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Drei heiße Single Dads und ein Versprechen ... The Deal with the Single Dad Marcus ist in seine Heimatstadt zurückgekehrt, um das Bootsgeschäft seines Vaters zu übernehmen. Und er ist überzeugtes Mitglied im Single Dad's Club. Einem Club alleinerziehender Väter, deren Kinder für sie an erster Stelle stehen. Männer, die keine Frauen brauchen, um ihnen zu zeigen, wie man ein gutes Elternteil ist. Doch als Marcus die Campaufseherin seiner Tochter zum ersten Mal sieht, weiß er, dass er in Schwierigkeiten steckt. Vielleicht wird er nicht mehr lange Teil des Clubs sein können ... Campaufseherin Caterina muss sich über einige wichtige Entscheidungen in ihrem Leben klar werden. Alle glauben, sie würde davor davonlaufen, und vielleicht stimmt das sogar. Aber jetzt möchte sie sich auf die Kinder im Camp konzentrieren und einen schönen Sommer haben. Den nicht einmal Marcus Kent ruinieren kann. Marcus, dem sie sich vor 6 Jahren an den Hals geworfen hat. Sie kann so tun, als würde sie sich an die eine Nacht nicht mehr erinnern. Oder? *** A Flirt for the Single Dad Barinhaber Dane liebt Frauen und seine Unabhängigkeit. Er ist der ewige Bachelor im Single Dad's Club. Aber warum kann er neuerdings nicht aufhören, an Ava Pearson zu denken – eine Frau, die Stabilität und Verantwortung schreit? Dabei hat er genug Verpflichtungen – seinen Sohn, seine Bar – und kann keine weiteren Komplikationen gebrauchen. Vermutlich sind es die Cupcakes! Es müssen die Cupcakes sein, die ihn immer wieder zu der jungen Bäckerin führen. Jeder weiß schließlich, dass der Weg zum Herzen eines Mannes durch seinen Magen geht, richtig? Als Ava Dane eine Friends-with-benefits-Beziehung vorschlägt, nimmt er an. Denn schließlich ist es das, was er am besten kann. Oder? *** Don't fall for the Single Dad Die anderen Männer aus dem Single Dad's Club würden sagen, dass es vor Jahren schon Zeit war. Zeit für einen Neuanfang. Zeit, über die Vergangenheit hinwegzukommen. Aber für Garrett war das Risiko, seine kleine Tochter zu verletzen, immer zu hoch. Doch Charlotte kann er nicht widerstehen. Sie ist alles, was er nicht wollen sollte: die kleine Schwester seines besten Freunds, die ihn in seinen verletzlichsten Momenten gesehen hat, und in seinen größten – die erste Person nach zwölf Jahren, die die Macht hat, ihn zu brechen.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Mehr über unsere Autoren und Bücher: www.piper.de
Wenn Ihnen diese Romane gefallen haben, schreiben Sie uns unter Nennung der Titel »The Deal with the Single Dad«, »A Flirt for the Single Dad« und »Don't fall for the Single Dad« an [email protected], und wir empfehlen Ihnen gerne vergleichbare Bücher.
© Piper Verlag GmbH, München 2025Dieses ebook enthält die Romane »The Deal with the Single Dad«, »A Flirt for the Single Dad« und »Don't fall for the Single Dad« von Piper Rayne© REAL DEAL by Piper Rayne 2017© DIRTY TALKER by Piper Rayne 2017© SEXY BEAST by Piper Rayne 2017© der deutschsprachigen Ausgabe: Piper Verlag GmbH, München 2024Übersetzung aus dem Amerikanischen: Cherokee Moon AgnewKonvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)Originalcovergestaltung: Giessel DesignCovermotive: Bilder unter Lizenzierung von Shutterstock.com genutztAlle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.Wir behalten uns eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG vor.In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich der Piper Verlag die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.
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Deutsche Erstausgabe
© REAL DEAL by Piper Rayne 2017
© der deutschsprachigen Ausgabe: Piper Verlag GmbH, München 2024
Übersetzung aus dem Amerikanischen: Cherokee Moon Agnew
Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)
Covergestaltung: Giessel Design
Covermotiv: Bilder unter Lizenzierung von Shutterstock.com genutzt
Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.
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Cover & Impressum
Widmung
Kapitel 1
MARCUS
Kapitel 2
MARCUS
Kapitel 3
CATERINA
Kapitel 4
MARCUS
Kapitel 5
MARCUS
Kapitel 6
CATERINA
Kapitel 7
MARCUS
Kapitel 8
MARCUS
Kapitel 9
CATERINA
Kapitel 10
MARCUS
Kapitel 11
MARCUS
Kapitel 12
CATERINA
Kapitel 13
MARCUS
Kapitel 14
MARCUS
Kapitel 15
CATERINA
Kapitel 16
MARCUS
Kapitel 17
CATERINA
Kapitel 18
MARCUS
Kapitel 19
CATERINA
Kapitel 20
MARCUS
Kapitel 21
CATERINA
Kapitel 22
MARCUS
Kapitel 23
MARCUS
Kapitel 24
MARCUS
Kapitel 25
MARCUS
Kapitel 26
CATERINA
Kapitel 27
MARCUS
Kapitel 28
CATERINA
Kapitel 29
MARCUS
Kapitel 30
CATERINA
Kapitel 31
MARCUS
Kapitel 32
CATERINA
Kapitel 33
MARCUS
Kapitel 34
MARCUS
Kapitel 35
CATERINA
MARCUS
Später am Abend …
Epilog
MARCUS
Zwei Jahre später …
Und zum Schluss noch ein wenig Einhorngeplauder …
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Für all die Frauen, die Kontrollfreaks in die Knie zwingen.
»Daddy!«, brüllt Lily vom oberen Treppenabsatz. »Ich kann mein Armband nicht finden!«
Ich lege das Messer neben die Butter, gehe hinaus in den Flur und blicke zu meiner in Tränen aufgelösten Tochter hinauf.
»Es liegt im Badezimmer auf der Ablage. Hättest du dir schon die Zähne geputzt, hättest du es gesehen.« Ich grinse schief.
Der kleine Frechdachs wird bei seinem nächsten Zahnarztbesuch bestimmt zwanzig Löcher haben.
Sie strahlt, als wäre ich der beste Daddy auf der ganzen Welt, und ich schmelze förmlich dahin – wie immer. Und sie weiß es genau. Dann drückt sie sich vom Treppengeländer ab und rennt ins Badezimmer.
»Zähne putzen, Lily!«, rufe ich ihr hinterher.
Kopfschüttelnd gehe ich zurück in die Küche. Sie ist das einzige Kind, das ich kenne, das darauf besteht, sich vor dem Essen die Zähne zu putzen. Nachdem ich jahrelang jeden Morgen mit ihr darüber diskutiert habe, habe ich irgendwann beschlossen, dass es die Sache nicht wert ist. Wenn sie sich unbedingt vor dem Frühstück die Zähne putzen will, kann ich es nicht ändern. Aber jetzt mal ehrlich … Habt ihr schon mal direkt nach dem Zähneputzen Obst gegessen? Ekelhaft.
Während ich ihren Toast mit Butter bestreiche und ihn zu dem Rührei und dem Obst auf den Teller lege, kommt sie in die Küche gerannt und springt auf einen der Hocker.
»Eier.« Sie streckt die Zunge heraus.
»Die Waffeln sind alle«, lasse ich sie wissen, hole die Milch aus dem Kühlschrank und gieße ihr ein Glas ein. »Lily?«, frage ich und mustere sie genauer. »Was hast du da im Gesicht?«
Sie blickt von ihrem Rührei auf, das sie lustlos mit der Gabel hin und her schiebt, und ihre Augen funkeln frech. »Das haben wir von Mallorys Schwester bekommen.«
Lilafarbener Lidschatten – kombiniert mit grellpinken Strichen – reicht bis weit über ihre Augenbrauen. Ich bin zwar nicht RuPaul, aber ich bin dennoch ziemlich sicher, dass Lippenstift nicht auf die Augenlider gehört.
»Für Make-up bist du noch viel zu jung.« Ich trinke einen Schluck von meinem Kaffee und stelle die Tasse wieder auf den Tresen. Dann gehe ich zum Waschbecken, befeuchte ein Küchenpapier und steuere auf Lily zu.
»Nein, Daddy, ich sehe doch so hübsch aus«, jammert sie und dreht den Kopf weg.
»Lily, heute ist der erste Tag des Camps. Wie wäre es, wenn du dir das für Halloween aufhebst?« Ich versuche, ihr die Schminke aus dem Gesicht zu wischen, doch sie wehrt sich. »Oder du wartest einfach, bis du mindestens einundzwanzig bist, bevor du dir dieses Zeug ins Gesicht schmierst«, füge ich leise knurrend hinzu.
»Halloween!«, kreischt sie wie eine Dreizehnjährige.
»Wie wäre es, wenn wir uns dieses Wochenende verkleiden?«
Ich werfe einen Blick auf die Uhr. Wenn wir pünktlich sein wollen, müssen wir in spätestens fünf Minuten los.
»Daddy, Mallory trägt aber auch Make-up.« Der Jammerton, der bei mir einfach immer zieht, besiegelt es: Mein kleines Mädchen wird am ersten Camp-Tag aussehen wie ein Clown. Großartig.
Denk daran: Kämpfe nur, wenn es sich zu kämpfen lohnt.
Ich atme laut aus und greife mir die Haarbürste vom Tresen. »Zeit fürs Bürsten. Und iss dein Rührei.« Mit der Bürste deute ich auf ihren Teller.
Da sie weiß, wie der Hase läuft, verändert sie ihre Sitzposition auf dem Hocker. »Zöpfe oder Pferdeschwanz?«
Bitte keine Zöpfe. Bitte keine Zöpfe.
»Zöpfe.«
Aber natürlich. Wir sind sowieso schon spät dran, und dann will sie auch noch eine Flechtfrisur, die genauso schwierig ist wie eine Häkeldecke.
Ich teile ihr langes blondes Haar in der Mitte und bürste es durch. »Freust du dich schon aufs Camp?«, frage ich sie und bin froh, zu sehen, dass sie wenigstens ihr Obst isst.
»Ich habe ein bisschen Angst.«
Ich sichere eine Seite ihres Haars mit einem Gummi, damit ich mich aufs Flechten konzentrieren kann. »Warum?« Ich werfe einen Blick über ihre Schulter und erkenne, dass sie an einem Stück Melone knabbert, das sie auf ihre Gabel gespießt hat.
Lily gehört zu den fröhlichen Kindern, die immer herumhopsen wie in einem Disney-Film. Sie erinnert mich an diese eine Prinzessin mit den langen Haaren, die in einem Turm leben musste. Ich habe ihren Namen vergessen. Ich musste mir schon so viele Prinzessinnenfilme ansehen, dass sie in meinem Kopf zu einem einzigen verschmolzen sind.
»Was, wenn ich niemanden kenne?«, fragt sie leise und ängstlich – und es tut mir im Herzen weh. Dass ich so etwas empfinden kann, wurde mir erst bewusst, als ich ihr engelsgleiches Gesicht gesehen habe, nachdem sie geboren wurde.
»Du musst keine Angst haben. Du findest immer so schnell Freunde.« Nachdem ich mit dem ersten Zopf fertig bin, strecke ich ein paarmal meine Finger und drücke ihre Schulter, bevor ich auf der anderen Seite weitermache.
»Mallory wird auch da sein.« Ihre Stimme klingt lange nicht mehr so begeistert wie vor Kurzem noch.
»Das ist doch gut«, erwidere ich geistesabwesend, während ich mit dem zweiten Zopf zu kämpfen habe. »Manchmal wünsche ich mir echt, du hättest nicht mein dickes Haar geerbt.« Dann lege ich beide Hände auf ihre Schultern und gebe ihr einen Kuss auf die Wange.
Sie dreht den Kopf und lächelt mich an. Ich erwidere es und fülle dann meinen Kaffee in einen To-go-Becher, weil mir nun keine Zeit mehr bleibt, meinen Körper ausreichend mit Koffein zu versorgen.
»Daddy?«, fragt Lily hinter mir.
Ich werfe einen Blick über die Schulter, um ihr zu signalisieren, dass ich ihr zuhöre, während ich ihre Tasche und meinen eigenen Kram packe.
»Mein dickes Haar habe ich von dir?«, erkundigt sie sich.
»Ja«, erwidere ich abwesend und werfe einen Blick auf mein Smartphone auf dem Tresen, nur um festzustellen, dass wir schon drei Minuten zu spät dran sind.
»Und was habe ich von Mommy?« Ihre Stimme ist leise und unsicher. Obwohl ich mir in den letzten Jahren größte Mühe gegeben habe, weiß ich, dass sie Angst vor meiner Reaktion hat.
Ich habe immer versucht, zwischen Lily und mir eine gute Vertrauensbasis aufzubauen. Wir haben nur uns, und sie muss sich sicher bei mir fühlen, daher reden wir über alles offen und ehrlich – außer über ein Thema: ihre Mutter.
Ich bin gerade dabei, den Reißverschluss ihres Rucksacks zu schließen, als meine Hände abrupt innehalten. Sie schweigt, und ich nehme an, dass sie mich durchdringend mustert. Auf eine Antwort wartet.
Ich drehe mich um, lehne mich an den Küchentresen und zwinge mich zu lächeln, damit sie weiß, dass sie auch über dieses Thema mit mir sprechen kann. Es gibt bestimmt Dinge, die ich ihr nicht sagen kann, aber wenn sie unbedingt über ihre Mutter reden will, dann werde ich es probieren.
»Ich würde sagen, du hast deine wilde Seite von ihr geerbt.« Ich beuge mich vor und kitzle sie zwischen den Rippen.
Sie kichert, und ihre blauen Augen beginnen zu strahlen, bevor sie meine Hand wegschiebt. »Wilde Seite?«, hakt sie nach.
Ich zermartere mir das Gehirn, um eine kindgerechte Erklärung zu finden.
»Weißt du, was? Ich erkläre es dir im Auto. Wir müssen jetzt los. Du willst doch an deinem ersten Tag nicht zu spät kommen.«
Ich sage nichts mehr zu der Schminke und auch nichts zu der Tatsache, dass sie ihr Rührei nicht gegessen hat – Hauptsache, ich entkomme diesem Gespräch.
Schnell legt sie sich noch ihr Armband um, das für sie eher eine Art Talisman ist als ein modisches Accessoire. Irgendwann müssen wir uns mal darüber unterhalten, dass sie es endlich ablegt.
»Camp!«, ruft sie, springt vom Hocker und hüpft auf mich zu.
Da ist ja meine Rapunzel.
Seht ihr? Wusste ich es doch, dass mir der Name wieder einfällt.
***
Ich verlasse die Einfahrt, fahre mit meinem Pick-up-Truck Greyfalls Hill hinunter und in Richtung Innenstadt von Climax Cove. Wobei »Innenstadt« beinahe übertrieben ist.
Früher war der Ort einmal ein kleines Fischerstädtchen, doch inzwischen ist er während der Sommermonate ein beliebtes Urlaubsziel. Der Hafen mit den Läden und Restaurants ist bei den Großstädtern aus Portland und San Francisco sehr beliebt, weil Climax Cove lediglich eine Tagesreise entfernt liegt. Im Winter sind die Bewohner größtenteils unter sich, für Lily ist es ein schöner Ort, um aufzuwachsen. Ich mag das sichere Gefühl, das einem die Kleinstadt vermittelt. Die meisten Bewohner von Climax Cove kennen und lieben Lily und mich.
»Hey, da ist Miss Betty«, ruft Lily freudig vom Rücksitz.
Ich werfe einen Blick zur Seite und entdecke die Bibliothekarin auf dem Bürgersteig der Main Street.
»Darf ich das Fenster herunterlassen?«, fragt Lily.
Da wir gerade an einer roten Ampel stehen, drücke ich auf den Knopf, und die Scheibe senkt sich mit einem mechanischen Geräusch.
»Hi, Miss Betty. Ich fahre gerade zum Camp!«, ruft Lily ihr zu.
An der Kreuzung bleibt Betty stehen und blickt zu uns herüber. Als sie uns erkennt, kommt sie näher und beugt sich zum Fenster.
»Wie toll! Ich hoffe, du hast diesen Sommer auch mal Zeit, mich in der Bücherei zu besuchen.« Sie schenkt mir einen vorwurfsvollen Blick.
Was denn? Ich komme nun mal nicht zum Lesen.
»Das mache ich«, erwidert Lily.
Ich blicke in den Rückspiegel und sehe, wie Lily breit lächelt und freudig in ihrem Kindersitz auf und ab hüpft.
»Das hoffe ich.« Wieder wirft mir Betty einen Blick zu.
Ich habe es jetzt begriffen und mache mir eine gedankliche Notiz, Lily in den nächsten Monaten mindestens einmal zur Bücherei zu bringen.
»Wir haben über den Sommer übrigens einen Lesewettbewerb. Vielleicht wollt ihr ja mitmachen?«, fragt Betty.
»O ja!«, ruft Lily begeistert.
Jetzt schenkt mir Betty, die Freundin meines verstorbenen Vaters, ein Lächeln, denn sie weiß, dass sie mich nun an der Angel hat.
»Tschüss, Betty«, sage ich, als die Ampel auf Grün umspringt und mir somit eine Fluchtmöglichkeit bietet.
Schnell schließe ich Lilys Fenster, bevor mich noch jemand dazu nötigt, das Wettangeln im Herbst zu moderieren.
»Können wir heute Abend in die Bücherei?«, fragt Lily.
»Wir schauen mal.« Meine Antwort, die ich immer gebe, wenn ich mich nicht voreilig auf irgendetwas einlassen will, bringt mir ein Schnauben vom Rücksitz ein.
Kurz darauf lassen wir die Main Street hinter uns, und ich fahre die Hügel hinauf. Fünfzehn Minuten später erreichen wir die Zufahrt vom Camp Tall Pines und werden von den Bäumen verschluckt, die hoch hinauf in den Himmel wachsen.
Wir fahren einen von Pick-up-Trucks gesäumten Feldweg hinab. Als ich um eine Kurve biege, entdecke ich den Mustang meines Freunds Dane. Er ist der einzige Idiot, den ich kenne, der mit einem Sportwagen durch die Berglandschaft von Oregon fährt. Seit ich vor sechs Jahren hierhergezogen bin, musste ich ihn schon mindestens zwanzigmal aus einem Graben ziehen.
»Daddy!«, kreischt Lily und lässt ihre Fensterscheibe herunter. »Sieh nur die ganzen Kinder.« Während ich einen Parkplatz suche, werfe ich einen Blick in den Rückspiegel und erkenne, wie sie all die Kinder mit ihren Eltern beobachtet, die versuchen, sich zurechtzufinden.
Camp Tall Pines ist ein Camp für Alleinerziehende. Lily bleibt nur tagsüber dort, aber die Kinder von weiter weg können auch übernachten. Für Lily wäre das dieses Jahr auch eine Option gewesen, aber dazu bin ich noch nicht bereit, auch wenn es nur fünfzehn Autominuten entfernt liegt.
Ich öffne die Hintertür, um Lily aussteigen zu lassen, und beobachte die Szenerie.
Scheiße, das sind echt viele Kinder, und ich habe keinen blassen Schimmer, wo Lily hinmuss.
Meine Hand liegt auf dem Türgriff, als mir ein schicker Sportwagen auffällt. Er ist rot und glänzend und sticht in dieser Kleinstadt genauso heraus wie die Blondine, die gerade im Kofferraum kramt.
Verdammt, dieser Hintern. Ich scharre mit den Füßen und frage mich, wie es sein kann, dass ein einziger Blick genügt, um meinen Schwanz zum allerersten Mal seit einem Monat zum Zucken zu bringen. Nun, zumindest zum erste Mal ohne die Hilfe von Pornhub.
Climax Cove ist nicht unbedingt bekannt für seine wunderschönen Single-Frauen. Nicht, dass es keine gäbe – die gibt es durchaus –, aber sie sind alle auf der Suche nach etwas, das ich ihnen nicht bieten kann: einer Ehe. Meine letzte richtige Beziehung ist gescheitert, nachdem Lilys Mutter beschlossen hat, dass sie lieber Party machen will, statt sich um ihr Kind zu kümmern. Und ich will nicht riskieren, dass meiner Kleinen erneut das Herz gebrochen wird.
Doch ich kann gar nicht den Blick von den langen Beinen losreißen. Vielleicht liegt es aber auch an den kurzen Shorts. Eigentlich sollte sie in Gegenwart so vieler Single-Dads nicht so spärlich bekleidet sein. Bei unserem nächsten Treffen bricht bestimmt ein Streit darüber los, wer die neue Lady in der Stadt um ein Date bitten darf.
Als es an der Scheibe klopft, werde ich aus meinem Tagtraum gerissen. Ich habe mir gerade vorgestellt, wie mein Kopf zwischen diesen langen Beinen steckt, doch als ich jetzt den Kopf drehe, sehe ich Lily, die mit hängenden Schultern und offenem Mund dasitzt.
»Sorry«, rufe ich und öffne endlich die Tür.
Sie springt aus dem Truck und richtet ihre Aufmerksamkeit auf die Stelle, wo ich eben hingestarrt habe. Ich ergreife die Chance, um meine Hose zurechtzurücken.
Zum Glück richtet sich die Frau in dem Moment auf. Einen Karton auf die Hüfte gestützt, schlägt sie die Heckklappe zu.
Mein Blick wandert von ihren Turnschuhen ihre langen gebräunten Beine hinauf, über die viel zu kurze Hose und das enge Camp Tall Pines-Shirt, bis er schließlich auf ihrem Gesicht landet.
»Scheiße«, murmle ich.
»Daddy!« Lily hält eine Hand auf. »Das macht einen Dollar.«
Ich starre die Frau auf der anderen Seite des Parkplatzes an. Ich würde mein Haus darauf verwetten, dass sie es ist.
Caterina Santora.
Die Tochter meines Kunden Bill Santora. Ich habe sie seit sechs Jahren nicht mehr gesehen. Seit sie versucht hat, mich rumzukriegen. Als ich mich daran erinnere, wie gemein ich zu ihr war, verziehe ich das Gesicht, aber sie war einfach noch viel zu jung. Beinahe illegal. Und das Wort »Nein« gehörte damals nicht zu ihrem Wortschatz. Aber ich habe mich seither mehr als einmal an meine harten Worte erinnert und sie immer wieder bereut. Vor allem, seit ich selbst Vater einer Tochter bin.
»Daddy«, lenkt Lily meine Aufmerksamkeit wieder auf sich.
Ich ziehe mein Portemonnaie aus der hinteren Hosentasche, zücke einen Dollarschein und drücke ihn ihr in die Hand.
»Freut mich, mit Ihnen Geschäfte zu machen«, sagt sie und quetscht sich an mir vorbei. »Lass uns gehen! Ich will nicht die Letzte sein.«
Doch ich kann meinen Blick einfach nicht von dieser Frau losreißen. Wenn das wirklich Caterina ist, ist sie inzwischen eine erwachsene Frau. Als sie an einem Jungen und dessen Vater vorbeigeht, schenkt sie ihnen ein freundliches Lächeln. Dann umrundet sie ein Auto und sieht sich um. Da. Dieses Grübchen in ihrer linken Wange. Sie ist es tatsächlich. Sie muss es sein.
Als ihr Blick auf mich fällt, hebe ich zögerlich grinsend eine Hand, doch sie erwidert die Geste lediglich mit einem höflichen Lächeln. Eins, das sagt: Ich habe keinen blassen Schimmer, wer du bist, aber ich lächle trotzdem, falls ich dich doch kennen sollte. Dann macht sie auf dem Absatz kehrt und geht in die entgegengesetzte Richtung davon. Großartig. Wahrscheinlich habe ich ihr jetzt Angst eingejagt, und sie hält mich für einen Perversling.
»Daddy!«, schreit Lily, und mein Kopf schnellt zu ihr herum.
»Tut mir leid«, murmle ich, während ich immer noch versuche zu verarbeiten, was – oder besser gesagt wen – ich gerade gesehen habe.
»Ich will nicht zu spät kommen«, schimpft sie und eilt voraus.
Ich begutachte die Schilder und versuche herauszufinden, in welche Richtung wir müssen, aber ich habe keine Ahnung. Überall laufen Eltern herum, die ebenso verwirrt dreinblicken.
»Toby, steig jetzt aus!«, höre ich es von rechts brüllen. Mein Freund Dane steht neben seinem Mustang und versucht, seinen Sohn herauszulocken. Ich führe Lily zu ihnen hinüber. Wenn ich schon nicht weiterweiß, dann wenigstens gemeinsam mit Dane, denn geteiltes Leid ist halbes Leid.
»Leg jetzt das iPad weg!«, dröhnt Danes Stimme über den Parkplatz hinweg und zwischen den Bäumen hindurch.
Nicht, dass es ihn jucken würde. Dieser Kerl schert sich nie um irgendwelche Konventionen.
Er trägt eine Jogginghose und ein weißes T-Shirt. Keine Ahnung, ob er auch etwas anderes als Jeans und Sportklamotten besitzt. Seine Schubladen müssen förmlich überquellen von weißen Shirts. Er war mein erster Freund hier in Climax Cove. Mit ihm hat man immer eine gute Zeit, und wenn er hinter dem Tresen seiner Bar Happy Daze steht, ist er voll in seinem Element.
»Warum schreit Onkel Dane denn so?« Kopfschüttelnd steckt sich Lily die Finger in die Ohren.
»Weil er gern im Mittelpunkt steht«, erwidere ich und beobachte, wie er Toby das iPad aus den Händen reißt und es auf den Vordersitz wirft. Dann schnallt er seinen Achtjährigen ab und hält ihm die Tür auf.
»Mann, Dad, das waren die letzten zwei Sekunden des Spiels.« Toby steigt aus dem Auto und funkelt seinen Vater böse an.
»Ich habe dich zehnmal darum gebeten.« Dane schlägt die Autotür zu.
Toby schultert seinen Rucksack und quetscht sich zwischen dem Mustang und einem SUV hindurch. »Hey, Onkel Marcus. Lily.« Zwar hält er den Kopf gesenkt, begrüßt uns aber dennoch höflich.
»Wenigstens hast du deine Manieren nicht verloren«, knurrt Dane und tritt auf den Bürgersteig.
Lily folgt Toby den Feldweg hinab in Richtung der beiden Jungs mit Camp Tall Pines-Shirts, die alle Kinder auf den richtigen Weg lotsen.
»Was für ein beschissener Morgen.« Dane reibt sich die Schläfen. »Ist später geworden in der Bar.« Dann schnippt er mit den Fingern und richtet den Zeigefinger auf mich. »Wie wäre es mit Dirty Harry?«
Ungläubig starre ich ihn an. Seit ich ihn kenne, will er den Namen seiner Bar ändern. Es ist eins der vielen Dinge, die wir gemeinsam haben: Wir haben beide die Betriebe unserer Väter übernommen. Der Unterschied ist nur, dass Danes Dad noch lebt. Für gewöhnlich sitzt er von Montag bis Freitag und von morgens bis abends auf einem Barhocker und diktiert Dane, was er zu tun hat.
»Mir gefällt Happy Daze«, erwidere ich und folge Lily und Toby.
»Mir gefällt Happy Daze«, äfft er mich nach.
Ich haue ihm auf die Schulter, und er tut so, als würde er das Gleichgewicht verlieren.
»Du willst mir etwas von einem beschissenen Morgen erzählen? Lily hat mich nach ihrer Mutter gefragt.« Ich frage mich immer noch, wie ich Lily wieder von dem Thema abbringen kann, dem ich seit Jahren ausweiche. Ich weiß genau, dass sie mich nicht zum letzten Mal nach ihrer Mom gefragt hat.
»Hast du ihr gesagt, dass du jeden Abend dafür betest, dass sie nicht genauso durchgeknallt wird wie ihre Mutter?«
Ich werfe Dane einen schiefen Blick zu und sehe, wie er grinst. Was das angeht, kann ich ihm nicht einmal widersprechen. Meine Ex, Lilys Mutter, hat gewisse Probleme, aber was noch viel schlimmer ist, ist die Tatsache, dass sie Lily einfach verlassen hat.
In der Nähe der Sitzbänke des Freiluft-Auditoriums bleiben wir stehen, und Dane schiebt die Hände in die Hosentaschen. Die Tribüne füllt sich immer mehr mit Eltern und Kindern.
Ich werfe einen Blick auf meine Armbanduhr und frage mich, wann ich die Werkstatt heute wohl aufmachen kann.
»Garrett!«, ruft Dane einem Freund von uns zu, der in der allerletzten Reihe sitzt, als könnte er es gar nicht abwarten, endlich die Flucht zu ergreifen.
Garrett hat eine elfjährige Tochter. Immer wenn er wieder darüber jammert, wie erwachsen sie sich schon verhält, komme ich zu der Erkenntnis, dass Lily einfach perfekt ist, doch dann erinnere ich mich wieder daran, dass auch sie irgendwann erwachsen wird. Sydney, seine Tochter, sitzt nicht mal in seiner Nähe.
»Was geht ab, Sexy Beast?«, fragt Dane und begrüßt ihn mit einem Fausthieb.
Garretts ausdruckslose Miene verrät, dass er von Danes neuem Spitznamen nur mäßig begeistert ist. Wir begrüßen uns ebenfalls mit einer Gettofaust, bevor ich mich setze. Lily und Toby nehmen in der Reihe vor uns Platz, doch schon bald ist Toby von seinen Freunden umringt und er unterhält sich nur noch mit ihnen.
»Mallory!«, brüllt Lily, und ein paar Eltern drehen die Köpfe in unsere Richtung. Mallory und ihre Mutter drehen sich um und lächeln, als sie uns entdecken. Ich winke – wie es sich gehört. »Darf ich zu ihnen?« Lily ist von ihrem Sitz hochgeschossen und springt so wild auf und ab, dass ihre Zöpfe hüpfen.
Ich überprüfe, ob Mallorys Mutter immer noch hersieht, und frage sie ohne Worte, ob es für sie in Ordnung ist, und sie winkt Lily zu sich.
»Hör auf, mit ihr zu flirten«, bemerkt Dane und rammt mir den Ellbogen in die Rippen.
Ich weiß nicht, ob ich jemanden kenne, der schon morgens so gut drauf ist wie Dane.
»Ich flirte überhaupt nicht«, widerspreche ich.
Lachend stößt er Garrett, der ein wenig zur Seite rückt, mit dem Ellbogen an. »Stimmt, Marcus und Flirten passen nicht zusammen, nicht wahr?«
Er lacht so heftig über seinen eigenen Scherz, dass wir einige Blicke ernten.
»Wie lange dauert das denn?«, frage ich Garrett, der seine Tochter schon seit Ewigkeiten in dieses Camp schickt.
»Nicht lange. Nur eine kurze Vorstellungsrunde, dann werden sie in Gruppen eingeteilt.« Garrett verhält sich immer so geschäftsmäßig. »Aber ich muss jetzt los. Mein Vorarbeiter hat gerade angerufen. Die Blockhütte beim Cedar Circle muss dringend abgenommen werden.«
Ich lächle ihn an. »Das ist ja großartig, Mann. Die wievielte ist das dieses Jahr? Die vierte?«
Seine Mundwinkel biegen sich ein wenig nach oben, doch es ist kein richtiges Lächeln. So etwas kriegt man von Garrett nie. »Ja.« Er zuckt mit den Schultern.
Garrett ist Besitzer eines kleinen, aber erfolgreichen Bauunternehmens für Blockhütten. Manche davon baut er für die Familien hier, andere wiederum vermietet er im Sommer an Touristen.
»Und du arbeitest immer noch am selben Boot?« Dane blickt an Garrett vorbei und schenkt mir dieses nervtötende Grinsen.
»Boote und Häuser sind zwei verschiedene Paar Schuhe«, erkläre ich ihm zum ungefähr millionsten Mal.
»Boote müssen schwimmen, und Häuser müssen stehen bleiben. Kommt aufs Gleiche raus, wenn du mich fragst«, erwidert Dane frech. Er liebt es einfach, mir auf den Sack zu gehen.
Doch meine Rache folgt auf dem Fuß. »Schenk du ruhig weiter deinen Whisky aus.« Herausfordernd hebe ich die Augenbrauen.
Ausnahmsweise hält er mal den Mund, aber nur, weil nun eine vertraute tiefe Stimme über die Lautsprecher erklingt.
»Ich bin Victor Pearson, Initiator des Camp Tall Pines.« Victor ist ebenfalls Mitglied im Single Dads Club. Obwohl wir befreundet sind, habe ich ihn noch nie in diesem Setting erlebt. »Danke, dass ihr dieses Jahr dabei seid.« Alle Kinder reißen jubelnd die Arme in die Luft. Als mir Lily über ihre Schulter einen Blick zuwirft, setze ich schnell ein breites Lächeln auf, um sie zu ermutigen.
Ihre Finger streichen über ihr Perlenarmband. Sie ist nervös.
Vic erzählt, wie er das Camp als alleinerziehender Vater vor siebzehn Jahren ins Leben gerufen hat und dass seine Tochter nun als Betreuerin hier arbeitet. Er entschuldigt sich dafür, dass sie gerade nicht hier sein kann, und erklärt, dass sie sich um die letzten Details kümmert, bevor die Teilnehmenden in Gruppen eingeteilt werden. Ein paar weitere Mitarbeitende betreten die improvisierte Bühne. Sie alle sind neu hier, alle sind jung und scheinen sich auf die Arbeit mit den Kindern zu freuen. Sie wirken alle ziemlich cool, aber um eine Betreuerin mache ich mir dennoch Sorgen – und zwar um die Blondine vom Parkplatz, von der ich nun mit Sicherheit weiß, dass sie Caterina Santora ist, da Vic sie gerade vorgestellt hat.
Dann tut sie also so, als würde sie mich nicht kennen? Interessant.
***
Eine halbe Stunde später versuchen wir, die Gruppe zu finden, der Lily zugeteilt wurde.
»Sehen wir uns dann heute Abend?«, fragt Garrett und vollführt unseren ganz eigenen Handschlag.
»Ja.« Ich fahre mir durchs Haar, denn mir wird bewusst, dass ich doch keine Zeit haben werde, mit Lily in die Bibliothek zu gehen, da sich der Single Dads Club heute Abend trifft.
»Bis später.« Garrett dreht sich um und folgt Sydney und ihrem Heer an Freundinnen zum Zeltplatz.
»Lass dich nicht verwirren. Du bist vielleicht so groß und auch so behaart wie ein Grizzlybär, aber sie sind nicht deine Familie«, ruft Dane ihm hinterher und lacht mal wieder über seinen eigenen Witz.
Garrett schüttelt den Kopf, und ich bin sicher, er würde ihm den Mittelfinger zeigen, wenn er nicht von so vielen Kindern umringt wäre.
»Ich liebe es einfach, diesen Riesen zu necken«, macht sich Dane über Garretts Körpergröße lustig.
Ja, er ist groß, aber Dane spielt sich geradezu als Comedian auf, so viele Bigfoot-Witze, wie er schon auf Garretts Kosten gerissen hat.
Wir erreichen eine Weggabelung. Tobys grüne Gruppe biegt nach rechts ab, Lilys orangefarbene nach links.
»Hier scheinen sich unsere Wege nun zu trennen.« Dane legt sich eine Hand aufs Herz. »Ruf mich an«, fährt er übertrieben traurig fort und krallt die Finger in sein weißes T-Shirt, aber kaum hat er sich ein paar Meter entfernt, schallt auch schon wieder sein ansteckendes Lachen durch die Bäume.
»Onkel Dane ist echt lustig«, bemerkt Lily und legt ihre kleine Hand in meine große.
»Das ist er«, stimme ich ihr zu und drücke ihre Hand.
Eine Weile gehen wir schweigend nebeneinander her. Ich weiß, dass sie nervös ist, aber sie wird schon an ihrem ersten Tag jede Menge neue Freunde finden, und dann ist alles gut.
»Daddy?«, fragt sie.
»Ja?«, erwidere ich und gehe weiter den von großen knorrigen Bäumen, die das Sonnenlicht abhalten, gesäumten Weg entlang.
»Was, wenn mich niemand mag?«
Das wird wohl doch ein intensiveres Gespräch. Ich bleibe stehen, beuge mich zu ihr herunter und erkenne sofort die Sorge in ihren Augen. Warum ist sie nur so unsicher? Lily hat immer gern neue Leute kennengelernt und schnell Freundschaften geschlossen. Sie hat sich noch nie vor dem Unbekannten gefürchtet – etwas, das sie mit Sicherheit von ihrer Mutter geerbt hat. Aber diese Seite, die vorsichtige, hat sie von mir.
»Alle werden dich mögen«, versichere ich ihr.
Ihr Blick fällt auf ihr Armband. Als sie drei Jahre alt war, hatte sie eine Kuscheldecke, ohne die sie nirgendwohin gegangen ist. Auf den Rat eines anderen Mitglieds des Single Dads Club hin habe ich versucht, sie gegen etwas anderes auszutauschen, und mich für ein Armband entschieden. Für das nun alte, abgenutzte Armband, das buchstäblich am seidenen Faden an ihrem Handgelenk hängt. Fehler Nummer eintausendunddreizehn, den ich bei Lily gemacht habe.
Sie nickt mit ihrem kleinen Kopf, immer noch, ohne mich anzusehen.
»Hey.« Ich lege einen Finger unter ihr Kinn. Normalerweise reicht ein einziges Lächeln, um Lily zum Kichern zu bringen.
»Entschuldigung«, erklingt eine Stimme neben uns.
Lily und ich blicken auf, und ich kann gar nicht anders, als sie anzustarren. Caterina ist wie eine Fata Morgana, die immer wieder erscheint.
»Lily?«, fragt sie und beugt sich zu ihr herunter. »Wir bauen heute ein Vogelhäuschen. Hast du Lust mitzumachen?«
Lily rückt näher an mich heran und hält weiter meine Hand fest.
»Tut mir leid, normalerweise ist sie nicht so schüchtern«, entschuldige ich mich.
Cat schenkt mir lediglich einen flüchtigen Blick, bevor sie sich wieder Lily zuwendet.
»Komm. Ich verspreche dir, dass du eine Menge Spaß haben wirst.« Sie hält ihr eine Hand hin, aber Lily ergreift sie nicht.
»Darf mein Dad mitkommen?«, fragt Lily, und endlich sieht Cat mich an.
Eine Sekunde lang, dann sieht sie wieder weg. Ich weiß, dass ich ein bisschen älter bin als die Typen, die sie für gewöhnlich datet, aber mir wurde gesagt, dass ich ganz nett anzusehen bin. Diese Frau hat mir vor sechs Jahren ihre nackten Brüste entgegengestreckt, und jetzt tut sie so, als hätte sie keinen blassen Schimmer, wer ich bin.
Irgendetwas Animalisches regt sich in mir, erwacht zum Leben. Vielleicht ist es mein Ego. Vielleicht hat es aber auch mehr damit zu tun, dass aus Caterina eine wunderschöne erwachsene Frau geworden ist. Jedenfalls nervt es mich ungemein, dass sie sich angeblich nicht an mich erinnert.
»Klar«, erwidert Cat leise.
Das blonde Haar trägt sie nun kurz, ganz anders als der lange Zopf von früher. Sie war schon damals für ihr Alter sehr feminin, aber inzwischen hat sie noch mehr Kurven bekommen – ihr T-Shirt spannt sich um ihre üppige Brust, und ihr Hintern ist in den kurzen Shorts ebenfalls unverkennbar. Während ich damit beschäftigt bin, sie zu begaffen, legt Lily ihre Hand in Cats, und gemeinsam gehen sie den Weg zu einer Holzhütte entlang.
In dem Raum befinden sich noch andere Betreuer und Kinder, die größtenteils in Lilys Alter sind. Mallory kann ich jedoch nirgendwo entdecken, also überlege ich, ob ich fragen sollte, ob Lily in ihre Gruppe wechseln kann. Vielleicht würde ihr das die Nervosität nehmen.
Doch Cat kriegt Lily im Nullkommanichts dazu, sich an das Vogelhäuschen zu machen, und sie beginnt sofort, sich mit dem Jungen ihr gegenüber zu unterhalten. Da sie mich nun nicht mehr beachtet, gehe ich zu ihr, um mich zu verabschieden.
»Ich fahre jetzt zur Arbeit. Ich hole dich dann heute Abend ab«, flüstere ich ihr ins Ohr.
»Tschüss, Daddy.« Sie gibt mir einen Kuss auf die Wange und wendet sich sofort wieder ihrem neuen Freund zu, um ihm von Onkel Dane und den schlimmen Wörtern, die er benutzt, zu erzählen.
Großartig. Bald werden alle Kinder hier die schlimmen Wörter kennen.
Weil ich unsere gemeinsame Vergangenheit nicht einfach ignorieren kann, gehe ich hinüber zu Cat, bevor ich losfahre.
Sie hat mir den Rücken zugedreht und unterhält sich gerade mit einer der anderen Betreuerinnen. Die Rothaarige bemerkt mich und sieht von Cat zu mir. Schließlich wirft Cat einen Blick über die Schulter und dreht sich zu mir um, macht aber einen Schritt rückwärts. Wahrscheinlich hält sie mich für einen perversen Daddy, der sie mit seinen Blicken auszieht.
»Kann ich kurz mit dir sprechen?«, frage ich.
Sie trocknet sich die Hände an einem Papiertuch ab und geht in Richtung Tür, ohne auf mich zu warten.
»Caterina Santora?«, frage ich, und sie nickt ohne jegliche Mimik.
»Richtig, und Sie sind Lilys Dad?« Sie streckt mir eine Hand hin. »Schön, Sie kennenzulernen. Sie meinten, normalerweise sei sie nicht so schüchtern?«
Sie scheint mich tatsächlich nicht zu erkennen. Aber wahrscheinlich ist es besser so. Wenigstens weiß ich dann, dass sie sich nicht für mein schlechtes Benehmen an meinem Kind rächen wird.
»Nein, das kommt nur selten vor. Liegt wahrscheinlich daran, dass heute der erste Tag ist.«
Sie nickt. »Nun, wie es scheint, hat sie sich bereits eingelebt. Aber wir haben ja Ihre Nummer. Ich rufe Sie an, falls irgendetwas sein sollte.« Sie wendet sich zum Gehen. Wahrscheinlich hat sie genug andere Dinge zu tun, aber ich muss einfach herausfinden, ob sie mich wirklich nicht erkennt.
»Ja, okay.«
Sie lächelt und will zurück in die Hütte gehen.
»Ich bin übrigens Marcus«, rufe ich ihr hinterher, und sie bleibt stehen.
Langsam dreht sie sich um und lächelt ein wenig.
»Marcus Kent«, nenne ich ihr meinen vollen Namen und warte auf eine Reaktion.
»Freut mich, Sie kennenzulernen, Mr. Kent. Und keine Sorge. Wir werden uns gut um Lily kümmern.«
Dann verschwindet sie nach drinnen.
Mehr kriege ich nicht von ihr. Nichts. Nada. Niente. Nicht einmal das leiseste Anzeichen dafür, dass sie mich erkannt hat.
»Marcus!«, höre ich Dane rufen und blicke auf. Mit seinem Smartphone in der Hand steht er oben auf dem Hügel.
Ich trotte hinauf, doch mein Kopf ist ein einziges Chaos.
Oben angekommen, sieht sich Dane gerade irgendein Video an.
»Kennst du diese Ninja Warriors? Ich denke darüber nach, Toby auch so etwas zu bauen.«
»Was bauen?«, frage ich auf dem Weg zurück zum Parkplatz. »Einen Hindernisparcours?« Wie kommt er bitte auf den Scheiß?
»Ja, um ihn von den ganzen technischen Geräten wegzukriegen.«
»Ein gebrochener Arm ist dir lieber?« Ich schüttle den Kopf.
»Ach, komm schon. Mein Junge hat für so etwas genug Koordination.«
»Warum setzt du ihm nicht einfach Zeiten?«, frage ich und krame in meiner Hosentasche nach meinem Schlüsselbund.
Als wir den Parkplatz erreichen, steht ein Großteil der Mütter in Grüppchen herum und plaudert. Aber Garrett hat mich schon vorgewarnt. Sie sind nur aus einem Grund hier: Entweder lästern sie – oder sie warten auf die Single-Dads.
»Du weißt, dass ich Regeln hasse«, erwidert Dane.
Mein Blick fällt auf eine Frau, die mich definitiv kennt: Krystal. Sie ist alleinerziehende Mutter von drei Jungs. Sie ist zwar nett, mischt sich aber für meinen Geschmack zu sehr in die Angelegenheiten anderer ein. Außerdem ist Krystal ziemlich forsch, und ich stehe nicht sonderlich auf Frauen, die sich verhalten wie Löwinnen auf der Jagd.
»Hm?«, frage ich, denn ich weiß gar nicht mehr, worüber wir gerade gesprochen haben.
»Technik. Ist auch egal. Ich frage heute Abend die Gruppe.« Dane winkt ab.
Wir gehen an Krystal und ihrer Mom-Gang vorbei.
»Hey, Marcus«, säuselt sie. »Dane.«
Als Dane tatsächlich stehen bleibt, würde ich ihn am liebsten am Arm packen und weiterzerren.
»Krystal, gut siehst du aus.« Als er näher auf sie zugeht, verengt sie die Augen zu Schlitzen. »Oh, sorry, du willst lieber Marcus, richtig?« Er lacht leise. »Marcus, mein Freund, Krystal mag dich«, flüstert er mir übertrieben laut zu, und die anderen Mütter fangen alle an zu lachen. Ich habe das Gefühl, wieder in der Highschool gelandet zu sein.
»Ich muss jetzt in die Werkstatt«, erkläre ich. »War schön, euch wiederzusehen.« Ich nicke den Damen zu und gehe weiter. Dane folgt mir. Zwar bin ich immer höflich, aber bestimmt halten sie mich dennoch für ein Arschloch, weil ich kein Interesse habe.
»Bis später!«, ruft Dane mir zu und steigt in seinen Mustang.
Als ich den Schlüssel ins Zündschloss stecke, fällt mein Blick wieder auf den roten Sportflitzer. Auf der Heckscheibe klebt ein Berkeley-Sticker.
Sie verarscht mich bestimmt nur. Es kann doch nicht sein, dass sie mich einfach vergessen hat, oder?
Als ich mit einem Karton auf der Hüfte über den Parkplatz gegangen bin, hätte ich schwören können, ich hätte Marcus Kent gesehen, wie er mit offenem Mund dastand und mich anstarrte. Scham, Wut und leider auch Hitze schossen augenblicklich durch meinen Körper.
Dass das Camp Tall Pines in der Nähe von Climax Cove ist, habe ich erst begriffen, nachdem ich den Job bereits angenommen hatte und auf der Suche nach einem Apartment war. Da wusste ich, dass durchaus die Möglichkeit besteht, dass ich dem Kerl, den ich in meinem Kopf als »größten Idioten aller Zeiten« abgespeichert habe, über den Weg laufen könnte. Seine Firma führt er immer noch erfolgreich, und mein Vater besucht ihn einmal im Jahr, um seine Jacht auf Vordermann bringen zu lassen.
Nachdem er mich vor sechs Jahren so gedemütigt hat, wollte ich ihn niemals wiedersehen. Okay, das ist gelogen. Dieser Mann hat einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. An ihn kommt eigentlich keiner ran. Aber nachdem ich mich an ihn rangeschmissen hatte und er mir vor versammelter Mannschaft in einer Großküche eine Abfuhr erteilt hat? Da hätte man eigentlich meinen sollen, dass ich mich nicht länger nach ihm verzehre.
Ich hätte nicht gedacht, dass er sich an mich erinnern würde. Ich bin inzwischen wesentlich weiblicher geworden und kein Mädchen mehr. Ich bin nicht mehr das Unschuldslamm, das von ihm entjungfert werden wollte. Das habe ich lange hinter mir. Inzwischen kann ich voller Stolz behaupten, dass ich genau weiß, was ich mir von einem Mann erhoffe und was ich im Bett will. Sechs Jahre sind eine lange Zeit, und mittlerweile habe ich genug Erfahrung gesammelt.
»Marcus Kent«, murmle ich vor mich hin und beobachte, wie er den Hügel hochsteigt.
Camp Tall Pines ist nur für Alleinerziehende – noch ein Grund, warum ich dachte, ich würde ihm nicht über den Weg laufen. Aber er hat eine Tochter.
Wo ist bitte die Mutter?
Mein Blick wandert zu dem süßen blonden Mädchen, das fröhlich mit den anderen Kindern plaudert. Ich gehe im Raum umher, um sicherzugehen, dass es beim Bauen der Vogelfutterhäuschen keine Schwierigkeiten gibt. Mir fällt jedoch auf, dass Lily mehr mit Quatschen als mit Basteln beschäftigt ist.
»Klappt’s bei dir, Lily?«, frage ich.
Lächelnd sieht sie mich an. »Japp«, erwidert sie und wendet sich wieder Ben zu, der ihr gegenübersitzt, während ihre Finger über das Armband an ihrem rechten Handgelenk streichen.
Die beiden unterhalten sich weiter über Sport. Ich lehne mich an den Tresen und höre zu, wie sie von den Giants schwärmt und davon, wie viel besser sie sind als die Dodgers. Da ich aus San Francisco stamme und mein Vater Plätze in den VIP-Boxen im Oracle Park hat, stimme ich ihr zu, aber dennoch frage ich mich, wie gut sich das kleine Mädchen tatsächlich mit Baseball auskennt.
Lily und Ben diskutieren eifrig weiter, während ich Marcus’ Augen vor mir sehe. Sie sind immer noch strahlend blau – wie das Mittelmeer, in dem sich die Sonne spiegelt. Und wie es scheint, haben sie auch immer noch die Macht, mich kurz aus der Fassung zu bringen.
Er trägt das braune Haar nun ein wenig länger, und ich frage mich, wie es sich wohl anfühlt, meine Finger hindurchgleiten zu lassen. Sie darin zu vergraben, während sein Kopf zwischen meinen Schenkeln steckt.
Mist. Nein. Nope. Nicht noch mal.
Man demütigt mich höchstens einmal. Marcus Kent ist zwar in etwa so verlockend wie ein Eis an einem heißen Sommertag, aber er steht auf meiner Hassliste ganz oben. Jetzt muss nur noch meine Mumu verstehen, was mein Gehirn ihr zu sagen versucht.
»Cat«, sagt eine leise Stimme neben mir.
Ich beuge mich zu Lily herunter und sehe ihr in die Augen. Natürlich hat sie die Augen ihres Daddys, was den Sommer bestimmt nur noch schwieriger macht.
»Ja, Lily?«, frage ich.
»Ich bin fertig«, erklärt sie mir stolz und hält den Pappteller mit dem daran befestigten Vogelfutter in die Höhe.
»Oh, super. Legen wir es dort drüben zum Trocknen hin, und dann kannst du es heute Abend mit nach Hause nehmen.«
Sie folgt mir hinüber zu dem Tisch, den ich in die Ecke gestellt habe, damit die Bastelarbeiten darauf trocknen können.
»Und? Wo wirst du es aufhängen?«, frage ich und zeige ihr, wo sie das Häuschen hinlegen soll.
»Ich hänge es in einen Baum.« Vorsichtig legt sie es ab und arrangiert den Teller dann so, wie sie ihn haben will.
Ich kichere. »Hast du einen bestimmten Baum im Sinn?«
Sie zuckt mit den Schultern. »Mein Daddy hat mich schon letztes Jahr ein Futterhäuschen aufhängen lassen, aber er meinte, die Vögel würden zu viel kacken. Also werde ich es heimlich in den kleinen Baum vor meinem Fenster hängen.« Den letzten Teil des Satzes flüstert sie, als stünde Marcus direkt neben uns.
»Dann lebst du also bei deinem Dad?«, frage ich. Ich weiß, ich bin ein schlechter Mensch, schließlich versuche ich gerade, einer Fünfjährigen Informationen zu entlocken.
Sie kneift die Augen zusammen und lässt sich meine Frage durch den Kopf gehen. »Ich darf noch nicht allein leben«, erwidert sie, als wäre ich schwer von Begriff, und läuft weg.
Dann wohnt sie also tatsächlich dauerhaft bei ihm und ist nicht nur den Sommer über zu Besuch. Die Frage bleibt also bestehen: Wo ist ihre Mutter?
Und die noch viel wichtigere Frage lautet: Was kümmert es mich?
Ich parke meinen Truck vor meiner Bootswerkstatt Kent Restoration. Kreativität war nie die Stärke meines Vaters, was sich auch im Firmennamen niedergeschlagen hat.
Da mein Magen lautstark knurrt, gehe ich hinüber zum Double D’s Diner, der Don und Debbie Verner gehört.
Sie stammen von hier, sind hier aufgewachsen, haben direkt nach der Highschool geheiratet, und wenn ich richtig rechnen kann, dann war ihr Sohn, Don Junior, das perfekte Hochzeitsgeschenk für Don. Sie sind gute Menschen, auch wenn ihr Diner eher nach einem Stripclub klingt.
Als ich den Diner betrete, klingelt die Türglocke. Ich lasse den Blick über die Sitzecken und die Hocker am Tresen schweifen, und natürlich sitzen dieselben da wie immer. Alle Rentner von Climax Cove schlürfen hier ihren Kaffee und unterhalten sich über die guten alten Zeiten.
»Marcus«, begrüßt mich Debbie, greift sich einen To-go-Becher und schenkt Kaffee ein. Dann schiebt sie ihn mir über den Tresen zu.
»Danke, Debbie.«
»Bist heute wieder spät dran?«, fragt sie und legt mir eine Speisekarte hin.
Ich lache leise. Ist es für alle so offensichtlich, dass ich tagtäglich zu kämpfen habe?
»Ja, erster Camptag.« Ich werfe einen flüchtigen Blick in die Karte und bestelle.
Don steckt seinen Kopf durch die kleine Durchreiche hinter der Theke, und ich hoffe doch sehr, dass er sich sofort daran macht, mein Frühstück zuzubereiten. Ich winke ihm zu und unterhalte mich dann ein paar Minuten lang mit Debbie.
Wenig später kommt Don mit meinem Frühstück aus der Küche geschlendert. »Sag Lily, dass sie mal rüberkommen soll. Ich habe ein neues Eis, das sie unbedingt probieren muss.« Er zwinkert mir zu und reicht seiner Frau meine Essensbox.
Ich zücke mein Portemonnaie und lege Debbie das Geld auf den Tresen. Ihr Blick fällt darauf, dann nimmt sie es und lächelt.
»Bis morgen«, verabschiedet sie mich.
»Wahrscheinlich«, erwidere ich und gehe.
Drüben in meiner Werkstatt stelle ich das Essen und den Kaffee auf den Schreibtisch und begutachte das Boot, das ich gerade für einen Kunden aus Portland restauriere. Es muss in wenigen Wochen fertig sein. Das wird ganz schön eng.
Ich verschlinge mein Frühstück und trinke meinen Kaffee, während ich im Kopf eine Liste mit den Dingen anlege, die an dem Boot noch gemacht werden müssen. Doch leider schweifen meine Gedanken innerhalb von Sekunden ab.
Caterina Santora.
Sie ist sexy und wunderschön. Wie gern ich ein, zwei Stunden mit ihr verbringen würde, um sicherzustellen, dass sie mich nie wieder vergisst.
Scheiße. Ich sollte lieber froh sein, dass sie sich nicht an mich erinnert, denn ich habe mich damals echt wie ein Arschloch benommen.
Mein Smartphone klingelt auf dem Tisch. Für das Camp habe ich einen besonderen Klingelton ausgewählt, und da es anders klingelt, ignoriere ich es und widme mich stattdessen dem Boot.
Wo war ich noch mal stehen geblieben? Ich stehe auf, gehe hinüber und streiche über das Holz, das noch abgeschliffen werden muss, aber ich muss schon wieder an Cat denken und frage mich, wie weich sich wohl ihre Haut anfühlt.
Ich erinnere mich daran, wie ihr blondes Haar hin und her schwingt, wenn sie sich bewegt. Wie fürsorglich sie Lily mit ihren kristallblauen Augen angesehen hat. Ich denke an ihre schmale Taille und ihre femininen Hüften.
Hör auf damit. Du bist so ein Perversling. Sie ist zehn Jahre jünger als du.
Als mein Handy erneut klingelt, durchquere ich die Werkstatt und nehme es vom Schreibtisch.
Dane.
Mit dem Daumen wische ich über das Display. »Ja?«
»Wer hat dir denn in die Haferflocken gepisst?«
»Ich esse Cheerios«, erwidere ich trocken.
»Als wüsste ich das nicht. Das nennt man Kreativität.«
»Furchtbar kreativ. Einfach ein anderes Frühstück zu nehmen …«
»Ich habe Haferflocken gesagt, weil du dich wie ein alter Mann verhältst.«
Ich lasse mich auf den Bürostuhl plumpsen. »Warum rufst du an?«, frage ich und trinke einen Schluck von meinem Kaffee.
»Läuft morgen Abend irgendeine von deinen Sendungen? Familien-Duell? Jeopardy? Glücksrad?« Ich atme genervt aus, und er kichert. »Ich dachte, wir könnten vielleicht zusammen zu Abend essen. Nach sechzehn Uhr.«
»Du hast zehn Sekunden, um dich zu erklären, sonst lege ich auf.«
Ich höre jedoch nur mit halbem Ohr zu, denn mein Blick wandert wieder zu dem Boot. Irgendetwas stimmt noch nicht. Irgendetwas fehlt noch. Mit dem Smartphone am Ohr stehe ich auf.
»Ich meine es ernst mit dem Abendessen. Wie wäre es mit halb sieben? Das bringt doch nicht etwa deinen Schlafrhythmus durcheinander, oder doch?« Das Klirren von Gläsern im Hintergrund verrät mir, dass er die Bar gerade für die Mittagszeit vorbereitet.
»Ich koche uns etwas. Bring Toby mit. Ich kann auch noch Garrett fragen«, schlage ich vor, während ich das Boot inspiziere und beinahe umgehend die Stelle entdecke, die dringend repariert werden muss.
»Wie wäre es nur mit uns beiden, Nina und Polly?«, fragt er. Es folgt Schweigen – und wir wissen beide, warum.
Die meisten würden jetzt sagen: »Du solltest dringend wieder daten.« Oder: »Ich habe da diese Frau kennengelernt und brauche unbedingt eine Begleitung für ihre Freundin.« Aber Dane will Nägel mit Köpfen machen – und zwar schon seit vier Wochen. Er ist der Meinung, dass ich schleunigst weibliche Gesellschaft brauche.
Nun, ich hatte weibliche Gesellschaft, als ich vor ein paar Monaten beruflich in Seattle war. Es war locker und unkompliziert, und am nächsten Morgen haben wir uns getrennt, ohne Telefonnummern auszutauschen.
»Was habe ich von Mommy?«, hallt Lilys Frage von heute Morgen in meinem Kopf wider. Mein kleines Mädchen ist viel zu neugierig, um jetzt, da sie einmal damit angefangen hat, mit der Fragerei aufzuhören. Sie braucht Sicherheit in ihrem Leben, und ich weiß, dass sie früher oder später auch ein weibliches Vorbild braucht.
»Und? Was sagst du?«
»Okay.«
»Okay?«, kreischt er wie ein kleiner Junge.
»Mach jetzt keinen Aufriss«, knurre ich.
»Super. Dann treffen wir uns um halb sieben hier. Ich kümmere mich um die Details. Du musst dich nur hübsch machen.«
»Tschüss, Dane.« Ich lege auf und schiebe das Smartphone in meine Hosentasche.
»Jack!«, rufe ich nach meinem Mitarbeiter.
Er kommt zur Seitentür herein, die zur zweiten Werkstatt führt. Sein Overall ist voller Schmieröl, weil er immer seine Hände daran abwischt, statt einen Lappen zu benutzen.
Jack kümmert sich um alles, was mit Mechanik zu tun hat. Ich habe ihn vor ein paar Jahren eingestellt, nachdem mir bewusst wurde, dass Lily mehr Stabilität braucht, wie zum Beispiel eine feste Uhrzeit fürs Baden und feste Schlafenszeiten. Nach Jack kamen noch Clive und Wes dazu. Seit wir zu viert sind, komme ich fast immer zu einer halbwegs anständigen Uhrzeit nach Hause, um mit der wichtigsten Frau in meinem Leben zu Abend zu essen.
»Was ist?«, fragt er schnippisch wie immer.
»Sieh dir das mal an.« Ich deute auf die Stelle am Boot, die mir Sorgen bereitet. »Das muss zuerst in Ordnung gebracht werden, bevor wir weitermachen können.«
Er nickt und beugt sich nach vorn, um das Problem genauer zu begutachten. »Ich kümmere mich darum, sobald ich mit dem Boot der Roberts fertig bin.«
Dann geht er zurück in die andere Werkstatt, und ich setze mich an den Computer. Ich schwöre, dass ich eigentlich ein Dokument öffnen wollte, doch plötzlich füllt Caterinas Facebook-Seite den Bildschirm.
Fuck, wenn ich doch nur wüsste, wie das passiert ist.
Am nächsten Abend sitze ich auf einem Picknick-Tisch, die Ellbogen auf die Knie gestützt, und tue so, als würde ich die Kinder beim Spielen am seichten Seeufer beobachten. Ich schwöre hoch und heilig, dass ich nicht auf den Hintern von Lilys Camp-Betreuerin starre, der von einem blauen Bikinihöschen bedeckt ist, das so knapp ist, dass es eigentlich verboten sein sollte. Und zwar nicht nur vor den Kindern, sondern vor allem vor energiegeladenen Männern über dreißig wie mir.
Mein Smartphone klingelt in meiner Hosentasche, und Überraschung: Es ist Dane.
»Wo bist du?«, frage ich.
Eigentlich ist das Camp seit zehn Minuten zu Ende, aber vielleicht hinken sie im Zeitplan hinterher – oder sie wollten die Single-Dads mit gut gebauten nassen Betreuerinnen Anfang zwanzig quälen.
Vic sollte veranlassen, dass sie alle schwarze Einteiler tragen müssen.
»Bin fast da. Kannst du Toby schon mal einsammeln? Ich habe dich als Notfallkontakt angegeben.« Am anderen Ende der Leitung höre ich seinen Auspuff röhren.
»Du verpasst gerade was.« Ich lache leise.
Toby und seine Freunde beginnen, die Betreuerinnen nass zu spritzen – muss wohl mein Glückstag sein. Ich nehme zurück, was ich eben gesagt habe. Weiße Einteiler wären viel besser als schwarze.
»Was ist denn das für ein Gekreische im Hintergrund?«, fragt Dane.
»Heute ist Schwimmtag. Und kein Problem. Ich kümmere mich um Toby.«
»Schwimmtag? Heißt das etwa, die ganzen Betreuerinnen tragen Bikinis?«
»Vielleicht. Muss Schluss machen. Gerade ist eine Wasserschlacht losgebrochen.« Leise lachend lege ich auf.
Bestimmt ist er jetzt in fünf Minuten da. Mit ein wenig Glück verpasst er aber die ganze Action, dann kann ich ihn damit aufziehen.
Im Moment stehen mindestens zehn Betreuende im Wasser, um auf die Kinder aufzupassen – und sechs davon sind weiblich. Victor scheint nicht bewusst zu sein, dass nächstes Jahr in seinem Camp eine Männerepidemie ausbrechen wird. Je länger ich dasitze, desto mehr Väter tauchen auf, die glauben, sie würden ihre Kinder ganz normal wie jeden Tag abholen, nur um dann festzustellen, dass sie im feuchten Traum eines jeden Teenagers gelandet sind. Und vielleicht auch in ihrem eigenen.
Caterina unterhält sich lachend mit einer weiteren Betreuerin. Mir ist nie aufgefallen, dass sie runde Apfelbäckchen bekommt, wenn sie lächelt. Und auch nicht, wie sie eine Hand vor den Mund schlägt, wenn sie lacht, und kurz den Arm ihres Gegenübers berührt, wenn sie etwas amüsiert. Verdammt, wie gern ich ihr diese Reaktion entlocken würde.
Aber alles, was ich bisher von ihr bekommen habe, seit das Camp begonnen hat, ist ein höfliches Lächeln und »Hallo, Mr. Kent«. Sie lässt sich kein bisschen anmerken, dass ich schon mehr von ihr gesehen habe als das, was ihr Bikini preisgibt.
»Was habe ich verpasst?« Vollkommen außer Atem nimmt Dane neben mir Platz.
»Was zur Hölle hast du den ganzen Tag getrieben, dass du nicht pünktlich hier sein konntest?«
Er wirft mir einen flüchtigen Blick zu und konzentriert sich dann auf das, was vor ihm passiert. Ich kann es ihm nicht verübeln, denn so eine Aussicht hat man in Climax Cove nicht alle Tage.
»Meinst du, Vic ist bewusst, dass sich jeder Typ heute Nacht darauf einen runterholen wird?«, fragt Dane. Ein paar der umstehenden Väter lachen, denn sie wissen genau, dass er recht hat.
Wut keimt in mir auf. Es ärgert mich, dass sich all diese Idioten vorstellen, was sich unter Cats blauem Bikini befindet. Nur ich darf mir darauf einen runterholen. Ich allein.
»Und zu deiner Frage … Ich musste ins Rathaus, um Papierkram zu erledigen.«
Dane hat im Happy Daze in den letzten Jahren einige Renovierungen vorgenommen, die Bar ausgebaut und so umfunktioniert, dass sie tagsüber nun ein familienfreundlicher Imbiss ist.
»Sorry, wie öde.«
Wir unterhalten uns weiter, während wir so tun, als würden wir unseren Kindern beim Planschen zusehen. Aber ich beherrsche Multitasking. Mein Blick wandert immer wieder zu Lily, um sicherzugehen, dass sie nicht ertrinkt, aber da sie Schwimmunterricht nimmt, seit sie eins ist, mache ich mir darum keine Sorgen.
»Über den Mist können wir uns später unterhalten.« Dane winkt ab. »Fuck, das ist echt nicht fair. Wie kann es bitte sein, dass mein Junge mehr zu sehen bekommt als ich?« Er beißt sich in seine Faust, während er Toby und dessen Freunde dabei beobachtet, wie sie einer Betreuerin einen Eimer Wasser überschütten. Ihr gelber Bikini versteckt nicht unbedingt die Tatsache, dass das Wasser ziemlich kalt sein muss.
Lily sieht sich um und lächelt, als sie mich entdeckt. »Warum fühle ich mich plötzlich so schmutzig?«, murmle ich vor mich hin.
Lily steigt aus dem Wasser und rennt los. Caterina sagt etwas zu ihrer Kollegin und folgt ihr. Kurz treffen sich unsere Blicke, doch Cat sieht sofort wieder weg.
»Daddy!«, ruft Lily, springt in meine Arme und macht mich ganz nass.
»Hi, Schätzchen.« Ich setze sie auf mein Knie.
»Hi, Onkel Dane«, begrüßt sie ihn mit ihrer niedlichen Stimme.
Ich räuspere mich, damit er seine Aufmerksamkeit meiner Tochter schenkt und nicht länger dem Treiben im See. Doch er sieht mich nur fragend an, richtet den Blick wieder nach vorn und begreift erst dann, warum ich mich geräuspert habe.
»Hey, Kleine. Heute ist Badetag, was?« Er lehnt sich zurück, stützt die Hände hinter sich ab und konzentriert sich nun auf sie.
»Komm!« Sie springt von meinem Schoß und ergreift meine Hand.
»Nein, Süße. Ich warte hier, bis du fertig bist. Geh ruhig und hab Spaß mit deinen Freunden.«
Sie lächelt mich an und rennt los.
»Hui, das war knapp. Ich sollte meinen Schwanz lieber zwischen meine Beine klemmen«, murmelt Dane und verändert seine Sitzposition.
»Ähm, was glaubst du, wie es mir geht?«
»Wer ist denn der Idiot?«, fragt Dane und deutet mit dem Kopf in Richtung See.
Einer der Betreuer nähert sich Cat. Sie lacht über irgendetwas, das er sagt, und schüttelt den Kopf. Mir entgeht nicht, wie seine Augen aufleuchten, als sie seinen Unterarm berührt.
»Wer?« Ich tue so, als würde mein Herz nicht schneller schlagen von dem ganzen Adrenalin, das nun durch meinen Körper strömt. Nennt mich ruhig einen Steinzeitmenschen.
»Ja, genau. Du hast sie schon die ganze Woche im Visier.«
»Ich weiß nicht, wovon du redest.« Ich blicke mich um, um sicherzugehen, dass uns niemand belauscht.
»So soll es also laufen, ja?«, fragt er, wendet sich mir mit ganzem Körper zu und zieht die Augenbrauen hoch.
Ich erwidere nichts und beobachte stattdessen, wie der Idiot Caterinas Taille umfasst und sie ins tiefere Wasser wirft, während sie laut quietscht. Als sie sich aufrichtet, ist sie triefend nass in ihrem Bikini, der genauso blau ist wie meine Eier.
Ich könnte schwören, dass sie mir schon wieder einen Blick zuwirft, während sie sich durch das tropfnasse Haar fährt. Doch bevor ich mir sicher sein kann, widmet sie sich wieder den Kindern, klatscht in die Hände und verkündet, dass das Schwimmen nun vorbei ist.
»Mann, deine Uschi ist echt eine Spaßbremse«, schimpft Dane, denn Tobys Betreuerin planscht immer noch mit den Kindern im Wasser.
Ich stehe vom Picknicktisch auf, um Lily abzuholen und ihre Sachen einzusammeln.
»Komm, das mit den blauen Eiern wird sonst nur noch schlimmer.« Ich klopfe ihm auf die Schulter und gehe in Richtung Seeufer.
»Halb sieben. Nicht vergessen«, ruft er mir hinterher.
Kurz hatte ich das Date tatsächlich vergessen. Seufzend winke ich ihm zu.
»Ist eine gute Übung, um dir eines Tages das zu nehmen, was du wirklich willst.«
Kopfschüttelnd setze ich meinen Weg fort und unterdrücke den Drang, ihm den Mittelfinger zu zeigen.
Während nun alle Eltern zu ihren Kindern gehen, kommt Cat mit einem Handtuch um die Hüften auf mich zu. Ihr schulterlanges Haar ist leicht gewellt – noch etwas, das mir bisher nicht aufgefallen ist.
»Tut mir leid, dass es heute länger gedauert hat«, entschuldigt sie sich. »Aber es haben heute alle so toll mitgemacht und sich eine Belohnung verdient. Ich gehe jetzt mit ihnen zurück, dann ziehen sie sich um und sind dann gleich fertig.«
Die Gruppe geht in Richtung Hütte davon. Als ich sehe, wie sich Krystal dem See nähert, zücke ich schnell mein Smartphone und tue so, als wäre ich beschäftigt.
»Mr. Kent«, erklingt Cats geschäftsmäßige Stimme, die sie bei mir immer an den Tag legt.
Als ich aufblicke, steht sie direkt neben mir, und der Duft von Kokosnuss steigt mir in die Nase. Ich schwöre, das muss irgendeine Art Test sein. Caterina Santora könnte in diesem Moment kaum verlockender wirken.
»Was gibt’s?«, frage ich so gelassen wie möglich, um nicht wie ein Typ Mitte dreißig zu wirken, der scharf auf sie ist.
»Hätten Sie etwas dagegen, mich ein Stück zu begleiten?«, fragt sie.
»Nicht im Geringsten.«
Wird sie jetzt zugeben, dass sie mich kennt? Vielleicht will sie mich ja darum bitten, Stillschweigen zu bewahren. Als würde ich jemandem davon erzählen.
Mit dem Kopf deutet sie in Richtung der Hütte.
Ich gehe neben ihr her und schiebe die Hände in die Hosentaschen, um nicht der Versuchung zu erliegen, ihr Bikinioberteil zu öffnen.
»Wir hatten heute eine Gesprächsrunde«, beginnt sie.
Ah, anscheinend geht es doch wieder nur um das Camp. »Oh, okay.«
Ich werfe ihr einen schiefen Blick zu und beobachte, wie sie kurz den Mund verzieht, bevor sie fortfährt. »Es ging um familiäre Beziehungen. Um verschiedene Formen von Familien.«
»Okaaay …«
»Ich will mich nicht einmischen, aber Lily hat danach geweint.« Jetzt sieht sie mir zum allerersten Mal in die Augen.
»Geweint?«
Sie nickt. »Ja. Sie hat viele Fragen bezüglich ihrer Mutter.«
Ich stoße laut die Luft aus und reibe mir den Nacken, während wir unseren Weg fortsetzen. Bisher hat mir Lily keine weiteren Fragen zu ihrer Mom gestellt. Und das ist auch gut so, denn ich will das Thema nicht anschneiden, solange sie im Gefängnis sitzt.
»Wir haben keinen Kontakt zu ihr«, erwidere ich und hoffe, das Gespräch so kurz wie möglich halten zu können.
»Das habe ich auch schon herausgefunden, aber Lily will mehr Informationen.«
Ich frage mich, wer wirklich mehr Informationen will – Lily oder Caterina?
»Sie ist noch zu jung, um es zu verstehen. Danke der Nachfrage, aber ich kümmere mich darum.«
Schnaubend bleibt sie mitten auf dem Weg stehen. »Indem Sie es einfach ignorieren?« Ihr Tonfall klingt wertend, beinahe verärgert. Ich frage mich, was ihr überhaupt das Recht gibt, sich einzumischen.
»Wie bitte?«, frage ich streng und versuche, ihr klarzumachen, dass sie damit aufhören soll, doch ich sehe das Glimmen in ihren Augen. Sie wird nicht lockerlassen.
