Verlag: Books on Demand Kategorie: Religion und Spiritualität Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung Cur Deus Homo oder Weshalb Gott Mensch wurde - Anselm von Canterbury

In seinem vortrefflichen Werk Cur Deus Homo zeigt Anselm von Canterbury in Form eines Dialoges mit seinem Lieblingsschüler und Nachfolger Boso, wie es zwingend notwendig war, daß Gott zur Erlösung der Menschheit ebenfalls Mensch werden mußte. - Ein Klassiker der mittelalterlichen Scholastik.

Meinungen über das E-Book Cur Deus Homo oder Weshalb Gott Mensch wurde - Anselm von Canterbury

E-Book-Leseprobe Cur Deus Homo oder Weshalb Gott Mensch wurde - Anselm von Canterbury

Zu dieser Ausgabe.

Der Text dieses Buches folgt der Ausgabe:

Des h. Anselm von Canterbury zwei Bücher Cur Deus homo oder Warum ein Gott-Mensch. Übers. v. B. Schirlitz, Quedlinburg 1861.

Der Text wurde in die traditionelle deutsche Rechtschreibung übertragen, und zum

besseren Verständnis für den heutigen Leser sprachlich bearbeitet. Zur Originalvorlage

gehörige, jedoch überflüssig erscheinende Fußnoten wurden gelöscht.

Schätze der christlichen Literatur

Band 11

Vorrede.

ALS in der zweiten Hälfte des elften Jahrhunderts das kirchliche Leben einen frischen, kräftigen Aufschwung nahm, goß es seinen Inhalt zugleich in eine neue wissenschaftliche Form. Es entwickelte sich durch Vermittlung mit der Philosophie und Dialektik des Plato und Aristoteles im Dienst der Kirche die Scholastik, welche sich die Spekulation über das Dogma zur Aufgabe stellte. Den Klosterschulen, deren Vorsteher und Lehrer Scholastici hießen, verdankt sie ihre Entstehung und ihren Namen. Unter der Voraussetzung, daß die Kirchenlehre unbedingt wahr sei, ist die Scholastik bestrebt, dieselbe denkend zu begreifen und vor der Vernunft als notwendig zu rechtfertigen, nach dem Grundsatze des Augustinus: „der Glaube geht der Erkenntnis voran.“ Wenn die Scholastik in dem späteren geschichtlichen Verlauf ihre geistige Riesenkraft oftmals über dem Kleinlichen zersplitterte, so behauptete sie in der ersten Periode ihrer Entwickelung (vom Ende des 11. bis Anfang des 13. Jahrhunderts) einen wahrhaft spekulativen, in den christlichen Glaubensgehalt tief eindringenden Charakter. Dieser Charakter ward ihr aufgeprägt von dem heiligen Anselm, dem Ersten unter den Scholastikern der Zeit und Würde nach.

Anselm wurde zu Aosta in Piemont im Jahre 1033 geboren. Seine fromme Mutter Ermenberga gab durch Erziehung dem Herzen ihres Kindes eine christliche Richtung und die Neigung zum Mönchsleben. Aber der weltlich gesinnte Vater wehrte dieser Neigung, ließ den heranwachsenden Jüngling nach dem Tode der Mutter verwildern und trieb ihn durch Haß und unwürdige Behandlung aus dem väterlichen Haus. Der Vertriebene schweifte drei Jahre lang in Frankreich umher, bis Gott es fügte, daß er zum Glück unter die Zucht des um seiner Gelehrsamkeit und Heiligkeit willen hochgepriesenen Lanfrank in das Kloster Bec in der Normandie kam, wo er, am Geist und Herzen neu geboren, den Grund für seine kirchlich-theologische Bedeutsamkeit legte. Aus der Schule in den Orden aufgenommen, wurde er wenige Jahre nachher zum Prior und 1078 schließlich zum Abt des Klosters ernannt. Unverdrossen übte er alle mit diesem wichtigen Dienst verbundenen Pflichten aus, ebenso treu im Kleinsten, wie im Größten, in den vielen niedrigen und unfruchtbaren Geschäften, welche sein Vorsteheramt im Kloster mit sich brachte, wie in den unmittelbar geistlichen Funktionen. Mit seiner Berufung nach England als Erzbischof von Canterbury im Jahre 1093 übernahm er eine höhere Würde und ein reicheres Arbeitsfeld, aber zugleich auch ein volleres Maß Leiden. Denn sein kraftvolles Auftreten für die Unabhängigkeit der Kirche nach den Grundsätzen Hildebrands gegen die maßlosen Übergriffe der Könige Wilhelm II. und Heinrich I. zog ihm schwere Kämpfe und eine zweimalige Verbannung zu. Drei Jahre nach seiner Rückkehr aus dem zweiten Exil starb er 1109.

An der Geistesrichtung Anselms haben wir besonders das Harmonische hervorzuheben. Gefühl und Erkennen, das mystische und dialektische, das kontemplative und praktische Element vereinigte sich in seiner Persönlichkeit. Zwischen Leben und Wissenschaft, Denken und Handeln fand bei ihm kein Unterschied statt: die christliche Liebe und Demut verknüpfte die mannigfaltigen Richtungen des geistigen Lebens, die sich in anderen mehr sondern, oder auch ausschließen und in Gegensatz zueinander treten, in ihm zu unlösbarer Einheit. Von einem so harmonischen Geist, als welcher uns Anselm erscheint, werden wir nicht erwarten dürfen, daß seine Spekulation über den Glaubensinhalt durch den Widerspruch des natürlichen Bewußtseins gegen die göttliche Wahrheit angeregt worden sei. Die innere Erfahrung, der Beweis des Geistes und der Kraft in seinem Herzen gab ihm ein solches Zeugnis von der Realität des Geglaubten, welches auch unabhängig von Gründen der Vernunft und vor aller begrifflichen Erkenntnis feststand. Wenn aber sein gläubiges Herz mit dieser unmittelbaren Gewißheit allein schon vollkommen zufriedengestellt war, so wollte doch auch der ihm eigene Spekulationsdrang und Forschungstrieb den gebührenden Anteil haben. „Wie es in der Ordnung ist“, sagt er, „daß wir die tiefen Geheimnisse des christlichen Glaubens durch den Glauben uns aneignen, ehe wir eine Auseinandersetzung derselben mit der Vernunft vornehmen; so scheint es mir Nachlässigkeit, wenn wir nach erlangter Standhaftigkeit im Glauben keinen Trieb fühlen, das Geglaubte einzusehen.“ Diesem Grundsatz zufolge hatte er das Bedürfnis und Streben nach rationeller Bestimmung und Begründung dessen, was ihm an sich das gewisseste war, zugleich mit dem Gefühl, vor jeglicher Abirrung davon sicher zu sein. Es ist derselbe Grundsatz, welchen er schärfer und bestimmter in den berühmten Worten ausdrückt: „Ich suche nicht zu erkennen, um zu glauben, sondern ich glaube, um zu erkennen. Denn auch dieses glaube ich, daß ich ohne vorhergehenden Glauben nicht erkennen würde“; der obengenannte Grundsatz: „Der Glaube geht dem Erkennen voran“, welchen er zwar dem Wortlaut nach von Augustin entliehen, aber mit schöpferischer Selbständigkeit auf sein eigenes wissenschaftliches System angewandt, in die mittelalterliche Theologie eingeführt und für alle Zeiten zur Grundlage der christlichen Glaubenslehre erhoben hat.

Zur genaueren Einsicht in den Sinn des ebengenannten Satzes erinnern wir uns an die obige Bemerkung, daß der durch die Kirche überlieferte Glaube von der Scholastik als unbedingt wahr anerkannt wurde. So deckte sich auch bei Anselm sein subjektiver Glaube mit dem durch die Kirche gegebenen Glauben, das Christliche mit dem Kirchlichen und Katholischen. Diesen Glauben nun erstens rein und unabhängig von der Willkür der Spekulation zu erhalten und zweitens seine Übereinstimmung mit der göttlich erleuchteten Vernunft darzulegen, war das Ziel der Anselm’schen Theologie, welches in dem erwähnten grundlegenden Satz ausgedrückt ist. Durch ihn wurden seine Forschungen in der heiligen Schrift und Augustinus geleitet, ihn machte er gegen alle destruktive, Glauben und Denken auseinanderreißende Dialektik geltend. Die philosophische Richtung, welche er als Realist im platonischen Sinn verfolgte, überzeugte ihn in Verbindung mit seiner theologischen Anschauung, daß die Begriffe und Ideen des nach Gott gebildeten Menschengeistes ihren Urbildern in der göttlichen Vernunft nicht widersprechen könnten, daß also auch die geoffenbarten Glaubenswahrheiten für das menschliche Denken Realität und Notwendigkeit haben müßten. „Der höchste Geist ist das Licht, aus welchem alle Wahrheit, die dem endlichen Geiste leuchtet, ausstrahlt. Ohne Gott keine Wahrheit; die Wahrheit im Denken setzt die Wahrheit des Seins voraus.“ Aus dem so dargelegten Verhältnis des menschlichen Geistes zum göttlichen Geist hat Anselm die Lehre von Gott abgeleitet und in dem Monologium und Proslogium spekulativ entwickelt.

Die unbedingt höchste, sowohl wissenschaftliche als auch kirchliche Bedeutung unter allen Schriften Anselms hat sein Werk Cur Deus Homo erlangt. Sein Inhalt ist die christliche Versöhnungslehre in einer Ausbildung welche für die ganze nachfolgende Zeit in der Kirche gültig blieb und bis jetzt dem Wesen nach weder berichtigt, noch gefördert worden ist. Anselm war der erste, der die Menschwerdung Gottes und den Tod des Gottmenschen zur Versöhnung des gefallenen Menschengeschlechtes als notwendig nachwies, auf eine tiefere Auffassung des Begriffs der Sünde, der Strafe und der göttlichen Gerechtigkeit sich gründend. Was die Kirchenlehrer vor ihm über diesen Mittelpunkt der Heilslehre gesagt hatten, nahm er mit demütiger Beugung unter die Autorität der kirchlichen Überlieferung und mit hingebender Liebe auf, um sich zu weiteren Forschungen dadurch anregen zu lassen. Alle seine Vorgänger erklärten sich darin einverstanden, daß mit dem Opfertod Christi eine genugtuende und versöhnende Anstalt für die Menschheit von Gott getroffen sei. Doch die wesentlichen Gründe der Menschwerdung und des Leidens Christi und die Art, wie hieraus die menschliche Erlösung folgt, waren noch nicht mit hinreichender Schärfe und sachgemäßer Tiefe untersucht worden. Dem denkenden Bewußtsein Anselms genügte es nicht, bei dem unmittelbaren Gedanken stehenzubleiben, daß die geschichtliche Erlösungstat mit der Gottesidee und dem Bedürfnis des Menschen harmoniere; er suchte jener Harmonie auf den Grund zu kommen, den vernünftigen Unterbau für ihre Wahrheit aufzuzeigen, die in Gott selbst gegründete Notwendigkeit einer Erniedrigung von solcher Tiefe. Die damals herrschende Auffassung, welche die Erlösung für einen Rechtshandel Gottes mit dem Satan nahm, hielt er wegen ihrer offenbaren Schwächen für keinen befriedigenden Erklärungsversuch, sondern fand sie eher bedenklich. Indem nämlich das Irrtümliche an dieser Auffassungsweise dem Scharfblick der Ungläubigen nicht entging, benutzten sie die gegebene Blöße, um so ihre Angriffe gegen die ganze Genugtuungslehre zu richten. Wenn nun die Gläubigen – was sehr häufig geschah, da die Genugtuungslehre damals gerade ein vielbesprochener Gegenstand bei Gelehrten und Ungelehrten, Theologen und Laien war – in Disputationen über die Erlösung mit ihnen verwickelt wurden, mußten sie ihren Gegnern das Feld räumen, so lange es ihnen nicht gelang, die Notwendigkeit der Menschwerdung und den inneren Zusammenhang zwischen dem Leiden Christi und der Seligkeit der Welt nachzuweisen. Manche trugen aus derartigen Kämpfen den quälenden Zweifel nach Hause, ob Gott nicht ebensogut durch eine andere Person, einen Engel oder Menschen, oder durch seinen bloßen Willen die Menschen habe erlösen können. Solcher angefochtenen Gemüter gab es viele unter den Mönchen im Kloster zu Bec. Von ihnen war Anselm gebeten worden, ihnen die Notwendigkeit der Menschwerdung und des Versöhnungstodes Christi darzutun. So kam zu dem inneren Trieb bei ihm die Anregung von außen, und beides zusammen bestimmte ihn, den hohen Gegenstand erst mündlich mit seinen Mönchen zu besprechen, dann die Ergebnisse seiner Besprechung niederzuschreiben. Auf diese Weise ist die Schrift Cur Deus Homo entstanden; unter mannigfachen Anfechtungen von dem Verfasser in England angefangen, und in dem italienischen Exil vollendet. Über Namen und Einteilung erklärt sich die Vorrede, über die Wahl der Gesprächsform im ersten Buch das erste Kapitel am Ende.

Zum Schluß lassen wir die tiefe Demut des großen Denkers selber den Leser seines Buches anreden: „Ich will den Versuch machen, nach meinem Vermögen das, was du suchest, nicht sowohl zu zeigen, als mit dir zu suchen; aber nur mit der Bedingung, daß du alle meine Aussagen, wenn sie nicht ein höheres Ansehen bestätigt, obschon ich dieselben mit der Vernunft zu beweisen scheine, mit keiner anderen Gewißheit annimmst, als daß es mir inzwischen so vorkommt; bis Gott irgendwie etwas besseres offenbart. Kann ich nun deinem Forschungstrieb einigermaßen genügen, so wird es dir doch immer gewiß bleiben müssen, daß ein Weiserer als ich dieses vollkommener tun kann; ja, du mußt wissen, daß bei allem, was ein Mensch davon wissen oder sagen kann, immer noch tiefere Gründe eines so großen Gegenstandes verborgen liegen.“

Vorrede des heiligen Anselm.

DAS nachfolgende Werk bin ich um einiger Leute willen, welche, ehe es fertig und gründlich geprüft war, die ersten Teile desselben ohne mein Wissen für sich abschrieben, eiliger als es mir gelegen war, und deshalb kürzer als ich wünschte, nach Möglichkeit zusammenzudrängen gezwungen worden. Denn mehreres, was ich verschwiegen habe, hätte ich eingefügt und dazugesetzt, wenn es mir gestattet gewesen wäre, in der Ruhe und dem entsprechenden Zeitmaß jenes zu schaffen. Denn unter großer Herzensnot – woher und warum ich diese gelitten habe, weiß Gott – habe ich es auf Bitten in England begonnen und in der Capuanischen Provinz1 als ein Verbannter beendet. Nach dem Stoff, von dem es handelt, habe ich es „Weshalb Gott Mensch wurde“2 genannt und in zwei Bücher eingeteilt. Das erste von diesen enthält die Einwürfe der Ungläubigen, welche den christlichen Glauben verschmähen, weil sie ihm im Widerstreit mit der Vernunft meinen, und die Antworten der Gläubigen; und beweist schließlich, indem es Christus der Betrachtung fernhält, als ob es niemals etwas von ihm gegeben hätte, mit zwingenden Gründen, wie unmöglich es sei, daß irgendein Mensch ohne ihn selig werde. Im zweiten Buch aber wird, unter derselben Voraussetzung, als wüßte man nichts von Christus, mit nicht weniger einleuchtenden Vernunftschlüssen und Wahrheitsgründen gezeigt, daß die menschliche Natur darauf angelegt ist, dereinst den ganzen Menschen, d. h. den Menschen nach Leib und Seele, zum Genuß der seligen Unsterblichkeit zu führen. So müsse notwendig aus dem Menschen das werden, um dessen willen er geschaffen ist, aber nur durch den Gottmenschen, und infolge jener Notwendigkeit müsse alles, was wir von Christus glauben, tatsächlich sein. Diese kleine Vorrede mit den Kapiteln der ganzen Schrift mögen alle, die das vorliegende Buch abschreiben wollen, auf mein Verlangen vor seinen Anfang setzen; damit ein jeder, in dessen Hände es kommt, ihm gewissermaßen am Gesicht ansieht, ob sich am ganzen Leib etwas befindet, worüber er nicht hinwegsehen darf.

1 Kampanien in Unteritalien. Anselm hielt sich während seiner ersten Verbannung aus England (1097-1100) eine Zeitlang bei seinem Freund Johannes, dem Abt des Salvatorklosters bei Telesino, auf einem Gut dieses Klosters, namens Sclavia, auf, ca. 40 Kilometer östlich von Capua.

2 Lat.: Cur Deus Homo.

Übersichtlicher Inhalt der einzelnen Kapitel.

Erstes Buch.

1. Die Frage, von der das ganze Buch abhängt.

2. Wie jeglicher Ausspruch zu nehmen ist.

3. Die Einwürfe der Ungläubigen und die Antworten der Gläubigen.

4. Daß diese Antworten den Ungläubigen des notwendigen Grundes zu entbehren scheinen und ihnen wie Bilder vorkommen.

5. Daß die Erlösung des Menschen durch eine andere als göttliche Person nicht wohl geschehen konnte.

6. Von dem tadelnden Angriff der Ungläubigen auf unsere Behauptung: Gott habe durch seinen Tod uns erlöst und so seine Liebe gegen uns gezeigt, und sei gekommen, für uns den Teufel zu überwinden.

7. Daß der Teufel kein Recht hatte dem Menschen gegenüber, weshalb er ein solches aber gehabt zu haben scheint und warum Gott auf diese Weise den Menschen befreit.

8. Wie unangemessen es den Ungläubigen scheint, daß die niedrigen Prädikate, die wir von Christus gebrauchen, obgleich sich dieselben nicht auf seine Gottheit beziehen, doch nach seiner Menschheit über ihn ausgesagt werden und weshalb sie sich nicht in den Gedanken finden wollen, daß er als Mensch freiwillig gestorben ist.

9. Daß er freiwillig gestorben ist, und was die Stellen zu bedeuten haben: Er ward gehorsam bis zum Tode – darum hat ihn Gott erhöht – ich bin nicht gekommen, meinen Willen zu tun – er hat seines eigenen Sohnes nicht verschont – nicht wie ich will, sondern wie du willst.

10. Wie man die vorerwähnten Stellen noch auf andere Weise richtig verstehen kann.

11. Was heißt Sündigen und für die Sünde genugtun?

12. Ob Gott aus bloßem Erbarmen ohne alle Bezahlung die Sünden erlassen darf.

13. Daß es nichts Unerträglicheres gibt in der Ordnung der Dinge, als daß die Kreatur dem Schöpfer die schuldige Ehre entzieht und nicht bezahlt, was sie entzieht.

14. Was für eine Ehre Gottes die Strafe des Sünders ist?

15. Ob Gott auch nur die geringste Verletzung seiner Ehre duldet.

16. Grund und Ursache, warum die Zahl der gefallenen Engel durch die Menschen ersetzt werden muß.

17. Daß andere Engel an die Stelle jener nicht treten können.

18. Ob es mehr heilige Menschen geben wird, als böse Engel sind.

19. Daß der Mensch nicht selig werden kann ohne eine Genugtuung für die Sünde.

20. Daß die Genugtuung nach dem Maß der Sünde sich richten muß und der Mensch sie nicht durch sich selbst leisten kann.

21. Von wie großem Gewicht die Sünde ist.

22. Welchen Schimpf der Mensch Gott angetan hat, als er sich vom Teufel hat überwinden lassen, und daß er für diesen Schimpf gar keine Genugtuung zu leisten vermag.

23. Was er Gott, als er sündigte, genommen, ohne es wieder erstatten zu können.

24. Daß der Mensch, so lange er Gott nicht gibt, was er schuldig ist, nicht selig sein kann und sein Unvermögen keine Entschuldigung findet.

25. Daß der Mensch notwendigerweise durch Christus selig wird.

Zweites Buch.

1. Daß der Mensch von Gott gerecht geschaffen ist, damit er durch die Freude an Gott selig wäre.

2. Daß der Mensch nicht sterben würde, wenn er nicht gesündigt hätte.

3. Daß der Mensch mit dem Leib, in welchem er im diesseitigen Leben lebt, auferstehen wird.

4. Daß Gott an dem menschlichen Wesen vollenden wird, was er angefangen hat.

5. Obgleich dies notwendig geschehen muß, wird Gott es doch nicht aus Zwang der Notwendigkeit tun; ferner was für eine Notwendigkeit den Dank wegnimmt oder vermindert, und was für eine Notwendigkeit ihn vermehrt.

6. Daß die Genugtuung, durch welche der Mensch selig wird, nur der Gottmensch leisten kann.

7. Die Notwendigkeit, daß ebenderselbe Gottmensch vollkommener Gott und vollkommener Mensch zugleich sei.

8. Daß Gott den Menschen aus dem Geschlecht Adams und von einer Jungfrau annehmen muß.

9. Daß allein das Wort und der Mensch zu einer Person zusammengehen müssen.

10. Daß ebenderselbe Mensch nicht aus Schuld stirbt, und wie es ihm möglich oder unmöglich ist, zu sündigen, und warum er oder ein Engel wegen seiner Gerechtigkeit gelobt werden muß, obgleich ihnen die Sünde eine Unmöglichkeit ist.

11. Daß der Gottmensch aus seiner eigenen Macht stirbt und daß die Sterblichkeit nicht zur reinen Natur des Menschen gehört.

12. Daß der Gottmensch, obgleich unserer Schäden teilhaftig, doch nicht unselig ist.

13. Daß der Gottmensch bei unseren übrigen Schwächen die Unwissenheit nicht hat.

14. Wie sein Tod die Zahl und Größe aller Sünden überwiege.

15. Wie ebendieser Tod des Gottmenschen auch die Sünden seiner Mörder tilgt.

16. a. Wie Gott aus der sündigen Masse einen sündlosen Menschen angenommen hat und über die Erlösung Adams und Evas.

16. b. Wie der nicht mit Notwendigkeit gestorben ist, der nur sein konnte, weil er sterben sollte.

17. Daß bei Gott keine Notwendigkeit oder Unmöglichkeit ist, und was man unter einer zwingenden Notwendigkeit und einer nicht zwingenden Notwendigkeit zu verstehen hat.

18. Wie das Leben Christi Gott für die Sünden der Menschen gezahlt wird, und wie Christus leiden mußte und nicht mußte.

19. Wie aus seinem Tode die menschliche Erlösung folgt.

20. Wie groß und wie gerecht die Barmherzigkeit Gottes ist.

21. Daß die Versöhnung des Teufels unmöglich ist.

22. Daß in dem Gesagten der Beweis liegt für die Wahrheit des Alten und Neuen Testamentes.

Cur Deus Homo

oder

Weshalb Gott Mensch wurde.

Erstes Buch.

1. Kapitel.

Die Frage, von der das ganze Werk abhängt.

ICH bin oftmals sehr angelegentlich von vielen auf mündlichem wie brieflichem Wege angegangen worden, die Gründe einer Frage über unseren Glauben, mit denen ich den Fragenden zu antworten pflege, durch schriftliche Aufzeichnung dem Gedächtnis zu überliefern; denn sie behaupten, daß sie mit denselben einverstanden wären und halten sie für genügend. Diese Bitte tun sie nicht in der Absicht, um durch die Vernunft zum Glauben zu kommen, sondern um sich an dem Verständnis und der Betrachtung dessen, was sie glauben, zu ergötzen und, soweit sie es können, allezeit bereit zu sein zur Verantwortung jedermann, der Grund fordert der Hoffnung, die in uns ist.3 Es handelt sich nämlich um die Frage, welche die Ungläubigen, wenn sie die christliche Einfalt zum Narren haben, uns gewöhnlich entgegenhalten und viele Gläubige in ihren Herzen bewegen: Aus welchem Beweggrund oder mit welcher Notwendigkeit Gott Mensch geworden sei und durch seinen Tod, wie wir glauben und bekennen, der Welt das Leben gegeben habe (da er dies doch entweder durch eine andere Person, sei es nun die eines Engels, sei es die eines Menschen, oder durch seinen bloßen Willen hätte vollbringen können). Über diese Frage wünschen nicht allein die Gelehrten, sondern auch viele Ungelehrte Aufschluß und Rechenschaft zu haben. Weil also viele auf die Behandlung derselben dringen und trotz der anscheinend großen Schwierigkeit, die, während sie getan wird, an ihr haftet, jene Frage bei der Auflösung selbst für alle begreiflich und um ihres Nutzens, wie um des schönen Eindruckes willen, welchen eine wissenschaftliche Erörterung macht, auch anziehend ist; so werde ich, wenngleich schon seit den Zeiten der heiligen Väter Hinreichendes darüber gesagt ist, dennoch bemüht sein, das, was mir Gott aus huldreicher Liebe zu schauen gibt, den mich darum Angehenden zu zeigen. Und weil endlich das, was durch Frage und Antwort aufgefunden wird, vielen Köpfen, am meisten solchen, die etwas träge sind, deutlicher wird und deshalb mehr zusagt, so will ich von denen, die dies begehren, einen, welcher vor den übrigen besonders eindringlich mich dazu auffordert, in der Unterredung mit mir annehmen, so daß Boso4 fragt und Anselm antwortet, in der Weise wie folgt.

2. Kapitel.

Wie jeder Ausspruch zu nehmen ist.

Boso: Wie die richtige Ordnung verlangt, daß wir die Tiefen des christlichen Glaubens glauben, bevor wir unternehmen sie vernünftig zu erörtern; so scheint es mir Nachlässigkeit, wenn wir, nachdem wir im Glauben befestigt sind, keinen Fleiß anwenden, das Geglaubte einzusehen. Weil ich nun durch die zuvorkommende Gnade Gottes im Glauben an unsere Erlösung mich für so gegründet halte, daß, wenn ich auch mit keiner Vernunft was ich glaube fassen könnte, dennoch nichts mich von jenem festen Grund loszureißen vermöchte, so bitte ich dich, mir zu eröffnen, was, wie du weißt, mehrere mit mir erbitten: mit welcher Notwendigkeit und aus welchem Grund Gott, obgleich er allmächtig ist, die Niedrigkeit und Schwäche der menschlichen Natur zur Erlösung derselben angenommen hat?

Anselm: Deine Frage geht über mein Vermögen hinaus und deshalb befürchte ich, zu Hohes zu behandeln; denn es dürfte vielleicht mancher, wenn er glaubte oder auch sähe, daß ich ihm keine Genüge täte, eher zu der Überzeugung geneigt sein, daß mir die Wahrheit der Sache selbst abgeht, als daß mein Verstand sie zu fassen unzulänglich ist.

Boso: Du darfst nicht so der Befürchtung, wie der Beherzigung Raum geben, daß während der Unterredung über irgendeine Frage oftmals genug Gott das früher Verborgene offenbart, und mußt von der Gnade Gottes hoffen, du werdest, wenn du das, was du umsonst empfangen hast, gern mitteilst, das Höhere, zu dem du dich noch nicht emporgeschwungen hast, zu erlangen gewürdigt werden.

Anselm: Es gibt noch etwas anderes, wegen dessen nach meiner Einsicht entweder kaum oder ganz und gar nicht der vorliegende Gegenstand auf vollständige Weise zwischen uns verhandelt werden kann; denn dazu ist erforderlich die Kenntnis der Macht, der Möglichkeit, der Notwendigkeit, des Willens und noch anderer Bestimmungen, welche sich so verhalten, daß deren keine ohne die anderen erschöpfend betrachtet werden kann. Ebendeshalb beansprucht die Behandlung derselben eine kleine Arbeit für sich, die, wie ich glaube, leicht und nicht ganz ohne Nutzen ist; denn die Unbekanntschaft mit diesen Bestimmungen macht einiges schwierig, was durch die Kenntnis derselben leicht wird.

Boso: So kannst du kurz von diesen Punkten an ihren Orten reden, daß wir für das gegenwärtige Werk den auskömmlichen Stoff erhalten und was mehr zu sagen ist auf eine andere Zeit aufschieben.

Anselm: Auch zieht mich der Umstand sehr von deiner Bitte ab, daß der gewählte Inhalt nicht bloß ein kostbarer ist, sondern insofern er den betrifft, der von Gestalt der Schönste unter den Menschenkindern ist, auch in einer über menschliche Begriffe schönen dialektischen Form vorgetragen sein will. Daher besorge ich, es möchte mich derselbe Vorwurf des Unwillens treffen, womit ich gegen die schlechten Maler zu eifern pflege, so oft ich unseren Herrn in häßlicher Gestalt von ihnen malen sehe, wenn ich einen so schönen Gegenstand in einer unschönen und verächtlichen Redeweise darzustellen mich unterfange.