Cumulus 2161 - Jan Off - E-Book

Cumulus 2161 E-Book

Jan Off

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Beschreibung

Die Erde im Jahr 2161. Mit Hilfe einer radikalen, von der Weltregierung eingeführten Geburtenkontrolle ist es gelungen, die Bevölkerungszahl auf etwa dreißig Millionen zu reduzieren. Zeitgleich wurden Programme entwickelt, die jedwede Form von Aggression unterbinden. Und so führt auch Tristan Weiss ein Leben im Safe Space. Dann allerdings kommt es zu einer Kette von Ereignissen, in deren Folge sich Tristan unvermittelt einer wahren Gewaltlawine ausgesetzt sieht. Sich wehren zu können, wäre jetzt hilfreich. Aber genau diese Reflexe sind ihm fatalerweise abtrainiert worden. „Cumulus“ ist eine klassische Dystopie. Jan Off greift in diesem Roman gesellschaftliche Entwicklungen auf, die Schlagworte wie „Safespace“ und „Mikroaggression“ hervorgebracht haben, und geht der Frage nach, ob der Glaube an die Erschaffung eines „besseren Menschen“ nicht mehr Gefahren als Chancen in sich birgt.

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Seitenzahl: 163

Veröffentlichungsjahr: 2025

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CUMULUS 2161

Impressum

1. Auflage: November 2025

© Verlagsrechte: Edition Outbird (www.edition-outbird.de), Inh. Tristan Rosenkranz, Haeckelstraße 15, 07548 Gera

Bei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich an: [email protected].

Alle Rechte, einschließlich des Rechts zur vollständigen und auszugsweisen Wiedergabe in jeglicher Form, sind vorbehalten. Alle handelnden Personen sind frei erfunden, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Die Nutzung des Inhalts für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ist ausdrücklich verboten.

Covergrafik: Benjamin Schmidt

Lektorat: René Porschen, Merri Holste, Tristan Rosenkranz

eBook-Formatierung/-konvertierung: Hannah Rafalski

Herausgeber: Tristan Rosenkranz

ISBN: 978-3-948887-89-6

Preis: 7,49 €

Die Edition Outbird ist Mitglied im Lese-Zeichen e. V., im Thüringer Literaturrat, im Schöne-Bücher-Netzwerk und im Phantastik-Autoren-Netzwerk e. V..

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

XI

XII

Begriffserklärung

Für Loreen

I

Er war aufgewacht. Zum ersten Mal, seit er sich erinnern konnte, war Tristan Weiss aufgewacht, ohne die Worte liebe Mitverschmutzer, begrüßen wir gemeinsam einen weiteren wundervollen Tag auf diesem so einzigartigen Planeten zu vernehmen. Gesprochen von einer weiblichen Stimme, deren muntere Bestimmtheit einer mütterlichen Umarmung gleichkam.

Tristan verspürte einen leichten Harndrang. Aber da er eben nie zuvor während der Nachtruhe die Toiletten aufgesucht hatte, zögerte er, sein Bett zu verlassen. Und so lag er eine Weile da und konzentrierte sich auf seine Umgebung. In der Demutskammer war es überraschend hell. Das ließ auf Vollmond schließen, gepaart mit einem wolkenlosen Himmel. Noch mehr erstaunte Tristan die Stille. Obwohl ganze zwanzig weitere Schkolniki in den Betten neben ihm lagen, war kaum mehr zu vernehmen als ein surrendes, gleichmäßiges Atmen. So zuverlässig die Hüterin für ein schnelles Einschlafen sorgte (es brauchte nie mehr als drei Sekunden bis zum Wegdämmern), so hilfreich war sie offenbar auch in Sachen Entspannung der Körperfunktionen.

Umso merkwürdiger, dass er die Augen vor dem Weckruf aufgeschlagen hatte. Tristan war kein einziger vergleichbarer Fall bekannt. Vielleicht war bei der Wartung der Hüterin etwas schiefgelaufen, vielleicht stimmte die Intensität des Trunks (wie die elektronische Gabe genannt wurde) nicht mehr. Oder es gab einen größeren Fehler, einen, der im Gesamtsystem zu suchen war. Wobei die Tatsache, dass alle anderen nach wie vor friedlich ihren Träumen nachhingen, eher gegen Letzteres sprach.

Tristan verspürte Durst. Auch das Bedürfnis, sich zu erleichtern, meldete sich erneut. Und so gab er sich schließlich einen Ruck, verließ leicht beklommen die Schlafstatt und schlich, obwohl dazu ja eigentlich kein Anlass bestand, auf leisen Sohlen zur Tür. Die Klinke gab seinem Druck widerstandslos nach. Denn wie alle Türen in der Colonia war auch diese nicht mit einem Schloss versehen.

Im Flur brannte kein Licht. Aber auch dort sorgte der Mond für ausreichend Helligkeit. Tristan hatte keinerlei Mühe, die Inschriften zu entziffern, die, solange er denken konnte, die Wände zierten: Einsicht ist die Aussicht auf Weitsicht / Wer andere verletzt, verletzt die Gemeinschaft und damit sich selbst / Achtsamkeit ist der Schlüssel zu allem.

Der Weg zum Badezimmer fühlte sich, obschon tägliche Routine, seltsam erregend an. Denn während der Nachtruhe hatte ihn Tristan natürlich nie zuvor zurückgelegt. Und obwohl ihm keine Regel bekannt war, die derlei untersagte, wuchs in ihm mit jedem Schritt die Empfindung, etwas Verbotenes zu tun.

Er hätte das Licht einschalten, er hätte die Toilette für eins der anderen Geschlechter aufsuchen, ja, er hätte sämtliche Türen offenlassen können, so stark war die Gewissheit, dass er ungestört agierte. Dennoch tat er nichts davon. Er war, wer er war, und das, was man ihm im Verlauf tausender Lessons eingetrichtert hatte, ließ sich nicht mal eben abschütteln; ganz egal, wie einzigartig der Moment auch sein mochte. Nachdem er die Tür zur Kabine geschlossen und sich hingesetzt hatte, sah er sich in seinem Wohlverhalten bestätigt. Denn wieder war sein Blick mit einer Parole konfrontiert, diesmal in Form eines Plakats mit der Aufschrift Fügsamkeit ist die Voraussetzung der Freiheit. Darunter das Bild einer Gruppe Graugänse im Formationsflug.

Von einer unbezwingbaren Neugier getrieben, trat Tristan auf dem Rückweg an eins der übergroßen Flurfenster. Und tatsächlich, da war sie, die dunkelgelbe Scheibe, in den Himmel geschraubt wie ein Deko-Element. Unwirklich und greifbar zugleich. Natürlich hatte Tristan den Mond schon gesehen. Aber noch nie zu so später Stunde, noch nie in dem Bewusstsein, dass ihm dieser Anblick allein gehörte.

Wieder im Bett wurde ihm die Ungeheuerlichkeit dessen, was sich gerade ereignet hatte, erst wirklich bewusst. Sein Herz klopfte bis zum Hals, sein Atem ging schwer. Das, was ihm widerfahren war, ja, nach wie vor widerfuhr, wäre zweifellos ein Thema für Talkshows gewesen. Aber Talkshows gab es schon lange nicht mehr. Wie auch vieles andere von dem, was der Bevölkerung vor dem Großen Wurf an Zerstreuung vorgesetzt worden war, seine Daseinsberechtigung verloren hatte. Einzig in den Lessons wurden hin und wieder noch Ausschnitte gezeigt, um zu verdeutlichen, wie unmenschlich es damals zugegangen war.

Tristan Weiss brauchte lange, bis er wieder in den Schlaf gefunden hatte.

Obwohl er übernächtigt hätte sein sollen, fühlte er sich am nächsten Morgen überraschend fit, ja, geradezu aufgedreht. Und er hatte die größte Mühe, diesen Zustand nicht in eine nervöse Albernheit kippen zu lassen. Selbst in den wenigen Momenten, in denen sein Körper Schwäche zeigte, trieb ihn die Frage um, ob sich das Ereignis wiederholen, ob er also auch in dieser Nacht wieder vorzeitig erwachen würde.

Es gelang ihm, sich weitestgehend zu kontrollieren, sprich: einigermaßen unauffällig zu verhalten. Während der morgendlichen Häutung fiel dann aber wohl doch auf, dass ihn etwas umtrieb. Das erkannte Tristan schon daran, dass die anderen ihn heute besonders intensiv musterten, als er an der Reihe war.

Die Häutungen fanden täglich statt und das immer in Siebener-Gruppen, wobei die Zusammensetzung im Abstand von achtundzwanzig Tagen neubestimmt wurde. Einmal pro Woche trafen sich alle einundzwanzig Mitglieder der Colonia unter Anleitung des Großen Schirms zur Zwischenhäutung. Einmal im Monat kam der ganze Rajon zusammen. Ziel der etwa einstündigen Begegnungen war es, Fehlsteuerungen in der Persönlichkeitsentwicklung wahrzunehmen und längerfristig abzustellen, um letztlich das Zusammenleben aller zu verbessern. Wobei es nicht darum ging, andere zu kritisieren, sondern sich in erster Linie selbst in den Fokus zu nehmen. Beliebt waren in dieser Hinsicht Kleinstverletzungen aller Art, also abschätzige Blicke, subtile Beleidigungen verbaler Natur oder einfach die Missachtung des Gegenübers durch fehlende Aufmerksamkeit.

Wem es über die Jahre gelang, sich stetig zu verbessern, konnte irgendwann ein Empathie-Level erreichen, das es ihm erlaubte, in eins der Gehege umzusiedeln und dort eine Familie zu gründen. Benannt wurden die darunterliegenden Stufen nicht. Bis es so weit war, gab es vom Großen Schirm, wenn überhaupt, nur sehr vage Hinweise. Dennoch wusste natürlich jeder, wo er in etwa stand beziehungsweise welche Hürden noch vor ihm lagen.

Jede Häutung begann damit, dass die Teilnehmer nacheinander ihre aktuelle Stimmungslage skizzierten. Als Tristan an der Reihe war, hätte er am liebsten gesagt: „Ich fühle mich großartig, ja, beinahe überwältigt. Denn ich habe etwas erlebt, das ich noch bis gestern für gänzlich unmöglich gehalten hätte.“

Aber das ging natürlich nicht. Die Folgen, die eine solche Äußerung nach sich ziehen konnte, waren einfach zu riskant. Und so fütterte er die Runde stattdessen mit dieser Information: „Ich bin immer noch damit beschäftigt, dass ich Jan nicht die Wertschätzung entgegenbringe, die ihm zusteht.“

„Was denkst du, woran das liegt?“, wollte Marian wissen.

„Tja …“ Tristan ließ einen kurzen Moment verstreichen, der die anderen glauben machen sollte, er würde in sich gehen. Dann sagte er: „Ich bin wohl einfach neidisch auf seine kommunikativen Fähigkeiten, auf seine Gabe, sich in die Gemeinschaft einzubringen.“

Das war eine dreiste Lüge. Denn Jan war ein Dummschwätzer, ein eitler Geck, dessen kommunikative Fähigkeiten sich darin erschöpften, anderen nach dem Mund zu reden. Es gab nichts an seiner Existenz, um das ihn Tristan beneidet hätte. Ganz im Gegenteil hatte er nur den Wunsch, diesen Blender vollständig aus seiner Wahrnehmung zu streichen. Aber es war während der Häutungen stets besser, etwas ins Feld zu führen, das gar nicht existierte, als zu schweigen. Denn wer schwieg oder gar behauptete, keinerlei Probleme zu haben, machte sich verdächtig. Es gab immer etwas am eigenen Selbst zu optimieren, immer mindestens ein Problem, das, so es nicht benannt werden konnte, aus den Tiefen des Unterbewusstseins herausgeschält und besonders eindringlich seziert werden wollte. Jan hatte ihm in dieser Hinsicht schon häufiger als Ablenkung gedient; gerade, weil ihn dessen Persönlichkeit so wenig berührte.

Tristan ging übrigens fest davon aus, dass sich auch die anderen regelmäßig Geschichten ausdachten. Und es war immer spannend, darüber nachzusinnen, was wahr sein mochte und was erfunden, wenn ein anderer Teilnehmer seinen Monolog abspulte. Für den Moment blieb Tristan diese kleine Freude allerdings versagt. Denn die Gruppe war noch nicht fertig mit ihm.

„Ich finde es wahnsinnig beeindruckend, wie klar und offenherzig du deine Schwierigkeiten mit Jan benennst“, sagte Eleni.

Und Marian fügte hinzu: „Vielleicht solltest du dich in nächster Zeit mal ganz gezielt mit ihm konfrontieren.“

Der Gesprächsgegenstand meldete sich nun selbst zu Wort.

„Lass uns doch einfach mal wieder gemeinsam etwas unternehmen“, sagte Jan mit diesem „gewinnenden“ aka schmierigen Lächeln, das ihm längst zur zweiten Natur geworden war.

Tristan sah die Szenen vor sich: mit Jan in der Schwitzhütte, mit Jan beim Einstudieren eines kurzen Zweipersonenstücks, mit Jan im Wald (beide ein Pilzkörbchen in der Hand). Sicher ein hoher Preis dafür, dass er sein kleines Geheimnis bewahrt haben würde, aber am Ende doch ein akzeptabler. Und so fiel es ihm leicht, zu entgegen: „Das ist eine super Idee. Genauso machen wir‘s.“

Nach der Häutung hatte er gemeinsam mit Smirek Dienst in einem der Gewächshäuser. Die Coloniae regelten ihr Überleben weitestgehend autark. Das galt sowohl für die Energie- als auch für die Nahrungsmittelversorgung. Ernährt wurde sich schon seit langer Zeit ausschließlich vegan. Nachdem die radikalen Maßnahmen des Komitees Der Allgemeinen Einsicht, kurz KDAE, in Bezug auf den Klimawandel und das Bevölkerungswachstum den gewünschten Erfolg nach sich gezogen hatten (aktuell betrug die Zahl der Erdenbürger gerade noch dreißig Millionen), hätte eigentlich keinerlei Notwendigkeit mehr bestanden, auf Tierhaltung zu verzichten. Da das Angebot an Lebensmitteln, die auf der Grundlage von Seitan, Tofu oder Süßwasseralgen hergestellt wurden, jedoch ebenso vielfältig wie schmackhaft war, wäre das Töten von Tieren niemandem mehr zu vermitteln gewesen; schon gar nicht, wenn dieses Opfer einzig das Ziel verfolgte, den Geschmacksinn zu kitzeln. Tristan jedenfalls hatte schon Schwierigkeiten, die entsprechenden Bilder in seinen Kopf zu lassen. Auch wenn er die grausamen Szenen, die sich in der Zeit des Barbarismus in den Schlachthof genannten Verwertungsanstalten abgespielt hatten, aus den Lessons zur Genüge kannte. Und damit war er nicht allein. Jeder, wirklich jeder seiner Mitverschmutzer hätte den Mord an einem anderen Geschöpf als ebenso skrupellos wie absurd empfunden, völlig egal, wie artgerecht dieses Lebewesen vorher gehalten worden sein mochte.

Tristan liebte die Arbeit in den Gewächshäusern, das Pflegen der Kräuter- und Gemüsebeete und die Kontrolle der Algentanks. Viele dieser Tätigkeiten hätten zweifellos computergestützt erledigt werden können. Aber es war nun mal die Auffassung des Komitees Der Allgemeinen Einsicht, dass alle alles können sollten (abgesehen von wenigen Spezialisierungen, etwa im Bereich Medizin), dass alle mit allem, was dem Erhalt der Gemeinschaft diente, in Kontakt kamen. Und bei Tristan verfing diese Idee, ganz besonders, wenn er sich körperlich betätigen, wenn er sich im wahrsten Sinne des Wortes die Hände schmutzig machen durfte. Er versank dann nahezu vollständig im Hier und Jetzt. Und selbst heute gelang es ihm, das Gedankenkarussell weitestgehend abzustellen. Nicht zuletzt, da sich die Gespräche mit Smirek, der von Haus aus kein großer Redner war, auf das Notwendigste beschränkten.

Als dann aber die Lautsprecherstimme mit den gewohnten Worten Selfcare is healthcare. Genießt eure Pause, liebe Mitverschmutzer! die Mittagszeit ausrief, war die Anspannung sofort wieder da.

Sie kochten immer gemeinsam, wobei die Aufgaben im steten Wechsel verteilt wurden. Wer gestern am Herd gestanden hatte, zerkleinerte heute Gemüse und deckte morgen den Tisch. Denn auch hier galt das Prinzip uneingeschränkter Ganzheitlichkeit, regierte das Wissen, dass nur durch das Eintauchen in möglichst viele Mikroprozesse die Gesamtheit des Daseins zu begreifen war. Auch das KDAE lebte so, zumindest, wenn man den entsprechenden Verlautbarungen Glauben schenken wollte. (Und was hätte Tristan Anlass zum Zweifeln geben sollen?) So war es zum Beispiel nicht ungewöhnlich, dass die Mitglieder des Komitees nach einer kräftezehrenden Sitzung noch gemeinsam die sanitären Anlagen säuberten.

Heute oblag Tristan zum Glück nicht mehr als das Verarbeiten von Karotten und Lauch. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn er sich mit so anspruchsvollen Dingen wie dem Würzen von Speisen hätte beschäftigen müssen. Er hatte auch so schon Mühe genug, sich zu konzentrieren. Vor allem die Gespräche machten ihm zu schaffen. Da der Alljährliche Tag Der Verbundenheit bevorstand, drehte sich naturgemäß vieles um die Vorbereitungen, schwirrten die aufgeregten Stimmen durch den Raum wie ein Schwarm Hornissen, deren Nest ein Orkan vom Baum geweht und unsanft auf dem Boden hatte landen lassen.

„Ich bin schon so wahnsinnig gespannt auf die Arbeitsgruppe, die ich leiten werde. Ist ja das erste Mal überhaupt, dass ich das machen darf“, sprudelte es aus Eleni heraus.

„Was war noch mal das Thema?“, wollte Meridian wissen.

„Die Verwertungslogik der Paarbeziehung und was wir heute daraus lernen können“, kam es beflissen zurück.

„Ach ja, stimmt. Das ist wirklich spannend. Unvorstellbar eigentlich, dass die meisten Menschen damals genau dieses Modell gelebt haben.“ Für einen kurzen Moment nahm Meridian Elenis Ohrläppchen zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand. Eine Geste, die sich schon vor Jahren durchgesetzt hatte, da sie Wohlwollen auf einer körperlichen Ebene auszudrücken vermochte, ohne dabei als sexuell aufgeladen empfunden zu werden.

Pixel mischte sich ein: „Witzig. Ich habe genau dazu vor zwei Tagen ein kleines Poem verfasst. Wollt ihr mal hören?“

Die Umstehenden bejahten begeistert.

Pixel ließ sich nicht weiter bitten und begann mit dünner, aber fester Stimme zu intonieren: „Du zählst Verschmutzer zu deinem Besitz? Was für ein Witz. Hast du je versucht, einen Atemzug zu behalten? Ist es dir auch nur einmal gelungen, den Sonnenlauf zu verwalten? …“

Dass irgendwer spontan mit Selbstgeschriebenem oder Selbstkomponiertem aufwartete, war nichts Ungewöhnliches. Alle waren angehalten, sich in jeder nur erdenklichen Kunstform zu erproben, und hatten dafür auch ausreichend Zeit zur Verfügung. Und wer keine Lust verspürte, ohne Vorankündigung zu performen, erhielt einmal im Monat während der sogenannten Spam-Sessions die Gelegenheit, seine Darbietung einem engeren Rahmen unterzuordnen.

Tristans Genuss an dem, was ihm da regelmäßig zu Gehör gebracht wurde, hielt sich in Grenzen. Was vor allem damit zu tun hatte, dass jedem jede Gattung offenstand, ganz egal, ob er Talent hatte oder nicht. Aber Talent war eben auch nur ein überkommener Wertmaßstab, der keine Rolle mehr spielen durfte. Selbst seine eigenen Sachen, zumeist Gedichte oder Kurzgeschichten, erschienen Tristan durchgehend dürftig. Das zuzugeben war allerdings gänzlich unmöglich. Denn nach den Maßstäben des KDAE war jeder ein Künstler und jede künstlerische Regung von einzigartiger Schönheit.

Pixel war mittlerweile zum Ende gekommen, also legte Tristan das Messer beiseite, um gemeinsam mit den anderen Applaus zu spenden. Dabei wanderte sein Blick kurz durch den Raum. Die Küche war, wie auch der Rest der Einrichtung, auf alle Bedürfnisse der Seele abgestimmt, ohne dabei auf Funktionalität zu verzichten. Die Wände waren in Pastellfarben gestrichen, die Möbel weitestgehend naturbelassen, die Fenster hoch und breit. Wo immer möglich, erfreuten Pflanzen das Auge. Es gab mit Kissen und Decken ausgestattete Wohlfühlinseln, es gab Ecken zum kreativen Erproben und Bereiche zum Spielen. Und neben alldem fand sich immer noch ausreichend Platz für die erhebenden Slogans des Komitees. Nachhaltigkeit ist die Zärtlichkeit der Arten war so eine Botschaft (noch dazu eine, die gut in die Küche passte), aber natürlich war auch das vielzitierte Einsicht ist die Aussicht auf Weitsicht zu finden.

Als das Essen auf dem Tisch stand, gewann die Unterhaltung noch einmal an Fahrt. Und entgegen seiner Hoffnung ließ es sich nicht vermeiden, dass auch Tristan darin verwickelt wurde. Was er diesmal für den ATDV vorbereitet habe, wurde er gefragt. Ob er im letzten Jahr Erfahrungen gesammelt hätte, die er sich in diesem zunutze machen könne. Und Ähnliches. Er versuchte, all das ausführlich zu beantworten, ohne es dabei an der nötigen Munterkeit missen zu lassen. Trotzdem beobachtete er an sich immer wieder kurze Momente der Zerfahrenheit. Ob das den anderen ebenfalls auffiel?

Falls ja, ließen sie es sich jedenfalls nicht anmerken. Und das war sein Glück. Tristan hatte schon genug damit zu tun, seinen Rote-Bete-Salat herunterzubekommen (die Hüterin hatte ihm für heute die Aufnahme von Kalzium, Eisen und Folsäure empfohlen). Wenn er jetzt auch noch Auskunft über seinen Gemütszustand hätte geben müssen, wäre er wohl an seine Grenzen gestoßen.

Als endlich abgeräumt und abgewaschen war, atmete Tristan innerlich auf. Nun stand die Sprießzeit an, also drei Stunden, die er ganz mit sich allein verbringen durfte. Er suchte sich eine Keimkapsel und legte die rechte Hand auf das Feld neben dem Kleinen Schirm. Nur einen Wimpernschlag später begrüßte ihn Dr. Smooth, eine künstliche Figur, die dem interaktiven Programm Gesicht und Stimme verlieh.

„Wollen wir dort weitermachen, wo wir gestern aufgehört haben?“, fragte Dr. Smooth in der ihm eigenen sanftmütigen Art.

Tristan bejahte. Zwar zeigte er sich auch während der nun folgenden Übungen ungewohnt unkonzentriert, aber hier spielte das keine so große Rolle. Mehr als einmal sah er sich genötigt, Aufgaben zu wiederholen. Aber das war es dann auch schon. Fragen zu seinem Seelenleben stellte Dr. Smooth keine. Darauf war er nicht programmiert.

Nach der Sprießzeit war RdG an der Reihe. RdG stand für Resilienz durch Glückseligkeit und wäre im Barbarismus wohl unter den Begriff Freizeitvergnügen gefallen. Genauso wie in der Frage, was zum Mittag gekocht wurde, hatte die Colonia auch hier gemeinsam über das heutige Angebot entschieden und dabei darauf geachtet, dass möglichst viele Bedürfnisse und Wünsche abgedeckt wurden.

An diesem Nachmittag standen Colourball, Fluten und White Chess auf dem Programm. Tristan hatte Letzteres gewählt. Wie schon der Name verriet, handelte es sich dabei um ein klassisches Schachspiel – mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass es keine schwarzen Figuren mehr gab. Beide Könige waren weiß, beide Damen waren weiß und so weiter und so fort. Jeder Mitspieler konnte demgemäß jede Figur bewegen, und wenn er eine andere Figur schlug, dann nicht deshalb, um einen Gegner zu bekämpfen, sondern, um Platz auf dem Brett zu schaffen. Denn das war das Ziel: in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Figuren zu entfernen.

Es gab ohnehin keinerlei Aktivitäten mehr, bei denen es ums Siegen ging, also darum, über andere zu triumphieren. Natürlich sollten Spiel und Sport nach wie vor Körper und Geist trainieren, für Spaß und Entspannung sorgen, am allerwichtigsten aber war das Gefühl echter Gemeinsamkeit, war die stetig aufs Neue zu erlangende Erkenntnis, dass es kein die und kein wir mehr gab. Der Feind war nicht irgendein Gegenüber, noch dazu ein willkürliches, das nur deshalb niedergerungen werden wollte, weil es eine andere Trikotfarbe trug. Nein, der Feind war die dem Menschen innewohnende Neigung, sich über andere zu erheben. Hier immer wieder anzusetzen, war der Schlüssel, den es brauchte, um den Fortbestand der Arten zu sichern. Slogans wie Auch Wettkampf ist Kampf oder Miteinander geht nicht gegeneinander erinnerten tagtäglich daran.

Natürlich gab es durchaus Spiele, die wesentlich komplexer waren als White Chess. In seiner momentanen Verfassung kam Tristan genau diese rudimentäre Form allerdings entgegen. Hier fiel es deutlich weniger auf, wenn einer der Beteiligten nicht mit vollster Konzentration bei der Sache war (was nicht heißen soll, dass diese Variante rein impulsiv ausgefochten werden wollte). Und so er sich doch mal in einer Gedankenschleife verlor, konnte sich Tristan darauf verlassen, dass ihn die anderen mit guten Ratschlägen versorgten. Denn das Gespräch unter den Spielern (deren Anzahl beim White Chess keinerlei Beschränkung unterlag) war nicht nur nicht verboten, sondern ausdrücklich erwünscht.

Heute hatte Tristan Sativa, Kosmos und Jan an seiner Seite. Letzterer hatte sich ihm mit den Worten lass uns die Sache gar nicht erst auf die lange Bank schieben