an [email protected]: zero-media.netUmschlagabbildung: © FinePicAutorinnenfoto: Ken Kim | K Squared PhotographyE-Book powered by pepyrus
ISBN 978-3-98978-019-4
Emojis werden bereitgestellt von openmoji.org unter der Lizenz CC BY-SA 4.0.
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Das Buch
Titelseite
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
EPILOG
Leseprobe: Possession
Social Media
Vorablesen.de
Cover
Titelseite
Inhalt
Kapitel 1
Seit Jahren hüte ich ein Geheimnis: meine heimliche Liebe zu dem älteren Bruder meiner besten Freundin. Doch er hat mir nie gezeigt, dass er meine Gefühle erwidert. Meine Fantasien werden daher wohl auch genau das bleiben – Fantasien.
Und das aus zwei Gründen: Erstens ist er mit der berechnenden und kaltherzigen Aurora Salucci verlobt worden. Zweitens tut Antonio stets, was die Pflicht von ihm verlangt, und wenn sein Vater will, dass er Aurora heiratet, dann wird er genau das tun.
Nun bin ich gezwungen, mitanzusehen, wie sie ihn an der Sicuro Academy – unserer privaten Hochschule für Mafiakinder – zur Schau stellt, während meine Einsamkeit wächst. Ich gebe mein Bestes, Antonio aus meinen Gedanken zu verbannen, und sobald ein anderer Mann Interesse an mir zeigt, hoffe ich, dass er mir helfen kann, endlich den Mann zu vergessen, der niemals mir gehören wird. Doch wie sich herausstellt, funktioniert das nicht ganz so gut …
Mein Leben hat bisher aus nichts als Pflichten bestanden – gegenüber der Mafia, meinem Vater, doch nie gegenüber mir selbst. Darum hat mein Vater auch meine Verlobung mit Aurora Salucci arrangiert. Für die politischen Interessen der Mafia sind wir wie füreinander geschaffen, doch für mich lässt es viel zu wünschen übrig. Mit ihrer harten und unnachgiebigen Art ist sie nichts von dem, was ich mir jemals von einer Ehefrau erträumt habe. Und dann ist da noch Sofia Moretti, die beste Freundin meiner kleinen Schwester. Lange Zeit habe ich sie nie mit anderen Augen gesehen als denen eines Bruders … bis vor Kurzem. Jetzt beherrscht sie all meine Gedanken und Sehnsüchte. Ihre Unschuld zieht mich in ihren Bann, und ich sehne mich danach, derjenige zu sein, der sie befleckt. Doch ich habe eine Pflicht. Und diese Pflicht verlangt, dass ich die Bedürfnisse meiner Familie über meine eigenen stelle. Im Moment bedeutet das, den Verräter aufzuspüren, der gegen uns intrigiert. Doch der Feind ist mir näher, als ich jemals gedacht hätte.
Spezialisiert auf Waffenhandel
Marcello Costa
(Oberhaupt der Costa-Familie)
Spezialisiert auf Fälschungen, Veruntreuung und Unterschlagung
Antonio La Rosa
(Nachfolger an der Spitze der La Rosa-Familie)
Spezialisiert auf Drogenhandel und Geldwäsche
Dante Accardi
(Nachfolger an der Spitze der Accardi-Familie)
Spezialisiert auf Wertpapierbetrug und Cyberkrieg
Gabriele Vitale
(Nachfolger an der Spitze der Vitale-Familie)
Ich habe noch nie jemanden erwürgen wollen. Doch im Moment hält mich nur der letzte Rest meines Willens davon ab, mich nicht in der Limousine nach vorn zu stürzen und meine Hände um ihren hübschen kleinen Hals zu legen. Es ist schon schlimm genug, dass wir gemeinsam hierherfahren. Aber mitansehen zu müssen, wie Aurora Salucci sich an den Mann schmiegt, in den ich mein ganzes Leben lang heimlich verliebt bin, ist die reinste Folter.
»Wie soll ich das nur überstehen?«, murmelt meine beste Freundin Mirabella neben mir.
Wir sitzen in der Vorderreihe direkt gegenüber von ihrem Bruder Antonio und seiner frisch Verlobten Aurora. Der Wagen bringt uns vom Flughafen zur Sicuro Academy, nachdem wir vier die einwöchige Semesterpause in Miami verbracht haben.
Ich beuge mich zu Mira hinüber. »Wenigstens wirst du in New York bei Marcello sein«, flüstere ich.
Sie drückt meine Hand. Mira soll Marcello Costa heiraten und mit ihm nach New York ziehen, weil er das Oberhaupt der Costa-Familie ist, die den Nordosten des Landes kontrolliert.
Ich dagegen werde im Südosten festsitzen, wo Miras und Antonios Vater das Oberhaupt der La-Rosa-Familie ist und mein Vater als Capo dient. Da Antonio als Nächster das Imperium übernehmen soll, wird es für mich wohl eine feste Tatsache bleiben, ihn ständig mit Aurora sehen zu müssen. Die Ehe von Antonio und Aurora ist von ihren Vätern arrangiert worden – bekanntgegeben während der Weihnachtsferien. Frohe Weihnachten an mich. Hätten sie mir gleich noch Dreck in den Strumpf stecken können. Seit der offiziellen Ankündigung sind noch nicht einmal zwei Monate vergangen, und ich kann ihr Babygequatsche und ihre ständigen öffentlichen Liebesbekundungen jetzt schon nicht mehr ertragen. Und es liegt nicht nur daran, dass ihr jetzt Antonio gehört. Es liegt auch daran, dass sie eine Bitch der ersten Klasse ist. Ein echtes »Mean Girl«. Und das sage ich nicht leichtfertig. Ich bin eigentlich ziemlich unkompliziert und komme mit fast jedem klar. Aber Aurora ist schon immer eifersüchtig auf Mira gewesen, weil ihr Vater das Oberhaupt der Familie ist. Also hat sie Mira von klein auf gnadenlos schikaniert. Sogar so sehr, dass sie im Abschlussjahrbuch Miras Foto durch das Bild eines Schweins ersetzt hat. Kurz gesagt: Sie ist kein netter Mensch. Überhaupt nicht. Und dass sie Antonio heiraten wird, fühlt sich für mich an, als würde jemand Gift direkt in mein ohnehin schon dahinsiechendes Herz injizieren.
»Findest du, ich sollte mich für den Empfang umziehen oder ganz klassisch das Kleid von der Zeremonie tragen?«
Das ist Auroras gefühlt hundertste Frage zur Hochzeit, seitdem wir das Flugzeug bestiegen haben. Mein Blick wandert zu ihnen zurück.
Er zuckt nur mit den Schultern und schaut weiter aus dem Fenster. »Mach, was du willst.«
Seine Stimme klingt gleichgültig, und innerlich richte ich mich stolz auf. Mira hat mir anvertraut, dass Antonio nicht gerade begeistert von der arrangierten Verlobung mit Aurora ist. Aber er wird ehrenhaft das tun, was das Beste für die Familie ist. Da Mira mit ihrer Ehe zu Marcello die Verbindung zum Nordosten festigt, hat ihr Vater befunden, dass Antonio jemanden heiraten sollte, der die Familie stärkt. Da Auroras Vater, Oronato Salucci, der Underboss ist und hohes Ansehen genießt, ist Aurora die naheliegende Wahl gewesen.
»Vergiss nicht, Schwarz zu tragen«, sagt Mira. »Das Äußere soll schließlich zum Inneren passen.«
Aurora verengt die Augen und wendet sich dann an Antonio. »Du wirst doch nicht zulassen, dass sie so mit deiner Verlobten redet, oder?«
Antonio seufzt und fährt sich mit der Hand durch seine dunklen Locken. Die Schatten unter seinen Augen verraten, dass er nicht gut geschlafen hat. »Mira, reiß dich zusammen.«
Mira verdreht nur die Augen, während Aurora ein selbstgefälliges Grinsen aufsetzt. Gott sei Dank hält die Limousine eine Minute später vor den Toren der Akademie. Die Wachen führen die Sicherheitskontrolle mit dem Fahrer durch. Dann kurbeln wir die Fenster herunter, damit einer der Wächter sehen kann, wer im Wagen sitzt, während der andere den Kofferraum und den Wagenboden auf Waffen oder Sprengstoff untersucht.
Wir fahren ein Stück weiter, bis wir am Sicherheitsgebäude, das näher am Hauptcampus ist, erneut anhalten. Wir steigen aus, geben unsere Handys ab und erhalten dafür Geräte der Akademie, die nur Anrufe und Nachrichten innerhalb des Campus-Netzwerkes zulassen. Danach werden unsere Taschen auf Schmuggelware durchsucht und schließlich auch wir selbst, bevor es zurück in die Limousine geht und wir weiter zu den Wohnheimen fahren. Die Sicherheit an der Sicuro Academy ist erstklassig. Das Privatcollege ist von den vier italienischen Mafiaclans gegründet worden, die die Vereinigten Staaten kontrollieren: den La Rosas im Südosten, wo wir herkommen, den Costas im Nordosten, den Accardis im Südwesten und den Vitales im Nordwesten. Sie haben die Akademie vor dreißig Jahren gegründet, nachdem viele junge Männer bei einer Reihe von Revierkämpfen ums Leben kamen, die sich eigentlich auf dem Weg in Führungspositionen befunden hatten. Sicuro bedeutet auf Italienisch »sicher«.
Sie alle können ihre Kinder nach der Highschool in die Akademie schicken, ohne befürchten zu müssen, dass wir uns gegenseitig umbringen – schließlich gilt eine Null-Toleranz-Politik gegenüber Gewalt. Waffen sind streng verboten, mit Ausnahme des Unterrichts im Fach »Waffenkunde«. Irgendwann hat das Gremium auch andere Mafiafamilien zugelassen, wie beispielsweise die Iren und die Russen, später sogar Mitglieder der Kartelle und schließlich die Kinder von Politikern, weil es finanziell einfach Sinn ergeben hat. Die astronomischen Studiengebühren füllen die Taschen der vier Gründerfamilien. Gleichzeitig verschaffen sie den Italienern Informationen darüber, wer in den Reihen der anderen auf dem Vormarsch ist.
Endlich halten wir vor dem Haupteingang. Das Gebäude strahlt Erhabenheit und Eleganz aus, mit seinen akribisch gepflegten Anlagen und den ehrwürdigen Fassaden, die von Efeu überwuchert sind. Die weitläufigen Rasenflächen und akkurat getrimmten Gärten liegen unter einem feinen Schneeschleier. Zahlreiche Brunnen, Statuen und andere prunkvolle Elemente verstärken den Eindruck von Raffinesse und Exklusivität – ein Ort, der unübersehbar nur den Privilegierten vorbehalten ist. Kaum ist die Limousine zum Stillstand gekommen, reiße ich die Tür auf und trete hinaus in die kühle Luft. Mira folgt mir Sekunden später. Auch sie hat genug von Auroras Show.
»Das war die längste Fahrt meines Lebens«, knurrt sie, bevor sie so laut aufquietscht, dass ich mir das Ohr zuhalte und einen Schritt zurückweiche. Sie stürzt nach vorn, und natürlich, ich hätte es wissen müssen: Marcello steht draußen vor dem Roma Haus, zusammen mit seinem Cousin und besten Freund Giovanni. Es ist offensichtlich, wie sehr sie ihn vermisst hat, auch wenn es gerade einmal eine Woche gewesen ist. Ihre Ungeduld, ihn wiederzusehen, amüsiert mich, denn noch vor sechs Monaten, als er von den Toten zurückgekehrt ist, ist Aufregung das Letzte gewesen, was sie empfunden hat. Damals hätte sie alles getan, um dieser Ehe zu entkommen. Aber man kann wohl sagen, dass sie ihre Differenzen überwunden und vieles bewältigt haben, um so glücklich zu sein, wie sie es heute sind.
»Hey, Sofia«, sagt Giovanni, als ich zu der Gruppe dazustoße.
»Hey. Wie war deine Zeit zu Hause?«, frage ich.
Er zuckt mit den Schultern. »Musste mir hauptsächlich anhören, wie der hier« – er deutet mit dem Daumen auf Marcello – »wegen der da« – er weist auf Mirabella – »gejammert hat. Und bei dir?«
Ich lache. »So ziemlich das Gleiche.«
Mein Blick wandert zu Antonio und Aurora, die gerade aus der Limousine steigen. Antonio kommt auf uns zu, und Aurora nimmt sofort seine Hand. Doch er lässt sie sofort wieder los, um Marcello und Giovanni die Hand zu schütteln. Wir gehören verschiedenen Familien an, doch Miras und Marcellos Verbindung hat genau das erreicht, was ihre Eltern sich erhofft haben: eine Allianz zwischen den Costas und den La Rosas.
»Hey, Jungs«, begrüßt Antonio Marcello und Giovanni. »Ereignislose Heimreise?« Er zieht eine Augenbraue hoch.
Marcellos dunkler Blick streift erst über uns alle, bevor er sich allein auf Antonio richtet. »Nicht so ereignisreich wie beim ersten Semester, aber auch nicht völlig ereignislos.«
Wir haben längst gelernt, den Subtext zu lesen – er hat zu Hause etwas regeln müssen, aber die Sache ist erledigt. Und wir wissen alle, dass man besser nicht nachfragt, auch wenn es schwer vorstellbar ist, dass etwas das übertreffen könnte, was er und Mira im ersten Semester durchgemacht haben.
»Gut zu hören«, sagt Antonio mit einem Nicken und zieht sein Handy hervor, um eine Nachricht zu lesen. »Ich muss ins Sekretariat. Wir sehen uns später.« Er schenkt Aurora ein kleines Lächeln, bevor er zum Eingang geht.
»Willst du ihm nicht wie ein kleiner Schoßhund hinterherlaufen?«, faucht Mira Aurora an.
Aurora verengt die Augen und sieht zu mir. »Halt deine Beste mal besser an der Leine. Sonst wird sie noch von einem größeren Hund zerfleischt.« Mit einer schwungvollen Bewegung wirft sie ihr dunkelblondes Haar über die Schulter und stolziert davon.
Marcello macht einen Schritt nach vorn, doch Mira legt ihm die Hand auf die Brust. »Lass es.«
»Du bist mit dem Don von einer der vier Familien verlobt. Sie wird respektvoll mit dir reden.« Sein Kiefer spannt sich an, seine Hände ballen sich zu Fäusten.
»Ja, nun, sie ist mit meinem Bruder verlobt, der eines Tages das Oberhaupt der La Rosa Familie sein wird. So verschieden sind wir also nicht. Außerdem kann ich mit ihr selbst fertigwerden. Ich brauche keinen Mann, der mich verteidigt.«
»Jetzt ist sie noch ein Niemand«, knurrt Marcello.
Ich habe Mira schon immer dafür bewundert, dass sie es schafft, jemandem wie Marcello die Stirn zu bieten. Sie ist definitiv nicht die typische Mafiabraut.
»Ich gehe schon mal rein. Unsere Sachen müssten inzwischen angekommen sein«, sage ich und will nur noch aus der Kälte heraus.
Für die meisten würde dieses Wetter nicht einmal als kalt gelten, aber ich komme aus Miami. Alles unter zwanzig Grad ist für mich Frost.
»Ich habe Hunger. Gio und ich gehen ins Café Ambrosia. Kommst du mit?«, fragt Marcello Mira.
»Klar, ich habe auch ein bisschen Hunger.« Sie sieht mich an. »Soll ich dir was mitbringen?«
»Nein danke.«
»Na gut. Ich komme später bei deinem Zimmer vorbei«, sagt sie.
»Klingt gut.«
Im letzten Semester habe ich mir mit Mira ein Zimmer im Wohnheim geteilt. Doch nachdem sich all diese Sachen zwischen ihr und Marcello ereignet haben und sie ihre Probleme lösen konnten, ist sie zu ihm gezogen.
»Ich gehe mit Sofia ins Wohnheim«, sagt Giovanni.
Marcellos Stirn legt sich in Falten. »Ich dachte, du hast Hunger?«
Giovanni winkt ab. »Ach, schon gut. Wir sehen uns später.«
Marcello zuckt mit den Schultern, legt den Arm um Miras Schulter und die beiden gehen den Weg hinunter, während Giovanni und ich ins Roma Haus eintreten.
Jedes Wohnheim auf dem Campus gehört einer anderen Fraktion der Mafia. Die Italiener sind im Roma Haus, die Iren im Dublin House, die Russen im Moskva Haus, die Kartellmitglieder im Ciudad de México Haus und die Kinder der Politiker im Washington Gebäude. Im Großen und Ganzen bleibt jede Fraktion unter sich. Keiner von uns vertraut den anderen genug, um im selben Gebäude schlafen zu wollen. Diese Trennung macht es einfacher und sicherer für alle.
»Wie war dein Besuch zu Hause?«, fragt Giovanni.
Ich stecke die Hände in die Manteltaschen. »Es war schön, meine Eltern zu sehen. Und ein bisschen Zeit mit Mira zu verbringen – ohne Marcello.«
Giovanni schnaubt neben mir und sieht mich an. »Ich weiß, oder? Es ist seltsam.«
»Was ist seltsam?«
»Wie besessen die beiden voneinander sind. Hätte nie gedacht, dass ich meinen Cousin mal so verliebt sehen würde.« Aus seinem missmutigen Tonfall wird klar, dass Giovanni diese Veränderung genauso schwierig findet wie ich. Ich würde lügen, wenn ich behaupte, es wäre nicht seltsam gewesen, meine beste Freundin nicht mehr so oft um mich zu haben wie früher. Aber ich freue mich, dass sie den Einen gefunden hat und dass er sie als die Frau schätzt, die sie ist. »Es ist großartig, dass sie verliebt sind, aber ja, es ist eine Umstellung.«
»Du bist einfach zu nett, Sofia.«
Ich kichere. »Ich freue mich einfach für meine Freundin, das ist alles.«
Auch wenn es mich in letzter Zeit mehr Mühe kostet, so fröhlich zu sein wie sonst.
»Wenn du meinst.«
Wir gehen weiter zu den Aufzügen und reden über Belangloses. Im Aufenthaltsraum sitzen Nicolo und Andrea, Giovannis andere beste Freunde, und er nickt in ihre Richtung.
»Ich muss kurz mit meinen Leuten reden. Sehen wir uns später?« Er zieht fragend eine dunkle Augenbraue hoch.
»Ja, klar.« Ich lächle und gehe zum Aufzug.
Als ich auf den Knopf drücke, öffnen sich sofort die Türen. Ich trete ein und drücke den Knopf für den fünften Stock. Dort angekommen, grüße ich kurz ein paar Mädchen im Flur und schließe mich dann in meinem Wohnheimzimmer ein, das jetzt nur noch mir gehört. Und genau so fühlt es sich an – einsam.
Ich gehe ins Gebäude des Sekretariats. Als ich aus der Limousine gestiegen bin, habe ich eine Nachricht bekommen, dass sie mich sehen wollen. Doch keine dreißig Schritte später packt mich jemand am Arm. Ich wirbele herum und sehe Aurora, die mich mit einem unheimlichen Lächeln anstarrt.
»Was ist?«, frage ich sie tonlos. Ich verstehe nicht, warum sie mir nachläuft, wo wir uns doch gerade erst getrennt haben.
»Du kannst mich nicht einfach so stehen lassen«, jammert sie.
»Ich habe Dinge zu erledigen.« Sie muss endlich lernen, dass ich mich ihr gegenüber nicht rechtfertigen muss.
Sie runzelt die Stirn. »Wir sind verlobt, Antonio. Du musst mich mit Respekt behandeln, und wir müssen nach außen wie eine Einheit wirken.«
Ich trete einen Schritt näher an sie heran. »Es ist kein Geheimnis, dass zwischen uns keine Liebe im Spiel ist, Aurora.«
Ihr Kopf schnellt zurück, sie blinzelt ein paar Mal. Warum auch immer. Ich habe ihr nie den Eindruck vermittelt, dass ich irgendwelche Gefühle für sie hege.
»Eines Tages wirst du das Oberhaupt der La-Rosa-Familie sein, und ich werde deine Frau sein. Deine Schwester sollte mir den Respekt entgegenbringen, den dieser Titel verdient.«
Ich presse die Zähne zusammen. Sie hat nicht unrecht, doch gegenüber meiner Schwester ist sie in den vergangenen Jahren alles andere als ein Engel gewesen. »Respekt funktioniert in beide Richtungen. Mira wird bald die ranghöchste Frau in der Costa-Familie sein, und das solltest du nicht vergessen.« Ich ziehe eine Augenbraue hoch.
»Mirabella ist manchmal unmöglich. Es stimmt, wir hatten unsere Differenzen, aber seit der Bekanntgabe unserer Verlobung bin ich höflich und freundlich zu ihr gewesen. Sie ist es, die stur bleibt und nicht bereit ist, unsere alten Konflikte beiseitezuschieben.«
Ich atme scharf aus und fahre mir mit der Hand durchs Haar. Leicht zu widerlegen ist das nicht. Mira hat deutlich gezeigt, dass sie nicht begeistert davon ist, Aurora als Schwägerin zu bekommen. Sie gehört zu den stursten Menschen, die ich kenne.
»Ich rede mit ihr.«
Aurora entspannt sich. »Danke.« Sie stellt sich auf die Zehenspitzen und drückt mir einen Kuss auf die Wange. »Ich gehe zu den Mädels. Wir sehen uns morgen.«
»Bis morgen«, sage ich und sehe ihr nach. Erleichterung durchströmt mich, sobald sie weit entfernt ist. Es gibt Schlimmeres, als mit Aurora Salucci verlobt zu sein. Aber wenn ich die Entscheidung hätte treffen können, wäre sie nicht meine erste Wahl gewesen. Doch ich habe keine Wahl. Meine Pflicht ist es, die Frau zu heiraten, von der mein Vater glaubt, dass sie unserem Imperium nützt. Darauf habe ich mich seit Jahren vorbereitet. Zur Hölle, ich habe sogar erst vor einem Semester miterlebt, wie meine Schwester mit unserem Feind verheiratet worden ist. Heute ist sie glücklich und wirklich verliebt, was bei mir und Aurora niemals so sein wird. Aber ich werde meiner Verpflichtung nachgehen, so wie ich es immer tue. Es steht außer Frage, dass Aurora ihre Rolle als Frau eines Dons in vollen Zügen genießen wird, sobald der Tag gekommen ist. Schon jetzt überschreitet sie Grenzen, zu denen sie kein Recht hat, immerhin ist sie noch nicht meine Frau, und ich bin noch nicht der Don. In diesem Punkt hat Mirabella ihr etwas voraus: Sie ist mit einem Don verlobt. Marcello würde niemals dulden, dass seine zukünftige Frau respektlos behandelt wird.
Fürs Erste schiebe ich alle Gedanken an Aurora und unsere gemeinsame Zukunft beiseite und gehe weiter in die Richtung, in die ich schon unterwegs war, bevor meine Verlobte mich am Ärmel gezerrt hat wie ein unerzogener Welpe. Fünf Minuten später erreiche ich die Beratungsstelle und trete an den Empfangstresen. Dahinter sitzt eine Frau, die ich nicht kenne – Mitte vierzig, rotbraunes Haar zu einem tiefen Pferdeschwanz gebunden. Sie muss neu sein.
»Hallo, ich habe eine Nachricht von einem der Berater bekommen, dass man mich zu sehen wünscht.«
Sie hebt den Blick von ihrem Computer und schenkt mir ein freundliches Lächeln. »Ihr Name?«
Ich bin es nicht gewohnt, mich irgendwo vorzustellen. Ob zu Hause oder hier, jeder weiß, wer ich bin. Es nervt mich. »Antonio La Rosa.«
Erkenntnis leuchtet in ihrem Gesicht auf. »Ah, ja, Mr. La Rosa.« Sie öffnet die Schublade zu ihrer Linken und holt einen Umschlag heraus. »Mr. Lewis musste sich um eine andere Angelegenheit kümmern, aber er hat mich darum gebeten, Ihnen das hier zu geben.«
Ich nehme den braunen Umschlag entgegen. »Danke.«
Ich öffne ihn nicht sofort. Mein Vater hat mir schon vor langer Zeit beigebracht, niemals Post in Gegenwart von Fremden zu öffnen. Auch wenn ich nicht glaube, dass es hier um Leben oder Tod geht, werde ich trotzdem warten, bis ich allein bin.
Sie nickt noch einmal und wendet sich wieder ihrem Bildschirm zu. Ich verlasse das Gebäude und mache mich auf den Weg zurück zum Roma-Haus. Ich will nur noch mein Zeug auspacken und mich einrichten, bevor morgen die Vorlesungen beginnen. Auf dem Campus herrscht geschäftiges Treiben, während die Studenten aus ihren Limousinen steigen und zurück auf das Schulgelände strömen, aber ich beschränke mich lediglich auf ein knappes Hallo, wenn ich Bekannten begegne. Ich habe keine Lust, in ein Gespräch verwickelt zu werden. Meine Stimmung ist nach dem Gespräch mit Aurora ohnehin im Keller, die von mir erwartet, dass ich mich mit meiner Schwester auseinandersetze, die es mir nie leicht macht, wenn es um meine Verlobte geht. Als ich schließlich das Roma-Haus erreiche, steige ich in den Aufzug und drücke energisch den Knopf für den dritten Stock. Da ich allein bin, reiße ich sofort den Umschlag vom Beratungsbüro auf. Der Brief ist eine freundliche Erinnerung daran, dass ich bisher keine der freiwilligen Arbeitsstunden geleistet habe, die für meinen Abschluss im nächsten Jahr erforderlich sind. Natürlich habe ich das längst gewusst. Ich habe es nur immer wieder aufgeschoben. Ich finde es lächerlich, dass wir der Schule überhaupt »etwas zurückgeben« sollen. Besonders wir Italiener. Diese Schule würde ohne unsere vier Gründerfamilien gar nicht existieren. Ich bilde mir gern ein, dass die saftigen Studiengebühren, die wir hier zahlen, mehr als genug »Rückgabe« darstellen. Der Aufzug klingelt, und ich beschließe, bei meinem besten Freund Tommaso vorbeizusehen, um zu erfahren, wie sein Trip nach Italien gewesen ist. Statt die Ferien zu Hause zu verbringen, hat er dort mit seiner Familie Urlaub gemacht. Na ja, eigentlich kein wirklicher Urlaub. Er und sein Vater sind im Auftrag meines Vaters unterwegs gewesen. Aber die Reise offiziell als Ferien zu deklarieren und gleich die Familie mitzunehmen, ist ein kluger Schachzug seines Vaters gewesen.
Ich klopfe an Tommasos Tür und höre ein gedämpftes »Herein« von drinnen.
»Hey, Mann.« Ich stoße die Tür auf und trete ein.
»Hey.« Tommaso kommt aus dem Bad, nur ein weißes Handtuch um die Hüften geschlungen, mit einem zweiten rubbelt er sich kräftig die Haare trocken.
Ich sehe mich kurz um und bemerke, dass das Bett seines Mitbewohners noch leer ist.
»Hab gehört, Italien ist gut gelaufen.« Ich lasse mich in seinen Schreibtischstuhl fallen.
»Ist gut gelaufen. Überhaupt keine Probleme. Wir sind rein und raus wie Schatten.«
»Und der Rest der Reise?«
»Keine Beschwerden. Gutes Essen, guter Wein, guter Sex.« Er grinst und geht zum Kleiderschrank.
»Wünschte, ich wäre du. Die ganzen Ferien lang musste ich mir anhören, wie Aurora, ihre Mutter und meine Mutter ständig von Hochzeitsplänen gefaselt haben. Irgendwie hat sie es geschafft, unsere Eltern davon zu überzeugen, dass die Hochzeit schon diesen Sommer stattfinden soll.« Ich atme tief aus und fahre mir mit der Hand durchs Haar.
Tommaso hält inne, eine Boxershorts in der Hand. »Und was ist mit Mira und Marcellos Hochzeit? Die sind doch zuerst verlobt gewesen.«
»Sag bloß. Aber irgendwie hat sie das Argument gebracht, dass ich der Älteste bin und deshalb zuerst heiraten sollte und dass es keinen Grund gibt zu warten.«
Tommaso lacht leise. »Wette, Mira ist begeistert gewesen.«
Seit ich denken kann, sind Tommaso und ich schon beste Freunde. Zwar hatte ich früher das Gefühl, dass er mal auf meine Schwester stand, als wir noch Jugendliche waren, aber er weiß genau, wie schwierig sie sein kann. Er hat ihren Zorn schon oft genug hinter verschlossenen Türen miterlebt.
»Ganz genau. Und jetzt habe ich das zweifelhafte Vergnügen, meine Schwester zur Vernunft bringen zu müssen, weil sie und Aurora es einfach nicht schaffen, zivilisiert miteinander umzugehen.«
Tommaso zieht eine Trainingshose aus der Kommode und verschwindet ins Bad, aber ich höre ihn noch. »Marcello wird das sicher gefallen.«
Kurz darauf kommt er zurück, die Hose nun angezogen, und geht wieder zu seiner Kommode.
»Ich hoffe, ich kann ihn auf meine Seite ziehen. Er weiß besser als jeder andere, wie sie ist. Ob es ihm gefällt oder nicht, spielt keine Rolle. Ich habe keine Wahl.«
»Sag Bescheid, wenn du Hilfe brauchst.«
Tommasos Vater ist einer unserer Capos, und seit der Grundschule sind wir unzertrennlich. Er müsste es mir gar nicht sagen, ich weiß, dass er immer hinter mir steht, wenn ich ihn brauche. Das hat er mir mehr als einmal bewiesen.
»Und dann kriege ich auch noch diesen Mist vom Beratungsbüro.« Ich halte den Umschlag hoch.
»Was denn?«, fragt er und zieht sich einen Pullover über den Kopf.
»Eine Erinnerung, dass ich noch keine Freiwilligenstunden gesammelt habe.«
Er lacht und setzt sich auf die Couch gegenüber. »Hab dir gesagt, du hättest die schon vor Jahren nach und nach machen sollen. Jetzt musst du sie dieses und nächstes Jahr aufholen.«
»Sag bloß.« Ich strecke die Beine aus, stöhne und lehne den Kopf in den Nacken, um an die Decke zu starren. »Bin gespannt, was für einen Schwachsinn sie sich für mich ausdenken.«
»Sag mir Bescheid, dann komm ich vorbei und mach mich über dich lustig.«
Ich greife einen Stift aus dem Becher auf seinem Schreibtisch und werfe ihn nach ihm.
Er duckt sich, und der Stift prallt an der Wand hinter ihm ab. »Hab übrigens was gehört, das deine Laune heben könnte.«
»Ach ja?« Ich ziehe eine Augenbraue hoch.
»Ein paar von Dantes Leuten wollen wohl eine Party organisieren. Wäre vielleicht nicht schlecht für dich, mal Dampf abzulassen.«
Ich fahre mir mit der Hand durchs Haar. »Ja, vielleicht.«
Es ist ja nicht so, dass mir gerade irgendetwas im Kopf herumschwirrt, das von wirklicher Konsequenz wäre. Meine Schwester kann ich in den Griff kriegen, auch wenn sie mir garantiert wieder tierisch auf die Nerven gehen wird. Die Freiwilligenarbeit, so nervig sie auch sein mag, werde ich erledigen müssen. Aurora … nun, es ist, wie es ist. Ich habe immer gewusst, dass man mich in eine arrangierte Ehe zwingen würde, und auch wenn sie nicht meine Wahl gewesen wäre, es könnte schlimmer sein. Wen hätte ich gewählt, wenn ich die Chance gehabt hätte? Darauf habe ich keine Antwort. Die meisten Frauen, auf die ich mich eingelassen habe, sind nur für eine gute Zeit da gewesen – nie für eine lange.
Ich lege mein Buch neben mir aufs Bett und schaue auf die Uhr meines Schulhandys: 21:02 Uhr. Ich rolle mich auf den Rücken, atme schwer aus und starre hinauf zur Decke. Als ich Mira nach dem Abendessen verlassen habe, hat sie gemeint, sie wolle noch kurz bei Marcello vorbeischauen und danach bei mir vorbeikommen. Ich hätte es besser wissen müssen. Sie ist so hoffnungslos verliebt. Die beiden sind bestimmt gerade nackt und treiben es gegen die Wände. Es ist ja nicht so, dass ich mich nicht für sie freue. Arrangierte Ehen bringen selten Liebe mit sich. Anfang des Schuljahres, nachdem er von den Toten zurückgekehrt war, habe ich unbedingt gewollt, dass sie ihm eine Chance gibt und dass er ihr genug Einblick gewährt, damit sie sich ineinander verlieben. Es ist schön zu sehen, wie weit sie in so kurzer Zeit gekommen sind. Aber ein winzig kleiner Teil von mir wünscht sich egoistisch, dass alles noch so wäre wie früher. Ich hoffe, dass ich auch eines Tages meine große Liebe finden werde. Auch wenn ich mit niemandem zwangsverlobt bin, wird es eines Tages bestimmt so weit sein, falls ich nicht vorher die wahre Liebe finde. Ich habe mir Antonio gewünscht, aber ich hätte wissen müssen, dass es klüger für Mr. La Rosa gewesen ist, Aurora auszuwählen. Ihr Vater steht schließlich höher in der Hierarchie als meiner. Ich muss diesen kindischen Crush für Antonio endlich überwinden und mich auf jemand anderen hier an der Schule konzentrieren. Es gibt genug mächtige Männer. Irgendjemand wird sich finden, der mir hilft, meinen Kopf von ihm freizubekommen.
Trotzdem fühle ich mich so einsam. Es ist ja nicht so, dass ich meine beste Freundin verloren hätte. Wir sind immer noch an derselben Schule, haben dieselben Kurse, und wahrscheinlich befinden wir uns gerade sogar im selben Gebäude. Aber die Zeiten, in denen wir endlos tratschen, lachen und albern sein konnten, sind vorbei. Langsam gewöhne ich mich daran, dass sie nicht mehr so präsent ist, doch ich vermisse sie schrecklich. Da ich wahrscheinlich einfach nur müde bin und ein wenig schlafen sollte, ziehe ich meinen Pyjama an – ein hellblaues Seidenset aus Top und Shorts, mit elfenbeinfarbener Spitze verziert. Ich binde meine dunklen Haare zu einem Dutt auf dem Kopf, wasche mein Make-up ab und widme mich meiner Hautpflege. Gerade tupfe ich mein Gesicht mit einem Handtuch trocken, als es an der Tür klopft. Obwohl es schon viel später ist, als ich erwartet habe, regt sich in meinem Bauch ein warmes Gefühl: Mira hat mich also doch nicht vergessen. Mit einem Lächeln gehe ich zur Tür, öffne sie und will sie halb im Spaß damit necken, dass sie sich so lange Zeit gelassen hat.
Doch es ist nicht Mira. Es ist Antonio. Überrascht blinzle ich ihn an. Früher kam er manchmal vorbei, als Mira und ich noch ein Zimmer miteinander teilten, aber seit sie im letzten Semester zu Marcello gezogen ist, ist er nicht mehr hier gewesen. Sein Blick gleitet an meinem Körper hinab, hinterlässt eine Spur aus Gänsehaut, bevor er mir in die Augen sieht und dann eintritt, ohne um Erlaubnis zu fragen. Sein Duft weht mir in die Nase, als er an mir vorbeigeht, und ich atme tief ein. Seit er in der Highschool angefangen hat, Parfum zu tragen, bin ich süchtig nach diesem Geruch – sogar so sehr, dass ich mir Proben besorgt habe, die ich versteckt aufbewahre.
»Was ist los?«, frage ich und drehe mich zu ihm um. Im selben Moment fällt mir ein, dass ich alles andere als passend angezogen bin. Ich verschränke die Arme vor der Brust, um meine Brustwarzen vor seinem Blick zu verbergen.
»Ich suche meine Schwester.« Er lässt den Blick durchs Zimmer wandern, als könnte sie sich irgendwo verstecken.
Ich weiß nicht genau warum, doch es fühlt sich an, als würde mir jemand die Brust zusammendrücken, als klar wird, dass sein Besuch nichts mit mir zu tun hat. Wie dumm von mir, auch nur einen Moment lang etwas anderes zu glauben. Ich mag seit Jahren in Antonio verknallt sein, doch er hat mir nie besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Für ihn bin ich nur die beste Freundin seiner kleinen Schwester.
»Sie wollte eigentlich vorbeikommen. Hat gesagt, sie trifft sich kurz mit Marcello und schaut danach bei mir vorbei. Als du geklopft hast, habe ich gedacht, sie wäre es.«
Er runzelt die Stirn. »Stört’s dich, wenn ich ein bisschen bleibe, um zu sehen, ob sie auftaucht? Ich habe schon bei ihr und Marcello geklopft – entweder sind sie nicht da, oder sie machen nicht auf.« Sein Gesicht verzieht sich angewidert bei dem Gedanken, dass seine Schwester und Marcello miteinander schlafen könnten.
Für einen Moment versteife ich mich, zwinge mich dann aber zur Ruhe. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal allein mit Antonio in einem Zimmer gewesen bin, geschweige denn so lange.
»Alles in Ordnung?«, frage ich und fühle mich dabei unwohl in meinem Seiden-Pyjama, auch wenn Antonio ihn gar nicht zu bemerken scheint.
»Ich muss mit ihr reden. Wegen der Art, wie sie sich Aurora gegenüber verhält.«
Es kostet mich Mühe, nicht mein Gesicht zu verziehen beim Klang von Auroras Namen und dem Gedanken, dass er sie verteidigen will. Am liebsten würde ich ihm sagen, dass Aurora mehr als fähig ist, allein mit Miras Haltung umzugehen. Sie ist eine Schlange und braucht ihren Verlobten nicht, um sie zu verteidigen.
»Es ist kein Geheimnis, dass Mira über deine Verlobung nicht glücklich ist.« Ich gehe zu meinem Bett und setze mich auf die Bettkante neben mein Buch, während Antonio vor mir auf und ab geht.
»Ich weiß. Aber Mira muss Aurora den Respekt zeigen, den ihr Platz in unserer Familie verlangt.«
»Das gilt in beide Richtungen.« Die Worte sind draußen, bevor ich sie zurückhalten kann.
Antonio bleibt abrupt stehen. Mit dem Rücken zu mir atmet er einmal tief durch, dann sieht er über die Schulter zu mir. »Das habe ich ihr auch gesagt.«
Überrascht weiten sich meine Augen.
»Schau nicht so überrascht. Ich weiß nicht von jedem kleinen Detail, wie Aurora dir und Mira das Leben zur Hölle gemacht hat, Sofia, aber Mira hat mir deutlich gemacht, dass sie nicht nett gewesen ist.«
Ich blinzle ein paar Mal. »Oh. Ich …«
Er dreht sich zu mir um, legt die Hände auf die Hüften und seufzt. »Sag einfach, was dir auf der Zunge liegt.«
Ich presse die Lippen zusammen, entscheide mich dann aber, ehrlich zu sein. »Na gut. Seitdem dein Vater dir von der Verlobung erzählt hat, scheinst du mit der ganzen Sache einverstanden zu sein. Also habe ich angenommen, du bist glücklich, dass sie deine Verlobte ist.«
Einen Moment lang sieht er mich einfach nur an, und ich habe keine Ahnung, was in seinem Kopf vorgeht. »Ich weiß, wie Aurora ist. Also nein, ich bin nicht glücklich darüber, den Rest meines Lebens mit ihr zu verbringen. Wäre es meine Entscheidung, hätte ich jemand … anderen gewählt. Aber ich bin zufrieden damit, dass diese Verlobung und Ehe ihren Zweck erfüllt und von den Mitgliedern unserer Organisation als gute Verbindung angesehen wird. Ich habe mein ganzes Leben lang gewusst, dass die Entscheidung darüber, wen ich heirate, niemals bei mir liegen würde.«
»Also geht es um Pflicht?« Die einzigen Erben, die eines Tages Dons werden sollen, sind die vier, die an der Akademie leben. Aber nach allem, was ich gehört habe, nimmt keiner diese Pflicht so ernst wie Antonio. Vielleicht liegt es an seiner Beziehung zu seinem Vater, die ihm diesen Ehrenkodex eingeprägt hat, immer das zu tun, was von ihm verlangt wird.
»In meinem Leben dreht sich alles um Pflicht, Sofia.« Seine Worte tragen das Gewicht von Unausweichlichkeit, was ich noch nie zuvor von ihm gehört habe.
»Ich weiß«, sage ich leise und sehe auf meine Hände hinunter, die nervös mit dem Saum meines Pyjamas spielen.
»Was liest du?«
Überrascht reiße ich den Kopf hoch und bin dankbar für den Themenwechsel. Meine Wangen werden heiß, als ich antworte: »Einen Liebesroman.«
Antonio kommt hinüber und nimmt das Buch in die Hand. Ich beuge mich vor, um es ihm zu entreißen. Noch bevor er sich aufrichtet, treffen sich unsere Blicke, unsere Lippen nur wenige Zentimeter voneinander entfernt. Ich schnappe nach Luft und halte sie an, unfähig, mich zu bewegen. Sein Kinn ist so markant, dass ich mir vorstelle, wie es wäre, kleine Küsse entlang seines Kiefers zu verteilen. Seine Haut hat diesen perfekten olivfarbenen Ton, als wäre er das ganze Jahr über gebräunt, und sein dunkles Haar glänzt fast wie Seide. Selbst aus der Nähe entdecke ich keinen einzigen Makel in seinem Gesicht. Er richtet sich auf und betrachtet Vorder- und Rückseite des Buches – offenbar ohne zu bemerken, wie die Hitze von meiner Brust bis in meinen Nacken wandert, weil wir uns so nah sind. »Das überrascht mich nicht. Du bist schon immer eine hoffnungslose Romantikerin gewesen.«
Meine Stirn legt sich in Falten, weil er das wie etwas Negatives klingen lässt. »Was soll das denn heißen?«
Er lacht leise. »Erinnerst du dich, als du in der dritten Klasse in Mikey Regallo verknallt gewesen bist? Du hast fast jeden Tag Blau getragen, weil das seine Lieblingsfarbe war. Und dann in der neunten Klasse, als du auf Leo Willard gestanden hast – du und Mira habt fast jeden Tag Kekse gebacken, damit du sie ihm bringen konntest. Vergiss nicht, wie lange ich dich schon kenne.« Er schüttelt den Kopf und lacht.
Ein weiterer Stich ins Herz: Er mag mich kennen, aber wirklich gesehen hat er mich nie. Ich könnte ihn korrigieren und sagen, dass es in der Highschool in Wahrheit er gewesen ist, den ich am meisten gemocht habe. Aber natürlich tue ich das nicht.
»Das macht mich noch lange nicht zur Romantikerin«, murmele ich.
Er hebt die freie Hand, während er in der anderen immer noch mein Buch hält. »Daran ist doch nichts falsch. Es ist sogar irgendwie bewundernswert und süß, dass du trotz all der kaputten Beziehungen, die du in unseren Familien erlebt hast, immer noch so fühlen kannst.«
Dass er mich wie einen niedlichen kleinen Welpen behandelt, ärgert mich. Alles, was ich je gewollt habe, ist, dass Antonio mich endlich als begehrenswerte Frau sieht.
»Wie auch immer.« Ich schnaube.
Antonio blättert durch das Buch, dann hält er plötzlich inne und blinzelt zweimal, bevor seine Augen über die Seite fliegen. Scheiße.
Er lacht. »Oder vielleicht geht’s dir gar nicht um Romantik.« In übertrieben dramatischem Ton liest er vor: »Sein Schwanz stößt tief in mich, raubt mir den Atem vor Lust. Mein Kitzler pocht vor Verlangen und ich—«
Ich reiße ihm das Buch aus der Hand, die Wangen brennend heiß, vor Scham halb tot.
»Hey, ich war doch gerade erst bei der besten Stelle.«
Ich werfe das Buch auf die andere Seite des Bettes und springe auf, packe ihn an den Schultern und zwinge ihn, sich umzudrehen. »Zeit zu gehen.«
Er wehrt sich nicht, als ich ihn zur Tür bugsiere. Die ganze Zeit über lacht er auf meine Kosten. Als wir die Tür erreichen, dreht er sich um, blickt auf mich hinunter, die Augen voller Faszination und Schalk.
»Keine Sorge, dein Geheimnis ist bei mir sicher, cattiva ragazza.«
»Raus!«, rufe ich und stoße ihn noch näher zur Tür.
Er dreht sich um, lacht noch lauter und öffnet die Tür, um zu gehen. Sobald er weg ist, gehe ich zurück zu meinem Bett und lasse mich bäuchlings darauf fallen. Jetzt kennt er mein Geheimnis. Er ist der Einzige außer Mira. Im Großen und Ganzen ist es keine Katastrophe, aber die meisten würden nie ahnen, dass ausgerechnet die brave Jungfrau Sofia Moretti ihren Smut liebt.
